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Full text of "Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Classe"

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SITZUNGSBERICHTE 


DEB  EAISE&LICHEN 


AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


OREIUNONEUNZIGSTER   BAND. 


WIEN,  1879. 

IN   COMMI8SION   BEI  KARL  GEROLD'S   SOHN 

BDCBHImDLBE  der  KAIS.  ▲KADBMIB  DRB  WISSBHSCHAFTKM. 


SITZUNGSBERICHTE 


DBB 


PflILOSOPHISCH-HISTORISCHEN  CLASSE 


DBB  KAISBBUCHEM 


AKADEMIE   DER  WISSENSCHAFTEN. 


0REIUNDNEUNZIQ8TER  BAND. 


JAHRGANG   1879.  —  HEFT  I— IV. 


WIEN,  1879. 


IN  COMMISSION  BEI  KARL  GEROLD'S  SOHN 

BDCBHiaDLSB  DBB  SAJ8.  ASADBMIB  DBB  WI88BV8CHAFTBK. 


'7f'Mf-  ^-  f 


•—  v^ ö  C  «7 ob  •O       ^!U/7yx^^t/^iy  /^z.^t^(y^4. 


Druck  von  Adolf  HolzhauBen  in  Wien 
k.  k.  UniTenitAta'Bnehdruckarai. 


INHALT. 


Seite 

I.  Sitzungr  vom  8.  JSnner  1879 3 

II.  Sitzangr  vom  15.  JäDner  1879 5 

Wer  Der:  Die  Basler  Bearbeitung  von  Lambrechts  Alexander     .  7 

III.  Sitzung  vom  22.  Jllnner  1879 123 

Pfizmaier:  Ueber  einige  chinesische  Schriftwerke  des  siebenten 

und  achten  Jahrhunderts  n.  Chr 127 

lY.  Sitsang  yom  5.  Februar  1879 209 

y.  Sitxnng  yom  12.  Februar  1879 211 

Stein:  Die  Entwicklung  der  Staatswissenschaft  bei  den  Griechen  213 

Qebauer:  Ueber  die  weichen  a-,  o-  und  ««-Silben  im  Altböhmischen  299 
Petschenig:  Beiträge   sur   Textkritik   der  Scriptores  historiae 

Augustae 356 

VI.  Sitzung  yom  5.  MSrz  1879 421 

Horawitz:  Briefe  des  Claudius  Cantiuncnla  und  Ulrich  Zasius. 

Von  1521—1533 426 

TIL  Sitzung  vom  12.  Mfirz  1879 463 

Till.  Sitzung  vom  19.  Mftrz  1879 465 

Werner:  Die  Psychologie,  firkenntniss-  und  Wissenschaftslehre 

des  Roger  fiaco 467 

IX.  Sitzung  vom  2.  April  1879 579 

Kremer:  Ihn  Chaldun  und  seine  Culturgeschichte  der  islamischen 

Reiche 681 

8 i ekel:  Beiträge  zur  Diplomatik  VII 641 

X.  Sitzung  vom  16.  April  1879 739 


)Ü19I87S 


-vOöSfeöfi^ 


t* 


SITZUNGSBERICHTE 


HEB  KAISKRLIGIIEN 


AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


C 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


XCIII.  BAND.    HEFT  I— II. 


JAHRGANG   1879.    —    JÄNNER,    FEBRUAR. 


,/wiEN,  1879. 


IN    COMMISSION    BEI    KARL    GEROLD'S   SOHN 

BUCIIIIANDLRH  DEK  KAIS.   AKADKMIR  HKK  WIS8RNSCHAKTEN. 

i>€S)@?cr 


?; 
? 


INHALT, 


Seit« 

I.  Mtzung  vom  8.  Jiiiiucr  1879 3 

IL  Sitzong  vom  15.  Jänner  1879 5 

Werner:  Die  Basler  Bearbeitung^  von  Lambrecbts  Alexander  .     .  7 

III.  Sitzung  vom  22.  Jänner  1879 123 

Pfizmaier:  Ueber  einige  chinesiscbe  Schriftwerke  des  siebenten 

und  achten  Jahrhunderts  n.  Chr 127 

IV.  Sitaning  vom  5.  Februar  1879 209 

V.  Sitaning  vom  12.  Februar  1879 211 

Stein:  Die  Entwicklung  der  Staatswissenschaft  bei  den  Griechen  213 

Oebauer:  Ueber  die  weichen  a-,  o-  und  u-Silben  im  Altböhmischen  299 

Petschenig:    Beitrüge    zur   Textkritik    der   Scriptores    historiae 

Augustae 355 


SITZUNGSBERICHTE 


DBR 


KAISERLICHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLA8SE. 


XCIII.  BAND  I.  HEFT. 


JAHRGANG  1879.  —  JÄNNER. 


SlttnttW.  i.  phil.-hfit.  Cl.  XCIII.  Bd.  I.  Hft. 


Ausgegeben  am  14.  Mai  1879 


I.  SITZUNG  VOM  8.  JÄNNER  1879. 


Der  k.  k.  Statthalter  von  Salzburg,  Herr  Graf  Thun, 
übermittelt  einen  Bericht  des  k.  k.  Archivars,  Herrn  Pirk- 
mayer,  über  die  in  den  ietzten  zwei  Jahren  in  und  ausser  dem 
Archive  neu  aufgefundenen  Salzburger  Taidinge. 


Herr  Dr.  Wilhelm  Bacher  in  Budapest  legt  die  Pflicht- 
exemplare seiner  mit  Unterstützung  der  kais.  Akademie  er- 
schienenen Schrift:  ,Sadi's  Aphorismen  und  Sinngedichte*  vor, 
and  übersendet  gleichzeitig  für  die  akademische  Bibliothek  das 
Werk:  ,Die  Agada  der  babylonischen  Amoräer*. 


Herr  Dr.  Alexander  Kohut  in  Fünfkirchen  übersendet 
das  druckfertige  Manuscript  für  den  H.  Band  des  Aruch  von 
R.  Nathan  ben  Jechiel  mit  dem  Ersuchen  um  einen  Druck- 
kostenbeitrag.   

Das  c.  M.  Se.  Excellenz  Herr  J.  A.  Freiherr  von  H eifert 
legt  eine  Abhandlung  vor  unter  dem  Titel:  , Zeugenverhör  über 
Maria  Karolina  von  Oesterreich,  Königin  von  Neapel  und 
Sicilien,  aus  der  Zeit  vor  der  grossen  französischen  Revolution 
(1768—1790)*  und  ersucht  um  Aufnahme  derselben  in  die 
akademischen  Schriften,  beziehungsweise  in  das  Archiv  für 
österreichische  Geschichte. 


Dr.  H.  von  Zwiedineck-Südenhorst,  Privatdocent  an 
der  Universität  zu  Graz,  legt  eine  Abhandlung  vor,  welche 
den  Titel  fuhrt:  ,Die  Obedienz-Gesandtschaften  der  deutschen 
Kaiser  an  den  römischen  Hof  im  16.  und  17.  Jahrhunderte'  und 
bittet  um  Aufnahme  derselben  in  die  akademischen  Schriften. 

1* 


Herr  Dr.  Anton  Kerschbaumer,  Dechant  in  Tuln,  sendet 
eine  Abhandlung  ein,  welche  betitelt  ist:  , Christoph  Royas  von 
Spinola  als  diplomatisch  Bevollmächtigter  des  Kaisers  Leopold  I.; 
1664—1693',  und  ersucht  um  Aufnahme  derselben  in  die  aka- 
demischen Schriften. 

Das  w.  M.  Herr  Hofrath  Franz  Ritter  von  Miklosich  legt 
eine  für  die  Denkschriften  bestimmte  Abhandlung  vor:  ,Uber 
die   langen  Vocale"  in    den  slavischen  Sprachen.'   Erste  Hälfte. 


An  Drueksohriften  wurden  vorgelegt: 

Acad^mie  Royale  de  Belgique:  Compte  rendu  des  seances  de  la  Commission 

royale    d'histoire    ou    Recneil    de    ses    Bulletins.    IV*  S^rie.     Tome    lU. 

3*  Bulletin.  Bruxelles,  1876;  8°.  —  Tome  IV.  l*«"  —  4»«  Bulletins.  Bruzelles, 

1876;  80.  —  Tome  V.  l"  —  5»-  Bulletins.  Bruxelles,   1877/78;  80. 
Biographie    nationale.    Tome  V.    'i"«  Partie.    Bruxelles,  1877;  8«.    — 

Tome  VI.  1«  Partie.  Bruxelles,  1877;  8«. 
M^moires  conronn^s  et  autres  Meraoires.    Toraes  XXVII  et  XXVIII. 

Bruxelles,  Mai  1877;  8«,  et  Juillet  1878;  8». 
—  —  M^moires  couronn^s   et  Memoires  des   savants    Etratigers.   Tome  XL. 

Bruxelles,  1876;  4».  —  Tome  XLI.  Bruxelles,  1878;  4«.  —  Tome  XLII. 

Bruxelles,  1878;  40. 
"Bacher,  Wilhelm,  Dr.:    Die  Agada  der  Babylonischen  AmorKer.  Strassburg, 

1878;  8". 
Freiburg  i.  Br.,  Universität:  Akademische  Schriften  pro  1877/78.  24  Stücke. 

40  und  8°. 
Gesellschaft,    k.    k.   geographi.sche   in   Wien:    Mittheilungen.    Band    XXI. 

(N.  F.  XI.)  Nr.  11   und  12.  Wien,  1878;  40. 
Landesansschuss,  Mährischer:  Codex  diplomaticus  et  epistolaris  Moraviae 

von  Vincenz  Brand  1.  Brtinn,  1878;  gr.  4«.         Libri  Citationum  et  Sen- 

tentiarum  seu  Knihy  puhonn^  a  n&lezove.  Tomus  III.   Pars  prior.  Edidit 

Vincentius  B  ran  dl.  Brunae,  1878;  8». 
Littre,  E. :  Dante.  L'Enfer  niis  en  vieux  langage  fran^ois  et  en  vers.  Paris, 

1879;  12<'. 
Mittheilungen  aus  Justus  Perthes'  geographischer  Anstalt  von  Dr.  A.  Peter- 
mann.  XXIV.   Band.    1878.    XII.    Gotha,    1878;    4«.    —    Ergänzungsheft 

Nr.  06:  Credner,  Die  Deltas.  Gotha,  1878;  4«. 
,Revue    politique    et    litt^raire'    et    , Revue    scientifique    de   la  France   et  de 

rforanger'.  VIII*  Ann^e,  2«  S^rie,  Nr.  25,  26  et  27.    Paris,  1878/79;  4». 
Verein   für   Erdkunde    zu   Dresden:    XV.   Jahresbericht.  Wissenftchaftlicher, 

dann  geschäftlicher  Theil  und  Sitzungsberichte.  Dresden,  1878;  8^ 


IL  SITZUNG  VOM  15.  JÄNNER  1879. 


Das  c.  M.  Herr  Professor  Dr.  H.  R.  v.  Zeissberg  legt 
die  »Fragmente  eines  Nekrologs  des  Klosters  Reun  in  Steier- 
mark' vor^  mit  dem  Ansuchen  um  Aufnahme  derselben  in  das 
Archiv  für  Kunde  österr.  Geschichte. 


An  Druckschriften  wurden  vorgelegt: 

Academie   des  Inscriptious  et  Belles-Leitres :    Comptes  rendus  des  S^auces 

de  Tannee  1878.  lY«  86rie.  Tome  VI.  Bulletin  de  Juillet-Aoüt-Septembre. 

Pari«,  1878;  8«. 
Central-Commission,   k.  k.,    zur  Erforschung   und  Erhaltung  der  Kunst- 

und  historischen  Denkmale:   Mittheilungen.  IV.  Band,  4.  (Schluss)  Heft. 

Wien,   1878;  gr.  4«. 
D'Arbois  de  Jnbainville,   H.:    Les  Bardes  en  Irland  et  dans  le  pays  de 

Galles.  Paris,  1878;  S^ 
Genootschap  Bataviaasch  van  Künsten  en  Wetenschappen:  Notulen  van  de 

Algemeene    en   Bestuurs  - Vergaderingen.     Deel    XVI.    1878,    Nr.  1  cn  2. 

Batavia,  1878;  8^.  —  Tijdschrift  voor  indische  Taal-,  Land-  und  Volken- 

kunde,  Deel  XXV.  Afleveriug  1.  Batavia,  's  Hage,   1878;   8'\ 
Gesellschaft,   archfiologische   zu   Athen:    Zeitschrift   vom   Januar   1877  bis 

Januar  1878.  Athen,  1878;  8«. 
Göttingen,  Universität:  Akademische  Gelegenheits- Schriften  pro  1875,  1876, 

1877/78.  82  Stücke.  40  und  S% 
Institunt,    koninglijk,  voor   de  Taal-,   Land- .  en  Volkenkunde   van   Neder- 

landsch.   Indie:   Bydragen   tot  de  Taal-,   Land-   en  Volkenkunde.  Vierde 

Volgreeks.  Tweede  Deel.  2«  Stuk.  's  Graveuhage,  1878;  8^. 
Abiasa    een   javaansch    Tooneelstuk    (Wajang)    door    H.  C.  Humme. 

's  Gravenhage,  1878;  8°.  —  Javaansche  Vertellingen  door  Dr.  W.  Palmer 

van  den  Broek.  's  Graveuhage,  1878;  8". 
Istituto,    Reale    Lombardo    di    Scienze    e    Lettere:    Rendiconti.    Serie    II. 

Volume  X.  Milano,  Pisa,  Napoli,  1877;  4». 


OssoliuskTsches  National-Institut :  Spravozdanie  za  rok  1878.  We  Lwowie, 

1878;  8«. 
,Revue    politique    et    litt^raire^    et    ,Revae    scientifique   de   la  France  et  de 

ritranger*.  VIII«  Annöe,  2«  Serie,  Nr.  28.  Paris,  1879;  4«. 
Society,    the    Royal    geographica!:     Proceedings    and    montbly    Record    of 

Geography.  Vol.  I.  Nr.  1.  Jauuary  1879.  London;  8''. 
Verein,  Militär-wissenschaftlicher,  in  Wien:  Organ.  XV'II.  Band,  3.  Heft.  1878. 

Wien;  8». 


Werner.  Die  Basler  Be&rbeilanf^  von  LambrecbU  Alexander. 


Die  Basler  Bearbeitung  von  Lambrechts  Alexander. 


Untersucht  von 

Dr.  Bichard  Maria  Werner, 

Privatdocenten   an   der   UniTemität   in   Qrax. 


Abkürzungen. 

A    die  urspröngliche  Eassang  des  Gedichtes. 

B    Basler  Hs.  E  VI  26. 

D  Dresdner  Hs.  M  56  vom  Jahre  1470,  enthält  anf  Bl.  1—77  eine 
Verdeutschung  der  Hdp.  durch  MeUttr  Babiloth, 

£p.  Epitome  aus  Julius  Valerius,  herausgfegeben  von  Julius  Zacher  1868. 

Kuseb.  oder  Hartlieb.  Hie  nach  folget  die  hystori  von  dem  grossen 
Alexander  wie  die  Eusebius  geschrieben  hat.  Zu  dem  ersten  doctor  hart- 
liebs  von  münchen  vorrede.  (Das  von  mir  benutzte  Exemplar  ist  am  Schlüsse 
anvollst£ndig,  ich  weiss  daher  nicht,  ob  ich  die  Ausgabe  von  1473  oder  1488 
▼or  mir  habe.  Vgl.  Harczyk,  Zachers  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie,  IV,  S.  160.) 

H  Harczyk  in  Zaehers  Zeitschrift  für  deutsche  Philologie  IV.  S.  1  ff.  146  ff. 

Hdp.  Historia  Alexandri  Magni  de  prelüs.  Strassburger  Druck  von  1494. 

jy.  Julius  Yalerius  in  Müllers  Ausgabe  des  Pseudo-Callisthenes. 

M  Molsheim-Strassburger  Hs.  bei  Massmann,  Deutsche  Gedichte  des 
zwölften  Jahrhunderts  und  der  nächstverwandten  Zeit  I.  Quedlinburg  und 
Leipzig  1837,  S.  64—144. 

PaK.  Pseudo-CalliBthenes.  Primum  edidit  Carolus  Müller,   Paris  1846. 

y  Yorauer  Hs.  in  Diemers  Deutschen  Gedichten  des  XI.  und  XIX.  Jahr- 
hunderts S.  183 — 226.  Ich  konnte  dazu  eine  neue  Collation  benutzen,  die 
mir  mein  Freimd  Max  Roediger  in  Strassburg  freundlich  zur  Verfügung  stellte. 

W  Weismann,  Alexander,  Gedicht  des  zwölften  Jahrhunderts  vom 
Pfaffen   Laroprecht  Frankfurt  am  Main  1850;  2  Bde. 


Einleitung. 

Die  Beliebtheit  eines  mhd.  Gedichtes  lässt  sich  am  besten 
aus  der  Zahl  der  Ueberarbeitungen  oder  Modernisierungen  er- 
messen. Der  veränderte  Geschmack  sucht  sich  das  Anerkannte 
früherer  Perioden  mundgerecht  zu  machen.  Bei  einzelnen  Ge- 
dichten, so  bei  dem  Tristrant  des  Eilhart  von  ObergC;  lässt  sich 


8  Werner. 

die  Tradition  bis  in  die  Zeit  der  Volksbücher  hinein  verfolgen. 
Dadurch  ist  Gelegenheit  zu  beobachten,  was  in  Sprache  und 
Kunst  als  veraltet  erschien,  was  dagegen  noch  gäng  und  gäbe 
war.  Aehnlich  wie  mit  dem  genannten  Werke  ^  verhält  es  sich 
mit  den  Gedichten  vom  Herzog  Ernst,  Roland  u.  a. 

Auch  des  Pfaffen  Lambrechts  Alexander  scheint  sich  einer 
gewissen  Berühmtheit  erfreut  zu  haben,  da  die  bisher  veröffent- 
lichten Hss.  V  und  M  zwei  verschiedene  Bearbeitungen  einer 
verlorenen  Darstellung  A  vertreten;  es  ist  merkwürdig  zu  sehen, 
wie  rasch  die  von  V  repräsentierte  Fassung  nicht  mehr  salon- 
fähig war,  wenn  ich  so  sagen  darf. 

Wie  nun  W.  Wackernagel  ^  zuerst  nachwies,  findet  sich  noch 
eine  dritte  Hs.  dieses  Werkes  in  einer  Basler  Weltchronik  des 
fünfzehnten  Jahrhundeiis.  Dass  sie  eine  neuerliche  Umarbeitung 
darbiete,  Hess  sich  aus  der  kurzen  Probe  bei  Wackernagel  ent- 
nehmen, allein  bisher  hat  sich  noch  Niemand  eingehender  mit 
ihr  beschäftigt,  obwohl  gerade  die  Wichtigkeit  und  »Schönheit 
des  Gedichts,  wie  die  Art  der  Ueberlieferung  dazu  aufgefordert 
hätte.  Durch  Prof.  Scherer  wurde  ich  auf  diese  Quelle  gewiesen,  ^ 
erhielt  unter  Prof.  E.  Steinmejers  freundlicher  Vermittlung  die  Hs. 
nach  Strassburg  gesandt,  wo  ich  im  November  und  December 
1876  die  betreffenden  Theile  abschrieb.  * 

Da  sich  nun  ergab,  dass  B  in  vielen  Punkten  näher  mit 
V  stimme  und  auch  sonst  manche  interessante  Seite  der  For- 
schung darbiete,  da  ferner  die  Wichtigkeit  von  Lambrechts 
Alexander  selbst  Publication  einer  jungen  Hs.  entschuldigt, 
gedenke  ich  demnächst  einen  getreuen  Abdruck  zu  veranstalten. 
Das  Manuscript  ist  bereits  fertig  gestellt,  und  sucht  durch  Inter- 
punction,  Bezeichnung  der  Lücken  und  textkritische  Bemerkungen 
Einiges  zu  einer  künftigen  kritischen  Ausgabe  beizutragen,  die 
wünschenswerth  erscheint,  aber  Schwierigkeiten  genug  bieten  wird.^ 


1  Vgl.  F.  Lichtenstein  QF.  XIX  und  Zar  Kritik  des  Prosaromans  Tristrant 
und  Isalde.  Breslau.  1877. 

2  Die  altdeutschen  Handschriften  der  Basler  Universitfttsbibliotbek.  Basel 
1886.   8.  31  ff. 

3  Cf.  QF.  VII  8.  60. 

*  Der  Alexander  beginnt  Bl.  22*.  2  und  endet  Bl.  67M;  doch  finden  sich 
schon  Bl.  21*.  1  ff.  Hindeutungen  auf  die  Erzählung,  welche  ich  unten 
mittheile. 

^  Ich  beziehe  mich  im  Folgenden  immer  auf  meine  YerszShlung. 


Die  BMl«r  Bearbeitung  tod  Lambreehte  Alexander.  9 

Für  die  Lösung  dieser  Aufgabe  ist  die  nächstliegende  Frage 
die,  in  wie  weit  die  einzelnen  Hss.  den  ursprünglichen  Text  A  be- 
'  wahren  und  wie  sie  sich  zu  einander  verhalten.  Mit  diesem  Gegen- 
stände beschäftigte  sich  zuerst  eingehender  Dr.  Plarczyk  *  und 
gelangte  zu  einem  ganz  anderen  Resultate  als  Weismann.  Nach 
Harczyk  liegt  uns  in  *V  der  ursprünglichere  Text  vor,  während 
*M  eine  jüngere  Bearbeitung  darstellt.  Dieses  schon  nach  dem  Alter 
der  HsB.  wahrscheinliche  Verhältniss  kann  als  fester  Anhaltspunkt 
bei  der  folgenden  Betrachtung,  welche  als  eine  Einleitung  zum 
Basler  Texte  gedacht  ist,  vorausgesetzt  wer-den ;  djie  von  Harczyk 
geltend  gemachten  Gründe  sind  wohl  von  Niemandem  bezweifelt 

Er  gieng  von  dem  Verhältnisse  zur  romanischen  Vorlage 
aus,  die  in  V  treuer  als  in  M  wiedergegeben  ist;  da  sie  uns 
aber  nur  in  einem  ganz  geringen  Reste  erhalten  ist,  '^  musste 
sich  Harczyk  auf  die  Einleitung  beschränken ;  für  das  Weitere 
war  wohl  Analogieschluss,  aber  kein  Beweis  zu  gewinnen.  Es 
ist  daher  meine  erste  Aufgabe  zu  untersuchen,  ob  B  in  dieser 
Frage  herangezogen  werden  kann  und  welche  Stellung  es  zu 
AVM  einnimmt.    Folgende  Punkte   sind  hiebei  zu  betrachten. 

I.  B  stimmt  zu  V  gegenüber  M.  Dabei  bieten  ent- 
weder BV  1.  einen  gemeinsamen  Fehler,  oder  2.  lässt  sich 
ein  Fehler  in  B  nur  aus  der  Lesart  von  V  erklären,  oder 
endlich  3.  stimmen  BV  im  Richtigen  und  Ursprünglichen. 

n.    B  stimmt   zu   M   gegenüber   V. 

HL  B  steht  allein.  1.  ist  es  dann  entweder  bei  der 
Frage  nach  A  gar  nicht  zu  berücksichtigen,  oder  aber  2.  es 
überliefert  allein  das  Richtige.  Letzteres  ist  nur  in  ganz  ver- 
einzelten Fällen  nachweisbar,  während  die  selbständigen  Aende- 
rungen  meist  dem  Streben  zu  modernisieren  oder  zu  kürzen  ent- 
springen. Der  Fall,  in  dem  alle  drei  Hss.  übereinstimmen,  kommt 
natürlich  bei  unserer  Frage  nicht  in  Betracht. 

1  Zeitschrift  fdr  deatsche  Philologie  Hd.  IV.  S.  1  ff. 

3  Ob  aus  der  französischen  Bearbeitung  von  Alberichs  Gedicht,  über  die 
zuerst  Paul  Meyer  (in  der  Revue  critique  1868.  I.  68)  und  dann  Bartsch 
(im  Jahrbuch  für  romanische  und  englische  Literatur  XI  S.  167  ff.)  Nach- 
richt gaben,  virl  für  das  Werk  Lambrechts  zu  gewinnen  sein  wird,  er- 
scheint mir  nach  der  Probe  bei  Bartsch  zweifelhaft.  Näheres  über  die 
zwei  Hss.  in  Paris  und  Venedig  wurde  mir  nicht  bekannt;  auch  konnte 
ich  nicht  constatieren,  ob  die  über  diesen  Gegenstand  in  Aussicht  gestellte 
grössere  Arbeit  von  Paul   Meyer  schon  publiciert  worden  sei. 


10 


Werner. 


I.  CapiteL 
B  stimmt  zu  Y  gegenüber  M. 

1.    Gemeinsame    Fehler    in    BV. 

Dass  V  durchaus  nicht  fehlerfrei  sei,  bemerkte  jeder  Leser 
und  Dr.  Harczyk  hob  es  ausdrücklich  hervor;  V  hat  auch 
Lücken  aufzuweisen,  von  denen  B  einige  theilt.  B  —  dies  muss 
ich  vorausschicken  —  hat  viele  Lücken,  die  bei  der  Unter- 
suchung über  das  Hss.-Verhältniss  durchaus  ohne  Belang  sind, 
sie  werden  daher  hier  nicht  weiter  berücksichtigt. 

Von  Wichtigkeit  ist  vor  Allem  Folgendes:  B  1262  flF.,  ent- 
sprechend V  21 1,14  ff.  M  1396  ff.  Die  üeberlieferung  stellt  sich  so: 


er  ne  wurdes  niemet* 

ze  fro 
wände  ez  gescah  siht 

also 
daz  ir  mere  loas  der 

ime  da  toht 

helaib 


M 
er   ne  lordis  njemer 

fro 
wandiz    gescah    ime 

also 
daz  ime  nie  litte  tot 

bleip, 

des    sageji  ih    v    di 

icarheit, 
dan  der  in  tyro  wäre 


geste  oder  bürgere. 


B 

de«  wer  er  niut  ge- 
wesen fro 


wand  der  sinen  dot 
gelag 


me  den  in  tiiye  der 
stat 


tan  der  inerhalb  tyre 

wäre 
weder  geste  oder  bnr- 

gare. 

Hier  fehlt  in  V  offenbar  die  Reimzeile  auf  belaib,  und  B 
stimmt  mit  ihr  in  diesem  Fehler  überein.  M  hat  zwar  ähnliche 
Verse  wie  des  sagen  ih  v  di  warheit  seinem  jüngeren  Character 
gemäss  und  zur  Herstellung  gleicher  Verslänge  oftmals  ein- 
gesetzt, wie  die  Zusammenstellungen  bei  Harczyk  zeigen :  doch 
kommen  Versicherungen  dieser  Art  auch  bei  V  vor;  freilich 
gerade  der  hier  von  M  überlieferte  Reim  findet  sich  sonst  nicht 
in  V;  beldb  steht  nur  im  Reim  auf  treib  S.  202,  25.  206,  20. 
213,  21.  Die  Composita  mit  ^heit  reimen:  184,  1  müzecheit: 
uersteit;  183,  17  itelcheitj  188,  3  icisstheit,  188,  8  chundicheiti 
geit  oder  geht;  192,  7  paltheit,  201,  9  Sicherheit,  221,  22  chint- 
heit:  reiht;   190,  7  gelegenheit  :  geleit,  197,  4  vrumicheit  :  laeiht, 


IHe  Basler  BearbeitDOf?  Ton  Lamlirechti  Alexander.  11 

(213,  26  fi^mmichcheit'.leit);  203,  12  ubermütecheit: breit;  184,  21 
salicheit :  kundecheit ;  194,22  smaheit :  tüht  Flickverse  aber  der 
genannten  Art  kennt  V  auch:  a)  Betheuerungen  der 
Wahrhaftigkeit:  186,  14  daz  ich  iv  von  ime  sage  daz  ist  war. 
187,  5  daz  sagick  iv  ze  wäre;  193,  4  des  möge  ich  tu  sundere 
gesagen.  196,  27  daz  ich  iv  ^al  wäre  sagen;  —  183,  14  huc  er 
so  Uüge  ich.  208,  17  min  wart  ne  triege  mich,  224,  15  so  ich 
sicher  bin.  —  186,  9  ghheht  mir  des  ich  iv  sage.  — ■  (185,  2  mit 
rehter  warheit  si  sprach).  —  h)  Berufung  auf  die  Quelle. 
184,  7  f.  daz  ne  saget  uns  nehein  puch  noch  neheiner  slahte  mare. 
224,  7  da  man  uon  ie  gelas.  Vgl.  183,  8.  —  186,  25  alsus  sagent 
die  in  ie  gesachen.  —  186,  8  Nu  ne  fressiht  ich  e  nah  sint. 
195,  13  ich  ne  freiste  nie  den  der  fetmame.  —  c)  Flickverse 
anderer  Art.    184,4  untichnewil  mich  niwit  langer  sparen. 

184,  26  diser  rede  toil  ich  mich  iruaren.  (194,  14  ter  rede 
willich  nu  gedagen.)  —  185,  10  einen  v^ater  ich  wol  genennen  kan. 

185,  19  ich  sa>ge  ev  wie  ir  name  was.  185,  28  Nu  wil  ich  eu 
wm  alexanders  sagen  gehurte,  186,  18  umhe  sin  gesune  wil  ich 
ivch  bereiten.  189,  18  Von  philippus  stüde  teil  ich  iv  sagen. 
206,  24  Nu  willich  sagen  allen  die  des  niene  chunnen.  199,  9 
ich  sage  iv  wie  .  .  .  223,  27  f.  nu  wil  ich  iv  chunden  über  al. 
224,  3  f.  des  wiUich.  die  fursten  willich  zellen.  210,  7  den 
mugent  ir  schiere  uersten.  192,  16  als  ir  hie  müt  ferstan.  206,  10 
ntfch  mag  ich  iv  sagen  mere.  —  208,  24  da  ir  noch  ie  abe  horte 
gesagen.  209,  15  daz  iz  iv  unzellich  ist  ze  sagen.  220,  18  daz  iv 
unzallich  wäre  ze  sagene.  —  183,  1  daz  sult  ir  rehte  merchen. 
183,  8  Diz  mugit  ir  wol  hören.  187,  7.  204,  1.  221,  25.  225,  18 
Nu  vernement  .  .  .  196.  11  Nu  uernement  waz  ich  iv  hie  zele. 

Auch  B  sind  solche  Betheuerungen  und  Flickverse  nicht 
fremd,  z.  B.  314  des  wil  ich  dir  für  wor  jhehen,  224  des  solt 
du  von  mir  gewis  sin.  412  f.  daz  ich  für  wor  sagen  mag  vnd 
sin  offenlichen  gich.  421  ich  sag  ivch  vilr  war.  Die  Zusammen- 
stellungen später. 

Es  wäre  daher  weder  V  noch  B  eingefallen,  den  Vers  als 
überflüssig  wegzulassen;  auch  die  Unreinheit  kann  der  Grund 
dazu  nicht  gewesen  sein,  denn  ist  es  wahrscheinlich,  dass  B, 
dessen  Reime  sonst  ganz  rein  sind  (s.  später),  einen  unreinen 
Reim  durch  einen  anderen  ersetzen  wird?  Freilich  ist  zuzu- 
geben, dass  B  hier  überhaupt  ändert;  doch  was  beweist  dies? 


12 


Werner. 


£8  fand  einen  wichtigen  Vers  vor,  den  es  nöthig  hatte  zur 
Herstellung  des  Zusammenhanges;  der  darauf  reimende  Vers 
jedoch  fehlte;  das  nächste  Reimpaar  liess  sich  leicht  in  einen 
einzigen  Vers  zusammenziehen^  was  lag  daher  näher  als  aus 
drei :  zwei  Verse  zu  machen,  ohne  dass  auf  den  Reim  gesehen 
wurde.  Möglich  wäre  es^  dass  von  M  die  auch  in  seiner  Vor- 
lage vorhandene  Lücke  durch  einen  Flick  vers  ausgefällt  worden 
sei ;  in  diesem  Falle  würden  V  und  B  dann  nur  das  Ursprüng- 
liche erhalten  und  keinen  gemeinsamen  Fehler  haben.  Doch  in 
V  und  B  finden  sich  noch  andei*e  Lücken  vor,  so  Vers  1381. 


V  216,  5  e. 

Darius    sante   einen 

brief 
zewein  herzogen  die 

waren     ime 

lieb 


unde   bat    daz   si 
alexander 

dtv  scehf  pesparten 
unde  sin  werten 

unde  daz  si  in  wider 

stiezen 
unde    sie    über    daz 

wazer  niene 

liezen 
nber  daz  wazer  eu- 

frates 
daz  was  maAos  unde 

typotes 
u.  s.  w. 


M    1593  S. 
Do  sante  darius  ei- 
nen brieb 
zvein    herzogen ,     dt 

jme     waren 

lieb, 
der  eine  der  hiz  ma- 

rius 
der  brieb  nennet  in 

alsus 
vnde   der  ander  ty- 

botes 
er  hiz  si  sere  biten  des 
daz  si  gegen  alexan- 

dren  kerten 

vnde  jm    daz    land 

werten 
vnde  eines  hohmntes 

widerstiezen 
vnde  vbir  daz  wazzer  \ 

nit  ne  liezen  i 

I 
I 

eufraten     heim      ze 

lande  uarn 


u.  8.  w. 


B    1378  e.  » 
Daryus  zwen  her- 
zogen gebot 


daz  sy  allexander 


schiff  zersteissen 


der  eine  kies  ziboUes 
maryus  der  ander 


u.  8.  w. 


^  ErwähDt  sei,  dass  B  hier  Prosa  bietet. 


Die  Basier  Bearbeitung  ron  Lambrecbte  Alezander. 


13 


In  V  fehlt  die  Reimzeile  auf:  unde  bat  daz  ai  alexander; 
ron  B  wurde  das  hat  verstärkt  im  ersten  Verse  gebracht;  es 
stimmt  aber  in  seinem  Verse  mit  der  zweiten  Hälfte  von 
V  216,  7  f.,  während  M  vollständig  ändern  musste,  da  es  die 
Namen  der  beiden  Herzoge  vorwegnahm.  Hierauf  in  V  und  B 
die  Erwähnung  der  Schiffe;  welche  in  M  fehlt;  in  VB  gemein- 
sam die  Anführung  der  Namen  später  als  in  M:  mit  einem 
Worte,  bei  aller  Kürzung  doch  genauer  Anschluss  von  B  an  V. 
Nun  fehlt  in  V  einer-  und  in  B  anderseits  derselbe  Vers,  ^ 
der  in  M  nicht  nöthig  war,  weil  M  sich  auf  andere  Weise  half: 
darf  man  da  getrennte  Ueberlieferung  annehmen?  muss  nicht 
vielmehr  gemeinsame  Lücken  in  VB  constatiert  werden?  — 
Eine  dritte  Stelle  ist  Vers  1467. 


V  219,  9  f 
n  wie  mahle  daz  ie 

werden 
memies  slUch  aUxan- 

dem  z'ä  der 

erde 


M  1738  f. 
do  slvch  doh  alexan- 

dren 
mennes  nider  an  daz 

gras 


B    1464  f. 
menos  den  werden 

$lüg    nider    zä    der 
erden 


Alda  wart  ime  der 
heim  ahge- 
prochen 


der  manegen  grozer 
siege  .  .  . 


u.  8.  w. 


u.  s.  w. 


den    heim    er    im 
zerbrach 


Nun  Zusatz   von    10  Versen   in   M,   die    in  V  und  B    richtig 
fehlen. 

da  wart  alexandro 
sin  heim 

uon  dem  houbete  ge- 
brochen 

da  was  uil  nah  ge- 
rochen 

darius  der  iure  degen 

alfixandro  wart  da 
gegeben 

manjc  stoz  unde  slach 


vnd  slüg  vf  in  mit 
nide  dar 


u.  s.  w. 


'  Man  könnte  vermathen,   in  A  habe  gestanden : 

unde  htU  daz  si  im  diu  »ceff  peaparten 

unde  sin  [lende]  werten, 
allein  die  Nennung  des  Namens   Alexander  in   allen   drei  Hss.    scheint 
dagegen  sn  sprechen,  sowie  der  Eeimpnnkt,  den  V  nach  alexander  bietet. 


14 


Werner. 


Bei  dieser  Uebereinstiminung  von  VB  ist  nichts  weiter 
anzuführen,  die  Thatsachen  sprechen  klar  und  deutlich,  denn 
hier  kann  in  V  nicht  iia  Vers,  sondern  es  müssen  drei  zum 
mindesten  fehlen  und  B  bietet  zwar  einen  geglätteten  Text, 
aber  dem  Inhalte  nach  durchaus  nicht  mehr  als  V.  Wenn  B 
aus  *M  stammte,  wären  die  Aenderungen  jedesfalls  nicht  erfolgt, 
sie  haben  durchaus  V  zur  Voraussetzung. 

Anderer  Art  ist  der  gemeinsame  Fehler  in  Vers  970  = 
V  201,  14,  doch  fällt  er  in  die  grosse  Lücke  von  M:  es  steht 
nämlich  in  V:  Kartanensen  er  enhot,  denn  das  in  eckiger 
Klammer  befindliche  [gi\  ist  eigene  Ergänzung  Diemers  ^  und 
B  liest  ze  Karttanison  er  sant  Zwar  ist  B  gerade  in  Namen 
sehr  unzuverlässig,  doch  bei  der  Gleichartigkeit  der  Ueber- 
lieferung  in  V  und  B  an  der  Gemeinsamkeit  zu  zweifeln  ganz 
unnöthig. 


2.    Fehler   in   B   aus   V   zu   erklären. 


V  208,  7 

m  sach  er  stan  dem 
herzogen 

dem  al  tyre  was  un- 

dertan 
kegen    ime    nf    der 

mure. 


M  1256 

do  gesah  er  den  her- 
zogen ('.un- 
gelogen) 

dem  tyren  was  vnder- 
tan 

uor  sich  uf  dl  rwu- 


B  1163 

nwi  sach  er  an  der 
zinen  stan 

den  herzogen,  dem 
diryus  was 
vnder  tan. 


ren  stan 

Diemer  schlägt  in  V  Umstellung  von  dem  herzogen  vor, 
ich  zweifle,  ob  mit  Recht,  denn  auch  die  Lesart  von  M  ver- 
langt, dass  in  der  Vorlage  ein  unreiner  Reim  auf  herzogen 
gestanden  haben  müsse;  sonst  hätte  keine  Ursache  vorgelegen 
zu  ändern.  Auch  B  hatte  offenbar  den  Verseinschnitt  nach 
stan  angenommen,  der  Vers  war  ihm  daher  zu  kurz  erschienen 
und  es  setzte  an  der  zinnen  ein,  was  es  gewiss  nicht  gethan 
hätte,  wenn  es  der  Lesart  von  M  gefolgt  wäi-e. 

Dasselbe  gilt  von  Vers  1246  f.,  nur  liegt  hier  in  V  kein 
Fehler  vor. 


*  Wie   aus  der  Anm.   zu  36,  4  entnommen   wird  (vgl.   eu  145,  12),   aus- 
drücklich wird  es  nicht  erwKhnt. 


Die  Baaler  Bearbeitung  tod  Lambrechts  Alezander. 


15 


V  211,  3. 

so  9oli  im  div  hurch 
werden  tiure 

gewuners  meht  mit 
chriechiseen 
ßure 


B  1246 

die  stat  wer  im  ge- 
wessen diur 


dene 


M  1380 

so  solde  ime  ottch  di 
hurch  (i  worf) 
wesen  uil  ture 
ne  heter  si  mit  den 

füre 
unde  mit  den  man- 
gen    nit   be- 
stan 

Wie  man  sich  das  Missverständniss  von  B  aus  der  Lesart 
von  M  erklären  wollte,  ist  mir  unerfindlich.  Ebenso  Vers  1477. 


daz    kreischy 
fitir 


V    219,  18 
der  ander  hiez  ivbal 


M  1773 

ein    riter     der     hiz 

iubal 
der  sih  ungerne  uer- 

hcU 


B  1476 
ein   graff    der    hies 

■ 

jubal, 
des  lob  in  dem  strit 
erkal 


der  sich  uil  ungerne 
in  dem  stür- 
me hal 

Das  hal  in  V  konnte  missverstanden  werden,  während 
das  uerhal  von  M  gan^  deutlich  ist.  B  versteht  nun  das  hal 
würklich  falsch  und  verstärkt  es  durch  er-,  während  es  die 
in  M  fehlenden  Worte  in  dem  strit  =  in  dem  stürme  richtig 
in  seinen  neuen  Gedanken  einfügt.  Mit  der  Lesart  von  M 
hat  B  nur  das  der  im  ersten  Vers  gemein,  das  in  V  aber 
ganz  gut  von  ander  verschluckt  sein  kann. 

B  liest  Vers  1324  mit  offenbarem  Miss  Verständnisse:  wand 
es  diuchte  dich  wider  zem  daz  rechte  was  syntaktisch  sich  nicht 
in  den  Zusammenhang  fügt.  V  213,  19  wände  ez  ne  ducht  ivch 
gnade  noch  recht  erklärt  den  Fehler  von  B^  welcher  nach  M  1494 
icande  daz  ne  wäre  njtoit  recht  nicht  verständlich  wäre.  Zu 
vergleichen  ist  noch  die  Aenderung  in  B  Vers  1436 — 1440; 
darüber  später.  Dies  sind  die  wichtigsten  Fälle,  die  ich  unter 
1  und  2  aufzuführen  habe,  sonst  überliefert  B  mit  V  das  Richtige. 

3.    BV  stimmen  im  Richtigen. 

Hier  muss  geschieden  werden,  ob  BV  in  der  Ueberlie- 
ferung  ganzer  Scenen  oder  einzelner  Verse  stimmen;  jener 
Fall  führt  auf  die  Frage  nach  den  Quellen  von  B  und  findet 
daher  erst  Cap.  IV.  seine  Besprechung.    Hier   beschränke  ich 


16 


Werner, 


mich  auf  den  zweiten  Fall  und  zwar  führe  ich  deshalb  alle 
Stellen  an,  in  denen  VB  das  wahrscheinlich  Aeltere  und  Rich- 
tige gegenüber  M  erhalten  haben,  um  einen  vorläufigen  Begriff 
von  dem  Werthe  der  Hs.  B  zu  geben. 


Vers  540  V  gesephte    B  geschofte 
Vers  543  V  der    munt    was    im   als 

einem  esele  getan 
B  sin  mul  als  ein  essel  was 

546  V  swanc    B  swach 
598  V  ich  ne  weiz  wederz  ein  ros 

oder  ein  lewe  deht. 
B  ob  es  ros  oder  leow  tut 

600  f.  V  Btholomevs  sprach  zii  dem 

chinde 
herre   ist   buziual  ein  ros 
Uli  swinde 
B  do   sprach   potolomevs  zu 
dem.  kint 
her  es  ist  ein  ros  geswind 


M  gescafnisse, 

M  ime  was  sin  munt 
dez  wil  ih  ü  tvn  kunt, 
alseime  esele  geUtn. 

M  slang 
M  fehlt.  1 


M  ptolomeus  vnde  sprach 
iz  ist  ein  ros  f reislich 


V  191,  10  ff. 

B  604  ff. 

M   348  ff. 

daz  hat  iuwer  tmter 

daz  hat  ivwer  vatter 

din   uater    hatiz   in 

ingetan 

in  getan 

getan 

under    der   stät    ne 

kern  stüt  mag  solichs 

iz   ne   dorfte   bezzer 

mothe  neichn 

niut  gehan, 

nie  gegan 

bezzer  gegen 

er  sprach  herre  ez  ne 

kein   marschalk   hat 

under  neheiner  stute 

hat     nehein 

es    in    siner 

iz  ne  hat  nieman  in 

marslach  in 

hat: 

hüte 

hüte 

wandiz  ist  uil /reif- 
lich 2 

sin  stimme  di  ist  eis* 
lieh 

wände  ez  erbizet  ubele 

wand  es  bisset  Übel 

iz  irbizit  man  unde 

U7it  gMe 

vnd  gät. 

wib. 

1  Die  Reime  wurden  von  M  in  Ordnung  gebracht. 

>  freUlich  ist  ein   Lieblingswort  von   M ;   hier  jedoch   wird   es   zum   Ekel 
fünfmal  wiederholt:  Y.  333.  338.  340.  344.  352. 


I 


Die  Basier  Bearb<>itiin|f  von  Lambrecbts  Alexaoder. 


17 


Auch  B  hat  hier  die  allzu  langen  Verse  von  V  verändert, 
aber  nicht  durch  Auflösung  in  mehrere  Verse,  wie  M,  sondern 
durch  Kürzung. 

V.  614     BV   alexander  M  der  here 


V.  631  f.  B 
daz  ros  woltte  gegen 
im  varn: 


aJ^   es    in     hegtmde 
an  starn 


Also   buziual    gegen 
im  uz  wolle 


Vüm 
unt     ez     alexander 
ane  hegunde 
stam 

640  B  V7id  nie  zürn  an  ia  kam 

V  80  der  nie  seil  noch 

zom  ane  chom 

646  f.  V  Ein  pote  Ute  dem  chunge 

daz  sagen 
er   ne   getorste   er   nieht 
uergen 
B  ein  bot  iltte  dem  kunge  sagen 
vnd  woltte  niut  vertagen 


M 

do  sin  daz  ros  wart 
gware 

unde   er  iz  hegunde 
anestare 


M  er  n«  legete  zovm  noh  seil 
dar  ane 

M  I  Do  wart  daz  langer  nit 
uerdaget 
dem   kuninge  wart   do 
gesagit 


718  ff.      V 

tßar  eines  tinges  trag 

ich  ivch  übe- 

len  müt 
daz  tünchet  mich  ze 

neuht  gegüt 
daz   ir   mine   müter 

liezet  ivwers 

willen 
nni    habet    ein  über 

hür  gestellet 
ter  rede   willich  nu 

gedagen 
iuer    ezzen     willich 

neuiht  fer- 

sagen 


B 

eins  dinges  trag  ich 
üblen  mikt, 

mich  dunket  daz  niut 

gut, 
daz    ir   min   mütter 

wdlent  lan, 

sy    Über    hilgen,    ist 

bös  getan, 
die  rede  stet  als  si 

nun  ste 
essent    ich    sol   ivch 

niut    sagen 

mee. 


M 

wene  ein  dinc  daz 
ih  V  clagen 

unde  in  mjnem  her- 
zen tragen 

des  han  ih  vil  sve- 
ren  mut, 

ovh  ne  dunkit  iz  mir 

njwit  gut 
daz  ir  mine  muter 

Olympiaden  di  gute 


'  M  bietet  hier  den  schlechteren  Text,  weil  es  die  ErwShnung  des  Boten 
weglässt  und  die  Reime  umstellt. 


SiteuDgBber.  d.  phil.-hiit.  Cl.  XCIII.  Bd.  I.  Hft. 


2 


18 


Werner. 


nu  wevn  so  mir  dei 
ovgen  da 
ichmitkesihe 

ich  kedanche  sin  allen 
den  hien 

die  disen  rah  hahent 
gefrumif 


B 


doch 


%    sam  er    mm 
bgen 


ich   sprich    daz  ane 

lügen: 
ich   dank   sin    allen 

den 
die  iuch  den  rat  hant 

gegen 


M 

mir  ze  leide  %ierlazen 
hat 

imde   einen  uhirhur 

begat 
mit    einem   anderen 

wihe 
ih   stccere    v   daz  bi 

mjneme  libe 
sver  disen  rat  hat  ge- 

fromif  ,  .  . 


737  B  als  dei^  tore  dike   düt     M  fehlt 
V  also  diche  der  stolze  man 
tiÜit 
1026  B^voii  zorn  er  nider  sas     M   won  zorne  begunder  roten 


nor  ungemvte  er  nider  saz 
M   tva  si  ir  wisheit  taten 


V  mit  zoim  ei"  der  nider  saz 
1034  B  war  sy  ir  sine  tetten 

V  war  si  ir  sin  thadin 

1046   B  vnd  mit  schiffen  vf  dem     M   fehlt  in  diesem  Zusammen- 

mer  hange,  Vers  1034 

V  mit  dem  seihen  in  dem     mit  schiffen  uareu  in  daz  mere 

mere 
lOiX)  B  och  werften  sy  sich  ve-     M   di  werten  ire  selede 

stenklich  alse  turlichen  helide 

V  si  werten  sich  uone  prise 

xoole 
1053   B  zwenzig  tusing  der  in-      M    me  dau  an  hundrith  tnsunf, 

ren  was 

V  der  in  der  bwch  was 
zwainzchc  thusen  unde 

baz 
Die  Erklärung  der  Aenderung  von  M  ist  leicht  gegeben,  wenn 
man  sich  dessen  erinnert,  was  Lichtenstein  zu  Eilhart  v.  6787  sagt'^ 

1  Ebenso  heisst  es  in  Eilliarts  Tristrant  (QF  XIX)  Vers  4036  der  kanintf 
von  zorne  nedir  saz  und  hegunde  bfimefi  aU  ein  kole.  M  scheint  also  auch 
hier  durch  Eilhart  zu  einer  Erweiterung  verleitet  ssu  sein,  wie  sich  dies 
an  einer  anderen  Stelle  /.eigt.    Vgl.  Lichtenstein  S.  CLIV  f. 

2  Vgl.  Weinhold  Mhd    Gr.  §.  320. 


Die  Basler  Bearbeiton^f  von  LambrechU  Alexander. 


19 


(QF  XIX) ;  wir  müssen  annehmen^  in  der  Vorlage  von  M  habe  zwSzig 
gestanden,  wie  in  B;  dies  war  leicht  in  zszig  verlesen  und  daraus 
machte  M  hundrith,  weil  ihm  die  Form  zenzig  veraltet  erschien. 
Ebenso  muss  es  V.  1414  angenommen  werden,  wo  sich  gegenüber- 
stehen: V  217,  13  tusint  man,  M  1649  hundirttusint,  B  zwanzig 
dusent,   A  las  sicher  zenzig  tusint  man, 

1054  B  »g  slügen  im  so  vil  si-     M  si  irslugen   so  vile   (:  wiU) 

nes  heres  alexand/ris  heris 

V  (üso  uü  sclugen  si  ime 

sine  hers 
1060  B  huTidei't   schiff  er    im     M   der  schiffe  sluch  er  zegrunde 

versankt  vile  daz  si  vei*s%mken, 

V  daz    siner    seephe    ein 

hunderht    ver- 
sunchen 

1065  f .  B  . .  (hieser)  . .  die  schiff  M   vnde  kiz  halde  wider  gan 

in  die  hab  gan  di  schif  in  di  habe 

der  wisse  bedcuMe  .  .  .  (dem  zweiten  Verse  entspricht 

V  er  ihete  die  secph  widsr  nichts  in  M) 

in  die  habe  gan 

Alexander  bedaihe  sich. 

1078  B  einloff  tusing 

V  Einluph  tusint 

1084  B  arabiie 

V  arabati 

1085  B  die  den  von  tiryus  wol     M   di  tyro  gutis  gunden 

güttes  gvnden 

V  die    tyrin    toole    gutes 

(gunden) 
1088  '  B  sy  namen  in  vil  sweri     M   ein  phanf  si  in  namen 

pfand 

V  si  namen  ein  ungezogen- 

lieh  phant. 
1096  B  daz  gessese  bevall  er  ze     M   den  beualch  er  mit  siner  liant 


M   zilif  tusint, 
M   arabes. 


hant 
V  den  betialh  erz  gesez  in 
die  hant. 


(di  er  da  wolde  lazen) 


^  Ueber  diese  Stelle  spSter  Näheres. 


2* 


20 


Werner. 


M 
M 


fehlt 

d&r  sencte  sich  an  der  stunt 

nider  an  des  meres  grünt 


M 


Do  alexander  sih  bedachte 
ivaz  er  getvn  machte 
er  hiz  in  samt  heften 
di  schif  mit  mnnnisci'eften 


1109  BV  im 

1116   B  sy  saugten  sich  in  des 

sewes  grund 

V  unde  sancten  sich  in  des 

sewes  grünte 
1130  f.    B  Allexander  mit  gros- 
sen krefften 
hies  die  schiff  ze  Sa- 
men hefften 

V  alexander  chom  mit 

grozer    chrefte 
unt    tet   sephf  zesa- 
men  hephten 

1152   B  sy  brachen   der  besten 

muren  ein 

V  unde    brachen   da   der 

besten  mwre  ein 
1154  BV  hiez  er 

1159  f.   B  allexander    kam    vf 

die  wer 

ze  obrest   vnd  gebot 

dem  her 

V  alexander  steich   uf 

dazobrist  gewer 

unt  gebot  den  stürm 

uberaldazhere 

1162   B  den  ersten  Sturm  Hessen 

werden 

V  den  ernst  Sturm  wemden 

Hier  überliefert  B  sogar:  V  das  richtige  ersten^  wodurch 
erst  die  Stelle  gebessert  werden  kann. 
1169  B  vomberffrit  vf  die  zinen     M   nider  uf  di  zinnen. 

V  fon   den  perfriden  uf 

die  zinnen 

1171   B  etlicher    sprang    disen     M   do  spranc  iteslich  man 

Sprung 

V  da  gespranch  ir  heteli- 

cher  da  zestunt 


M   der  muren  brach  do  eine 
alexander  unde  di  geste 
di  da  was  die  beste 

M   hiz  man 

M   do  steich  alexander 
vnde  manic  man  ander 
uf  di  vberisten  were 
vnde  hiz  stürmen  sin  here. 


M   hiz  er  den  stwm  werden 


Die  Bftaler  Bearbeitnnigr  von  Lambreeht«  Alexander. 


21 


1173  B  die  mur  braehent  sy  vf     lä.   da  st  brtiehen  di  vesfe 

die  erden  nider  zo  der  erden 

V  da  brachen  sie  die  be- 
sten mure  zii 
der  erde 

1213  f.  B  er  sprach  ybedenkenivch     M   er  sprach  nu  ratent  mir,  des 


ist  zit 
toandir  uil  wise  lute  sit. 


bi  zit 
wand  irfromde  heldesit, 
V  (er  sprach.)  herre   be- 
denchet  iuch  sin 
ziht 
toandir  tiure  chnete  siht 
\2n  B  der  rat  der  da  ward  getan     M   Ime  rieten  sine  fursten 
den  wil  ich  ivch  wissen  Ion  di  ime  raten  tursten 

V  der  raht  der  ime  do  wart 
getan 
den  mugent  ir  schiere  uer- 
sten 
Sollte  dieser  Vers  in  M  aus  dem  missverstandenen  uersten 
hervorgegangen  sein? 

1227  ff.  B  niun  vndsibemigwur-     M   schiere  winden  da  gestalt 

den  dar  gestalt  zvo  unde  sibinzich  mangen 


mit  hurden  wol  behangen 
gemannet  unde  geseilet. 


die  wol  wtwffen  mit 

gewalt 
mit  vollen  wolgeseillet 
V  zwa  unde  siben  zehec 

mange  wurden 

da  gestat 
si    würfen    alle    mit 

geiwalt 
si  waren  uil  wol  ge- 

saeUiL 
1266  ff.  B  Ein  hing  hies  apollo-     M   Zestoret  lach  do  tyrus 

nyus 
der  stiffte  die  etat  ze 

tiryus 
Anttyobus  in  vertagte 
dar  vmb  daz  er  im 

sagtte 


di  stifte  sint  der  kuninc  apol- 

lonius 
uon  dem  di  bAch  sagent  noch 
den  der  kuninc  antioch 
vbir  msre  iagete 
wander  ime  sagete 


22  Werner. 

vndimdessafitebrieff,  ein  retisee  mit  forhten 

daz  er  »in  dochter  be-  daz  was  mit  bedecketen  toorten 

sleiff.  gescriben  in  einen  h^ef 

V  dl   zerstöret  was  TU  daz  er  dnee  selbes  tohter  be- 

tyrus  slief. 

die  stifte  sih  ter  chu^ 

nich  apollonius 
den  antioch  tAer  mere 

iagete 
tcarde  er  imme  sagete 
daz  rehte    an  einem 

brieue 
daz  er  mit  siner  toh' 

ter  slief  e. 

Ich  weiss  nicht,  ob  ich  recht  that,  diese  Stelle  in  diesem 
und  nicht  in  anderem  Zusammenhange  anzuführen,  denn  es  ist 
sehr  fraglich,  ob  VB  in  allen  Versen  das  Richtige  überliefert 
haben.  Die  Stelle  bezieht  sich  bekanntlich  auf  die  Sage  von 
Apollonius  von  Tyrus  und  M  beweist  genauere  Kenntniss,  doch 
findet  sich  auch  in  ihr  eine  fehlerhafte  Angabe.  *  In  der  Sage 
nämlich  ist  von  einem  Briefe  nicht  die  Rede,  wohl  aber  von  dem 
Räthsel^  das  Antiochus  erfindet,  um  die  Freier  seiner  Tochter  ins 
Verderben  zu  stürzen.  M  weiss  nun  zwar  von  diesem  Räthsel, 
fügt  aber  die  Erwähnung  des  Briefes  hinzu,  wodurch  die 
Sage  verfälscht  wird.  £s  sind  nun  folgende  Möglichkeiten  vor- 
handen : 

1.  entweder  überliefern  VB  das  ursprüngliche^  d.  h.  das, 
was  in  A  gestanden  hatte;  dann  bietet  A  die  Sage  in  einer  Form, 
wie  sie  uns  sonst  nicht  bekannt  ist;  A  kann  sich  dabei  a)  auf 
eine  uns  unbekannte  Darstellung  stützen,  oder  aber  b)  aus  ge- 
ringer Kenntniss  die  beiläufige  Erwähnung  gemacht  haben.  — 


»  Vgl.  Weismann  I.  473-484.  Holtzmann  Germ.  II.  45  f.  Strobl  H.  v.  Neu- 
stadt 6  flf.  Carl  Schröder  Griseldis.  ApoUon.  y.  Tyrus.  Leipsig  1872. 
(Mittheilungen  der  Deutschen  Gesellschaft  V.  Bd.  2.  Heft.)  S.  26  f. 
A.  Riese  Historia  Apollonii  Regis  Tyri.  Lipsiae  1871.  cap.  3  ff.  —  Rohde. 
Der  grlech.  Roman  u.  s.  VorlSufer.  Leipzig  1876.  S.  408—424.  Dunlop- 
Liebrecht.  Gesch.  d.  Prosadichtung  S.  35  ff.  138.  463.  Gesta  Romanorum 
ed.  Osterley  cap.  153  (S.  511  f.)  Graesse,  allgem.  littgesch.  II,  3,  1,  457  ff. 
Aber  das  an  unserer  Stelle  Vorausgesetzte  findet  keine  Parallele. 


Die  Basier  BearBeitnng  tod  Lambrechts  Alexander.  23 

Wenn  ich  hier  übrigens  A  diese  Thätigkeit  zuzuschreiben  scheine, 
80  will  ich  damit  durchaus  nicht  gesagt  haben ,  dass  ich  diesen 
Zug  für  eine  Zuthat  des  deutschen  Bearbeiters  halte,  vielmehr 
bin  ich  überzeugt,  dass  die  Sage  schon  von  Aubry  de  Besan9on 
herangezogen  worden  sei,  denn  dadurch  erledigen  sich  am  besten 
alle  historischen  Schwierigkeiten,  die  früher  so  viel  Kopf- 
zerbrechens verschuldeten  ^  — 

ist  aber  2.  die  Lesart  von  A  durch  M  repräsentiert, 
dann  bieten  VB  einen  gemeinsamen  Fehler,  und  die  Sage 
ist  trotzdem  nicht  rein  überliefert,  sondern  eine  Mischung 
eingeti-eten ;  das  historisch  beglaubigte  ,RäthseP  steht  da,  es 
wird  aber  in  dem  apokryphen  Briefe  beantwortet.  Durch 
diesen  Umstand  wird  wahrscheinlich,  dass  M  aus  genauerer 
Kenntniss  der  Sage  die  Zuthat  des  Räthsels  nicht  gemacht 
haben  könne,  denn  dann  hätte  der  Bearbeiter  wohl  alles  Un- 
richtige entfernt  und  irgend  eine  passende  Aenderung  des 
Reimes  bineue  :  sliefe  leicht  gefunden.  Wir  müssten  denn  an- 
nehmen, auch  die  Erinnerung  des  Bearbeiters  sei  keine  getreue 
g^ewesen. 

Es  ergibt  sich  also  der  Schluss,  M  enthalte  das  Richtigere: 
damit  aber  keineswegs  das  Richtige,  denn  die  Verse  tragen  so 
ganz  den  Stempel  von  M  an  der  Stirne,  dass  unmöglich  eine 
gemeinsame  Lücke  in  VB  angenommen  werden  kann,  wohl 
aber  ein  Fehler.  Ich  glaube  nämlich,  A  habe  Folgendes  dar- 
geboten : 

den  Antioch  ubef  meve  iagete, 

wände  ei"  ime  sagete 

daz  retsce  an  einem  brieve 

Erinnert  man  sich  der  Schreibungen  von  V,  so  ist  der  Weg 
über  rethsce  —  rehtsce  —  rehte  leicht  verständlich.  Man  braucht 
bei  dieser  Vermuthung  nur  einmal  ungetreue  Erinnerung  an- 
zunehmen und  erklärt  dabei  den  ganzen  Zustand  der  Ueber- 
lieferung. 


1  Vgl.  Weissniaun  I.  473.  Hült'/mann  a.  a.  O.  Die  von  Ernst  Dümmler 
(Berolini  MDCCCLXXVII)  aus  einer  Ha.  saeculi  XI  exeuntis  herausgege- 
benen Getta  ÄpoUonii  Regln  Ti/rii  Metrica  lassen  die  Ueberlieferung  des 
Romanes  wieder  weiter  zurückreichen. 


24 


Werner. 


1276  ff.  B  nun  ward  in  kurzer 

stund 
daryo  daz  mer  kunt 
von  einem  der  danen 

endrar  '  [sie] 
daz   aüexander   der 

kilene  man 
die  einen    hette  ge- 

vangen 

V  Dar  nach  über  un- 

lanch  stunt 
so  wart  dario  chunt 
mit  einem  der  uone 

tyren  trän 
daz    alexander    der 

chune  man 
sine  livte  habete  ge- 

uangen, 

1288  f.  B  daz    er    in   niut   ze 

helffe  kam, 
do  &r  ir  grossi  not 
vemam 

V  daz   er  in   nivht  ze 

helfen  chome 
du  er  ir  groze  noht 
fername 

1291   B  gedacht  nach  diser  rede 

sus 

V  er  wider  dahter  alsus 

1295  ff.  B  erforchtte  in  danach 

lUczel 
. . .  eins  kindes  stüczel 
unde  dar  zu  ein  schüch 

bant 


M   Do  cunte  dario  ein  man 
der  uz  uon  tyren  entran 
wi  der  kuninc  alexander 
hete  in  einem  lande 
sine  lute  geuangen. 


M   daz  er  in  mit  gelfe 
njwit  zehelfe 
schire  nequeme 
do  er  ir  not  veiname. 


M  der  antwoHe  jme  alsus 


M   do  er  gienc  ze  rate 
daz  er  ime  sante  drate 
einen  guldinen  bal 
scone  unde  sjnewal 
ouch  sanier  ime  zehant 
zvene  her  liehe  salchbant 


^  danen  aas  tyren  entstanden? 


Die  BMler  Bearbeitung  von  Lambrecht«  Alexander. 


25 


V  aleocander    duhet   in 

Ivizel 

er  aante  im  eines  chin- 
des  stuzel 

unde  dar  zu  ein  scüh 
pant 
1304  B  icor  vmb  er  im  die  Mei- 
net sant 

V  ttnä>e   waz   er  ime  die 

drie  gebe  sante 
1310  f.  B  den  man  nüczet  alle 

stund 
daz    er    im    deglich 
dienen  solt 

V  . . .  daz  er  mit  tageU- 

chen  dienen  solte 
ob  darios  wolle 
foanten    scüch    pant 
nuzet  man  ta- 
gelieh 
1318  B  vil  smech  er  im  was 

V  öwi  wie  smac  ime  was 
1331   B  die    botschaft     torsten 

wir  niut  lan 

V  wände  wir  geforsien  die 

bohtsapfniet  lazen 
1339  B  er  dM  einem  bossen  rü- 
den gelich 

V  er  haht  geli  getan  also 

der  böse  rüde  tet 
1342  f.  B  (sieht  er  in  die  land 

vf  in  ziehen) 
ze   hant    beginet    er 
fliechen, 

V  (so  ne  getarrer  er  sich 

dar    naher    nivht 
geziehen) 
er   beginet   uz    werd 
flihen 


M   waz  dise  gäbe  meinte 


M  daz  ime  alexander 

unde  dar  zo  manic  ander 
tagelich  dienen  solde 
also  uil  so  er  wolde. 


M   vil  harte  ummere  jme  was 

M   ici  totste  wir  lazen 

daz  unser  herre  uns  gebot 


M   er  hat  gliche  getan 

alse  der  blöde  houewart 


M    er  ne  tar  dar  naher  comen 

njet 
al  bellender  flihet. 


26 


Warner. 


M   schvh  bant 

M    Hor  dt  mere  babylonien 


er  ist  worden  zebalt 
etc. 


1 354  B  reimen      V  r lernen 
1368  Bfilr  die  atat  babilonij 
V  ze  babilonnfur  die  groze 
etat 
1376  f.  B  sid  inn  der  beschult,     M   daz  er  mich  ie  beschalt 
des   vatter    im    den 
zins  guli. 
y  er  sprach  daz  mich 
ieder  bescalt 
des   uater    mir    den 
eins  ehalt 
1393  f. 

B  vnser  here  ist  ser  bettro^en, 
daz  er  heist  vahen  einen  man 
dem  manig  land  ist  vnderdan, 
V  unser  herre  ist  uil  sere  be- 
trogen 
daz  er  uns  den  man  hiezeht 

uahen 
dem  alliv  lant  sint  under  tan 

1426  B  er  schiffte  genin  hin  über     M   si  schiff eten    vbir  di  ettfra- 


M   darius  ist  harte  betrogen 
er  heizet  uns  den  man  v(in 
dem  alle  di  lant  sint  undirtdn» 


teischen  fiut 
ze  erist  si  ze  stade  quamen. 


die  flüf, 
ze  fordrest  kam  er  in 
engegen 
V  e}'  sciphffeht  sich  zef or- 
derest über  defl^U 
an  eime  Stade  chomen 
si  im  enkegen 

Die  Ursache   und  der  Gang  der  Aenderung,   welche  sich 
in  B  iindet,  ist  ganz  durchsichtig  in  folgender  Stelle: 


V  218,  8 
(nf  buziual  er  reiht) 

(lo  slüuj  er  also  der 
thoner 


B  1436 

(in  den  huffefi  er  do 
rant :  Jianf) 

er  slily  als  der  hagel 
düt 


M  169U 

(ergremet  was  ime 
sin  mvt) 

er  sluc  alse  der  doure 
tut 

sine  viande 

swaz  ir  ime  quam  ze 
hande 


Dia  Baaler  Baarbeitnaf  tou  LambrachU  Alaxandar. 


27 


for  dkm  sich  niemen 

machbewaifi 
8wer  [in]  fon  ferre 

aachgeuaren 
i  er  hinder  sich  ge- 

sack 
90  heter   sin    ainen 

slach. 


vor  dem  nieman   ist 

hehüt 
tca   er  kam   gen   in 

gevam 
ee  sich  jeman   vtnb 

gesach 
80  beschach  im  V07i  im 


der  ne  genas  nje  ne- 
hein  mvter 
bani 

sih  ne  mohto  njeman 
bewarn 


uon  den  siegen  di  er 

sluch 
ioander  ein  iure  swert 

ty-tbch. 


vngemach 
Im  zweiten  Verse  überliefern  B  M  das  in  V^  ausgefallene  tut 
=  deit :  reit  Die  Reime  in  B  ergaben  sich  nach  der  Kürzung 
leicht  aus  *V,  wenn  einmal  reit  in  rant  geändert  war;  aus  bewarn 
war  der  Reim  auf  d&t  rasch  gefunden  in  behüt ;  natürlich  blieb 
dann  gevam  ungebunden. 

1442  B  der  herzog  menos  genant     M   Mennes  dei*  wigant 
V  Mennes  was  ein  herzzog 
genant 

I        V  218,  25  flf. 


B  1450  ff.  I 

durch  sinen  schilt  er  i  mennes  er  durch  den 


M  (1730  f. 


in  da  seh  ach 


schilt  stach 


daz  man    daz    blüt  \  dazdazplühtbegunde 


schinen  sach 
menos  och  sin   niut 
vergas 


ruuien 
mennes    stach    hine 
wider  durch 
den  sinen 
wie  sin  schilt   hert  |  dar  was  feste  helfen- 


helffenbeinin 

was 
da  durch  in  der  helt 

gut 
daz  von  im  flos  daz 

blüt 
si  stachen  bed  enan- 

dei*  nider 


pein 


daz  daz  plüht  an  dem 
spere  schain 


ir  iewedere  stach  de^i  <  ir  iegweder  den  an- 

andernnider  deren  stach 

I  nider  zo  der  erden 

da grifensizen  swert-  t  alda   grifen   si  zen  \  do  griffen  si  zo  den 

ien  sidei*                       swertensider  sverfen. 


28 


Werner. 


Hier  ist  freilich  eine  ganze  Scene  in  M  weniger,  streng- 
genommen gehörte  also  diese  Stelle  nicht  hieher,  doch  kennen 
wir  die  Quellen  für  diese  Episode  nicht. 

1478  B  menos   hat    in   mit   im     M   der  was  in  andre  site 


genomen 
V  der  wa^  dar  chom  mit 
ferne  herzogen 


in  den  selben  strite 
mit  den  zvein  herzogen. 


1494  B  nun  toertivchket*  sprach     M   des  wart  daclym  innen 


danldin 
land  ivwer  eilend  werdsn 

schin. 
V  nu    werih    iuch    herre 

chunich 
alsus  sprach   sin  riter 

daclym 
hivte  si  iwer  eilen  schin 


unde  rief  mit  hoer  stimmen 
alexander  herre  kuninc 
gedenket  hüte  an  vwer  ttigint. 


1505  B  als  der  ein  gras  nider     M   daz  slnch  .er    nider    aisein 


mett  (lies  meit) 
V  also  der  daz  kras  nider 
sieht 


gras 


1506  B  als  vil  wurden  da  er-     M    umbe  di  da  lagen  irslagen 

slagen 
V  also  uil  lager  da  reslagen 


1523  B 

es  toirt  ze  laster  dir 
getoant 

der  groff  daz  ros 
vmb  warff. 


iz  wirt  iv  ze  laster 
gewant. 

der  graue  daz  ros 
umbe  warf. 


M 

daz  sol  dir  werden 
noch  gewant 

ze  leide  nnde  ze  ru- 
wen. 


1539  B  daz  im  daz  hübt  fiel  für     M  fehlt 

die  f  Hesse 
V  daz  hübet  uiel  ime  uur 
die  füze 

1557  f.    B  t>on  den  sinen  ward     M  schire  wart  si  verbrant 

sy  verbrant 
er  fant  da  silber  vnd 
gold. 


da  er  si  gwan 

der  herre  dar  uf  nam 

michil  silber  vnde  goU. 


Di«  BMlar  Bearbeitnng  Ton  Lambrechts  Alezaoder. 


29 


M   niwit  langer  er  gedagefe 

(:  gesagete) 

M   er  8vor  hi  sinem  riche 


V  von   sinen    wart  siv 

uerhrani 
do    nam    er    nlber 
unde  galt. 

1563  B  niut  sere  er  es  noch  klagt 

V  nivht  aere  er  ne  chlagete 

1564  ff.  B  doch  8wor  er  ein  teill 

bi  sines  riehes  heil 
er  atüende  niut  vier- 
zehen  tag 

V  iedoch  80  swur  er  ain 

teil 
er  sprach  so   ulsim 

sines  riehes  heü 
iz  ne   scolte  niemer 

uierzehen  naht  en- 

te  gan 

1593  VB  schar 

1597  f. 
B  achzig  ttising  wart  gesant 

von  cilliczya  dem  lant. 
V  cüieien  heizet  ein  lant 

st  brahtin  im  azech  tusiiit 

1617  B  nun  waren   sy  alle  ze     M  fehlt 

Samen  komen 

V  do  iz  al  zesamene  chom 

1621  B  dar  zu  dr issig  dusing     M  fehlt 

och 

V  unde    dar    zu    drizech 

tusint 

Dies  sind  die  Stelleu ,   in  denen  B  mit  V  übereinstimmt, 
während  M  ändert. 


M   here 


M  fehlt 


30 


Werner. 


II.  Capitel. 


B  stimmt  zu  M  gegenüber  Y. 


Ich  nehme  das 

M  1114 

ein  phant  si  in  na- 

men 

vnde  irslugen  ir  da 

zeshmt 
mer  dan  ein  dusunt 
do     nlexander     daz 

nemam. 
uier  dnstnt  er  do  nam 

uz  uon  sinem  here 

daz   ander  Uz  er  hi 
dem  mere 

vnd   betud   iz   zvein 

furst^en 
di   iz    v:ol    betvareii 

tursten 
die  er  mit  ime  hraht 

hatte 
u.  8.  w. 


Wichtigste  voraus. 

B  1088  V  205,  23 

si  namen  in  ml  stoeri     si  namen  ein  ungezo- 
pfand  i  genlich  phant 

siner  besten  wigant 


erslügen     sy    tnsent 
oder  wie. 

aU    allexander    daz 

vernam 
er  kos  vier  tusent  si- 
ner  man. 
mit    den   für    er 

selber  dan 
vf   den    berge   ze 
libam, 

daz  gessese  bevall  er 
ze  haut 

einem  fürst-en,    was 
perdix     ge- 
nant 
u.  8.  w. 


unt  erslügen  ein  tu- 
sint. 


i  er  nam  des  hers  daz 

er    noch    do 

habete. 
ein  herzöge  hiez  sich 

gracto 
unde  ein  ander  der 

was    pet^dix 

genant 
den  beueddi  erz  gesez 

in  die  haut. 
u.  8.  w. 


In  V  liegt  offenbar  ein  Fehler  vor:  denn  es  heisst,  die 
Araber  hätten  Alexandern  ein  tusint  erschlagen.  Nun  macht 
er  sich  auf  und  nam  des  hers  daz  er  nodi  do  hahete,  Iftsat  aber 
trotzdem  gracto  und  perdix  mit  einem  Theile  des  Heeres  zu- 
rück. Man  muss  daher  des  hers  als  genitivus  partitivus  auf- 
fassen und  eine  bestimmte  Zahlenangabe  erwarten.  BM  über- 
liefern eine  solche  in  zwei  gemeinsamen  Versen,  die  V  weniger 


Die  Basier  Bearbettnng  ?on  Lambrechts  Alexander. 


31 


bietet.  Die  Umgebung  zeigt  innige  Verwandtschaft  von  VB^ 
währeod  M  ganz  in  seiner  Weise  ausspinnt  und  zusetzt,  ohne 
dadurch  irgend  etwas  Neues  zu  überliefern.  Es  muss  daher  in 
den  zwei  Plusversen  von  MB  das  Ursprüngliche  erhalten  sein, 
während  der  Fehler  in  V  leicht  durch  Abirren  von  einem  iüsant 
zum  andern  erklärt  werden  kann,  denn  nach  dem  Gesagten 
hat  in  A  gestanden: 

n  ndmen  in  wngezogenlich  pfant: 

unt  ersluogen  ir  ein  tiisant, 

do  Alexander  daz  vemam, 

vier  tüsant  er  nam 

des  hers,  daz  er  noch  da  hatte  (\  Oratio), 
V  überliefert  noch  das  er  nam,  darnach  fehlt  aber  der  Reim- 
punkt.  —  An  dieser  Stelle  kann  man  also  keinen  gemeinsamen 
Zusatz  von  MB  constatieren,  sondern  in  beiden  hat  sich  das 
Ursprüngliche  treuer  oder  weniger  treu  erhalten.  Dabei  darf 
natürlich  niemals  ausser  Acht  gelassen  werden,  dass  sowohl  M 
aU  B  modernisieren. 

Dasselbe  Verhältnis  findet  sich  bei  der  Beschreibung  des 
Bucephalus  v.  535  ff.,  auf  die  ich  näher  eingehen  muss;  die 
Ueberlieferung  stellt  sich  wie  folgt.  (Im  weiteren  Verlaufe 
bediene  ich  mich  zur  leichteren  Uebersicht  der  an  den  Rand 
gesetzten  Verszahlen.) 


V  189,  18  ff. 
Vm  pkilippua  st^e 
wil    ich    iv 

M  270  ff. 

• 

Von  philippis  stute 
unl  ich  V  nu 

B  537  ff. 
(. . .  ein  fürst  vs  ka- 
hadocyen  lant 

sagen 
dar  under  wart  ein 

sagen 
dar  under  was  ein 

pilipo  ein  ras  snnt) 

ras  getragen 
daz  was  wunderlieh 

iz  was  irre  unt  stri- 

tich 
mel  unt  emisthaft 

ras  getragen 
daz    ras     daz    was 

wnderlich 
irre  vnde  ml  stritich 

snel  vnde  starc  uon 

daz    was    vngezamt 
freislieh 

5 

fon    siner    gesephte 
ioeh  uon  si- 
ner chraft 

gescafnisse 
des  sult  ir  sin  gewisse 

wild    vnd    daz    ge- 
schofte  wun" 
derlieh 

32 


Werner. 


10 


der  munt  was  im  als 
einem  esele 
getan 


15 


nn  oren  wann  im 
Uli  lanc 

daz  hovbet  mager  unt 
swane 

sin  ovgen  warim  al 
der  vare 

nie  eim  fligenten  arn 


2() 


U.    8.    W. 


M 

iz     hefe     unzalliche 

craft 
vnde     ummazliche 

macht 
iz  irbeiz  di  lute  unde 

irsluch 
iz     was     freislidi 

gnuck. 
ime  was  sin  munt 


daz  wil  ih  ü  tvn  kunt 
cUseime  esele  getan 
di  nasen  waren  ime 

wite  uf getan 
sine  oren  waren  ime 

lanc 
daz     hovhit     magir 

vnde  slanc, 
sine  äugen  waren  ime 

alliruare 
glich  eineme  fliegin- 

din  are. 


B 


U.    8.    W. 


es  bies  die  Unt  vnd 

slüg 
es  was  tibhaft  gen'&g 

sin  mul  als  ein  essel 
was 


v€ist  vf  geslagen  sin 

nas 
sin   oren   woren    im 

lang 
sin  hüht  mager  vnd 

swach 
sin   dgen  wareai  als 

ein  bliU 


vor  bescheidenheitwol 
behitt 


u.  8.  w. 


Eine  offenbare  Lücke  hat  V  nach  Vers  12^  es  fehlt  der 
Keim  auf  getan,  daher  muss  Vers  15  für  A  in  Anspruch  ge- 
nommen werden  und  Abirren  der  Augen  erklärt  die  Lesart 
von  V  auf  die  einfachste  Weise.  M  machte  nach  seiner  Ge- 
wohnheit aus  dem  langen  Verse  12  mittels  eines  Flickverses 
dreie  und  B  kürzte  in  seiner  Art,  indem  es  zugleich  den  er- 
laubten rührenden  Keim  getan  :  üfgetän  durch  leichte  Aende- 
ning  wegschaffte. 

Nicht  so  evident  ist  der  Fehler,  welchen  V  in  Vers  10  f. 
bat;  allein  die  folgende  Erwägung  ist  nicht  zu  unterdrücken: 
es  wäre  zwar  möglich,  dass  A  einen  weniger  bedeutenden  Zug 
mit   den   übrigen  Alexander- Darstellungen   nicht   theilte;   aber 


Die  BMler  Bearbeitang  von  Lambrechte  Alexander. 


33 


dass  A,  welches  sich  so  genau  an  seine  Quellen  hielt,  gerade 
dieses  charakteristische  Detail  nicht  herübergenommen  haben 
sollte;  in  dem  allein  alle  Alexander-Sagen  stimmen,  ist  un- 
wahrscheinlich. Im  PsK  heisst  es  nach  Cod.  A  (I  13):  xal  By; 
xopi(5oi>ci  xoTS  [Tzpo^  4>t7.».Trcov]  3<i5pov  ol  ttj^;  KaTJüa8ox,ia(;  apxovTSi;  ex, 
Töv  cTnco^opßtwv  i:ä>Xov  iwcspfJievdOY)  xoXXot<;  Tcept^poupcufjLevov  56(j|i.o^  • 
avöp(i)TC09flKY0v  auTov  l^aaav  sTva»;  die  anderen  Hss.  bringen 
wie  VM  die  Notiz  über  Kappadocien  erst  später,  doch  heisst 
'  es  auch  hier :  oi  5c  tinvo^opßoi  slicov  •  ^}At{\,<ne  ßaaiXeu,  a  v  6  p  co  ^  o- 
^i^o<;  ifjxi^/  J  V  I  13  sagt  in  Uebereinstimmung  mit  der 
epitome  I  7  ,8ed  est  ei  [equo]  vitium  heluile,  namque  hominea 
edü,  et  in  hujusmodi  pabulum  scevit;*  auch  Hdp.  berichtet: 
Jn  ifssis  denique  temporibus  princeps  Capadocie  adduxit  vnum 
equum,  indomitum,  magnum  corpore  et  pulchrum  nimis;  ligatum- 
qu6  ex  omni  parte  cathenis  ferreis.  Comedehat  enim  ille  equua 
bvcifaüus  homines.  Ebenso  bei  Ekkehard,  im  Französischen 
des  Lambert  li  Tors,  im  englischen,  ^  im  schottischen  Alexander, 
und  in  der  Verdeutschung  des  Eusebius  heisst  es  wan  das 
pferd  getar  niemand  reyten  so  es  so  freisam  ist  das  es  die  leüt 
frist  D  5^:  vnd  es  frass  nicht  anderss  denne  leuthe. 

Also  auch  hier  ist  in  MB  das  Richtige  überliefert  und 
die  Verse  10,  11  und  15  müssen  für  A  in  Anspruch  ge- 
nommen werden. 

Eigen  geartet   ist   das  Verhältniss   in  den  Versen  595  ff. 


V  190,  26  ff. 
iaz   stunt    in    siner 

thobheit  scrien 
akxander  sprach  zen 

chuhden 
die  mit  ime  über  die 

palize   gingen 


M  324  ff. 
vnde    tuiillichen 
schrien 


vil  starke  er  do  dachte 
waz  das  wesen  mohte 
mit  allen  sinen  sinne 


B  595 


zu  den  sinen  sp^^ach 
er  losa  los 


^  Bei  diesem  heisst  es  [Metrical  Roroances  of  the  Thirteenth,  Fourteenth 
Centaries:  Pnblished  from  Ancient  Manuscripts.  With  an  Introdactlon, 
Notes,  and  a  Glossary.  Bj  Henry  Weber  £sq.  Edinburgh  1810  I  Kjng 
Alisaander]  Vers  700  f.  He  had  aouner  ete  a  man,  Than  two  champiouns 
an  hen. 

Sitz«iigib«r.  d.  phiL-hist.  Gl.  XCIII.  Bd.  I.  Hfl.  3 


34 


Werner. 


10  ich  ne  weiz  waz  mir 
sciüet  inz  ore 
ez  ne  lat  mich  nicht 
gehören 


15 


ich  ne  weiz  wederz 
ein  ro8  oder 
ein  lewe  diht 

wain  es  da  in  be- 
slozzen  stet 


Btholomeus  sprach  zu 
dem  chinde 
20  herre  ist  buzival  ein 
ros  uil  swinde 


25 


M 

wes  were  di  freisli- 

che  stimme 
Zo   uestiane    er   da 

sprah 
nu  sage  mir  waz  daz 

sin  mach 
daz   mir   schilUt    in 

miiie  oren 
vnde  lazit  mich  nich 

gehören 
iz  geharit  freisUche 
sin  stimme  di  is  ge^ 

liehe 
einem    freislichem 

iiere 
do     antworte    ime 

schiere 


ptolomevs    rmde 
sprach 


ih  sage  dir  waz  daz 
Wesen  mach 

iz  ist  eifi  rosfreislich 

ime  ne  wart  nie  ne- 
hein  gelich 

in  alle  criechische  lant 


buciual  istiz  geplant 


B 


was  schaUes  mag  daz 

sin 
daz  so  lut  hiU  in  die 

oren  min 


ob  es  ros  oder  leow 

tat 


des  ist  veriret  mir 
min  mM 

do  sprach  potolomevs 
zu  dem  leint 

her  es  ist  ein  ros  ge- 
swind 


daz  mit  vnsitte  lebet 
alle  moll 

vnd  ist  geheissen  bu- 
dval 


Die  Basler  Bearbeitung  toh  Lambrechts  Alexander. 


35 


daz  hat  tuwer  uater 
ingetan 

under  der  stM  ne 
moihe  neichn 
hezzer  gegen 

er  sprach  herre  ez 
ne  hat  nehein 
marslach  in 
hAte 


wände  ez  erhizet  vbele 
und  gute 
u.  s.  w. 


M 

din   uater    hatiz   in 

getan 
iz  ne  dorfte   bezzei" 

nie  gegan 

under  neheiner  stnte 
iz  ne  hat  nieman  in 
hüte 


B 

daz  hat  ivwer  vaitsr 

in  getan 
kein  stüt  mag  solichs 

niut  gehan 


keinmarschalkhates  30 
in  einer  hüt 


wand  es  bisset  übel 
vnd  gM 
u.  8.  w. 


wandiz  ist  uH  freis- 

lich 
sin    stimme    di    ist 

eislich 

iz   irbizit  man  vnde 
vdb 

u.  8.  w. 

Die  Quellen  bieten  hier  Folgendes  dar:  PsK  sagt  Cap.  17. 

T'!^  ouTO?  6  "u^t^zva^^  ncxoü  {^  XdovTo;  ßp6xr^|xa;  cod.  A);  JV  I  17. 

0  xiri,  ^   hinnitusne    aures   meas,   annon   rugitus  aliquis  leoninus 

offenditf    Epitome   I  9   o  viri,  hinnitus  ne  aures  meas,  an  vei'o 

rugitus  leoninvs  offenditf    In  der  Hdp.  ist  die  Erzählung  anders 

gefasst;    da   heisst   es:    Quadam  vetv  die  cum  pertransiret  per 

locum  vbi  stabat  ille  equus  indomitus  vt  videret  inter  cancellos 

ferreos,    et  ante   eum  manus  et   aiia  membra  hominum  dispersa 

iacenüa  miratus  est  valde.   Diese  Darstellung  hat  im  deutschen 

Gedichte    keine   Analogie^    auch   nicht   im   Französischen,   wo 

berichtet    wird    10,    15    Alixandres,   Us   lui,   vit   i.   sien  mestre 

egter;  de  Vcri  k'il  ot  oi,  li  prist  ä  demander;  und  weiter  10,  30 

Alixandres  apele  L  sien  dru  Festion;  st  le  conjura  fo7't,  qu'il  li 

die  raison,   de  Vcri  que  il  di  die  Vocoison;    nur   das  Englische 

nähert  sich   der   Hdp.   etwas   774  ff.    The  Kyng  to  court  went, 

The  ckildren  he  of-  sent.    (Es  ist  hier  die  Wahl  zwischen  den 

beiden  Söhnen  Philipps:  Alexander  und  Philipp.)  Bulsifal  neied 

90  loude,  That  hit  schrillith  into  the  cloude!  They  wenten  aUe  to 

the  Stahle,  There  hit  was  tyghed  in,  saun  fable;  For  a  thousand 


Ebenso  PsK  cod.  A  av8pE;. 


3* 


3G  Werner. 

pound  of  gold  Pheh'p  (der  eine  Sohn)  hit  nyghen  n'olde;  Ac 
AUsaundre  leop  on  his  ruggey  So  a  goldfynch  doth  on  Üie  hegge  etc. ; 
die  Verdeutschung  des  Eusebius  und  D,  sowie  Ekkehard  da- 
gegen schliessen  sich  ganz  der  Hdp.  an. 

M  steht  hier  VB  gegenüber,  da  es  im  Anschluss  an  das 
Französische  den  Festion  als  nestian  einfuhrt,  welchen  VB  nicht 
kennen;  im  PsK  steht  der  Name  nicht  überliefert.  M  weicht 
aber  auch  von  der  Hdp.  ab,  worauf  ich  hier  nur  hindeuten 
will;  es  ist  s(^ar  inconsequent,  weil  es  nicht  wie  das  Franzö- 
sische fortfahrt  10,  33  et  eil  (sc.  Festion)  U  respondi,  sondern 
Ptolomeus  die  an  Uestian  gerichtete  Frage   beantworten   läset. 

In  Vers  26  weicht  V  von  MB  ab,  indem  es  den  Namen 
Buciphal  ohne  weiters  in  Vers  20  bringt  herre  ist  httziual  ein 
ro9  Uli  sicinde;  der  Vers  buciual  istiz  genant  oder  vnd  ist  ge- 
heissen  httcival  entspricht  dem  Ausdrucke  bei  PsK  17  Bioircra, 
zrjziq  ecTtv  6  Xevcjxcvc;  Bcuxi^zXo;  nn:c;,  cv  b  ^am^p  cou  evexXecffs 
xT/w  J  V  dagegen  sagt :  imo  ^  vero  hie  ille  est  Bueephala,  ^  quem 
ob  vehementiam  pariter^  et  scßvitudinem  dentium  hactenus^  claudi 
rex  pater  jussit.  Im  Französischen  11,  10  s'a  Bucifal  ä  non 
zeigt  sich  Uebereinstimmung  mit  MB.  Wenn  V  nun  die 
Lesart  von  A  repräsentierte,  so  müsste  A  einmal  von  JV  ab- 
gewichen und  einige  Verse  darauf,  in  derselben  Scene,  ihm 
gefolgt  sein,  was  mir  um  so  unwahrscheinlicher  ist,  da  B 
gerade  an  dieser  Stelle  sich  V  sonst  genau  anschliesst.  Es 
spricht  hier  also  wenn  auch  nicht  die  Gewissheit,  so  doch  die 
Wahrscheinlichkeit  dafür,   dass   MB   das  Richtige   überliefern. 

Wieder  durch  Abirren  der  Augen  möchte  ich  die  folgende 
Stelle  erklären,  bei  der  deshalb  keine  andere  Entscheidung 
möglich  ist,  weil  die  Quellen  mangeln. 

V  210,  3  ff.        '  M  1341  ff.  B  1213  ff. 

herre  bedenchet  iuch  er  sprah:  nu  ratent  er  sprach  bedenken 
sin  ziht                           mir  des  ist  zit  iveh  bi  zit 

tcandir  tiure  tcandir  uil  tcise  Inte  wand  ir  frdmde  hel- 
chne[h]te  siht                  sit                     \  de  sit 


'  Epit.  ^irtn  immo. 
-  Ep.  B.  equu^. 
>  Fehlt  £p. 


r 


Die  Basler  BeMrbeitung  von  «LambrechtH  Alexander. 


37 


nement    si    nu    den 

ohem  sige 
so  ist  ufiser  spot  über 

daz  lant 
der  raht  der  ime  do 

wart  getan 
den  mugent  ir  schiere 

uersten 


n  rieten  daz  er  mange 
getaete  rechen 

unde  liezzen  die  turni 
brehchen 


zfca[i]unde    giben 

zehec  mange 
umrden  da 
ge8ta[l]t 

91  würfen   alle  mit 
gewalt 


«  waren  uil  wol  ge- 

saelht 
«  wurden    in    driv 

getailet 
u.  B.  w. 


M 

netneat  nu  dise  di 
vberin  hant 

80  sjjottetet  man  unser 
in  daz  lant 


Ime  fieten  sine  für- 

sten 
di  ime  raten  tursteii 
daz     er     sante 

vbir  se 
unde  lieze  heris 

comen  me 


unde    hieze    mangen 

richten 
unde   tete  di   türme 

brechen 


B 

gewunen  sy  den  über 
hang 

(so  sind  wir  jemer 
me  geschallt) 

der  rat  der  da  ward 
getan 

den  wil  ich  ivch  wis- 
sen Ion 

si  reitten  daz  er 
über  sy 

sant  bald  nach 
helffe  me 

vnd  von  eichin  Span- 
gen 

hies  würken  starke 
mangen 

daz  man  mit  icerffen 
breche 

die  mangen  waren 
schier  bereit 


mit  Sturmes  gwalt 
schiere  wrden  da  ge- 

sfalt 
zvo    unde    sibinzich 

mangen 


niun  und  sibenzig 
wurden  dar 
g  estalt 

I  die  wol  wurffen  mit 
'  gewalt 


mit  hurden  wol  be- 
hangen 

gemannet    unde    ge- 
sellet 

di  wrden  in  dn  ge- 
teilet 
u.  8.  w. 


mit    vollen    wol   ge- 

seillet 
si  wurden  geteillet 


u.  8.  w. 


38 


ISerner. 


Stellen  wir  uns  vor;  die  Ueberlieferung  in  A  sei  folgende 
gewesen : 

der  rät  der  ime  do  wart  getan, 

den  muget  ir  schiere  verstdn: 

81  rieten  daz  er  sante  über  se 

unde  lieze  komen  h&ris  nie, 

daz  er  mangen  getcete  wurchen[?\ 

unde  lieze  die  turne  brechen  u.  s.  w. 

so  konnte  der  Schreiber  leicht  von  si  rieten  daz  er  zum  zweiten 
daz  er  überspringen ;  auch  liegt  das  Senden  um  Hilfe  sehr  nahe, 
es  ist  sehr  natürlich,  dass  die  Fürsten  auch  diesen  Vorschlag 
thun.  Dazu  kommt  noch  der  Umstand;  dass  B  fast  nur  in  den 
zwei  Versen  von  V  abweicht,  mit  dem  es  sich  gegenüber  M 
auch  an  dieser  Stelle  in  Uebereinstimmung  befindet;  darum 
können  die  Piusverse  in  MB  nicht  spätere  Zusätze  sein,  sondern 
müssen  das  Ursprüngliche  enthalten.  Freilich  zur  Gewissheit 
kommt  man  hier  nicht. 


V  219,  3  ff. 

d  wi  dazfuur  dar  uz 

spranch 
da  ein  stahel  wider 

den   ander[n] 

dranch 

grozer  siege .  wurden 
nie  getan 
(u.  s.  w.  s.  u.) 

d  wie  mähte  daz  ie 
werden 

mennes  der  slüch  ale- 
xandern  zu 
der  erde 


M  1735  ff. 

daz  daz  fvr  dar  uz 

spranc 
ir  iegweder  dranc 


uaste  zo  dem  andren 


10 


do  slvch  doh  alexan- 
dren 

mennes  nider  an  daz 

gras 
ob  di  rede  also  loas 
daz  mach  uns  al  be- 

sunder 
nemen  michel  wnder 


B  1463  ff. 

dz  dz  fiur  dar  nach 
schos 


menos  den  werden 
sltlg    nider    zu    der 
ej'den 


Die  Basler  Bearboitnng  von  L&mbrochta  Alexander. 


89 


• 


Alda  wart  ime  der 
heim  abge- 
prochen 


der   nianegen  grozer 
siege 


der  der  chunich  ale- 

xanderßnch 
unde  icar  er  also  wol 

gewafenht 

nieht 
er    ne   bescowet  nie- 

merz     tages 

lieht 


M 

Do  hüben  sih  irlute 
dare 

beidenthalben  mit  der 
scare 

da  di  helede  iunge 

mit  nide  insamt  ran- 
gen 

da  was  michele  not 

da  bleib  manic  hdt 
tot 

sere  staub  da  der 
melm 

da  wart  alexandro 
sin  heim 

uon  dem  Jioubete  ge- 
brochen 

da  was  uil  nah  ge- 
rochen 

darius  der  ture  de- 
gen 

alexandro  wart  da 
gegeben 

manjc  stoz  unde  slach 

di  wile  di  er  der  nider 

lac 
leit    er    ein    bittere 

not 
er  was  uil  nah  tot 


B 


15 


den  heim  er  im  zer- 
brach 


20 


vnd  slüg  vf  in  mit 
nide  dar 


25 


allexander  was  mit 
flisse  gewaff- 
net  gar 


L         


40 


Werner. 


30  toane  daz  sines  todes 
noch  netoeht 
solle  sin 


ein    riter    der    hiez 
35  daclym 


u.  s.  w. 


M 


doh  half  in  daz 
er  genas 

daz  er  so  wol  gewa- 
fent  was 


uil  schire  ime  ouch  ze- 
helfen  quam 

daclym  ein  riter  lohe- 
sam 


u.  8.  w. 


B 


dz  half  im  dz  er 
genas 


nun  kam  ein  ritter 
anne  but  [?] 


danklin  was  er  genant 
[:  ze  hat] 


u.  8.  w. 


Hier  muss  der  Grund  der  Verderbnis  in  dem  Worte 
liegen,  das  in  B  sehr  undeutlich  geschrieben  ist  Vers  33,  so 
dass  man  lut,  Int,  hut,  bnt  lesen  könnte;  ich  vermuthe,  dass 
darin  das  md.  Wort  bat,  bäte  steckt,  das  nicht  verstanden 
wurde;  darum  liess  V,  welches  ja  theilweise  dialektisch  um- 
arbeitete -(vgl.  Rödiger.  Anz.  I  86),  das  ganze  Verspaar  aus, 
M  änderte  den  zweiten  Vers  selbständig,  indem  es  aber  in 
seinem  ze  helfen  Vers  34  den  Inhalt  von  ane  bat  wiedergab. 
Es  zeigte  sich  schon  oben,  dass  VB  in  den  ersten  Versen 
einen  Fehler  theilen.  Die  Ueberlieferung  ist  klar  bis  zu  den 
zwei  hervorgehobenen  Versen.  Nehmen  wir  an,  in  A  habe 
Folgendes  gestanden: 

unde  wäre  er  also  wol  gewäfent  nieht, 

er  ne  bescouwete  niemerz  tageslieht: 

wane  daz  half  im  daz  er  genas, ' 

nun  quam  ein  riter  ane  bat, 

(mies  todes  noch  neweht  solle  sin) 

ein  riter  der  hiez  Daclym  ,  ,  . 
Dadurch  erklärt  sich   die  offenbare  Verderbnis,    welcher 
Diemer  durch  ein  daz  zil  abhelfen  wollte  (was  er  aber  in  den 
Anmerkungen  S.  61  f.  zurücknahm)   und   es    erklärt   sich   die 


Vgl.  V  204,  6  f .  M  1006  f.  den  Reim  9UU  :  daz. 


Die  B«iler  BaarbeitnDg  von  Lambrechts  Alexander. 


41 


UeberlieferuBg:  wir  müssten  sonst  an  ^iner  Stelle  einen  gemein- 
samen Fehler  in  VB  constatieren  und  wenige  Verse  später  einen 
solchen  in  MB.  Hier  spricht  also  die  Wahrscheinlichkeit  wieder 
far    eine  gemeinsame  Erhaltung  des  Richtigen  in  MB. 

Vers  1593  ff.  heisst  es  B: 

da  kam  im  ein  schar  gros, 

die  der  reisse  niut  verdros. 

von  medendrich  hundert  tusing  kan  ir  dar, 

die  warent  zagheit  bar. 

In  M  1991 : 

dar  nah  quam  ime  ein  here  groz, 
dem  ungis  lutzil  verdroz, 
daz  kuninges  reisen  wol  gezam» 
uon  medintriche  daz  quam  .  .  . 
funfzich  tusint  si  brachten, 
alsus  hortich  si  ahten. 

Dagegen  sagt  V  224,  22: 

noch  tu  chom  im  ain  scahr  groz, 
die  des  unges  liuzel  bedroz, 
also  si  in  chunigis  reise  wolgezam^ 
wände  si  uon  meddn  riche  qvam. 

Hier  fehlt  ganz  allein  die  Angabe  einer  bestimmten  Zahl 
von  Kriegern;  dies  ist  auffällig  und  höchst  unwahrscheinlich; 
die  Quellen  bieten  die  Aufzählung  der  Streitkräfte  nicht  und 
die  in  A  genannte  Summe  von  630.000  Kriegern  wird  durch 
die  Detailangaben  der  einzelnen  Hss.  VMB  nicht  erreicht; 
also  auch  hier  nur  ein  Analogie-  und  Wahrscheinlichkeitsschluss. 

Evident  dagegen  ist  die  Richtigkeit  der  Lesart  MB. 


V  204,  22 

der    wint  tehtin  uil 
noht 


B  1057 

den  vsseren  det  ouch 
gros  not 

ein  wint  der  wester 
hies 

vnd    daz    mer    dike 
reis 


M  1058 

der   wint    der   tetin 

starke  not 
wander  uil  stark  was 
der  selbe  der  da  boreas 

in  den  buchen  heizet 

vnde  di  aller  meist 

reizet 


42 


Werner. 


d(iz  siner  acephe  ein 
hunderht 
ueraunchen 

unde  sine  helde  aller- 
trunchen 

do  alexandei'  daz  ge- 
sach 

daz  ir  also  uil  ihot 
lach 

des  Sturmes  hiez  er 

* 

abe  stan 
er  thete  disecphwider 
indiehabegan 


B 


hundert  schiff  er  im 
versankt 


daz 


er- 


Volk    alles 
trank, 
do  allexander  kos  die 
not 


des  Sturmes   hies  er 
abbe  tan 

die  schiff  in  die  hob 
gan 


der  unsse  bedadtte 


M 

daz    mere   mit    den 

vnden 
der  schiffe  sluch    er 

zegrunde 
vile  daz  si  versunken 
vnde  di  lute  dar  in 

nertrunken 
vil  manig  ouh  da  ir- 

slagen  lach, 
do  alexander  daz  ge- 

sach 
des  Sturmes    hiz    er 

abe  stan 
vnde  hiz  balde  wider 

gan 
di  schif  in  di  habe 
ob  ich  rechte  nertio- 

men  habe, 
Do  clagete  alexander 
m£r  dan  sihein  ander 
einen  scade  groze 
sine  liebe  wicgenoze 
doh  moser  getrosten 

sih 


des  scadenvmnvazlich 


Alexander    bedathe 

sich 
des  scaden  ummacz- 

lieh 

Hier  also  zwischen  V  und  B  grosse  Uebereinstimmung, 
nur  ^in  Reimpaar  in  B  mehr^  dem  in  M  vier  Verse  entsprechen, 
im  Einzelnen  aber  grosse  Abweichungen  in  dem  was  M  und  B 
gemeinsam  ist.  Die  Quellen  lassen  zwar  im  Stich,  aber  es  ist 
ganz  gewiss,  dass  hier  MB  keine  gemeinsame  Zuthat  haben,  denn 
in  V  muss  etwas  fehlen.  Aber  weder  von  M  noch  von  B  scheint 
das  Ursprüngliche  überliefert  zu  sein :  in  A  muss  ein  zu  langer 
Vers  gestanden  haben,  sonst  wäre  in  M  nicht  geändert  worden. 
Jedesfalls  steht  B  dem  Ursprünglichen  näher  als  M  und  von  einem 
gemeinsamen  Fehler  der  beiden  kann  nicht  die  Rede  sein. 


Die  Basler  Bearbeitung  von  Lambrechts  Alexander. 


43 


Noch   schlagender   ist   die   Richtigkeit   der   von   MB  re- 
präsentierten Lesart  Vers  1029  fF. 


V  204,  1  ff. 

uemement  wie  in  ale- 
xander  uei*nami 


mit  zorn  6r  der  nider 

saz 
bi  sinem  hals  er  sich 

uermaz 
er  sprach   sin  scolte 

for  lange  sin 


er  wolle  .  .  . 


oueh  ne  tcaiz  ich  loie 
ir  name  si 

unde  sante  si  dar  wi- 
dereindiestat 

unde  den  alsten  sagen 
daz  .  .  . 
u.  8.  w. 


M  992  ff. 

vnde    in    alexander 

vemam 
imde  er  ime  gesagete 

rechte, 
waz   ime    di    guten 

knechte 
uz  uon  tyren  enboten 
uon  zorne   begunder 

roten, 
uor  ungemvte  er  ni- 
der saz, 
bi  sime   libe   er  sih 

uei'maz, 
iz  gienge  in  allen  an 

den  leben, 
daz   si    ime    torsten 

iciderstreben. 
er  solde  sih  wol  ge- 

rechen 
unde  ir  stat  zebrechen» 
Do  nam  er  siner  für- 

sten  dri 
—  ihneweiz  niht  wi  ir 

natne  si  — 
unde  sante  si  wider 

in  di  stat 
vnde  hiz  den  besten 

sagen  daz 

u.  8.  w. 


B  1025  ff. 
do     allexandev     die 
botschaft  ver- 
nam 


von  zorn  er  nider  sas 

bi  einem  leben  er  sich 

vermas, 
er   woltte    sy    haben 

sunder    dank 


da  nach  niut  lang 
sant  er  einer  fürsten 
dry 


wider  in  die  stat  ze 

haut, 
ei*    hies    den    besten 

dün  bekant 
u.  8.  w. 


In  V  haben  wir  einen  offenbaren  Fehler  vorliegen, 
dem  aber  wie  ich  glaube  ganz  einfach  auf  Grund  von  B  ab- 
geholfen werden  kann.  B  stellt  einige  Male  Verse  um,  z.  B. 
Vers  1096  ff.  1116  ff.  1124  f.  u.  s.  w.,  es  ist  daher  nicht  zu 
kühn,  wenn  ich  Aehnliches  auch  hier  annehme  und  glaube, 
die   Reimbindung   sei  nicht    dank  :  la7ig,    sondern    lang  :  dank 


44  Weraer. 

gewesen.  Auch  in  V  muss  daher  lange  nicht  sin  das  Reimwort 
gebildet  haben,  der  Vers  ist  aber  aach  sonst  leicht  gebessert, 
das  arsprüngliche  war  woU: 

er  sprach  ez  enscolte  sin  porlane, 
der  Schloss  dieses  Verses  wurde  von  ^B  modernisiert  in  niut 
lane.  Der  ebenbei^estellte  Satz  mosste  eine  Reiiuzcile  gehabt 
haben  und  das  er  wolte  in  V,  hinter  dem  Diemer  schon  richtig 
die  Lücke  vermuthet  hatte  (Anmerkungen  S.  60)  macht  es  klar, 
dass  B  den  fehlenden  Vers  überliefert:  er  wolde  sy  haben  sunder 
dank.   Doch  kann  dies  nicht  das  Ursprüngliche  sein,  weil 

er  sprach  ez  enscolte  «tu  porlane 

er  wolde  sy  haben  sunder  danc 
schon  an  sich   keinen  guten  Sinn  gibt   und   dann   die   Lesart 
von  M  durchaus  nicht  erklärt.    Die  Verse  in  M 

ez  gienge  in  allen  an  den  leben^ 

daz  si  hne  tarsien  widerstreben 
können    nicht   ursprünglich   sein^    denn    sie    tragen    ganz    den 
Stempel   des   Ueberarbeiters    an    sich    und    sind    darum    noch 
mehr    verdächtig,    weil  M   kurz   vorher   in   dem   Auftrage   an 
die  Boten,   die  nach  Tjrus  gehen,   folgende  Drohung  einfligt 

(Vers  972  ff.) : 

er  sagetin,  daz  er  solde 

ir  lafU  zevoren 

vnde  ire  stat  ze  stören 

vnde  nenien  in  allen  daz  leben, 

ob  si  ime  wolden  widerstreben. 

Allein  auch  die  zwei  Verse 

er  solde  sich  wol  gerechen 
ende  ir  stat  zebrechen, 
die  schon  durch  ihren  Zusammenhang  nicht  ganz  geheuer  sind, 
können  umsoweniger  das  Ursprüngliche  sein,  weil  sie  sich  we- 
nige Zeilen  später  fast  unverändert  in  aUen  Hss.  wiederfinden 
(V  206,  6  f.  M  1143  f.  B  1108  f.).    In  M  lauten  sie: 

starke  si  sih  rochen 

ein  casiel  si  zdfraehen, 
Fine  Drohung  musste  in  A  aber  jedesfalls  vorhanden  gewesen 
sein  und  ich  glaube  nicht  zu  irren,  wenn  ich  die  ganz  geringe 
AenderuDg 


Die  Basler  Bearbeitung  yon  Lambrechts  Alezander. 


45 


er  weide  si  hohen  stmder  danc 

als  das  ursprüngliche  ansehe.  Nun  unterliegt  es  keinem  Zweifel 
mehr,  dass  der  Vers,  in  dem  MB  gegenüber  V  stimmen,  von 
V  nur  ausgelassen;  nicht  von«  MB  gemeinsam  hinzugesetzt 
wurde.   In  A  wird  also  Folgendes  gestanden  haben: 

.  .  .  mit  zorn  er  der  nider  saz. 
6t  miem  halse  er  sich  vermaz, 
er  sprach  ez  enscolte  stn  porlanc, 
er  weite  si  hähen  sunder  danc, 
dd  nam  er  stnej*  fürsten  dri 
—  ich  ne  waiz  wie  ir  name  n  — 
unde  sante  si  dai'widere  in  die  stat 
unde  hiez  den  besten  sagen  daz  .  .  . 

Von  einem  gemeinsamen  Fehler  in  MB  kann  daher  wieder 
keine  Rede  sein,  und  hier  Hess  es  sich  klar  beweisen. 

Nachdem  ich  so  die  hauptsächlichsten  Stellen  eingehend 
besprochen,  gebe  ich  wieder  ein  Verzeichnis  der  noch  übrigen 
Verse,  in  denen  das  Verhältnis  MB:V  obwaltet. 


B  560 
2Ä  im  getorste  nieman 

gan 
wand  wer  die  schulde 

hat  getan 
daz  im  verteilet  was 

daz  leben 
der  ward    dem   ros 

dennegegeben. 


M  304 

zo  ime  ne  torste  nie- 
man  gan 

wan  der  also  hete 
getan 

daz  ime  uerteilet  wart 
daz  leben 

den  mose  man  deme 


V  190,  11 
Z1&  dem  ros  getorste 

niem^n  g&n 
wan  timbe  den  ez  also 

was  getan 
den    uerteileht    toas 

daz  leben 
den  mAse  m^n   dem 

rosse  geben. 


rosse  geben. 

V  enthält  einen  Fehler,  es  müsste  heissen  dem  verteilet  .  .  . 
und  der  Vera  vorher  entspricht  nur  in  MB  den  Quellen,  denn 
in  allen  antiken  Darstellungen  ist  von  Verbrechern  die  Rede. 
PsK  I  13  xai  TOü^  fjLT)  Svra^  \j^Y.6o\)q  v^(;  i[t/qc  ßaatXs^a*;,  oikV  fco- 
^XTOvra^  TW  vöjjui)  dxetöOüVTO^  ij  hd  Xtjorefa  XT)9ÖsvTa<;  auT(|>  icapaßiXXeTe. 
JVal.  XIII  (Müller)  Quisqne  enim  succuiuei'it  legibus  tristioribus, 
hujvscemodi  melius  objectabitur  lanienae.  (Fehlt  in  der  Epitome, 
wie  die  ganze  Erwähnung  der  Todesstrafe.)  Hdp.  .  ,  ,  ut  lafrones 
qui  mori  debent  ex  lege  trucidentur  ab  eo.  Ebenso  Ekk.  Uraug.  63 
vi  raptores  et  latrones  aliique  malefactoreSj  qui  fei-is  deputarentur, 
ai  hoc  comedereutur.    D  5*  dy  morder  vnd  dy  rawber. 


46  Werner. 

590  B  er  hat  noch  niut  vernomen,      V  des  umbe  daz  ros  was  geseit 
wie  daz  ros  dar  was  kamen  des  inhabt  er  noh  tt%  uemo- 

M  dannohneheternit  vernomen  ^''^^^  nteht, 

wi  iz  vmbe  daz  ros  was  comen, 

Entscheidung  nicht  möglich,  weil  die  Quellen  diesen  Gedanken 
nicht  geben.  Interessant  ist  die  Stelle  652  f.  (V  192, 11  M  385), 
überhaupt  jene  ganze  Scene,  doch  da  hiebei  schon  das  Quellen- 
verhältnis in  Betracht  kommt  (Harczyk  149  f.),  so  verweise  ich 
auf  Cap.  4.    Dasselbe  gilt  von  Vers  704  (M  457). 

Vers  1081  B  vnd  hergfrid  dar  stellen  M  vnde  berchfride 
stellen  V  er  wolte  perfriht  stellen.  .Dass  hier  nicht  eine  gemein- 
same Auslassung  von  MB,  sondern  ein  Misverständnis  von 
V  vorliegt,  ist  evident,  denn  M  hätte  gewiss  einen  so  wohl 
gebauten  Vers  wie  der  von  V  nicht  zerstört,  da  es  unde  berch- 
fride stellen  schreibt,  um  nur  die  vier  Hebungen  herauszu- 
bekommen, dabei  fehlt  dann  erst  noch  der  Auftact,  für  den 
M  doch  Vorliebe  hat.  V  dürfte  den  Vers  unsinnigerweise  zum 
folgenden  gezogen  haben.  —  Keine  Entscheidung  dagegen  wage 
ich  bei  der  geringen  Uebereinstimmung  in  Vers  1102.  MB  daz 
werc  V  iz  alliz  (die  Aenderung  des  gereite  von  V  in  bereit  ß 
bereitet  M  muss  unabhängig  von  einander  stattgefunden  haben). 
Dasselbe  gilt  von  Vers  1161. 


V  207,  36 
unde  liez  da  mit  der 

werlte 
den  ernst  Sturm  weim- 

den  1.  werden. 


B 

daz  sy  bi  der  erden 


M  1239 
%mde    ntder  an   der 

erden 
hiz  er  den  stürm  wer- 

den. 


den  ersten  stürm  Hes- 
sen werden. 

Der  Reim  erden :  werden  statt  werlte :  werden  lag  so  nahe,  dass 
*M  und  *B  darauf  kommen  mussten,  dazu  stimmt  B  an  dieser 
Stelle  wieder  ganz  besonders  genau  zu  V:  Vers  1159.  1160. 
1162  VB:  M  dann  1161,  eine  Aenderung,  die  sich  gleichsam 
selbst  aufdrängte,  zumal  werlt  in  dieser  Bedeutung  nicht  das 
Gewöhnliche  ist;  es  kann  da  von  einem  gemeinsamen  Fehler 
nicht  die  Rede  sein.  (Ueber  diese  Stelle  ist  schon  oben  S.  20 
gehandelt.) 

Unbedeutend  ist  auch  die  Uebereinstimmung  Vers  1180 
und  1182  V  al  durch  MB  durch.  Dabei  gilt  vielleicht  das  zu 
Vers  1081  Gesagte;  ein  solches  al  von  V  ei'scheint  auch  1164 


Die  Basler  Bearbeitung  von  Lambrechts  Alexander. 


47 


in  MB  nicht,  obwohl  1163  f.  der  Fehler  in  B  nur  aus  dem 
Fehler  in  V  erklärt  werden  konnte  (s.  o.  S.  14);  dies  al  hätte 
an  dieser  Stelle  in  M  B  den  Vers  beschwert. 

Vers  1194,  in  dem  VB:M  stimmen,  zeigt  MB  gemeinsam 
gegdn :  gdn  von  V;  dadurch  wurde  in  M  und  B  Vierhebigkeit 
erzielt. 

Vers  1251  V  er  hiez  die  tie  turne  .  .  .  M  6r  hiez  di  türme 
B  die  iiim  kie$  er  .  •  .  Hier  ergänzt  Diemer  die  trie  (V.  209,  28 
hatte  gestanden  drie  turni,  doch  beweist  dies  nichts).  Diese  Er- 
gänzung ist  unnöthig,  es  kann  ganz  gut  verschrieben  sein. 

Vers  1259  V  werez  M  wei^e  er  B  wer  er  geht  auf  Alexan- 
der. In  V  ist  also  eine  fehlerhafte  Schreibung  zu  constatieren. 

Vers  1290  f.  mitten  in  einer  langen  Stelle,  welche  in 
V  und  B  gemeinsam  überliefert  ist,  während  M  oft  die  weit- 
gehendsten Aenderungen  hat,  heisst  es: 


V  212,  8 
Ain  richer    chunich 

W€u  darios 
er  wider  dahteralsus 


B 

der  riche  küng  darivs 


gedacht    nach    diaer 
rede  sus 

V  kann  unmöglich  richtig  sein,   es   können   MB   das   Richtige 
erhalten  haben. 


M  1438 
Der  riche  kuninc  da- 

riu8 
der  antworte  jme  aU 

SU8 


V  213,  14 

Unde  also  alexander 

den  hrief  gelas 

M  wi  smao  ime  ww. 


B  1317 
do    aUexander    den 

brieff  gelas 
vil  smach  er  im  wa^ 


M  1488 
Do    alexander    den 

brieh  gelas 
uil  harte  ummerejme 
was. 

V  wird  wohl  das  Ürspiüngliche  überliefert  haben,  das  aber 
metrisch  ungenau  war  und  daher  von  jeder  Hs.  leicht  ge- 
bessert wurde. 

Diß  Auslassung  von  sich  in  Vers  1410  (V  217, 11  M  1647) 
entstammt  dem  jüngeren  Charakter  von  MB. 

Der  Vers  1487,  wie  ihn  V  219,  26  überlieferte,  könnte 
ursprünglich  sein:  d  wie  gikt  ainen  lob  daz  swert  gewan,  doch 
erscheint  mir  höchst  unwahrscheinlich,  dass  nur  die  Qüte  des 
Schwertes,  nicht  die  Kraft  des  Helden  hervorgehoben  würde. 
Man  müsste  bei  der  Reconstruction  von  A  zwar  V  zum  Aus- 
gangspunkte nehmen,  aber  den  Sinn  von  M  1792  und  von  B 
(4»  er  gros  lob  gewan)  herstellen  und  etwa  schreiben : 


48  Werner. 

d,  wie  guot  ein  lob,  daz  er  gewan. 
V  könnte  bei  einem  Dictate   sehr  leicht  daz  swert  für  daz  er 
verstanden  und  dann  ainen  geschrieben  haben,  weil  ihm  lob  als 
Masc.  geläufiger  war. 

Vers  1517  MB  do  in  :  V  221,  9  den,  erhält  das  Richtige, 
den  stammt  aus  der  Zeile  vorher. 

Vers  1562  MB  do  :W  223,  3  unde  da,  wieder  richtig. 

Dies  ist  die  ganze  Reihe  von  Stellen,  an  denen  V  allein 
steht,  M  und  B  dagegen  irgend  etwas  Gemeinsames  bieten. 
Wir  fanden  nicht  6ine  darunter,  durch  die  wir  gezwungen 
würden  anzunehmen,  B  stamme  aus  äner  Classe  mit  M.  Einige 
Male  freilich  wusste  ich  keine  Entscheidung  im  einzelnen  Falle 
zu  treffen,  nachdem  wir  aber  nun  in  der  überwiegenden  Anzahl 
von  Fällen  nur  Uebereinstimmung  im  Richtigen  gefunden  haben, 
oder  die  Äenderung  sehr  leicht  von  jeder  Hs.  selbständig 
konnte  vorgenommen  worden  sein :  so  darf  Aehnliches  auch 
bei  jenen  wenigen  Kleinigkeiten  —  solche  waren  es  stets  — 
constatiert  werden. 

Ich  habe  im  Voranstehenden  also  bewiesen,  dass  B  weder 
aus  M  direct  noch  aus  der  Classe  *M  abgeleitet  sein  könne, 
weil  B  nur  im  Richtigen  mit  M  gegen  V  stimmte ;  es  hat  sich 
aber  auch  gezeigt,  dass  B  nicht  der  Hs.  V  entstamme,  jedoch 
Fehler  und  Eigenthümlichkeiten  mit  V  theile,  welche  auf  eine 
Gemeinsamkeit  der  Ueberlieferung  schliessen  lassen.  Diese 
Fehler  und  Eigenthümlichkeiten  müssen  daher  schon  in  der 
Vorlage  von  V  gestanden  haben,  die  ich  mit  V  bezeichne. 

Es  fragt  sich  nun,  ob  V*  auch  die  Vorlage  von  B  war, 
oder  ob  sich  Zwischenstufen  erweisen  lassen? 

B  stammt  aus  dem  Beginn  des  fünfzehnten  Jahrhunderts, 
seit  spätestens  1439  war  die  Hs.  im  Besitze  Erhards  von  Appen- 
wiler,   eines   Caplans   am  Basler  Münster.  *    V   entstammt  der 


*  Herr  Dr.  A.  Bernouilli  in  Basel,  welcher  den  localhistorischen  Theil 
behandelt,  schreibt  mir,  Erhard,  welcher  bis  1471  lebte  habe  die  leer 
gebliebenen  BlKtter  (v.  Fol.  180  an)  mit  eigenen  Anfzeichnnngen  gefällt 
Von  1471  bis  1530  gieng  die  Hs.  von  Hand  zu  Hand  durch  mehrere 
Basler  Familien  (Grünzweig,  Synner,  Tscheckebürlin  und  Wjler)  nnd 
scheint  jeweilen  auf  den  Schwiegersohn  vererbt  zu  haben.  Mach  lö30 
bereicherte  sie  der  Magister  Hieronymus  Brillinger  (1505  Rector  der 
Universität)  mit  einigen  eigenhändigen  Zusfttzen. 


Die  Baaler  Bearbeitang  von  Lambreohto  Alexander.  49 

Hitte  des  zwölften  Jahrhunderts,  V^  ist  also  von  B  durch  mehr 
als  zwei  Jahrhunderte  getrennt,  schon  darum  wäre  directe 
Abstammung  unwahrscheinlich.  Doch  glaube  ich  beweisen  zu 
können,  dass  die  Vorlage  von  B  dictiert  worden  sei,  es  erklären 
sich  nur  auf  diese  Weise  Fehler  wie  V.  1324  diuchte  dich  für 
ducht  ioch,  Vers  2879  rekfaman  für  roocanam,  wobei  wir  zugleich 
sehen,  dass  nicht  B  selbst  nach  einem  Dictat  geschrieben  sein 
kann,  was  auch  dui*ch  Schreibungen  wie  Vers  2443  dar  umh 
für  darinm  also  darm  erwiesen  wird.  Auf  Dictat  der  Vorlage 
deutet  Vers  2990  macht  doch  fiir  mach  dock.  2994  die  weUent 
für  statt  hie  wilant  für.  2998  min  spil  (Ür  nit  spil.  3157  vnd 
9€r  für  vnaer  u.  s.  w.  (Ich  komme  darauf  noch  zurück.)  Da* 
durch  erschliessen  wir  eine  Stufe  B^;  ob  nun  diese  direct  aus 
V  stammt  oder  nicht,  braucht  nicht  untersucht  zu  werden, 
doch  erscheint  es  unwahrscheinlich. 

Von  grosser  Wichtigkeit  ist  jedoch  die  Frage,  wie  wohl 
V^  beschaffen  gewesen  sei,  und  wie  sich  M  oder  ^M  .  dazu 
verhalte.  Das  heisst,  es  ist  zu  untersuchen,  ob  V^  mit  V  jene 
Eigenthümlichkeit  theilt,  die  eine  starre  Scheidung  zwischen 
MB  und  V  hervorruft,  ich  meine  natürlich  den  vielbesproche- 
nen SchluBS  von  V.  Damit  hängt  die  andere  Frage  zusammen, 
ob  B  in  dem  was  es  mehr  als  V  bringt  überhaupt  noch  in 
Betracht  komme,  ob  es  auch  da  zu  *V  gehöre  oder  aus  ganz 
anderer  Quelle  schöpfte. 

Vor  Allem  ist  dieser  Schluss  in  V  selbst  näher  zu  prüfen. 

Der    Schluss    in    V. 

Holtzmann '  behauptete,  der  geistliche  Schreiber  von  V  habe 
deshalb  plötzlich  seine  Abschrift  des  Alexander  abgebrochen^  weil 
er  durch  den  weltlichen,  fiir  ihn  uninteressanten  Stoff  ermüdet 
worden  sei,  den  Schluss  habe  er  willkürlich  erfunden.  Gegen 
diese  Ansicht  wendete  sich  schon  Harczyk;^  er  sprach  die  Ver- 
muthung  aus,  dem  Schreiber  habe  kein  vollständiges  £xemplar 
von  A  vorgelegen  und  er  sei  gezwungen  gewesen,  das  Gedicht 
80  gut  als  möglich  zu  Ende  zu  bringen.    Auch  er  spricht  von 


1  Geim.  2,  33. 
3  ZsfdphiU  4,  3. 
Sitxangsber.  d.  phU.-hiit.  Ol.  XCIII.  Bd.  I.  Hft. 


50  Werner. 

einem  ^scheinbaren  Schluss^  ,auf  eigene  Faust'.  Beide  beweisen, 
dass  sie  die  35  Verse,  welche  in  V  dem  Gedichte  ein  so  plötz- 
liches Ende  bereiten,  nicht  näher  untersuchten. 

Dieser  Schluss  zerfällt  ili  zwei  Theile.  Die  Verse  1 — 19 
sind  in  M  an  anderer  Stelle,  in  anderem  Zusammenhange  über- 
liefert, bestehen  jedoch  zum  grössten  Theile  aus  Versen,  die  V 
schon  irgendwie  verwerthet  hatte.  Die  Verse  20 — 35  sind  in 
V  zwar  originell,  doch  auch  hier  nur  früherem  Zusammenhange 
entnommen. 

Dieses  überraschende,  bisher  von  Niemandem  beachtete  ^ 
Factum  ist  nicht  leicht  zu  erklären.  Wie  kam  V  überhaupt 
dazu,  einen  früheren  Schluss  herbeizuführen;  dass  nicht  Er- 
müdung die  Ursache  gewesen  sein  kann,  beweist  der  Umstand, 
dass  V  nicht  einfach  den  Schluss  der  Vorlage  herübernahm, 
sondern  aus  einer  anderen  Kampfbeschreibung  für  seine  Seene 
ein  Ende  suchte  und  dann  selbst  erfand;  dass  V  aber  kein 
Interesse  für  den  weltlichen  Stoff  gehabt  habe,  ist  deswegen 
unwahrscheinlich,  weil  der  Schreiber  so  bewandert  im  Gedichte 
ist,  dass  ihm  unwillkürlich  Verse  aus  der  Erinnerung  einfallen, 
die  er  verwerthet:  er  muss  daher  die  Vorlage  mit  Aufmerksam- 
keit gelesen  haben.  V  war  also  durch  eine  äussere  Ursache 
gezwungen. 

Man  könnte  im  Hinblicke  auf  B  vermuthen,  M  habe  für 
die  Schilderung  der  Schlacht  den  Schluss  von  V  benutzt  und 
B  habe  in  seiner  von  M  stark  abweichenden  Darstellung  jener 
Scene  das  Original  bewahrt.  Dagegen  spricht  jedoch  vor  Allem 
der  Umstand,  dass  M  au  jener  Stelle  in  voller  Uebereinstimmung 
mit  der  Hdp.  steht  und  dass  diese  einen  Satz  ut  totus  campus 
ex  semivivis  et  mortuu  veafiretur  überliefert,  der  wörtlich  in  M 
wiederkehrt. 

Auffallend  ist,  dass  der  erste  Vers,  welcher  von  V  und  B 
—  nicht  von  M  —  ausgezeichnet  wurde,  auch  von  M  im  neuen 
Zusammenhange  verwendet  wird.  Allein  an  ein  Abirren  des 
Auges  ist  bei  einer  so  grossen  Anzahl  von  Versen  nicht  zu 
denken. 

Mir  erscheint  noch  immer  als  das  Wahrscheinlichste,  dass 
die  Vorlage   von   V   nicht  vollständig  war.    Dies  dürfte   auch 


*  Vgl.  jedoch  Weissraann  Lesarten. 


Dia  Basier  Bearbeitang  ron  Lambreclits  Alexander. 


51 


aus  der  Lücke  hervorgehen,  welche  Diemer  226,  11  nach 
den  Worten  unde  also  er  hin  mit  Recht  vermathete.  A  selbst 
muss  weiter  gegangen  sein  als  V,  denn  eine  Hs.  der  Classe  *M 
kann  die  Vorlage  von  V  nicht  gewesen  sein,  die  Ueberein- 
stimmung  geht  nicht  so  weit,  dass  nicht  Umstellung  etc.  in 
M :  V  gegenüber  vorkäme  (siehe  die  folgende  Aneinander- 
reihung). Als  Characteristicum  von  *V  aber  darf  der  Schluss 
durchaus  nicht  betrachtet  werden;  im  Gegentheile,  wir  haben 
darin  nur  eine  Eigenschaft  von  V,  die  vorderhand  noch  nicht 
ganz  klar  ist,  anzuerkennen;  es  wäre  daher  sehr  gut  möglich, 
dass  auch  im  Folgenden  B  der  Classe  *V  entstamme  und  dies 
wird  sich  Jedem  als  nothwendige  Folgerung  aufdrängen,  der 
sieht,  wie  gewaltig  B  von  M  abweicht  und  wie  es  trotzdem 
nur  seinem  bisherigen  Vorgehen  treu  bleibt. 

Ueber  die  Parallelen  zwischen  dem  Schlüsse  in  V,  dem 
Gedichte,  wie  es  in  V  vorliegt,  und  M  orientiert  nachstehende 
Tabelle.    (V  225,  13.) 

V  M 

(vgl.M2036.B1623) 


Unde  also  diz  ale- 
xander  uemam 

er  manete  sine  gefme 
nian 

die  im  ze  siner  note 

w  waren  ain  müthe, 

»ttt     ainer     minnei' 

Tnenige 
so  reiht  er  in  zege- 

gene 

ze  mesopotamta 


da   chomen    st    ze- 
samene 


199,  9  f.  er  nam  fdn 
aller  getri- 
wisten  man 

10  f.  die  ime  ze 

siner  note 

11  ie  xoaren 
ein  müthe, 

22^,22 mit  allen 
ir  menegen 

192, 13  f.  nndegiench 
sineme  ua- 
ter  gegene 
223,  23  in  daz 
felht  meso- 
potamiam 

192,    14  unt  also  si 
zesamene 
chomen 


3248  alexander   diz 
uemam 
da  maneter  sine 
getruwe  man 

3250  di  ime   waren 
einmvte 
zaüer    siner 
note  .  .  . 
3258  di    aiechische    5 
manige 
den  persen  in- 
gegene 

3260  (mit    michiler 
freuele) 

quamen  si  ze- 
samene 

4* 


ö^ 

Wern«r. 

V 

M 

in  der  breiten  ouwe. 

223,24   in  der 

bi  dem  ttragt 

breiten 

an  der 

Owen 

ouwen 

10  [man]  mähte  nie  be- 

223,  24  da  wolte 

wer   mohte  ie 

echowen 

er  sin  her 
bescowen 

bescowen 

schar  also  edele 

[vgl- 

200,  26  f.  unde 

zvei  so  heiU- 

einen  marUel 

chen  scaren 

* 

also  edele 

uor  eineme  chnnige 

k 

so  chunich,.. 

3265  (da  was  mani- 
ger  mvter 
barjn) 

die  der  ie  zesamene 

192,Huntalso 

da  si  ze  samene 

chomen^ 

si  zesamene 
chomen 
225, 19  do  iz  al 
zesamene 
chom. 

quamen 

unde  80  grozen  scha- 

196,10  f.  dm  er 

vnde  grozen 

den  genamen 

neheinen 

scaden 

scaden 

namen 

hethe  gefio- 

men 

15  alle  die  wolch  tvich 

(187 

,  16  {.silertin 

3275  falle  di  uolc- 

uon  darios  zit 

stwm  unde 

wige 

uolcquvic) 

Sturme  vnde 

strite 
di  tum  darien 

gezite 

die   alle   h'zher  sint 

al  biz  her  sint 

gescheen 

geschitf 

si  ne  miihten  dar  zu 

187, 

11  so  des  nie 

3278  di  ne   glichen 

geliehen  nievht. 

wart  gelich 

dar  zo  njet,] 

(184, 

14  f.  m  ne  geli- 
chet  nehein 
ander) 

do  was  daz  feit  uil 

208, 

23  da  was  daz 

3268  da  was  daz  feit 

breiht 

ueltuilunht 

uü  breit 

Die  Basier  Bearbeitung  ton  Lambrecbts  Alexander. 


53 


M 
mit  ten   toten    über 
spreiht 


da  akxander   durch 
daz  Wide  brach 


d  was  da  helede  tot 
lach 


unde    also    er    hin 
muz   nu   also 
ergan 

ir  Stuten  zins  hie  in- 
fahen: 


da  ir  uil  manegen 
tachhabethnach 
geaant 


dm  han  ich  iv  braht 

in  diz  lant, 
mit  tem  selben  worte 

90  gab  er  im  mit  dem 
swerte 


[vgl.209,13ff.t4/d6r 
erde  mähte 
niemen  gan, 
also  uü  lag  ir 
da   erscla- 

218,  25  durch  alle 
die  sine  er 
brach 

202, 11  f.  dannen  er 
durch  daz 
lant  brach 

210, 27  f.  a  waz  ime 
da    helede 
tot  lach 
(:  brach) 


196, 14  ff.  der  den 
seine  von  einem 
Jäter  phiUppus 
woldenfaneri. 

196,23 {.  (daz  phi' 
lippus  den  zins  galt 
in  darios  gewalt) 
dannen  über  mane- 
gen tach  .  .  vgl. 
199,  2  f.  dar  nach 
über  um  manegen 
tach. 


221,  28  mit  dem  sel- 

ben fvoi'te 

222,  1    gab  er  im 

mit  dem 
swerte 


mit   den  toten' 
vbirspreit 


20 


25 


54 


Werl»  er. 


M 

*ainen  slach  der  was 
mare  groz 


daz  imz  höbet   uur 
daz  march  scoz 

30  da  geschieth  sich  daz 
volcwic. 


8V8  saget  uns  maister 
albrich 


unt  der  gute  phaffte 

lampret 
diz  lieht  ist  war  unde 

rehth. 
hie   duhte   siv   heidi 

diu  maz. 
35  nu  ist  zith  daz 

laZEN. 


222,  3  f.  uf  daz  hö- 
bet em  sluch  [vgl. 
220,  16  f.  div  me- 
nige  div  was  mare 
groz  :  schoz.\ 
222,  Af.  daz     hübet 
uielimeuur 
die  füze 
[vgl.    221,    2    f .    e 
sich  der  stürm  ge- 
schieden 220, 26  der 
der    ie    gevaht 
uolcwich] 

218,  2  f.  alsus 
hartich    mai- 
ster alberi- 
chen  sagen. 
183,  1  ff.  Diz  lit  .  . 
sin  genüge  ist  uil 
rehtj  iz  tihte  der 
phaffe  lambret. 


\ 


\ 


derselbe  Reim  findet 
sich  197,  14  f. 
214, 1  f.  215, 21  f. 


Schluss. 

Das  Resultat  meiner  bisherigen  Untersuchung  lässt   sich 
graphisch  folgendermassen  darstellen: 


V 


*M 


B< 


B 


Die  Basler  Bearbeitang  toh  Lambrechte  Alexander.  55 


in.  Capitel. 
B  steht  allein. 

Naturgemäss  zerfallt  die  folgende  Untersuchung  in  zwei 
Theile'^  sie  behandelt:  1.  Aenderungen  und  2.  Auslassungen. 
Dabei  sind  wieder  zu  scheiden  a)  Auslassungen  mit  bestimmter 
Kunstabsicht^  b)  fehlerhafte  Auslassungen ,  durch  die  der 
Sinn  gestört  wird. 

Wackemagel  stellte  die  Ansicht  auf,  B  sei  durch  eine  neuer- 
liche Uebersetzung  von  Alberics  Werk  entstanden.  Seite  31 
seiner  Schrift  sagt  er:  ,Der  Verfasser  hat  mit  dem  Lamprecht 
in  der  Hand  noch  einmahl  dessen  franzoesisches  Vorbild,  den 
Alexander  Aubris  von  Besan9on  verdeutscht^  Dass  diese  An- 
sicht unhaltbar  sei^  ergibt  sich  schon  daraus,  dass  *B  die  von 
Ä  ausdrücklich  zurückgewiesene  Einleitung  über  Alexanders 
Abstammung  und  Geburt  enthält.  Hätte  ihm  also  Alberich 
vorgelegen,  so  hätte  er  sich  gewiss  nicht  unter  die  Schaar  von 
lougendren  gestellt,  von  denen  die  Rede  ist.  Das  von  P.  Heyse 
gefundene  Bruchstück  des  französischen  Gedichtes  kannte 
Wackernagel  noch  nicht.  Auch  Alberich  sagt :  Dicunt  alquant 
estrobatour,  qu^el  etc.,  in  B  müsste  daher,  wenn  Wackernagels 
Ansicht  die  richtige  wäre,  wenigstens  mit  einigen  Worten 
gegen  den  Ausspruch  Alberichs  remonstriert  und  die  Richtig- 
keit der  Geschichte  mit  Nektanabus  hervorgehoben  werden. 
Doch  nichts  von  alledem,  B  berichtet  mit  Ruhe  die  ganze 
schmutzige  Erzählung,  die  einen  betrügerischen  Pfaffen  und 
eine  leichtgläubige  Königin  vorführt,  wie  sie  die  mittelalter- 
lichen Alexanderdarstellungen  alle  überliefern. 

Dies  ist  die  Hauptänderung  von  B,  es  wollte  aber  mit 
seiner  Einleitung  offenbar  die  vollständige  Sage  geben,  denn 
in  seiner  Hinweisung  auf  Alexander  heisst  es:  der  diese  mer 
ißÜt  mssen  der  lesse  den  grossen  allexander  oder  daz  buch  der 
madiabeis.  (Bl.  21».  1.). 

Diese  Einleitung  ist  darum  interessant,  weil  man  aus  ihr 
die  Leistung  des  Ueberarbeiters  ersehen  kann.  Die  Ansicht, 
welche  Wackernagel  ausgesprochen  hatte,  die  Entstehung  von 


56  Werner. 

*B  sei  ins  dreizehnte  Jahrhundert,  obwohl  erst  gegen  das  Ende 
desselben  zu  setzen,  findet  darin  ihre  Bestätigung.  ^ 

B  reimt  ganz  genau,  nur  folgende  Unreinheiten  sind  zu 
bemerken. 

d :  a  getan :  daran  137  f.    :  man  305  f. 

i :t  sin: sin  149  f. 

ei :  te  scheid :  miet  247  f. 

0 :  6  foart :  hört  105  f.    :  erhSrt  443  f. 

m :  n  nam :  man  65  f.  herheim  :  mein  171  f.  gadem  :  schaden 
237  f. 

s :  z  was  :  daz  71  f.    gescLZ  :  genas  389  f. 

en :  e  stunden  :  begunde  378  f.  (was  leicht  in  stunde  zu 
bessern  ist.)  Höchst  auffallend  ist  der  Reim  Vers  417  swcere 
(swer) :  Alexander. 

Alle  diese  Unreinheiten  finden  aber  zudem  Erklärung  im 
Dialekte  des  Dichters  und  einige  von  ihnen,  z.  B.  die  Bindung 
von  d  :  a  begegnen  schon  in  classischen  Dichtungen. 

Auch  über  die  metrischen  Ansichten  des  Ueberarbeiters 
werden  wir  unterrichtet;  seine  Verse  sind  alle  vierhebig,  oder 
dreihebig  klingend,  die  vierhebigen  sind  entweder  stumpf  oder 
klingend,  nur  Vers  456  und  hasse  daz  niut  bist  gelich  der  frouwen 
[1.  formen]  min  und  Vers  444  diese  wort  fügen  sich  dieser  Regel 
nicht.     In  ihnen  muss  Verderbnis  angenommen  werden.  ^ 

Die  Einleitung  enthält  267  Reimpaare,  von  denen  24  ge- 
wiss, 2  wahrscheinlich  dreihebig  klingend  sind,  also  10  Procent. 
Es  sind  folgende:  21.  25.  49.  51.  61.  69.  81.  [133.]  135.  141. 
165.  [233.]  289.  317.  321.  323.  327.  353.  377.  379.  433.  463. 
499.  511.  515.  529. 

Die  Verse  zeigen  zum  Theil  keinen,  zum  Theil  ein-  oder 
mehrsilbigen  Auftact.  Zweisilbiger  findet  sich  40  Mal  u.  zw. 
Vers  1.  10.  17.  19.  26.  48.  53.  70.  90.  115.  124.  [132.]  150. 
151.  [152.]  164.  187.  [223.]  224.  [226.]  241.  262.  [274.]  278. 
300.  306.  309.  336.  [346.]  363.  364.  400.  406.  414.  422.  474. 
502.  512.  518.  530.  Vom  dreisilbigen  wären  Vers  57  daz  er 
ze  I  mazidoni  wurd  erkannt  und  Vers  406  alle  die  \  zit  soz 
[Hs.  so  daz]  kind  wurde  brdht,  die  einzigen  Spuren,  doch 
dürfte  der  letztere  in  al  die  zu  bessern  sein. 


1  Ich  verweise  auch  auf  die  Betrachtung  des  Lautstandes  in  B. 
3  444  zu  bessern  nach  Vers  4610? 


Die  Bfttler  Bearbeitang  tob  Lambrechto  Alezander.  57 

Schwebende  Betonung  gestattet  sich  der  Dichter  fünfmal. 

Vers  5  niender  noch  in  nigramamA, 

[164  anders  ich  dir  niut  gdouben  macj  hier  wohl  zwei- 
silbiger Aaftact.J 

259  meister,  ich  hän  gesant  nach  dir. 

375  meister,  mir  ist  unmdzen  we, 

449  meister,  ich  hän  gesant  nach  dtr. 

Die  beliebten  Flickverse  sind  ihm  bei  der  Arbeit  will- 
kommene Mittel  zur  Herstellung  der  Reime.  1.  Berufungen 
auf  die  Quelle:  Vers  2  als  ich  von  im  geschriben  las  78  als 
ich  wn  ir  geschriben  las  139  als  mir  die  (ge)schrift  hat  geseit 
146  als  ich  an  einem  buoche  las  428  als  ich  an  der  istort  ver- 
nanu  2.  Betheuerungen  der  Wahrhaftigkeit:  Vers  224 
des  soU  du  von  mir  gewis  sin  314  des  wil  ich  dir  für  wor  jehen. 
[384  als  war  daz  istl!]  412  f.  daz  ich  für  wdr  sagen  mac  und 
sin  offenlichen  gich  421  ich  sage  iu  für  war  460  ich  wil  dir 
mherltchen  sagen.  3.  Flick verse  anderer  Art:  136  als  man 
es  menschen  solde,  —  165  in  vil  kurzen  stunden  (:  funden)  377  an 
den  selben  stunden  (:  begunde)  463  an  der  selben  stund  (:  begunde). 
—  398  daz  beschach  niemer  sid. 

Darin  besteht  das  Können  des  Ueberarbeiters,  das  er  nun 
auch  auf  den  Text  von  Lambrechts  Alexander  überträgt.  Es  ist 
offenbar,  dass  B  ändert,  um  unreinen  Reim  wegzuschaffen  und 
zwar  geht  es  viel  weiter  als  M,  dessen  Bindungen  durchaus 
nicht  rein  im  höfischen  Sinne  sind. 
551  VM  hdr  xmdl  B  hdr :  sunderbär, 

616  V  chinden  :  gewinnen  B  springen  :  bringen 

624  V  daz  :  brach  B  ersach  :  erbrach 

672  VM  sitte  :  geritten  B  siten  :  geritten 

684  V  beginnen  :  überwinden        B  beginnen  :  gewinnen 

M  beginnen :  vertöinnen 
692  VM  stat :  en(t)sa(z)t  B  stat :  mat 

694  V  abe  :  dane  B  dd :  do    (alemannische  Aus- 

M  ane  :  dane  spräche) 

714—717  VM  minnen  :  geurun-      B  sd :  d6,  nicht :  geschieht 

nen,  get^n :  räm 
720  V  willen  :  gestellet  B  wellent  Idn  :  getan 

948  V  edele  :  himele  B  Ach  :  hbstUch 

952  V  ndme :  r&mdre  B  mJeren  :  rbmeren 


Oö                                                                Werner. 

1044  VM  8tat :  daz 

B  «to^  ze  Aan< :  bekant 

1078  V  hers :  mer   M  here  :  mere 

B  Äer«:merÄ 

1 161  V  werlte :  werden 

BM  erden :  werden  (s.  oben) 

1165  VM  durch  :  burch 

B  durch  in  :  milren  Am 

1181  VM  riter  iunc  :  verumnt 

B  rtf far  an  efar  stund :  wund 

1236  VM  burch  :  durch 

B  statimat 

1268  VM  namiman 

B  gewan  :  man  (vgL  oben) 

1274  V  erlöste  :  nöte 

B  W«f  :  ?-M<  (typische  Bindung) 

1334  VM  sculdeigolt 

B  schulde :  hulde 

1430  VM  yfoz :  tdt 

B  no^ :  cföe 

1440  VM  gesach  :  «2dcA 

B  gesach :  vngemach 

1480  VM  alach:  gesach 

B  dar :  bar 

1484  VM  zancte :  icnde 

B  endeiZende  (vgl.  Vers  743) 

1488  V  gebranc  :  pant 

BM  hant :  bant 

1524  V  warf :  restarb 

B  warff:  scharf 

1597  V  lant'.tusint 

B  gesant :  lant 

1599  V  gesant :  tusint 

B  brähte  dar :  «cAar  (vgl.  Vers 

1601) 

1605  VM  wesen :  risen  B  dar :  schar 

1607  VM  man :  frigiam  B  man  :  dan 

Dies  sind  die  Aenderungen  wegen  Unreinheiten  des  Reimes; 
doch  ändert  B  auch  aus  metrischen  Ursachen,  sucht  die  Verse,  die 
ihm  zu  kurz  oder  zu  lang  erschienen,  auf  das  richtige  Mass  von 
vier  Hebungen  zu  bringen;  Beispiele  dafür  fanden  sich  schon 
oben  in  ausreichendem  Masse.  B  ist  aber  conservativer  als  M :  es 
macht  nicht  aus  Einern  Verse,  wenn  er  zu  lang  scheint,  drei,  son- 
dern wirft  die  irgend  entbehrlichen  Worte  unbarmherzig  heraus. 

Damit  ist  zugleich  eine  andere  böse  Eigenschaft  des 
Ueberarbeiters  angedeutet.  Er  hat  gar  keine  Achtung  vor  dem 
überlieferten  Texte,  sondern  operiert  nach  Gutdünken  in  ihm 
herum.  Sein  Interesse  ist  auf  das  Thatsächliche  gerichtet, 
daher  scheidet  er  willkürlich  das  aus,  was  ihm  nicht  noth- 
wendig  zur  Sache  gehörig  scheint.  Nicht  einmal  die  Citate  aus 
der  Bibel  lässt  er  unangetastet. 

Bekanntlich  hebt  Gervinus  besonders  lobend  hervor,  dass 
Lambrecht  seinen  Stoff  mit  Bibelstellen  geschmückt  habe  — 
freilich  dürfte  nur  Alberich  dies  Lob  verdienen  —  er  wäre 
daher  nicht  sehr  zufrieden  mit  dem  Corrector  B,  welcher  nur 
öine  Erwähnung   biblischer  Vorgänge    stehen   lässt:   tiryus   ist 


Die  BmImt  Bearbeitung  tob  Lambrechts  Alexander.  59 

ouch  diu  stat,  d6  got  der  keidnin  dohter  lost  von  des  b<Bsen  geUtes 
rost;  B  kürzt  auch  da,  während  M  seine  Kenntnißs  der  Stelle 
(Matth.  15,  21)  durch  Einführung  des  Namens  ehananea  be- 
weist. In  dem  Stücke,  das  auch  von  V  überliefert  ist,  wird 
die  Bibel  zehnmal  citiert,  Einmal  von  V  allein,  viermal  von 
y  in  dem  Theile,  welcher  in  die  Lücke  von  M  fällt,  viermal 
von  V  und  M,  Einmal  von  allen  Hss.  M  ist  dabei  meist  am 
breitesten.  Auch  im  weiteren  Verlaufe  scheidet  B  die  Bibel- 
steilen  aus,  vgl.  Vers  2305  S,  4024  ff.  (M).  Der  Vergleich  aus 
der  altdeutschen  Sage  wird  von  B  nicht  minder  als  überflüssig 
angesehen  und  daher  bei  Seite  geschoben:  es  beweist  darum 
fiir  eine  nähere  Verwandtschaft  von  M  und  B  durchaus  nichts, 
wenn  sich  einmal  die  Anfuhrung  aus  der  Bibel  in  beiden  nicht 
findet;  V  219,  3  heisst  es: 

grdzer  siege  wurden  nie  getan, 

si  ne  slüge  wilen  säms&n, 

der  die  grozen  mäht  an  ime  truoch 

daz  er  mit  eines  eseles  backen  ein  tüsint  Hutes  ersluoch, 
idaz  er  und  Hutes  zu  streichen  und  er  sluoch  zu  schreiben?) 
B  lässt  jede  solche  Stelle  weg,  ist  auch  hier  sonst  von  M 
ganz  unabhängig,  darum  das  Fehlen  Samsons  kein  gemein- 
samer Fehler  von  M  und  B.  Das  eben  angeführte  Citat  aus 
der  Bibel  ist  ganz  im  Stile  solcher  Vergleiche  (cf.  Lichtenstein 
QF.  XIX  s.  CLII),  während  die  Anknüpfung  von  biblischer 
Gelehrsamkeit  in  A  anders  typisch  war:  tyre  ist  noch  div  selbe 
stat  (W  1257);  diz  ist  noch  der  selbe  walt  (W  945);  diuselbe 
burch  sardix  (W  1762);  medin  rieh  ist  noch  daz  selbe  lant  (W 
1840);  oder  es  heisst:  armenien  lant  .  .  .  diz  was  da  diu  archa 
gesaz  (W  1850);  diz  was  darios  ter  .  .  (W  552);  zityam  .  .  .  diz 
was  da  (W  770) ;  diz  ist  libanus  der  .  .  .  (W  942) ;  oder  endlich : 
«Vi  stat  heizet  nicom^dias  da  .  ,  .  (W  906  f.) ;  ouch  pitaniam  da  .  . 
(W  772)  vgl.  M  2305  chorintkia  was  ein  michel  stat  di  .  . 

Oftmals  sind  die  Ursachen  nicht  zu  erkennen,  durch  die  *B 
zur  Aenderung  bewogen  ward,  doch  zeigt  sich  Streben  zu  moder- 
nisieren; manches  wird  als  veraltet  empfunden:  arbeit  ist  ihm 
nichts  Betrübendes  mehr,  er  muss  also  leit  dafür  setzen  ^  (845). 

^  In  der  Einleitting  Vers  334  blieb  stehen:  d6  half  er  mir  üx  areheit  auf 
«^en  Kampf  bezogen  und  Vers  380  von  den  arbeitten  hmtt  du  acheire 
känyin,  womit  die  Geburtswehen  gemeint  sind. 


60  W«rner. 

halt  als  Epitheton  ornans  kennt  er  nicht  mehr,  er  schafft  es  fort 
(Vers  979.  1104.  1550).  zende  ist  nicht  der  von  ihm  gebrauchte 
Plural,  er  ändert  daher  (Vers  743.  1484).  ort  muss  wegfallen 
(1532),  auch  gegen  gire  zeigt  sich  Abneigung  (Vers  1195.  1399). 
Das  Pferd  darf  nicht  mehr  weieuj  es  muss  winheüen  (594),  ftir 
helde  wird  voUc  gesetzt  (Vers  1061).  Dann  erweist  B  Streben 
nach  Abwechslung,  er  hält  Vers  1597 — 1602  nicht  an  der 
Ueberlieferung  fest: 

cilicien  heizet  ain  lant, 
si  brdhtin  im  azech  tdsint. 
von  ninive  fvurden  ime  gesant 
ain  unde  zewainzich  tüsint, 
die  üzer  armenin  lant, 
81  brdhtin  ime  aht  tüsint 
sondern  schreibt: 

achzig  tüsing  wart  gesant 

von  cillizya  dem  lanL 

(von)  ninive  h'dhte  dar 

zwmzig  tüaing  in  ir  schar. 

achzig  tüsing  wdrent  der 

die  von  armenye  kirnen  her. 
Dadurch  hat  die  Stelle  entschieden  gewonnen. 

Lantstand  in  B. 

Im  folgenden  Abschnitte  betrachte  ich  die  lautlichen  Ver- 
hältnisse von  B ;  freilich  lernen  wir  nur  den  Schreiber  kennen, 
jedoch  ist  auch  für  den  Bearbeiter  manches  aus  den  Reimen 
zu  gewinnen. 

Ich  verzeichne  bei  jedem  Laute,  was  in  B  dem  reinen 
Mhd.  entspricht;  dabei  scheide  ich  aber,  indem  ich  unter  I 
den  Lautstand  von  Einleitung  und  Schluss  (Vers  1 — 534  und 
4241 — 4734)  zusammenfasse,  unter  II  den  Lautstand  des  Ge- 
dichtes, so  weit  es  in  VMB  (Vers  535 — 1623),  unter  III  so 
weit  es  nur  in  M  B  überliefert  ist.  Die  Beispiele  werden  keines- 
wegs vollzählig  aufgefÜhii;,  sondern  bei  jedem  Falle  eine 
Auswahl  getroffen. 

Wie  sich  schon  zeigte,  sind  Bearbeiter  und  Schreiber 
nicht  ein  und  dieselbe  Person  (s.  o.  S.  55  f.) ;  darum  empfahl 


Die  Basler  B«arbeiiaii|(  tob  LtoibreclitB  Alexander.  61 

es  sich,  die  durch  Reime  gesicherten  Eigenthümlichkeiten  von 
den  andern  zu  trennen  und  als  charakteristisch  für  die  Sprache 
des  Bearbeiters  hervorzuheben. 

Der' Dialekt  ist  durchgehends  alemannisch,  nur  scheinen 
sich  Sparen  des  Md.  zu  finden;  ich  verweise  darum  jedesmal 
auf  Weinholds  Alemannische  (AG)  und  Mhd.  Grammatik 
(MhdGr.).    (BG  natürlich  Bairische  Gr.) 

A.  Vooalismufl. 

1.  Die  einfachen  Vocale  mit  ihren  Umlauten. 

a.  Der  Bearbeiter  steht  auf  streng  mhd.  Lautstufe;  er 
gestattet  sich  nur  Reim  von  a  :  a,  was  nicht  auffällig  ist. 

In  der  Sprache  des  Schreibers  wird   mhd.  a  geschädigt: 

1.  durch  übermässige  Ausdehnung  des  Umlauts,  in  der 
Hs.  durch  e  wiedergegeben.  II  Vers  898  erbeit  AG  §  12. 
15.  MhdGr.  §  28.  35.  Vers  1123.  1198.  1453.  1510  hertUr 
als  Positiv.  Im  Comparativ  Vers  612  lenger  als  Adverb.  III 
2904.  2951.  3282  ei-beit  3035  menlich.  I  4386  gevelle  steht 
für  gevalle. 

Dabei  ist  Schwanken  vorhanden  zwischen  den  Formen 
mit  und  ohne  Umlaut.  I  362  mengt  lant  4355  menges  (=  manegen) 
gegenüber  4111  manig  4113  mangen.  II  675.  1003.  1179.  1189. 
1245  menger  gegenüber  1168.  1181.  1186.  1462  manig.  III  2263. 
2613.  2520.  3036.  3139.  3211.  3238  menger  und  3390  menigvalt 
gegenüber  3189  manger,  (Zwischen  iemen,  niemen  und  ieman, 
nieman  dasselbe  Schwanken  vgl.  Vers  4042.  4143  gegenüber 
4139.  4334  AG  §  17.) 

2.  durch  Verdumpfung  zu  o.  AG  §  25.  Es  findet  sich 
nur  in  wand  sehr  häufig  III  1635.  2293.  2296.  2307.  2368. 
2405.  3054.  3720.  3732.  3874,  daneben  jedoch  in  I  z.  B.  118. 
383.  411  wand,  Vermuthungsweise  ist  o  für  a  auch  anzunehmen 
Vers  2396  eol  für  eaU.    III  3467  old    3663  older  (3745  oder). 

d.  Auch  dies  vom  Bearbeiter  rein  mhd.  bewahrt.  ^  Beim 
Schreiber  tritt  dafür  e  ein  III  2989  hest  2186  ket :  rät,  ein 
Beweis,  dass  der  Bearbeiter  nur  hat  schrieb. 

*  Der  Reim  moren :  geboren  (=  gehdrenj  3099  f.  ist  zweifelhaft,  man  wird 
andere  Versabtheilang  vornehmen  müssen;  die  Stelle  ist  verderbt. 


62  Werner. 

Sehr  häufig  wird  a  zu  o  AQ  §  44.  124.  MhdGr.  §  76. 
Da88  dies  nicht  blos  Zeichen  des  EUässischen,  sondern  vom 
dreizehnten  Jahrhundert  ab  allgemein  alemannisch  vgl.  Deutsches 
Heldenbuch  IVvii.  Viii.  Jänike  Altd.  Stud.  S.  58.  I  25  komen 
46  Aor  65  frage  178.  314.  412.  4921  iror  194  mos  226.  4376 
noch  (270  nach)  321  gebaren  :  waren  427.  4308.  4767  f.  4720  etc. 
jar,  jaren  4379  schaff  4452  getan  4505  /o?j :  man  ^  4623  sacken 
4639  rat  (idrat)    4721  underlas. 

II  545  warefi    587  jar    652  mall    688  fo«. 

III  1749.  1759  waren  1694  nache  1758  eivicÄroAe»  1771 
«cÄocÄ  1843  Strasse  2030  >  2041  graffen  2052  fcomen  2133 
^071  :an  =  gdn  :  an«  2929  :  stan  2195  geboret}  2350  Zo*f  2404. 
3728  wo/icfc    2608  las   3178  ?iwderfo«   3291  /roj^e  (3305  fragte). 

ä  und  ce  werden  in  der  Hs.  durch  e  wiedergegeben  und 
dies  scheint  dem  Dialekte  des  Bearbeiters  zu  entsprechen  AG 
§  39.  89.  122.  MhdGr.  §  61 ;  es  finden  sich  nämlich  folgende 
Reime :  I  417  f.  4368  f.  swer :  Alexander,  III  2236  mer :  Alexan- 
der, daneben  Alexander  Vers  2630  :  wer  stf.  2682  :  her  gereimt. 
Auch  4559  Capadocyer  :  schriber  sind  gebunden.  Dem  Bearbeiter 
erschien  also  Alexander  wohl  als  Verkürzung  aus  Alexaiidoere. 
(Die  metrische  Verwendung  des  Namens  ist  bei  ihm  eine  un- 
gleiche. Vers  471  dlexänder  ebenso  493.  512.  517  u.  o.  alexdnder 
Vers  584.  691.  868.  883.  alexdnd^-  Vers  741.  749.  879  wenn  in 
diesen  Fällen  nicht  alexand^r  zu  betonen  ist  wie  853  alexandrb.) 

Beim  Schreiber  I  25  f.  u.  o.  mer  :  wer  =  masre  :  wäre 
176  specher  219  leg  :  pfleg  4456  sessen  :  esen  =  soizen  :  cezen 
4386  wenne  =  wcene,  II  Vers  583  brechtte  swer  907  vevechttet, 
III  Vers  1662.  2210  wer  :  mer  2361  teerest  1772  sfette  1914 
hetti :  tette    2072  kernen    2291  seid. 

Einmal  steht  a  für  ce  III  3036  datten^  doch  dürfte  dies 
nur  Misverständnis  sein  (Ind.  für  Conj.). 

age  wird  contrahiert  1.  zu  a  (=  ä)  II  870  klate  MhdGr. 
§  55.  Dies  scheint  nur  md.  zu  sein  vgl.  MhdGr.  §  58.  Nichts 
Entsprechendes  AG  S.  34  f.  — 

2.  zu  ei  AG  §  56.  99.  131.  MhdGr.  §  103.  II  778  seitte. 
III  3624  f.  treit :  magst  leü  (:  leget) ;  es  gestattete  sich  also 
auch  der  Bearbeiter  solche  Contraction  — 


1  Beim  Bearbeiter  also  d :  a. 


Di«  Basier  Bearbeitung  von  Laabrecht«!  Alezand^^r.  63 

3.  ZU  6  (=  e),  welches  oft  für  ei  steht  (s.  u.)  III  1759 
teding    2634  deding  =  tageding  (AG  §  38.   MhdGr.  §  68). 

dhe  wird  zu  e  (=  e)  III  3903  geven  =  gevähen.  Dies 
scheint  md.    MhdQr.  §  68. 

a  findet  sich  als  Svarabhakt!  in  dem  Personennamen 
Karatter  Vers  3909  für  das  gewöhnliche  krat»i\  Die  Schrei- 
bang  der  Eigennamen  ist  jedoch  so  ungenau  imd  schwankend, 
dass  aus  ihnen  nichts  geschlossen  werden  darf.  Ich  zog  sie 
daher  im  Folgenden  gewöhnlich  nicht  herbei.  ^ 

aa  ohne  lautliche  Bedeutung  Vers  4203  gesfaalt, 

e.  Auch  hier  steht  der  Bearbeiter  auf  streng  mhd.  Stand- 
punkte, nur  gebraucht  er  die  Form  har  =  her  :  gar  Vers  3844, 
was  alemannisch  überaus  häufig  ist  (AG  §  11  S.  92),  sich  jedoch 
auch  md.  findet  (MhdGr.  §  23);  beim  Schreiber  macht  sich 
wieder  sein  alemannischer  Dialekt  geltend. 

In  der  Flexionssilbe  erscheint  a  für  c,  was  aber  ver- 
schrieben sein  dürfte  in  Vers  4495  ertrenkan  :  senken.  Sonst 
(AG  §  11)  II  volle  Form  danan  Vers  820.  969  neben  danen 
{:  manen  =  mannen)  Vers  1087.  III  danan  Vers  4131  neben 
danen  4079.  a  für  e  tritt  ein  in  har  2661.  2774.  3691.  3844 
:  garj  in  sant  =i  sent  Vers  3132  :  ungewan  (zu  lesen  ungewent). 
2927  markte  für  merkte. 

i  für  e  II  Vers  640  w  =  e«  AG  §  415.  MhdGr.  §  460.  — 
In  Stammsilben  nur  einmal  I  Vers  4480  liger  =  leger y  daneben 
Vers  3561  legere.  —  In  Ableitungssilben  I  414  ellimenien  4460 
keminatten.  TL  1160  obrist.  III  3254  zigibein.  —  Vorzüglich 
erscheint  i  oder  y  in  geschwächten  Endsilben  AG  §  23.  MhdGr. 
§  38.  Die  Zahl  der  Fälle  ist  sehr  gross;  folgende  seien  erwähnt: 

I  32  vesti  39  mengi  212  wüesiy  272  toieett.  —  288  ivitti 
335.  362.  4509  grosd  4512  liebi  491  selbi.  —  232  zeigi  276  hetti. 

II  976  gabi  1013  hevzy  1461  burdi.  —  1244.  1289  grossi 
1283  schont    998  jüdeechy    1088  sweiH.  —  803.  1567  müesti. 

m  1741.  1928  veetin  1773  alU  2015.  2352  grossy  2175 
edli  2402  mengi  2097  kreichschy.  —  1914  hetti  1932  zugi 
2269  kernt  2402  stelli  2634  hielti  2635  detti  2641  entetH 
3150  silUi. 


*  Yen  442  niean  ist  in  niend  sn  bessern.  AG  §  10. 


64  Werner. 

Auch  0  für  e  (resp.  i)  tritt  ein :  II  1028  einloff.  III  2655 
wilond  (AG  §  25.  83.  116);  nicht  minder  Umlaut  von  o  (Hb.  b) 
für  e  AG  §  28.  117.  MhdQr.  §  46.  I  116.  153.  4349.  4379 
manschen  540.  4352  geschbfte.  II  573  monscha  1214  fremde. 
III  2389  bbsser,  3408.  3367  mbnschen  Höchst  auffallend  und 
sonst  nicht  belegt  ist  üe  für  e  in  diesem  Worte  I  4354  milenslich. 
HI  4202  mUenschen.  ile  für  cb  findet  sich  (AG  §  75.  109, 
8.  auch  u.),  jedoch  für  üe  =  ö  weiss  ich  keine  Parallele. 

u  für  e  steht  2397  stull   -    stele  :  sol  =  sale^  sde. 

eo  für  e  erscheint  II  598  leow  =  lewe, 

ie  für  e  (i)  HI  2099  wiest :  vest  AG  §  63.  Vers  3946 
geniessen  (=  genesen)  :  wesen  wohl  nur  Schreibfehler. 

e.    Der  Bearbeiter  bewahrt  es  unverletzt. 

i  wird  in  der  Sprache  des  Schreibers  schon  zu  ee  I  332. 
364  ee  375  wee.  II  831.  1434.  1440  ee.  III  4094  ee,  doch 
auch  mee  II  723. 

le  für  e  H  999  Jei^aliem  AG  S.  62,  §  102.  135. 
MhdGr.  S.  96. 

ege  wird  1.  ei  III  3900  leitfe  3625  leit  3979  gehit  AG 
§  56.  99.  131.  MhdGr.  §  103.  —  2.  e  (=  e)  I  4250  allwe^id 
=  alUwegenb  AG  §  38.  MhdGr.  §  68.  —  3.  o  I  4343  gon 
=  g^g^'^h  doch  dürfte  dies  nur  Verschreibung  sein :  o  und  e 
sind  in  B  einander  überaus  ähnlich,  freilich  ist  an  unserer 
Stelle  0  ganz  deutlich. 

ebe  zu  e  zu  contrahieren,  gestattet  sich  der  Bearbeiter ;  er 
reimt  727  gege7i  (=  gegeben)  :  den  AG  §  38.  MhdGr.  §  64.  68. 
Das  6  ist  kurz  vgl.  Jänike  Altd.  Stud.  S.  59,  Zs.  17,  506,  — 

II  Vers  689  gen    1370  gen  :  leben. 

Für  Synkope  und  Apokope  des  e  bietet  fast  jeder  Vers 
ein  Beispiel,  Conjugation  und  Declination  werden  gleich  stark 
davon  betroffen,  und  zeigen  den  ärgsten  Verfall  der  Endungen. 
Bei  Synkope  des  e  tritt  einige  Male  Assimilation  ein,  z.  B. 
Vers  622  lept  daneben  Vers  555  dobt.  Die  Behandlung  zweier  e 
bei  absteigender  Betonung  ist  in  I  und  II  consequent,  während 

III  schwankt.    In  I  und  II  wird   das   erste  e  synkopiert    ohne 
Rücksicht  auf  die  Quantität  der  Stammsilbe. 

I  330  rittren  352  meistren  4468  vedrefi  189  edie  4518 
üblen  4533  obresf  4249  liebste  4325  nechster  53.  277.  4323 
andren  47  verwandlet  4355  wundret  4525  ordnen  4672  genidret. 


Die  BasUr  Bearbeitnog  Ton  Lambncbia  Alexander.  65 

n  1444  riHren  1086  übles  1426  fordreat  831.  1136 
andren     635  wadlet 

III  ebenso  3177  ein  3361  nttren  3464  geülen  3088 
focAttren  3527  edlem  2613  vordren  2464  vordreat  2431.  3068. 
3117.  3206.  4128  andren  3089  titwren  2268.  3650.  3764.  4721 
vmdret  3859  gentdret.  Dagegen  2963  übel  3637.  3801  andern 
3090  tifi^erm    3440  unsem    3706  verwandelt. 

Dann  findet  sich  II  Vers  666  tuwet^en  812  ttitrerefn  ge- 
schrieben (843  dieneren  gehört  natürlich  nicht  hierher).  III  3949. 
4073  ttiireren    3788  ^riwtreren. 

Unorganisch  wird  e  angefügt,  doch  nicht  sehr  häufig. 
1095  berge  als  Acc.  sg.  2289  «tine  als  Voc.  (scheint  md.  zu  sein). 
Zwischen  Liquiden  im  Inf.  19  besweren,  endlich  in  der  1.  sg. 
iod.  pt  2367  Hesse  =  liez.  Dreimal  bietet  B  die  Form  künkerich 
dar  Vers  576.  4169.  4246  (hier  küngkerrich  geschrieben),  die 
conseqaent  festgehaltene  Form  fUr  künec  ist  küng^  e  daher  zur 
Vermeidung  der  Consonantenhäufung  eingefügt.  Svarabhakti 
in  geren  :  eren  4581  und  auch  sonst  3484. 

{.  Der  Bearbeiter  steht  auf  der  Stufe  des  strengen  Mhd., 
nur  reimt  er  te  auf  i  1800  f.  rietten  (von  raten)  :  sitten,  während 
er  1826  den  Reim  dingen  :  gtengen  in  viengen  :  giengen  änderte ; 
Vers  4185  mir  :  schier  (dies  soll  ausschliesslich  bairisch  sein 
vgl.  aber  Brendicke,  Laut-  u.  Formenl.  13). 

e  für  i  I  4684  Allexandrea  (gegenüber  4695  Allexandrya), 
II  724  samer  =  sam  mir,  HI  2431  swemet  =  svnmmet  3362 
swemerij  daneben  3570  swimen.  2784  rech  =  riche  1.  sg.  ind.  ps. 
(3515  gvld,  meint  wohl  guldin  nach  3613  und  sonst.  Nur 
Vers  213  steht  verschrieben  wurzelen  :  sin). 

ie  für  %,  resp.  e,  und  o  für  i,  resp.  e,  siehe  unter  e. 

t.    Der  Bearbeiter  streng,  nur  sie  :  hie  4193. 

ei  für  t  steht  II  Vers  1333  gnedeMeich  für  -lieh  und  -lieh, 
wie  B  abwechselnd  reimt;  Vers  56  beinin  steht  für  Itntn,  das 
Misverständnis  scheint  auf  einer  Form  leinin  zu  beruhen. 
Offenbar  misverstanden  sind  die  Formen  1753  gebeitten  2230 
er6eiten :  striten  2325.  2421  beitten,  wo  %  das  einzig  Richtige  ist. 
Jenes  eine  -leich  gehört  also  zu  den  Fällen,  in  denen  gelegent- 
lich auch  alem.  ei  für  t  erscheint  AG  §  57.  99.  131.  MhdGr. 
§  91,  wenn  man  nicht  lieber  Verschreibung  annimmt. 

Sitsancsber.  d.  phil.-biit  Gl.  XCIII.  Bd.  I.  Hft.  5 


66  Werner. 

le  fiir  t  I  4700  liebes  =  libes  misverstanden. 

t  erscheint  III  3085  vhiden  und  4193  d  (Hb.  sy  :  hu) 
&LT  te,  resp.  ta. 

ibe  wird  t  I  386.  536.    11  818  git  =  gibet. 

j  für  i  I  Vers  4409  jnen  4721  jn  4572.  3207  jren,  auch 
vor  Vocalen :  4042  Jemen  4334.  4139  jeman  4461  y<?(ier  3538. 
4588  ye  3314.  3345.  4641  jemer.  II  Vers  1216  jemer  1440 
jeman    1508  jf^. 

Synkope  von  t  (resp.  e)  findet  sich  durchgehends  bei  küng  und 
küngin.  Vgl.  ferner  I  4026  sidner  4666  mecidonacher.  11  in  ver- 
schiedenen Formen:  1037  hrieschen  1234  kriechs  1247  kreüfchy, 
III  2438.  2483  kriechsen  2568  foiV5cA<?r  3072  kreichschen  3366 
kriechschi    3072.  2080  kreichschen    2097  kreichschy. 

Eingeschoben  erscheint  i  Vers  4105  wnniste  für  wünschte, 

0,  Der  Bearbeiter  reimt  a  :  o  4486  nacA< :  mocht.  Im 
Superlativ  ist  die  Form  auf  o,  welche  der  Keim  verlangt,  vom 
Schreiber  verwischt  Vers  1868  fordresf  :  c?ro«f,  doch  findet  sich 
ausserhalb  des  Reimes  3123  zwenzigosten  gewahrt.  Sonst  ist 
nichts  zu  erwähnen.    Beim  Schreiber  jedoch  steht: 

a  für  o  I  4306  van  für  von  AG  §  11.  MhdGr.  §  20. 
III  erhalten  erscheint  a  in  ungeioan  Vers  3131.  3718.  AG  §  11. 
Eingetreten  in  nach  für  noch  Vers  2136.  2965.  AG  §  11.  gezagen 
Vers  3943  ( :  herzogen),    Vers  76  alimpya  für  olimpia, 

e  für  0, »  II  Vers  1293. 1304  kleinet  neben  kleinot  Vers  1300. 
AG  §  17. 

u  für  0  II  Vers  1134  f Orchiten  :  vnirchtten, 

0.  Nur  Sprachformen  des  Schreibers  zu  erwähnen. 

a  fiir  ö  in  III  Vers  3224  und  3239  datten  für  toten 
irrthümlich. 

ou  für  d  343  schüs  =^  schdz  AG  §  71.  105.  139.  MhdGr. 
§  97.    Schönbach  Zacher's  Zs.  für  d.  Philol.  6,  282. 

MO  für  6  2285  //-«o  ( :  «6),  wo  frd  zu  lesen  ist  wie  in  M. 

ö  und  (B.  In  B  geschrieben  o  und  I  (z.  B.  I  4453  michf 
=  möhte.  m  2398  mechte) ;  auch  o,  was  wohl  nur  Flüchtigkeit 
der  Schrift   ist  (Vers   3609   gotte]   127.    130  steht  goiU    118. 

1  Vers  4434  verzech,  wohl  für  verzoeA,  jenes  paust  nicht  in  den  Zusammenhang. 


Die  Basier  Bearbeitung  Ton  LambrechV«  Alexander.  67 

120  gölten  572  gotfer).  Die  Sprache  des  Bearbeiters  auch 
hier  strenge. 

Beim  Schreiber  unterbleibt  der  Umlaut,  z.  B.  I  4254 
fcione«  wih,  TU  3449  schone  houme  3816  schone  keminaty  dringt 
dagegen  z.  B.  in  das  Adverbium  ein  3780  schöne  gegenüber 
3809  schon.  Auch  sonst  gewinnt  der  Umlaut  an  Ausdehnung 
I  4452  sblich.  n  605.  698.  816.  1567  sbUchs  664  tV  soUent 
663  michtte  1319  hedbrffte.  III  1624.  2146  u.  s.  o.  sUich  1660 
tcoü  2375  soU  2020  solle  1769.  1863  sblUn  2413.  2898.  4019 
Mmt  2593  tbrffte  3038.  3214  mbren  :  oren  (3612)  :  geboren  « 
(=  jeJeiren  3099)    1987  dort  AQ  §  27. 

ij«  für  03  AG  §  75.  109  Vers  76  schüeni.  Es  ist  eine  ganz 
junge  Form. 

Zu  bemerken  die  Schreibung  d'Aechte  :  mbchtte  Vers  4140. 

V.   Die  Sprache  des  Bearbeiters  ist  strenges  Mhd. 
€  für  u    II    1055   ende  =  unde   (Welle),    wohl    nur   mis- 
rerstanden,  wie  bei  diesem  Worte  oft. 

0  für  tt  AG  §  24.  83.  116.  MhdGr.  §  42.  I  466  begonde 
(dagegen  464  begund  :  stund).  II  571.  618  begonde  (631.  880, 
1447  begtinde).    III  3493.  3757  kond    3038  wosten. 

no  (Hs.  t?)  für  w  I  4546  fruoni  =  ürum  :  pottolomeum 
MhdGr.  §  129.   AQ  §  78.  111.  144. 

üe  für  u  I  113  %:it6n69i. 

tt  ;=  un  nur  verschrieben  4337  bettuntgen  =  betwungen. 

ü. 

ile  fiir  <2  III  1985  rilemen  =  rümen  ist  nur  Misverständnis. 

tf  =  tfire  I  4724  butte  =  büwete. 

ü  und  tu  werden  durch  ü  ausgedrückt,  517  steht  jedoch 
u  =  in  i-uwe  =  riuwe.  Umgelautete  und  nicht  umgelautete 
Firmen  stehen  neben  einander. 

1  1024.  4511  furstm  36.  4558  fürst  12.  44  ub&r  57  wurd 
20  wurden   407  zug    4315  sun  (=:  siune)    4317  suneiwunen, 

II 852  getoundet :  gekündet  1215  gewunen  1460  wurde :  iurdt 
1521  kundikeit. 

m  1661.  2494  umrdö  1734  A:un  =  ii^nne  1883  Arm* 
1932  ztt^i    1938.  2384  fvrsten    1966  Äwnj    4022  kungin    2063 

^  Doch  ist  dieser  Reim  zweifelhaft. 


68  Werner. 

hruken  :  sinken  2102  ruhen  2272.  4151  fünf  2468  erwirb :  gturb 
2776  durlick  2843.  2979  /wr  2911  furbas  2997  i«eten  =  Ktite 
4235.  4228  hult    4236  /«Z^te    3359  fürt :  «pwH. 

Eingedrungen  ist  der  Umlaut  z.  B.  Vers  4338.  4544.  4550 
Süllen.  Daneben  11  3143  sullen.  UI  3930  sülen.  B  schreibt 
auch  III  4206  genattüret 

i  für  «  AG  §  22  I  Vers  134  gewirket 

6  für  «  AG  S.  29  I  4334  fbrcht  ^  ich  vUrhte. 

ie  für  ü  I  136  wienschen,  es  ist  sonst  nicht  belegt;  ie 
für  ü  entsprechend  gemeindeutschem  tu  findet  sich  bei  Konrad 
von  Ammenhausen  (Vetter,  Neue  Mittheilungen  p.  V).  tiefet 
neben  tüfel,  beweist  aber  nur;  dass  die  Hss.  noch  unterscheiden 
zwischen  ü  und  tu. 

üe  für  ü  MhdGr.  §  133.  Es  scheint  mehr  bairisch.  BO 
S.  109  f.  (AG  §  75)  I  174  sUel  4634  süellen  262  müege.  II  888. 
890.  892  süellent.  III  2442.  3891  müegent  2860  müegen  2940 
müegens    2860.  3156  süellen, 

2.   Die   Diphthonge. 

ei.  Nur  Sprachformen  des  Schreibers  zu  erwähnen. 

c  far  et  I  488  mander  427.  587  zwenzig  AG  §  17  S.  308. 
II  637  fredikeit  daneben  Vers  633  freidikeit,  1053,  1414 
zwenzig  1456  enander  1492  en  __  em  III  1741  ener^  2436 
zwenzig  3146  zwen  AG  §  36.  MhdGr.  §  63.  Neben  beide  er- 
scheint bede  sehr  oft  I  319.  403.  II  1429.  1456.  1501.  III 
2083.  2085.  gen  und  gein  neben  gpgen  allgemein;  z.  B.  648. 
945.  3497.  3529.  4293.  4415. 

ai  für  ei  I  138  crais  (Hs.  er  ais)   —  kreize  plur. 

ie  für  ei  MhdGr.  §  114  md.  AG  §  64  wird  die  Ver- 
rauthung  als  nahe  liegend  erklärt  ie  sei  für  ei  nur  verachrieben. 
I  253  schied  4290  zwie  (Hs.  zwe;  über  die  Bedeutung  von'w 
siehe  unter  w)  II  541  bies  664  gebietten  :  arbeiten  980.  1125. 
1417  zxcie  III  1999  giegny  _-  geigne  =  gegene  (?)  2809  iedem 
=  eidem,  Hieher  wohl  auch  919.  1612  zwielf  4313  ztcielfften 
AG  S.  307.  MhdGr.  S.  294.  Es  scheint  für  zweilf  zu  stehen, 
das  hauptsächlich  md.  ist,  sich  jedoch  auch  alem.  findet.  AG 
§  58.  99.  131.    MhdGr.  §  90. 

»  3463  ene  =  iene. 


Dia  Basier  Bearbeitung  von  Lambrechts  Alexander.  69 

oi  fiir  ei  140  geUnt  -  geUit  --^  gdeget  (wohl  vewchrieben). 
Doch  AG  §  69.  100.  104.  138.    Es   ist  besonders  schwäbisch. 

ie.  Der  Bearbeiter  verwendet  et  für  ie  im  reime ;  so  steht 
Vers  248  meit :  scheid^  jenes  für  rrdet  (:  schied^  wie  253  steht?) 
In  B  findet  sich  dies  sehr  häufig ;  es  scheint  mehr  md.  als 
alem.  zu  sein.  Weinhold  sagt  AG  §  59  (vgl.  §§  99.  131): 
,be8onders  verbreitet  und  fest  war  dieses  et  nicht'.  Damit  ver- 
gleiche man  MhdGr.  §  107  über  diese  Erscheinung. 

I  381.  390  scheire,  II  649  enpfey  :  gie  921  meitten  :  gebietten 
lO^hiesireis  1219  reit ten  (oder -^ redeten?)  124^7  Kreiscky  1245 
besleiff:  brieff  1302. 1346  breiff  1309. 1354  reimen  1432  kreichen. 
ni  1631.  1663.  2710.  4048.  4069  b-eiff  1671.  1724.  2882. 
3703  scheir  oder  scheire  1760  geheissen  1803  heing  :  bevieng 
2080.  3072  kreichschen  vgl.  weiterfe  Formen  unter  i.  2510.  2801. 
2867.  2932.  3075.  3109.  3124  kreichen  2312.  2632  reitten  2759 
bereiUen  2543  fieichen  2558  fleichent  2657.  2678.  2722  verheis 
3009  heg  =  hie  3220  schreit  3289  enpfeingen  3780  enpeing. 
Ebenso  zu  fassen  ist  3682  enpfenig  :  gieng. 

Sonst  findet  sich  in  B  e  für  ie  III  1936.  3061  krechen 
=  kriechen  1972  kregen  =  kriegen  1937  nemer  =  niemer  AG 
§  37.  122.    MhdGr.  §  63. 

i  fiir  ie,  es  scheint  md.  zu  sein.  MhdGr.  §  40.  III  3215 
hriehen  :  siechen. 

iu  für  ie]  die  Hs.  schreibt  ü.  III  3680  gebüt  4043  enbüttet 
1548  ßüchent  =  fliehent^  wohl  nur  verschrieben. 

{ie  =  tn.  3724  zwegen  ■=-  twingen  beruht  auf  einem  Mis- 
Verständnisse. 

iu,  Hs.  üf  wird  durch  ie  vor  allem  in  den  Formen  des 
Artikels,  durch  e  beim  Adjectivum  vertreten,  in  welchen  von  iu 
keine  Spur  mehr  zu  finden.  Vgl.  AG  §  63.  MhdGr.  S.  493, 
—  Vers  3275  urKeges. 

Ott  wird  in  der  Hs.  o  oder  ü  geschrieben  (115  bch  1069 
hM),  &  =  ouw  (96  /Hb),  einmal  au  (Vers  113  laugen :  taugen). 
Der  Bearbeiter  bindet  ou  und  ä.  Vers  1621  ouch  (Hs.  ooA)  :  «greicA 
(Hs.  goch)  AG  §  42.  124.  MhdGr.  §  75.  78.  80.  Es  ist  alem. 
und  noch  mehr  md.  im  Gebrauch.    HI  Vers  2214  roch  :  ouch 


70  Werner. 

3402   darnach  :  ouch    Ausserhalb    des   Reimes   steht  Vers  742 
undagen  =  untaugen  AG  §  34. 

0  für  ou  III  2891  brutloff  2922.  3985  urhb  (doch  vgl. 
MhdQr.  §  43)  AG  S.  43. 

(5  für  Ott  vgl.  AG  S.  46,  doch  ist  es  wohl  nur  verschrieben 
für  0.    in  Vers  3840  IbgnMt. 

u  für  ou  III  4181  dube  =  toube. 

öu.  In  B  findet  sich  diese  Form  gar  nicht.  Wir  bemerken 
Abneigung  gegen  den  Umlaut.  III  3701  erfrbwet  3777  ß-üU 
2235  frot  2374  frbtte  vgl.  AG  §  71.  105.  139.  Auch  II  1043 
frbd  =  fröude  ist  wohl  nur  flir  frbd  verschrieben  (vgl.  jedoch 
AG  S.  46). 

ei  für  öu  gehört  dem  Bearbeiter  an;  es  ist  wohl  nur  md. 
MhdGr.  §  92.  AG  bietet  nichts  entsprechendes.  1504  streit: 
mett  (1.  meii).     Die  Stelle  lautet: 

die  dotten  er  nider  streit  (1.  ströut), 
als  der  ein  gi'os  nider  mett   (1.  meit   trotz   Gr.   I^ 
neuer  Abdruck  888) 

Häufiger  ist  üe  für  öu  AG  §  75  I  114.  313  trüeme  147 
zUegte  486  züeg  422  lüewe  459.  496.  499.  4440.  4724  früede 
4514  früelichen.  II  649.  3401.  3775.  4106  fiüed  1074  büem. 
Hl  2299  trüemen. 

6e  T=  öu  ^=^  e  II  549  Idewen  —  lewen  resp.  löutoen  AG  §  72. 

uo    B  schreibt  ü. 

o  für  wo  AG  §  42.  124.  MhdGr.  §  75  II  1375  swor  ifuor 
1564  swor.    III  2836  swor   3452.  3454  wochsen. 

u  für  uo  I  470  sttiivd  —  siuont.  HI  2088  schuffen  wohl 
nur  verschrieben. 

ile.  In  B  gegeben  durch  üe^  selten  durch  ue,  we  =  wüe 
(Vers  212). 

Abneigung  gegen  den  Umlaut  lässt  sich  bemerken.  AG 
§  75.  77.  109.  143.  MhdGr.  §  132.  III  2250  wüsten  =  wüesten 
2914  benügte. 

u  für  üe  II  642  kuntlich  =  küenlich  misverstanden. 

ü  für  üe  II  674  küner  (1279  küene)  830  für  =  fiter  :  swüer 
1301  füren.  III  1731.  3697 /«>  26i9  füren  3723  fügeti  4028 
gemüte   (3215.  3874  kilener). 


Die  Buler  Bearbeitmig  TOn  Lambrechts  Alexander.  71 

ie  für  ««  AG  §  65  Vers  212.  272.  2682  wiesti  2225 
fciestest    4124  wiettende. 

Für  tije  erscheint  üe  (AUS.  356)  I  263  tue,  und  uo 
(AG  S.  356)  I  4606  tuo  :  zuo. 

B.  Consonantismua. 

Vor  allem  zu  bemerken;  dass  Gemination  der  Consonanten 
vollkommen  bedeutungslos  ist:  B  schreibt  ohne  Grund,  nach 
langen  und  kurzen  VocaleU;  den  Consonanten  doppelt,  so  dass 
ich  im  Folgenden  von  dieser  Erscheinung  ganz  absehen  kann. 
Femer  ist  hervorauheben,  dass  die  Schreibung  der  Consonanten 
in  B  zu  wenig  Consequenz  verräth,  als  dass  daraus  viel  Schlüsse 
gezogen  werden  könnten. 

1.   Die   labialen  Laute. 

6.  Mhd.  b  wird  p  I  4473  prachtte  =  brähte  4509  plix. 
n  1515.  1522.  1526.  1540.  1542  paner  686  pan.  HI  3554. 
3617  lechpartten. 

b  wird  bb  I  4730  abbrellen.    11  1064  abbe. 

Im  Auslaute  steht  b  und  p  für  b,  z.  B.  4643  unb  :  lip, 

Assimilation  von  b  a,n  t  bei  Synkope  von  e  I  4687  lopt 
4722  leptte.  II  622  lept  neben  555  dobL  III  3730  lepte  4151 
leptten    3731  streptte. 

b  wird  I  im  Inlaute  zu  ff.  Vgl.  AG  §  161.  Vera  18  zouffer 
gegenüber  Vera  43.  158  zouber, 

b  wird  w  III  4203  faito. 

Bemerkt  sei  schliesslich  die  Form  beben  =  phedeme  3772, 
vgl.  Lexer  I  136. 

p.  Mhd.  p  wird  b.  I  4258  bin  =  pin  4491  bracht 
AG  §  153.  II  1205  bortte  1241  bortten  gegenüber  1201  porten. 
in  3796  balas  gegenüber  3801  palas  4153.  4165.  4168  baradis 
gegenüber  4224  paradis.  Neben  dem  gewöhnlichen  porua  3135. 
3186.  3882  ftoiw   3616  banttier. 

pp  wird  im  Auslaute  vereinfacht.    III  3732  gesip. 

pf  für  p  III  3556  lampferden,  falsche  Etymologie  für 
hrnp^iden. 


72  W«rB«r. 

/.  Für  mhd.  ff  steht  l.>/  I  4482  pffaUacz  gegenüber 
4483  pfallacz  — 

2.  /p  I  4552  schbfpend. '  II  739  kofp    HI  2471  schinfp  - 

3.  /  III  3166  kanff  =  kämpf    1692  ranff  — 
.  4.  p  in  4026  peller    3780  enpeing. 

Ausgefallen  ist  /  Vers  1835  Jcetigee  =  kreftiges. 
to  fiir  t;  nur  verschrieben  Vers  4214  wil  =  viL 

w.  Angefügt  sei  das  Wenige  von  w  zu  Erwähnende.  Es 
wird  erhalten  in  den  Formen  II  636  kniuwete    1116  sewes.  * 

w  fillt  aus  I  4510  zifflvng.  III  2970  verziffeü.  3105 
unbetungen  =  unbettcungen,  —  In  Vers  3165  zen  für  zwen  mis- 
verstanden.    Vers  3162  ist  zehen  =  zicen. 

6  für  w?  ni  2276  ^oJe  =  grdwel  AG  §  155.  Vers  3372 
röber  misverstanden  für  ruotre. 

Die  Bedeutung  des  Zeichens  tb  als  wi  ergibt  sich  aus 
den  Zusammenstellungen  betwngen  Vers  22  zwsent  4288.  2275. 
Doch  hat  es  auch  die  Bedeutung  von  iuw  oder  tu?  517.  921. 
1099  irw :  riiwe  667  getrw  und  von  einfachem  ü  1675  sthes  :  mtio«. 
In  Vers  830  ist  f^  =  tci^  8we%'  ^/ör.  —  Neben  w  findet  sich 
auch  ü  in  gleicher  Bedeutung.    Vers  3033  züen  =  2450  zwen. 

2.   Die  lingualen   Laute. 

d.  Mhd.  d  wird  im  Anlaute  zu  L  I  68.  267.  531  vertagen 
4698  getagen     141    fo'u^ni««e     4376   beiiuttet    487  ^raf   -     cird^ 

II  608.  647  vertagen  1347  betiutung  1241  trungen  gegenüber 
1428  dranj.  III  1620  taryo  u.  s.  o.  2476  trungen  2593  «or^^c 
2735  trat  gegenüber  3151  draL  Auch  im  Inlaute  Vers  3995  megte. 

Im  Auslaute  bleibt  es  meist.  I  z.  B.  29  ward  46  sneid 
55  land  oder  es  wird  zu  t  Vers  183  Äan«  10  lant  etc. ;  ebenso 
in  II  und  III. 

Assimilation  an  t  bei  Synkope  von  ex  I  Vers  66  rette 
--  redete  \  dies  tt  kann  im  Auslaute  verkürzt  werden  131  geret. 

III  1679  ret  =  redete.  Auch  entgegengesetzte  Assimilation 
I  162.  231.  4505  u.  s.  o.  wilttu  neben  509  wiltu.  II  1528 
müstu.     III  2187  wilUu. 


*  Vera  1709  f.  kniut :  nie  *o  ire,  wohl  die  Form  knt  anzunehmen. 


Die  Basier  Bearbeitung  von  Lambreebta  Alexander.  73 

Epithese  von  d  II  Vers  1495  eilend  für  ellefi.  III  Vers  3060 
eUend  rieh  3236  wald  stat,  kann  zwar  als  Volksetymologie  ge- 
fasst  werden,  jedoch  steht  sie  parallel  den  Formen  mornent, 
wilent  u.  8.  w.  AG  §  175. 

t  Mhd.  t  wird  im  Anlaute  zu  d.  AG  S.  142  I  Vers  175. 
195  dMu  4312.  4325.  4361  etc.  datten  263.  295.  336.  350. 
4258.  4275.  4354  etc.  dot,  dodes  4720  dreib  4728  undetdetiig 
4277  drat.  II  1033  dün  569  dot  555  dobt  896  deillen  1072. 
1207  dümen  1246  diur  1311  deglich  1008  underdan  1341  dar. 
III  1686.  2944  u.  s.  o.  dät  1688.  1703  dag  1713  doe  1780. 
2879  dochttm  1869.  3661  (vgl.  AG  S.  141  Anm.)  drost  2110 
doi'licher  2230  dar««  2406  dnwfee«  gegenüber  2408  trinket 
2634  dediny  2776  durlich  3094  draften  3400  erdrat  3395. 
3574  dicr   4181  dube  r^  <ow6e   4210  dei7. 

t  im  Auslaute  wird  erweicht.  I  Vers  39  sid  -  dt.  III 
2371  nd.  Unter  consonantischem  Einflüsse  I  393  erdbidem, 
in  3885  endran. 

t  fällt  im  Auslaute  mitunter  ab.  Vgl.  AG  §  177  I  Vers  405 
gedach  4384  erdach  4477  stach  4378  genan  (4297  ivil  --^  wilt 
kann  als  Dictatfehler  gefasst  werden).  II  Vers  1252  gedach 
1354  bedach  1629  hunder  1497  dank.  III  Vers  3303  bedek 
3430  ^eAicA    3962  dwcÄ.  —  3213  rü  ^  r6t   4208  wol  =  trofoe. 

Im  Innern  ist  t  ausgefallen  III  Vers  3393  mbchen  4023 
wikhaffer. 

Eingeschoben  aus  phonetischen  Gründen  erscheint  t 
Vers  642  kuntlich  —    kunlich. 

t  wird  auch  angefügt:  II  Vers  1242  bracht  — :  brachy  wohl 
misverstanden.     Anders  zu  fassen  75  balaß  (Hs.  balaft). 

Eis  findet  sich  im  Reim  II  Vers  1008  f.  underdan :  santj 
was  einem  Alemannen  zuzutrauen  wäre  AG  §  177;  doch  dürfte 
zwischen  den  beiden  Versen  eine  Lücke  anzunehmen  sein. 
Vers  1060  f.  versankt :  ertrank.  1532  f.  stauch  :  bräht,  wahrschein- 
lich stach  :  geschach  zu  lesen.  III  4029  f.  angesicht :  frilich,  was 
fraglich  ist.    Vers  3959  f.  Kratter :  swert. 

jf  flir  <  misverstanden   3037   helfang   (Volksetymologie?). 

dt  findet  sich  einmal  II  Vers  1363  mondt. 


74  Werner. 


Die  gross te  Verwirrung  ist  in  den  «-Laaten  eingetreten. 
Ich  verzeichne  folgende  Schreibungen: 

Mhd.  s  erscheint  in  B  als  s  und  /;  es  wird  aber  auch  j(J* 
oder  88:  I  Vers  500  m/ß  =  wife    516  dijjei*    4369.  4381  diffe. 

II  Vers  1096  gejjfeß   543  ejßl    578  we/ßn  etc.    III  Vers  3659 
gs£eßn. 

ßh  für  8  II  Vers  825  geßhendet  =  geßndet  misverstanden. 

III  Vers  1951  ßhol. 

r  fiir  8  III  Vers  2323  gefriuret. 

8  ist  abgefallen  II  Vers  1619  ßch.   814  zin8  steht  für  zinses. 

Hinzugesetzt  ist  s  II  Vers  573  mönßha. 

Für  8  erscheint  einmal  h:  III  Vers  3616  hechßig, 

^  wird  wiedergegeben:  1,  durch  z  I  Vers  316  yäz  gegen- 
über 338  ßs)  — 

2.  durch  8.  Auch  im  Reime,  also  in  der  Sprache  des 
Bearbeiters,  sind  8  und  ^  nicht  von  einander  verschieden.  Es 
reimt  z.  B.  Vers  71  f.  was  :  daz  {dz  geschrieben).  Vers  1498  f. 
8az  :  wa8.  Es  findet  sich  dieser  Reim  auch  sonst  in  alem.  Ge- 
dichten vgl.  AG  §  188.  Steinmeyer  Altd.  Stud.  S.  83.  Paul 
Zimmermann  Schachgedicht  S.  17.  Zacher's  Zs.  für  d.  Fhilol. 
6,  253.    Zs.  16,  218.  220.  DHE  IVvii.  Vivliixix. 

/  und  8  =z  ^.  I  Vers  250  grof  367  di8  —  weis  336  was 
(dafür  findet  sich  die  Schreibung  wzy  was  aber  auch  für  was 
stehen  kann,  dz  gilt  für  daz).  II  Vers  541  bies  584  «/ 
III  Vers  1131  hies  — 

3.  durch  ss.     I  Vers  254.  325.  396.  4326.  4327.    groffer 

II  Vers   558   hei/ßn.     III  Vers   3188   kreifß    3209   ilber/affen 
3405  offen  =  äzen. 

^^  wird:  1.  s  geschrieben.  I  Vers  249  wiß  4557  e/i» 
=  e^2;en,    III  Vers  3659  gessBsen  ==  geae^^en  — 

2.   88  und  ff.   I  Vers  4538   wi/ßn.    II  Vers  1422  wa/ßr. 

III  Vers  2425  waffer. 

ßh  erscheint:  1.  als  «  oder/.  I  Vers  4288  zKJi/eni.  4354 
müenßich  4446  miß  4499  erßokenem  403.  4105  wujiste  AG 
§  154.  190.    MhdGr.  §  188.     II   Vers   833  fand  =  ßhand  - 


Die  Basler  Bearbeitung  tob  Lambrechts  Alexander.  75 

2.  als  s8  oder  jöC  I  Vers  4450. 4461  ti//=  tißh.  III  Verß  3200 
zwiffen  — 

3.  als  chf.  I  Vera  4492  lach/z^  lafch.  II  Vers  710  tichfe 
1499  frichflich    1234  kriech/.    IH  Vers  3553  jklif  — 

4.  als  yjj.    I  Vers  536  gefcrift  — 

5.  als  fch,  Vers  3420  fwowen  für  fchouwen  ist  nur  ver- 
schrieben. 

Noch  ist  zu  erwähnen  Vers  3176  getoa/chfen  .  _  gewachfen 
und  Vers  2450  weffen  —  weffetu 

z  wird  auch  cz  geschrieben,  I  Vers  499  ganczer  4406  holcz. 
Dieselbe  Schreibung  für  tz  Vers  387  8tcz  4463  siezen,  — 
X  für  ez  Vers  4596  pZi«. 

eh  flir  z  Vers  337  kurchlich. 

Für  to  erscheint  2t£;.  III  Vers  3375  zwang  3724  zwegen 
^^  twingen. 

3.   Die   gutturalen   Laute. 

g  erscheint   als   ch   III  2448  fliechen  vliegen   auch  im 

Reime  Vers  2158  geiaget :  vachet  4213  wag :  ungemach,  —  Abge- 
fallen ist  es  im  Anlaut  4117  o^  =  Gog.  —  d  ^^  g  verschrieben. 
III  Vers  3543  meid  ■-=  neig.  —  Im  Auslaute  wird  es  k  oder 
bleibt  erhalten.  —  Ausgefallen  ist  g  Vers  1169  herffrid  neben 
1081  hergfrid. 

k  wird  durch  g  ersetzt.  Im  Auslaute  I  Vers  4404.  4413 
trang  neben  4421  trank  III  Vers  3559  dang :  lang,  —  Im  In- 
laute II  Vers  758  linge  alem.  gewöhnlich  lingge  Vetter  Neue 
Mittheilungen  p.  VII  doch  auch  linge  Griesh,  pred.  1,  11.  — 
Vers  1116  sangten,   —   k   feilt  aus  II  Vers  849.  864  margroff. 

cÄ  für  Ä;  I  Vers  4703  kranch  :  lang.  III  2990  mach  —  mac. 
auch  im  Reime  Vers  3890  gesmak :  brach, 

g  für  ck  III  Vers  3531  glogen. 

tt  fiir  et  I  Vers  8  nettanibo. 

q  Vers  2848  qeUen. 

ch  erscheint  als  k.  I  Vers  234.  243.  320  traken.  —  Als 
gi  I  Vers  293  tragk.  -  Als  Ä  I  Vers  151.  168  zeiheti,  III 
Vers  3188  sah. 


76  Wern«r. 

ch  fällt  ab  II  Vers  986  dur  =  durch.  Auch  im  Reime 
Vers  1073  nä :  da.  IH  Vers  3820  hdch :  do. 

ch  eingeschoben:  II  Vers  553  lechbart :  W)arL  III  Vers  3554. 
3617  lechpartten    3289  fröchlich. 

h  durch  ch  vertreten.  I  Vers  179  siehst  180  hoehe  4623 
Sachen  neben  4625  sahen  .  .  .  sach. 

h  Mt  aus  vor  t.  I  Vers  4515.  4613  nü:  geschieht  4527 
geschit :  nicht,  —  B  hat  folgende  Formen  fUr  niht :  niut  (Hs.  nid), 
z.  B.  Vers  94  nicht  Vers  91  nit  Vers  96  ntcA  Vers  417;  im 
Reim  steht  566  f.  Hut :  niut  1018  f.  wicht :  nte&f.  —  Vers  351 
geschit,  II  Vers  620  niht :  sit,    III  Vers  3301  niut :  sieht. 

h  fällt  aus  nach  l.  I  Vers  4634  bevollen  4643  enpf ollen  4429 
mp/ai   4644  en;?/M.    II  Vers  1096  6eva«.   III  Vers  4175  weler. 

Auffallender  Weise  steht  Vers  2900  her  für  ei\ 

j  wird  durch  g  ersetzt.  I  Vers  44  vigent  ebenso  II  Vers  873. 
III  Vers  2798  müegen      -  müejen. 

i  für  jf.  II  Vers  1268  veriagte    991  verheriet. 

jh  ohne  Bedeutung  in  jhehen  1  Vers  331.  395.  478.  509. 

II  Vers  1528.  HI  Vers  3792. 

X  als  gs  in  Vers  4512  rogsan. 

4.  Die   liquiden  Laute. 

U  erscheint  vereinfacht  I  Vers  188  bilich.  —  n  steht  für  Z 

III  Vers   3633   manit    —    Ausgefallen   ist  l  Vers  3678   kage 
-=  klage. 

r  wird  verdoppelt.  I  Vers  4595  donrr  4280  serr  170 
Tnerr  r=r-  mcere.   AG  §  198. 

r  springt  um.  AG  §  197.  I  Vers  163.  411  hrütlieh 
=  hUrtlich  393  domblik  4395  verlonr  4697  sim  =  süir. 
II  Vers  962  bruJc     -.  Iure. 

r  fällt  aus.  I  Vers  495  truenklichen  441  ttiret  AG.  S.  166. 
Auch  wird  es  abgeworfen.  III  3291  me  -^  mcerCf  also  mis- 
verstanden.    3555  gespenget. 

r  wurde  eingeschoben  in  dem  Namen  burzival  vgl.  AG 
S.  166. 


Die  Basier  Bearbeitung  fon  LambrAchts  Alexander.  77 

Zwischen  r  and  n  tritt  e  als  Svarabhakti  ein.  3484  geren, 
rr  wird  r.    I  Vers  383  dire.   II  Vers  599  veriret.   623  türe 
813  dtra. 

m  durch  n  vertreten,  auch  m  auf  n  gereimt ;  beides  überaus 
häufig.  Vgl,  AG  §  203.  I  31  kein.  Ebenso  II  588.  III  3235. 
Im  Reim  237  gaden  :  schaden.  4430  heinlich  4586  cleopatt^an 
261.  381.  4509,  4510  kunt.  Ebenso  II  610,  III  2016.  I  4455 
alksant :  hant.  II  696  undertan  :  kan  614  t?«rwan  :  kan,  HI  2010 
^ow  :  man  1818  ftifjan  :  lobesam  2724.  3353.  3636.  4083.  4633 
dan :  kan  2320.  2522.  2558.  2568  kan  :  man  3341  nam(e)  :  an 
3277  rvom :  getwyn  3889  gaden.  —  1692  ranjf  :—  ramph  3166 
ian^  .—  kämpf, 

n  wird  durch  m  ersetzt.  AG  §  168.  Vers  3799  bodem 
3210  machen  -~-  nähen,  jedesfalls  misverstanden,  ebenso  3672. 
3712  nehmen  r=  nennen  (was  freilich  auch  anders  gefasst  werden 
kann)  und  3543  meid  -^  neig, 

nn  fiir  n,  4678  anne  —  dne  (4712  an  4720  on)  4386 
wmne  =  u^ee?)«   4466  gemne  etc.    1376  tnn. 

r  für  w  nur  verschrieben.  Vers  1278  endrar  1489  Äerer 
^  herren. 

n  eingeschoben  AG  S.  267.  II  Vers  577.  1530  gewaltenklich 
1051  vestenklich  1374  zomenklich,  III  3201  gewaltenklichen  3687 
4030  tounenklich    4184  züchtenklich, 

en  :  e  erscheint  gereimt.  610  nache :  gevachen  3039  A^^^e : 
wertten  3143  bringen  :  gedinge  3167  %6/i(2e  :  wenden  2760  lieeeen  : 
verhiesee  (vgl.  auch  4012  Aer :  trern).  —  2093  äa :  gewan  ist  in 
(2an  zu  bessern.  2019  zuo  :  tuon.  Höchst  auffallend  ist  Vers  2766 
hxmidaryum,  doch  werden  die  Namen  sehr  frei  behandelt. 

nn  wird  vereinfacht.  I  Vers  276  geminet  371  f.  einen : 
gewinen  und  so  noch  oft.     Dagegen  3642  Hs.  gerant  {:hät). 

nn  steht  für  nd.  Vers  145  monne  AG  §  204.  Daneben 
Vers  4324  man. 

Aus  dem  Vorstehenden  hat  sich  ergeben,  dass  einzelne 
Sparen  des  Md.  sich  besonders  in  den  Reimen,  also  der  Sprache 
des  Bearbeiters  erkennen  lassen,  obwohl  auch  er,  wie  durchweg 


78  WerneT. 

der  Schreiber  alemannische  Formen  braucht.  Auch  war  zu 
ersehen,  dass  Schreiber  und  Ueberarbeiter  nicht  ^ine  Person 
waren. 

Flexion  in  B. 

Schliesslich  sei  noch  erwähnt,  dass  auch  die  Flexion  den 
alemannischen  Charakter  der  Sprache  nicht  verläugnet. 

A.  Conjugation. 

B  zeigt  die  grösste  Vorliebe  für  die  Endung  ent.  ^  Sie 
erscheint  1.  in  der  ersten  Person  pl.  ind.  ps.  (AG  S.  337) 
II  888  wir  sUellenL    III  2442  müegent    2898  sbllent  — 

2.  in  der  zweiten  Person  pl.  ind.  ps.  AQ  8.  337  f. 
I  529  hand  ---  habet  (ebenso  4332)  4629  mbgent.  U  664  sbllent 
680.  720  wellent  716  land  ^  lät  812  dünt  882  harent  1206 
tünd.  III  2865  sind  2936  wellent  2944  dünt :  müt  3952  wellend 
4019  soUent  Auch  im  Imperativ  dieser  Person.  I  92  gand 
93  siczent.  ^  III  1860  hand  r^  habet  1973.  1986  sind  =  «< 
2286  vemement    2076  werent    4071  wissent    3095  rechent  — 

3.  in  der  dritten  Person  pl.  ind.  pt.  I  336  warent.  II 
1056.  1125  wurdent  1173  brachent.  III  1732.  3217  wurdent 
1785.  1884.  1885  warent    2163  tvichent.   AG  S.  344  — 

4.  in  der  dritten  Person  pl.  conj.  ps.  und  pt.  I  4554 
siillent.     III  3108  werent    3190  hettent.    AG  S.  341.  346. 

In  der  2.  pl.  findet  sich  die  Endung  en.  AG  S.  338. 
I  124  sehen  123  meinen.  Imperativ  3087  wagen,  II 1213  bedenken, 
III 2150  werden  2951  sagen  1169  sollen  2863  sttllen  3316  wissen 
3939  vechtten  3948  getriuwen  4225  weren  4226  sacztten,  Impe- 
rativ 3015  bereitten    3958  geben. 

Die  Endung  en  erscheint  auch  in  der  ersten  Person  sg. 
ind.  ps.  AG  S.  334.   III  2291.  2294  ich  schaffen  2707  erbeitt4m. 

Zu  erwähnen  sind  noch  folgende  Formen:  Erste  Person 
sg.  conj.  ps.  III  1926  sig.  Zweite  Person  conj.  I  85  sigest  AG 
S.  351.    pt.  ind.  3882  slilegt    2402  stellL  (furatus  es.)     imper. 


1  Das  t  wird  aach  zu  d  erweicht.    AG  S.  338. 

3  Kommt  in  I  nur  zweimal  vor,  weil  sich  die  Personen  duzen,  nur  im  An- 
fange der  Bekanntschaft  irzen  sich  die  Königin  und  Nectanabeus. 


Die  Baaler  B«arbeitong  von  tambreelitB  Alexander.  79 

2594  gile  2698  kum.  Dritte  Person  sg.  pt.  I  97  hie.  III  2236  lieA 
2237  lies.  I  104  antwurt  2417  wist.  I  3068  diuch.  III  2248. 
2692  mach  3111  moch  2259  gedach.  —  III  1871  zerhiuwe.  IL 
1220  sant  Zweite  Person  pl.  III  1985  rüemen  =-  rümet.  Parti- 
cipium  pt.  I  134  gewirket  =  geworht.  AG  S.  388.  III  3797 
gebuwen  3809  enpflegen    2380  gemach.    II  991  t^erA«?*!^^ 

Alle  diese  Formen  gehören  nur  dem  Bearbeiter  an,  sie 
finden  sich  nicht  im  Reime. 

Einige  Erscheinungen  der  Conjugation  mussten  schon  im 
vorigen  Abschnitte  behandelt  .werden. 

B.  Declination. 

Es  erscheinen  Parallelformen :  I  3039  miullen  3046  miulleren 
dai  pl.  von  müL  130  gotte  (130  Dat.  gotien).  Schwach  ist  der  Gen. 
pl.  39  Uutten.  Nom.  418  ellimenten.  II  572  gotter  1072  dümen 
1149. 1251  tum  1207  dvrn  1074  büem  1080  büm  1082  bumm.  — 
pl.  1185  geren  von  ger  1165  jfern.  III  2410  sittens.  2457  schaden» 
3588  lehens.  —  Gen.  pl.  2997  lütten.  —  Dat.  pl.  3418  houmen 
(3449  houme).  —  3609  götte. 

Schwache  Adjectivform  erscheint  bei  fehlendem  Artikel. 
194  in  rechnen  mos  (vgl.  Lautstand). 

lieber  Synkope  und  Apokope  des  e  wurde  schon  ge- 
sprochen. 

Hervorzuheben  ist  noch  die  Bildung  des  jüngsten  Possessiv- 
pronomens; welches  sich  neben  der  ursprünglichen  Form  des 
Genetivs  in  allen  Partien  des  Gedichtes  gleichmässig  findet: 
11 1015.  1201  irm  1549  ire.  III  3181  tV  manUcher  kraft  3605  f. 
iV  hotten  (Non?.),  ir  gäbe  (Acc).  3782  ir  snn  (Acc).  3998  ire 
3207  jren  3262  von  irem  land  vgl.  3777.  3778.  3845.  irs  4057 
iVer  3559    irem  3890    iren  4003    mit  iren  henden  3981. 

Erwähnt  sei  femer  die  Form  I  4569.  II  980.  1012.  III 
3569.  3739  inen, 

2197  2tl  dir  geschieht. 


80  WernAr. 


IV.  Capitel. 
DieQnellen. 

lieber  diesen  Punkt  handelte  Dr.  Harczyk  im  zweiten 
Theiie  seines  Aufsatzes  S.  146 — 173,  ohne  aber  den  Gegen 
stand  zu  erschöpfen;  ja  man  muss  sogar  sagen,  in  unbefriedi- 
gender Weise.  Er  vermochte  es  nicht,  die  Untersuchung  syste- 
matisch zu  führen;  z.  B.  sagt  esr  S.  164  wörtlich:  ,Vers  4609 
bis  4736  (W)  Alexander  komt  in  das  Land  Occidratis.  In 
dieser  Partie  finden  wir  ganz  merkwürdige  Uebereinstimmungen 
mit  dem  Lib.  [=  Hdp],  auch  in  kleinen  Zügen^  Nun  yergleicht 
er  Vers  4626  ff.  ir  vihe  unde  ir  vnby  di  sint  van  in  gescheiden 
an  die  breiten  heiden,  Lib.  Füii  vef-o  et  uxcres  eorum  eeparati 
sunt  ab  Ulis  cum  animalibus.  Es  heisst  aber  im  PsK  III  5 
ausdrücklich:  £^ci)8ev  Ik  aurcov  (ijncpov  aicö  ^taoDi^iAaTo;  roXXoO  dh 
To^  Yuvaixai;  xotl  Ta  -^catBCa  auriov  ü>^  icoi|AV(a  xpoßiTcov  ve{i.o{i.^va^  und  bei 
JV  3,  5  Eorum  filii  conjugesque  pascendis  pecudibus  occupantur 
und  Ekkehard  liest  genau  ebenso  wie  die  Hdp.  Auch  die  andere 
Parallele,  für  die  Harczyk  selbst,  zugleich  den  PsK  anfuhrt^ 
beweist  mehr  für  eine  nähere  Verwandtschaft  von  M  und  dem 
Lib.  Doch  ist  auf  einem  solchen  Wege  nicht  viel  Heil  für  die 
Frage  zu  erwarten. 

Freilich  bietet  die  Erschöpfung  des  Gegenstandes  ihre 
grossen  Schwierigkeiten,  denn  die  Untersuchung  über  die  antikea 
Quellen  der  Alexandersage  ist  kaum  erst  begonnen.  Wichtige 
Darstellungen  liegen  noch  nicht  in  brauchbarer  Gestalt  vor, 
während  anderes  bis  jetzt  nur  in  den  Hss.  und  alten,  meist 
sehr  verderbten  Drucken  zu  benutzen  ist.  Daher  muss  auch 
ich  mich  darauf  beschränken,  das  Einschneidendste  und  Ent- 
scheidendste zu  erwähnen,  um  doch  wenigstens  eine  Sonderung 
im  Grossen  und  Ganzen  vorzunehmen.  Dabei  müssen  drei 
Theiie  unterschieden  werden :  ich  behandle  I.  die  bei  Lambrecht 
fehlende,  von  seiner  französischen  Quelle  mit  Absicht  zurück- 
gewiesene Voi^eschichte,  II.  den  historisch  strengeren  Theil, 
der  von  VMB  gemeinsam  überliefert  ist,  III.  die  mehr  sagen- 
hafte Darstellung  von  Alexanders  Zügen,  welche  in  V  nicht 
mehr  erhalten  ist. 


Die  Baaler  Bearbeitnnf^  von  Lambrechts  Alexander.  ol 

Ich  benutze  den  PsK  und  JV  in  Müllers,  die  Epitome 
in  Zachers  Ausgabe,  für  die  Hdp  bin  ich  auf  einen  Strass- 
burger  Druck  von  1494  angewiesen,  den  mir  Herr  Qeheimrath 
Professor  MüUenhoff  aus  seiner  Bibliothek  in  liebenswürdiger 
Weise  lieh.  Es  hätte  nahe  gelegen,  die  von  Harczyk  in  einer 
Abschrift  Schmeller's  benutzte  Münchner  Hs.  (Cod.  lat.  nr.  23489) 
selbst  einzusehen,  doch  hatte  Herr  Professor  J.  Zacher  die 
Freundlichkeit,  mir  mitzutheilen :  >  ,Mit  dieser  Hs.  allein 
können  Sie  wenig  mehr  als  gar  nichts  anfangen.  Zwar  hat  sie 
noch  nicht  die  massenhaften  Interpolationen,  an  denen  alle 
Strassburger  und  niederländischen  Drucke  leiden,  aber  einen 
unverfälschten  Text  bietet  sie  keinesweges.  Wie  sehr  sie  in  den 
vorderen  Theilen  entstellt  sei,  wird  sich  erst  bei  Kenntnis  und 
Vergleichung  echterer  Texte  klar  und  sicher  herausstellen. 
Dass  sie  gegen  Ende  so  confus  und  verderbt  ist,  dass  sie  für 
diesen  Theil  unbrauchbar  wird,  sieht  jeder  Kenner  auf  den 
ersten  Blick*.  Nach  einer  solchen  Charakteristik  durch  den 
Einzigen,  der  sich  in  Deutschland  eingehend  mit  den  Alexander- 
$agen  beschäftigte  und  seit  Langem  eine  kritische  Ausgabe  der 
Hdp  vorbereitete,  vergieng  mir  die  Lust,  den  langen  Weg  zur 
Erlangung  der  Hs.  zu  betreten  und  ich  begnüge  mich  mit  dem 
Drucke  von  1494,  da  offenbar  auch  dem  Pfaffen  Lambrecht 
oder  seinem  französischen  Gewährsmanne  eine  kritische  Aus- 
gabe der  Historia  noch  nicht  vorlag. 

I.  Die  Vorgeschichte  in  B. 

In  allen  mir  bekannten  Darstellungen  findet  sich  die 
Sage,  dass  Alexander  nicht  würklich  Philipps  Sohn  gewesen, 
sondern  dass  er  von  einem  ägyptischen  Gotto,  beziehungsweise 
Zauberer  abstamme. 

NU  spi^echent  hose  lugemire 
daz  er  eines  goukeldres  sim  wäre. 
die  ez  imer  gesagent, 
die  liegeiit  also  hose  zagen, 
oder  di  es  t  geddhten    (V  185,  6  ff.    M  83  ff.) 

*  In  einem  Briefe   vom  30.  Dccember  1877.     Damit   vergleiche  man,   was 
er  1867  im  Psendocallisthenes  S.  132  nagte. 
Sitiiuigfber.  d.  phil.-hiit.  Gl.  XCIII.  Bd.  I.  Hft  6 


82  Werner. 

und  B  schliesst  sich  der  grossen  Masse  in  diesem  Punkte  voll- 
kommen an. 

Wenn  man  bedenkt,  dass  sich  der  Basler  Alexander  in 
einer  Basler  Chronik  vorfindet;  so  liegt  die  Vermuthung  nahe, 
Ekkehardus  Uraugiensis  (EU),  welcher  zu  Anfang  des  zwölften 
Jahrhunderts  in  Bamberg  seiner  lateinischen  Weltchronik  einen 
grossen  Auszug  aus  Leos  Werk  einfugte,  ^  habe  dem  Basler 
Bearbeiter  einer  Weltchronik  vorgelegen ;  denn  auch  B  zog  in 
seine  Darstellung  ein  selbständiges  Buch  herein,  wie  sich  aus 
dem  Schlüsse  ergibt.  Für  die  Benutzung  Ekkehards  durch  B 
scheint  im  Umstand  zu  sprechen. 

Wie  schon  oben  S.  55  erwähnt  ist,  findet  sich  Blatt  21*.  1 
von  B  eine  Hindeutung  auf  die  Geschichte  Alexanders,  bevor 
die  eigentliche  Erzählung  beginnt.  Sie  lautet:  jn  der  con- 
8ul  zitten  ward  der  gros  allexander  von  meczydonj 
pilipes  8un  [sc.  gehorn],  ^  der  zerfuortte  daz  rieh  der  persar 
und  den  jungen  küng  darjum ;  des  tochter  raxam  er  sider  nam, 
^  also  zergieng  daz  rieh  der  persar  und  kan  uf  daz  rieh  der 
kriechen. 

Alexander  stiffte  in  egipto  allexandry  die  grosai 
etat  und  do  er  die  weit  enhalb  viers  in  zwelff  joren  alle 
hetungen   hat,   do  wart  im  von  einem  schenken  vergehen 

10  und  [er]  ^  starb  mit  aller  kriechen  grosser  klag,  von  aUexandei's 
her  komen  die  Sachsen  und  die  swoben,  do  allexander  dot  wasy 
sin  her  ward  in  vier  her  geteilt  und  in  iiij  künker  [21*.  2J 
rieh,  die  zerfuortten  es  mit  mangem  strit,  von  dem  her  ward 
anithyohus  von  anthyoha,  der  zerfuorttejherusalem  und  herouht  den 

15  tenpel,  dar  umb  sluog  got  ^  wider  in  urliug  [mit]  judas  machaheus 
und  sin  brvoder  jonachas  und  sin  bruoder  simon  und  ouch  mit 
mettiyo  und  mit  allexandro  dem  jungen  als  lang,  uncz  ir  aller 
rieh  in  der  roemer  gewallt  komen,  der  disse  mer  also  weit'"* 
wissen,  der  lesse  den  grossen  allexander  oder  daz  buoch 

20  der  machabeis  etQ. 


1  Zacher,  Pseudocallisthenes  S.  110. 

2  3  gthom]  fehlt  Hs. 

'  10  er]  fehlt  Hs.  —  Vgl  M  Vers  7271  do  wart  ime  uergehen. 
*  15—18  80  die  Hs.    16  gotj  Hs.  gol.     mü]  fehlt  H«. 
»  18  Hs.  v>llL 


Die  Buler  Bearbeitung  ron  Lambrechts  Alezander.  83 

In  ähnlicher  Weise  leitet  Ekkehardus  seine  Geschichte 
ein;  es  finden  sich  dabei  folgende  directe  Parallelen: 

Zu  Z.  2  vgl.  EU  60;  46  ^  Quibus  etiam  diebus  ^  Alexander 
Magnus  .  .  .  natus  est. 

Zu  Z.  5  f.  vgl.  61,  66  f.  Persarumque  regnum  Alexan- 
diiam  translatum  est^  vhi  regnatum  est  per  annos  ducentos  nona- 
ginta  sex.  Quod  regnum  alii  Grecorum,  alii  Aegyptiorum  nominant 
regnutn. 

Zu  Z.  7  vgl.  61;  58  Alexandriamque  in  Aegypto  condidit 

Zu  Z.  8  f.  vgl.  62;  1  f .  ^  Duodedm  quippe  annis  trementem 
sub  se  orbem  ferro  pressit  ....  (62;  6)  ministri  std  insidiis 
venenum  bibit  et  interiit. 

Zu  Z.  11  f.  vgl.  62;  6  f.  Quo  mortuo,  Macedonum  duces 
diversas  sortiti  p'ovincias  ....  mutuis  se  bellis  consumpserunL 

Zu  Z.  18  f.  vgl.  62;  9  ff.  Sed  quia  idem  Alexander  multa 
mire  peregisse  legitur,  quae  scire  multi  delectantur,  Übet  de  vita 
eius  aliqua  summatim  decerpere,  quibus  delectationi  querentium 
vtcumque  valeam  satisfacere.  Und  darauf  folgt  erst  Exeerptum 
de  vita  Alexandri  Magni. 

Aber  schon  aus  dieser  Probe  ergibt  sich;  dass  die  Unter- 
schiede trotzdem  noch  sehr  bedeutend  sind;  umsomehr  als  sich 
bei  Ekkehard  die  Erzählung  direct  an  die  Einleitung  anschliesst; 
während  in  B  ein  langer  Bericht  über  die  Vorgänge  in  Rom 
zwischengeschoben  ist. 

Und  auch  sonst  gibt  es  Discrepanzen  genug  in  grossen 
Hauptzügen  wie  in  kleinen  Detailausmalungen;  so  dass  an  eine 
Benutzung  des  Ekkehard  nicht  gedacht  werden  kann,  vielmehr 
sind  die  Ueberein Stimmungen  auf  die  gemeinsame  Quelle  der 
Sagen  zurückzuführen. 

Während  zum  Beispiele  B  Vers  14  ff.   (mit  gereinigtem 

Texte)  und  EU  62;  15  f.  sich  gegen  Hdp  stellen: 

B  er  gie  in  sin  kamer  ein  EU  sed  palatium  intrans  appre- 

und  saczte  ßlr  sich  ein  bekeltn,  hendit     concham     aeream, 

regenwazzer  goz  er  darin  implevitque    eam    aqua 

pluviali 

*  Mon.  Germ,  liist.  VIII  Scriptorea  VL 

^  Arnio  ah  Urbe  eond.  365  ,,  ,  dignitate»  in  urbe  mtUatae  ntnt,  et  pro  eon- 

tviUhu»  . .  .  tribuni  müUares  e»Be  coeperunL 
'  Vgl.  61,  65  f.  et  totua  orieru  in  potestatetn  Mctcedonici  ceasit  imperii, 

6* 


84 


Werner. 


—  in  den  Hdp  dagegen  lautet  der  entsprechende  Satz :  sed  intrami 
cubieulum  [B  kamer]  palacij  8\ii  et  deprendens  concham  eream 
plenam  aqua  pluuiali  (bei  PsR  I  1  heisst  es  ähnlich,  doch 
fehlt  ein  Zog:  dXXa  TiOst^  XsxivT;v  sTOiei  X£xavopLavTe{av,  %a\  itOcl^ 
>5»p  ztpj'atov  ei^  t^jv  XexavT;v  .  .  JV  1,  1  weicht  vollständig  ab, 
er  sagt :  quin  potius  ingressus  aulae  penetralia  regiaeque  seereta, 
tbi  $e  solitarium  dhdehat,  invecta  secum  pelvi.  Quam  dum  ex 
fante  limpidisnmo  impleret,  . . . .)  —  während  also  hier  Ekkehard 
sehr  wohl  der  Gewährsmann  von  B  sein  könnte,  ist  dies  in 
anderen  Punkten  total  unmöglich.  Bei  EU  fehlt  z.  B.  die 
ganze  Scene  B  Vers  29  ff.  er  sagt  62,  17  Cumque  regnaret 
annie  decem  et  octOy  nunciatum  est  aibij  mnltas  gentes  adversus 
eum  canvenisse.  Qui,  remotis  a  se  omnibusy  palatium  intransy  et 
soUto  more  ....  Dies  entspricht  den  Versen  25  ff.  do  kämen 
im  mcBve^  daz  der  kilng  persarum  wcere  kamen  in  in  sin  lant, 
und  in  roubt  und  brant  und  41  ff.  ze  der  rede  sweig  er  dd,  in 
sini  kamer  gieng  er  do  .  ,  .  das  was  zwischen  Vers  29  und  41 
steht,  hat  keine  Parallele  bei  ihm,  während  Hdp  gerade  hier 
bis  in  Sentenzen  stimmt,  wie  B  39  f. 

der  Hute  menge  ist  selten  guot, 
si  haben  denn  vereinten  muot 

und  Hdp  Uirtus  enim  non  hec  valet  in  multitudine  populi,  sed 
in  fortitudine  animorum,  was  dann  durch  ein  Beispiel  aus  der 
Thierwelt  erläutert  wird,  das  in  B  fehlt.  Hdp  schliesst  sich 
an  PsK  an.  I  2  ou  Yap  ev  S/Xw  ii  SjvafjLi;,  aXX'  ev  TrpoOufAiÄ  6  rSKE\»jO(;  • 
Tßjxi  Yap  £1^  Xewv  zoXXa^;  eXa^ou«;  eOrjpeuaaTO,  JV  bietet  nichts  dem 
Entsprechendes  (D  P  wie  Hdp). 


B  46  ff. 
ab  sneid  er  tin  hör 

zehant, 
er  verwandlet  «in  ge- 

stalt. 
einen  schrin  hiez  er 

füllen  balt 
mit  schätz  und  mit 

golde, 
als  erz  denn  haben 

wolde, 


Hdp 
Statimque  mntato  ha- 

bitu 
radens  sibi  caput  et 

barbam. 
et  txdit  aurum 


i 


qxiantumcunque  por- 
iare  potuit, 


EU  62,  19. 
statimque  rasit  sibi 
Caput  et  barbam, 
ut  transfiguraret  se, 

tollensque  aurum 


quantum  potuit  [vo- 
luit  andere  codd.j. 


Die  Basler  Bearbeitung  von  Lambrechts  Alexander. 


85 


B 

da  ndt  woü  ei'  sich 
fristen 

ze  andren  nnen  li- 
sten, 

hiemit  rümet  er  die 

veste  sin 
und  kam  zuo  der  etat 

Bdurin, 
da  nach   z'  Ethyopi 

in  daz  lant, 
an  leit  er  unz  Unin 


Hdp 
et   quecunque    erant 

sibi  necessaria 
ad  astrologiam  et  ad 

artes  magicas  exer- 

cendas 
fugitprape  Pelusium 

de  egypto. 


Denique     veniens 

Ethiopiam 
induit    linea     vesti- 

menta 


EU 


induit  se  lineis  vesti- 
bus  .  . 


getoant  .  .  I 

Dazu  vgl.  man  die  Darstellung  des  PsK  I  3,  welcher  sagt: 
. .  .  SYXcXiwCoaaiJLSVo;  ^(püaiov  xoXü  xal  ^upYjaafxevoc;  tt^|V  xs^aXtjv  xai  xbv 
-w^wv«  auTOu  xai  luxayiop^aoi^  lauTOv  ev  eTspo)  cj/iiJfjLaTt ,  l^ü-^ev  8t  i 
t:5  nir;Xoua{ou  xat  dt'iroiwXeuaac;  wapaY^veTat  d<;  IleXXYjv  .  .  .  Ferner  die 
wenigen  Worte  JV  1,  3  Mox  autem,  raso  capite  et  barba,  col- 
lectlsque  Omnibus  quae  sibi  erant  pretiosarum  opum,  appulit 
Macedoniae.    Ibique  amictus  veste  linea  .  .  . 

Seine  Nachrichten  kann  B  in  diesem  Punkte  nicht  aus  der 
Chronik  des  Ekkehard^  noch  aus  dem  PsK,  noch  aus  dem  JV 
geschöpft  haben,  sondern  muss  einer  der  Hdp  entsprechenden 
Darstellung  gefolgt  sein. 

Wieder  gleichsam  gekreuzt  ist  das  Verhältnis  Vers  69  ff., 
wo  in  B  überliefert: 


B 

Da   kam    ez    zuo 
den  ztten, 


daz  küng  philip  wol- 
le riten, 

der  des  landes  ein 
herre  was 


EU  62,  21  ff. 
Cumque  ibi  morare- 
turusquead  t em- 
por a  regis  Pki- 
lippi,  quo  dam 
tempore  illo  ex- 
eunte  ad  pivelium^ 


Hdp 


Interea  Philippus 
rex  Macedonie 


86 


Wern«r. 


B 

(durch  urliuge  fuogt 
sich  daz). 

vnde  da  er  gereit, 

NecianihuB  niht  ver- 
meid : 

vf  den  halast  gie  er 
durch  schou- 
wen 

Olimpia  die  schüe- 
ni  frouwen, 


EU 


diu  da  künginne  was, 
als   ich   von   ir  ge- 

schriben  las. 
ze   hant    als    er  sie 

sach, 
ir  minne  schoz  in  sere 

stach : 
daz  sich  von  ir  minne 
verkerten  sine  sinne, 
gen   ir  huob   er   üf 

sin  hant, 
mit  sinem  gruoz  ward 

si  ermant 
er  sprach  ,gegrüezest 

sist  du  mit  sinne 
Macidonte  htre  kün- 

ffinne'. 
er  tcolt  niht  sprechen 

ffrouwe  min^: 
d^iz  muotte  enteil  die 

kiimfin. 


Nectanehus  venit  ad 
palatium 


Hdp 
abiit  in  prelium. 


Anectanabus  auiem 

ascendens  paladum 
ut 

reginamOlimpiam 
conspiceret  et 
videret  pulchri- 
tudinem  eius. 


Hie  cum  videt  eam 


iaculatum  est  cor  eius 


in  concupiscentiam 
eius  eversit, 
extendensque  manum 
i       suam 
salutansque  reginam  '  salutauit  eam 
Olimpiadem, 

dicens  yAue 


regina  Macedoni^, 

dedigncUus  ei  dicere 
ydomina'. 


KJar  ist,  dass  B  eine  nur  wenig  freie  Uebersetzung  von 
Hdp  darbietet  und  der  erste  in  Hdp  mangelnde  unbedeutende 
Z'm;  ist  wohl  für  die  ursprüngliche  Fassung  des  Archipresbyter 
Leo  zu  reclamieren. 


Di«  Basier  B«arb«itaDg  tob  Lambrechts  Alezander.  87 

Es  Hessen  sich  noch  viele  Beweise  dafiir  vorbringen,  dass 
die  Darstellung  in  B  nur  auf  die  Hdp  zurückgehen  könne; 
sie  folgt  ihr  jedoch  nicht  sklavisch.  Manches  fehlt  in  B,  was 
Leo  ausführlich  darstellt.  So  gleich  zu  Anfang  die  Aufzählung 
der  herannahenden  Völkerschaften,  von  denen  auch  Ekkehard 
nichts  berichtet.  Wie  dieser  bringt  B  nichts  Näheres  über  die 
incantatio,  gegen  die  Autorität  der  Hdp;  nichts  von  den  Zuständen 
in  Aegypten,  nachdem  der  König  so  plötzlich  verschwunden  war. 

Dagegen  ftigt  B  ein  oder  das  andere  Detail  hinzu,  so  wenn 
z.  B.  Vers  96  ff.  erzählt  wird: 

diu  froufjce  ir  zuckt  nit  vergaz: 
81  hie  im  schenken  iren  win 
in  einen  köpf  gtUdin, 
der  dnrst  in  nit  vil  sere  ttoang: 
ez  stuont  anders  sin  gedank, 

Oder  Vers  175  f.  duostü  mir  daz  kunt :  daz  dunket  mich  ein 
»pcecher  funt.  Während  solche  Ausmalungen  Eigenthum  von  *B 
zu  sein  scheinen,  ist  dagegen  Anderes,  was  B  abweichend  von 
der  Hdp  enthält,  in  anderen  Darstellungen  erhalten;  z.  B.  in 
der  Beschreibung  des  Gottes  Aminon  (Vers  193—198)  stimmt 
Vers  193  er  ist  ze  jung,  noch  ze  alt  mit  der  Hdp  neque  iuuenis 
neque  senex,  wenn  B  dagegen  fortfahrt:  in  rehter  mos  gestalt, 
so  findet  sich  eine  Parallele  zwar  nicht  bei  Leo,  wohl  aber 
in  der  Verdeutschung  des  Euseb:  er  hat  ein  mittel  gsetalt,  und 
in  D  —  Ekkehard  62,  28  sagt:  in  media  aetate  consistit  — 
und  für  Vers  195  f.  er  hat  an  der  stime  sin  zwe  hom  widrtn 
ist  nur  PsK  I  4  xepaTa  r/wv  ey,  tou  jxstcottoj  ^us^uxora  und  Ekk. 
62,  29  habens  .  ,  .  in  fronte  comua,  ferner  D  2^  het  an  de  hewpte 
hemer  ah  ein  stechir  heranzuziehen.  Mit  der  Ansicht,  dass 
Ammons  Bart  sei  gestalt  als  einem  kitzin  steht  B  ganz  allein.  ^ 
Schon  aus  dem  bisher  Gesagten  gieng  klar  hervor,  dass 
die  Untersuchung  keineswegs  einfach  ist,  doch  hat  dies  nur 
darin  seinen  Grund,  dass  man  nicht  jene  Textesgestalt  der 
Hdp  benutzen  kann,  die  dem  Bearbeiter  vorgelegen  haben 
muss.  Denn  ein  Verfahren,  wie  man  es  nach  meinen  Aus- 
führungen anzunehmen  hätte,  ist  undenkbar;  eine  Compilation 


*  Hdp  et   barbam  eanU   habens  omatam    D  2°  vnnd  hol  einen  kundes  balg 
tool  geesyrelh    Berger  XIII  2,  294  et  barbes  aomee  de  c/iaenet. 


88  Werner. 

in  der  Weise,  dass  bald  aus  diesem,  bald  aus  jenem  Werke 
ein  kleiner  Zug  herübergenommen  würde,  hat  gerade  so 
viel  Wahrscheinlichkeit,  als  dass  der  Bearbeiter  von  *B 
griechisch  verstanden  habe,  was  auch  vorausgesetzt  werden 
müsste. 

So  viel  ist  aber  trotzdem  als  sicheres  Resultat  der  im 
Einzelnen  geführten  Untersuchung  hinzustellen,  dass  die  Ein- 
leitung von  *B  in  allen  Hauptsachen,  in  Anordnung  und  Grup- 
pierung des  Thatsächlichen,  und  in  einer  grossen  Reihe  von 
Einzelheiten  genau  zur  Hdp  stimmt.  Bei  allen  anderen  Stellen 
ist  die  Frage  aufzuwerfen,  ob  an  der  Abweichung  nicht  viel 
eher  die  Ueberlieferung  der  Hdp  als  die  selbständige  Thätig- 
keit  des  deutschen  Bearbeiters  Schuld  trägt.  Und  die  Frage 
wird  von  einer  kritischen  Ausgabe  der  Hdp  gewiss  mit  Ja 
beantwortet  werden. 

Die  Uebereinstimmungen  zwischen  *B  und  dem  Werke 
des  Archipresbyters  Leo  sind  viel  grösser  als  die  zwischen  *B 
und  irgend  einer  anderen  Fassung  der  Alexandersage.  Es 
lässt  sich  nicht  eine  grössere  Scene  finden,  die  bei  Leo  nicht 
in  demselben  Zusammenhange  stünde  wie  bei  *B,  während  man 
bei  JV,  bei  Ekkehard,  bei  der  Epitome  Seite  für  Seite  auf  die 
klaffendsten  Discrepanzen  stösst,  und  vom  PsK  kann  als  Quelle 
für  *B  ohnedies  die  Rede  nicht  sein. 

Es  wäre  vollkommen  überflüssig,  wenn  ich  noch  mehr 
Beweise  für  diese  meine  Ansicht  beibringen  wollte,  ich  müsste 
den  ganzen  Text  von  B  und  dazu  das  Meiste  aus  der  Hdp 
hier  in  der  Einleitung  abdrucken  lassen.  Denn  ich  muss  noch- 
mals  hervorheben,    dass  B  manchmal    kürzer   als  die  Hdp  ist. 

Es  ist  nicht  ganz  ohne  Werth,  diese  Unterschiede  zwi- 
schen *B  und  der  Hdp  im  Einzelnen  zu  verfolgen.  Dabei 
läuft  man  freilich  Gefahr,  B  Freiheiten  zuzumuthen,  die  ihm 
ferne  lugen.  Es  kann  B  eben  alle  abweichenden  Züge  aus 
einer  Gestalt  der  Ildp  geschöpft  haben,  die  von  der  uns  vor- 
liegenden sehr  verschieden  war.  Die  folgenden  Bemerkungen 
sind  daher  mit  Reserve  aufzunehmen. 

Nectanabeus  verspricht  Vers  229,  er  werde  der  Königin 
den  Gott  Ammon  in  eines  traken  bilde  zeigen;  in  den  anderen« 
Darstellungen  setzt  er  noch  hinzu,  wie  in  der  Hdp:  et  exinde 
bumanam   fomuvm     accipiens    et    mea     similitudine    apparebit. 


Die  BMler  Bearbeitung  von  Ltmbrechts  Alexander.  89 

Dadurch,  dass  B  diesen  Zug  weglässt;  erscheint  der  Betrug 
weniger  handgreiflich  und  die  Königin  wird  in  besserem  Lichte 
dargestellt  Das  Hinwegschaffen  dieser  schmutzigen  Ausmalung 
beweist  eine  feinere  Empfindung  des  Bearbeiters.  Ueberhaupt 
wird  die  Königin  von  B  mehr  als  leichtgläubig;  denn  als 
schlecht  geschildert;  wie  z.  B.  in  der  Hdp,  wo  sie  auf  Necta- 
nabeus  Zumuthung  unde  si  placet,  esto  Uli  parata,  quia  in 
noete  videbis  eum  et  in  somnio  cancubet  tecum  geil  antwortet 
d  kec  viderOy  [tej  non  ut  prophetam  nee  diuinuniy  sed  ut  deum 
ipmm  adoraho,  was  von  B  mit  Feinheit  unterdrückt  wurde. 
Auch  die  Liebesscene  ist  eines  grossen  Theiles  ihrer  Ausführ- 
lichkeit entkleidet;  und  das  Ganze  mit  Bescheidenheit  vorge- 
tragen vnd  volbrähte  den  loillen  sin  mit  Olimpid  der  küngtn. 
Damit  vergleiche  man  daS;  was  die  Hdp  und  alle  anderen 
Darstellungen  berichten.  Auch  sagt  B  einfach  nun  Idze  ich 
dir  ein  groze  miet,  daz  ivizze  edle  küngin:  din  geburt  so  grdz 
sol  sin  daz  ir  dekein  man  mit  strit  mag  gesigen  an,  während 
Hdp  erzählt  cum  autem  a  concubitu  surrexisset,  percussit  eam  in 
utero  et  dixit  etc.  und  dann  erst  noch  cynisch  hinzufügt :  taliter 
dec^pta  Olimpia  cum  homine  tamquam  cum  deo  concubuit,  Mane 
aiUem  facto  descendit  Anectanabus  de  palacio.  Regina  itaque  prae- 
gnaiis  erat.  Von  alledem  nichts  in  B,  erst  des  Archipresbyters : 
cum  aiitem  cepisset  tumescere  vejiter  eins  vocauit  ad  se  etc.  g^bt 
er  durch  ein  do  si  nu7i  ffrozen  begunde  do  hesante  si  etc.  wieder. 
Auch  in  diesem  Zustand  wahrt  bei  B  die  Heldin  ihre  Ehre, 
denn  sie  fordert  den  Zauberer  auf;  sich  zu  setzen  (256)  und 
ihre  Schuld  gesteht  sie  reumüthig  ein,  indem  sie  fürchtet^ 
Philipp  werde  sie  bei  seiner  Rückkehr  tödten  (263  f.);  * 
ausdrücklich  erwähnt  wird;  dass  sie  Angst  empfinde  (26d. 
2H8).  Und  der  darauf  folgende  Traum  des  Königs!  Wie  gross 
der  Unterschied  zwischen  B  und  der  Hdp;  diese  berichtet ^ 
. .  eadem  nocte  apparuit  philippo  in  somnio  deus  Hamon  con- 
cubens  cum  Olimpia  vxore  sua  et  post  concubitum  videret  os 
^lue  consuere  et  anulo  aureo  consignare  und  beschreibt  den 
Ring  genaU;  während  B  nichts  sagt;  als  ...  küng  Bilipus  von 
der  küngin  trournte^   wie  der   got  Amon  si  hetti  geminnet  schon. 

»  Vgl.  Weinhold  Frauen  292  ff. 

'  In  Uebereinstimmong  mit  PsK  etc.    D  übersetzt  stäts  die  Hdp. 


90  Werner. 

B  fügt  bei  dem  ersten  Begegnen  Philipps  und  der  Königin 
höfisch  hinzu :  die  kust  er  an  ir  röten  munt,  während  Leo  trocken 
sagt  osculatus  est  eam. 

Schon  oben  lernten  wir  einen  Zug  auf  gesellige  Freuden 
bei  B  kennen  Vers  96  ff.,  auch  bei  dem  Gastmahl  des  Königs, 
von  dem  Hdp  nichts  zu  sagen  weiss  als  Quadam  die  epulabatnr 
Philippus  cum  principibus  etc.,  wird  hervorgehoben  eines  tages 
fuogt  sich  daz  daz  .  .  .  man  truog  mit  schalle  bede  hröt  und  ouck 
den  win. 

Dieselbe  keuschere  Darstellung  wie  oben  beweist  das 
Fortlassen  des  Satzes  et  torquebatur  venter  etus,  auch  sagt  die 
Königin  nicht  magister  venter  mens  maximis  doloribus  torquetur, 
sondern  nur  meister,  mir  ist  unmazen  we.  Ueberhaupt  vergleiche 
man  die  ganze  Scene  in  den  beiden  Fassungen  und  man  wird 
das  Rohere  der  lateinischen  Darstellung  besonders  in  der  Ueber- 
setzung  z.  B.  in  D  unangenehm  empänden. 

Dagegen  ist  B  in  einigen  Punkten  bedeutend  trockener, 
philisterhafter  als  die  Hdp;  ich  verweise  vor  Allem  auf  die 
erste  Jugend  Alexanders;  während  Leo  hier  mit  Interesse  das 
Detail  ausmalt,  constatiert  B  in  wenigen  Versen  (429—436) 
nur  das  Thatsächliche  ohne  inneren  Antheil.  Auch  das  erste 
Gespräch  zwischen  Alexander  und  Nectanabus  beweist  dasselbe 
Verhältnis.  Tiefere  Empfindung  spricht  dagegen  der  Vers  525  f. 
aus  ,we  mir'  sprach  Olimpias  ,er  diu  rehter  vater  w<is^  gegen- 
über dem  Satze:  Olimpia  dixit  yAnectanahns  pater  tuus  fuit^. 
Auch  die  red  was  Alexander  leiL  er  sprach  Vers  527  ist  weicher 
als  das  kurze  respondit  ille  der  Hdp. 

Mit  Vers  534  endet  die  Vorgeschichte  und  es  treten  nun 
die  beiden  andern  Zeugnisse  für  das  Ursprüngliche  ein.  Bisher 
hatten  wir  es  einfach  mit  dem  deutschen  Bearbeiter  zu  thun,  der 
seinen  Zeitgenossen  das  Lateinische  verständlich  machte.  Von 
nun  ab  ist  eine  zweite  Möglichkeit  ins  Auge  zu  fassen.  Das 
Gedicht  war  bereits  vorhanden^  es  war  aus  dem  Französischen 
übersetzt  und  *B  überarbeitete  nur  die  ältere  Darstellung. 
Wir  müssen  daher  beachten,  ob  sich  zwischen  dem,  was  *B 
im  Deutschen  vorfand,  und  dem,  was  ihm  die  Hdp  darbot, 
ein  Unterschied  zeigt,  und  wie  *B  in  einem  solchen  Falle  ver- 
fahrt. Kurz  es  ist  zu  scheiden  zwischen  der  Quelle  von  VM  und 
der  von  B,  welche  nicht  zusammenzufallen  brauchen. 


Di«  Basier  Bearbeitung  tob  Lambrechta  Alexander. 


91 


n.  Der  historisoh  strengere  Theil  in  VMB. 

Als  Resultat  von  Harczyks  Quellenuntersuchung  darf 
der  Satz  angenommen  werden ^^  dass  V  mehr  zu  dem 
griechischen  Texte,  zum  Valerius  und  der  Epitome 
stimmt,  während  M  der  Hdp  näher  steht;  und  wenn 
ich  auch  nicht  in  allen  Punkten  mit  Harczyk  einverstanden 
bin,  so  muss  ich  doch  zugeben,  dass  die  Hauptbeweise,  die  er 
dafür  anfi&hrt,  richtig  und  überzeugend  sind.  Auf  zwei  Stellen, 
von  denen  er  ^ine  des  Breitern  darstellte,  bin  ich  gezwungen 
näher  einzugehen,  selbst  auf  die  Gefahr  hin,  schon  von  ihm 
Gesagtes  zu  wiederholen,  weil  ich  dabei  noch  einmal  die  Frage 
nach  dem  Handschriftenverhältnis  betrachten  muss. 

Die  erste  Stelle^  auf  die  ich  oben  im  U.  Cap.  (S.  46) 
hinwies,  ist  652  f.  (vgl.  Harczyk  S.  150). 

Vorher  muss  ich  nochmals  den  Satz  ins  Gedächtnis  zurück- 
rufen, dass  sich  B  bisher  an  die  Hdp,  V  mehr  an  JV  und 
die  £pit.,  M  wie  B  an  die  Hdp  gehalten. 

Es  war  erzählt  worden,  wie  Alexander  den  Bucephalus 
gebändigt  habe,  dann  heisst  es  weiter: 


V  192,  7  ff. 
Ein   pote    Ute    dem 

chunge  daz  sagen 
(T  ne  getorste  er  nieht 

uergen 
icaz  sin  sun  fiete  getan 
«/  spranc   der  chu- 

nich  sa 
unt  zoh  sines  Sinnes. 

io  früt  er  sich  sines 
chindes 


M  378  ff. 
Do  wart  daz  langer 

nit  uerdaget 
dem  kuninge  wart  do 

gesagit 
waz  sin  svn  hete  getan 
der  kuninc  der  spranc 

uf  San 
vnde  zehenzich  sines 

gesindes 
er  frowete  sich  sinis 

kindes 
die    mere    er   gerne 

uemam 
do   der   kuninc   dar 

qtiam 


B  646  ff. 

ein  bot  iltte  dem  kun- 
ge  sagen 

vnd  wollte  nCit  ver- 
tagen 


mit  sinem  gesind  er  5 

gein  im  gie 
sin    hercz    des    gros 

früed  enpfey 


S«ite  150. 


92 


Werner. 


unt    also    alexander 
uernam 


10 


er  ihet  als   im  wol 

gezam 
er  warf  sich  nider 


15 


unde  giench  sine^ 

20  me  uater  gegene 

unt  also  sie  zesame- 

ne  chomen 
mit    banden   si  sich 

namen 
ir  rede  wa^  uil  min- 

nesam 
als  ir  hie  müt  ferstan 
24  hil  dich  sprach  phil- 
lippus  sun  min 
etc. 


M 
unde    in    alexander 
uernam 


do  teter  alsime  wol 

gezam 
er    warf   sih    nider 

vnde  ginc 
vestian   daz  ros 

entfienc 


alsiz  alexander  wolde 
mit  einem  breitete  von 

golde 
mit  gesteine  wol  be- 

slagen 
sinen  uater   ginc  er 

ingagen 
do  si  zesamene  qua- 

men 
bihenden  si  sih  na- 
men 
ir    rede    wart    uile 

mjnnesam 
als  irhie  mbgit  uerstan 
Heil   dir    sprah    ev 

svne  mjn 
etc. 


B 

als  allexander  dz  ver- 

nam 
dz  der  küng   gegen 

im  kam 


vom  rosseer  dosprang 
vnd  gieng 

vestyana  in  dz 
ros   enpfiehg 

dz  ward  ze  stund 
gezemet  hie 

sin  vatterinwolenpße 


er  sprach  heil  si  dir 
sun  min 
etc. 


PsK  1 17  sagt:  ApafAcov  5e  ti^  töv  tinro^cpßwv  aiTiJ'pfstAe  [to  vr/ovb^J  tio 
ßaffiXet  <l>tX{7rjr(i)  e^w  Svit  tt;;;  ^toXsox;.  *0  Be  ^i'kiiz'Koq  Gttoijlvtjjösi; 
TO'j  /prjcijjLO'j  £u6£(i>;  d^n^vTri^s  tcT>  'AXsJavSpw  xat  T,(j7:isoczo  aurov  eiwwv  * 
yXaipoi?,  'AXsgavSpe  xoGjjLOxpaiop'.  JV  I  17  Quod  cum  admirationi 
visentibus  foret,  *  ex  cursu  qttidam  rem  periculi  huius  nuntiat 
Philippo.  Sed  ad  memoriam  ille  rtvocans  monitus  oraculi 


1  Dem  entapricht  B  646  daz  dühte  si  ein  wfindtr  al. 


Die  Basler  Beu-beitang  von  Lambrechts  Alexander.  93 

oecunit  ad  puerum,  et  salutat  inde  uf  orhis  integri  dominum, 
Hdp  cunque  ergo  vidisset  eum  Philippus  dixit  ei  ,Fili 
Alexander,  omnia  reaponaa  deorum  impleta  sunt  in  te^. 
Auch  Ekkehard  63,  22  sagt  wie  Hdp  Quöd  cum  vidisset 
Phylippus  dixit:  ,Fili  Alexander^  omnem  divinationem 
modo  cognovi  in  te'.  In  Hartlieb's  Verdeutschung  des  Eusebius 
heiast  es:  Das  ward  bald  verkündet  Philippo  dem  küngy  der 
sähe  es  auch'vnd  sprach:  ,0  Alexander,  nun  luibe  ich  gesehen 
alle  tcarsagung  .  .  (Auch  in  dem  bei  Berger  und  Weissmann 
gedruckten  französischen  Prosaromane  [W  II  376]  wird  nur 
berichtet  Quo,nt  li  roys  Phelippes  le  vit,  si  li  dist:  jFiz 
Alixandres,  or  conoys-je  tous  les  respons  de  Dieu  en  Dieu^.) 

Keine  von  all  diesen  Darstellungen  —  die  englische 
weicht  vollkommen  ab  —  kann  hier  die  Quelle  für  A  gewesen 
sein,  Vers  5 — 24  sind  verschieden  von  allen  übrigen  Fassungen. 
Ich  habe  das  Recht;  diesen  Unterschied  auf  A  zurückzuführen, 
denn  auch  V,  wenn  es  gleich  zwei  Verse  nicht  überliefert,  die 
MB  darbieten,  stimmt  zu  keinem  der  oben  angeführten  Texte ; 
die  Verse  4,  6,  9  und  besonders  12  beweisen  zusammengehalten 
mit  19 — 24  zur  Evidenz,  dass  auch  ihm  etwas  Aehnliches  wie 
MB  vorgeschwebt  habe. 

Wäre  V  seinen  näheren  Vorlagen  JV  und  der  Epit.  ge- 
folgt, 80  müssten  wir  1,  etwas  dem  Satze  sed  ad  memoriam  — 
oraculi  Entsprechendes  erwarten,  2.  aber  dürfte  das  Abspringen 
vom  Pferde  und  das  Entgegengehen  Alexanders  nicht  erwähnt 
worden  sein.  Da  aber  V  schon  in  diesem  6inen  Punkte  sich 
dem  vollkommen  abweichenden  Verfahren  von  MB  genau  an- 
schliesst,  so  wäre  es  inconsequent  anzunehmen,  dass  es  nun 
Vers  12  f.  nicht  enthalten  habe ;  vielmehr  ist  es  wahrscheinlich, 
dass  abermals  ein  Abirren  des  Auges  Schuld  an  der  Verderbnis 
trägt.    Ich  vermuthe  in  A  habe  gestanden :' 

'  Die  Wiederholung  eines  oder  mehrerer  Satzglieder  nach  einem  Zwischen- 
satze findet  sich  mhd.  nicht  so  selten,  als  man  wohl  glauben  würde;  vor 
Allem  sei  erwähnt:  Veldeke  En.  195,  29  ff.  Do  daz  TurnÜ9  gemach, 
daz  da  wie  tot  lack  des  her»  von  den  zwein  resen,  daz  nimnan  mokte 
genaenj  den  H  mohten  beatriehen,  ai  mOalen  alle  eniuAcken:  do  de» 
Turnus  wart  gewar  .  .  In  den  alten  Bruchstücken  des  Eilhart  VIII 
26  dd  Idgin  »t  beide^  mit  michelin  leide  wärin  «t  bevangin,  dar  Idgin 
'S  «o  lange,  daz  sie  niemen  üf  huop  ...  IX  63  teA  toine  in  »tn 
geaelle  hüLf,   Satanäe  der  iiü)üf  ich  bin  ie  6ch  dne  zuufibU,   er  huob  in 


94  Werner. 

er  warf  sich  nider  unde  gienc 
(Vestidn  daz  ros  entfiency 
des  wart  ez  gezemet  mit  eineme  britele) 
tinde  gienc  sineme  uater  gegene  .  .  . 

Dies   ist  freilich  nur  eine  Conjectur,    erklärt  aber   den  Stand 
der  Ueberlieferung. 

Einen  andern  Punkt  kann  ich  dagegen  nicht  entscheiden, 
wie  das  Verhältnis  zwischen  Vers  10  und  Vers  '8  aufzufassen 
ist.  Hier  muss  ich  gestehen,  meiner  Sache  nicht  gewiss  zu 
sein;  man  erwartet  zwar  Vers  9  einen  Objectsatz,  denn  ein 
blosses  daz'  würde  auf  Vers  6,  nicht  auf  Vers  5  zurückweisen^ 
allein  ich  weiss  mir  nur  mit  der  Annahme  einer  Doppellesung 
zu  helfen,  dass  nämlich  in  A  entweder  10  (8)  oder  11  über 
der  Zeile  als  Correctur  gestanden   habe   etwa  in   der  Weise: 

äicherliche.  Beides  wurde  yom  Bearbeiter  zerstört,  der  aber  selbat 
Aehnliches  aufweist:  321  ff.  wen  he  wat  ein  fönte  hoch  gebom,  der  koning 
hdte  in  {iz  irkom,  daz  he  ä%ne»  rv:he»  vAU  und  im  lani  und  h'e  behiU. 
he  uftu  ein  fönte  von  dem  lande  .  .  .  4452  ff.  Kumeväl  do  toedir  »aeh^ 
toie  nähe  im  der  hunt  wh-e,  he  hUt  rechte  in  der  gebire  alt  ob  he  toolde 
«In  lebin  umme  dea  brakin  tod  geUn,  Kumevdl  der  giUe^  in  vil  zorniglichem 
mute  hUt  he  M  einem  boime  und  nam  vil  rechte  goime,  wd  he  den  brackin 
horte,  6167  der  walt,  da  von  ich  iich  toil  sagin,  da  in  der  koning  do  reü 
jagin,  der  en  toas  t^n  nicht  aleine.  6940  do  gedächte  he  her  wedir  ,her 
ist  mit  dir  (ix  komen:  ez  entehre  dir  kein  vrome;  »wie  obele  «o  he  habe 
getdn^  Idz  dd  dinen  zom  zugdn^  geddhte  der  hell  wXae.  In  der  Berliner 
Hs.  7409 — 7412  die  fkunigeinj  wdt  plaich  vnd  r'ot  Sam  ea  die  frewd  ir 
da  gebot  Wart  aie  an  ir  varbe  ist  noch  etwas  mehr  verschieden  und  ver- 
gleicht sich  S£tzen  wie  Vorauer  Alexander  216,  10  f.  unde  aie  über  das 
wazer  niene  liezen  über  daz  wazer  eiifratea.  In  der  Vorauer  Kaiserchr. 
steht  93,  28  ff.  Ein  armer  wart  ir  gewar,  er  aleeich  ir  nach  an  das 
uruar  tein  armer  tragcere^  doch  er  e  kunich  ze  rome  wcere.  133,  13  ff. 
du  minnet  oh  in  div  frowe  mit  (dler  alahte  triwen.  mit  zuhten  unde  mit  gute 
mit  aller  deumiUe  minnete  ai  den  helt  palt,  234,  23  ff.  ao  biatu  frowe  gebom 
uon  kunigen  unt  uon  herzogen  geboren  alae  edele  gezimet  niht  ze  kebeae,  405, 
4  ff.  der  priater  der  herre  Euaebiua  di  uvil  er  iungelinch  waa  in  der  atcarzen 
buchen  er  las.  (Vgl.  Heinzel  QF  10,  7  f.)  Nicht  alle  diese  Beispiele  sind 
gleich  überzeugend,  beweisen  aber  doch,  dass  ich  A  nichts  dem  Geiste 
des  Mhd.  Widersprechendes  zuschreibe.  Bei  Tauler  überliefern  in  der 
Predigt:  Dea  andern  auntagea  in  der  vaaten  die  Strassburger  und  Wolfen- 
büttler  Hs.  gemeinsam  sogar:  0  herre,  ie  doch  geachiht  ea  underwilen  daz  die 
kleinen  welfelin,  die  kleinen  hundetin,  daz  die  doch  geapiaet  werdent  von 
dem  gebrockele  daz  do  veUet  van  der  herren  tiache,  Aehnlich  Wigamur  Hs.  S 
(vgl.  Zs.  23,  109)  Chunnet  ir  vna  geaagen  wa  Wa  tat  aein  lant  hyn  gelegen. 


Die  Basier  Bearbeifesiig  von  Lambreclit&  Alexander. 


95 


unde  dUo  Alexander  (daz)  uemam    9 

daz  der  kuning  dar  quam  10  (8) 

er  thet  cda  im  wol  gezam  11 

Nun  schrieb  V*  etwa  alle  drei  in  dieser  Reihenfolge  ab,  V  Hess 
den  zweiten,  B*  den  dritten  fort,  während  *M  durch  einen 
unbeholfenen  Flickvers  (7)  die  Erhaltung  aller  drei  Verse  er- 
möglichte. Auch  hier  also  Anschluss  von  B  an  V,  nicht  ge* 
meinsame  Zuthat  von  MB. 

Zugleich  zeigt  diese  Stelle,  dass  die  Quellenuntersuchung 
durchaus  nicht  so  einfach  ist,  wie  sie  nach  Harczyks  etwas 
fluchtigem  Aufsatze  scheinen  möchte. 

Noch  ein  zweites  Mal  geht  die  Frage  um  das  Hand- 
schriftenverhältnis und  die  Quellen  Hand  in  Hand,  nämlich 
Vers  704  (Harczyk  S.  153).  Es  war  von  Alexanders  Zug  gegen 
Nicolaus  die  Rede  und  dann  wird  berichtet: 


V  193  28  ff. 
unt  als  er  do  wider 

havm  gesan 
ein  laiht  nue  mare 

er  im  uemam 

nn  faier  habeht  sich 
siner  müter  ge- 
hvhet 


vntsaz  in  f oller  brut- 
hfe 


w  liz  die  sine  müter 
die  frowen  div  hiez 
Cleopatra 


M  452  ff. 
Do  er  do  wider  heime 

quam 
ein  Uli  leit  mere  er 

uimam 
desgwan  er  ungemute 
iz  was  einer  muter 


sin   uater  philippus 
ab  comen 


unde  hete  ein  ander 
wib  genomen 


di  was  Cleopatra  ge- 
nant 


B  697  ff. 
do  er  nu  wider  kein 

Jean 
do  hört  soliche  mer 

die  itn  woren  swer 
sin  vatter  küng  pili- 
pus 

hat  entseczet  von  sine      5 

hus 
sin  mütter  die  küngin 
nach  etlicher  rat  wid 

sin 
hat  er  ein  ander  ge- 

nome 
vnd  was  vf  die  zit 

komen 
dz    im    der    hodizit  10 

gezam 

cleolepatra    was    ir 
nam 


96 


Werner. 


Also  alexander  liaim 
chom 


15 


er  geinch  für  sinen 
fater  sten 


vnt  nam  die  corone 
die  er  mit  samt 
ime  da  hete 

stnem  fater  ers  vf 
sazthe 


M 


do  alexander  daz  ir- 

uant 
unde  erz  rehte  uer- 

nam 
uor  sinen  ttater  ginc 

ei*  stan 


(er  sazte  di  cronen  do\ 


B 


alexander  gie  ze  kant 

da  er  sine  mütter 

vant  .  .  • 
er  nam  die  erfochten 

krön 


vnd  saczte  sy  vf  stns 
vatter  hobt  eben. 


die  er  nicolao 

hete  geroubit 

sinem  uater  uf  daz 
houbft 

Wir  finden  hier  in  V  einen  Gedanken  zweimal  ausgedrückt 
Vers  4  und  11,  dagegen  fehlt  der  nothwendige;  für  den  Zusammen- 
hang unentbehrliche  Gedanke,  den  MB  in  Vers  8  ausdrücken. 
In  den  Quellen  ist  Folgendes  zu  lesen;  bei  PsK  I  20 
6  Be  'AXe^avSpoq  .  .  .  avacrpa^sl^  ei^  Ma/£Sov{av  supicxet  ttjv  ixYjxspa 
a'jTOö  'OXufjLxtdtSa  dTuoßXtjTOv  Yevs[jLr/r^v  uTcb  tou  4>tX{7ricoü  xoD  ßocatXdci)^, 
Tov    8 6    «I>iXt7r7:ov    -pJl^*^*    "^C*    aSsX^riv    Auaiou    KAEOTratpav    Touvojjua. 

TOUTYJ    Bs    T^    'hV'^P^    dYO(JL^Vü)V    TÖV    Y^P'WV    «I>lXl7W:OÜ5     6XWV    TOV    VtXTJTtxbv 

%ol\  'OXufJLTTtaxbv  crifavov  6  'AXs^avSpo;  e'ffijXOs  el^  to  Setryov.  — 
JV  1 20  ,  .  repatriat  Macedoniam.  Sed  offendit  forte,  ex  licentia 
regia  spreto  conjugio  Olympiadis,  Philippum  tunc  in  Cleopatrm 
nuptias  demutantum  Attali  alicuiusdam  non  ignobilis  filice.  Die 
igitur  nuptiarum  irruens  regis  triclinium  coronatus  . .  Hdp  Sicque 
ad  patrem  suum  cum  triumpho  remeauit.  Inuenit  axitem  Philippum, 
in  conuiuio  nuptiali  sedentem.  Eiecerat  enim  Olimpiam  et  socia- 
uerat  sibi  cuiusdam  hominis  filiam  nomine  Cleopatram.  Ingressus 
est  autem  Alexander  ad  nuptias  .  .  .  Ekkeh.  üraug.  63,  38  i?ß- 
versus  autem  cum  victoria,  invenit  Phylippum  sodasse  sibi  qttaii- 
dam  nomine  Cleopatram,  mat9*e  sua  eiecta;  sicque  illo  sedente  in 
nuptiali  convivioy  ingressus  Alexander  dixit  .  .  Hartlieb  als  er 
heim  ham  do  vemam  er  wie  sein  vater  sein  mMer  von  im  gestossen 
hett.  vnd  het  czü  im  gesellet  eines  andern  mannes  tochter  die 
hiess    Eleopatar.      und    als    alexander    einrayt    do    hett     kilnig 


Die  Basler  Bearbeitanff  tos  Lambrechts  Alexander.  97 

pkilippua  gar  köstlich  kockzeit  mit  eleopatar  vnd  sass  z'ä  tisch  in 
grosser  hochzeit  vnd  würtschafft.  Alexandei'  gieng  für  den  tisch  . . . 

V  kann  hier  unmöglich  das  Richtige  erhalten  haben,  denn 
80  ungeschickt  hätte  A  die  Quellen  gewis  nicht  wiedergegeben, 
es  ist  nur  die  Frage,  wie  der  Gang  der  Verderbnis  deutlich 
würde.  V  enthält  hier  eine  Reihe  von  auffallenden  Reimen ; 
Rödiger  versuchte  Anz.  I  82  wenigstens  öinen  zu  bessern,  es 
bleiben  aber  immer  noch  muotei* :  Cleopatra  und  quam  :  stdn. 
Der  letztere  ist  noch  einmal  verwendet  198,  26  f.  also  alexander 
heim  chom,  er  giench  füre  sinen  uater  stan ;  und  Vers  13  wieder- 
holt nur,  was  schon  Vers  1  gesagt  war.  Es  erscheint  mir  daher 
unzweifelhaft,  dass  die  beiden  Verse  11  und  13  zu  streichen 
seien.   Man  könnte  das  Ursprüngliche  wie  folgt  reconstruieren  : 

unt  als  er  do  wider  heim  quam 

ein  leit  nüwe  märe  er  im  vemam. 

sin  vater  (Philippus)  habet  sicJi  seiner  müter  geloubet 

unde  habet  ein  ander  wib  gehiwet  [?] 

unt  saz  in  f oller  brütloufe, 

Cleopatra  hiez  diu  frouwe, 

er  gienc  für  »inen  fater  stan, 

die  corone  er  do  nam 

die  er  mit  samt  ime  häte, 

sinem  fater  ers  üf  daz  houbet  satzte. 

Es  ist  dies  nur  ein  Versuch,  die  verschiedenen  Schreibungen  zu 
vereinigen ;  aber  wenn  auch  dieser  Versuch  nicht  ganz  gelungen 
ist:  das  wird  sich  aus  dem  Vorstehenden  mit  voller  Sicherheit 
ergeben  haben,  dass  MB  durchaus  das  Richtige,  nicht  eine 
selbständige  Aenderung  überliefert  haben. 

In  der  zuletzt  behandelten  Scene  findet  sich  auch  ein 
tiefer  gehender  Unterschied  zwischen  Hdp  und  B,  welches 
seiner  deutschen  Vorlage,  diese  aber  mehr  dem  JV  und  seiner 
Epit.  folgt.  H  151  f.  B  corrigiert  hier  also  nicht  nach  seiner 
lateinischen  Quelle  die  deutsche  Darstellung. 

Auch  bei  der  Bändigung  des  Bucephalus  hält  sich  B  mit 
V  an  das  Griechische,  den  JV  und  die  Epit.,  während  M  der 
Hdp  folgt.  Es  scheidet  sich  auch,  was  die  Benutzung  der 
iinen  Quelle  anlangt,  B  von  M,  denn  dieser.  Bearbeiter  ändert 
stofflich  einschneidend. 

SitzimgBber.  d.  phil.-hiat.  Cl.  XCIII.  Bd.  I.  Hft.  7 


98  Werner. 

Vers  777 — 796  der  Zug  gegen  Antonia;  den  V  im  An- 
schlüsse an  JV  bringt,  Hdp  und  EU  gar  nicht  aufweisen,  wird 
von  B  ohne  Anführung  des  Namens  gegen  die  Autorität  der 
Hdp  geschildert.  Dasselbe  gilt  von  dem  Empfange  der  Boten, 
die  Darius  sendet  Vers  797 — 823,  von  der  Besiegung  der  Stadt 
Thelemon  Vers  824 — 844,  die  B  talomone  nennt. 

Vers  844 — 878  ^  findet  sich  ein  bemerkenswerther  Unter- 
schied zwischen  V  und  B.  Beide  erzählen  übereinstimmend: 
V  198,  8  ff.  unt  als  er  d6  wider  haim  reit, 

d6  begagent  ime  ein  mirdr  arbeit. 

dd  ißider  reit  ime  PausoniaSy 

der  ein  richer  marcgräve  was, 
,  unt  fuorte  die  chunigin  in  äine  gewalt. 

d  wie  s^e  ers  dd  ze  stede  engaltl 

daz  was  diu  scone  Olimpias 

diu  Alexanders  muoter  was  (M  fehlt) 
während  die  Quellen  von  einander  und  von  diesem  Berichte 
vollständig  abweichen,  aber  im  Folgenden  schliesst  sich  B 
gegen  V  an  die  Hdp  und  sagt:  den  spies  er  durch  den  großen 
stach,  ze  der  erden  ddt  in  warff,  V:  dur(^  Anem  bück  erstach, 
zuo  der  erde  er  in  warf,  Hdp  ^  facto  impetu  et  evaginato 
gladio  trucidavit  eum.  Bei  JV  PsK  und  dem  Epitomator 
tödtet  Alexander  den  Herzog  Pausanias  nicht,  sondern  bringt 
ihn  vor  den  Vater  zur  Bestrafung.  Hier,  wie  in  dem  Berichte 
bis  zum  Tode  Philipps  scheiden  sich  V  PsK  JV  Epit.  und 
B  Hdp  EU,  so  dass  man  sieht,  B  änderte  seine  deutsche  Vor- 
lage im  Hinblicke  auf  die  lateinische,  oder  um  mich  der  Worte 
Wackernagels  zu  bedienen,  der  Bearbeiter  hat  mit  dem  Lam- 
brecht  in  der  Hand  die  Historia  de  proeliis  verdeutscht 

Und  nun  folge  ich  dem  Gange  der  Erzählung  in  der 
Weise,  wie  es  Harczyk  that,  indem  ich  nur  das  Erwähnens- 
werthe  bemerke;  die  Verszahlen  beziehen  sich  auf  die  Dar- 
stellung in  B,  die  in  Klammern  auf  W. 

Vers  879-907  (638-671).    B  folgt  A  gegen  Hdp. 
Vers  908-940  (672—703).   B  bringt  mit  A  die  Zahlen- 
angäbe   und   den  Zug  nach  Sicilien  fsittiren  lant]  gegen  Hdp. 

»  Vgl.  Harczyk  S.  153  f. 

2  Vgl.  Harczyk  a.  a.  O.  dem  eine  andere  Fassung  vorlag,  die  mit  Ekkeh. 
63,  60  ff.  wörtlich  übereinstimmt. 


Die  Buler  Bearbeitang  Ton  Lambreelits  Alexander.  99 

Vers  941—981  (704—743).  Den  einen  von  Harczyk  her- 
vorgehobenen Zug,  den  A  mit  der  Epit.  gegen  die  Hdp  theilt, 
bringt  auch  B.  —  Von  der  Aufforderung  an  die  Carthager,  sich 
zu  unterwerfen,  ihrer  Gesandtschaft  u.  s.  w.  steht  nichts  in  den 
Quellen,  nur  JV  und  PsK  I  30  erwähnen  Carthago  überhaupt 
mit  Namen  und  nur  dieser  hat  im  Cod.  C  eine  nähere  Parallele 

Vers  982—985  (744—759).  Die  Gründung  von  Alexandria 
mit  A  gegen  Hdp,  doch  fehlt,  ganz  in  der  Weise  von  B,  die 
Vergleichung  mit  den  anderen  berühmten  Städten. 

Vers  986—1000  (760—779).  B  stimmt  mit  A  gegen  Hdp 
sowohl  in  dem  was  es  bringt,  als  in  dem  was  es  nicht  bringt, 
obwohl  es  in  der  Hdp  steht.  Besonders  der  Zug  nach  Palä- 
stina wird  ganz  abweichend  geschildert.  ^ 

Vers  1001—1265  (785—1246).  Die  Geschichte  der  Be- 
lagerung und  Zerstörung  von  Tyrus  berichtet  B  in  Ueberein- 
Btimmung  mit  V,  resp.  A.  Die  antiken  Quellen  sind  noch  nicht 
gefunden,  wir  treffen  Darstellungen  bei  Curtius  Rufus,  der  im 
Mittelalter  sehr  beliebt  gewesen  zu  sein  scheint,  und,  was 
Harczyk  nicht  erwähnt,  in  Diodors  historischer  Bibliothek 
XVII.  Buch,  Cap.  40 — 46,  Diodor  erwähnt  auch  das  Holen 
der  Bäume  vom  Libanon.^ 

Vers  1266—1275  (1247—1266).  Ueber  diese  Stelle,  welche 
aaf  die  Sage  von  Apollonius  von  Tyrus  anspielt  und  in  den 
antiken  Quellen  natürlich  nichts  Analoges  hat,  wurde  bereits 
oben  in  anderem  Zusammenhange  gehandelt  (S.  21  ff.). 

Vers  1276—1371  (1247-1422).  B  stimmt  zu  A  gegen 
Hdp  in  dem  von  Harczyk  hervorgehobenen  Punkte. 

Vers  1372—1377  (1423—1437).  B  berichtet  Aehnliches 
wie  A.  Hdp  sagt:  Darhts  itaque  perlecta  epistola  turhatiis  est 
valde.  Deinde  scripsit  .  .  .  JV  I  39  Enimvero  acceptis  Alexandri 
litteris  rex  Darius,  eisque  gravivs  et  arrogantius  motusj  ad  satrapas 
. . .  scribit.    Ekkehard  hat  nichts  Entsprechendes. 

Vers  1378—1410  (1438—1492).  B  lässt  den  von  Harczyk  als 
hervorstechend  bezeichneten  Zug  im  Anschlüsse  an  die  Hdp  fort. 

»  Vgl.  Weiasmann  zu  760  (nicht  769). 

^  Man  vergleiche    den  lesenswerthen  Abschnitt    in    Danckers    Geschichte 
Alexanders  des  Grossen. 

7* 


100  Werner. 

Vers  1411—1549  (1493—1749).  Schlacht  gegen  Mennes 
hat  in  den  antiken  Quellen  keine  Parallele.  B  schliesst  sich 
gegen  die  Hdp  an  A  an. 

Vers  1550—1622  (1770—1880).  Die  Streitkräfte  nach  A 
aufgezählt.  Hdp  nichts  Entsprechendes.  Hiemit  endet  das  in 
V  Ueberlieferte  und  es  gehen  nun  M  und  B  parallel.  Wie  sich 
ergab;  änderte  einigemale  M^  indem  es  sich  genauer  als  A  an 
die  Hdp  anschloss,  auch  B  schlägt  in  einigen  Fällen  dasselbe 
Verfahren  ein,  doch  fanden  wir  MB  in  dieser  Thätigkeit  nie 
einig.  Für  das  Folgende  ergäbe  sich  nach  dem  bisher  Gesagten 
die  kritische  Regel:  Ueberall  wo  nur  üne  der  beiden  Dar- 
stellungen sich  genauer  an  die  Hdp,  die  andere  an  JV  oder 
die  Epit.  schliesst,  ist  anzunehmen,  letztere  repräsentiere  die 
Fassung  von  A,  wo  jedoch  sowohl  M  als  B  gemeinsame  Ver- 
wandtschaft mit  Hdp  zeigen,  ist  dies  auch  für  A  vorauszu- 
setzen. Diese  Regel  kann  freilich  erst  dann  in  einer  kritischen 
Ausgabe  von  Lambrechts  Alexander  befolgt  werden,  wenn 
klarer  in  den  antiken  Quellen  gesondert  ist.  Gerade  in  der 
zweiten,  sagenhaften  Hälfte  der  noch  zu  besprechenden  Partie 
ist  die  Unklarheit  am  grössten. 

m.  Der  mehr  sagenhafte  Theil  in  M  und  B. 

Auch  hier  müssen  wieder  zwei  Punkte  unterschieden 
werden,  je  nachdem  die  einzelnen  Züge  von  MB  oder  von  M 
und  B  getrennt,  resp.  B  allein  überliefert  werden:  also 

1.  in  MB. 

Vers  1631-1656  (1889—1923).  Hier  weicht  B  und  M 
von  PsK  JV  und  der  Epit.  ab  und  folgt  der  Hdp,  nur  ist  B 
etwas  kürzer  als  M.    Dasselbe  gilt  von  der  nächsten  Scene: 

Vers  1657—1694  (1924—1973)  nur  im  Schlüsse  stimmt  B 
genauer  zur  Hdp  als  M. 

Vers  1695—1714  (1974-2001)  die  Schlacht  gegen  Amenta 
wird  nur  von  der  Hdp  und  Ekkeh.  berichtet ;  M  schliesst  sich 
genauer  an  die  Hdp,  in  dem  es  si  vohten  f  reislichen  zioene  tage  al 
in  ein  daz  di  sune  nit  ne  geschein,  wände  si  ne  wolde  belüdUen  niht 
den  mort  wie  Hdp  erzählt,  was  in  B  und  bei  EU  fehlt.  Dagegen 
schiebt   es   1983—1992  W  zwischen   si  vohten  allen  einen  tach 


Die  Bafler  Boarbeitiing  Ton  Larabrechts  Alexander.  101 

and  8i  vohten  langer  tage  dri,  während  B  sagt:  vnd  vachten 
aüm  den  dag,  daz  ir  hant  nie  gelag.  sy  stritten  dry  gancze  ta^  .  . 
wie  die  Hdp  und  Ekk.  et  uaque  ad  occasum  solia  equaliter 
pugnatierunt  *  Sic  etiam  per  tres  dies  continuos  pestiferum  bellum 
duramt.  Die  kurze  Beschreibung  der  Schlacht  1994 — 1996 
(W.  1707 — 1713  B),  in  welcher  B  und  M  übereinstimmen,  hat 
in  den  Quellen  keine  Parallele. 

Die  ausfiihrlichere  Schilderung  in  M  2002—2017  (W)  hat 
ihren  Ursprung  in  einem  kleinen  Satze  der  Hdp  und  der  Chronik 
Ekkeharts;  der  Satz  schliesst  aber  nicht  direct  an  die  Beschreibung 
der  Schlacht  an,  sondern  erst  an  den  Bericht,  wie  der  fliehende 
Amenta  zu  Darius  kommt  und  dort  die  Boten  mit  Alexanders 
Brief  und  Gabe  trifft.  B  bietet  nichts  diesen  Fassungen  Ent- 
sprechendes, sondern  lässt  auf  die  Ausmalung  des  Kampfes 
sogleich  folgen 

Vers  1715—1734  (2018—2041).  Die  von  der  Hdp  und 
EU  ausfuhrlich  berichteten  Eroberungen  deutet  M  2021 — 2028 
nur  an  und  B  stimmt  darin  mit  M.  Das  Sammeln  des  Heeres 
mit  der  Zahlenangabe  findet  sich  nur  in  MB.  ^ 

Vers  1735-1774  (2042—2087).  Die  Aenderungen  von  B 
haben  in  keiner  der  Quellen  eine  Autorität  und  ein  Zug  ist 
sogar  gegen  die  ausdrückliche  Erwähnung  von  Hdp  aus  der 
Beschreibung  von  Tyrus  herübergenommen :  ahtirus  .  .  lit  an 
ener  vestin  wer^  zwissent  dem  gehirge  und  dem  mer,  Hdp  locus 
non  erat  naturaiiter  munitus.  ^ 

Vers  1775—1815  (2088—2139).  B  stimmt  zu  M,  die 
Znthaten  sind  eigenes  Machwerk  von  B.  Die  Aenderung  von 
Harczyk  ime  in  in  ist  nach  B  1804  richtig.  A  weicht  übrigens 
ziemlich  stark  von  allen  Quellen  ab,  am  meisten  Aehnlichkeit 
bat  es  noch  mit  der  Hdp. 

Vers  1815—1821  (2140—2152).  MB  stehen  allen  andern 
gegenüber.  Die  Erwähnung  der  Bibel  blieb  in  B  weg,  vgl. 
oben  m.  Cap.  (S.  59). 

Vers  1822-1831  (2153—2163)  gilt  dasselbe. 

^  Ekk.  nnd  die  von  Harczyk  benutzte  Fassung  der  Hdp  haben   hier  noch 

einen  Satz  überliefert.  Vgl.  H.  157  f. 
^  Vgl.  oben  S.  100. 
*  Dies    wird    in    der    von    H.  benutzten   Fassung    der  Hdp   freilich   nicht 

erwähnt. 


102  W«rii«r. 

Vers  1832—1919  (2164—2277).  Die  von  Harczyk  hervor- 
gehobenen näheren  Parallelen  zwischen  M  und  Hdp  resp.  PsK 
entfallen,  da  auch  JV  und  Ekk.,  so  weit  sie  von  einander  und 
den  andern  abweichen,  gerade  alle  in  der  Erwähnung  stimmen, 
dass  die  Lacedämonier  eine  Seeschlacht  versucht  und  durch 
Feuer  ihre  Schiffe  verloren  hätten.  Dagegen  ist  hervorzuheben, 
dass  keine  der  sonst  verwandten  Quellen  in  dieser  Scene  die 
Vorlage  von  A  gewesen  sein  könne,  da  keine  so  ausführlich 
die  Belagerung  schildert  wie  A.  Es  war  also  wohl  eigene 
Zuthat  des  Alberich  von  Besan9on. 

Vers  1920—1997  (2278—2391).  Was  Harczyk  S.  161 
über  diese  Scene  sagt,  ist  durchaus  nicht  befriedigend.  Die 
erste  Parallele  zwischen  M  und  Hdp  (PsK)  filllt  weg,  denn 
auch  JV  sagt  II  7  Tu  illum  Videos  nee  ducibus  nee  prcecurso- 
ribvs  confidententj  sed  sibimet  laboris  omnis  offida  vindicantem, 
kcBc  agere  qucß  tanta  sunt:  quce  tu  quoque,  si  recta  sapias,  per 
te  feceris.  Viden  ut  primus  irruat  in  proeliaf  prior  in- 
tonet bellicumf  prior  periculum  subeatf  Die  zweite  ist  richtig, 
JV  auch  Ekkeh.  weiss  nichts  davon.  Aber  auch  B  bietet 
nichts  dem  Analoges,  stimmt  daher  gegen  M  und  die  Hdp 
mit  JV.  Sollte  hierin  nicht  das  Ursprüngliche  stecken  ?  Denn 
sonst  stimmt  B  mit  M  auch  in  dem  von  allen  Darstellungen 
Abweichenden:  Vers  1930—1937  =  2287—2292  das  Versprechen 
vom  Zins  abzusehen,  wenn  Alexander  vom  Kampfe  abstehe. 
Die  Rede  Ocyators  —  Hdp  nennt  ihn  Macher ^  M  Occeafyr,  PsK 
DJjidprj^,  JV  Oxyathrue  —  ist  in  B  viel  gröber  als  in  M.  Von 
den  kleineren  Aenderungen  in  B  z.  B.  Vers  1971  ff,  bieten  die 
Quellen  keine.  —  Mit  Ekk.  theilen  MB  zwei  Auslassungen: 
PsK  II  7  (S.  61^)  T,\Lei^  ok  e-£{xd/a(jL£v  aütw  txjto«;  xat  c^al[pav  iz: 
TO  7:a{^eiv  xal  7:aiB£U£(78ai  .  .  JV  II  7  (S.  62*)  Denique  pudorem 
suum  haud  dubie  fatebatur,  quod  ei  vivo  pilam  habenamque  mi- 
sissit .  .  .  Hdp  Dlrexi  ei  ludicram  pilam  et  zocham  ut  ludum 
disceret  pueroruvi  .  .  .  Ferner  fehlt  nur  in  MB  und  bei  Ekke- 
hard  die  Aufzählung  der  Völkerschaften. 

Vers  1998—2047  (2392—2454).  Die  von  Harczyk  er- 
wähnte  Parallele  zwischen  Hdp  und  M  ist  richtig  und  M  be- 
wahrt hier  das  Richtige,  trotzdem  B  und  JV  den  Gedanken, 
dass  das  Heer  trauerte,  nicht  haben.  B  machte  sich,  wie  aus 
2008    hervorgeht,    einer  Auslassung   schuldig.  —  Eine   andere 


Di«  Basier  B«Arb«itang  ron  I«Ambr«cht0  Alexander.  103 

UebereinBÜmmung  zwischen  MB  und  der  Hdp  ist  das  Fehlen 
einer  Apposition :  PsK  11  8  xat  ^  ti;  4>{XtTO:o<;  cvo|jiäti,  9{XTaxo? 
'AXs^avSpci)  .  .  JV  II  8  sedulitate  acceptissimus  regt  .  .  Auch 
£kk.  65,  71  quem  däigebat  Alexander  quia  medictis  erat.  Da- 
gegen heisst  Parmenius  in  der  Hdp  und  bei  Ekkeh.  princeps 
militiae  qui  tenebat  Armentamy  dies  fehlt  bei  MB,  JV  und  PsK. 
~  In  der  Erzählung  des  Gesprächs  zwischen  Alexander  und 
Philippus  weichen  MB  von  allen  andern  Darstellungen  ab.  M 
und  Hdp  in  der  Bestrafung  des  falschen  Parmenius,  welche 
bei  PsK,  JV,  Ekkeh.  und  B  von  Philipp  erst  gefordert  werden 
inass,  während  Alexander  in  M :  Parmenen  htz  er  slän  ze  siner 
anesütte  (Philippo  er  do  richte)  wander  in  habite  belogen.  Und 
in  der  Historia  Mox  .  .  ittssit  ad  se  Parmenium  venire  et  per- 
cunctatus  invenit  eum  morte  dignum.  Sicque  prcecepit  nt  capite 
privaretur.  —  Die  Todesart  in  B  ist  originell. 

2048—2077  (2455—2544).  B  ist  bedeutend  kürzer  als  M. 
Der  Zug  nach  Armenid  wird  von  JV  II  9  nicht  erwähnt,  da- 
für ist  ein  anderes  Motiv  von  ihm  eingeführt,  das  sich  später 
wiederholt:  igitur  recepta  valetudine  Alexander  per  Medoa  exer- 
citum  ducens  iter  illud  midtis  admodum  diebus  per  deserta  regionis 
emensus  esty  muüamque  aquae  penuriam  toleravit.  Was  M  von 
Alexanders  Thätigkeit  in  Armenien  zu  berichten  weiss,  bieten 
weder  B  noch  die  Quellen.  Die  etat  Andrid  wird  bei  PsK, 
Ekk.  und  in  der  Hdp  genannt,  hier  heisst  es :  deinde  ambulans 
diebus  multis  ingressus  est  locum  aridum  et  inaquosuniy  ubi  aqu(B 
mnime  consistebant  et  transiens  per  locum  qui  dicitur  Adriacus  ^ 
vmit  ad  fluvium  Euf raten;  JV  überliefert  den  Namen  nicht.  — 
Nachdem  die  Brücke  geschlagen,  weigern  sich  die  über  die 
Grösse  des  Flusses  erschrockenen  Soldaten  hinüberzu- 
gehen, Alexander  schickt  daher  zuerst  die  animalia, 
als  dies  auch  nichts  nützt,  geht  er  als  Erster  hinüber  und 
das  Heer  folgt  ihm.  Die  beiden  im  Druck  hervorgehobenen 
Motive  fehlen  BM  im  Gegensatze  zu  allen  Darstellungen.  — 
Die  Reden  der  Soldaten  und  Alexanders,  deren  üeberein- 
stimmung  mit  der  Hdp  Harczyk  S.  161  f.  nachwies,  ^  wurden 
von  B    sehr    stark    zusammengezogen;    dass    dies    nicht    im 


^  Ekk.  66,  14  ^ndrtacttx,  wie  auch  Hdp  zu  lesen  sein  wird.  PsK  'Apetavij. 
'  In  dem  von  mir  benutzten  Drucke  ist  die  Uebereinstimmung  läel  geringer. 


104  Werner. 

Hinblicke  auf  eine  lateinische  Vorlage  geschah,  ergibt  die  Ver- 
gleichung  mit  JV  und  der  in  B  bis  zur  Unverständlichkeit 
gestörte  Context. 

Vers  2078—2162  (2545—2650).  Der  Zug  in  MB,  die 
Heere  seien  einander  so  nahe  gewesen,  dass  die  Vorposten 
sich  gesehen  hätten,  findet  in  den  Quellen  keine  Parallele, 
ebensowenig  Vers  2587  er  hetis  gerne  mer  getan.  Auch  sieht 
sich  Alexander  in  den  antiken  Darstellungen  nicht  nach  dem 
Attentäter  um,  sondern  dieser  wird  vor  ihn  gebracht.  Die 
Aehnlichkeiten  zwischen  A  und  Hdp  (PsK)  im  Dialog  sind 
von  Harczyk  richtig  angedeutet.  Darauf  folgen  in  dem  von 
mir  benutzten  Strassburger  Drucke  der  Hdp  Vorschläge  der 
Soldaten,  wie  der  Perser  gestraft  werden  solle.  Dies  fehlt  in 
Harczyks  Angabe,  ist  daher  wohl  Zuthat  einer  Recension  von 
Leos  Werk.  —  Die  M  und  B  gemeinsame  Schlachtbeschreibung 
ist  von  den  Quellen  nicht  vorgebildet 

Vers  2163-2205  (2650—2696).  JV  berichtet  an  dieser 
Stelle  nichts  über  die  Gefangennahme  von  Alexanders  Mutter 
und  Familie. 

Vers  2206—2243  (2697—2768).  B  kürzte  so  stark,  dass 
Alexanders  Antwort  vollkommen  unverständlich  ward. 

Vers  2244-2255  (2769—2788).  Die  Angaben  Harczyks 
beruhen  auf  grosser  Flüchtigkeit.  Alle  Quellen  berichten  über- 
einstimmend, dass  Darius  den  König  Perus  von  Indien  um 
Hilfe  angegangen  habe.  PsK  H  11  "E-^px^s  Ik  xat  Dcopco  -rio 
^xzChii  Töiv  'IvBwv,  5£5;x£V5;  ^zrfizix^  tjx^iv  -izxp^  xjtoj,  JV  H,  11 
Igitur  ad  Porum  quoque  scribil  Dar  ins  petitque  sibi  auxilia 
plurtma,  —  Hdp  Scripsit  et  aliam  litteram  ad  Porum  regem 
Indorum,  ut  sibi  dignaretur  auxilium  impartire,  •  Woher  die 
Abweichung  in  M  stammt,  kann  ich  nicht  ermitteln. 

Vers  2256—2451  ^2789— 3051).  Für  die  Wichtigkeit  dieser 
Partie  bei  der  Frage  nach  den  Quellen  beweist  Harczyk  S.  162  f. 
kein  Verständnis;  auch  S.  147  f.,  wo  er  die  Verse  2825 — 2859, 
besonders  2^51  f.  (W)  hätte  erwähnen  müssen,  nicht  ein 
Wort.   Alexanders  Traum  wird  berichtet,  es  erscheint  ihm  ein 


*  Auch  in  Hartliebs  Verdeatachung:  damaeh  schrib  aher  der  gra»9  Icünig 
Darifu  dtm  künig  Poro  in  ludia  da»  er  im  ze  hUjf  Icem.  VgL  Midielant 
255,  7  (L 


Di«  Basier  Bearbeitung  tob  Lambrechta  Alexander.  105 

man  in  allen  dem  gebere  als  er  sin  vater  were,  nun  äussert  M 
wieder  seine  sittliche  Entrüstung  über  der  leien  spot,  welche 
den  Vater  Alexanders  einen  Gott  sein  lassen,  die  Rede  aber, 
welche  eben  der  Mann  hält,  hebt  ausdrücklich  hervor: 

ich  wil  dir  Idzen  werden  schin 
daz  ih  ein  gwaldich  got  bin. 

PsK  n  13  .  .  'AX^^ovSpo^  .  .  .  5pa  xaO'  i>:r/ou<;  tov  "ApLfJLcova  ev  fr/ii[LCKr:i 
'EffjLsu  auTio  zapecjTWTa,  .  .  XrfOVTa  «utw  *Texvov  'AXi^avBps,  Sie  xatpo? 
izv.  3or;0£{aq,  cu|jL7:ap£ijjL(  cot  .  .  .  JV  II  13  somniatque  sibi  deum 
Ammonem  adstitisse  omnem  habitum,  quo  deum  Mercurium  pingi 
visisset,  sibimet  porrigentem  cum  his  mandatis:  ,En  tibi,  fili 
Alexander ,  adsum  in  tempore^  .  .  .  Hdp  Eadem  vero  nocte  ap- 
paj-uit  Alexandra  Mercurius  ,  .  .  dicensque  Uli:  ,Fili  Alexan- 
der cum  opus  tibi  fuerit  semper  in  adiutorio  tibi  astabo^. 
Diese  Stelle  ist  wohl  verderbt  und  nach  Ekkeh.  66,  71  f.  zu 
corrigieren,  wo  es  heisst :  dormiens  autem,  vidit  in  somno  Ham- 
monem  deum  in  forma  Hermi  . . .  aibique  dicenteni:  ,Fili  Alexander ^ 
quando  necesse  est  culiutorium,  paratus  sum  nunciare  tibi^.  Schon 
aus  diesen  Sätzen  ergibt  sich,  dass  M  den  gemeinen  Text 
aufnahm,  ohne  auch  nur  den  Versuch  zu  machen,  ob  die 
Ueberlieferung  und  seine  specielle  Auffassung  nicht  vielleicht 
in  Einklang  gebracht  werden  könnten.  M  ändert  an  der  Rede, 
wie  sie  von  allen  Quellen  überliefert  wird,  ^  die  wenigen  Worte, 
aufdie  es  ankam,  nicht,  sondern  gibt  nur  seine  widersprechende 
Ansicht  wie  in  einer  Anmerkung.  Dies  Verhältnis  ist  höchst 
auffallend,  entweder  fand  sich  der  Widerspruch  schon  in  A  vor, 
oder  er  entstand  dadurch,  dass  M  seine  deutsche  und  latei- 
nische Vorlage  in  Einklang  zu  bringen  suchte;  denn  es  muss 
als  ausgemacht  hingestellt  werden,  dass  die  Aenderungen, 
welche  M  vornahm,  nicht  bloss  formalen  Gründen  ihren  Ur- 
sprung zu  danken  haben,  die  Discrepanz  von  V  und  M,  was 
die  Benutzung  der  Quellen  anlangt,  ist  nur  aus  einer  Revision 
des  Thatsächlichen  im  Hinblick  auf  eine  bestimmte  Quelle  zu 
erklären.  Gegen  die  zweite  Möglichkeit  lässt  sich  jedoch 
Manches  einwenden:  1.  Der  Umstand,  dass  schon  zweimal  für 
A  ein  Widerspruch  ähnlicher  Art  constatiert  werden  musste, 
vgl.  Harczyk  S.  146 — 148.    2.  Der  Umstand,  dass  M  durchaus 

>  Wohl  zuf&llig  blieb  bei  Hartlieb  das  Motiv  des  Traumes  ganz  fort 


106  Werner. 

keine  von  den  Quellen  ganz  genau  wiedergibt,  weil  der  überein- 
Btimmend  überlieferte  Zug  fehlt,  Ammon  sei  in  der  Gestalt 
des  Mercurius  erschienen  und  habe  Alexander  beauftragt,  in 
derselben  Tracht  zu  Darius  zu  gehen :  PsK  11  13  .  .  ev  (r/rfn^an 
'EppLOu  .  .  Ix^vra  XTjpuxtov  xal  x^afxuSa  xat  ^aßSov  xal  MontfiBovixbv 
xiXtov  ext  T^v  xe^aX^v  ourou  .  .  .  cu  Be  amoq  y^vou  är^^Bkoq  xat  icopsjou 
avaXaßa)v  Tb  o^^pia  oxep  iytvf  6pa;  (xe  und  weiter  bei  der  Ankunft 
im  Lager  des  Darius  11  14  xai  ol  exet  fpoupapxoi  Oeaaafjievot  outov 
ev  to6tci)  ff^^T^^ixaii  urcevöoüv  Oebv  auxbv  eTvat.  JV  II  13  . .  videlicet  hoc 
omni  hahitu  adomatus  quem  nunc  a  me  tibi  offerri  considercu  , . . 
II 14:  Jamque  aderat  Alexander  et  habitum  illum  pompamque  regiae 
magnificentiae  mirabatur,  Denique  non  absque  ea  dvbitaJtione  egit 
utrumne  adorandus  sibi  idem  rex  foret,  ita  omni  cultu  tum  capitis 
tum  vestitusy  sceptro  etiam  et  indumentis  pedum  magnrßce  adoma- 
batur.  Aderantque  et  satellitum  millia  stupore  barbartco  regem 
suum  ut  deum  praesentissimum  demirati,  Hdp  Mercurius  portam 
clamidem  ac  vestem  Macedonicam  .  .  .  volo  enim  ut  induas  figuram 
meam  ....  audientes  eum  Ferse  non  modicum  in  figura  dm- 
obstupueruntj  existimantes  illum  deum  esse.  Ebenso  Ekkeh. 
M  sagt  aber  bei  Alexanders  Ankunft  im  Lager  des  Darius: 
jene  sprächen  [die  Perser];  ^wer  ist  deref  er  glichet  sere  einem 
gote^.  Auch  B  erwähnt  den  Auftrag  Ammons  nicht,  dagegen  die 
Frage  der  Perser  wie  M,  daher  ist  zu  entnehmen,  beides  sei 
aus  A  in  M  und  B  herübergenommen.  3.  Endlich  ist  der 
Umstand  geltend  zu  machen,  dass  selbst  in  B  ein  Ueberrest 
der  einschränkenden  Anmerkung  stehen  blieb,  wenn  es  ohne 
Zusammenhang  Vers  2297  heisst:  (ich  bin  ein  höcher  got)  dis 
ist  der  legen  spot  wie  M  2832  (W).  Darum  ist  nicht  zu  zweifeln, 
dass  schon  in  A  die  Einleitung  zu  der  Rede  und  diese  selbst 
gestanden  haben,  und  dass  M  wegen  der  in  der  deutschen  Vor- 
lage vorhandenen  Uebereinstimmung  mit  der  Hdp  nicht  änderte. 
Bei  der  Beschreibung  des  Flusses  Stranga  findet  sich 
wieder  nähere  Berührung  zwischen  A  und  Hdp  (und  PsK); 
während  JV  von  ihm  behauptet  plerumque  ex  vehementia 
nivium  adeo  stringitur  et  congelascitj  ut  instar  saxi  viabilem 
sese  transeuntibus  viris,  carris  etiam  quam  onustissimis  praebeat. 
Atque  ex  hoc  ingenio  sui  etiam  tunc  gradabilis  ftät,  sagt  Leo 
von  ihm  hyemali  et  vernali  tempore  tota  nocte  coagulatus  existit* 
Mane  vero  cum  calet  sol  dissoluitur  et  cursu  tarn  rapido  ßtut  vi 


Die  Basier  Bearbeitung  von  Lambrechte  Alezander.  107 

91  quis  ingrßssus  fuerit  velocüate  fluuii  rapiatur  ^  und  PbK  IE  14 
ebenso.  M  der  flüzit  allen  den  tack  unde  irfrüsit  inne  der  naht 
daz  man  dar  ubir  mohte  riten.  B  der  fliusset  den  tag  mit  macht 
und  gefriuret  die  nacht  daz  man  es  mag  gernten, 

Alexander  kommt  zu  Darius,  wird  fUr  einen  Gott  ge- 
halten nnd  richtet  barsch  seine  Botschaft  ans.  Der  hieraus 
entstehende  Dialog  weicht  in  M  von  B  und  den  QueUen  ab, 
es  fehlt  folgender  Zug:  PsE  IE  14,  jedoch  nur  in  Cod.  A 
AapeTo^  sT-sce  *  MtJ  ti  9l>  AXe^avSpo^ ;  o&ccoi;  fop  [w:a  Opoeaoui;  \loi  8ia- 
kt^tiq'  oux  üx;  ocf(tko^^  akV  &^  «urb?  exetvoq  •  JV  II  14  Numnam 
gwBso,  tu  ipse  Alexander  ades,  gut  adeo  nihilum  reverens  nostri 
eoufidentissime  loqueris?  Hdp  An  tu  es  Alexander,  quum  tanto 
furore  sermonem  tuum  promulgasy  guia  vt  video  nan  vt  nuncttts 
sed  vt  rex  superba  promittis.  Ebenso  Ekk.  B  und  teerest  du 
joch  selber  Alexander^  es  wer  genuog  unmessenkltch,  daz  du  so 
redest  vor  dem  rieh. 

Das  Gastmahl  des  Darius,  Alexander  behält  die  Becher 
B  dis  det  er  durch  den  list,  wände  er  wol  wist  daz  tfin  diener 
vil  bereit  wurden  durch  die  gttekeity  in  sinen  hof  ze  rtten.  Davon 
nichts  in  M  und  den  Quellen,  nur  Hdp  fugt  etwas  Aehnliches 
an  Perse  vero  qui  sedebant  in  conuiuio  ad  inutcem  dicebant :  Jbta 
consuetudo  laudabilis  et  bona  est  etc.  vgl.  auch  Ekk.  67,  25  und 
D  29^  f.  Der  Schluss  dieser  Scene  ist  in  B  geändert,  Alexander 
nimmt  Abschied  und  reitet  ungehindert  von  dannen.  In  den 
Quellen  findet  sich  keine  Analogie.  —  Das  Beispiel  aus  der 
Thierwelt  bieten  MB,  Hdp,  Ekkeh.  und  PsK,  dagegen  fehlt 
es  bei  JV  (Harczyk  163). 

Vers  2452—2574  (3052-3266).  Die  Schlacht,  Alexander 
besteigt  den  Bucephalus,  es  wird  furchtbar  gekämpft  da  was 
daz  feit  vil  breit  mit  den  t6ten  ubirspreit  (Hdp  .  .  .  «^  totus  campus 
ex  semivivis  et  mortuis  vestiretur,  fehlt  B  ^  und  JV).  Die  Perser 
fliehen  über  den  Stranga,  dessen  Eisdecke  bricht,  so  dass  die 
Meisten  ertrinken;  als  man  die  Toten  zählte,  zvei  hundirt 
fUtunt  der  was,  der  nie  nehein  ne^gnas,  dn  di,  di  in  dem  Sträge 
ouh  vertrunken  lägen,  der  ne  mohte  man  neheine  zale  gescriben 
noch  gesagen   wale   (ähnlich   B),   Hdp   In  hoc   siquidem  proelio 


^  Aehnlich  Ekkeh. 

'  Die  Stellen  sind  wichtig,  vgl.  oben. 


108  Werner. 

mortui  sunt  ex  Persis  trecenta  milia  honünum,  exceptis  his  quos 
profunditas  fluvü  svffocavit  (fehlt  PsK,  JV  und  Ekk.).  Das 
ganze  Land  beklagt  die  Gefallenen  (die  schöne  Stelle  in  M 
fehlt  B  so  wie  den  Quellen),  Darius  verzweifelt:  M.  fortuna  dt 
tat  80  getan  .  .  etc.  (ähnlich  B  nur  verBtümmelt)  JV  II  16  (vgl. 
PsK  II  16  1^  Y^P  "^^  ßpox^tav  eav  Xaßt)  ^owrjv  ^j  Touq  Toweivob^ 
u?;£pivü)  Tuv  ve^eXaiv  avaßtßal^et  9l  xou^  a^'  utj/cu«;  £t{  2I690V  xotoy&i) 
Profecto  ntUli  est  hominum  rata  vel  stahilita  foi^tutia,  quae  si 
parvam  inclinationem  stattis  sui  nacta  sit  in  contrarium  protimis 
restdtare  et  quoaque  de  culmine  ad  profundaa  tenebras  wrgere. 
(In  der  Hdp  und  bei  Ekk.  fehlt  diese  Erwähnung  der  Fortuna.) 

Vers  2575—2646  (3267—3370).  M  stimmt  mit  der  Hdp 
näher,  abweichend  ist  nur:  Hdp  erwähnt  eine  Versammlung 
(wie  JV)  und  nennt  als  Redner  Parmerion  (wie  JV),  beides 
fehlt  in  M.  Was  dagegen  B  mehr  als  M  bietet,  ist  eigene 
Erfindung,  wenigstens  hat  es  in  den  Quellen  keine  Gewähr. 
Vgl.  Vers  2616. 

Vers  2648-2679  (3371-3430).  B  kürzte.  M  do  gebot  er 
den  sinen,  daz  ai  brechen  den  palas,  PsK  iixTJptl^sffOai,  JV  iniecfx) 
igni  concremariy  Hdp  succendi,  B  daz  sy  brenten  den  palas.  In 
M  und  B  wird  er  zur  Zurücknahme  dieses  Befehls  durch  die 
Bitten  seiner  Soldaten  bewogen,  dagegen  PsK  (xsTavoi^oa«;,  JV 
per  poenitentiamy  Hdp  poenitentia  ductus.  Die  Uebereinstimmung 
von  MB  mit  Hdp  sonst  in  die  Äugen  springend;  die  Aende- 
rungen  und  Auslassungen  von  B  sind  willkührliche. 

Vers  2680-2730  (3431-3534).  Der  von  M  und  B  über- 
lieferte  Brief  des  Königs  Porus  an  Darius  findet  sich  nicht  in 
den  Quellen. 

Vers  2731  —  2890  (3535—3904).  Die  Ermordung  des 
Königs  Darius  durch  die  beiden  Satrapen;  Darius  ist  allein 
auf  dem  Saale  (MB,  JV,  fehlt  Hdp),  er  spricht  zu  den  Mördern 
(MB,  PsK,  Hdp,  fehlt  JV),  diese  verbergen  ihre  Waffen,  stellen 
sich  unschuldig  und  beklagen  den  Tod  des  Königs  (M,  fehlt 
PsK,  JV,  Hdp,  B),  endlich  verbergen  sie  sich  selbst  (M,  Hdp, 
fehlt  B,  PsK,  JV). 

Alexander  erfahrt  diese  Vorgänge  und  geht  über  den 
Stranga  (fehlt  B),  betritt  die  Stadt  ungehindert.  —  B  schaltet 
ein  die  inren  wurden  unfro,  si  bereitten  sich  do  daz  si  Alexander 
in  Hessen,  ob  er  in  verhiesse  daz  si  sotten  fii.de  hdn,     Aehnlich 


Die  Basier  Beerbeitang  von  LembrechU  Alexander.  109 

Hdp  Perae  autem  videiites  eum  apemerunt  ei  portas  civitatis 
et  eum  hanorifice  recepenint  —  Alexander  kommt  zu  Darius. 
—  Die  unpassende  Beschreibung  des  Palastes  in  Hdp  fehlt  in 
MB,  wie  bei  den  andern  sogar  Ekk.  —  Die  Reden,  Darius 
wird  begraben. 

Proclamation  an  das  Volk,  Bestrafung  der  Mörder,  was 
in  Hdp  vorbeigeht  ist  elender  Zusatz.  Alexander  yerspricht 
den  Mördern,  sie  nach  Gebühr  zu  belohnen  (so  in  den  Quellen, 
MB  machen  daraus  positive  Angaben,  wodurch  Alexander  in 
den  Schein  der  Wortbrüchigkeit  kommt,  den  er  in  M  auch 
ausdrücklich  aber  ungeschickt  von  sich  abzulenken  sucht;  dies 
liess  B  fort).  Alexander  lässt  sie  ergreifen,  zu  Darius'  Grab 
schleppen  (B,  Hdp,  PsK,  fehlt  M,  JV)  und  dort  tödten  (kreuzigen 
PsK,  JV,  M,  köpfen  Hdp,  lebendig  begraben,  Begründung  B. 
Dieser  Zug  nur  in  B). 

Die  Vermählung  Alexanders  mit  Roxane  (MB  stimmen 
mit  Hdp,  nur  fehlt  der  Zug,  dass  die  Perser  dem  Könige  gött- 
liche Verehrung  leisten  wollen).  Die  Hereinziehung  von  Salo- 
mons  Reichthum  etc.  liess  B  im  Anschlüsse  an  die  Quellen  und 
seiner  Abneigung  gegen  biblische  Reminiscenzen  folgend,  ein- 
fach weg. 

Vers  2891—3246  (3905-4608).  MB  ziehen  die  beiden 
Schlachten  gegen  Porus  in  dine  zusammen.  Kleine  Abweichun- 
gen zwischen  M  und  B  in  Bezug  auf  Hdp  vgl.  Vers  2929. 
2988.  3123.  3135.  3136.  3163.  B  hat  eigene  Zusätze  z.  B. 
Vers  3099 — 3122  und  ist  einigemale  von  M  sehr  stark  verschie- 
den, ohne  dass  besondere  Uebereinstimmung  mit  ^iner  Quelle 
zu  bemerken  wäre. 

Alexander  erhält  durch  einen  Brief  die  Nachricht,  König 
Porus  von  Indien  komme  Dario  zu  Hilfe  (MB,  fehlt  bei  den 
andeiii).  Alexander  spricht  zu  den  Seinen  (B,  fehlt  M  und  den 
Quellen),  zieht  nach  Indien,  die  Soldaten  murren,  das  erfährt 
Alexander  und  lässt  sie  vor  sich  kommen ;  stellt  auf  ^ine  Seite 
die  Griechen,  auf  die  andere  die  Perser  (B  Hdp,  fehlt  M  PsK  J  V) ; 
seine  Rede;  die  Soldaten  schämen  sich  und  werden  roth,  sie 
schwören  ihm,  immer  zu  folgen  (MB  Hdp,  fehlt  PsK  JV); 
Brief  des  Porus  (nähere  Verwandtschaft  zwischen  MB  Hdp), 
Alexander  ermahnt  seine  Leute  (B  kürzte  gegenüber  M  Hdp 
JV  PsK);  die  Antwort  Alexanders  (Hundebeilen  MB,  fehlt  den 


110  Werner. 

übrigen);   Poms  rüstet  sich  (die  Beschreibung  der  Elephanten 
findet  sich  nur  in  M  —  vgl.   die  Anm.  Harczyks  S.   164  — 
B    schliesst    sich    den    Quellen    an    und    lässt   sie    fort);    die 
Schlacht:   die  Elephanten  werden   durch   glühende   Statuen  in 
die .  Flucht    getrieben   (B   kürzt    unsinnig,    zerstört    Sinn    und 
Zusammenhang);  Perus  und  Alexander  sprechen  zu  ihrer  Mann- 
schaft,   Perus  sogar   zweimal   (davon   nichts  in   den  Quellen^ 
B  gibt  von   der  zweiten  Ansprache  kaum   ein  Gerippe),    der 
Kampf  dauert  zwanzig  Tage  (B  und  die  Quellen,  vgl.  Zacher^ 
PsK  144,   drei  Tage  M),    Alexander  und  die  Seinen  nehmen 
den   grössten   Schaden  (MB.     In   der  Hdp   fliehen   die  Inder^ 
Alexander  erobert  ipmm  civitatem  Port,   schreibt  an  Talifrida, 
die  Königin  der  Amazonen,  diese  antwortet,  Alexander  schreibt 
nochmals,  ^  dann  zieht  er  gegen  Perus  durch  wasserlose  Gegen- 
den, alle  leiden  Durst,  ein  Soldat,  Namens  Zephir,  bringt  ihm 
Wasser, 2  Alexander  lässt  es  jedoch  ausschütten,  weil  er  mit 
ihnen  alles  ertragen  wolle;   andere  Reiseabenteuer,   Alexander 
muntert  die  Seinen  auf,   neue  Abenteuer,   zweite  Schlacht  mit 
Porus;  von  alledem  in  MB  und  den  übrigen  Quellen,  auch  £kk. 
nichts) ;  Vorschlag  zum  Zweikampfe  (ausgehend  von  Alexander 
MB  PsK  JV  Ekk.,  von  Porus  Hdp),  dieser  erfolgt,  Porus  wird 
erschlagen.    (B  stimmt  näher  zu  Hdp  als  M,  von  dem  es  sehr 
stark  abweicht.)     Gegen   die  Verabredung  beginnen  die  Inder 
von  Neuem    zu  kämpfen  (von   ihren  Führern  au%estachelt  B, 
fehlt  M  und  den  Quellen),  doch  werden  sie  durch  Alexanders 
Rede  besänftigt  (B  und  die  Quellen.  M  fügt  neuerliches  Schlacht- 
detail und  endliche  Besiegung  der  Inder  durch  Alexander  an), 
schliesslich  wird  Friede,   die  Inder  begraben  ihren  gefallenen 
König  (MB  Hdp  PsK,  fehlt  JV)  und  bringen  die  Verwundeten 
fort  (MB,  fehlt  den  Quellen). » 

Hiemit  endet  der  historisch  strengere  Theil  und  die  Er- 
zählung wendet  sich  nun  den  sagenhaften  Begebenheiten  zu; 
Reiseabenteuer,  Anekdoten  und  geographische  Märchen,  wie 
sie  vom  Alterthume  ab  durch  das  ganze  Mittelalter  hindurch 


1  Vg^L  Zacher  a.  a.  O.  S.  165  f. 
<  Faat  wie  in  Schillers  Räubern. 

»  leb  war  auch  hier  ausführüch,  um  den  Satz  Harczyks  S.  163  «u  wider- 
IcCieii,  ^  Erzählung  stimmt  zu  der  des  Lib'. 


DU  Basier  B«arb«itiuf  tob  Lambrechts  Alexander.  111 

beliebt  waren  und  als  wissenschaftlich  beglaubigt  galten^  sind 
der  Inhalt. 

Hiemit  endet  aber  zugleich  auch  die  yerhältnismässige 
Klarheit  der  antiken  Ueberlieferung  und  mit  den  Erzählungen 
wird  auch  die  Anordnung  der  einzelnen  Begebenheiten  immer 
bunter.  Keine  von  den  Darstellungen  stimmt  mit  der  andern 
in  der  Abfolge  der  Scenen  und  Motive  und  darum  ist  es  ein 
Haupt-  oder  fast  der  einzige  Beweis  fUr  die  Zusammengehörig- 
keit von  M  und  B,  so  weit  sie  auch  im  Wortlaute  auseinander 
gehen  y  dass  sie  bis  zu  äinem  gewissen  Punkte  (Vers  4240) 
übereinstimmenden  Gang  der  Erzählung  aufweisen. 

Wir  wenden  uns  zu  Cap.  IV.  in  (der  mehr  sagenhafte  Theil) 

2.  in  M  und  B^  resp.  B  allein. 

Vers  3247—3329  (4609—4736).  Ueber  diese  Stelle  ist  oben 
(S.  80)  Einiges  gegen  Harczyk  angemerkt.  —  Die  zweite  von 
Harczyk  geltend  gemachte  Parallele  zwischen  M  und  Hdp 
(PsE)  ist  richtig;  in  B  jedoch  fehlt  die  ganze  Rede,  aber  nicht 
in  Uebereinstimmung  mit  JV.  —  Diese  Scene  folgt  in  MB, 
PsK,  JV  und  Hdp  auf  die  Besiegung  des  Königs  Perus,  nur 
Ekkehard  fügt  einen  Brief  an  Aristoteles  über  den  Kampf  mit 
den  Indem  ein. 

Vers  3330—3984  (4753—6437).  Alexander  berichtet  seine 
weiteren  Erlebnisse  selbst  in  einem  Briefe  an  Olympias  und 
Aristoteles.  B  fallt  jedoch  schon  von  Vers  4069  ab  wieder 
in  die  gewöhnliche  Erzählungsweise,  es  spricht  nicht  mehr 
Alexander,  sondern  der  Dichter.  Ferner  ist  in  der  Einleitung 
zu  dem  Briefe  von  B  zwar  gesagt  (3337  ff.)  daz  hies  er  alles 
»ckriben  und  det  daz  Aner  muoter  kunt  und  Anem  meister  an  dei* 
9tunt,  Aristotiles  was  sin  nam'^  allein  die  Anrede  geht  nur  an 
den  Letzteren,  so  viel  ist  trotz  der  verderbten  Ueberlieferung 
sicher;  B  stimmt  also  mit  den  Quellen  in  diesem  öinen  Punkte, 
während   es  zugleich   die   Einrichtung  von  A  erkennen  lässt. 

Vers  3349—3401  (4775—4885).  Der  Fluss  mit  bitterem 
Wasser  bleibt  in  B  fort,  ^  dagegen  stimmt  B  zu  M  in  dem 
Namen  der  Stadt,  zu  welcher  Alexanders  Soldaten  schwimmen 

1  Zacher  PsK  S.  162. 


112  Weraer. 

wollen,  in  den  Quellen  ist  der  Name  nicht  genannt.  Das  Wei- 
tere stimmt  bis  3379  (W  4824)^  nun  fehlen  in  B  gegenüber 
Hdp  und  M :  die  »eorpiones,  leicen,  eher,  defande,  alangen.  Erst 
(W  4853)  die  teufelähnlichen  Leute  werden  wieder  gemeinsam 
erwähnt.  Dabei  weisen  M  und  B  scheinbar  einen  gemeinsamen 
Fehler  auf:  nach  Vers  4859  (W)  blieb  die  Reimzeile  aus. 

lanc  waren  in  di  zande.  B  lange  waren  in  die  zent 

harte  müweten  st  min  here  si    daiten    vns    angst    mit 

grossem  leit 

4  mit  speren  ioh  mit  scozzen  die  vertriben  wir  mit  schos. 

B  jedoch  bringt  abgeschlossenen  Sinn,  überliefert  das  vertriben 
Vers  4.  Dadurch  wird  evident,  dass  nicht  ein  gemeinsamer 
Fehler  vorliegt,  sondern  dass  B  in  seiner  Weise  die  Stelle  der 
prosaischen  Erzählung  nahe  brachte.  —  Das  schreckliche  Thier 
(Odotyrranus)  erwähnt  B  wie  M;  die  in  Hdp  fehlende  Be- 
schreibung, welche  M  gibt,  findet  sich  auch  in  B  nicht  vor. 
Vers  3402—3412  (4886—4902).  Füchse  in  B  wie  in  M. 
Dann  sagt  B  *  fliegende  swalben  kamen  dar  gar  gros  als  duben. 
Hdp  Volabant  ibi  et  vespertiliones  tarn  magni  ut  columbae. 
Während  es  in  M  heisst:  fliegen  wir  sägen  alse  tüben  unde 
ledersvalen.  Ich  glaube,  dieser  verderbten  Stelle  ist  leicht  ab- 
geholfen^ man  braucht  nur  im  Hinblicke  auf  B  zu  lesen: 

vliegende  wir  sägen 

sd  groz  als  tüben  ledersvalen. 
Dies  erscheint  mir  wahrscheinlicher,  als  Harczyks  unlogische 
und  gekünstelte  Erklärung.  Er  sagt  S.  166  wörtlich:  ,In  den 
nächsten  Zeilen  zeigt  sich  im  deutschen  Qedicht  grosser  Unsinn, 
hervorgegangen  aus  Misverständnis  der  lateinischen  Ueber- 
lieferung',  und  meint,  das  volabant  der  Hdp  sei  mit  vliegen 
übersetzt,  und  dann  in  vliegen  (Subst.)  misverstanden  worden.  - 
Dies  Hesse  sich  ganz  wohl  erklären.  Wie  soll  aber  Alberich 
von  Besan9on  zu  seinem  Irrthum  kommen,  er  sprach  doch  nicht 
deutsch  ;  trotzdem  sagt  Harczyk :  ,wohl  möglich,  dass  schon  A. 
von  Besan9on  jene  sonderbaren  Insecten  so  beschrieb,  wie  wir 
sie  bei  Lamprecht  finden^ ;  er  schliesst  dies  aus  dem  spanischen 

»  Vgl.  Harczyk  S.  166. 

3  So  verstehe  ich  seine  Ausführung. 


Die  Basler  Bearbeitan;  von  Lambrechts  Alexander.  113 

Gedichte  des  Juan  Lorenzo  Segura  Str.  2008.  Bei  ihm  steht 
7no9C(M  (Fliegen);  wie  kommt  er  aber  zu  diesem  Misverständ- 
nisse?  und  was  beweist  es?  ich  halte  den  Rückschluss  von 
Segura  auf  Alberich  nicht  für  erlaubt,  da  Lambert  li  Tors 
nichts  von  den  Fliegen  erwähnt  und  doch  gewiss  auch  das 
Gedicht  Alberichs  kannte. 

Vers  3413—3443  (4904—4945).  Abenteuer  mit  den  Riesen. 
Die  Zahlenangaben  lauten  verschieden,  sehs  hundrit,  davon 
werden  ßer  unde  drizic  erschlagen,  von  Alexanders  Leuten 
bleiben  vier  unde  zwenzic  (M),  in  B  sechshundei^t  —  vier  und 
drissig  —  ackzig,  in  Hdp  fallen  sexingentos  et  triginta  quat- 
tuor  (sie),  von  Alexanders  Soldaten  centumtriginta  aeptem, 

Vers  3444—3474  (4946-4989).  B  stimmt  mit  M,  dem 
es  auch  in  der  von  Hdp  völlig  abweichenden  Anordnung  folgt,  * 
nur  kürzte  B  so,  dass  die  Verse  ganz  verwischt  wurden. 

Vers  3475—3482  (4990-5003).  Von  diesem  Abschnitte 
gilt  dasselbe.  2  —  Die  in  M  folgende  duftige  Erzählung  von 
den  Mädchenblumen,  welche  sich  bekanntlich  nur  im  I^ambert 
li  Tors  findet,  nicht  in  den  anderen  Quellen,  fehlt  in  B  gänzlich. 
B  folgte  dabei  der  gemeinen  Ueberlieferung  und  seine  Dar- 
stellung wurde  dadurch  der  poetischesten  Scene  beraubt.'^ 

Vers  3483—3504  (5206—5257).  B  kürzte  unsinnig,  so  dass 
eine  Stelle    nur   durch  Vergleichung  mit  M  verständlich  wird. 

Vers  3505—3544  (5258—5319).  Alexander  kommt  zu 
einem  Berg,  den  er  besteigt;  in  M  heisst  es  üf  den  betx  quam 
ih  gemni,  in  der  Hdp  et  assumptis  xij.  principibus  stiis  gradatim 
superiora  montis  ascendit,  während  B  ausdrücklich  erwähnt  die 
minen  aUe  verbdren  den  ufgnngy  denn  ich  alleine.  Ob  dies  auf 
einer  anderen  Quelle  beruht,  oder  nur  gleichsam  eine  Bestäti- 
gung von  M  (A)  gegenüber  Hdp  enthalten  soll,  kann  ich  nicht 
bestimmen. 

Vers  3545—3560  (5320^5336)  und  3561— 3576  (5337  bis 
5359)  stimmen  in  MB  Hdp,  nur  findet  sich  eine^ Abweichung  in 
der  Zahlenangabe;    nach   M   und    der   Hdp    giengen    bei   der 


^  Vgl.  Harczyk  S.  167. 

^  Vera  3476  weicht  B  von  M  und  den  Quellen  ab. 

'  Dieselbe  wnrde  nenlich   von  Richard   Wagner  komiRch   gfcnug  mit  der 
Gralsage  verqaickt  in  seinem  ,Parsifal.  Ein  Bühnenweih-FestspieP. 
Sitiungsber.  d.  pbil.-hlst.  Ol.  XCIII.  Bd.  I.  Hfl.  8 


114  Werner. 

Schwimmtour  zvencich  (yiginti),    nach  B  aber   inerzig  Soldaten 
zu  Grunde. 

Vers  3577—3636  (5360—5447).  Alexander  und  Candace. 
Sie  hat  nach  MB  zwei,  nach  Hdp,  D,  Ekk.  und  JV  drei  Söhne, 
bei  PsK  fehlt  die  Angabe.  Beschreibung  der  Qeschenke;  M 
andirhalp  hundrith  more^  di  häten  lange  8ren,  Hdp  bietet 
keine  Parallele  und  PsK  wie  JV  III  18  sprechen  nur  von 
noch  nicht  mannbaren  Aethyopiern.  Ich  halte  die  Lesart  von  B 
für  entschieden  richtiger  anderhalb  hundert  moeren,  hätten 
guldin  ring  in  den  oren. 

Vers  3637—3750  (5448—5626).  MB  stimmen  im  Ganzen 
und  Grossen  ilberein.  Ueber  die  Quellen  vgl.  man  Harczyk 
S.  170  f. 

Vers  3750—3772  (5627—5681).  B  ist  kürzer  als  M  und 
die  Hdp,  es  blieben  weg  die  eialichen  Thiere,  die  trachen, 
alangen,  äffen,  mere  katzin  und  das  gefugele, 

Vers  3773—3794  (5682—5736).  Die  von  Harczyk  hervor- 
gehobene  Uebereinstimmung  mit  der  Hdp  fällt  fiir  B  fort. 

Vers  3795-  3908  (5737—6108).  Auch  in  B  wird  Alexander 
beim  Empfange  von  der  Königin  geküsst.  Diese  Ueberein- 
stimmung mit  der  Epit.  ist  gewiss  eine  zufallige,  ^  man  erinnere 
sich  nur  der  gewöhnlichen  Empfangsfeierlichkeiten.  ^  —  Be- 
schreibung des  Pallastes.  B  gibt  kaum  eine  dürftige  Aufzählung 
der  Einschnitte,  welche  in  der  Erzählung  durch  den  Fortschritt 
der  Handlung  hervorgebracht  werden.  Es  heisst  z.  B.  Vers  3815  flf. 
.  .  fürtte  sy  mich  drat  in  ein  schone  keniinat.  da  nojch  wist  mich 
die  kiingin  ze  der  dritten  keminaten  in.  da  nach  fürtte  sy  mich 
do  in  ein  keminatten  hoch.  Dies  steht  ganz  ähnlich  in  M,  das 
aber  von  jeder  neuen  kemendte  auch  eine  neue  Eigenschaft 
zu  berichten  weiss.  Di  frowe  leitte  mich  do  in  eine  andre 
kemeiiaten  .  .  .  do  leitte  mich  die  kuningin  di  dritte  kemenaten 
in  .  ,  ,  da  leitte  si  mich  dannen  in  eine  kemenaten  ho.  B  wird 
bis  zum  Ekel  trocken.  Das  Folgende  ist  genauer  über- 
liefert und  übei;  die  üppige  Liebesscene  leicht  hinweggegangen : 
do  spi'ach  si  an  den  stunden,  daz  si  vil  gerne  tcete,  wes  ich  si 
büßte,   des  fuorcht   ich   mich   sinnen,   daz  ich  si  solte  minnen.    si 


^  Harczyk  8.  171. 

2  Vgl.  Weinhold  Frauen  8.  392. 


Die  Basier  Bearbeitang  von  Lanibreehts  Alexander.  115 

tprach  jfiun  bist  du  min'.  Ob  darin  eine  Anlehnung  an  die 
Quellen  oder  die  schon  einmal  hervorgehobene  Keuschheit  der 
Darstellung  zu  erkennen  sei,  lässt  sich  nicht  entscheiden. 
Wahrscheinlicher  ist  mir  das  Letztere. 

Vers  3909—3984  (6109-6243).  B  stimmt  mit  M,  nur  der 
Abschied  ist  etwas  abweichend  dargestellt.  Die  in  M  folgende 
Scene  zwischen  Alexander  und  Candace,  resp.  ihren  Göttern 
(Vf  6244—6310)  fehlt  in  B,  das  sich  immer  mehr  von  M  entfernt 

Vers  3985—4081  (6311—6437).  Alexander  und  die  Ama- 
zonen. Mit  Ausnahme  kleinerer  Unterschiede  (z.  B.  Vers  4013) 
stimmt  die  Erzählung  in  M  und  B.  Hierauf  folgt  in  B 

Vers  4082 — 4130.  Alexander  zieht  nach  Babüony  und 
bleibt  daselbst  bis  an  sin  ddttes  vart.  Er  schreibt  seiner  Mutter 
nnd  seinem  meister  Aristoteles  über  seine  letzten  Siege.  Ari- 
stoteles antwortet  mit  einem  Segenswunsche.  Dann  wendet  sich 
Alexander  gegen  Og  und  Magog,  welche  in  Paran  sassen  und 
vermauert  sie  in  einem  Gebirge  daz  an  die  Pigine  sfosL  Leo 
sagt,  aber  in  anderem  Zusammenhange  als  B :  ^  inde  amoto 
exerdiu  venit  in  Babylonem  quam  svo  imperio  coartavit  et  occiso 
rege  Babylonis  et  Nabuzardon  praefecto  suo  ibidem  statuta  usque 
ad  diem  obitus  sui  ibidem  per  septem  menses  in  pace  moratus. 
Statimque  scripsit  epistolam  Olimpiae  matri  suae  et  Amstoteli 
praeeeptori  stio  de  proeliis  et  angustiis  quas  in  India  perpessus 
ett,  necnon  et  de  multis  certaminibus  quae  cum  bestiis  et  monstris 
txercuit,  Aristoteles  itaque  rescripsit  ei  epistolam  ita  continentemj 
nun  folgt  der  Brief  selbst,  der  aber  keine  wörtlichen  Ueber- 
einstimmungen  mit  B  enthält.  Anders  ist  der  Zusammenhang 
in  der  Darstellung  des  Julius  Valerius.^  Nach  dem  Verkehre 
mit  den  Amazonen  wendet  sich  Alexander  (III  27)  nach  Pra- 
siaea,  empfangt  dann  einen  Brief  von  Aristoteles^  zieht  nach 
Babjlon,  in  qua  susceptus  honoratissim^ ,  et  sacHficia  diis  im- 
mortalibus  repraesentat  j  et  certamen  gymnasticum  concelebrat: 
atque  inde  iam  pacificum  iter  coeptans  hisce  litteris  ad  Olympia- 
dem  matrem  suam  scribit  Also  der  Unterschied  zwischen  B  und 
JV  sehr  gross.  In  den  verschiedenen  Fassungen  des  PsK  be- 
ginnt der  Brief  an  Olympias  unmittelbar  nach   der  Erzählung 


^  Vgl  Zacher  PsK  S.  167. 
'  Vgl.  Zacher  a.  a.  O.  166  f. 

8* 


116  Werner. 

von  den  Amazonen,  •  jedoch  fehlen  die  Zwischenglieder.  In 
der  Chronik  des  Ekkehard  findet  sich  —  wie  bei  Leo  — 
der  Bericht  über  die  Amazonen  vor  der  Scene  mit  Zephilus 
(Hdp  Zephir,  vgl.  oben),  welcher  Wasser  bringt,  jedoch  nach 
den  Begebenheiten  mit  Candace,  von  dem  andern  nur  Spuren. 
Das  Verhältnis  stellt  sich  nun  folgendermassen : 

PsK:  Amazonen  —  —  — 

JV:  Amazonen  —  Prasiaca  —  Brief  an  Aristoteles  —  Babylon 
Hdp:         —  —  —  Babylon 

B:       Amazonen  —  —  Babylon 

M:       Amazonen  —  —  — 

PsK:  Brief  an  Olympias.  —  — 

JV:  Brief  an  Olympias.  —  — 

Hdp:  Brief  an  Olympias  und  Arist.  —  Antwort  von  Arist. 

B:  Brief  an  Olympias  und  Arist.  —  Antwort  von  Arist. 

M:  Schlussformel  des  ersten  Briefes  an  Olympias  u.  Arist. 

In  B  folgt  dann  die  Besiegung  der  beiden  Völkerschaften 
Qog  und  Magog.^  In  anderem  Zusammenhange  findet  sich  diese 
Scene  auch  in  der  Hdp,  doch  werden  die  duodecim  reges  auf- 
geführt und  über  das  Ganze  rasch  hinweggegangen.  In  der 
jüngsten  Gestalt  des  PsK  (C)  folgt  die  Erzählung  von  den  sich 
schliessenden  Bergen  auf  das  Zusammentreffen  mit  den  Amazonen 
und  unter  den  zwei  und  zwanzig  Königen  werden  ra>6  und 
MocYwO  an  erster  Stelle  genannt. 

Dass  die  Anordnung  in  B  nicht  die  ursprüngliche  sein 
kann,  ergibt  der  Widerspruch  in  den  Versen  4086—4089  und 
4108  ff.  Es  heisst:  dd  [in  Bahüoity]  bleib  er  mit  gemach  von 
aller  vrlieges  sack  bis  an  sin  dottes  vart.  Doch  det  er  ein  her- 
vart;  es  folgt  der  Zug  gegen  Gog  und  Magog,  der  ins  Para- 
dies etc. 

Vers  4131-4246  (6438—7000).  Der  Zug  nach  der  Quelle 
des  Lebens  und  was  sich  daran  schliesst.  B  zeigt  mit  M  kaum 
noch  hie  und  da  in  einem  Verse  einen  directen  Berührungs- 
punkt und  schliesslich  bricht  die  Uebereinstimmung  in  beiden 

»  Zftcher  a.  a.  O.  S.  167  f. 

*  Vgl.  Weiasmann  II  408  dazu  II  S.  v.     Zacher  a.  a.  O.  S.  165  f.  Vogel- 
steins Dissertation  ist  mir  Leider  nicht  zur  Hand. 


Die  Basler  Bearbeitung  Ton  Lambrechts  Alexander.  117 

gänzlich  ab.  Jedoch  ist  hervorzuheben,  dass  B  diese  Expedition 
Alexanders  erwähnt ,  trotzdem  sie  in  der  Hdp  nicht  steht, 
sondern  in  einigen  Fassungen  des  PsK  ^  und  dem  selbständigen 
Werke  ,Alexandri  Magni  iter  ad  Paradisum'  überliefert  ist. 

Nun  berichtet  B  eine  Reihe  von  Abenteuern,  die  sich  in 
M  nicht  finden,  aber  zum  jüngeren  Bestände  der  Alexander- 
sagen gehören.  ^ 

1.  Vers  4247—4280  Alexanders  Taucherfahrt,  2.  Vers  4281 
bis  4312  die  Luftfahrt,  3.  Vers  4313-4345  die  Bäume  der 
Sonne  und  des  Mondes.  Diese  Anordnung  findet  sich  sonst  nicht. 
In  dem  Strassburger  Drucke  der  Hdp,  welchen  ich  benutzte, 
and  in  D  reihen  sich  folgende  Begebenheiten  an  einander:  a)Can- 
dace  b)  die  Götter  in  der  Höhle  (PsK  IH,  24)  c)  wilde  Thiere, 
eine  Völkerschaft  bringt  Geschenke,  Meerweiber  d)  die  zwölf 
Könige,  Gog  und  Magog  (PsK  III,  29.  Vgl.  Zacher  S.  165  f.  172) 
e)  Insel  mit  gidechisch  redenden  Stimmen  (PsK  II,  38.  Zacher 
S.  139)  f)  Luftfahrt  g)  Taucherfahrt  h)  verschiedene  Aben- 
teuer, von  denen  ich  absehen  kann  i)  Babylon  etc.  Die 
Bäume  der  Sonne  und  des  Mondes  waren  schon  früher  in  ganz 
anderer  Verbindung  erwähnt  worden.  Nach  Zacher  S.  133 
bietet  der  Cod.  Mon.  23489  folgenden  Zusammenhang:  a)  Ama- 
zonen ß)  Luftfahrt  y)  Insel  mit  griechischen  Stimmen  8)  Taucher- 
fahrt e)  Vergiftung.  Hartliebs  Verdeutschung  ordnet  2.  1.,  ebenso 
Ekkeh.  (70,  49flF.).  Auch  das  Französische,  dem  1.  fehlt, 
bringt  andere  Abfolge.  Die  Ueberlieferung  1.  2.  haben  nebst  B, 
die  Leidner  (L)  und  eine  Pariser  Hs.  (C)  des  PsK,^  darum 
darf  sie  wohl  auch  für  Hdp  angenommen  werden. 

1.  Alexanders  Taucherfahrt ;  ^  zeigt  mit  den  Quellen  keine 
Uebereinstimmung.  Alexander  gibt  der  liebsten  seiner  Freun- 
dinnen die  Kette  zu  halten,  weil  sie  ihm  treu  zu  sein  verspricht^ 
sie  wirft  aber  nach  drei  Tagen  und  drei  Nächten,  da  ein  Mann 
um  sie  wirbt,  die  Kette  in  den  back;  Alexander  wird  nur  ge- 
rettet, weil  er  eine  Katze  tödtet,  die  er  zugleich  mit  einem 
Hund  und  einem  Hahn  in  sein  glas  geschlossen  hatte.  In  der 
Hdp  (ebenso  in  D  und  in  Hartliebs  sog.  Eusebius)  wird  Alexander 

>  Zacher  S.  133.  140  f. 

3  Zacher  S.  132. 

3  Zacher  8.  133. 

*  Bekanntlich  von  Goethe  Faoflt  II  (Hempel  13,  44)  verwerthet. 


118  Werner. 

einfach  wieder  herausgezogen ;  im  PsK  durch  einen  ungeheueren 
Fisch  dem  Verderben  nahe  gebracht,  schliesslich  aber  ans  Land 
geworfen.  PsK  II  38:  Ippid^ev  *  auxbv  ewt  xijv  &Qpav.  B  4276:  daz 
mer  sluog  in  an  daz  lant. 

2.  Alexanders  Luftfahrt.  Diese  schliesst  in  PsK  nicht  direct 
an  1.,  wohl  aber  sind  in  Hdp  (D  und  Hartlieb)  und  Ekkehard 
2.  und  1.  durch  keine  weitere  Scene  getrennt.  Auch  hier 
geht  B  seiner  eigenen  Wege.  Alexander  lässt  junge  Greifen 
aus  dem  Neste  nehmen  und  sie  aufziehen,  jedesfalls  damit  sie 
zahm  werden,  nach  PsK  sind  die  Vögel  jener  Gegend  f^iLtpa  • 
ßXeTCovta  Yotp  to'J(;  ovOptozou?  oux  £f  eu^ov,  nach  Hartlieb  gezempt, 
Aehnliches  wird  von  Hdp  und D  nicht  hervorgehoben;  ^  Alexander 
lässt  zwischen  die  Greifen  einen  Sessel  binden  und  zwei  Stangen  ^ 
und  Aas  an  die  Stangen.  So  fährt  er  auf,  eine  Stimme  warnt 
ihn,  er  sieht  unter  sich  einen  huot :  ez  ist  daz  ertrich,  er  richtet 
seine  Fahrt  zurück  und  kommt  anderhalb  hundert  mü  ferne 
von  den  Seinen  wieder  auf  die  Erde,  so  dass  er  ein  ganzes 
Jahr  gehen  muss,  bis  er  sein  Heer  findet.  Das  ist  die  Erzählung 
in  B.  Anders  Hdp  tunc  siquidem  virtus  divina  obumbravit 
griff ones,  ut,  dum  crederent  aUa  peteve,  ad  terram  infimam  descen- 
derunt  in  loco  campestri  longe  ab  exercitu  8uo  itinere  quindecim 
dierum ;  ^  die  Darstellung  des  PsK  ist  B  ähnlicher,  auch  hier 
wird  Alexander  gewarnt,  der  Warner  ist  jedoch  nicht  eine 
Stimme,  sondern  zsteivov  av6p(i)7c6|jLop<j»ov,  auch  kommt  er  nur 
sieben  Tagereisen  ^  weit  von  seinem  Heere  zu  Thal.  Die  Erde 
erscheint  Alexandern  im  PsK  und  der  Hdp  (Ekk.)  als  Tenne, 
um  die  sich  ein  Drache  schlingt,  in  D  65*  als  ein  agker  mit 
körne  geseet,  das  Meer  darum  geiounden  als  ein  kroner  trache, 
in  Hartliebs  modernerem  Werke  als  Kugel,  die  immer  grösser 
wird,  je  mehr  sich  ihr  Alexander  nähert. 


1  6  Ix^xi^' 

2  Die  Einleitungsscene  fehlt  in  B  gegen  alle  anderen.  Alexander  beeteigt 
einen  hohen  Berg  und  wird  dadurch  erst  auf  den  Gedanken  gebracht,  in 
den  Himmel  zu  steigen.  Sollte  Aehnliches  für  die  Lücke  nach  Vers  4280 
angenommen  werden? 

3  Sessel  fehlt  PsK,  Hartlieb  sagt  curru«,  D  toayn,  Lambert  Zimmer  mit 
Fenstern  (Weissmann  II  3ö0),  nur  Ekk.  70,  51  aede*. 

*  Aehnlich  Ekk,  statt  quindecim  jedoch  nur  decenu  Ebenso  Hartlieb,  der 
sonst  stark  abweicht.    D  gibt  Hdp  unverändert  wieder. 


Die  Bftsler  Bearbeitung  von  LambreohU  Alezander.  119 

3.  Alexander  kommt  zum  Baum  der  Sonne  und  des 
Mondes;  der  erste  prophezeit  ihm  ze  lande  kunst  du  niemer 
mer,  der  andere  dir  dtu>t  dtn  nechster  kamercere  mit  grosser  gifte 
swiBre,  Alexander  seufzt  und  antwortet  auf  die  erstaunte  Frage 
der  Seinen,  er  sei  nicht  sicher,  ob  er  schon  Alles  besiegt  habe ; 
hierauf  kehrt  er  nach  Babylon  zurück.  Mit  Hdp  ist  B  nur  in 
den  allgemeinsten  Zügen  verwandt,  auch  PsK  und  JV  können 
nicht  die  directen  Vorlagen  von  B  gewesen  sein,  die  Ab- 
weichungen sind  zu  bedeutend,  nur  Vers  4313  er  huob  sich 
selb  zwelften  dan,  erinnert  an  die  Aufzählung  im  PsK  III  17  ^ 
süvfit^ov  3s  Tobq  9{Xoü<;  nap{ji.6v{b)va,  KpaTepov,  'loXXav,  MaxY;TT)v, 
öpocuAEOvra,  0€oS£XTr)v,  Arf^iXov,  NeoxXijv,  avBpa?  la'.    D  57^  zwölf. 

Vers  4346 — 4389.  Nun  kehrt  die  Erzählung  in  B  zu  dem 
Punkte  zurück,  wo  sie  von  der  Hdp  abwich,  um  anschliessend 
an  M  den  Zug  ins  Paradies  zu  berichten  und  zwar  setzt  sie 
mitten  in  den  Begebenheiten  ein.  —  Eine  der  Frauen  Alexan- 
ders gebiert  ihm  ein  Kind,  das  bis  zum  Nabel  tote  mensch- 
liche, von  da  an  Thiergestalt  hat,  die  allein  lebt.  Der  meister 
deutet  dies  auf  Alexanders  baldigen  Untergang,  wodurch 
Alexander  tief  betrübt  wird.  Er  betet  zu  Jupitter.  Dies  Alles 
ist  wörtliche  Uebersetzung  aus  der  Hdp :  cum  itaque  Alexander 
in  Bdbylone  esset,  peperit  qucßdam  mulier  filium  qui  a  capite 
usqne  ad  umbilicum  hominis  similitudinem  habere  videbatur  et 
erat  mortuus  a  capite  usque  ad  umbilicum.  Ad  umbilico  usque 
ad  pedes  diversarum  gerebat  similitudinem  bestiarum  et  erat 
mvus  etc.  PsK  und  JV  weichen  ab.  ^  Die  Anrufung  Juppiters 
findet  sich  auch  in  Hdp  und  JV,  doch  zeigt  nur  B  und  Hdp 
Uehereinstimmung :  ich  hat  mir  eins  dinges  erdächt,  daz  wolt 
ich  hdn  vollbracht,  ich  wenne,  es  dir  gevelle  nicht,  ach  hocher  got, 
«ren  daz  geschieht  .  .  .  do  nim  mich  zuo  dir  in  din  rieh.  Hdp 
(=  D)  decebat  me  amplius  vivere  ut  possem  adimplere  magnalia  [sie] 
quae  mens  mea  cogitavit.  Sed  quia  tibi  non  placet  ut  ea  per- 
ficiamy  rogo  te  ut  me  suscipias  in  subiectum.  JV  III  30  nur 
pro  bone  Juppiter^  quam  bona  res  est  ignoratio  metuendorum! 

Vers   4390 — 4489.    Alexander   wird   vergiftet.    Antipater 
kauft  ein  Gift,   das  nur   in    einem  eisernen  Gefasse  zu  halten 


>  Vgl.  JV  m  17  (sp.  124»»). 

^  D  hat  die  Erzfihlung,  £kk.  nicht,  Hartlieb  vollkommen  verschieden. 


120  Werner. 

ist  und  schickt  damit  seinen  Sohn  Cassander  zu  Jobal,  seinem 
zweiten  Sohn,  er  möge  Alexander  vergiften.  Jobal^  ein  Lieb- 
ling des  Königs,  war  gerade  durch  ihn  gekränkt  worden, 
fuhrt  daher  den  Auftrag  bei  einem  Gastmahle  aus  und  da 
Alexander  nach  einer  Feder  verlangt,  sich  zum  Brechen  zu 
reizen,  reicht  er  ihm  eine  in  Gift  getauchte.  Alexander  lässt 
sich  in  sein  Schlafgemach  bringen,  unter  dem  der  Einfrattes 
fliesst.  —  Die  Erzählung  stimmt  wieder  wörtlich  zur  Hdp, 
während  PsK  und  JV  zum  Theile  weit  abliegen.  Es  genügt, 
auf  einzelne  Details  hinzuweisen.  B  zuo  einem  arzdt  er  do 
gieng,  er  kouft  vergift  so  gar  unrein  ....  Hdp  (=  D)  abüt 
igitur  Antipater  ad  medicum  peritiamnum  et  emit  ab  eo  potioneni 
venenosam  .  .  .  ^  PsK  III  31  .  .  ioxsOaae  ^ipfjiaxov  8r|Xr|Ti(picv  .  . 
JV  III  31  .  .  .  venenum  Antipater  laborat  curiosum  admodum 
efficaxque  .  .  .  Ferner  z.  B.  Hdp  Alexander  vero  turbatus  in- 
gressus  est  cubiculum  et  quaesivit  unam  pennam  ut  mittens  eam 
in  guttur  suiim  sumpta  venena  repelleret,  Cassander  vero  caput 
tanti  mali  pennam  ei  dedit  eodem  veneno  linitam,  Ipse  vero 
mittens  in  guttur  suum  ut  vomeret,  sed  magis  ac  magis  cepit 
eum  vene7ii  sumptio  coartare.  Davon  nichts  in  PsK  und  JV.  * 
B  sagt :  nun  hies  er  im  bringen  dar  ein  vedren^  mit  der  er  toolte 
in  die  kelen  grifen,  do  von  solte  von  im  brechen  an  der  stunde 
was  boeses  in  im  wer  worden  kunt,  jobas  das  wol  bedächte,  vil 
bald  er(8)  im  prdchte  ;  die  veder  (er)  mit  der  gift  bestreich,  dd  von 
Alexander  entweich  sin  kraft  imd  al  sin  macht  do  er  si  in  die 
kelen  stach(t)  die  gift  brach  in  je  me  und  je  me. 

Vers  4490—4534.  Um  Mitternacht  erhebt  sich  Alexander 
von  seinem  Lager  und  will  sich  in  den  Eufrat  stürzen,  wird 
aber  von  Roxane  zurückgehalten,  die  ihn  wieder  in  sein  Gemach 
bringt  und  auffordert  für  ihr  aller  Heil  zu  sorgen.  Alexander 
lässt  seinen  obersten  Schreiber  Simeon  kommen  und  dictiert 
ihm  sein  Testament.  —  Auch  hier  übersetzt  B  die  Hdp.  Die 
erste  Scene  überliefert  die  älteste  Fassung  des  PsK,  ^  in  den 
jüngeren  und  jüngsten  ebensowenig  eine  Spur  davon  wie  im 
Werke  des  JV.  Die  Uebereinstimmung  zwischen  B  und  der 
Hdp  geht  wieder  bis  auf  Worte :  B  er  lasch  daz  Hecht  daz  dd 

»  Fühlt  Ekk.,  dessen  Darstellung  sonst  Hdp  sehr  nahe  steht. 
2  Ekk.  Btimmt  nicht  so  genau  wie  Hdp. 
»  Zacher  H.  173. 


Die  BMler  Bearbeitung  von  Lambreelite  Alezander.  121 

bran  Hdp  candelabrum  quod  ante  ipaam  lucebat  extinxit.  Ein 
grösserer  Zusatz  findet  sieb,  der  interessant  ist.  Roxane  sagt 
zu  Alexander:  du  soll  herre  gedenheuj  wer  im  selber  duot  den 
dot,  daz  der  kunt  in  gtdsd  ndt  ^  Kürzlich  hat  Philipp  Strauch 
,Die  Oflfenbarungen  der  Adeheid  Langmann'  QF.  XXVI  S.  117  f. 
Einiges  über  den  Selbstmord  im  Ma.  zusammengetragen  und 
eine  ausführliche  Darstellung  versprochen.^ 

Vers  4535  —  4592.  Alexanders  Testament.  Der  Anfang 
stimmt  in  B  und  Hdp  genau  :3  Rogamus  te,  Aristoteles,  caris- 
mme  magister  noster,  M  ex  thesauro  nostro  regali  distribucts  inter 
sacerdotes  ^gypti,  qui  teniplis  deserviunty  avri  talenta  mille  .  .  . 
custos  corporis  nostri  et  gubemator  vestri  Ptholemeus  existat  .  . 
. .  Item  dico  vobis,  ut,  si  Roxana  genuerit  masculum,  nostro  fun^ 
gatw  imperio  et  nomen  ei,  quodcunque  volueritis  imponatis.  Si 
vero  feminam  genuerit^  eligant  sibi  Macedones  regem^  ^  et  sit  ipse 
rex  et  ipsa  regina.  Die  weiteren  Angaben  differieren  bei  beiden 
in  der  Anordnung,  wie  im  Thatsächlichen. 

Vers  4593 — 4599.  .  .  .  erdbidem  und  doner  grSzy  und  vil 
menig  plix  schdz.  Alexanders  Tod  wird  bekannt.  Hdp  .  .  subito 
facta  sunt  tonitrua^  fulgura  et  terrae  motus  magni  et  tremuit  tota 
Babylonia.  Tunc  per  universam  terram  promvlgatus  est  interitus 
AUxandri. 

Vers  4600 — 4650.  Die  Macedonier  wollen  ihren  König 
noch  einmal  sehen,  Alexander  spricht  zu  ihnen,  sie  erbitten 
Perdica  zum  Herren ^  was  ihnen  gewährt  wird;  schliesslich 
kü88t  Alexander  jeden  einzeln  auf  den  Mund.  Die  Erzählung 
io  B  stimmt  wie  in  der  Anordnung  so  im  Detail  mit  der  Hdp 
(D),  während  PsK  —  JV  und  Ekk  haben  nichts  Entsprechendes 
—  grossentheils  abweicht. 

Vers  4651 — 4672.  Ein  Mann,  Namens  Spellius,  spricht  zu 
Alexander^  woiüber  dieser  so  erzürnt  wird,  dass  er  sich  aufsetzt 

^  In  der  KaiBerchronik  31,  17  heisst  es  ähnlich :  swei'  im  selbe  tuot  den  tot  der 
ut  eunclicke  uerdampnet,  —  Wigamur  Vers  325  ff.  tötet  sich  Lesbia  selbst. 

'  Ich  fand  im  deutschen  Minnesang  das  Motiv  des  Selbstmordes  nur  Ein- 
mal verwerthet  (auch  da  nicht  sicher)  bei  dem  von  Gliers  (MSH  I  103*) 
dem  tiefen  si  beviUhe  ich  e  min  houbet  unt  minen  vuo%  i  ich  der  t>rou'wen 
min  ie  mir  guoten  hulden  enbcere^  mir  wcere  gar  der  l^p  unffuere,  gitot 
unt  alUzy  dax  ich  hart. 

3  Ekk.  und  die  anderen  weichen  stark  ab.    D  73*  f.  übersetzt  Hdp. 

*  Ebenso  Ekk.,  der  nfichste  Satz  fehlt 


122  Werner.    Die  Basier  Bearbeitung  von  Lambrechts  Alezander. 

und  ihn  schlägt,  dazu  sagt  er  einige  betrübte  Worte.  —  Der 
Zusammenhang  ist  nicht  klar.  PsK  gibt  mit  seiner  karzen 
Ausführung  keinen  Aufschluss  und  die  Hdp  wie  D  sind  nicht 
klarer  als  B^  der  mit  ihnen  bis  aufs  Wort  stimmt.  In  der  Hdp 
heisst  der  Macedonier  Solenicus,  in  D  Seleucus.  B  er  ficht  sich 
üf  daz  er  do  saZy  er  gab  im  einen  starkeji  streich  .  .  .  Hdp  Tunc 
Alexander  erexit  se  in  lecto  et  sedit  et  sibimet  alapatn  dedit . . . 
B  in  mecidonischer  zunge  er  do  sprach  .  .  .  Hdp  .  .  .  cepit .  . .  in 
lüigua  macedanica  ita  proferre, 

Vers  4673—4696.  Alexanders  letzte  Worte,  sein  Tod  und 
Begräbnis.     B  ist  kürzer  als  die  Hdp. 

Vers  4697 — 4734.  Schluss,  Zusammenfassung.  Ueber 
Alexanders  Gestalt,  Alter  etc.  mit  Anlehnung  an  die  Hdp 
Einiges  erwähnt.     Endlich  Schlussformel. 


Somit  stehe  auch  ich  am  Schlüsse  meiner  Betrachtung. 
Ich  bezeichnete  sie  ausdrücklich  als  Einleitung  zu  B,  daher  sah 
ich  von  den  Beziehungen  Lambrechts  zu  den  gleichzeitigen 
Werken  ab,  beiührte  mit  keinem  Worte  die  vielen  Ueberein- 
stimmungen  zwischen  ihm  und  Heinrich  von  Veldegge^  ^  deren 
Behandlung  grosses  Interesse  darbieten  würde :  kurz  ich  wollte 
nicht  über  Lambrecht,  seine  Persönlichkeit  und  seine  Leistung, 
sondern  nur  über  die  eine  Bearbeitung  seines  Werkes  sprechen. 
Dass  ich  dabei  Manches  berühren  musste,  was  auch  für  das 
ganze  Denkmal  von  Bedeutung  ist,  versteht  sich  von  selbst  und 
wird  hoffentlich  nicht  als  Durchbrechen  der  selbst  geschaffenen 
Schranken  angesehen  werden. 

Schliesslich  erübrigt  mir,  den '  Bibliotheken  von  Basel, 
Dresden,  Graz,  Salzbui^,  Strassburg  i.  E.  und  Wien  meinen 
Dank  auszudrücken. 

Salzburg,   Mai  1878. 

[Während  des  Druckes  erschien  die  Arbeit  von  Karl 
Kinzel  in  der  Zs.  f.  d.  Phil.  X  47  ff.  Ueber  ihr  Verhältnis 
zu  meiner  Untersuchung  und  über  ihre  Mängel  muss  ich  an 
anderem  Orte  ausführlicher  handeln.    Graz,  Ende  März  1879.J 

»  Vgl.  Harczyk  S.  29.    Scherer  QF.  VII  60.    Rediger  Ana.  1  78.  Lichten- 
stein  Zs.  21,  473  f.    DernnficliBt  werde  ich  n&her  darauf  eingehen. 


m.  SITZUNG  VOM  22.  JÄNNER  1879. 


Von  dem  k.  k.  Militär-geographischen  Institute  werden 
vierzig  weitere  Blätter  der  Specialkarte  der  österreichisch- 
ungarischen  Monarchie  übersendet. 


Herr  Dr.  Friedrich  von  Bärenbach  in  Strassburg  widmet 
mit  Begleitschreiben  sein  eben  erschienenes  Werk: , Grundlegung 
der  kritischen  Philosophie ,  I.  TheiP  für  die  akademische 
Bibliothek. 


Von  Herrn  Dr.  Kohut  in  Fünfkirchen  und  Herrn  Pro- 
fessor Dr.  Leo  Reinisch  in  Wien  werden  die  Pflichtexem- 
plare der  mit  Unterstützung  der  k.  Akademie  erschienenen 
Werke:  ,Aruch-Lexikon*  I.  Band  und  die  ,Nuba-Sprache*  vor- 
gelegt 


124 

Das  w.  M.  Herr  Dr.  Pfiz maier  übermittelt  eine  für  die 
Sitzungsberichte  bestimmte  Abhandlung:  ^Ueber  einige  chine- 
sische Schriftwerke  des  siebenten  und  achten  Jahrhunderts 
n.  Chr.' 


Herr  Dr.  Adalbert  Horawitz,  Docent  an  der  Wiener 
Universität,  legt  eine  Abhandlung  unter  dem  Titel:  ^Briefe 
des  Claudius  Cantiuncula  und  Ulrich  Zasius'  vor  und  ersucht 
um  deren  Aufnahme  in  die  Sitzungsberichte. 


An  DruokBohriften  wurden  vorgelegt: 

Acad^mie  rojale  des  Sciences,  des  Lettres  et  des  Beaux-Arts  de  Belgiqae. 
47«  Ann6e,  2«  Sine,  Tome  46.  Nr.  11.  Bruxelles,  1878;  80. 

—  imperiale:  Zapiski.  I.  et  ü.  Band.  St.-P^tersbourg,  1878;  8».  —  Bericht 
über  die  19.  Zuerkenuung  des  Uwarow'schen  Preises.  St.-P£tersbarg, 
1878;  80. 

Bärenbacb,  Friedrich  von:   Prolegomena  zu  einer  anthropologischen  Philo- 

Sophie.  Leipzig,  1879;  8^. 
Ecker,  Alezander:  Katalog  der  anthropologischen  Sammlungen  der  Universität 

Freiburg  i.  Br.  III.  Nach  dem  Stande  vom  1.  April  1878;  4^ 
Gesellschaft,  Deutsche  morgenUndische:  Zeitschrift  XXXII.  Band,  IV.  Heft. 

Leipzig,  1878;  8«. 

—  historische,  des  Künstlervereines:  Bremisches  Jahrbuch.  X.  Band,  Bremen, 
1878;  80. 

Hamburg,   Stadtbibliothek:    Gelegenheits- Schriften  pro  1877.    72  Stück.  4». 
Handels-  und  Gewerbekammer  in  Wien:  Bericht  über  den  Handel,  die 

Industrie  und  die  Verkehrsverhältnisse   in  Niederösterreich  w&hrend  des 

Jahres  1877.  Wien,  1878;  S». 
Jahrbuch,  statistisches  des  k.  k.  Ackerbau-Ministeriums  für  1877.  lU.  Heft. 

IL  Lieferung.  Wien,  1878;  8». 
Kohut,  Dr.:  Aruch  completum.  Tomus  I.  Viennae,  1878;  40. 


125 

MilitSr-^eographiflches  Instituti  k.  k.:  Zueendang  von  40  BlMttem  der 
SpeeUlkarte  der  ÖBterr.-ongar.  Monarchie.  Fol. 

Programme  der  Gymnasien  and  Realschnlen:  Bistritz:  IV.  Jahresbericht 
der  Gewerbeschule.  1877/78.  Bistritz,  1878;  8^.  —  Böhm.-Leipa:  Pro- 
gramme des  k.  k.  Obergymnasiums  1878.  Böhm.-Leipa,  1878;  8^'.  — 
Brixen:  28.  Programm  des  k.  k.  Gymnasinms.  Brixen,  1878;  8.  — 
Brunn:  Deutsches  Obergymnasium.  1878.  BrÜnn;  S\  Geschichte  des 
deutschen  Staats  -  Obergymnasiums.  Festschrift.  Brünn,  1878;  8^.  — 
Czemowitz:  Erster  Yerwaltungsbericht  der  akademischen  Lesehalle  an  der 
Franz  Josefs-Universitfit.  Czemowitz,  1877;  8^  --  Eger:  K.  k.  Staats- 
Obergymnasium  für  das  Jahr  1878;  B\  —  Eulenburg:  Jahresbericht  der 
Forstschule.  Cursus  1878/79.  Obnütz,  1879;  80.  —  Fiume:  K.  Ober- 
gymnasium 1877/78.  Agram;  8^  —  Hermannstadt:  K.  Obergymnaaium. 
Hermannstadt,  1878;  8^.  —  Hermannstadt:  Eyangelisches  Gymnasium  A.  B. 
1877/78.  Hermannstadt,  1878;  4^  —  Kaschau:  Obergymnasium.  Kaschau, 
1878;  80.  —  Klausenburg:  Kathol.  Obergymnasium  1877/78.  Klausen- 
burg; 8«.  —  Leoben:  IIL  Jahresbericht  1877/78.  Leoben,  1878;  8«.  — 
Leutschau:  Königl.  uugar.  Staats  -  Oberrealschule.  1877/78.  IX.  Bz4m. 
Leutschau,  1878;  S^.  —  Marburg:  K.  k.  Staatsgymnasium.  1878.  Mar- 
burg; 8^  —  Mödling:  Francisco- Josephinum.  VIU.  Jahresbericht  1877. 
Wien,  1877;  8«.  —  Pressburg:  Königl.  kathol.  Obergymnasium.  1877/78. 
Pressburg,  1878;  8^.  >>  Reichenberg:  IL  Jahresbericht  der  k.  k.  Staats- 
gewerbeschule. 1877/78.  Reichenberg,  1878;  8^.  —  Roveredo:  K.  k.  Staats- 
Obergymnasium.  1877/78.  Roveredo.  1878;  8^.  —  Saaz:  K.  k.  Staats- 
Obergymnasium.  1878.  Saaz,  1878;  8^.  —  Schftssburg:  Evang.  Gymnasium. 
1877/78.  Schässburg,  1878;  4«.  —  Treoto:  K.  k.  Obergymnasium.  1878. 
Trento;  8^.  —  Trieste:  Accademia  di  commercio  e  Nautica.  1878.  Trieste, 
1878;  8«.  —  Troppau:  Staatsgymnasium  1877/78.  Troppau;  80.  —  üng.- 
Hradisch:  K.  k.  Real-  und  Obergymnasium.  1877/78.  Ung.-Hradisch;  8». 
Wien:  K.  k.  Technische  Hochschule  1878/79.  Wien,  1878;  4«.  — 
K.  k.  Akademisches  Gymnasium,  1877/78.  Wien,  1878;  8^.  —  Ober- 
gymnasium zu  den  Schotten.  1878.  Wien,  1878;  S^,  —  Staats-Unter- 
gymnasium  in  Hernais  1877/78.  Wien,  1878;  80.  —  Wiener  Handels- 
Akademie.  1878.  Wien,  1878;  80.  —  Leopoldstadt,  k.  k.  Oberrealschule, 
1877/78.  Wien,  1878;  8«.  —  Leopoldstadt,  k.  k.  Unterrealschule.  1877/78. 
Wien,  1878;  8«.  — ;^  Margarethen,  k.  k.  Staats-Unterrealschule.  1877/78. 
Wien,  1878;  8^.  —  Mariahilf,  Communal-,  Real-  und  Ober-Gymnasium. 
1878.  Wien,  1878;  80.  —  Wiener- Neustadt:  Nieder-österr.  Landes-Lehrer- 
seminar,  1878.  Wiener-Neustadt,  1878;  80.  —  Landes-Oberrealschule.  1878. 


126 

Wiener-NeusUdt.   1878;   8^    —    Zara:    K.  k.   Obergymnasinm.  1877/78. 

Zara,  1878;  12». 
Reinisch,  Leo:  Die  Nuba-Sprache.  I.  und  II.  Theil.  Grammatik  and  Texte. 

Wien,  1879;  8«. 
,Reyue   politiqne    et  litt^raire'    et   ,Reviie  sdentifique  de  la  France  et  de 

ritranger*.  VIII«  Ann6e,  2«  Sirie,  Nr.  29.  Paria,  1879;  4«. 


Pfizmaier.   Chineiisclie  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  127 


Ueber  einige  chinesische  Schriftwerke  des  siebenten 
und  achten  Jahrhunderts  n.  Chr. 

Ton 

Dr.  A.  Pfizmaier, 

wirkl.  Mitgliede  der  k.  Akademie  der  Wissenschaften. 


An  die  Abhandlung:  ,Die  philosophischen  Werke  China's 
in  dem  Zeitalter  der  Sung'  sich  anschliessend,  bringt  die  vor- 
liegende Arbeit  Kunde  von  den  in  demselben  Zeitalter  verfassten 
oder  veröffentlichten  Schriftwerken,  welche,  nachdem  Ergän- 
zungen zu  den  Werken  über  die  Verwandlungen  und  den 
Werken  aus  vermischten  Häusern  vorausgeschickt  worden, 
unter  die  folgenden  acht  Classen: 

1.  ^  ^  Schi-lui  , Werke  über  das  Buch  der  Gedichte', 

2.  jj^  ^     King-kiai    ,Erklärungen    der    mustergiltigen 
Bücher', 

3.  /J^  1^  SiaO'hiÖ  ,Werke  des  kleinens  Lernens', 

4.  ^  ^  Nung-kia  ,Werke  über  Landwirthschaft', 

5.  /J>  ^  Siao'schie  , Werke  des  kleinen  Sprechens', 

6.  ^  ^    Thien-weii  ,Werke  über  Sternkunde', 

7.  ^  ^Z.i-*ttan,Werke  über  Kalender  und  Rechenkunst', 

8.  ^  ^   Ping-schu  ,Werke  über  Kriegskunst', 
sich  vertheilen. 

Wo  es  möglich  war,  wurden  in  den  Verzeichnissen  An- 
gaben über  die  Verfasser,  den  Zeitpunkt  des  Zustandekommens 
und, sonstige  nothwendige  Bemerkungen  hinzugefugt. 

In  Bezug  auf  die  Einrichtung  dieser  Abhandlung  werde 
erwähnt,  dass  in  zwei  früheren  Arbeiten  des  Verfassers 
die  grosse  Anhäufung  chinesischer  Zeichen  ein  bedeutendes 
Hindemiss  der  schnellen  und  mühelosen  Drucklegung  gewesen. 


128  Pfiimai«r. 

Zur  Beseitigung  einer  solchen  Anhäufung  wurden  daher  auf 
einer  Zeile  der  Name  des  Verfassers  mit  chinesischen  Zeichen, 
auf  der  nächsten  Zeile  der  chinesische  Titel  des  Werkes, 
gewöhnlich  in  romanischer  Umschreibung,  auf  der  dritten,  und 
wenn  erforderlich,  auf  noch  mehreren  Zeilen  die  Uebersetzung 
des  Titels  gegeben.  Für  die  Umschreibung  können,  da  die 
Uebersetzung  wortgetreu  ist,  die  chinesischen  Zeichen  von  dem 
Kenner  leicht  errathen  werden.  Im  entgegengesetzten  Falle 
wurden  sie  eingeschaltet. 

Wo    bei   den   Titeln   der  Verfasser  nicht  genannt    wird, 
ist  der  Name  desselben  unbekannt. 


Za  den  Werken  Aber  die  Terwandlnngen. 

(^    §/i    ^r    Yin-hung-tao, 

Ym-hung-tcto  tscheu-yt  sin-tschuen  su. 

Weitere  Erklärungen  der  neuen  Ueberlieferungen  zu  den 
Verwandlungen  der  Tscheu.    Von  Yin-hung-tao.  10  Bücher. 

M    ^    ^  Si^'ßri'kuei. 

Si^'jin-kuei  tsheu-yi  sin-tschü  pen-i. 

Die  neu  erklärten  ursprünglichen  Bedeutungen  der  Ver- 
wandlungen der  Tscheu.  Von  Si^-jin-kuei.  14  Bücher. 

Siö-jin-kuei  kommt  unter  den  Heerführern  zu  den  Zeiten 
des  Kaisers  Kao-tsung  vor. 

3E    ^    Wang-p6. 

Wang-pÖ  tscheu-yi  fä-hoei. 

Das  zum  Vorschein  Gebrachte  und  Hervorgehobene  der 
Verwandlungen  der  Tscheu.  Von  Wang-pö.  5  Bücher. 

Wang-pö  wird  auch  unter  den  Dichtern  der  Zeiten  der 
Thang  angeführt. 

Kaiser  Hiuen-tsung  von  Thang. 

Hiuen-tsung  tscheu-y^  ta-yen  liln, 

Erörterungen  der  grossen  Ergiessung  der  Verwandlungen 
der  Tscheu.  Von  dem  Kaiser  Hiuen-tsung.  3  Bücher. 

^    iW    ^    Li-ting-tso. 

lÄ-ting-Uo  tst-tschü  tscheu-yt. 

Gesammelte  Erklärungen  der  Verwandlungen  der  Tscheu. 
Von  Li-ting-tso.  17  Bücher. 


Chinesifclie  Schriftwerkt  des  7.  und .  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  129 

M    M    9i    Tung-htang-tsu. 

Tung-hiang-tsu  ttcheu^yi  wi^siang  scht-i. 

Erklärung  des  Zweifelhaften  der  Dinge  und  Bilder  der 
Verwandlungen  der  Tscheu.  Von  Tung^hiang-tsu.  1  Buch. 

^    —    ff   Seng^-hang. 

Seng-yt'hang  tscheu-yl  lün. 

Erörterungen  der  Verwandlungen  der  Tscheu.  Von  Seng- 
yl-hang  (dem  Bonzen  Yl-hang). 

Die  Zahl  der  Bücher  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 

Seng-yi'hang  ta-yen  hiuen-thu, 

Himmelfarbene  Abbildungen  der  grossen  Ei^iessung.  Von 
Seng-yl-hang.  1  Buch. 

Seng-yi-hang  i-kiitS, 

Entscheidungen  über  die  Bedeutungen.  Von  Seng-yi-hang. 
1  Buch. 

Seng-yi-hang  ta-yen  lün. 

Erörterungen  der  grossen  Ergiessung.  Von  Seng-yl-hang. 
20  Bücher. 

-||[     Ä    Ah    Thsui'Hang-tso. 

Thaui-liang-Uo  iß  wang-siang. 

Die  vergessenen  Bilder  der  Verwandlungen.  Von  Thsui- 
liang-tso. 

Die  Zahl  der  Bücher  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 

yf^    ^    Yuen-tsai. 

Yuen-Uai  tst-tschil  tschet^yi. 

Gesammelte  Erklärungen  der  Verwandlungen  der  Tscheu. 
Von  Yuen-tsai.  100  Bücher. 

^  t  IS  L^^'f-' 

Li'ke-fu  Uchii  yt-hang-yt. 

Die  Erklärung  einer  Reihe  von  Verwandlungen.  Von 
Li-ke-fu. 

Die  Zahl  der  Bücher  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 

%    jt    1^    Wei-yuen-rnng. 

Wei-yuen-sung  yuen-pao. 

Ursprüngliche  Umhüllungen.  Von  Wei-yuen-sung.  lOBücher. 

Angegeben  werden  Ueberlieferungen  von  Su-yuen-ming 
und  Erklärungen  von  Li-kiang. 

^    ^   Kao-ting. 

Kcuhting  tacheu-yi  wai-Uchuen, 

Sitsuigsber.  d.  phiL-hiet.  CL  XCm.  Bd.  I.  Hft.  9 


130  Pfismaier. 

ÄeuBsere  Ueberlieferungen  zu  den  Verwandlungen  der 
Tscheu.  Von  Eao-ting.  22  Bücher. 

Pei'thung  yl-schu. 

Das  Buch  der  Verwandlungen.  Von  Pei-tbung.  150  Bücher. 
Der  Verfasser   dieses  Werkes  lebte   zu   den   Zeiten   des 
Kaisers  Wen-tsung. 

j£    ^    ^&    J^^^^'^^^^^' 

Lu-hang-Uchao  yt-i. 

Die  Bedeutungen  der  Verwandlungen.  Von  Lu-hang-tschao. 
5  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  in  dem  Zeiträume 
Ta-tschung  (847  bis  859  n.  Chr.). 

^    ^    $    LS-hi'Sching. 
Lö'hi-sching  techeii-yl  tschuen, 

Ueberlieferungen  zu  den  Verwandlungen  der  Tscheu.  Von 
Lö-hi-sching.  2  Bücher. 


Zn  den  Werken  ans  Termisehten  Hänsern. 

58.  ^   ^    ^^ßnjr-t. 

Meng-i  tse-lin. 

Der  Wald  der  Söhne.    Von  Meng-I.    20  Bücher. 

Die  Söhne  sind  die  acht  Abrisse,  welche  als  Söhne 
des  Himmels  und  der  Erde  betrachtet  werden. 

59-  Hk    ß    Tsch'in-yö. 

Tsch'in-yÖ  tse-thsiao. 

Aufzeichnungen  über  die  Söhne  (die  acht  Abrisse).    Von 

Tsch'in-yö.    30  Bücher. 

Tsch'in-yö  yerfasste  auch  das  aus  100  Büchern  be- 
stehende Buch  der  Sung. 

60.  j^    >|^    ^    Yürtschungyung. 
Yü-tschung-yung  tse-thsiao. 

Aufzeichnungen  über  die  Söhne  (die  acht  Abrisse).   Von 
Yü-tschung-yung.    30  Bücher. 

^^'  IfS    ^    %    IV9i-f«cAt«ifjr-Ä:an. 
Yin-tschung-kan  lÜn-tM, 
Gesammelte  Erörterungen.  Von  Yin-tschung-kan.  9ti  Bücher. 


Chinesisch?  Schriftirerke  de«  7.  and  8.  Jahrhnnderta  n.  Chr.  131 

6^-  ^    ^    Thsui'hung. 

Thaui'hung  ti-wang  tn-yao, 

(redrängte   Sammlungen   über   Kaiser   und  Könige.    Von 

Theui-hung.    30  Bücher. 

63.  ^    ]^    LÖ-tsch'ing. 
LÖ-tseh'ing  schÖ  tsching-lUn, 

Fortgesetzte    richtige    Erörterungen.     Von    Lö-tschMng. 
12  Bücher. 

64.  Lö-tscViTig  Jciu^-wen, 

Die  lückenhaften  Texte.    Von  Lö-tsch'ing.    10  Bücher. 

65.  ^    1^    Siilr-Ung. 
Siilrling  tcen-fu. 

Das  SammelhauB  der  Texte.    Von  Siü-Iing.    7  Bücher. 
Als  Verfasser  der  Erklärungen  wird  Tsung-tao-ning 
genannt. 

66.  ^||    -y#*    1^    Lieu-acheU'king. 
LieU'ScheU'kihg  sae-kiün  yen-sin. 

Das  Herz  der  Worte  der  vier  Landschaften.    Von  Lieu- 
scheu-king.    10  Bücher. 

Die  Verfasser  folgender  fiinf  Werke  sind  unbekannt: 

67.  Sin  khievrtschuen. 

Neue  Ueberlieferungen  aus  dem  Alterthum.    4  Bücher. 

68.  Ku'ldn  pien-tsö  lÖ, 

Beurtheilend  verfasste  Verzeichnisse  aus  dem  Alterthum 
und  der  Gegenwart.    3  Bücher. 

69.  PMan. 

Vielseitige  Ueberblicke.    15  Bücher. 

70.  Pu-liö. 

Kurze  Denkwürdigkeiten  der  Abtheilungen.    15  Bücher. 

71.  Han^iS'lin. 

Der  Wald  der  Pinsel  und  der  Tinte.    10  Bücher. 

72.  ^    ^    Wei'tsch'ing. 
Wei'tseh'ing  kiUn-sehu  tschi-yao. 

Das  Nothwendige  der  Anordnung  der  Bücher.    Von  Wei- 

tsch*ing.    50  Bücher. 

Wei-tsch'ing   ist  ein  Würdenträger  aus  den  Zeiten 

des  Kaisers  Thai-tsung. 

9* 


132  Pfiiaaier. 

Der  Verfasser  des  folgenden  Werkes  ist  unbekannt: 

73.  Ldn-kd  sse-ying. 

Der  Glanz  der  Aussprüche  des  Einhomsöllers. 

Das  Werk  wurde  zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Eao-tsu 
zusammengestellt. 

74.  :^    Ig    ^Ij    Tschüking-ua. 
Tschü-king-Ua  seht-tai  hing-wang  liln, 

Erörterungen   über   Erhebung  und  Untergang  der  zehn 
Zeitalter.    Von  Tschü-king-tsl.    10  Bücher. 

Sie-kke-keu  tse-lin. 

Der  Wald  der  Söhne.    Von  Siö-khe-keu.    30  Bücher. 

Die  Söhne  sind  wieder  die  acht  Abrisse,  welche 
als  Söhne  des  Himmels  und  der  Erde  betrachtet 
werden. 

''^-  Ä    ift    ^    yil'Schi-nan, 
Yü-schi-nan  ti-wang  liö-lün. 

Abgekürzte  Erörterungen  über  Kaiser  und  Könige.    Von 
Yü-schi-nan.    5  Bücher. 

Yü-schi-nan    war    vorzüglich    als    Schriftkünstler 

berühmt. 

77.  ^H    4Ü    ^^    Lieu'pe-tschuang, 

Liev^pe-tschtiang  kiün-schu  t^chi-yao  yin. 

Die  Laute  des  Nothwendigen  der  Anordnung  der  Bücher. 

Von  Lieu-pe-tschuang.    5  Bücher. 

Bezieht  sich  auf  das  oben  (Nr.  72)  angefLLhrte  Werk 

Wei-tsch*ing's. 

'^^'  ^    i^    M    TsMang-ta-m. 
TscVang-ta-su  schue-lin. 
Der  Wald  des  Sprechens.  Von  Tsch'ang-ta-su.  20  Bücher. 

'^^'   I    "^J     ^Z     Wang-fang-khing. 

Wang-fang-khing  tu  schi-schue  sin-schu. 

Das  neue  Buch  der  fortgesetzten  Gespräche  des  Zeitalters. 

Von  Wang-fang-khing.    10  Bücher. 

80.  ^    2p    Han-tan. 
Hart' tan  thung^tsai. 
Darlegungen  und  Eintragungen.  Von  Han-tan.  30  Bücher. 


ChlneaiBche  Schiiftwerkt  des  7.  und  8.  Jabrlranderts  n.  Chr.  133 

Dieses  Werk  wurde  im  dreizehnten  Jahre  des  Zeit- 
raumes Tsching -yuen  (797  n.  Chr.)  dem  Kaiser 
vorgelegt. 

Sl*  ^    ^    Ml    Hiung-UcM-yi. 

Hiung-tscM-yi  hoa-thung, 

Darlegung    der    Umgestaltungen.     Von    Hiung-tschS-yl. 

500  Bücher. 

Hiung-tschö-yi  schrieb  ein  Werk  von  der  Art  der 
neun  mustergiltigen  Bücher  und  vollendete  es  in 
dreissig  Jahren.  Er  hatte  es  noch  nicht  dem  Kaiser 
vorgelegt,  als  er  in  Si-tschuen  starb.  Wu-yuen-heng 
wollte  es  abschreiben  und  emporreichen.  Die  Gattin 
Hiung-tschö-yl's  versteckte  das  Werk  und  gestattete 
nicht;  dass  man  es  abschreibe. 

82.  35    "^    J^    Li'Wen-tsch'ing. 
Li'-wen-tsck'ing  pÖ-ya  tschi. 

Denkwürdigkeiten   des  Vielseitigen   und  Richtigen.    Von 
Li-wen-tsch'ing.    13  Bücher. 

83.  yj^    'S    Wr     Yuen-hoauking. 
Yuen-hoai-king  schÖ-wen  yao-i. 

Die   nothwendigen   Bedeutungen    der    angefugten   Texte. 
Von  Tuen-hoai-king.    10  Bücher. 

^*  'S    ^    Bfi    Thstii-hiuen-^ei. 
TTisui'hiuen-wei  hang-i  yao-fan. 

Abgekürzte   Muster    für    das   Ende    des   Wandels.     Von 
Thsui-hiuen-wei.    10  Bücher. 

^'  ^    M    f^    Lu-Uang-yung. 
Lu-Uang-yung  tse-schu  yao-liö. 

Kurze  Fassung  des  Buches  der  Söhne   (des  Buches  der 
acht  Abrisse).    Von  Lu-tsang-yung.    1  Buch. 

Ma-tsung^-lin, 

Der  Wald  der  Gedanken.    Von  Ma-tsung.    1  Buch. 

87.  1^   ^B    Wei-mu. 
WeUschi  scheurliÖ, 

Abgekürzte  Denkwürdigkeiten  von  Handgriffen.  Von  dem 
Geschlechte  Wei.    20  Bücher. 

Das  Geschlecht  Wei  ist  Wei-mu. 


134  Pfiiaaier. 


88.  ^    ^    ^    Sin-tsehi-ngao, 
Sin-tschi-ngao  inii^hitin. 

Angereihte   mündliche  Belehrungen.    Von   Sin-tschi-ngao. 
2  Bücher. 

89.  Pö-4cen  ki-yao. 

Zusammenfassung  des  Wunderbaren  vielseitiger  Erfahrung. 

20  Bücher. 

Dieses  Werk  wurde  in  dem  Zeiträume  Khai-yuen 
(713—741  n.  Chr.)  durch  ^  g  Siü-yin,  einen 
Mann  des  Kreises  Wu-kung,  dem  Kaiser  vorgelegt. 

90.  ^    ^    Tscheu-mung. 
Tscheu'tnung  tu  ku-kin-tschiL 

Fortgesetzte  Erklärungen  des  Alterthums  und  der  Gegen- 
wart.   Von  Tscheu-mong.    3  Bücher. 

91.  ^    ^   Sü'hung. 
Sii'hung  ku-kin  tsing-L 

Die  wesentlichen   Bedeutungen  des  Alterthums   und  der 
Gegenwart.    Von  Siö-hung.    15  Bücher. 

92.  H    P'    Tachao-juL 
TschaO'jui  tschang-tuan  yao-schö. 

Die   nothwendige   Kunst   des  Langen   und  Kurzen.    Von 

Tschao-jui.    10  Bücher. 

Die  Kunst  des  Langen  und  Kurzen  ist  die  Kaost 
der  Machtentfaltung  der  Reiche.  Der  Verfasser  des 
obigen  Werkes  führte  den  Jünglingsnamen  Thai-pin 
und  stammte  aus  Tse-tscheu.  In  dem*  Zeiträume 
Khai-yuen  (713 — 741  n.  Chr.)  zu  dem  Kaiser  berufen, 
leistete  er  diesem  Rufe  keine  Folge. 

93.  i^   ^    Tu-yeu. 
Tu-yeu  li-tao  yao-kiuS, 

Nothwendige   Entscheidungen   der  Ordnung  des   Wegeß. 
Von  Tu-yeu.    10  Bücher. 

94.  ^    m    j]g    jQ    Ho-lan-taching-yuen. 
Ilo-lan-tsching-yuen  yung-jin  ktuen-hang. 

Die  Wagebalken    der   Macht    bei    der   Verwendung  der 
Menschen.    Von  Ho-lan-tsching-yuen.    10  Bücher. 

<  !>»•  hiftr  fehlende  Zeichen  ist  aus  -|+   und   ^    links   und   ^   rechts 
;(«M«iDfnengesetzt. 


ChiüMiBohe  Schriftwerk«  des  7.  nnd  8.  JahrhunderU  n.  Chr.  135 

Dieses  Werk  wurde  im  dreizehnten  Jahre  des  Zeit- 
raumes Tsching-yuen  (797  n.  Chr.)  dem  Kaiser 
vorgelegt. 

95.  1ß^    ^   Fan-tsung. 
Fanrtdung  sse-kuei  ki-kung. 

Die  Leitung  des  Oeffentlichen  durch  die  Lehrmeister  und 
Häupter.    Von  Fan-tsung.    30  Bücher. 

96.  Fan-tsung, 

Fan-tsung   ^    ^  fan-tse. 

Fan-tse.    Von  Fan-tsung.    30  Bücher. 

97.  1^   ^    Kö-tschao. 
EX-tschao  tU'tschi'Schu, 

Das  Buch  der  Bemessung  und  Lenkung.   Von  Kö-tschao. 
10  Bücher. 

98.  :^    :Jjf[    Tschü'pÖ. 
Tschü-pÖ  tschi-li  schu. 

Das  Buch  der  Einführung  der  Grundordnung.  VonTschü-pö. 
10  Bücher. 

^-   iil    ^    Sii-yt/en. 
Su-yuen  tschi-luan  tst. 

Sammlungen  über  Ordnung  und  Unordnung.  Von  Su-yuen. 
3  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  gegen  das  Ende 

der  Zeiten  der  Thang. 

100.  ^    tt    TscKang-tsien. 
TscVang-tsien  kiang-tso  yU-khiü-lö. 

Verzeichnisse  der  Ansiedelungen  zur  Linken  des  Stromes. 
Von  Tsch'ang-tsien. 

Die  Zahl  der  Bücher  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 

101.  ^    ^    Tsch'ang-thsu. 
Tschang-thsu  kin-schin  kiau 

Die  Warnungen  der  goldenen  Schärpe.  Von  Tsch'ang-thsu. 
3  Bücher. 

102.  ^    ifi    Fung-kang. 
Fung-kang  yü-mung, 

Kundmachungen     für     Unwissende.      Von     Fung  •  kang. 
1  Buch. 


136  Pfismaier. 

103.    ^    ^    jjjji    Tü-Jäng-hieu. 
YU-king-hieu  yü-schen-lö, 

VerzeichnisBe  der  Kundmachungen  des  Guten.    Von  Yü- 
king-hieu.-  7  Bücher. 

Sioo-yi  mö-tsai  tsching-schö. 

Die  Kunst  der  Lenkung  der  Landpfleger  und  Vorgesetzten. 

Von  Siao-yl.    2  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  war  Befehlshaber  von 

Lui-yang. 

105.  ^    ^    ^   Lu'ßn  thsu. 
Lu-jin  thsu  kung-heu  tsching-sehÖ. 

Die  Kunst  der  Lenkung  der  Fürsten  und  Lehensfursten. 

Von  Thsu,  dem  Menschen  von  Lu.    10  Bücher. 

Der  aus  Lu  stammende  Verfasser  dieses  Werkes 
lebte  in  dem  Zeiträume  Ta-tschung  (847  bis  859 
n.  Chr.).  Thsu  ist  dessen  kleiner  Name.  Sein  Ge- 
schlechtsname ist  unbekannt. 

106.  ^    ^    >ßj^   Li-t8chUpao, 
Li-tschi-pao  khien-tschu 

Die  umschränkten  Vorsätze.  Von  Li-tschi-pao.  3  Bucher. 
Der  Verfasser  lebte  zu  den  Zeiten  des  Kaisers  Tai- 
tsung  von  Thang. 

107.  3E    ^    Wang-fan. 
Wang-fan  tu  mung-khieu. 

Die  Fortsetzung  des  Suchens  der  Unwissenden.  Von 
Wang-fan.    3  Bücher. 

108.  ^    g    ^    Pe-ting-han. 
Pe-ting-han  thang  mung-khieu. 

Das  Suchen  der  Unwissenden  von  Thang.    Von  Pe-ting- 
han.    3  Bücher. 

Der  Verfasser   dieses  Werkes  stammte  aus  Kuang- 

ming  in  Kuang-si. 

109.  ^   >ff(^   Lirkang. 
Li'kang  hi-mung. 

Der    Anschluss    an    die    Unwissenden.     Von    Li-kang. 
2  Bücher. 


Chinesiscbe  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jabrkonderta  n.  Ckr.  137 

^^^'  j£    Wc    ^9E   Lu-king-Uang, 
La-king'liang  san-tsÖ  ki, 

Verzeichnungen   der  drei   genügenden   Dinge.    Von   Lu- 
king-liang.    2  Bücher. 


Werke  ttber  das  Buch  der  Gedichte. 

^  ^  Han-schi  , Gedichte  von  Han,  die  Gedichte  von 
dem  Geschlechte  Han'  heisst  das  von  ^  ^  Han-ying 
erklarte  Buch  der  Gedichte. 

h    ^    PÖ-schang  ist  der  Verfasser  von  Einleitungen  zu 
dem  Buche  der  Gedichte. 

1.  Pö-schang,  Han-ying, 

Han-schi  pö-sckang  siü  han-ying  tachii. 

Die  Gedichte  von  dem  Geschlechte  Han,  mit  Einleitungen 

von  Pö-schang  und  Erklärungen  von  Han-ying.  22  Bücher. 

2.  Han-schi  wai-Uchuen, 

Aeussere   Ueberlieferungen   zu   den   Gedichten   von   dem 
Geschlechte  Han.    10  Bücher. 

3.  Pö-schang  tsi-siü. 

Gesammelte  Einleitungen  von  Pö-schang.    2  Bücher. 

4.  Pö-schang  yi-yao. 

Das  geflügelte  Erforderliche  von  Pö-schang.    10  Bücher. 

5.  ^    "fi*    Mao-tscVang, 
Mao-tsch'ang  tschuen, 

Ueberlieferungen  zu  dem  Buche  der  Gedichte.  Von  Mao- 
tsch'ang.    10  Bücher. 

^*    Mb    .^    Tsching-hiuen, 

Tsching-hiuen  tsien  mao-schi  ku-hiün, 

Andeutungen  der  Lesungen  der  alten  Wörter  der  Gedichte 

von  dem  Geschlechte  Mao.  Von  Tsching-hiuen.  20  Bücher. 
^   ^  Mao-schi  ,die  Gedichte  von  dem  Geschlechte 
Mao'    heisst    das    von    dem    oben    genannten    Mao- 
tsch'ang  hergestellte  Buch  der  Gedichte. 
7.    Tsching-hiuen  pu, 

Register   zu   den  Gedichten   von   dem  Geschlechte  Mao. 

Von  Tsching-hiuen.    3  Bücher. 


138  Pfiiraaier. 

Wang-sü  tschü. 

Erklärungen  zu  den  Gedichten  von  dem  GeBchlechte  Mao. 

Von  Wang-sü.    20  Bücher. 

9.    Wang-8Ü  tsä-i  pÖ. 

Meinungsverschiedenheiten  in  Bezug  auf  vermischte  Be- 
deutungen der  Gedichte  von  dem  Geschlechte  Mao.  Von 
Wang-sü.    8  Bücher. 

10.   Wen-nan, 

Fragen  bei  Schwierigkeiten  der  Gedichte  von  dem  Ge- 
schlechte Mao.    Von  demselben  Verfasser.    2  Bücher. 


11.    1^    ^    ScU'tmn. 
Schk-tsün  tschü. 

Erklärungen    der   Gedichte    von    dem    Geschlechte  Mao. 
Von  Sche-tsün.    20  Bücher. 

Man   gab   diesem  Werke   den  Namen  scM-schi  ,die 
Gedichte  von  dem  Geschlechte  Schö^ 


12*    ^    ^    J^    Thsui-ling-ngen. 
Thsui'Ung-ngen  tst-tsdiü. 

Gesammelte    Erklärungen    zu    den    Gedichten    von   dem 
Geschlechte  Mao.    Von  Thsui-ling-ngen.    24  Bücher. 

13.  Thsui-ling-ngen  i-tschü. 

Erklärungen    der    Bedeutungen    der  Gedichte   von   dem 
Geschlechte  Mao.    Von  Thsui*ling-ngen.   5  Bücher. 

14.  ^Il    ikM    LteU'tsching, 
LieU'tsching  i-wen. 

Das  Fragliche  der  Bedeutungen  des  Buches  der  Gedichte. 
Von  Lieu-tsching.    10  Bücher. 

lö-    i    M    Wang-khi. 
Wang-khi  mao-schi  pÖ. 

Meinungsverschiedenheiten    bezüglich   der   Gedichte   von 
dem  Geschlechte  Mao.    Von  Wang-khi.    5  Bücher. 

16.   Mao-Bchi  tnä  tkä-wen. 

Antworten  auf  vermischte  Fragen  in  Bezug  auf  die  Ge- 
dichte von  dem  Geschlechte  Mao.    5  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 


GhiBesiMhe  Schriftwerke  4ee  7.  nnd  8.  JahrhvDdene  n.  Chr.  139 

17.  Tsä'i  nan. 

Schwierigkeiten  vermischter  Bedeutungen  des  Buches  der 
Gedichte.    10  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 

18.  %   fK   Sün-yd. 
Sün-yÖ  i'thung  fing. 

Erwägungen   der    Verschiedenheiten    und    Uebereinstim- 
mungen  des  Buches  der  Gedichte.  Von  Sün-yö.  10 Bücher. 
Sün-yö  ist  auch  der  Verfasser  zweier  Werke   über 
die  Ueberlieferungen  des  Geschlechtes  Tso. 

19.  i^    X    Y^»9-i' 
Yang-i  mao-schi  pien, 

Beurtheilungen  der  Gedichte  von  dem  Geschlechte  Mao. 
Von  Yang-I.    3  Bücher. 

^'   ^    ^    Tschinrthumf. 

Tschin-thung  nan  sün-schi  schi-ping. 

Beanstandung   der  von   dem  Geschlechte  Sün  verfassten 

Erwägungen  des  Buches  der  Gedichte.   Von  Tschin-thung. 

4  Bücher. 

Das  Geschlecht  Sün  ist  der  oben  verzeichnete  Sün-yö. 

21.  Tsckin-thung  piao-yin. 

Die   Verborgenheit   der   Kennzeichen.    Von   Tschin-tung. 

2  Bücher. 

22.  Jj^    ^^    V^    Yuen-yen-ming. 
Yuen-yen-ming  i-fu. 

Das  Sammelhaus  des  Angemessenen.    Von  Yuen-yen-ming. 

3  Bücher. 

23.  ^    ^    Tsch'ang'schi,  das  Geschlecht  Tsch'ang. 
TsMang-schi  i-su. 

Die   fernere  Erklärung   der  Bedeutungen.    Von  dem  Ge- 
schlechte Tsch'ang.    5  Bücher. 

24.  1^    ^   I^ki. 

Lö-ki  thsao-mÖ  mao-scheu  yü-tschung  su. 
Die  weitere  Erklärung   der   in    dem  Buche  der  Gedichte 
vorkommenden  Pflanzen  und  Bäume^  Vögel,  vierfüssigen 
Thiere,  Fische  und  Insecten.    Von  Lö-ki.    2  Bücher. 


140  Pfizmaier. 

25.  H^    ^    StS'Uch'in. 
Sie-tsch'in  schtri. 

Die  Erklärung  der  Bedeutungen  des  Buches  der  Gedichte. 
Von  Sie-tschln.    10  Bücher. 

26.  ^    ^    Lieu-schiy  das  Geschlecht  Lieu. 
LieU'Schi  siü-u 

Einleitungen  zu  den  Bedeutungen  des  Buches  der  Gedichte. 
Von  dem  Geschlechte  Lieu.    1  Buch. 

27.  jfH    jl^    Lieu-hiuen. 
Lieu-hiuen  schÖ-i. 

Die  überlieferten  Bedeutungen  des  Buches  der  Gedichte. 
Von  Lieu-hiuen.    30  Bücher. 

28.  'S    jHji    ^   Lu'schi'ihä. 
Lu'ächi'thä  yin^i. 

Die  Laute   und  Bedeutungen    des  Buches   der  Gedichte. 
Von  Lu-schi-thä.    2  Bücher. 

29.  ^R    ^^    Titching-hiuen. 
Tsching-hiuen-ieng  tsckü-kia  yin. 

Die  Laute  des  Buches  der  Gedichte.    Von  Tsching-hiuen 
und  einigen  Anderen.    15  Bücher. 

30.  3E    ^    Ä    Wang-hiuen-ihu, 
Wang-hiuen-thu  tsehü  maoscki. 

Erklärungen    zu   den   Gedichten    des   Geschlechtes  Mao. 
Von  Wang-hiuen-thu.    20  Bücher. 

31.  Mao-schi  tsching-i. 

Die  richtigen  Bedeutungen  der  Gedichte  des  Geschlechtes 

Mao.   40  Bände. 

Dieses  Werk  wurde  von  einer  Anzahl  Gelehrter, 
unter  ihnen  Khung-ying-thä,  Wang-te-schao,  Thsi- 
wei  und  Andere^  auf  Befehl  des  Kaisers  zusammen- 
gestellt. 

32.  ÜF    ;fe    3f    Hiü-sckö-ya. 
HiürschÖ^a  mao-schi  thmian-u 

Die   zusammengefassten   Bedeutungen    der   Gedichte   des 
Geschlechtes  Mao.    Von  Hiü-schö-ya.    10  Bücher. 

33-  J&   fÖ    ( J  +  H)    TscVing^e.yü. 
TscVing-pe-yU  mao-schi  tsehi-schu^. 


CliinsBiscbe  Sebriilwerke  dM  7.  und  8.  Jahrhanderts  n.  Chr.  141 

Andeutende  Besprechungen  der  G-ediehte  des  Geschlechtes 
Mao.    Von  Tsch'ing-pe-yti.    1  Buch. 

34.  TscVing-pe-yÜ  tuan-tschang. 

Die  Durchschneidungen  nach  Absätzen.  Von  Tsch'ing- 
pe-yü.    2  Bücher. 

35.  Mao-8chi  thsao-md  Uchung-yil  thu, 

Abbildungen  der  in  den  Gedichten  des  Geschlechtes  Mao 
vorkommenden  Pflanzen  und  Bäume,  Insecten  und  Fische. 
20  Bücher. . 

In  dem  Zeiträume  Ehai-tsch*ing  (836  bis  840  n.  Chr.) 
befahl  Kaiser  Wen-tsung,  dass  man  in  dem  Gebäude 
der  versammelten  weisen  Männer  dieses  Werk  zu- 
sammenstelle und  zugleich  die  Bilder  der  Gegen- 
stände zeichne.  Yang-sse-fö,  Mann  des  grossen  Ler- 
nens, und  Tsch'ang-tse-tsung,  Mann  des  Lernens, 
reichten  es  empor. 


Erklärungen  der  mustergiltigen  Bficher. 

1.  ^     1^    LieU'hiang. 
LieU'Jnang  u-king  taä-u 

Die    vermischten    Bedeutungen    der    fünf    mustergiltigen 
Bücher.    Von  Lieu-hiang.    7  Bücher. 

2.  LieU'hiang  u-king  thung-i. 

Die  durchgängigen  Bedeutungen   der   fünf  mustergiltigen 
Bücher.    Von  Lieu-hiang.    9  Bücher. 

3.  ü'Jdng  yao-i. 

Die  nothwendigen   Bedeutungen   der   fünf  mustergiltigen 
Bücher.    5  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 

4.  §^    j^   Hiü'Schin, 
Hiil-schin  u-king  i-i. 

Die   verschiedenen  Bedeutungen   der  fünf  mustergiltigen 

Bücher.    Von  Hiü-schin.  10  Bücher. 

Tsching-hiuen  war  mit  dem  Inhalte  dieses  Werkes 
nicht  einverstanden.  Hiü-schin  ist  auch  der  Ver- 
fasser des  Werkes  SchuÖ-wen. 


142  Pfiznaier. 

5.   ^   ^    TsiaO'tscheu, 

Tsiao-scheu  u-king  jen-feu  lün. 

Erörterungen  des  So  und  Nicht-so  der  fünf  mustergiltigeD 

Bücher.    Von  Tsiao-tscheu.   5  Bücher. 

^-   "^  ..^fr    Yang-fang. 

Yang-fang  u-king  keu-tsch'in. 

Das   Herausfischen   des   Versunkenen   in   Bezug  auf  die 

fünf  mustergiltigen  Bücher.    Von  Yang-fang.    10  Bücher. 

^-   ^    Ä    Yang-ase. 
Yang-sse  u-king  thae-i. 

Das  Fragen  nach  dem  Zweifelhaften  in  den  fünf  muster- 
giltigen Büchern.    Von  Yang-sse.    8  Bücher. 

8.  y^    ^    ^   Yuen-yen-fning. 
Yuen-yen-ming  u^king  tsung-liö. 

Kurze   Denkwürdigkeiten   von    dem   Hinwenden    zu   den 

mustergiltigen  Büchern.  Von  Yuen-yen-ming.   40  Bücher. 

Yuen-jen-ming  ist  auch  der  Verfasser  eines  früher 

verzeichneten  Werkes  über  das  Buch  der  Gedichte. 

9.  jfH    jl^    Lieu-hiuen. 
Lieu'hiuen  u-king  tsching-ming. 

Die  richtigen  Namen  in  den  fünf  mustergiltigen  Büchern. 

Von  Lieu-hiuen.    12  Bücher. 

Lieu-hiuen  ist  ebenfalls  Verfasser  eines  früher  ver- 
zeichneten Werkes  über  das  Buch  der  Gedichte. 

10-    i3t    3fiC    W    TacVin-wm-o. 

Tach'in-wen-o  king-tien  hiuen-jü  ta-i  aiil-lö. 
Geordnete  Verzeichnisse  der  von  den  Gelehrten  des  Himmel- 
farbenen  gegebenen  Bedeutungen  der  Vorbilder  der  muster- 
giltigen Bücher.    Von  Tsch*in-wen-0.    10  Bücher. 

Tsch^n-wen-O  ist  auch  der  Verfasser  zweier  Werke 

über  die  Gebräuche. 

11.   ]^    @    Pan-ku. 

Pan-kurteng  pe-hu-thung  t. 

Die  Bedeutungen  des  Werkes :  Der  Verkehr  des  weissen 

Tigers.    Von  Pan-ku  und  Anderen.    6  Bücher. 

Pan-ku  ist  der  Verfasser  des  Baches  der  früheren  Han. 


Chinesiiche  Schriftwerk«  das  7.  ond  8.  JahrhnnderU  n.  Cbr.  143 

^^'   Mü    ^    Tsching-hiuen. 
Tsching-hiuen  lö-i  lün. 

ErörteruBgeB  der  sechs  edles  KüBste.  Vob  TschiBg-hiueB. 
1  Buch. 

13.  J    ^    Wang-sü. 
Wang-sü  aching-tsching  lün, 

ErörteruBgeB  der  BestätigUBgeB  der  HöchstweiseB.    Vob 
WaBg-s&.    11  Bücher. 

WaBg-sü  isl  auch  der  Verfasser  eiBes  Werkes  über 

das  Buch  der  Oedichte. 

14.  Uang-wU'tiy  Kaiser  Wu  vob  LiaBg. 
Liang-wu-ti  khuTig-tae  tsching-yen. 

Die   richtigeB  Worte  Khuug-tse's.    Vob   dem  Kaiser  Wu 
VOB  LiaBg.    20  Bücher. 

15.  Kienrwen-ti,  Kaiser  KioB-woB  vob  Liasg. 
Kten-tcen-ti  tschang-tscJiUn  i-ki, 

VerzeichBUBgCB    der  BedeutuBgOB    des   laBgeu  FrühÜBgs. 
Vob  dem  Kaiser  KicB-wcB.    100  Bücher. 

16.  ^    ^    *^    Fan-wen-schin. 
Fan-wen-schin  thti-king  i-kang  liö-lUn. 

LeitcBde  kurzgefasste  ErörteruBgeu  der  BedeutuugeB  der 
sieboB  muBtergiltigcB  Bücher.  Vob  FaB-weB-schiu.  30 Bücher. 

17.  Fan-wen-schin  tschS-i. 

BerichtigUBgcB    des   Zweifelhafteu.     Vob    FaB-weB-schiB. 
5  Bücher. 

18.  ^    H    Tsch'ang-ki, 
T8ch*ang-ki  yeu  hiuen  kueiMn. 

WaBderungeu  Bach  dem  Zimmtwalde  des  HimmelfarbeBCB. 
Vob  Tsch'aBg-ki.    20  Bücher. 

19-    i*    1^    Tsch^in-yö. 
Tschin-yö  hi-li. 

Muster    der    Bach    dem    Tode    gegebeBCB    NamcB.     Vob 
Tsch'iu-yö.    10  Bücher. 

20.   f[   ^   Ho-yin, 
Ha-yin  hi-fä. 

VorschrifteB  ftir  die  Bach  dem  Tode  gegebeBOB  NamoB. 
Vob  Hü-yiB.    3  Bücher. 


144  Pficmaier. 


^^*    ^   fö    ^    X^^e-fnin^. 
Lö-te-ming  king-tten-schu 

Erklärungen    der   Vorbilder    der    mustergiltigen    Bücher. 
Von  Lö-te-ming.    30  Bücher. 

^^'    M    M    '^    Y^-^se-ku. 

Yen-sse-ku  kuang-mieu  tsching-tÖ. 

£inzwängung  des  Irrigen  und  Berichtigung  des  Geroeinen. 

Von  Yen-sae-ku.    8  Bücher. 

23.  ^    ^    Tschao-ying. 
TsdKw-ying  u-king  tuukiu^. 

Gegenüberstehende  Beurtheilungen  der  fiinf  mustergiltigen 
Bücher.    Von  Tschao-ying.    4  Bücher. 

24.  ^    ^    LieU'sin. 
LieU'sin  lÖ-schuS, 

Sechs  Besprechungen.    Von  Lieu-sin.    5  Bücher. 

25.  ^    ^    lAeu-hoang, 
Lieu'hoang  lö-king  wcd-tschuen. 

Aeussere  Ueberlieferungen   zu   den   sechs   mustergiltigen 
Büchern.    Von  Lieu-hoang.    37  Bücher. 

26.  ^   (4t +  W    Tsfang.yi. 
Tseh'ang-yi  u-king  wei-tschi. 

Der   verborgene    Sinn    der    fünf  mustergiltigen   Bücher. 

Von  Tsch'ang-yl.    14  Bücher. 

27.  ^    ^    ||j[    Wei-piaO'Wei. 
Wei-^ao-wei  kieu-king  sse-scheu  pu, 

Register   der  Unterrichtung   in   den   neun   mustergiltigen 
Büchern  durch  Lehrer.    Von  Wei-piao-wei.    1  Buch. 

28.  ^    ^    ^   Pei'kiao-king. 
Pei'kiao-king  wei-yen  tschU-M, 

Sammlung   der  Erklärungen    dunkler   Worte.    Von  Pei- 

kiao-king.    2  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  war  in  dem  Zeiträume 
Khai-yuen  (713  bis  741  n.  Chr.)  Beruhiger  des 
Kreises  Tsching. 

29.  "^    ^t    KaO'tschung, 
Kao-tschung  king-tschuen  yao-liö. 

Abgekürzte  Ueberlieferungen  zu  den  mustergiltigen  Büchern. 
Von  Kao-tschung.    10  Bücher. 


Cliinesiache  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jahrhundert«  n.  Chr.  145 

30.  ^    ^    ^     Wang-yen-wei. 
Wang-yen-wei  tu  ku-kin  hi-fä, 

Fortsetzungen  der  Vorschriften  für  die  nach  dem  Tode 
gegebenen  Namen  in  dem  Alterthum  und  in  der  Gegen- 
wart   Von  Wang-yen-wei.    14  Bücher. 

31.  ^    ^    ^    2|j    Mu-yung-tsung-pen. 
Mu-yung-immg-pen  u-ldng  lui^yü. 

Verschiedenartige  Worte  über  die  fünf  mustergiltigen 
Bücher.    Von  Mu-yung-tsung-pen.    10  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  in  dem  Zeit- 
räume Ta-tachung  (847  bis  859  n.  Chr.). 

32.  ^    j|^   Lieu-yung, 
lAeu-schi  king-tiefi  tst-yin. 

Gesammelte  Laute  der  Vorbilder  der  mustergiltigen  Bücher. 

Von  dem  Geschlechte  Lieu  (Lieu-yung).    30  Bücher. 

Der  Verfasser  war  in  dem  Zeiträume  Hien-thung 
(860  bis  873  n.  Chr.)  ältester  Vermerker  von 
Tsin-tscheu. 


Werke  des  kleinen  Lernens. 

» 

Ni-ya  li'Siün  tschü, 

Erklärungen  des  nahen  Richtigen.  Von  Li-siün.  3  Bücher. 

Dieses  Werk  enthält  Erklärungen  des  Wörterbuches 

^S   9||   Ni-ya  ,das  nahe  Richtige^ 

Ä    "^   Fan-kuang, 

Fan-kuang  tschü, 

Erklärungen  des  nahen  Richtigen.  Von  Fan-kuang.  6  Bücher. 

3.  -1^    jÄ|   Süf^yen. 
Sün-yen  tsckü. 

Erklärungen  des  nahen  Richtigen.  Von  Sün-yen,  6  Bücher. 

4.  ^   ( J  +  ^)    Tseh'in-ting. 
Tsch'in'ting  tsl-tschil. 

Gesammelte    Erklärungen    des    nahen    Richtigen.     Von 
Tsch*in-ting.    10  Bücher. 

Sitsnngtber.  d.  phii-hiat.  Cl.  XCIII.  Bd.  I.  Hft  10 


146  PfismaUr. 

5.  ^   ^  K6.pö. 
Kö-pö  tschü. 

Erklärungen  des  nahen  Richtigen.    Von  Kö-pö.    1  Buch. 

6.  Kö-pö  tku. 

Abbildungen  zu  dem  nahen  Richtigen.  Von  K6-pö.  1  Buch. 

7.  Kö-pö  yin-u 

Die  Laute   und  Bedeutungen  des  nahen  Richtigen.    Von 
Kö-pö.    1  Buch. 

8.  ]j^£    ^    Kiang-hoan. 
Kiang-hoan  thti-taan, 

Abbildungen  und  Lobpreisungen  zu  dem  nahen  Richtigen. 
Von  Kiang-hoan.    1  Buch. 

9.  Kiang-hoan  yin. 

Die  Laute  des  nahen  Richtigen.  Von  Kiang-hoan.  1  Buch. 

10.    ^    ^    Li'lchieu, 

Li-khieu  kiai  siao-ni-ya. 

Das  erklärte  kleine  Ni-ya  (nahe  Richtige).   Von  Li-khieu. 

1  Buch. 

11-    ^    ^    Yang-Jirnng. 

Yang-hiung  pü-kuS  fang-yen. 

Die  Mundaiien  der  besonderen  Reiche.  Von  Yang-hiung. 

13  Bücher. 

12.  fj)    ^    LUvrhi. 
Lieu'hi  schi-ming. 

Erklärungen  der  Namen.    Von  Lieu-hi.    8  Bücher. 

13.  ^    flg     Wei'tschuo. 
Wei'tschao  pien-scht  mivg. 

Beurtheilungen  und  Erklärungen  der  Namen.    Von  Wei- 

tschao.    1  Buch. 

Wei-tschao   schrieb  auch  ein  Werk  über  das  Buch 
der  Han   und  Erklärungen   der  Worte  der  Reiche. 

14-   tt    ij^    Tu'lin. 

Tu'lin  thsang-hie  hiUn-ku. 

Die  Lesungen  der  alten  Wörter  Thsang-hiä's.  Von  Tu-lin. 

2  Bücher. 

Thsang-hi^  ist  der  Erfinder  der  Schreibekunst. 


ChinMiich«  Schriftwerke  dei  7.  nnd  8.  Jabrhvnderts  n.  Chr.  147 

15.  ^    ^    TscVang-yt 
Tsch'ang-yt  kuang-yä. 

Das  weite  Richtige.    Von  Tsch'ang-yl.   4  Bücher. 
^    9||   Kuang-ya  ^das  weite  Richtige'. 

16.  Tsch^ang-yt  pi^thsang. 

Der  vermehrte  Thsang.    Von  Tsch'ang-yl.   3  Bücher. 

(^  +  ^)  ^  Pi-ihsang  ,der  vermehrte  Thsang' 
bedeutet  die  Vermehrung  der  von  Thsang-hiö  er- 
fundenen Schriftzeichen. 

17.  San-ihsang  hiUn-ku. 

Die  Lesungen  der  alten  Wörter  der  drei  Thsang.  3  Bücher. 
Die  drei  Thsang  sind  die  drei  aus  der  Ei*findung 
Thsang-hi^'s  hervorgegangenen  Schriftgattungen. 

18.  Tsä^tse. 

Vermischte  Schriftzeichen.    1  Buch. 

19.  Ku'foen  tse-hiün. 

Die  Lesungen  der  Zeichen  der  alten  Schrift.    2  Bücher. 

20.  ^    ^   Li'sse. 
Li'Sse-teng  san-thsang. 

Die   drei  Thsang.    Von  Li-sse  und  Anderen.    3  Bücher. 

21.  1^    ^   Fan-kung. 
Fan-kung  kuang-thsang. 

Diö  Erweiterung  der  durch  Thsang-hiö  erfundenen  Schrift. 
Von  Fan-kung.    1  Buch. 

22.  ^    |j^   Sse-yeu, 
Sse-yeu  ki-tsieu  tschang. 

Die  eilig  vollendeten  Absätze.    Von  Sse-jeu.    1  Buch. 

23.  jgg    ;2S    ü^    Yen-^chi'tui. 
Yen^tschutui  tschü. 

Erkläruagen  der  alten  Schrift.   Von  Yen-tschi-tui.   1  Buch. 

24.  ^     Jl    ;|6    ^    Sae-masiang-jü. 
Sse-ma-siang-ßl  fan  tsiang  pien. 

Die  von  Sse-ma-siang-jü  dargereichten  Hefte.    1  Buch. 

25.  ^    ^    Pan^ku. 
Pan-ku  tsai't^  pien. 

Die  Hefte  Pan-ku's  in  der  ehemaligen  Zeit.    1  Buch. 

10* 


148  Pfizmaier. 

26.   -jsl    ^    Thai-kiä. 
Thai'kiä  pien. 
Die  Hefte  der  Zeiten  Thai-kiä's. 

Thai-kiä  ist  eio  König  der  Schang. 

^'-    ^    S     Thsai-yung. 

Thsai-yung  sching  thsao^tschang. 

Pflanzenabsätze  der  Höchstweisen.  Von  Thsai-yung.  1  Buch. 

28.  Thsai-yiing  Jcvuen-hiÖ  pien. 

Zum  Lernen  ermunternde  Hefte.  Von  Thsai-yung.  1  Buch. 

29.  Kiti'tse  sckuking  Itin-yü, 

Die  erörternden  Worte  aus  den  mustergiltigen  Büchern 
des  Steinernen  in  gegenwärtigen  Schriftzeichen.  2  Bücher. 
^  jfer  Schi'king  ,die  mustei^ltigen  Bücher  des 
Steinernen^  sind  die  Bücher,  welche  zu  den  Zeiten 
des  Kaisers  Siuen  von  Han  in  dem  Söller  ^  ^  ^ 
schukhiü-kö  ySöller  des  steinernen  Wassergrabens' 
hervorgesucht  und  erklärt  wurden. 

30.  ^    2^    Thsuiyuen. 

TTisui-yuen  fei-lung  pien  Uchuen-thsao  scJU-hÖ. 
Die  Kraft   des  Tschuen   und   der  Pflanzenschrift  in  den 
Heften  des  fliegenden  Drachen  vereinigt.  Von  Thsui-yuen. 
3  Bücher. 

31.  §^    ^   Hiü'sehin. 
Hiü'Schin  schu^.-wen  kiai-tse. 

Der  besprochene  Schriftschmuck   von  Hiü-schin   mit  er- 
klärten Schriftzeichen.    15  Bücher. 

32.  g    tfc    Liiirsckin. 
LiHrschin  Ue-lin, 

Der  Wald  der  Schriftzeichen.    Von  Liü-schin.   7  Bücher. 

33.  ij^    j^    ]^    Yang-8ching-khing, 
Yang-sching-khing  tse-thung. 

Die  Leitung  der  Schriftzeichen.    Von  Yang-sching-khing. 
20  Bücher. 

^'    ^    ^    ^  Fung-kan-kö. 
Fung-kan-kÖ  tse-yuen. 
Der  Garten  der  Scbriftzeichen.  Von  Fung-kan-kö.  ISBücher. 


CUnMUcke  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jehrhimderta  n.  Chr.  149 

^-    Pf     tt^     ^»«-/«W^f. 

Kia-fang  tse  schö-pien, 

ZuBammenhängende  Hefte  der  Schriftzeichen.    Von  Ria- 

fang.    1  Buch. 

36.  ^    ^   Kö-hung. 
Kö-hung  ycuhyung  tse-yuen. 

Der  Gktrten   der  zum   Oebrauche   nothwendigen   Schrift- 
zeichen.   Von  Kö-hung.    1  Buch. 

37.  JC    3^    Tai'khuei» 
Tai'kh'uei  jnenrtse. 

Die  Beurtheilung  der  Schriftzeichen.  Von  Tai-Khuei.  IBuch. 

^*  I&    SP    ^S   Seng-pao-tschi, 
Seng-pao-tseki  wen-Ue  schhhiün. 

Erklärungen  und  Lesungen  der  Zeichen  der  Schrift.   Von 
Seng-pao-tschi.    30  Bücher. 

39.  ^    J^    TacheU'tscVing. 
Tacheu-tach'ing  kiai  wen-Ue. 

Die  erklärten  Zeichen  der  Schrift.    Von  Tscheu-tsch'ing. 
7  Bücher. 

^'   3E    ^    Wang-yen. 

Wang-yen  fsä-wen-tse  yin. 

Die  Laute    der  vermischten   Zeichen    der   Schrift.    Von 

Wang-yen.    7  Bücher. 

41.  ^    ^    Wang-schij  das  Geschlecht  Wang. 

Wang-sehi  wen-tse  yao-sckui, 

Nothwendige  Besprechungen  der  Zeichen  der  Schrift.    Von 

dem  Oeschlechte  Wang.    1  Buch. 

Das  Geschlecht  Wang  ist  der  oben  genannte  Wang-yen. 

42.  ^    :^    jH^    Yuen-hioo-tschü. 
Yuen-hiaO'tachü  wen-tse  Utl-Uö. 

Abgekürzte  Sammlung  der  Zeichen  der  Schrift.  Von  Yuen- 
hiao-tschü.    1  Buch. 

43.  ^    jy[   Peng-U, 
Pmg-U  wen-tae  pien-hien, 

Beurtheilung  des  Verdächtigen   der  Zeichen   der  Schrift. 
Von  Peng-li.    1  Buch. 


löü  Pfitmaier. 

^-  =E  tt  w<*«9-yi"- 

Wang-yin  wen-tse  tschi. 

Denkwürdigkeiten  von  Zeichen  der  Schrift.    Von  Wang- 
yin.    3  Bücher. 

^'    S    1^    I    Ku-ye-wang, 
Kurye-wang  yö^pien. 
Die  Edelsteinhefte.    Von  Ku-ye-wang.    30  Bücher. 

46.  ^    ^    Li'teng, 
Li'teng  sching-lui. 

Die  Arten  der  Töne.    Von  Li-teng.    10  Bücher. 

47.  ^    1^    LiU-taing. 
Liilrtsing  yün-tsi. 

Sammlung  der  Endlaute.    Von  Liü-tsing.    5  Bücher. 

48.  H^    'jj^    ^    Yang-hieu-tBchi. 

Yang-hieu-tschi  yün-liö. 

Abgekürzte  Darlegung  der  Endlaute.  Von  Yang-hieu-tschi. 
1  Buch. 

49.  Yang-hieu-tachi  pien-hien  yin. 

Benrtheilung  der  Laute    des  Verdächtigen.    Von  Yang- 
hieu-tschi.    2  Bücher. 

^'    W    ^    ^    Äta-Äcu-yttnjf. 
Hia-heu-yung  sse-sching  yün-liÖ. 

Abgekürzte  Darlegung  der  Endlaute  der  vier  Töne.   Von 
Hia-heu-yung.    13  Bücher. 

51.    ^    f]^    TscVang-liang. 

Tsch'ang-liang  sse-sching  pu. 

Die  Abtheilungen    der   vier   Töne.    Von  Tsch'ang-liang. 

30  Bücher. 

52«   jl6    p^    Tschachschi,  das  Geschlecht  Tschao. 
TachaO'Bchi  yUn-pien, 

Die  Hefte   der  Endlaute.    Von  dem  Geschlechte  Tschao. 
12  Bücher. 

53-   1^    M   ^'^'' 
Lö'tse  ihsii-yün. 

Die  Endlaute  der  Durchschneidung.  Von  Lö^tse.  5  Bücher. 


GhinefiMche  Schriftwerke  de«  7.  nnd  8.  JahrhnnderU  n.  Chr.  151 

54.  1^    IDI    Kö'hiün. 
Kö'hiün  tae-tachi  pien. 

Hefte  des  Sinnes  der  Schriftzeichen.  Von  Kö-hiün.  1  Buch. 

55.  Ku'toen  khUtae. 

Die  seltsamen  Zeichen  der  alten  Schrift.    2  Bücher. 

56-   IS    ^    Wei'hung. 

Wei-hung  tachao-ting  ku-wen  tae-schu. 

Ein  Buch  der  verkündeten  und  bestimmten  Zeichen  der 

alten  Schrift.    Von  Wei-hung.    1  Buch. 

57.  j^   ^    Yilrho. 
Yü'ho  fä-achu  mÖ-lö. 
Verzeichnisse  der  Musterschrift.    Von  Yü-ho.    6  Bücher. 

Wei'heng  aae-thi  achu-achi. 

Die  Kraft  der  Schrift  der  vier  Körper.    Von  Wei-heng. 

1  Buch. 

^^'   m     "^    ^    SiaO'tae-yün, 
Siao-tae-yün  u-achl-ni  thi-achu. 

Die  Schriften   der  zwei  und  fünfzig  Körper.    Von   Siao- 
tse-yün.    1  Buch. 

60.  J^    ]ig    ^    Yiirkien-ngu. 
YUrkien'-ngu  achu-pin. 
Die   Gattungen   der  Schrift.    Von   Yü-kien-ngu.    1  Bucli. 

^^'  M    ^    W    Y^'tachUuL 
Yen-tachi'tui  pi-mi-fä. 
Die  Weise  von  Pinsel  und  Tinte.  Von  Yen-tschi-tui.  1  Buch. 

^^'   !&    jE    I^    Seng-taching-thu. 
Seng-taching-thu  taä-tae  achu. 

Das   Buch    der   vermischten    Schriftzeichen.    Von   Seng- 
tsching-thu.    8  Bücher. 

^'  ^    -^    ^    Ho-aching-tkien. 
Ho^aching-thien  thauan-wen. 

Der   zusammengefasste   Schriftschmuck.    Von  Ho-sching- 
thien.    3  Bücher. 

^'  M    ^    ^    yen-ym-Uchi. 
Yen-yefi 'tackt  thauan-yao. 

Das  zusammengefasste  Erforderliche.    Von  Yen-yen-tschi. 
6  Bücher. 


152  Pfiimftier. 

65.  Yen-yen-tschi  khe-yeu  wen. 

Der  Schriftschmuck  zur  Befragung  der  Jugend.  Von  Yen- 
yen-tschi.    3  Bücher. 

66.  ^    in    Tsch'ang'tm. 
Tsch'ang-tui  UchingsÖ  yin. 

Die  bestätigten  gemeinen  Laute.  Von  Tsch'ang-tui.  3  Bücher. 

67.  Ig    ^    ^  Yen^min-ihau. 
Yen-min-ihsii  tscking-sÖ  yin-Uo. 

Abgekürzte  Darlegung   der  bestätigten  gemeinen  Laute. 
Von  Yen-min-thsu.    1  Buch. 

68.  ^    ll   Li-khien. 
Li'khien  tu  thung-aÖ  wen. 

Fortsetzungen    der   Schrift   des   gemeinen   Lebens.    Von 
Li-khien.    2  Bücher. 

69.  ^    ^    Li'schao. 
Li-schao  ihung-sö  yil  nan-tae. 

Die  schwierigen  Schriftzeichen  der  Sprache  des  gemeinen 
Lebens.    Von  Li-schao.    1  Buch. 


TO.    0    :©    P  Tachü-kÖ-ying. 

Tschü-kÖ-ying  kuei-yuen  tschü-tsung. 

Die  Ansammlungen   der  Perlen   des  Zimmtgartens.   Von 

Tschü-kö-ying.    100  Bücher. 

71.  :^    ^    ^  Tschü'sse-hking. 
Tschü-sse-khing  yeu-hiö  pien. 

Die  Hefte  des  Lernens  der  Jugend.   Von  Tschü-sse-khing. 
1  Buch. 

72.  ]^    |l^   Hiang-Uiün. 
Hiang-tsiUn  schi-hiÖ  pien. 

Hefte  des  ersten  Lernens.    Von  Hiang-tsiün.    12  Bücher. 

73.  ^    ^^    y^  Wang-hi-tschi. 
Wang-hi'tschi  siao-hiÖ  pien. 

Hefte  des  kleinen  Lernens.    Von  Wang-hi-tschi.    1  Buch. 

74.  ^    3J^    Yang-fang. 
Yang-fang  scTiao-hiÖ  tsl. 

Sammlungen   des  Lernens   der  Jugend.    Von  Yang-fang. 
10  Bücher. 


Ghinesisclie  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jahrhuaderts  n.  Chr.  153 

75.  ijg    §11    :2r    Ku'JAai'tschi. 
Kurkhai'tschi  khi-u 

Die  Eröffnung  des  Zweifelhaften.  Von  En-khai-t8chi. 
3  Bücher. 

76.  H    -^    ^    Siao'tse-fan. 

Siao-tse-fan  thsien-tse  wen. 

Die  Schrift  der  tausend  Schriftzeichen.    Von  Siao-tse-fan. 

1  Buch. 

77.  ^    J^L    1^    TscheU'hing-sse, 
Tscheu-hing-sse  Ue-yiln  thsien-tse  wen. 

Die  mit  angereihten  Endlauten  versehene  Schrift  der 
tausend  Schriftzeichen.    Von  Tscheu-hing-sse.    1  Buch. 

78.  ^    (Yen)  thsien-tse  wen. 

Die  fortgesetzte  Schrift  der  tausend  Schriftzeichen.  5 Bücher. 

79.  Lan-tse  tschi-yuen. 

Die  bekannte  Quelle  der  überblickten  Schriftzeichen. 
3  Bücher. 

80.  Tse-schu, 

Das  Buch  der  Schriftzeichen.    10  Bücher. 

81.  Kvei-yuen  tsckü-tsung  liÖ-yao, 

Das  abgekürzte  Nothwendige  der  Perlen  des  Zimmt- 
gartens.    30  Bücher. 

82.  Ku'kin  pärthi  lö-wen  schu-fä. 

Die  Weise  der  sechs  Schriftgattungen  der  acht  Körper 
des  Alterthums  und  der  Gegenwart.    1  Buch. 

83.  Ku'lai  tschuen-li  ku-hiiln  ming-lÖ. 

Verzeichnisse  von  Namen  mit  alten  Lesungen  in  den  von 
Alters  her  üblichen  Schriftgattungen  Tschuen  und  Li. 
1  Buch. 

84.  Tschuen-schu  thsien-tse  wen. 

Die  Schrift  der  tausend  Schriftzeichen  in  Tschuen-Schrift. 
1  Buch. 

85.  Kin-tse    ^    j^    schl-king  yt  tschuen. 

Das  aus  den  mustergiltigen  Büchern  des  Steinernen  in 
Tschuen-Schrift  hervorgegangene  Buch  der  Verwandlungen 
in  gegenwärtigen  Schriftzeichen.    3  Bücher. 

Von  den  ,mustergiltigen  Büchern  des  Steinernen'  ist 

Nr.  29  die  Rede  gewesen. 


154  Ffiiiaaier. 

86.  Kin-Ue  schi-Tüng  sckang-schu  pen. 

Der  Text  des  aus  den  mustergiltigen  Büchern  des  Stei- 
nernen hervorgegangenen  höchsten  Buches  in  gegenwär- 
tigen Schriftzeichen.    5  Bücher. 

|jS^    ^    Sckang-schu   ,da8    höchste   Bnch^    ist  das 
Schu-king. 

87.  Kin-Ue  achi-king    3}    ^    tscking-hitten  schang-sehu. 
Das  von  Tsching-hiuen   aus   den   mustergiltigen  Büchern 
des  Steinernen  hergestellte  höchste  Buch  in  gegenwärtigen 
Schriftzeichen.    8  Bücher. 

88.  San-tse  schl-king  schang-achu  ku-tschuen. 

Das  aus  den  mustergiltigen  Büchern  des  Steinernen  her- 
vorgegangene^ in  alter  Tschuen-Schrift  geschriebene  höchste 
Buch  in  dreierlei  Schriftzeichen.    3  Bücher. 

89.  Kin-tse  schl-king    ^    ^    mao-schi. 

Die  aus  den  mustergiltigen  Büchern  des  Steinernen  her- 
vorgegangenen Gedichte  von  dem  Geschlechte  Mao  in 
gegenwärtigen  Schriftzeichen.    3  Bücher. 

90.  Kin-tse  schl-king  i-li. 

Das  aus  den  mustergiltigen  Büchern  des  Steinernen  her- 
vorgegangene Buch  des  Verfahrens  und  der  Gebräuche 
in  gegenwärtigen  Schriftzeichen.    4  Bücher. 

91.  San-tse  schi-king  tso-tschuen  ku-tschuen  scku. 

Die  aus  den  mustergiltigen  Büchern  des  Steinernen  her- 
vorgegangenen ,  in  alter  Tschuen-Schrift  geschriebenen 
üeberlieferungen  des  Geschlechtes  Tso  in  dreierlei  Schrift- 
zeichen.   12  Bücher. 

92.  Kin-tse  scht-king  tso-tschuen-king. 

Das  aus  den  mustergiltigen  Büchern  des  Steinernen  her- 
vorgegangene mustergiltige  Buch  der  Üeberlieferungen 
des  Geschlechtes  Tso  in  gegenwärtigen  Schriftzeichen. 
10  Bücher. 

93.  Kin-tse  schl-king   ^    ^    kung-yang-tschuen. 

Die  aus  den  mustergiltigen  Büchern  des  Steinernen  he^ 
vorgegangenen  Üeberlieferungen  Kung-yang's  in  gegen- 
wärtigen Schriftzeichen.    9  Bücher. 


ChiBMifcbe  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jahrhunderte  n.  Chr.  155 

94.  ^     «     Thsai-yung  Jcin-tse  schl-king  lün-yü. 

Die  von  Tbsai-yung  hergestellten,  aus  den  mustergiltigen 
Büchern  des  Steinernen  hervorgegangenen  erörternden 
Worte  in  gegenwärtigen  Schriftzeichen.    2  Bücher. 

95.  1^    ^    ThsaO'him. 
Thaao-hien  ni-ya  yin-u 

Die  Laute  und  Bedeutungen  des  nahen  Richtigen.  Von 
Thsao-hien.  2  Bücher. 

Ni-ya  ,das  nahe  Richtige'  ist  das  Nr.  1  angeführte 

Werk. 

96.  ThsaO'hien   |Ä    3||  pd-ya. 

Das  vielseitige  Richtige.  Von  Thsao-hien.  10  Bücher. 

97.  Wen-tse  tschi-kuei. 

Fingerzeige  auf  die  Zuständigkeit  der  Zeichen  der  Schrift. 
4  Bücher. 

98.  ^    '^j^    ^£   LieU'pe-Uchuang. 
Lieu-pe-tschuang  tu  ni-ya, 

Fortsetzungen  des  nahen  Richtigen.  Von  Lieu-pe-tschuang. 
1  Buch. 

^'   M    fS6    "^    Y^'88e-ku, 

Yen-sse-ka  tsckU  ki-tneu'tschang, 

Erklärung  der  eilig  vollendeten  Absätze.  Von  Yen-sse-ku. 

1  Buch. 

Bezieht  sich  auf  das  Nr.  22  angeführte  Werk.  Yen- 
Bse-ku  ist  in  der  Abhandlung:  ^Nachrichten  von  Ge- 
lehrten China's'  Gegenstand  eines  besonderen  Ab- 
schnittes. 

100.  Die  Kaiserin  von  dem  Geschlechte  Wu. 
Wu'heu    ^i    1^    tse-hai. 

Das  Meer  der  Schriftzeichen.  Von  der  Kaiserin  von  dem 

Geschlechte  Wu.  100  Bücher. 

Die  unter  dem  Namen  der  Kaiserin  Wu  heraus- 
gegebenen Bücher  wurden  von  einer  Anzahl  Ge- 
lehrter zusammengestellt. 

101.  ^    ^   U-sse. 

Li'sse  tsch'ifi'Sehti  heu^pin. 

Die  späteren  Ordnungen  der  wahren  Schrift.  Von  Li-sse. 

1  Buch. 


156  PfiBm»i«r. 

102.  ^   "j^   Siilrkao. 
Siü^hao  5cAti-pu. 

Register  der  Schrift.  Von  Siü-hao.   1  Buch. 

103.  Ku-tn  kl. 

Verzeichnungen  der  Spuren  des  Alterthums.  1  Bach. 

104.  ^    '^    ^    Tsch'ang'hoai-kuan. 
Tsch'ang-hoai'ktian  schu-tuan. 

Entscheidungen  über  die  Schrift.  Von  Tsch'ang-hoai-kuan. 

3  Bücher. 

Dieses  Werk  wurde  in  dem  Zeiträume  Ehai-yuen 
(713  bis  740  n.  Chr.)  in  dem  Gebäude  des  Pinsel- 
waldes dargereicht. 

105.  Jsck'ang'hoai'kuan  ping-achu   ^&    ^   yö-schi  liln. 
Erörterungen  über  den  Arzneistein  bei  Beurtheilung  der 
Schrift.  Von  Tsch'ang-hoai-kuan.  1  Buch. 

106.  ^    ^    ^    Tsch'ang'king-kiuen. 
TacKang-Täng-hiuen  schu-tal, 

Muster  der  Schrift.  Von  Tschang-king-hiuen.  1  Buch. 
Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  in  dem  Zeiträume 
Tsching-yuen  (785  bis  804  n.  Chr.). 

107.  S^    ^    j^    TacKangyen-yuen, 
Tsch'ang-yen-yuen  fäschu  yao-lÖ. 

Nothwendige  Verzeichnisse  der  Musterschrift.  Von  Tsch'ang- 
yen-yuen.  10  Bücher. 

108.  ^    ^    j^   Pei-hang-khien. 
Pei'hang-khien  thsao-tse  tsä-thi. 

Vermischte  Körper   der  Pflanzenzeichen.    Von  Pei-haDg- 
khien. 

Die  Zahl  der  Bücher  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 

109.  ^    j^    King-hao. 
King-hao  pl-fä  ki, 

Verzeichnungen   der  Weise   des  Pinsels.    Von  King-hao. 
1  Buch. 

110.  Zl    3E  Ni-wang  ^   ^   Uchang-Ucki  ^    ^  tsch'ang- 
tscKang. 

Ni-toang  tsch'ang-tschi  tsch'ang-tsch'ang-teng  schu. 
Die  Schriften   der  zwei  Männer  des  Geschlechtes  Wang, 
femer  Tsch'ang-tschi's,   Tsch'ang-tsch'ang's   und  Anderer. 
1511  (eintausend  fünfhundert  eilf)  Bücher. 


Chinetisohe  Schriftwerke  des  7.  and  8.  Jahrliiinderte  n.  Chr.  157 

Die  zwei  Männer  des  Geschlechtes  Wang  sind  die 
Schriftkünstler  Wang-hi-tschi  und  Wang-hien-tschi. 
Tsch'ang-tschi  und  Tsch'ang-tsch'ang  sind  ebenfalls 
Schriftkünstler. 

Die  alten  Schriften  der  genannten  Männer 
wurden  auf  Befehl  des  Kaisers  Thai-tsung  von  den 
damaligen  Schriftkünstlern  Wei-tsch'ing,  Yü-schi-nan, 
Tschü-sui-Iiang  und  Anderen  hinsichtlich  der  Aecht- 
heit  geprüft  und  zusammengestellt.  Das  Werk  wurde 
im  fünften  Jahre  des  Zeitraumes  Khai-yuen  (71 7  n.  Chr.) 
vollendet. 

111.  J    Hb*    J^    Wang-fang-khing. 
Wang-fang-kking  pao-tschang  M. 

Sammlungen  kostbarer  Absätze.  Von  Wang-fang-khing. 
10  Bücher. 

112.  Wang-fang-khing  wang-schi  pä-thi  schu-fan. 
Schriftmnster   der  acht  Körper   des   Geschlechtes  Wang. 
Von  Wang-fang-khing.  4  Bücher. 

Das  Geschlecht  Wang  ist  der  Schriftkünstler  Wang- 
hi-tschi. 

113.  Wang-sehi  kung-schu-tschuang. 

Die  Beschaffenheit  der  kunstvollen  Schrift  des  Geschlechtes 
Wang.    lö  Bücher. 

114.  Htuen-tsung  khai-yuen  wen-tse  yin-i. 

Die  Laute  und  Bedeutungen  der  Zeichen  der  Schrift  des 
Zeitraumes  Khai-yuen  (713  bis  741  n.  Chr.),  Jahre  des 
Kaisers  Hiuen-tsung.  30  Bücher. 

115.  Ig    0,    TscVang-Uan. 
Tsch'ang'tsan  u-king  wen-tae. 

Die  Zeichen  der  Schrift  der  fünf  mustergiltigen  Bücher. 
Von  Tsch'ang-tsan.  3  Bücher. 

116.  ^    ^    H^    Thang-htuen-tu. 
Thang-kiuen-tu  kieu-king  tse-yang» 

Die  Art  der  Schriftzeichen  der  neun  mustergiltigen  Bücher. 
Von  Thang-hiuen-tu.  1  Buch. 

^"-   Bt    81    1^   Ngeu-yang-yung. 

Ngeu-yang-yung  king-tien  fen-h(w  tsching-tse. 


158  Pritmai«r. 

Die  auf  das  Kleinste  vertheilten  richtigen  Schriftzeichen 
der  Vorbilder  der  mustergiltigen  Bücher.  Von  Ngeu-yaog^ 
yung.  1  Bach. 
118.    ^    H   Li'ieng. 

Li'teng  schuS-wen  tae-yuen. 

Die  Quelle  der  Zeichen  des  besprochenen  Schriftschmucks. 

Von  Li-teng.  1  Buch. 

119-   ft    M.  ;^    Smg^hoei-h. 

Seng-Jioei'Ü  siang-wen  yÖ-pien. 

Edelsteinhefte  der  Bilderschrift.  Von  Seng-hoei-lX.  30  Bücher. 

120.  H    ^   Siao-kiün. 
Siao-kiün  yün-yin. 

Die  Endlaute  und  Laute.  Von  Siao-kiün.  20  Bücher. 

121.  ^    fi    Sün^mien. 
Sün-mien  thang-yün. 

Die  Endlaute  der  Thang.  Von  Sün-mien.  5  Bücher. 

122.  1^    jj^    "^    Wu-yuen-Uchu 
Wu-yuen-Uchi  yün-    ^^  Uiuen. 

Die  Wagebalken  der  Endlaute.  Von  Wu-yuen-tschi. 
15  Bücher. 

123.  Hiuen-taung  yün-ying. 

Die  Blüthen  der  Endlaute.  Von  dem  Kaiser  Hiuen-tsung. 

5  Bücher. 

Dieses  Werk  wurde  im  vierzehnten  Jahre  des  Zeit- 
raumes Thien-pao  (755  n.  Chr.)  in  Folge  einer 
höchsten  Verkündung  zusammengestellt. 

124.  m^    ^    ^    Yen-tschin-khing. 
Yen'tschin'-khing  yUn-hai  king^yuen. 

Die  Quelle  des  Spiegels  des  Meeres  der  Endlaute.  Von 
Yen-tschin-khing.  360  Bücher. 

125.  ^    ^   Li-tscheu. 
Li'tscheu  ihsi^-yün. 

Die  durchgeschnittenen  Endlaute.  Von  Li-tscheu.  10  Bücher. 

126.  ft    ^    iS.  Seng^yeu-tscK 
Seng-yeu-tschi  pien-thi  pu-sieu  kia^tse  thsü-yün. 

Die  durchgeschnittenen  Endlaute  mit  Unterscheidung  der 
Körper  und  HinzufUgung  der  Schriftzeichen  ergänzt  und 
geordnet.  Von  Seng-yeu-tschi.  5  Bücher. 


Chinwiaetae  SchriftiMrke  des  7.  and  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  159 


Werke  Ober  Landwirthschaft. 

Fan-tse  und  Ei-jen.    15  Bücher. 

Fan-tse  ist  Fan-Ii,    Reichsgehilfe   des  Königs  Eeu- 
tsien  von  Yue.  Fan-li  fragt,  Ki-jen  antwortet. 

2.   ^    Yün-tu-wei  achu. 

Das  Buch  des  allgemeinen  Beruhigers  von  dem  Geschlechte 
Yün.    3  Bücher. 

^'   yB    ^    ^    Fan-aching-tschi  schu. 
Das  Buch  Fan-sching-tscbi's.    2  Bücher. 

4.   H    ^    Thsuischi. 

Thsui'8chi  886- jin  yue-ling. 

Die  Qebote  der  Monate  in  Bezug  auf  vier  Menschen.  Von 

Thsui-schl.    1  Buch. 

^-   M    Ä    1^   JKa-we-Äf^. 
Kia-sse-hü  thsi-min  yaO'8ch6. 

Die  nothwendige  Kunst  des  gleichgestellten  Volkes.  Von 
Kia-sse-hi§.    10  Bücher. 

6.  ^    ^^    Tsung-Uen. 

Tsung-lien  king-thsu  8ui-8chi  ki. 

Verzeichnungen  der  Zeiten  des  Jahres  in  King  und  Thsu. 

Von  Thsung-lien.    1  Buch. 

'•   tt    '&'    ^    Tu-kung-tschen. 

Tu-kung-tachen  king-thsu  8ui-8chi  ki. 

Verzeichnungen  der  Zeiten  des  Jahres  in  King  und  Thsu. 

Von  Tu-kung-tschen.    2  Bücher. 

^'  ^    iE    ^    Tu'thai-khing. 
Tu-thai'khing  yÖ-tschö  pao-tien. 

Die  kostbaren  Vorbilder  der  Edelsteinlampe.  Von  Tu-thai- 
khing.    12  Bücher. 

9.  3E    ßt    Wang-aehi,  das  Geschlecht  Wang. 
Wang-schi  sse-achi  lö. 

Verzeichnisse  über  die  vier  Jahreszeiten.     Von  dem  Ge- 
schlechte Wang.    12  Bücher. 


160  Pfismaier. 

10.    ^    §|L    ^    Tai-kai'ischi, 
Tai'kai'tschi  tschö-pu. 
Register  des  Bambus.    Von  Tai-kai-tscbi.    1  Buch. 

1^-  fi  i&  Ku'hoan. 
Kurhoan  thaien-pu, 
Register  der  Kupfermünzen.    Von  Eu-hoan.    1  Buch. 

12.  1^    J^    ^    Feu-khieu-kung. 
Feu-khieurkung  nang-hö  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Beobachtung  der  Störche.  Von 
Feu-khieu-kung.    1  Buch. 

13.  ^    ^    ^    Yao-siilr-pö. 
Yao-aiü-pö    V^    j^    tschi-M  lö, 

Verzeichnisse  des  Angriffes  der  Raubvögel.  Von  Yao-siü- 
pö.    20  Bücher. 

14.  Siang-ma  king, 

«       

Das    mustergiltige    Buch    der   Beobachtung    der   Pferde. 
3  Bücher. 

lö.    >f|g    1^    Pe^lö. 

Pe-lö  siang-nia  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Beobachtung  der  Pferde.  Von 

Pe-lö.    1  Buch. 

16.  ^    J^   Siü'tscVing. 
Siü-UcKing-teng  aiang-ma  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Beobachtung  der  Pferde.  Von 
Siü-tsch'ing  und  Anderen.    2  Bücher. 

17.  ^    :g    II    TschUrkÖ-ying. 
Tachü-kö-ying  Uchung-Uchl  fä, 

Vorschriften  für  das  Pflanzen.  Von  Tschü-kö-ying.  77  Bücher. 

18.  Tschü-kö-ying  siang-ma  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Beobachtung  der  Pferde.  Von 
Tschü-kö-ying.    60  Bücher. 

19.  II    lg    Ning-Ui. 
Ning-Un,  siang-nieu  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Beobachtung  der  Rinder.  Von 
Ning-tsl.    1  Buch. 

Ning-tsI  lebte  zu  den  Zeiten  des  Fürsten  Hoan  von 

Thsi. 


Cbinosischn  Schriftwerko  dos  7.  und  k.  Jahrhundert«)  n.  Chr.  161 


20.  ^    ^    Fan-li. 
Fan-li  yang-yü  king. 

Das  raustergiltige  Buch  der  Fischzucht.  Von  Fan-li.  l  Buch. 
Fan-li  ist  der  früher  genannte  Reichsgehilfe  des  Königs 
Keu-tsien  von  Yue. 

21.  ^    ^5)    Kin-ynen  schl-lÖ. 

Verzeichnisse  der  Früchte  des  verschlossenen  6ai*tens. 
1  Buch. 

22.  Ying-king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Falken.    1  Buch. 

23.  Tsan-king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Seidenraupen.    1  Buch. 
24   Tsan-king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Seidenraupen.    2  Bücher. 

25.  if^    ^    Siang-pei  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Beobachtung  der  Muscheln. 
1  Buch. 

26.  Wu'heu,  die  Kaiserin  von  dem  Geschlechte  Wu. 
Wu-heu    ^j<      A     tscKno-jin  pen-nie. 

Die  ursprüngliche  Beschäftigung  der  die  Schildkröten- 
schale  brennenden  Menschen.  Von  der  Kaiserin  von  dem 
Geschlechte  Wu.    3  Bücher. 

^^'    3E    3fr    J^    Wang-fang-khing, 

Wang-fang-khing  yuen-ting  thsao-mö  mi. 

Weitere  Erklärungen  der  Pflanzen  und  Bäume  der  Gärten 

und  Vorhöfe.    Von  Wang-fang-khing.    21   Bücher. 

28.  J^    ß^    SUn-schi,  das  Geschlecht  Sün. 
Sun-schi  thsien-kin  yue-ling. 

Die  Gebote  der  Monate  in  Bezug  auf  tausend  Pfunde 
Goldes.    Von  dem  Geschlechte  Sün.    3  Bücher.  - 

Das   Geschlecht  Sün    i^t    ^    ^    ^    Sün-sse-mö. 

29.  ^    1^    Jg[^    Li-tschün-fung, 
Li'iBchün-ftmg  yen  (hsi-jin  yao-schÖ. 

Die  erweiterte  noth wendige  Kunst  der  Menschen  von  Thsi. 

Von  Li-tschün-fung. 

Die  Zahl  der  Bücher  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 
Li-tschün-fung  ist  in  dem  Buche  der  Thang  (Buch  129) 
Gegenstand  eines  besonderen  Abschnittes. 

Siteangsber.  d.  phil.-hist.  Cl.  XCIII.  Rd.  I.  Hft.  11 


162  Pfizmaiar. 

30.    ^    Ä    Li-yung. 

Li-yung  kin-kö  yuen-ku 

Verzeichnungen  des  Gartens   des  goldenen  Tbales.    Von 

Li-yung.    1  Buch. 

^^*    1^    ^    Si^'tetig, 
SiS-teng  sse-schi  ki, 

Verzeichnungen  von  den  vier  Jahreszeiten.  Von  Si^teng. 
20  Bücher. 

32.  ^    '^    PeirtscKing. 
Pei'tacKing  sching-yü  yne-ling. 

Die  Gebote  der  Monate  in  Bezug   auf  das  Besteigen  der 

Sänfte.    Von  Pei-tsch'ing.    12  Böcher. 

Der  Vorsteher  der  Beschäftigung  der  Söhne  des 
Reiches  legte  dieses  Werk  im  eilften  Jahre  des  Zeit- 
raumes Tsching-yuen  (786  n.  Chr.)  dem  Kaiser  vor. 

33.  3E    ?Ü    Wang-yat. 
Wang-yai  yne-ling  thu. 

Abbildungen    der   Gebote    der   Monate.     Von   Wang-yai. 
1  Achse  (Gemäldestift). 

34.  ^    jj^  Li-tschö. 

Li'tschÖ  ^^    |ll    thsin-tschnng  sui-schi  ki. 
Verzeichnungen  von  den  Zeiten  des  Jahres  in  Thsin.  Vou 
Li-tschö.    1  Buch. 

35.  ^    ^    5^    Wei-hang-kkuei. 
Wei-hang-kkuei  pao-aeng  yue-lö, 

Vei*zeichnisse  von  den  Monaten  zur  Bewahrung  des  Lebens. 
Von  Wei-hang-khuei.    1  Buch, 

36.  ^    ^    Han-ngö. 
Han-ngÖ  sse-schi  thsuan-yao. 

•         Das  gesammelte  Erforderliche  der  vier  Jahreszeiten.  Von 
Han-ngö.    5  Bücher. 

37*    ^    ^    j£    JH    Sut'hoa  kl'lL 

Darlegung  und  Hinzugabe  der  Blumen  des  Jahres.  2  Bücher. 


ChinesiBche  Schriftwerke  dee  7.  und  8.  J^tfarhunderU  n.  Chr.  163 


Werke  des  kleinen  Sprechens. 

1.  ^    ^    ^    Yen-tan-tse, 
Tan-tse  von  Yen.    1  Buch. 

Tan-tse  ist  Tan,  der  zur  Nachfolge  bestimmte  Sohn 
des  Königs  von  Yen. 

^'   ^    $ß    1^    Han-tan-Uchün. 
Han-tan-tschün  siao-lin. 
Der  Wald  des  Lachens.  Von  Tschün  von  Han-tan.  3  Bücher. 

3.  ^    £1    TscVang-hoa, 
TscVang-hoa  pÖ-we  tschi. 

Denkwürdigkeiten  von  vielseitigen  Dingen.  Von  Tsch'ang- 
hoa.    10  Bücher. 

4.  TscKang-hoa  liS-i  tschiten. 

üeberlieferungen  von  merkwürdigen  Dingen.  Von  Tsch'ang- 
hoa.    1  Buch. 

5.  9    S^    Kia-thsiuen. 
Kia-thsiuen  tschü    ^    -5^    kÖ-fse. 

Erklärungen  Kö-tse's.    Von  Kia-thsiuen.    3  Bücher. 
Kö-tse  ist    fP    *^    :;2r    Kö-tsch'ing-tschi. 

6.  ^    ^&    ^^    Lieu'i'khing. 
LieU'i'khing  schi- sehne. 

Das  Sprechen  des  Zeitalters.  Von  Lieu-I-khing.  8  Bücher. 

7.  LieU'i'khing  siao-achue. 

Kleines  Sprechen.    Von  Lieu-I-khing.    10  Bücher. 

8.  ^    ^^    }^    Lieu-hiaO'piao. 
Lie\i'hiao-piao  tu  schi-schtte, 

Fortsetzung  des  Sprechens  des  Zeitalters.  Von  Lieu-hiao- 
piao.    10  Bücher. 

9.  15    ^    Yin-yün. 
Yin-yün  siao-schvi. 

Kleines  Sprechen.    Von  Yin-yün.    10  Bücher. 

10.  ^    ^    ^    LieU'thsi'ScM. 
lÄeU'ihsi''8chi  8Ö-yü, 

Die  Worte   des  gemeinen    Lebens.     Von    Lieu-thsi-schl. 
8  Bücher. 

u» 


164  PfUmaier. 


11.  m    "^    SiaO'fen. 
tyiao-fen  pien-lin. 

Der  Wald  der  Unterscheidungen,  Von  Siao-fen.  20  Bücher. 

12.  ^1    ^    :^    Lieu'hiuen-thdeti, 
Lieu-hiuen-thsieu  hiao-king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Kindlichkeit.  Von  Lieu-hiueo- 
thsieu.    1  Buch. 

^^-  J^  7C  Ä  Y^-y^^-^^i- 

Yü-yueti'Wei    ^    ^    H^    tso-yeii-fang. 

Die   Seite    zur   Rechten    des    Sitzes.     Von    Yü-yuen-wei. 

3  Bücher. 

14-    ^     Ö    W    Hett-pe-Mt. 
Hen-pe-khi    fi^    yen-lÖ. 

Verzeichnisse    des    Gesichtsausdrucks.     Von    Heu-pe-khi. 
10  Bücher. 

15.  Tsä-yü, 

Vermischte  Worte.    5  Bücher. 

16.  ^^    jjf^    ^^    Tai'tsO'khicfiu 
Ta i'  tso'khien  i-tschuen . 

Merkwürdige     üeberlieferungen.      Von     Tai  -  tso  -  khien. 
3  Bücher. 

^^*    ^i    3E    ^    Yuen-wang-8cheu. 
Yuen-wang-scheu  ku-i-tschuen, 

Üeberlieferungen   von  Merkwürdigkeiten   des  Alterthums. 
Von  Yuen-wang-scheu.    3  Bücher. 

18.  jj^    ^     ^    TsU'tschung-tscJii, 
Tsu'tschung-tschi  i-ki, 

Verzeichnungen  des  Merkwürdigen.  Von  Tsu-tschung-tschi. 
10  Bücher. 

19.  ^    ^    Yü-pao. 
Yü-pao  sev-schm  ki. 

Die  Verzeichnungen  des  Suchens  der  Götter.  Von  Yü-pao. 
30  Bücher. 

20.  ^H    ^    ^    Lieu'tschi-yin  schin-lo, 

Verzeichnisse  von  Göttern.  Von  Lieu-tschi-lin.  5  Bücher. 

21.  Liang  yuen-tij  Kaiser  Yuen  von  Liang. 
Liang-yuen-ti    'jßf    ngen-schin  ki. 

Verzeichnungen  von  guten  Göttern.  Von  dem  Kaiser  Yuen 
von  Liang.    10  Bücher. 


Chinesische  Schriftwerke  des  7.  and  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  165 

^^-   iB.     1^     ^     TsU'thai'fschK 
TsU'thai'tschi  fschi-kuai. 

Die  Wunder  der  Denkwürdigkeiten.    Von  Tsu-thai-tschi. 
4  Bücher. 

23.  iJL    Ä    Khung-schij  das  Geschlecht  Khung. 
Khung-scht  tschi-kuai. 

Die  Wunder  der  Denkwürdigkeiten.  Von  dem  Geschlechte 
Khung.    4  Bücher, 

24.  J^    ß^    Siünschi,  das  Geschlecht  Sün. 
SUn-schi  ling-kuei  tschi. 

Denkwürdigkeiten   von   geistigen  Dingen   und  Dämonen. 
Von  dem  Geschlechte  Sün.    3  Bücher. 

25.  1^    ^    Sie-schif  das  Geschlecht  Sie. 
Sie-schi  kuei-schin  Ke-tschuen. 

üeberlieferungen  von  Dämonen  und  Göttern.     Von   dem 
Geschlechte  Sie.    2  Bücher. 

^     ^^     ^^    Lieu-t-fcAi?}^. 

IdeU'i-hhing  yen-ming  lÖ. 

Verzeichnisse  des  Dunklen  und  Hellen.  Von  Lieu-I-khing. 

30  Bücher. 


27.  TtiTig-yang    ^    £^    um-i, 

Tung-yang  wu-i    wt    gg    thsi-ktai  ki. 

Verzeichnungen    von    Wundern    der    Denkwürdigkeiten. 

Von  Wu-I  von  Tung-yang.  7  Bücher. 

28.  ^    ^    U-kiün, 
U'kiün  tu  thsi-kiai  ki. 

Die  fortgesetzten  Verzeichnungen  von  Wundern  der  Denk- 
würdigkeiten.   Von  U-kiün.    1  Buch. 

29.  ^    j^    ^&    Wang-yen-sieu. 
Wang-yen-steu   J^    J|^    kan-ying  tschuen, 
Üeberlieferungen    von  Anregung   und  Entsprechen.     Von 
Wang-yen-sieu.    8  Bücher. 

30.  m    H    Lö-ko. 
Lo-ko  hi-ying-hien. 

Zusammenhängende   Entsprechungen   und    Bestätigungen. 
Von  L^-ko.    1  Buch. 


166  Pfismaier. 

31.  3E    JJ^    Wang-yen, 
Wang-yen  ming-tsiang  Id, 

Verzeichnungen  von  dunklen  Glückszeichen.  Von  Wang- 
yen.   10  Bücher. 

32.  3E    ^    MÜ    Wang-man-ying, 
Wang-man-ying  iü  ming-tsiang  kL 

Fortgesetzte  Verzeichnungen  der  dunklen  Qlückszeichen. 
Von  Wang-man-ying.    11  Bücher. 

33.  ^    }^    Lieu-yung. 
Lieu-yung    ^^    ^    yin-ko  Id. 

Verzeichnungen  von  der  Vergeltung  früherer  Thaten.  Von 
Lieu-yung.    10  Bücher. 

34.  ]|^    ^    3|j||    Yen-tschi-tui, 
Yen-t8chi'tui  -^    gj^    yeu-lioen  tschi. 
Denkwürdigkeiten  von  Ueberweisung  der  Seele.  Von  Yen- 
tschi-tui.    3  Bücher. 

35.  Yen-tschi-tm  tsi  ling-Jd. 

Gesammelte  Verzeichnungen    des    Geistigen.     Von  Yen- 
tschi-tui.    10  Bücher. 


36.    ^    ^    Tsch'tng-ymg  tsi. 

Sammlung  der  deutlichen  Entsprechungen.    2  Bücher. 

3^-    "01    ^    ^    Heu-kiün-su. 

Heu-hiün-su   jj^    ^8    sing-i  kL 

Verzeichnungen  der  bekundeten  Merkwürdigkeiten.   Von 

Heu-kiün-su.    15  Bücher. 

38-  ^  {^  Thang-lin. 
Thang-lin  ming-pao. 
Die   dunklen   Vergeltungen.    Von   Thang-lin.    2  Bücher. 

39.  ^    ^   Li-jü. 
Li-jü  kiai'tse  schi-i. 

Das  Auflesen  des  Hinterlassenen  in  Bezug  auf  die  Er- 
mahnung der  Söhne.    Von  Li-jü.    4  Bücher. 

40.  Khai-yuen  yü-tst  kiai-tae  »chu. 

Die  kaiserliche  Sammlung  der  Schriften  der  Ermahnung  der 
Söhne  aus  dem  Zeiträume  Khai-yuen  (713  bis  741  n.  Chr.;. 
1  Buch. 


ChinesiBche  Schriftwerke  des  7.  nnd  S.  JahrliiiDderts  n.  Chr.  167 


^^'    3E    ^    ^2    Wang-fang-khing. 

Wang-fang-khing    ^    ß^    wang-schi  schin-thung  ki. 
Die   Verzeichnungen   des  göttlichen   Verkehres   des   Ge- 
schlechtes Wang.    Von  Wang-fang-khing.    10  Bücher. 

42.   IK    >(r    m    Ti'jin-khÜ. 
Ti-jin-khiS  kia-fan. 
Die  Muster  des  Hauses.    Von  Tl-jin-khiö.    1  Buch. 

^^'    J®     4^    iM-&Mnj. 
Lu-kung  kia-fan. 
Die  Muster  des  Hauses.    Von  Lu-kung.    1  Buch. 

Lu-kung  ist   j|^    ^    Lu-tsiuen,    ein  Gelehrter   aus 
den  Zeiten  der  Thang. 
44.   jH^    '^    pb    Su-hoai-t8chung. 
Su'hoai-tschung  khiU  kuei'-king. 

Der   Schildkrötenspiegel   der   Thürangeln.    Von   Su-hoai- 
tschung.    1  Buch. 

^^-   i^    yt    M    Yo^o-yurn-thsung. 

Yao-yuen-tJisung  lÖ-kiaü 

Die  sechs  Ermahnungen.   Von  Yao-yuen-thsung.   1  Buch. 
46.   ^    j^   Sse-schi. 

Die  Anfange  der  Dinge.    3  Bücher. 

^'-   Sl    ^    LieU'jui. 
Lieu-jtii  tu  sse-schi, 

Fortsetzungen    der    Anfänge    der   Dinge.     Von    Lieu-jui. 
3  Bücher. 

^-    ^    If    "5^    I-rigan-Ue. 
Yuen-ke  i-ngan-tse. 
I-ngan-tse  in  der  ursprünglichen  Knüpfung.    1  Buch. 

Tschao-tse-mien  ying  hoa-kiuen  yü. 

Das  Entgegenziehen   in   der  Sänfte   der  Macht   der  Um- 
gestaltungen.   Von  Tschao-tse-mien.    6  Bücher. 

^'   M    tR    "^    'J^f^ung-tceintse. 
Thnng-toei-tse  schl-we  tschi. 

Denkwürdigkeiten  von  zehn  Sachen.  Von  Thung-wei-tse. 
1  Buch. 

51.    ^    (A^+i^)    ü-yün. 
U-yün  Hang  tkung-schu. 
Die  beiden  übereinstimmenden  Bücher.  Von  U-yün.  1  Buch. 


Ibo  Pfizmaier. 


52.  ^    y§  Li-feM, 

Li'feu    J^    ^^    tlisieii-wn. 

Die  Irrthümer  der  Einzeichnungen.  Von  Li-feu.  2  Bücher. 

53.  ^5    E     ^    Li-khuang-wen. 
Li' khtia ng-wen  thse-  hia . 

Die  Verwendung  der  Muse.  Von  Li-khuang-wen.  3  Bücher. 

54.  ^    ^    ^    Tschi^kö-tse. 
Tscki'kÖ'tse  taä-lÖ  tschii-kiai. 

Erklärungen  und  Auslegungen  vermischter  Verzeichnisse. 
Von  Tschl-kö-tse.    5  Bücher. 

Tschl-kö-tse  ist    ^    ^7   Wang-jui. 

^5-  M  fl  ^^-^s'^- 

Su-ngö  yen-i. 

Erweiterte  Bedeutungen.    Von  Su-ngö.    10  Bücher. 

56.  Su-ngö  tu-yang  tsä-pien. 

Vermischte  Hefte  von  Tu-yang.  Von  Su-ngö.  3  Bücher. 
Su-ngö  war  in  dem  Zeiträume  Kuaug-khi  (885  bis 
887  n.  Chr.)  ein  beförderter  Gelehrter. 

57.  ij^    ^    Lieu'schi,   das  Geschlecht  Lieu. 
Lieu-schi  kia-hio  yaa-lö. 

Noth wendige  Verzeichnisse  des  Lernens  des  Hauses.  Von 
dem  Geschlechte  Lieu.    2  Bücher. 

Das  Geschlecht  Lieu  ist  ij^  (f  -f  ^)  Lieu-tsch'ing. 

^^'    J^    3fe    ^    Lw-ii/öngf-ZcÄt. 
Lu-kuang-khi  thsti-khiü  tse. 
Die  erste  Erhebung  der  Söhne.  Von  Lu-kuang-khi.  1  Buch. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  war  Reiehsgehilfe  des 

Kaisers  Tschao-tsung  von  Thang. 

59.  ^    Ipd    ^    Lieu-nä-yen. 
Lieu-na-yen    ßt    gS   pai-kiai  tsl. 

Sammlungen  von  Scherzen.  Von  Lieu-nä-yen.  15  Bücher. 

60.  ^    1^    ^    Tschin-ngao-tschö. 
Tschin-ngachtschÖ  i-ki. 

Verzeichnungen  von  Merkwürdigkeiten.  Von  Tschin-ngao- 

tschö.    1  Buch. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes    lebte    zu   den  Zeiten 
der  Kaiser  Hien-tsung  und  Mö-tsung  von  Thang. 


Chinesische  Schriftwerke  de«  7.  und  K.  Jahrhundert«  d.  Chr.  169 


^^'     ^      ^     S     P^i'^^'^^^' 

Pei-thse-üchi  tu    Ä    tschö  i-IcL 

Fortsetzungen  der  von  Tschö  (Tschin-ngaotschö)  verfassten 
Verzeichnungen  von  Merkwürdigkeiten.  Von  Pei-thse-tschi. 
1  Buch. 


2-  ^    ffi    ^    Sie-yung-jö. 

Sieryung-jö  ist  i-ki. 

Gesammelte  Verzeichnungen  von  Merkwürdigkeiten.  Von 

Siö-yung-jö.    3  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  war  in  dem  Zeiträume 
Tschang-khing  (820  bis  824  n.  Chr.)  stechender  Ver- 
merker von  Kuang- tscheu  (in  Schan-tung). 

•  ^    JJC    Lirfneu 
Li-mei  tsuan  i-ki. 

Zusammengefasste  Verzeichnungen  von  Merkwürdigkeiten. 
Von  Li-mei.    1  Buch. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  in  dem  Zeiträume 

Ta-tschung  (847  bis  859  n.  Chr.). 

ö4.   ^    'yj^    Li'kang, 
Li'kang  thÖ-i  tschi. 

Denkwürdigkeiten  von  einzigen  Merkwürdigkeiten.     Von 
Li-kang.    10  Bücher. 

Kb-schin-tse  pÖ-i  tschi, 

Denkwürdigkeiten  von  vielseitigen  Merkwürdigkeiten.  Von 

Kö-8chin-tse.    3  Bücher. 

^-   iCki    itt    (^  +  ^)    TscKin-jü-yiln. 
Tsch'in-jii'yUn  i-toe  tschi. 

Denkwürdigkeiten  von  merkwürdigen  Dingen.  Von  Tsch^in- 
jü-yün.    3  Bücher. 

67.  Kn-i-ku 

Verzeichnungen    von   Merkwürdigkeiten    des   Alterthuras. 
1  Buch. 

68-  ^   {^+  %)   Lieu-80. 
lÄeu-sö  tschuen-ki. 

Verzeichnungen    der    Ueberlieferungen.      Von    Lieu  -  so. 
3  Bücher. 


liO  Pfizmaier. 

Dieses  Werk  führt  auch  den  Titel  kuS-sse  i-t^uan 
^Zusammenfassungen  der  Merkwürdigkeiten  der  Ge- 
schichtschreiber des  Reichest 

69.  ^    "^   NieU'SÖ. 
Nieu'SÖ  ki-wen. 

Darlegungen  des  Gehörten.    Von  Nieu-sö.    10  Bücher. 

70.  ^    ^    Tschin-hung. 

Tschin-hung  khai-yuen  sching-ping  yuen. 

Die  Quelle  der  Zeiträume  Khai-yuen  (713  bis  741  n.  Chr.) 

und  Sching-ping  (357  bis  361  n.  Chr.).  Von  Tschin-hung. 

1  Buch. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  war  in  dem  Zeiträume 
Tsching-yuen  (784  bis  803  n.  Chr.)  ein  den  GäBten 
vorgesetzter  Leibwächter  für  die  Mitte. 

^^'    S^    IS    TscMang-tsien. 
TscKang-tsien  ling-kuai  ist. 
Sammlungen   reingeistiger  Wunder.     Von  Tsch'ang-tsien. 

2  Bücher. 


72.  ^^    «^    ^S    Lö-tschang-yutn. 
Lö-tschang-yuen  pien-i  tschu 

Denkwürdigkeiten  von  Unterscheidung  des  Zweifelhaften. 
Von  Lö-tschang-yuen.    3  Bücher. 

73.  ^    H    LUfan. 
Li'fan  schu^-tsuan, 

Zusammenfassungen  des  Sprechens.  Von  Li-fan.  4  Bücher. 

74.  ^£    ^^    2p    Tai'SckaO'ping, 
Tai'SchaO'ping  hoan-koen  kL 

Verzeichnungen  von  Zurücksendung  der  Seele.  Von  Tai- 

schao-ping. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  bekleidete  in  dem  Zeit- 
räume Tsching-yuen.(784  bis  803  n.  Chr.)  die  Stelle 
eines  auf  die  höchste  Verkündung  Wartenden. 

75.  ^    j^    ^    Xieu-seng-jiL 
yieu-seng-jü  hiuen-kuai  lÖ, 

Verzeichnisse  der  Wunder  des  Himmelfarben en.  Von  Nieu- 
seng-jü.    10  Bücher. 


Chineflische  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jahrhnnderts  n.  Chr.  171 

76.  ^    ^    ^    Li'fö-yen, 
Li-ß^yen  tu  hiuen-kuai  lÖ, 

Fortsetzung  der  Verzeichnisse  der  Wunder  des  Himmel- 
farbenen.    Von  Li-fö-yen.    5  Bücher. 

77.  ^    ^    Tschin-han. 
Tschin  han  i-tcen  ttü* 

Sammlung  der  Nachrichten  von  Merkwürdigkeiten.    Von 
Tschin-han.    10  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  gegen  das  Ende 

der  Zeiten  der  Thang. 

^^*    $    MI    ti&    Tsching'suuhö. 
Tsching-sui'hÖ  weii-ki. 

Verzeichnungen  des  Gehörten.  Von  Tsching-sui-hö.  1  Buch. 

79.  ^    (A3fr  +  ^)    Tschung-lö. 
Tschung-lÖ  thaienrting* lÖ. 

Verzeichnisse   des   früher  Bestimmten.     Von  Tschung-lÖ. 
1  Buch. 

80.  ^     ^     Uli    Tschao-tae-khin. 
Tschao-tse-kkin  ting-ming  lün, 

Erörterungen  des  bestimmten  Lebenslooses.  Von  Tschao- 

tse-khin.    10  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  war  in  dem  Zeiträume 
Thien-pao  (742  bis  755  n.  Chr.)  Beaufsichtiger  der 
geheimen  Bücher. 

LiiJirtaO'seng  ting-ming  16, 

Verzeichnisse  des  bestimmten  Lebenslooses.  Von  Liü-tao- 

seng.    2  Bücher. 

Liü-tao-seng  lebte  in  dem  Zeiträume  Thai -ho 
(827  bis  835  n.  Chr.).  Er  vermehrte  die  von  Tschao- 
tse-khin  verfassten  Besprechungen. 

82-  Ift  (ffl  +  :^)  H"««-y«- 

Wen-yü  tu  ting-ming  lÖ. 

Fortsetzung  der   Verzeichnisse    des    bestimmten   Lebens- 
looses.   Von  Wen-yü.    1  Buch. 


172  Pfizmaier. 

^^'   "^    i^    W^    Hu-khiü'tan. 

Hu-khiU'tan  pin-lö, 

Verzeichnisse  der  Gäste.  Von  Hu-khiü-tan.  10  Bücher. 
Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  zu  den  Zeiten 
der  Kaiser  Wen-tsung  und  Wu-tsung. 

84.  ^    ^    Wei-siün, 

Wtii'-siiln    ^||    ^    lieu'kung  kia-hoa  lÖ. 

Verzeichniss    der   vortrefflichen  Reden   des   Fürsten  von 

dem  Geschlechte  Lieu.    Von  Wei-siün.    1  Buch. 

Der  Fürst  von  dem  Geschlechte  Lieu  ist  ^  ^  ^ 
Lieu-yü-sl.  Derselbe  ist  in  dem  Buche  der  Thang 
(Buch  93)  Gegenstand  eines  besonderen  Abschnittes. 

85.  Liü-ling  kuan-hia  ki, 

Verzeichnungen  der  Obrigkeiten   und  Untergebenen  von 
Liü-ling.    2  Bücher. 

86.  Jg;    ^    Lu-tse. 
Lu'tse  886-16, 

Verzeichnisse  der  Geschichtschreiber.    Von  Lu-tse. 

Die  Zahl  der  Bücher  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 

87.  Lu'Ue    ^^    S^    yi'88e. 

Die  verborgenen  Geschichtschreiber.  Von  Lu-tse.  3  Bücher. 
Der  Verfasser  dieses  Werkea  lebte  in  dem  Zeiträume 
Ta-tschung  (847  bis  859  n.  Chr.). 

88.  ^    ^    Li-rjin. 

Li-yin  ta-ihang  khi-88€  ki. 

Verzeichnungen   wunderbarer  Dinge   des   grossen  Thang. 

Von  Li-yin.    10  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  in  dem  Zeiträume 

Hien-thung  (860  bis  873  n.  Chr.). 

^^'    Ä    ^    ^    Tschin- 8cha0'thung. 
Tschin-schao-thimg  yeu-ki. 

Verzeichnungen    des   Dunklen.    Von    Tschin-schao-thuog. 
1  Buch. 

90,    ^   ^    Fan-t8cVü. 

Fun-tsch'U  yün-khi  yeu-i. 

B<jrathungen  des  Freundes  des  Wolkenbaches.  Von  Fan- 

Ui<:Vii.    3  Bücher. 


Chinesische  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jahrl^nndert«  n.  Chr.  173 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  in  dem  Zeiträume 
Hien-thung  (860  bis  873  n.  Chr.).  Er  nannte  sich 
den  Menschen  des  Baches  der  fünf  Wolken. 

^^-   ^t    31    1^    Wd-UcKi-khiii. 
Wei'tsch^i'khiü  nan-thsu  sin-wen. 

Neue  Nachrichten    von   dem   südlichen  Thsu.     Von  Wei- 
tsch'i-khiü.    3  Bücher. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  gegen  das  £ndc 

der  Zeiten  der  Thang. 

^^'  S^     @     TsMang-ku, 

TscVarig-ku    ^     pjä    yen-hien  khu-tacVvL 

Das  Trommeln  und  Blasen  des  Dunklen  und  Verborgenen. 

Von  Tsch'ang-ku.    1  Buch. 

93.  ^    ß^    Lteu-schi,   das  Geschlecht  Lieu. 
Lieu^schi  tsa-schve. 

Vermischte  Besprechungen.     Von  dem  Oeschlechte  Lieu. 
1  Buch, 

94.  Kuei-yen  tsttng-tan. 

Oesammelte  Gespräche  des  Zimmtgartens.    1  Buch. 

95.  ti^    ^    Sschu'hiven  lö, 

Verzeichnisse  gepflanzter  Taglilien.    1  Buch. 

96.  Siing-Uchiuing  lö, 

Verzeichnisse  des  Fichten fensters.    1   Buch. 

^'^'   ^    BB    Tschi-fhim  lö. 

Verzeichnisse     der    Felder     der    Unsterblichkeitspflanze. 
1  Buch. 

98.  ^^    S^    «^     YÖ-thsiuen-tse, 
Yö'thsiuen-tse  kien-wen  tschin-lö. 

Wahre  Verzeichnisse  des  Gesehenen  und  Gehörten.   Von 
Yö-thsiuen-tse.    5  Bücher. 

99.  ijl^    jfß^    Lieu-tsianq, 
LieU'tsiang    |^    |^    siang-siao  lö. 

Verzeichnisse  von  den  Flüssen  Siang  und  Siao.  Von  Lieu- 
tsiang.    10  Bücher. 

100.    ^    "yg     jj^    Hoang-fu'snng. 
Hoang-fu'sung  tsui-hiang  je-yuS, 

Die    Tage    und    Monate    des    trunkenen    Bezirkes.     Von 
Hoang-fu-sung.    3  Bücher. 


174  Pfitnaiar. 

101.  'H    S    ^   Ho-tse-jen. 
Ho-tae-jen  siao-lin. 

Der  Wald  des  Lachens.    Von  Ho-tse-jen.    3  Bücher. 

102.  j^    ^    ^    Tsiao-lu-khiung. 
THao-lu'khiung  schin-pi-yuen. 

Der   göttliche   geheime    Garten.    Von    Tsiao  -  lu  -  khiung. 
10  Bücher. 

103.  ^   (^  +  9BJ)  Pet-Ät«<7. 
Pei-hing  tschuen-kki. 

Ueberlieferte  Wunder.   Von  Pei-hing.    3  Bücher. 

104.  ^    fpf    Lteukho. 
Lieu-kko  nieu-yang  je-lu 

Tagekalender  der  Rinder  und  Schafe.  Von  Lieu-kho.  1  Buch. 
Dieses  Werk  wurde  von  dem  früher  vorgekommenen 
Verfassern  Nieu-seng-jü  (Nr.  75)  und  Hoang-fu-sung 
(Nr.  100)  mit  Einleitungen  versehen. 

105.  fi    }bC    jH    Fu-kiang-thsimg. 
Pu-kiang-thsimg  pe-yven  tschuen. 

Ueberlieferungen  von  dem  weissen  Affen.  Von  P'u-khiang- 
thsung.    1  Buch. 

106.  ^    ^    Lö-yü. 
LÖ-yü  tsch'a-king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  Thees.  Von  Lö-yü.  3  Bücher. 

107.  ^    ^    ^    TscVang-yen^sin, 
Tsch^ang-yen-sin  thsien  tsch^a-schui  ku 
Verzeichnungen  von   dem  Sieden  des  Theewassers.     Von 
Tsch'ang-yeu-sin.    1  Buch. 

108.  ^    ^    Fung-yen. 
Fung-yen  tu  thsien^pxi. 

Fortsetzung  der  Register  der  Kupfermünzen.  Von  Fung- 
yen.    1  Buch. 

Das  von  Ku-hoan  verfasste  Werk:  ^Register  der 
Kupfermünzen^  ist  unter  den  Werken  über  Land- 
wirthschaft  (Nr.  11)  verzeichnet  worden. 


ChiDBsische  Schrinwerkn  des  7.  und  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  17o 


Werke  ttber  Sternkunde. 

1.  ^    ffl    Tschao-ying. 
T9chaO'ying  tschil    ^    '^    tsckeu-pi, 

Erklärung  der  sich  drehenden  Hüften.    Von  Tchao-ying. 

1  Buch. 

TscheU'pi  ;die  sich  drehende  Hüfte'  heisst  ein  altes 
Werk  über  Sternkunde.  ^^  Khuei  ,die  Hüften'  ist 
ein  aus  sechzehn  Sternen  bestehendes  Sternbild  des 
westlichen  Himmels.  Dasselbe  hat  die  Gestalt  der 
beiden  Hüften. 

2.  ^    ijm^    Khien-luan. 
Khienluan  tschil  tscheu-pi. 

Erklärung  der  sich  drehenden  Hüften.     Von  Khien-luan. 
1  Buch. 

3.  ^    fK    TscKong-heng. 
TscKang-heng   ^^    ^^    ling-hien  thu. 

Zeichnungen  der  reingeistigen  Vorbilder.    Von  Tsch'ang- 
heng.    1  Buch. 

4.  Tsch'ang-heng    ifi     ^    hoen-tkien  i. 

Die  Weise  des  ganzen  Himmels.  Von  Tscli*ang-heng.  1  Buch. 

^'   3E    S    Wang-fan, 

Wavg-fan  koen-thien  sinng  tschii. 

Erklärung  der  Bilder  des  ganzen  Himmels.     Von  Wang- 
fan.   1  Buch. 

^*   ißL    1S    Bfr    Yao-sin-hm. 
Yao-sin-hin  ihien-liln, 
Erörterungen  über  den  Himmel.  Von  Yao-sin-hin.  1  Buch. 

7.   ^    ß^    Schrl'schi,  das  Geschlecht  Schi. 
Schi'Schi  sing-king  p'u-tsan. 

Das    mustergiltige  Buch   der  Sterne.     Mit  Registern   und 
Lobpreisungen.    Von  dem  Geschlechte  Schi.    1  Buch. 
Das  Geschlecht  Schi  ist    ^    ^    Schl-schin. 

S*  ]^    ^    ^    Yü-ki-ngan. 
YUrhi-^ngan  thien-lün, 
Erörterungen  des  Himmels.   Von  Yü-hi-ngan.    1  Buch. 


176  Pfixnaier. 

y.    "^    ^    Kan-üchi,  das  Oeschlecht  Kan. 

Sse-thsi-fä  ,die  viermal  sieheo  Vorschriften'.  Von  dem  Oe- 

schlechte  Kan.    1  Buch. 

Das  Geschlecht  Kan  ist   "^    ^    Kan-te. 

10.    ^Il    ^    Lieu'piao. 

LieU'piao    ^||    king-tscheu  sing-ischefi. 

Die  Beobachtung:  <ler  Sterne  von  King-tscheu.  Von  Lieu- 

pao.    2  Bücher. 

11-    :^    ^   Z^eti-jiM?. 

Lieu-jui  king-tscheu  sing-tschen. 

Die  Beobachtung  der  Sterne  von  King-tscheu.  Von  Lieu- 
jui.    30  Bücher. 

Thien-wen  tst-tschen. 

Gesammelte     Beobachtungen     aus     der     Himraeiskande. 

3  Bücher. 

13.    jl^    (  B  +  Ifi)    ^    Tm-hoantschu 
Tsii'hoan-tschi  thien-wen  16, 

Verzeichnisse  über  Ilimmelskunde.     Von  Tsu-hoan-tscbi. 
30  Bücher. 

14-    ®    ^    Han-yang. 

Hnn-yang  thien-wen  yao-tsi. 

Sammlungen  des  Nothwendigsten  der  Himmelskunde.  Von 

Han-yang.   40  Bücher. 

15.  "jß^    y^    ^^    Kao-tven-hung. 
Kao-wen-kung  thien-wen  hung-fhn, 

Schräge  Abbildungen  aus  der  Himmelskunde.   Von  Kao- 
wen-hung.    1  Buch. 

16.  ^    ^     U'Wen. 

U'tcen  fhien-wen  fsä-tschen. 

Vermischte  Beobachtungen  aus  der  Himmelskunde.    Von 

U-wen.    1  Buch. 

17.  ^    J^    Tschin-fschÖ. 
Tschin-tschÖ  sae-fang  sing-tschen, 

Beobachtungen  der  Sterne  der  vier  Ge^^enden.  Von  Tschin- 
tschö.    1   Buch. 


Chinofiiflcbe  Sehriftwerlte  des  7.  and  8.  JabrbandertB  n.  Chr.  177 

18.  Tschin-tschÖ  u-sing  tschen. 

Beobachtaogen  der  fünf  Wandelsterne.  Von  Tschin-tschö. 
1  Buch. 

19.  Tkien'-wen  ifü-Uchen. 

Gesammelte     Beobachtungen     aus     der     Hiromelskunde. 
7  Bücher. 

^*  ^    f&    Vti    Sün-seng-hoa, 
Sün-seng-hoa-teng  sing-tschen, 

Beobachtungen  der  Sterne.  Von  Sün-seng-hoa  und  Anderen. 
33  Bücher. 

21.  ^    ^    Sse-thsung. 

Sse-thsung  schl-ni-    jjf^    tse  ni-schupä-sÖ  sing'-tschen. 
Beobachtungen  der  Sterne  der  zwölf  Thierkreisbilder  und  der 
acht  und  zwanzig  Sternbilder.  Von  Sse-thsung.  12  Bücher. 

22.  j^    ^   TJ-    Yü-ki'thsai. 
YUrki'thaai  ling-ihai  pi-yuen. 

Der  geheime  Garten  der  reingeistigen  Erdstiife.  Von  Yü- 
ki-thsai.    120  Bücher. 

^^*   ^k    ^    (^  "^  ^k)   Fung-hang-knei, 
Fujig-hang-kuei  hiuen-kt  nei-sse. 

Die  inneren  Sachen  der  himmelfarbenen  Triebwerke.  Von 
Fung-hang-kuei.    7  Bücher. 

24.  Lün  ni'8chi-pä'8Ö  thu-su, 

Erörterungen  über  die  Zahl  der  Stufen  der  acht  und  zwanzig 
Sternbilder.    1  Buch. 

25.  U'Sing  ping-fä. 

Die  Kriegskunst  der  fünf  Sterne.    1  Buch. 

26.  Hoang-lao  sing-Uchen,  » 
Beobachtung  der  Sterne  des  gelben  Weges  (der  Ecliptik). 

1  Buch. 

27.  Hioo-king-nei  ki-sing  fhu, 

Abbildungen   der  in    dem   Buche    der   Kindlichkeit    ver- 
zeichneten Sterne.    1  Buch. 

28.  ^    ^    j^    Li'Uchiin-fung. 
Li-tschün-fung  acht    ^    'S6    tschett-pi. 

Erklärung  der  sich  drehenden  Hüften.  Von  Li-tschün-fung. 

2  Bücher. 

Ueber  tsdieu-pi  ,die  sich  drehenden  Hüften'  ist  oben 
(Nr.  1)  Einiges  gesagt  worden. 

Sitxaopber.  d.  phil-hist.  Gl.  XGIII.  Bd.  I.  Hft.  12 


178  Pfizmftier. 

29.  Thien-wen-tJichen. 

Beobachtungen  des  Himmelsschmuckes.    1  Buch. 

30.  Ta-siang  yuen-wen. 

Der  ursprüngliche  Schmuck  der  grossen  Bilder.    1  Buch. 

31.  Kkien'kkuen  pi-ngao. 

Die  geheimen  Tiefen  des  Himmels  und  der  Erde.  7  Bücher. 

32.  Fä-siang  tschi, 

Denkwürdigkeiten  von  den  Bildern  der  Vorschrift.  7  Bücher. 

33.  -^    Ig    Wu-mt. 

Wu-mi  ku-kin  thung-tschen-    j^    hing. 

Der  gemeinsame  Spiegel  der  Beobachtung  für  das  Alter- 

thum  und  die  Gegenwart.    Von  Wu-ml.    30  Bücher. 

34.  Ta-thang  khai-yuen  tschen-    ^tR    hing. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Beobachtung  für  den  zu  dem 
grossen  Thang  gehörenden  Zeitraum  Khai-yuen  (713  bis 
741  n.  Chr.).    110  Bücher. 

35.  H;    ^    Tung-ho, 
Tung-ho  thung-khien  liin. 

Durchgängige  Erörterungen  des  Himmels.    Von  Tung-ho. 

15  Bücher. 

Der  Name  Tung-ho's  ist  eigentlich  J^  Schün.  Da 
dieses  der  Name  des  Kaisers  Hien-tsung  war,  ver- 
änderte er  seinen  Namen  zu  5|«p   Ho. 


Werke  Ober  Kalender  and  Rechenkunst. 

1.    ^     1^1    LieU'hiang. 

Lieii'hiang  kieu-tachang  tsckung-tach'a. 

Die  Schwere   und   der  Unterschied  der  neun  Abschnitte. 

Von  Lieu-hiang.    1  Buch. 

"/L  ^t,  Kieu-tschang  ,die  neun  Abschnitte'  ist  so 
viel  als  ^  ^  kieu-kieu  ^neunmal  neun*  ,die 
Rechenkunst^ 

2-   ^    ^   Srn-yö. 

Siü-yÖ  kieu-tschang  saan-schÖ. 

Die    Rechenkunst    der    neun    Abschnitte.     Von    Siü-yö. 

9  Bücher. 


ChinesUcbe  Schriftwerke  des  7.  and  8.  Jahr)iaiid«rts  n.  Chr.  179 

3.  Siü-yÖ  suan-king  yao-yung  pe-fä, 

Handert   Vorschriften    für    den    nothwendigen    Gebrauch 
des  Rechenbuches.    Von  Siü-yö.    1  Buch. 

4.  Su-sehÖ  ki'i, 

Verzeichnung  und  Hinterlassung  der  Kunst  des  Zählens. 
1  Buch. 


^'   8R    Ä    ^    Tsch'ang-khieu-kien. 

Tsch'ang'khieu-kien  sKan-king. 

Das  mustergiltige  Rechenbuch.    Von  Tsch'ang-khieu-kien. 

1  Buch. 

Die  Erklärungen  sind  von  dem  unten  (Nr.  7)  ange- 
führten Khien-luan. 

^-  M  '^  H  fi*«-*e«-y«wj- 

Hia-heu-yang  suan-king. 

Das  mustergiltige  Rechenbuch.  Von  Hia-heu-yang.  1  Buch. 
Die  Erklärungen  sind  von  dem  unten  (Nr.  7)  ange- 
führten Rhien-Iuan. 

7.   ^^    m^   Khiefn-luan, 

Khien-luan  khieu-tschung  suan-king. 

Das   mustergiltige  Buch  der  Rechenkunst    der   neun  Ab- 
schnitte.   Von  Khien-luan.    9  Bücher. 


8.  ^    ^^    ^    Sung-thsiuen-tscki. 
Sung-thsiuen-tschi  kieu-king  schÖ-su, 

Die  weitere  Erklärung  der  Kunst  der  neun  mustergiltigen 
Bücher.    Von  Sung-thsiuen-tschi.    9  Bücher. 

9.  lg)    0    Lieu'hoei. 
Lieu-hoei  hai-thcto  suan-king. 

Das    mustei^iltige   Buch    der   Rechnung    der   Inseln    des 
Meeres.    1  Buch. 

10.  LieU'hoei  kieu-tchang  tschung-tsch'a  thu. 

Abbildungen  der  Wichtigkeit   und  des  Unterschiedes  der 
neun  Abschnitte.    Von  Lieu-hoei.    1  Buch. 

Lieu-yeu  kieu-tschang  tsä-suan  wen. 

Der  Text  vermischter  Rechnung  von  den  neun  Abschnitten. 

Von  Lieu-yeu.    1  Buch. 

12* 


180  Pficmftier. 


^^'    ^    ^    ^    Yin-king-yü. 

Yin-king-yü  thst-hing  suan-schÖ  tliung-i. 

Die  allgemeine  Weise  der  Kunst  der  Rechnung  der  sieben 

mustergiltigen  Bücher.    Von  Yin-king-yü.    7  Bücher. 

13.  ^    ^    Lieu-hin. 

Lieu-hin     ^£    jjß^    6S    san-thung-lu 

Die  Zeitrechnung  der  drei  Leitungen.  Von  Lieu-hin.  1  Bach. 

San-ihung   ,die   drei  Leitungen'   sind  die  Leitungen 

des  Himmels. 

14.  Sse-fen-ti. 

Die  Zeitrechnung  der  vier  Theile.    1  Buch. 

15.  Ttii  han-achu  liÖ-ti  tschi-echÖ. 

Die  Kunst  der  Auslegung  der  Denkwürdigkeiten  der  Zeit- 
rechnung des  Buches  der  Han.    1  Buch. 

16.  ^    ^^    Lieu-hung. 
LieU'hung  khien-siang  tt-schö. 

Die   Kunst   der   Zeitrechnung    der   Bilder   des   Himmels. 
Von  Lieu-hung.    3  Bücher. 

17.  ^    j^    ^   Ho-sching-thien, 
Ho-sching-ihien  s\ing  yuen-kia  U. 

Die    Zeitrechnung    des    Zeitraumes   Ynen-kia    von    Sunc^ 
(424  bis  443  n.  Chr.).  Von  Ho-sching-thien.    2  Bücher. 

Yii-kuang  Hang  fa-thung  U, 

Die  Zeitrechnung    des   Zeitraumes   Ta-thung   von   Liang 

(535  bis  545  n.  Chr.).    Von  Yü-kuang.    1  Buch. 

19.  J^    jf^    4y^    Sün-seng-hoa. 
SUn-seng-hoa  heu-wei  yung-ngan  U, 

Die  Zeitrechnung  des  Zeitraumes  Yung-ngan  der  späteren 
Wei  (528  bis  529  n.  Chr.).    Von  Sün-seng-hoa.    1  Buch. 

20.  ^    H    ^    Li-nie-hing, 
Li-nik-hing  heu-wei  kiä  U. 

Zeitrechnung  des  Jahres  Kiä-tse  (544  n.  Chr.)  der  späteren 
Wei.   Von  Li-ni6-hing.    1  Buch. 

21.  Heu-wei  wu-ting  lt. 

Zeitrechnung    des    Zeitraumes    Wu-ting    (543    bis    549 
n.  Chr.)  der  späteren  Wei.    1  Buch. 


Chinesische  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jahrhunderte  n.  Chr.  181 


/ 


22.  ^    Wr    ä^   Sumj'king-nie. 
Sung-king-nie  pe-thnthien-pao  h, 

Zeitrechnung    des    Zeitraumes    Thien-pao    (5öO   bis    559 
n.  Ghr.)  des  nördlichen  Thsi.   Von  Sung-king-nie.   1  Buch. 

23.  Pe-ihsi  kiä-tae  yuen-li. 

Die  ursprüngliche  Zeitrechnung  des  nördlichen  Thsi  seit 
dem  Jahre  Kiä-thse  (544  n.  Chr.).    1  Buch. 

24.  3£    ^    Wang-tan. 
Wang-tari  tscheu  ta-siang  lt. 

Die  Zeitrechnung   des  Zeitraumes  Ta-siang   von  Tscheu 
(580  bis  581  n.  Chr.).    Von  Wang-tan.    2  Bücher. 

25.  il|    P    Ma-hien. 

Ma-hien  tscheu  kiä-yin  yuen  U. 

Die    ursprüngliche    Zeitrechnung    von    Tscheu    seit    dem 

Jahre  Kiä-yin  (534  n.  Chr.).    Von  Ma-hien:    1  Buch. 

26.  Tscheu  kiä-tse  yuen-ll. 

Die    ursprüngliche    Zeitrechnung    von    Tscheu    seit    dem 
Jahre  Kiä-tse  (544  n.  Chr.).    1  Buch. 

27.  ^    :^    ]^    Lien-hiao-aün, 
Lieu-hiaO'Sün  sui  khai-hoang  fö. 

Die   Zeitrechnung   des   Zeitraumes   Khai-hoang   (581    bis 
600  n.  Chr.)  von  Sui.    Von  Lieu-hiao-sün.    1  Buch. 

28.  ^   ^    ;^  Li'te-Un. 
Li-te-lin  sui  khai-hoang  lt. 

Die   Zeitrechnung    des   Zeitraumes   Khai-hoang   von   Sui 
(581  bis  600  n.  Chr.).    Von  Li-te-lin. '  1  Buch. 
^^'   5ß     &    ^    Tsch'ang-tsch'eu-hiuen. 
TscVang-tscKeu-hiuen  sui  ta-nie  lie. 

Die  Zeitrechnung  des  Zeitraumes  Ta-nie  von  Sui  (605  bis 
616  n.  Chr.).    Von  Tsch'ang-tsch'eu-hiuen.    1  Buch. 

30.  ^    ^    Kiang-schi  ,das  Geschlecht  Kiang'. 
Kiang-schi  ^S  li-schÖ. 

Die  Kunst  des  Kalenders.    3  Bücher. 

31.  ^    j^    Thsui'hao. 
Thsui'hao  U-schÖ, 

Die  Kunst  des  Kalenders.    Von  Thsui-hao.    1  Buch. 

32.  Li-je  ke-hiung. 

Die  glücklichen    und  unglücklichen  Tage  des  Kalenders. 
1  Buch. 


182  Pfizmaier. 

33.    :^    ^    Tschü-sse. 

Tschü'Sse    ^J    ^    /:Ai[-Zet«  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Wasseruhren.  Von  Tschü-sse. 

1  Buch. 

^'    ^    ^   Swngf-Amgf. 
Sung-king  khl-leu  Jdng. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Wasseruhren.    Von  Sung-king 
1  Buch. 

35.  ^    ^    JH^   Li'tschün-fung. 

^    <^    Tscheu-pi  suan-king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Rechnung  der  sich  drehenden 

Hüften.  Von  Li-tschün-fung.    2  Bücher. 

Ein  ähnliches  Werk  Li-tschün-fung's  ist   unter  den 
Werken  über  Sternkunde  (Nr.  28)  vollkommen. 

36.  Li-tschün-fung  tachü  kieu-tschang  sman-achi. 

Die  Erklärung  der  Kunst   der  Rechnung   der  neun  Ab- 
schnitte.   Von  Li-tschün-fung.    9  Bücher. 

37.  Tschü  kieu-tschang-king  yao-liö. 

Kurze  Fassung  der  Erklärung  des  mustergiltigen  Buches 
neun  Abschnitte.    1  Buch. 

38.  Tachü  u-king  suan-schö. 

Erklärung  der  Kunst  der  Rechnung  der  fünf  mustergiltigen 
Bücher.    2  Bücher. 

39.  Tschü   ^    J^    ^^    tsch'ang-khieu'kien  siian-king. 
Erklärung  des  von  Tsch'ang-khieu-kien  verfassten  muster- 
giltigen Rechenbuches.    3  Bücher. 

Das  Werk  Tsch'ang-khieu-kiens's   ist   oben   (Nr.  5) 
verzeichnet  worden. 

40.  Tschü   j^    A    hai'thao  stian-king, 

Erklärung   des   mustergiltigen  Buches  der  Rechnung  der 

Inseln  des  Meeres.    1  Buch. 

Das  hier  erklärte  Werk  ist  früher  (Nr.  9)  verzeich- 
net worden. 

41.  'j^    ^    J;^  Fu-jin-kiün. 
Fu-jin-ktün  ta-thang  meu-yin  ft. 

Kalender  auf  das  Jahr  Meu-yin  (618  n.  Chr.)  des  grossen 
Thang.    Von  Fu-jin-kiün.    1  Buch. 


^  ChifiMiBclie  Schriftwerke  dOH  7.  und  8.  Jithrhanderto  n.  Chr..  183 

42.  Thang  lin-te  It, 

Kalender  auf  den  Zeitraum  Lin-te  (664  bis  665  v.  Chr.) 
von  Thang.    1  Buch. 

43.  Ta^thang  khi-leu  hing. 

Das    mustergiltige   Buch    der   Wasseruhren    des    grossen 
Thang.    1  Buch. 

44.  ^    ^    Wang-pö. 
Wang-pö  thsien-aui  lu 

Kalender  für  tausend  Jahre.    Von  Wang-pö. 

Die  Zahl  der  Bücher  dieses  Werkes  ist  unbekannt. 

45.  1^    — '    ^    Seng-yt'hang. 
Seiig-yi-hang    ^^    ^    li-L 

Berathungen   über   die  Zeitrechnung.    Von  Seng-yl-hang. 
10  Bücher. 

46.  ^    ;^    Lt'thsao. 

Pflanzen  der  Zeitrechnung.    24  Bücher. 

^'^'   SP    Sä    P^'o-ying. 

Pao-ying    ^L    ^    ^'^^^  ^• 

Die  Zeitrechnung  der  fünf  Darlegungen.    Von  Pao-ying. 

40  Bücher. 

48.  Kiefi-tschung  tscking-yuen  li, 

^  Zeitrechnung   der   Zeiträume   Kien-tschung   (780  bis  783 
n.  Chr.)  und  Tsching-yuen  (785  bis  804  n.  Chr.).  2S  Bücher. 

49.  §1^    &   Lung-scheu, 
Lung-scheu  atuin-fä. 

Die    Vorschriften    der   Rechenkunst.     Von    Lung- scheu. 
2  Bücher. 

Der  Verfasser  lebte  in  dem  Zeiträume  Tsching-yuen 

(785  bis  804  n.  Chr.). 

50.  ^    j^    Tschang-khing, 
Tschang-khing  aiiLen-ming  U. 

Die  verbreitete  und  beleuchtete  Zeitrechnung.  Von  Tschang- 
khing.    34  Bücher. 

51.  Tschang-lching  siuen-ming  Vi  yao-liÖ. 

Kurze  Fassung   der   verbreiteten   und    beleuchteten  Zeit- 
rechnung Tschang-khing's.    1  Buch. 


184  Pfizmaier. 


Werke  Qber  Kriegskanst. 

1.  Hoang-ti  wen    ^    ]^   hiuen-niü  fä. 

Die  Weise  der  Befragung  der  himmelfarbenen  Tochter 
(der  Tochter  des  Himmels)  durch  den  gelben  Kaiser. 
3  Bücher. 

2.  Hoang-ti    ^    ^    yung-ping    ^    ^  fä-kiue. 

Die  Weise  des  Gebrauches  der  Waffen  durch  den  gelben 
Kaiser.    1  Buch. 

3.  Thai'kung  yin-meu. 

Die  geheimen  Anschläge  des  grossen  Fürsten.  3  Bücher. 
]^  ^  Thai'kung  ,der  grosse  Fürst'  ist  H  ^ 
Liü-wang. 

4.  Thai-kung  yin-meu  san-scM-lö-    K    yy>^g' 

Sechs  und  dreissig  Anwendungen  der  geheimen  Anschlüsse 
des  grossen  Fürsten.    1  Buch. 

5.  ^    ^    Kin-kuei  ^die  goldene  Kiste^    2  Bücher. 

6.  yb    ^    LÖ-thao  ,die  acht  Köcher*.    6  Bücher.  . 

7.  Wei'WU'ti,  Kaiser  Wu  von  Wei. 
Wei^wU'ti  tschil   ]^    ^    sün-tse. 

Die  Erklärung  Sün-tse's.  Von  Kaiser  Wu  von  Wei.  3  Bucher. 
Sün-tse  ist   ^    ^    Sün-wu. 

8.  Wei'WU'ti  tu  sün-tae  ying-fä. 

Fortgesetzte  Erklärungen  der  Kriegskunst  Sün-tse's.  Von 
dem  Kaiser  Wu  von  Wei.    2  Bücher. 

9.  ^    ^    Meng-schi,  das  Geschlecht  Meng. 
Meng-schi  kiai  sÜn-tse. 

Die  Auslegung  Sün-tse's.  Von  dem  Geschlechte  Meng. 
2  Bücher. 

10.  *^    ^    TscVin-yeu. 
Tsch'in-yeu  tschü  sün-tse. 

Erklärungen  Sün-tse's.    Von  Tsch'in-yeu.   2  Bücher. 

11.  W    y^    KioryL 

Kia-yi  tschü    Ä    -5^    u-tse  ping-fä. 
Die  Erklärung  der  Kriegskunst  U-tse's.  Von  Kia^jL  1  Buch. 
TJ-tse  ist    Ä    ^    U-khi. 


CbinMiflclie  Schriftwerke  dee  7.  und  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  •    185 

12.  ^    ^    -^    U'SÜn-Uey  Sün-tse  von  U. 
ü-sün-tse  san-acki-ni-lui  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  zwei  und  dreissig  Lagerwälle. 
Von  Sün-tse  von  U.    1  Buch. 

13-  ^    -^    i^    U-tse-siü. 
U'tse-siü  ping-fä. 
Die  Kriegskunst  U-tse-siü's.    1  Buch. 

14.  Hoang-sdn-kung  san-liÖ. 

Die  drei  Entwürfe  des  Fürsten  des  gelben  Steines.  3  Bücher. 
Der  Fürst  des  gelben  Steines  wird  in  der  Geschichte 
^    ^    Tsch'ang-liang's  erwähnt. 

15.  J^    ^    Tsch'ing-schi,  das  Geschlecht  Tsch'ing. 
Tsch'ing-schi  san-liö  hiün, 

Belehrung  über  die  drei  Entwürfe.    Von  dem  Geschlechte 
Tsch'ing.    3  Bücher. 

16.  ^    ^    TscVang-liang  hing. 

Das  mustergiltige  Buch  Tsch'ang-liang's.    1  Buch. 

17.  ^    ^    Tsch'ang-schi  thifl^pien. 

Die  sieben  Hefte  des  Geschlechtes  Tsch'ang.  7  Bücher. 
Das  Geschlecht  Tsch'ang  ist  Tsch'ang-Iiang. 

18.  Wei-wen-H,  Kaiser  Wen  von  Wei. 
Wei-wen-ti    ^    ^S   ping-schu  yao-liö. 

Das  Waffenbuch    des   Kaisers  Wen   von  Wei    in   kurzer 
Fassung.    10  Bücher. 

19.  Sung-kaO't^Uj  Kaiser  Kao-tsu  von  Sung. 
Sung-kaO'tsu  ping-fä  yao-UÖ, 

Die  Kriegskunst  des  Kaisers  Kao-tsu  von  Sung  in  kurzer 
Fassung.    1  Buch. 

20.  19    ^    J^  Sse-ma-pieu. 
Sse-ma-pieu  ping-kL 

Verzeichnungen    von   Waffenthaten.     Von    Sse-ma-pieu. 

12  Bücher. 

21.  ^    ^HJIj   Khwig-yen. 
Khung-yen  pvig-lin. 

Der  Wald  der  Waffen.    Von  Khung-yen.    6  Bücher. 

22.  Liang-wu-ti  ping-fä. 

Die  Kriegskunst  des  Kaisers  Wu  von  Liang.    1  Buch. 


18b  Pfixmaier. 

23.  Liang-yuen-tiy  Kaiser  Yuen  vou  Liang. 
Liang-yuen-ti    ^    ^    yÖ-thao. 

Der  Edelsteinköcher  des  Kaisers  Yuen  von  Liang.  10  Bücher. 

24.  ^    ^    Lieu-yeu. 
Lieu-yeu    -^    €§    kin-thao. 

Der  goldene  Köcher.    Von  Lieu-jeu.    10  Bücher. 


25.    m    "ä    Siao'ke, 
SiaO'ke  Idti-hai, 
Das  goldene  Meer.    Von  Siao-ke.    47  Bücher. 

26*    PH^    5^    ;Mf    Tha(hhung-king. 

Tkao-hung-king  tscKin-jin  schui-king. 

Der  Wasserspiegel  der  wahren  Menschen.  Von  Thao-hung- 

king.    10  Bücher. 

27.  U   .Ü    Ngö-king. 

Der  in  der  Hand  gehaltene  Spiegel.    3  Bücher. 

28.  5    pg:    Wang-liÖ. 
Wang-liö    ]^    ;k|(    wu-lin. 

Der  Kriegswald.    Von  Wang-liö.    1  Buch. 

29.  Sui-kaO'tsu  sin-tsiuen  ping-schu. 

Von    Kaiser    Kao-tsu    von    Sui    neu    zusammengestelltes 
Waflfenbuch.    30  Bücher. 

30.  Sin-ping-fä. 

Die  neue  Kriegskunst.    24  Bücher. 

31.  Yung-ping  yao-schÖ. 

Die    kurzgefasste    Kunst    des    Gebrauches    der   WaflFen. 
1  Buch. 

32.  ^    :^    Ping-ki, 

Die  Triebwerke  der  WaflFen.    15  Bücher. 

33.  Ping  tscVün-thsieu, 

Der  Frühling  und  Herbst  der  WaflFen.    1  Buch. 

^-    3S    ifci    ^    Yö-t8ch*ang'king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Edelsteinzelte.    1  Buch. 

35.  Ping-fä  yün-khi    Ij/^     ^     thui-tschen. 

Die   eröffnete   Beobachtung   der  Wolkenluft  der  Kriegs- 
kunst.   1  Buch. 

36.  ^    j^    Li'taing. 
Li'Uing  lö-kiün  king. 

Der  Spiegel  der  sechs  Kriegsheere.  Von  Li-tsing.  3  Bücher. 


ChiDMiscbe  Schriftwerke  des  7.  nnd  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  187 

37.  ^    ^  «Jg^^   Li'tschün-fung, 
Li'tschUn-fung  hiuen-king. 

Der  aufgehängte  Spiegel.    Von  Li-tschün-fung.    10  Bücher. 

38.  ^    {&    Li'tsiuen, 

Li'tsiuen  tschü    J^    -^    sün-tse. 

Die  Erklärung  Sün-tse's.   Von  Li-tsiuen.    2  Bücher. 

39.  th    d^    Ttt-md. 

Die  Erklärung  Sün-tse's.    Von  Tu-mö.    3  Bücher. 

^'   }^    ^    Tschin-kao. 
Tschin-kao  tschü  »ün-tse. 
Die  Erklärung  Sün-tse^s.    Von  Tschin-kao.    1  Buch. 

41.    @    jj^    Kia-lin, 
Kia-lin  tschü  sün-tse. 
Die  Erklärung  Sün-tse's.   Von  Kia-lin.    1  Buch. 

^'^'   ^    m    Sün-kiao. 

Sün-kiao  tschü    Ä    -^    u-tse. 

Die  Erklärung  U-tse's.   Von  Sün-kiao.    1  Buch. 

43.   ^    ilig   Li-Jkiao. 

Li'kiao  kinn-mtu  thsien-kien. 

Der    vordere    Spiegel    der    Kriegslisten.     Von    Li  -  kiao. 

10  Bücher. 

^     ^    ^    U'khing. 

ü-khing  ping-kia  tsching-sse. 

Die   richtigen  Vernjerker   der   Häuser   der  Waffen.     Von 

U-khing.    9  Bücher. 


Werke  über  die  fünf  Gänge. 

^.  ^  U'hang  ,die  fünf  Gänge*  sind  die  fünf  Grund- 
stoffe. Sie  heissen  so,  weil  sie  zwischen  Himmel  und  Erde 
umherziehen  und  niemals  einen  Stillstand  machen. 

iyse-su  tschHn-sse  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  Versenkens  in  die  Gedanken. 

Von  Sse-sit.    1  Buch. 


188  Pfizmaier. 

2.  j^    ^    Tsiaa-schiy  das  Geschlecht  Tsiao. 
Tsiao-scki  tscheu-t/i  lin. 

Der  Wald  der  Verwandlungen  der  Tscheu.  Von  dem 
Geschlechte  Tsiao.    16  Bücher. 

Das  Gesohlecht  Tsiao  ist    ^    ^    Tsiao-kung. 

3.  ^    ^    King-schiy  das  Geschlecht  King. 
King-schi  tscheti-yi  sse-schi  heu. 

Die  Beobachtung  der  vier  Zeiten  der  Verwandlungen  der 
Tscheu.    Von  dem  Geschlechte  King.    2  Bücher. 
Das  Geschlecht  King  ist    ^    ^    King-fang. 

4.  King-schi  tscheu-yi    5Sj  fei  heu. 

Die  Beobachtung  des  Fluges  der  Vorwandlungen  der 
Tscheu.    Von  dem  Geschlechte  King.    6  Bücher. 

5.  Tscheu-yl  hoen-tün. 

Das  Ungeordnete  der  Verwandlungen  der  Tscheu.  4  Bücher. 

6.  Tscheu-yl   ^^    ^K    thsorhua. 

Die  vermischten  Abrisse  der  Verwandlungen  der  Tscheu. 
8  Bücher. 

7.  ^     ^ij    Nie-lä  ,da8    Verkehrte   und  Widersprechende^ 
3  Bücher. 

8.  JQ    ^    Fei-schi  ,des  Geschlecht  Fei'. 
Fei'schi  tscheu-yl    ^    ^|J    nte-lä  (sehen  tlisai-L 

Das  Verkehrte  und  Widersprechende  der  Verwandlungen 
der  Tscheu  in  Bezug  auf  die  Wahrsagung  von  Unglück 
und  Seltsamkeiten.    12  Bücher. 

Das  Geschlecht  Fei  ist    J&    [j|[    Fei-tscKl. 

9.  FeUschi  tscheu-yi  lin. 

Der  Wald  der  Verwandlungen  der  Tseheu.  Von  dem- 
selben Verfasser.    2  Bücher. 

10.    ^    ^    Thsui'schif  das  Geschlecht  Thsui. 
Thsui'scki  tacheu-yt  lin. 

Der  Wald  der  Verwandlungen  der  Tscheu.  Von  dem 
Geschlechte  Thsui.    16  Bücher. 

Das    Geschlecht   Thsui    ist    -^    ^    Thsui- tachuen. 

11-    Mß    ^    Tsching-hiuen. 

Tsching-hiven  tschii  ^  ^  kieu-hmg  ^  ^  hangldii  hing. 
Erklärung  des  mustergiltigen  Buches  der  wandernden 
Würfel  der  neun  Paläste.    Von  Tschang-hiuen.    3  Bücher. 


Chinesische  Schriftwerke  dos  7.  and  8.  Jahrhunderts  n   Chr.  189 


12.  i^    ^   Kuan-ln. 
Knnn-Iu  tschett-yi  lin. 

Der  Wald  der  Verwandlungen  der  Tscheu.    Von  Kuan-lu. 
4  Bücher. 

13.  Kuan-lu    ]^    'fö    niao-tsing    ^     ^    ni^-tsclien. 
Verkehrte    Wahrsagungen    der    Leidenschaft    der  Vögel. 
Von  demselben  Verfasser.    1  Buch. 

14.  ^1^    |jlS|    Tsck'dng-muan. 
Tsch! ang-muan  tscheu-yi  lin. 

Der  Wald  der  Verwandlungen  der  Tscheu.    Von  Tsch'ang- 
muan.    7  Bücher. 

15.  ^    ß^    Hiil'Schi,  das  Geschlecht  Hiü. 
Hiü-schi  tscheu-yt  tsä-t sehen. 

Vermischte  Wahrsagungen  der  Verwandlungen  der  Tscheu. 
Von  dem  Geschlechte  Hiü.    7  Bücher. 

Das  Geschlecht  Hiü  ist   ff    l^   Hiü-siün. 

16.  fp^     j^    Schang-kuang, 
iSchang-kuang  tscheu-yi  tsä-tscken. 

Vermischte  Wahrsagungen  der  Verwandlungen  der  Tscheu. 
Von  Schang-kuang.    8  Bücher. 

17.  ]^    ^     H^«-«cAi,  das  Geschlecht  Wu. 
Wu'Schi  tscheu-yt  tsa-tschen. 

Vermischte  Wahrsagungen  der  Verwandlungen  der  Tscheu. 
Von  dem  Geschlechte  Wu.    8  Bücher. 

^^-   lÄ    'fÖ    H    Wei'pe-yang. 

Wei-pe-yang  tsckeu-yt    ^^     ^    ^^    san-thung-khl. 

Die  zu  Dreien  gleichlautenden  Beglaubigungsmarken  der 

Verwandlungen  der  Tscheu.    Von  Wei-pe-yang.  2  Bücher. 

19.  Wei-pe-yang  tscheu-yt  u-siang-lui. 

Fünf  einander  ähnliche  Dinge  in  den  Verwandlungen  der 
Tscheu.    Von  demselben  Verfasser.    1  Buch. 

20.  :^    ^    Siü-schi. 

Siüschi  tscheu-yi    ^    »fc    schi-tschen. 
Die  Wahrsagung  durch  die  Wahrsagepflanze  in  den  Ver- 
wandlungen   der    Tscheu.     Von    dem    Geschlechte    Siü. 
24  Bücher. 

Das  Geschlecht  Siü  ist   ^    "^    SiU-miao. 


190 


Pfiinaier. 


^^'     ut     ^     ^    Fo-man-yung. 
Fo-mcm-yung  tscheu-yi  Un-lin. 

Der   gesammelte  Wald  der  Verwandlungen   der   Tscheu. 
Von  Fö-man-yung.    12  Bücher. 

22.  ^    ^    Fidschi,  das  Geschlecht  Fö. 
Fudschi  tseheu-yi  M-lin. 

Der   gesammelte  Wald   der  Verwandlungen   der  Tscheu. 
Von  dem  Geschlechte  Fö.    1  Buch. 

23.  3|tt    Ä    Tu^schi,  das  Geschlecht  Tu. 
Tii'Schi  sifi  yt'Un  tschen* 

Wahrsagungen  des  neuen  gesammelten  Waldes  der  Ver- 
wandlungen.   Von  dem  Geschlechte  Tu.    3  Bücher. 

^'^*    ^    3£    Liang-yün, 

Liang-yün  tscheti-yl  tsä-tschen  schi-kiue  wen. 
Beurtheilung  der  Schriften  über  vermischte  Wahrsagungen 
durch    die    Wahraagepflanze   in   den   Verwandlungen   der 
Tscheu.    Von  Liang-yün.    2  Bücher. 

25.  j^    m    Yii^fan. 

Yü-fan  t8cheu-y%  tst-lin    i^    ^    Uö-ti. 

Zeitrechnung  des  gesammelten  Waldes  der  Verwandlungen 

der  Tscheu.    Von  Yü-fan.    1  Buch. 

26.  HJ    ^   Kö-pö. 

KÖ-pÖ  tscheu-yi    ^j^    jj^ji    tkung-Un  Idau 

Auslegung    des    tiefen   Waldes    der   Verwandlungen    der 

Tscheu.    Von  Kö-pö.    3  Bücher. 

27.  Liang-yuen-ti,  Kaiser  Yuen  von  Liang. 
Liang-yuen-ti    ^    ^|    Uen-schan, 

Die  zusammenhängenden  Berge.    Von   dem  Kaiser  Yuen 
von  Liang.    30  Bücher. 

28.  Liang-yuen-ti    *^    jj^    thung-lin. 

Der    tiefe   Wald.     Von    dem  , Kaiser   Yuen    von    Liang. 

3  Bücher. 
^^'    lU    ^    Kö-8chi,  das  Geschlecht  Kö. 

Kö'schi   Ml    j)^   yt-nao. 

Das   Gehirn   der  Verwandlungen.    Von   dem  Geschlechte 

Kö.    1  Buch. 
30.    Tächeu-yt  luUcVing  tacken. 

Die   auf  der   Stelle   vollendeten  Wahrsagungen  der  Ver- 
wandlungen der  Tscheu.    6  Bücher. 


Chinesische  Schriftwerke  des  7.  und  H.  Jahrhunderts  n.  Chr.  191 

31.  ^    Jl^    YUin. 

Der  Wald  der  Verwandlungen.    4  Bücher. 

32.  Tscheu-yi  sin-lin. 

Der  neue  Wald  der  Verwandlungen  der  Tscheu.    1  Buch. 

^^*    "^    ^^    ^    It-Ki^-ft. 

Die  Zeitrechnung  der  Verwandlungen.    1  Buch. 

34.  Tscheu-yt    ||    ^  ß-yÖ  fä. 

Die  Weise   der   Anwendung   von   Arzneien   in   den  Ver- 
wandlungen der  Tscheu.    1  Buch. 

35.  ^    H   #    Yl-san-pi. 

Drei  Vorbereitungen  der  Verwandlungen.    3  Bücher. 

36.  ^    'Hl    Yi'sui. 

Das  Mark  der  Verwandlungen.    1  Buch. 

37.  Tscheu-yi  wen, 

Fragen  über  die  Verwandlungen  der  Tscheu.    10  Bücher. 

38.  Tschev-yt  tsä-thu  $iti. 

Vermischte  Abbildungen  der  Verwandlungen  der  Tscheu. 
Mit  Einleitung.    1  Buch. 

39.  Tscheu-yi  pärkua    it*     ^    teu-nei  thu» 

Abbildungen   der   acht  Abrisse   der  Verwandlungen    der 
Tscheu  in  dem  Inneren  eines  Nössels.    1  Buch. 

40.  Tscheu-yi  nei-kua  schin-schi  /a. 

Die  Weise  der  göttlichen  Wahrsagung  nach  den  inneren 
Abrissen  der  Verwandlungen  der  Tscheu.    2  Bücher. 

41.  Tscheti-'fi  tsä    ^     ^    schi-tschen. 

Die  vermischten  Wahrsagungen   in    den  Verwandlungen 
der  'Tscheu.    4  Bücher. 

42.  -^    ^    Lao'tse    ffgjji    ^   schin-fu  yi. 

Die  Verwandlungen  nach  dem  göttlichen  Abschnittsrohre 
Lao-tse's.    1  Buch. 

43.  Hieuhking    jj^    J^    yuen-schin. 

Die  ursprünglichen  Sternbilder  des  mustergiltigen  Buches 
der  Kindlichkeit.    2  Bücher. 

44.  Tut  yuen-schin    J^    '^    ngo-ming, 

Darlegung  des  entschiedenen  Befehles  der  ursprünglichen 
Sternbilder.    1  Buch. 

45.  Yuen-schin    ;£    tschang. 

Der  Abschnitt  der  ursprünglichen  Sternbilder.    2  Bücher. 


192  Pfizmaicr. 

46.  jr*    J^    Ytten-schin. 

Die  ursprünglichen  Sternbilder,    1  Buch. 

47.  Tfä-ynen-schin    j^    ^    lö-ming. 

Der  Befehl  für  das  Glück  von  Seite  vermischter  ursprüng- 
licher Sternbilder.    2  Bücher. 

48.  ^    ^    Yt'fung. 

Yl'fuftg   J5[^    ^   fung-kiö  yao-hen. 

Die   nothwendige   Beobachtung   der   Ecken   des   Windes. 

Von  Yl-fung.    1  Buch. 

49-    i    ^    Wang-tan. 

Wang-tan  ^^  ^  fung-kiö  ^  'fö  lö-tsing  ^  kine. 
Beurtheilung  der  sechs  Leidenschaften  der  Ecken  des 
Windes.    Von  W^ang-tan.    1  Buch. 

50.  "/(^    ^    Kicv-kung    ^f^    ^&    hang-ki  tl'tsch'ing. 

Die  wandernden  Würfel  der  neun  Paläste  auf  der  Stelle 
zu  Stande  gekommen.    1  Buch. 

51.  1^    ^    LÖ-ming  schu. 

Das  Buch  des  Befehles  ftir  das  Glück.    2  Bücher. 

52.  ^^    ^^    ^^   Lieu'hiao-kting. 

Lievr-hiaO'kung    ^^    ^   fung-kiÖ    &    'fö    niao-fsing. 
Die  Leidenschaft  des  Vogels  für  die  Ecken  des  Windes, 
Von  Lieu-hiao-kung.    2  Bücher. 

53.  ^1^    Ipl    ^  Niao-tsing-tschen. 

Wahrsagungen  der  Leidenschaft  des  Vogels.    1  Buch. 

^*    JSL    Ä    ^^^9'^^' 

Die  Ecken  des  Windes.    10  Bücher. 

55.  Kleu-pin-king  kiai. 

Auslegung  des  mustergiltigen  Buches  der  neun  Classen. 
3  Bücher. 

56.  ^    ^    Teng-tan  king. 

Das  mustei^iltige  Buch  des  Emporsteigens  zu  dem  Erd- 
altare.   1  Buch. 

57.  -^    — '*  Thai-yl    -^    ^    ta-ym    ^    U. 

Die  Zeitrechnung  der  grossen  Wanderung  des  grossen 
Einzigen.    2  Bücher. 

58.  Ta-yeu  thai-yt  ß. 

Die  Zeitrechnung  des  grossen  Einzigen  der  grossen  Wan- 
derung.   1  Blich. 


CbinMisehe  Schriftwerk«  des  7.  und  8.  Jahrhnnderis  n.  Chr.  193 


59.  ^    ^g    YaO'ling  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  leuchtenden  Geistigen.  1  Buch. 

60.  ^    jB^    Thsi'tsching  It, 

Die  Zeitrechnung  der  sieben  Lenkungen.    1  Buch. 

Die  Zeitrechnung  der  sechs  Zeichen  Jin.    1  Buch. 

62.  Tut  ni'ScfiX'Sse-khi  lt. 

Die  Zeitrechnung   der  Darlegung   der  vier   und    zwanzig 
Lüfte.    1  Buch. 

63.  That-yi  ä. 

Die  Zeitrechnung  des  grossen  Einzigen.    1  Buch. 

64.  "^    ^    ThsaO'Schi,  das  Geschlecht  Thsao. 
Tksao-schi  hoang-ti  j\^  jj^  sdn-king  san-scht-lö-   K  y«wgf. 
Sechs    und    dreissig  Anwendungen  des  Musterbuches  des 
gelben   Kaisers.    Von   dem   Geschlechte   Thsao.    1  Buch. 

^*   ^    I^    Hiuen-niü  schi-king  yao-kiuS. 

Kurze  Beurtheilung  des  Musterbuches  der  himmelfarbenen 

Tochter.    1.  Buch. 
66.  1^    ^    Tung-schi,  das  Geschlecht  Tnng. 

Tung-achi    -^    j|||    "M*    ta-lung-scheii  schi-king. 

Das  Musterbuch  des  grossen  Drachenhaiiptes.    Von  dem 

Geschlechte  Tung.    1  Buch. 
^^'   tS    -^    Hoan-kung  schi-king» 

Das  Musterbuch  des  Fürsten  Hoan.    1  Buch. 

68.  -^jl^    ]^    Sung-kiien  schi-king. 

Das  Musterbuch  Sung-kuan*s.    1  Buch. 

69.  -^    -^    LÖ-jin  schi-king  tsä-tschen. 

Vermischte  Wahrsagungen    des   Musterbuches    der   sechs 
Zeichen  Jin.    9  Bücher. 

70.  ^    ,^    Lui-kung  schi-king. 

Das  Musterbuch  des  Donnerfürsten.    1  Buch. 
7L   Hj^    — »    Thai-yx  schi-king. 

Das  Musterbuch  des  grossen  Einzigen.    2  Bücher. 
i2.    Thai-yt  schi-king  tsä-tschen. 

Vermischte  Wahrsagungen  des  Musterbuches  des  grossen 

Einzigen.    10  Bücher. 
73.   Hoang-ti  lung-scheu  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  von  dem  gelben  Kaiser  ver- 

fassten  Drachenhauptes.    2  Bücher. 

8itoaDg>h«r.  d.  phil.-hist.  Ol.  XCIII.  Bd.  I.  Hft.  y^ 


194  Pfiimaior. 


74.    Hoang-ti   ^^    ^E   tn-ling. 

Das  von  dem  gelben  Kaiser  gesammelte  Geistige.  3  Bücher. 

^^-    [jk    Ä    -Ä     Thaisse-kung,    der   grosse    Fürst   der  Ge- 
schiciitschreiber. 
Thai-sse-kung  wan-sui  Vi. 

Zeitrechnung   für   zehntausend  Jahre.    Von   dem   grossen 
Fürsten  der  Geschichte.    1  Buch. 

Der  grosse  Fürst   der  Geschichte   ist    ^     jS|   ^ 

Sse-ma-tan. 

76.    Wan-sui'll    j^    sse. 

Die    Opfer    der    Zeitrechnung    von    zehntausend    Jahren. 
2  Bücher. 

^^'    fi    ^    Jtn-schi,  das  Geschlecht  Jin. 
Jin-schi  thsten-sui  ll-sse. 

Die  Opfer    der  Zeitrechnung   von    tausend  Jahren.     Von 
dem  Geschlechte  Jin.    2  Bücher. 

78.  ^1^    jJH    Tsch'ang-heng. 
Tsch'ang-heng  hoang-ti  fei-niao  lu 

Die  Zeitrechnung  des  fliegenden  Vogels  des  gelben  Kaisers. 
Von  Tsch'ang-heng.    1  Buch. 

79.  Thai-yl  fei-niao  It, 

Die    Zeitrechnung    des    fliegenden    Vogels    des    grossen 
Einzigen.    1  Buch. 

80.  Thai-yl  kien-kung  tsä-t sehen. 

Vermischte  Wahrsagungen  der  neun  Paläste   des   grossen 
Einzigen.    10  Bücher. 

81*    JU    ^    Kien-kung  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  neun  Paläste.    3  Bücher. 

82.  Öt    fl&    Kan-yä  ll  tschiL 

Die  Erklärung  der  Zeitrechnung  von  Himmel  und  Erde. 
2  Bücher. 

83.  Jg^    j^     Yin-schao. 

Yin-schao  lioang-ti   ÜH    |£    sse-slil  hin-yü. 

Himmel    und    Erde   in    den   vier  Ordnungen    des  gelben 

Kaisers.    Von  Yin-schao.    1  Buch. 

8^-    ^    fP    Thi'tsie  kcm-yü. 

Himmel  und  Erde  iu  der  Gliederung  der  Erde.    2  Bücher. 


Chinesische  Schrifiworko  das  7.  und  8.  Jahrhunderte  n.  Chr.  195 

85.  ^    -^    ^    U-tse-siü. 

ü'tse-sia    |§     ^    tün-kiä  wen. 

Die  Schrift  der  Entweichung  vor  dem  (ersten  cyclischen) 

Zeichen  Kiä.    Von  ü-tse-siü.    1  Buch. 

86-   ^   135   ^  Äin-<u./an(7. 

Sin-tufang   |Bt     K    tiln-kiä  hing. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Entweichung  vor  dem  Zeichen 

Kiä.    2  Bücher. 

87.  ^    ^   Kö-hing. 

KÖ-kung    ^^    y^    san-yuen  tUn-kiä  thu. 

Abbildung  der  Entweichung  vor  den  drei  ursprünglichen 

Zeichen  Ki&.    Von  Kö-hung.    3  Bücher. 

88.  1^    gj5f    Hiü^fang. 
Hiü-fang  san-yuen  tiln-kiä. 

Die  Entweichung   vor   den    drei    ursprünglichen   Zeichen 
Kiä.    Von  Hiü-fang.    6  Bücher. 

89.  5|tt    f\l    Tu'Uchung, 
Tu'tachung  san-yuen  tün-Jdä. 

Die  Entweichung   vor    den    drei   ursprünglichen   Zeichen 
Kiä.    Von  Tu-tschung.    1  Buch. 

90.  Ä    ^    Ying-schi,  das  Geschlecht  Ying. 
Ying-schi  tün-kiä    Wä     lj[j    khi-schan  thu. 

Abbildung  der  vor  dem  Zeichen  Kiä  entweichenden  Eröffnung 
des  Berges.    Von  dem  Geschlechte  Ying.    2  Bücher. 

91.  Tün-kiä  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Entweichung  vor  dem  Zeichen 
Kiä.    10  Bücher. 

92.  Tün^kiä  nang-ischung  king. 

Das  in  dem  Sacke  enthaltene  mustergiltige  Buch  der  Ent- 
weichung vor  dem  Zeichen  Kiä.    1  Buch. 

93.  Tün-kiä    Ij^    ^    thui-yao. 

Darlegung  des  Nothwendigen   der  Entweichung  vor  dem 
Zeichen  Kiä.    1  Buch. 

94.  Tün-kiä  fj^   ^  pi-yao. 

Die  geheimen   Erfordernisse   der   Entweichung   vor   dem 
Zeichen  Kiä.    1  Buch. 

95.  Tün-kiä  kieu-sing  lt. 

Zeitrechnung  der  neun  Sterne  der  Entweichung  vor  dem 
Zeichen  Kiä.    1  Buch. 

13* 


196  Pfizinti«r. 


96.  Tün-kiä   TS    — »    wanyl    ^    Idu^, 

Eine  Beurtkeilung  der  Eutw^ichung  vor  dem  Zeichen  Eiä 
wie  Zehntausend  zu  Eins.    3  Bücher. 

97.  San-yuen  tün-klä  li-tscKing  tku. 

Eine   auf  der  Stelle  zu  Stande  gebrachte  Abbildung  der 
drei  ursprünglichen  Entweichungen  vor  dem  Zeichen  Eiä. 

2  Bücher. 

98.  Tün-Idä  ll-tsch'tug  fä. 

Die  Weise,   die   Entweichung  vor   dem  Zeichen  Kiä  auf 
der  Stelle  zu  Staude  zu  bringen.    3  Bücher. 

99.  Tün-kiä  kieu'kung  pä-men  thu. 

Abbildung   der  Entweichung  vor  dem  Zeichen  Kiä,  von 
den  neun  Palästen  und  von  den  neun  Thoren.   1  Buch. 

100.  Tun- kiä    ^    ^    san-khL 

Die  drei  Wunder  der  Entweichung  vor  dem  Zeichen  Kia. 

3  Bücher. 

101.  H    Yang-tün-klä. 

Die  zu  dem  Yang  gehörende  Entweichuug  vor  dem  Zeichen 
Eiä.    9  Bücher. 

102.  ^    Yrntün-kiä. 

Die  zu  dem  Yin  gehörende  Entweichung  vor  dem  Zeichen 
Kiä.    9  Bücher. 

103.  ^    jj^    Tsang-king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Bestattung.    2  Bücher. 

104.  ^    ^^    Tsang-scku    jüj^    J^    thl-ml  king. 

Das  Buch  der  Bestattung  und  das  mustergiltige  Buch  der 
Adern  der  Erde.    1  Buch. 

105.  ^^    ^^    Mu'Schu  u-yiiu 

Die  fünf  Verborgenheiten  des  Buches  der  Gräber.   1  Buch. 

106.  Tsä-mu  thu. 

Vermischte  Abbildungen  von  Gräbern.    1  Buch. 

107.  ^    i|^    Tschen^teng  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Wahrsagung  aus  der  Lampe. 
1  Buch. 

108.  Torihang  thi-li  king. 

Das    erdbeschreibende    mustergiltige    Buch    des    grossen 
Thang.    10  Bücher. 

Dieses  Werk  wurde  in  dem  Zeiträume  Tsching-kuan 

(627  bis  649  n.  Chr.)  vorgelegt. 


Chineriselia  Schriftwerlce  des  7.  tmd  8.  Jahrlmndert«  n.  Chr.  197 

109.  Ping-ho  lÖ-mwg, 

Der  Befehl    für    das    Glück    von   Seite    der    vereinigten 
FIüBse.    2  Bücher. 

110.  %   Jl^    ^    Sün-seng-hoa. 
Sün-seng-hoa  lÖ-kiä  khai-thien  ß. 

Die  den  Himmel  eröffnende  Zeitrechnung  der  sechs  Zeichen 
Kiä.   Von  Sün-seng-hoa.    1  Buch. 

111.  J    3g^    Wang^tan. 

Wang-tan  thtii  tschan-fu  ho-schi  tschan-fä, 

Darlegung  der  Weise,  um  welche  Zeit  gebärende  Weiber 

gebären.    Von  Wang-tan.    1  Buch. 

112.  Hoen-kia-schu. 

Das  Buch  der  Heiraten.    2  Bücher. 
^^^'  />    "i    Lö-jin  taX-fei  king. 

Das  mustergiltige  Buch    der   unrechten  Wahl    der  sechs 
Zeichen  Jin.    6  Bücher. 

114.  Ling-pao  teng  thu. 

Abbildung  der  Ersteigung  von  Ling-pao.    1  Buch. 

115.  ^    dfc    Liang-tachü,  der  Vorgesetzte  von  Liang. 
Idang-tschü    Ä    yitig  kvang-ming  fu. 

Das  glänzende  und  helle  Abschnittsrohr  der  Ehre.     Von 
dem  Vorgesetzten  von  Liang.    12  Bücher. 

116.  Hoang-ti   ^h    schi-yung  tschang-yang  king. 

Das  von  dem  gelben  Kaiser  als  Muster  gebrauchte  muster- 
giltige  Buch  des  beständigen  Yang.    1  Buch. 

117.  Hoang-ti  kiang-kiAe, 

Die  sich  unterwerfenden  Reiche  des  gelben  Kaisers.  1  Buch. 

118.  Hoang-ti    i\^    f^    teu-lt. 

Die  Zeitrechnung   des   gelben  Kaisers   nach    dem    Nössel 
des  Nordens.    1  Buch. 

119.  Khiü  pe-sse  yao-liö. 

Die  kurzen  Erfordernisse,    hundert  Dinge   ins  Werk   zu 
setzen.    1  Buch. 

äi    ^    Tün-kiä  kien-kung  pä-men  thu, 
Abbildungen  der  Entweichung  vor  dem  Zeichen  Kiä,  der 
neun  Paläste  und  der  acht  Thore.    1  Buch. 
1-1.  Tün-kiä  san-yuen  kien-kiä  tt-tsch^ing. 

Die  Entweichung  vor  dem  Zeichen  Kiä,    drei  Ursprünge 
und  neun  Kiä  auf  der  Stelle  vollendet.    1  Buch. 


198  Pfiimaier. 

122.  ^    ^    Pe-acht  thu. 

Die  Abbilduug  des  weissen  Sumpfes. 

123.  Wu'Wang  siü-yü. 

Die  kurzen  Augenblicke  des  Königs  Wu.    2  Bücher. 

124.  gjß    ^    Sse-kuang. 
Sae-kuang  tachen-schu. 

Das  Buch  der  Wahrsagungen.    Von  Sse-kuang.    1  Buch. 

125.  M    ':^    M    Tnng-fang^sÖ. 
Tung-fang-sÖ  tschen-achu. 

Das  Buch  der  Wahrsagungen.  Von  Tung-fang-sö.  1  Buch. 

126.  Hoai-naU'Wang,  der  König  von  Hoai-nan. 
Hoai-nan-xcang  wan-pi  achÖ. 

Die  Kunst  der  zehntausend  Vollendungen.  Von  dem  Könige 
von  Hoai-nan.    1  Buch. 

127.  H    ^    Yö'tacJuin, 
YÖ-tachan  achin-khiü  ling-hä. 

Die  göttlichen  Thürangeln,    die   geistigen  Wagenachsen. 
Von  Yö-tschan.    10  Bücher. 

128.  M)    ^    ^    Lieu-tschan-aitin. 
Lieu-tachan-aiiln  kiuei-king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Schildkröte.  Von  Lieu-tschan- 
siün.    3  Bücher. 

129.  #P    10:    ^    Lieu-acM-lung. 
Lieu-achi'lung  kuei-king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Schildkröte.     Von  Lieu-schi- 

lung.    3  Bücher. 

130.  ^    9    'Si    Lieu-pao-tackin. 
Lieu-pao-tachin  kuei-king» 

Das  mustergiltige  Buch  der  Schildkröte.     Von  Lieu-pao- 
tschin.    1  Buch. 

131.  3E    3^    iS    W^«wff-ÄMnflf-K. 
Wang-hung-li  kuei-klng. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Schildkröte.  Von  Wang-hung- 
li.    1  Buch. 
];J2.    #    ^    ^    Tachnang-too-ming. 
Tachunug-lao-ming  kuei-ki. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Schildkröte.   Von  Tschuang- 
tao-ming.    1  Buch. 


Chinesi'tche  Schriftwerke  des  7.  nml  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  199 

133.  ag     '^    SiaO'ke, 
Siao-ke  ti-hang  ki, 

Verzeichnungen  der  fünf  Grundstoffe.  Von  Siao-ke.  5  Bücher. 

134.  Siao-ke    ^    jjg^    u-sing    -:f.    tsck^i  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Wahl  der  fünf  Geschlechts- 
namen.   Von  Siao-ke.    20  Bücher. 

135.  ^    J^    Wang-tsan, 
Wang-tsan  sin-tsiuen  yin-yang  schu. 

Das  neu  zusammengestellte  Buch  des  Yin  und  Yang.  Von 
Wang-tsan.    30  Bücher. 

136.  p^     J^    -^    Thsing-u-tse, 

Ein  von  Thsing-U-tse  verfasstes  Werk.    3  Bücher. 
^^7-   Ü^    j^    Tsang-king. 

Das  mustergiltige  Bucli  der  Bestattung.    8  Bücher. 

138.  Dasselbe  Werk  in  10  Büchern. 

139.  ^    ^    Mu'thu  li'tsch'ing. 

Auf  der  Stelle  vollendete  Abbildungen  von  Gräbern.  1  Buch. 
^^^-    fP    ]^    Kö-scUy  das  Geschlecht  Ko. 

KÖ'Schi    jBl    ji|4    ^J    u-sing-mu  thu  yao-kiue. 

Kurze  Beurtheilungen    der  Abbildungen   der  Gräber   der 

fünf  Geschlechter.   Von  dem  Geschlechte  Kö.    5  Bücher. 

141.  Jg     ^     Tan-tschung    >^     p   fö-schi. 

Die  zu  Boden  liegenden  Leichname  in  den  Erdaltären. 
1  Buch. 

142.  -^    j^   Hu-kiün. 

Hu-kiiln  hiueii-niü  ffiS  tan  u-yin-fä  j^  ^^  siang-tsch^ung  king. 
Das  mustergiltige  Buch  der  Weise  der  fünf  Töne  bei  dem 
Saitenspiele  der  Tochter  des  Himmelfarbenen  und  dasjenige 
der  Beobachtung  der  Grabhügel.    Von  Hu-kiün.    1  Buch. 

143.  "Q"    )j^    Pe-kuai'schu. 

Das  Buch  der  hundert  Wunder.    1  Buch. 

144.  ^^    ^^    Sse-tao  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  Herdopfers.    1  Buch. 

145.  Kiai-wen. 

Die  Auslegung  des  Textes  dieses  Buches.    1  Buch. 
^^^'   ^    ^    TscheU'Siuen. 

Tscheusiuen    i     ^    Uchen-mung  schu. 

Das  Buch  der  Deutung  der  Träume.     Von  Tscheu-siuen. 

3  Bücher.  - 


200  Pfisaaier. 

147.   Dasselbe  Werk  in  2  Büchern. 

1^'    -^    Jfi    ^    Sün^sst-mö. 
Sün-sse-mö  kuei-king. 

Da«  mustergiltige  Bach  der  Schildkröte.  Von  Sün-sse-mö. 
1  Buch. 

149.  Siin-ste-mö. 

Sün-sse-mÖ   3t    ^ß    u-tscKao  suan  lang. 
Das   mustergiltige  Buch   der  Berechnung  der  fiinf  Arten 
des  Aufspringens  der  Schildkrötenschale.  Von  Sün-sse-mö. 
1  Buch. 

150.  ^^  J^  Kuei'Schang  ^E.  ^|S  «-^'cÄ'flö  tung-yao-king  kiue, 
Beurtheilung  des  mustergiltigen  Buches  der  Bewegung  der 
fünf  Arten  des  Aufspringens  der  Schildkrötenschale  über 
der  Schildkröte.    2  Bücher. 

151.  FÖ-lÖ  lün, 

Erörterungen  über  Segen  und  Glück.    3  Bücher. 

152.  ^    ^    Tschün-fung. 
Tschün-fung  sse-min  fÖ-lö  lün, 

Erörterungen  über  Segen  und  Olück  des  Volkes  der  vier 
Gegenden.    Von  Tschün-fung.    3  Bücher. 

153.  Tschün-fung, 

Tschün-fung    ^    ^&    hinen-ngu  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Aufmerksamkeit  des  Himmel- 

farbenen.    Von  Tschün-fung.    3  Bücher. 

154.  H^    — •    Thaüyl  yuen-kien. 

Der  ursprüngliche  Spiegel  des  grossen  Einzigen.  5  Bücher. 

155.  Tschü    fi}    ^    tsching-hiuen  kieu-khi  fei-pien, 
Erklärung  des  von  Tsching-hiuen  verfassten  mustergiltigen 
Buches  der  Veränderungen  des  Fluges  der  neun  Fahnen. 
1  Buch. 

156.  ^    yf^    8an-yuen  king. 

Das   mustergiltige  Buch   der   drei  ursprunglichen  Dinge. 
1  Buch. 

157.  Thai-yX   1^    ^    khiü-hoei   |^  fu. 

Das   bilderlose    Gedicht   auf  die  Vereinigung   der  Thür- 
angeln  des  grossen  Einzigen.    1  Buch. 

Die  Erklärungen  dieses  Werkes  sind  von  dem  Kaiser 

Hiuen-tsung. 


ChinMiseh«  Schriftwerke  des  7.  and  8.  Jahrhundeits  n.  Chr.  201 

1Ö8.  ^    ^    ^    Thsui-tachUL  ' 
Thaui'tschi'ti    j^    tachan-tku, 
Abbildungen  der  Geburt.   Von  Thsui-tachi-ti.    1  Buch. 

159.  H    jj^    Liü'thsai, 
Liü'ihsai  yin-yang  acku. 

Das  Buch  des  Tin  und  Yang.  Von  Liü-thsai.  53  Bücher. 

160.  0    ^    Kuang-thai. 
Ktiang-thsi  yin-yang  pe-ki  li. 

Die  Zeitrechnung   der   hundert   zu   vermeidenden    Dinge 
des  Yin^  und  Yang.  Von  Euang-thsi.    1  Buch. 

161.  ;Ä    ^    ]|jp|    Yuen-fhien-kang. 
Yuen-thien-kang    "j^    siang-achu. 

Das  Buch  der  Beobachtung.  Von  Yuen-thien-kang.  7  Bücher. 

162.  1^    ^    Yao-khiS. 

Kurzgefasste  Beurtheilungen.    3  Bücher. 

^^^'    ^    ^^    ^J    Tachin-kung-tachao, 

Tackin-kung-tachao  thien-pao  lu 

Die  Zeitrechnung  des  Zeitraumes  Thien-pao.  Von  Tschin- 

kung-tschao.    2  Bücher. 

Der  Inhalt  dieses  Werkes  wurde  in  dem  Zeiträume 
Thien-pao  (742  bis  755  n.  Chr.)  in  Folge  einer 
höchsten  Verkündung  bestimmt. 

^^*   ^     ^    ^^    Tachao^thung-tachin. 
TachiW'tkvng'tschin    jl§f^    tan  hing. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Erdaltäre.  Von  Tschao-thung- 
tschin.    1  Buch. 

165.  ^    ;^   Li'han. 

Li-han    ^    ^S    P^^^'^^n^  schu. 

Das  Buch  der  Inseln  Pung-lai  und  Ying-tscheu.  Von  Li- 
han.    3  Bücher. 

166.  g    Jlfc   Kia-tan. 
Kia-tan  thang  thät-aching  lu 

Die  Zeitrechnung   der   sieben    höchstweisen   Männer   von 
Thang.    Von  Eia-tan.    1  Buch. 

167.  ^^    jÄ    ^M    Li-yuen-lung, 
Li-yuen-lung   ^P-  ki    ^^    S.    acking-i  U, 

Dargelegte   Zeitrechnung   der  höchstweisen   Männer  und 
der  Merkwürdigkeiten.    Von  Li-yuen-lung.   1  Buch. 


202  Pfiimaier. 


168.  W    ^^    ^fe    Ten-wci-ngao, 
Tetirfoei-ngao  kuang  ku-kin  U'hang  ki. 

Das  Alterthum  und  die  Gegenwart  erweiternde  Ver- 
zeichnungen der  fünf  Grundstoffe.  Von  Teu  -  wei  -  ngao. 
30  Bücher. 

169.  W    ;J8||    ^    Ilia-tsiao-tse. 
PÖ-yang  hia-tsiao-tse  u-hang    ^    tschi, 
Denkwürdigkeiten  von  den  fünf  Grundstoffen.  Von  Hia- 
tsiao-tse  von  Pö-yang.    5  Bücher. 

170.  LÖ-ming  jin-yuen  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  Ursprünglichen  des  Menschen, 
des  Befehles  für  das  Glück.    3  Bücher. 


^'^^-    ^    fi    3fe    Yang-lung-kuaiig. 

Yang-lung-kvang  'Jjl^  ^f  hit-ki  Ib-ming  ^  jS  ngo-liln 
^    seht. 

Das  Gedicht  der  Darlegung  und  Berechnung  des  Befehles 
für  das  Glück  und  des  entschiedenen  Looses.  Von  Yang- 
lung-kuang.    1  Buch. 

172.  ^    ^    V^     Wang-hi-mmg, 
Wang-hi-ming  thai-yi  kin-king    ^T    seht  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  Musters  des  goldenen  Spiegels 
des   grossen  Einzigen.     Von  Wang-hi-ming.     10  Bücher. 

Dieses  Werk  wurde  in  dem  Zeiträume  Khai-yuen 
(713  bis  741  n.  Chr.)  in  Folge  einer  höchsten  Ver- 
kündung zusammengestellt. 

173.  'j^    — •    ^fy    ^    — -    Seng-yt-hang-thien-yi, 
Seng-yi-hang-thum-yi  Uai-yi  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  grossen  Einzigen.  Von  Seng- 
yl-hang-thien-yl.    1  Buch. 

1 74.  Seng-yi-hang-thlen-yt. 

Seng-yt-hang-thien-yl  ^  K  tün-kiä  scln-pä-  J^  khiö- 
Achtzehn  Gemächer  der  Entweichung  vor  dem  Zeichen 
Kiä.    Von  Seng-yl-hang-thien-yl.    1  Buch. 

175.  HJ^    — •    ^    Thai-yi-khiÖ  tün-kiä  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  Entweiche ns  vor  dem  Zeichen 
Kia  in  das  Gemach  des  grossen  Einzigen.    1  Buch. 


Chineaiscbc  Schriftwerke  dos  7.  and  8.  Jahrhunderts  n.  Chr.  203 

176.   ^    «^    U-ym  thi'li  hing. 

Das  erdbeschreibende  mustergiltige  Buch  in  fünf  Lauten. 
15  Bücher. 


177.   ^    -^    Lö-jin  ming-king  lien-tschü  ko. 

Gesänge   der   gereihten  Perlen   des   glänzenden    Spiegels 
der  sechs  Zeichen  Jin.    1  Buch. 


178.  Lö-jin    ^^   sui  hing. 

Das    mustergiltige  Buch   des  Markes   der    sechs   Zeichen 
Jin.    3  Bücher. 

17^-   iB|    ^    Ma-aien. 

Ma-sien  thien-pao  thai-yi  ling-ying    j^    schi-ku 
Verzeichnungen  von  Mustern  der  geistigen  Entsprechun- 
gen  des   grossen  Einzigen   in   dem  Zeiträume  Thien-pao 
(742  bis  755  n.  Chr.).  Von  Ma-sien.    5  Bücher. 

180.  ^    ^    Ip^    LUing-tso. 

Li'ting-tso  lieii-tschü  ming-king-scki  king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Muster  des  glänzenden  Spiegels 

der  gereihten  Perlen.    Von  Li-ting-tso.    10  Bücher. 

Dieses  Werk  wurde  in  dem  Zeiträume  Khai-yö 
(681  n.  Chr.)  dem  Kaiser  vorgelegt. 

181.  SP    3*    j&    Siao-kiün-taing, 
Siao-kiürt'tsing  iün-kiä  thu, 

Abbildung  der  Entweichung  vor  dem  Zeichen  Kid.    Von 
Siao-kiün-tsing. 

Der  Verfasser  war  in  dem  Zeiträume  Khai-yuen 
(713  bis  741  n.  Chr.)  Vorgesetzter  der  Register  in 
dem  Gebäude  der  kleinen  Diener.  Er  setzte  in  Folge 
einer  höchsten  Verkündung  dieses  Werk  zusammen. 
Die  Zahl  der  Bücher  ist  unbekannt. 

^82.    ^     i^    ^    Sse-ma-jang. 

Sse-ma-jang  tün-kiä    4^   fu  pao-toan-sni  Mng  kve-ti. 
Das   Abschnittsrohr   des   Entweichens   vor   dem    Zeichen 
Kiä;    das  mustergiltige  Buch  der  zehntausend  Jahre^    die 
Zeitrechnung  des  Reiches.    1  Buch. 

Sse-ma-jang  stellte  dieses  Werk  in  Gemeinschaft  mit 
seinem  jüngeren  Bruder    3Ät    Yo  zusammen. 


204  Pfismaier. 

183.  1^    ±    (fh  +  ^)    Thsao'sse'kuei. 
Thsao-sse-kuei  kin-khvei  hing. 

Das  niustergiltige  Buch  der  goldenen  Kiste.  Von  Thsao- 
sse-khuei.    3  Bücher. 

184.  J|    i^   Ma-Mung. 

Ma-hiung    )^    ^g    kiang-nang  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  hochrothen  Sackes.  Von  Ma- 

hiung.    1  Buch. 

185.  ^    JH    Li'tsiiig. 
Li-tsing  yÖ-tsch'ang  king. 

Das  mustergiltige  Buch  des  Edelsteinzeltes.  Von  Li-tsing. 
1  Buch. 

186.  ^^    ^    Li'tsiuen, 

Li'tsiuen    -^    -^    lö-jin  thai-yÖ-t schwang  ko. 
Gesänge  auf  die  sechs  Zeichen  Jin  und  das  grosse  Edel- 
steinzelt.   Von  Li-tsiuen.    10  Bücher. 

187.  ^    ;^    jß^    Wang-schÖ-tsching. 
Wang-schÖ'tsching  tui  thai-sid  kang-nien  ke-hinng    J^   ngu 
Darlegung    von    Glück,    Unheil    und    Gefährlichkeit   des 
grossen  Jahres,  der  wandelnden  Jahre.    Von  Wang-schö- 
tsching.    1  Buch. 

1H8.    ^  ^  -^  ^   Yeu'iigu-kung  yö.  Yö,  Fürst  von  Yeu-ngu. 

Yeu-ngU'kxuuj  yö    ^    fsang-king. 

Das  mustergiltige  Buch  der  Bestattung.  Von  Yö,  Fürsten 

von  Yeu-ngu.    3  Bücher. 
1«D.    ^    ^     %    Sün-kUjung, 

Siln-ki-yung  tsang-    pg  fan. 

Die  Muster  der  Bestattung.   Von  Sün-ki-yung.  3  Bücher. 
HO.    J^    ^    jQ    Lu-tschting-yuen. 

Lu'Uchung-yuen    ^    mtmgschu. 

Das  Buch  der  Träume.  Von  Lu-tschung-yuen.  4  Bücher. 
Der  Verfasser  dieses  Werkes  lebte  in  dem  Zeiträume 
Khai-yuen  (713  bis  741  n.  Chr.). 
HM.    M)    ^    Lieti'tsan. 

Lieu'tsan    ^    ^    viung-tsiuen. 

Das  Ausgezeichnete  der  Träume.  Von  Lieu-tsan.  1  Buch. 


Chinesische  Schriftwerke  des  7.  nnd  8.  Jahrhooderts  n.  Chr.  205 


Werke  Aber  das  ^    ^  thsu-sse  ^die  Worte  von  ThsnS 

^'   3E    jlfe    Wang^yi, 
Wang-yi  tschü  thsu-sse, 
Erklärung  der  Worte  von  Thsu.  Von  Wang-yl.  16  Bücher. 

2.  HJ   ^  Kö-p6. 
Kö-pÖ  tschii  thsu'sse. 

Erklärung  der  Worte  von  Thsu.  Von  Kö-pö.  10  Bücher. 

3.  ^    ^    Yang-mö. 

Yang-mö  thsu-sse    Jjj    'tö.    kieii-tiao. 

Die    neun    schmerzlichen   Dinge    der    Worte    von   Thsu. 

Von  Yang-mö.    1  Buch. 

4.  ^    ^^   Lieu  ngao, 

Ldeu-ngao  U-sao  thsao-md  tschung-yü  su. 
Weitere   Erklärungen   der   in    dem  Li-sao   (einem  Theile 
der  Worte  von  Thsu)  vorkommenden  Pflanzen  und  Bäume, 
Insecten  und  Fische.    Von  Lieu-ngao.    2  Bücher. 

5.  ^^    ^    Meng-ngao. 
Meng-ngao  thsu-sse  yin. 

Die  Laute  der  Worte  von  Thsu.  Von  Meng-ngao.  1  Buch. 

6.  ^    ^   Siü-mö. 
Siü-mö  thsu-sse  yin. 

Die  Laute  der  Worte  von  Thsu.     Von  Siü-mö.     1  Buch. 

7.  TH     ^S^    ^^    Senq-iao-kluen. 
Seng-tao-khien  thsu-sse  yin. 

Die  Laute  der  Worte  von  Thsu.  Von  Seng-tao-khien.  1  Buch. 
Das  obige  Verzeichniss  enthält  von  sieben  Verfassern 
sieben  Werke  in  zwei  und  dreissig  Büchern. 


Bei  den  Werken  über  das  Buch  der  Gedichte  zählt  man 
fünf  und  zwanzig  Verfasser,  ein  und  dreissig  Werke  und  drei 
hundert  zwei  und  dreissig  Bücher.  Die  Namen  von  drei  Ver- 
fassern sind  unbekannt. 

Bei  den  Erklärungen  der  mustergiltigen  Bücher  zählt  man 
neunzehn  Verfasser,  sechzehn  Werke  und  drei  hundert  ein  und 
achtzig  Bücher.     Der  Name  eines  Verfassers  ist  unbekannt. 


20G         PfUmaior.    Chinesifche  Schriftwerke  des  7.  und  8.  Jahrhonderts  n    Cbr. 

Bei  den  Werken  des  kleinen  Lernens  zählt  man  neun  und 
sechzig  Verfasser,  hundert  drei  Werke  und  sieben  hundert  ein 
und  zwanzig  Bücher.  Die  Namen  von  drei  und  zwanzig  Ver- 
fassern sind  unbekannt. 

Bei  den  Werken  über  Landwirthschaft  zählt  man  neunzehn 
Verfasser,  sechs  und  zwanzig  Werke  und  zwei  hundert  fünf 
und  dreissig  Bücher.  Die  Namen  von  sechs  Verfassern  sind 
unbekannt. 

Bei  den  Werken  des  kleinen  Sprechens  zählt  man  neun 
und  dreissig  Verfasser,  ein  und  vierzig  Werke  und  drei  hundert 
acht  Bücher.  Die  Namen  von  zwei  Verfassern  sind  unbekannt. 

Bei  den  Werken  über  Sternkunde  zählt  man  zwanzig  Ver- 
fasser, dreissig  Werke  und  drei  hundert  sechs  Bücher.  Die 
Namen  von  sechs  Verfassern  sind  unbekannt. 

Bei  den  Werken  über  Kalender  und  Rechenkunst  zählt 
man  sechs  und  dreissig  Verfasser,  fünf  und  siebzig  Werke  und 
zwei  hundert  sieben  und  dreissig  Bücher.  Die  Namen  von  fünf 
Verfassern  sind  unbekannt. 

Bei  den  Werken  über  Kriegskunst  zählt  man  drei  und 
zwanzig  Verfasser,  sechzig  Werke  und  drei  hundert  neunzehn 
Bücher. 

Bei  den  Werken  über  die  fünf  Gänge  zählt  man  sechzig 
Verfasser,  hundert  sechzig  Werke  und  sechs  hundert  sieben 
und  vierzig  Bücher.  Die  Namen  von  fünf  und  sechzig  Ver- 
fassern sind  unbekannt. 


SITZUNGSBERICHTE 


DER 


KAISERLICHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


Xeill.  BAND.  II.  HEFT. 


JAHRGANG  1879.  —  FEBRUAR. 


IV.  SITZUNG  VOM  5.  FEBRUAR  1879. 


Das  c.  M.  Herr  Professor  Dr.  J.  Ä.  Tomaschek  in 
Wien  überreicht  der  Classe  den  zweiten  Band  der  von  ihm 
bearbeiteten  ^Rechte  und  Freiheiten  der  Stadt  Wien^ 


Von  dem  mit  Unterstützung  der  kais.  Akademie  erschie- 
nenen Werke  Dudik's  ^Schweden  in  Böhmen  und  Mähren 
1640 — 1650^  werden  die  Pflichtexemplare  vorgelegt. 


Das  w.  M.  Herr  Regierungsrath  Dr.  Sehen  kl  legt  eine 
Abhandlung  des  Herrn  Dr.  Michael  Petschenig  in  Graz  vor^ 
^«reiche  betitelt  ist:  ^Beiträge  zur  Textkritik  der  Scriptores 
historiae  Augustae^^  und  um  deren  Aufnahme  in  die  Sitzungs- 
berichte von  dem  Verfasser  ersucht  wird. 


Herr  Dr.  Lothar  Ritter  von  Dargun  in  Wien  überreicht 
eine  Abhandlung :  ,Die  Entwicklungsgeschichte  des  Eigenthums' 
mit  dem  Ersuchen  um  ihre  Aufnahme  in  die  Sitzungsberichte. 


Als  Delegirte  der  kais.  Akademie  in  die  Centraldirection 
der  yMonumenta  historiae  Germaniae'  wurden  mit  einer  vier- 
jährigen Functionsdauer  wiedergewählt:  das  w.  M.  Herr  Hofrath 
Dr.  Sickel  in  Wien  und  das  c.  M.  Herr  Professor  Dr.  Stumpf- 
Brentano  in  Innsbruck. 


SitBiugalMr.  d.  phil.-hisi  Ol.  XCIII.  Bd.  H.  Hft.  U 


210 


An  Druckschriften  wurden  vorgelegt: 

Akademie  der  Wissenschaften,  königl.  Prenssische,  zu  Berlin:  Monatsbericht. 

September  und  October  1878.    Berlin,  1879;  8». 
Gavaleri  Michele:    II  Mnseo  Gavaleri  e  il  Manicipio  di  Milano.    MiUdo, 

1875;  gr.  4«. 
Kiel,  Universitfit:  Schriften  aus  dem  Jahre  1877.  Band  XXIV.  Kiel,  1878;  i\ 
Leseverein,    akademischer,   in   Lemberg:   Bericht   für   das   Jahr    1877/78. 

Lw6w,  1878;   8«. 
Mittheilungen,  archäologisch  -  epigraphische,  aus  Oesterreich.  Jahrgang  II, 

Heft  2.  Wien,  1878;  8«. 

—  aus  Justus  Perthes'   geographischer  Anstalt    von  Dr.  A.   Petermann. 
XXV.  Band.  1879.  I.  Gotha;  40. 

,Reyue   politique   et   litt^raire*   et   ,Revue  scientifique  de  la   France  et  de 

l'Etranger».  VIH«  ann^e,  2*  s6rie,  Nr.  30  et  31.  Paris,  1879;  40. 
Schwickert,  Job.  Jos.  Dr.:  CommentationisPindaricae  emendationis  studlosae 

atque  explanationis  liber  singularis  adjecta  Terentiani  loci  selecti  emen- 

datione.  Augustae  Trevirorum,  1878;  4^ 
Soci^t^  d*£mulation  d'Abbeville:   Mdmoires.  3«  särie.  2«  vol.  (1873-1876). 

Abbeville,  1878;  80. 
Society,  the  royal  bistorical:  Transactions.  Vol.  VII.   London,  1878;  8^ 
Verein  fElr  Hamburgische  Geschichte:  Mittheilungen.    II.  Jahrgang.    Nr.  1, 

2  und  3.  Hamburg,  1878/79;  80. 

—  historischer,  für  Niederbaiem  *.  Verhandlungen.  XIX.  Band.  3.  und  4.  Heft. 
Landshht,  1877;   8^. 

—  miIiUir-wis.sen.schnftIichcr,  in  Wien:  Organ.   XVIII.   Band,  1.  Heft,  1879. 
Wien;  80. 


V.  SITZUNG  VOM  12.  FEBRUAR  1879. 


Die  k.k.  Kriegs- Archivs-Direction  übermittelt  ein  Exemplar 
des  Repertoriums  der  in  dem  genannten  Archive  vorhandenen 
gezeichneten  Karten  und  Pläne. 


Das  w.  M.  Herr  Professor  Dr.  L.  von  Stein  legt  eine  für 
die  Sitzungsberichte  bestimmte  Abhandlung  unter  dem  Titel: 
,Die  Entwickelung  der  Staatswissenschaft  bei  den  Griechen'  vor. 


An  Drucksohriften  worden  vorgelegt: 

Academy,    the   California,   of  Sciences:  Proceedings.    Vol.   VI.    1875.    San 
Francisco,  1875;  80.  —  Vol.  VIl.  Part.  I.  1876.  San  Francisco,  1877;  8«. 

Bibliothiqae  de  TEcoIe  des  Charles:   Revue  d'^rudition.   XXXIX«   ann^e 
1878.   6«  et  6«  livraisons.  Paris,  1878;  80. 

Doli  sie  Leopold:  Notice  sur  unManuscrit  de  Lyon  renfermant  une  ancieune 
Version  latine  in^dite  de  trois  Hvres  du  Pentatenquc.  Paris,  1879 ;  Folio. 

Gesellschaft,   deutsche,  für  Natur-  und  Völkerkunde  Ostasiens.    16.  Heft. 
December  1878.   Yokohama;  Folio. 

—  k.  k.  mShrisch-schlesische,  zur  Beförderung  des  Ackerbaues,   der  Natur- 
nnd  Landeskunde:  Schriften.  XXIII.  Band.  Brunn,  1878;  4^ 

Hamburg,  Stadtbibliothek:  Oelegenheitsschriften.  3  Stück.    4«. 

Harsyerein:   Urkunden  der  Stadt  Halberstadt.    1.   Theil;   von  Dr.  Gustav 
Schmidt.    Halle,  1878;   8°. 

»Revue  politiqne   et    litt^raire*    et    ,Revue  scientifique   de    la  France   et   de 
l'Etranger*.     VIII«  annee.    2«  s^rie.    Nr.  32.     Paris,  1879;  4«. 

14* 


212 

Society,  the  American  philoRophical :  Proceedings.  Vol.  XVII.  Nr.  101. 
Philadelphia,    1878;   8». 

Catalogrue.  Library.  Part  III.   Philadelphia,  1878;  8». 

—  the  royal  g^eog^phical:  Proceedings  and  Monthly  Record  of  Geography. 
Vol.  I.    Nr.  2.    Febmary.   1879.    London;  8«. 

United  States,  Department  of  the  Interior:  Bulletin  of  gceolog^cal  and 
geographica!  Snrvey  of  the  Territories.  Vol.  IV.  Nr.  3.  Washington, 
1878;   80. 


SteiD.   Die  EntwicUang  der  StMtewisseiuchaft  bei  den  Griechen.  213 


Die  Entwicklung  der  Staatswissenschaft  bei  den 

Griechen. 


Von 


Prof.  Dr.  Iiorens  Bitter  von  Stein, 

wirkl.  Mitgliede  der  knie.  Akademie  der  Wisttenschaffeen. 


Wenig  Widerspruch  glauben  wir  zu  erfahren,  wenn  wir 
si^en,  dass  der  höchste  Fortschritt  aller  Wissenschaft  da  beginnt, 
wo  nicht  mehr  von  den  Dingen  allein  der  Mensch  lernt,  sondern 
wo  die  eine  Wissenschaft  von  der  anderen  zu  lernen  und  jede 
sich  mit  den  Ergebnissen  dessen  zu  erfüllen  versteht,  was  die 
anderen  leisten.  Das  aber  kann  wieder  in  einem  Zweifachen 
bestehen,  den  Resultaten  der  Forschung  und  der  Methode 
vermöge  deren  jene  gewonnen  wurden. 

Nun  wissen  wir,  dass  die  zwei  grossen  Gebiete  der  mensch- 
lichen Erkenntniss  der  Dinge,  die  als  die  philosophische  und 
naturwissenschaftliche  so  alt  sind  wie  das  Erkennen  selbst, 
ihre  grossen  Bahnen,  einst  selbständig  neben  einander  laufend, 
jetzt  zu  kreuzen  beginnen.  Es  ist  nicht  unsere  Sache,  diesen 
Process  hier  weiter  zu  verfolgen.  Allein  die  Gewalt,  welche 
in  demselben  die  Resultate  der  Beobachtung  über  die  des 
organischen  Begriffslebens  ausüben,  wird  für  Verständige  zum 
Nachdenken  über  die  Methode  durch  welche  jene  errungen 
werden,  und  zur  Frage  ob  und  wie  weit  diese  Methode  auch 
f&r  die  Erkenntniss  der  geistigen  W^elt  eine  berechtigte  sein 
könne  und  solle.  Dass  sie  dies  aber  ist,  müssen  wir  zeigen, 
bevor  wir  zu  den  Resultaten  gelangen  die  aus  ihr  hervorgehen. 

Diese  Methode  besteht  nun  darin,  dass  jene  Richtung 
der  Arbeit  der  menschlichen  Erkenntniss  bei  keiner  Erscheinung, 
möge  sie  Namen  und  Form  haben  welche  sie  will,  stehen  bleibt, 


214  stein. 

sondern  unermüdlich  trachtet  dieselbe  in  ihre  Elemente  aufzu- 
lösen, und  jedes  dieser  Elemente  dann  der  sinnlichen  Wahr- 
nehmung in  seiner  Körperlichkeit  darzulegen.  Dabei  kennt  sie 
genau  den  Process  und  die  Factoren,  durch  welche  sie  die 
Auflösung  einer  solchen  scheinbaren  Einheit  erzielt,  misst  und 
bestimmt  ihn  selbst  und  seine  Stadien  auf  das  Genaueste,  und 
verfolgt  mit  derselben  Genauigkeit  den  Process,  durch  welchen 
die  so  gewonnenen  Elemente  sich  wieder  in  tausendfacher  Weise 
verbinden,  neue  Körperlichkeiten  erzeugend.  So  ist  sie  über 
nichts  unsicher  und  ungewiss,  weil  sie  mit  den  Sinnen  für  die 
Sinne  arbeitet;  denn  der  Sinn  kann  an  der  Gewissheit  seiner 
selbst  durch  sich  selber  nicht  zweifeln.  Das  grosse  Gesammt- 
ergebniss  aber  das  schon  die  ältesten  Denker  geahnt,  das  jetzt 
aber  mit  der  ganzen  Gewalt  unwiderstehlicher  Thatsachen  die 
Erkenntniss  erfüllt,  ist  eine  Weltanschauung,  deren  Wahrheit 
in  dem  fassbaren  gegenseitigen  Bedingtsein  aller  Bewegungen 
liegt,  welche  Bewegung  aller  Atome  für  den  Menschen  als 
'  Sinnesempfindung  zur  Erscheinung  gelangt,  so  dass  die  Natur- 
wissenschaft im  höheren  Sinne  des  Wortes  die  gewaltige  Kraft 
in  sich  trägt,  auch  von  der  einzelnsten  Empfindung  aus  mit 
Schritten,  deren  jeder  wieder  seine  volle  Gewissheit  in  sich 
selber  trägt,  zur  Erkenntniss  des  Ganzen  der  Welt  und  seiner 
ewig  harmonischen  Bewegung  zu  gelangen,  welche  Bewegung 
sie  das  Leben  der  Natur  nennt. 

Neben  dieser  Methode  steht  aber  die  zweite,  auch  ihrer- 
seits wie  jene  durch  die  Natur  ihres  Inhalts  bedingt.  Denn 
in  den  beobachteten  Dingen  lebt  etwas,  das  durch  keinen 
augenblicklichen  Zustand  erschöpft,  das  Werden  und  den 
Wechsel  der  beobachteten  Erscheinung  erzeugt.  Es  ist  da,  und 
doch  kann  ich  es  nicht  empfinden,  weil  alles  Empfinden  nur 
ein  mechanischer  Process  ist.  Sein  Dasein  aber  bestimmt  mich 
nicht  weniger  als  seine  Erscheinung.  Der  Process  aber,  mit 
welchem  ich  dieses  innere  Sein  des  Daseienden  erfasse,  nenne 
ich  das  Denken.  Wie  nun  die  sinnliche  Empfindung  nicht  blos 
den  mechanischen  Eindruck,  sondern  auch  seine  Begränzung 
umfasst,  und  durch  die  Einheit  beider  sich  die  Vorstellung 
von  dem  bildet  was  wir  einen  Körper  nennen,  so  gestaltet 
sich  auch  das  Denken  zum  Denken  eines  bestimmten  inneren 
Seins,    und   dies   Denken   der   bestimmten   Kraft,    welche    in 


Di«  Entwieklong  der  StaaUwiwonBChftft  bei  den  Griechen.  215 

der  Verschiedenheit  der  sinnlichen  bestimmten  Erscheinungen 
d&s  innere  Sein  derselben  und  ihre  Gleichheit  bildet^  ist  der 
Begriff.  Während  ich  also  Bestimmung  und  Begränzung  der 
Erscheinung  äusserlich  durch  den  Sinn  empfange,  muss  ich 
das  Bestimmtsein  des  Wesens  der  letzteren  innerlich  selbst 
setzen.  Der  Begriff  ist  daher  keine  Empfindung  und  kein  Ein- 
druck, sondern  eine  That.  Als  solche  ist  er  wieder  die  Resul- 
tante einerseits  meiner  individuellen  schöpferischen,  und  anderer- 
seits derjenigen  mir  noch  äusserlichen  Kraft,  welche  eben  das 
lebendige  Wesen  der  Erscheinung  bildet.  Nun  kann  man  dieses 
alles  auch  in  anderer  Weise  denken,  obwohl  zuletzt  wenig 
Unterschied  im  letzten  Resultat  sein  wird.  Klar  ist  es  aber, 
dass  damit  alles  was  Denken  und  Begriff  heisst,  mindestens 
mit  seiner  einen  Hälfte  in  das  Gebiet  der  Individualität  fällt, 
so  dass  zwar  das  Streben  nach  dem*  Begriffe  allen  gemein,  der 
Begriff  selbst  aber  in  jedem  Geiste  ein  individueller,  das  ist  ver- 
schiedener ist ;  und  dass  dem  so  sein  kann  sehen  wir  täglich  ja 
auch  an  dem  Täglichen,  das  uns  bei  andern  entgegentritt.  Die 
Folge  aber  davon  ist,  dass  jeder  mit  demselben  Worte  etwas  oft 
sehr  von  dem  andern  Verschiedenes  sagt,  so  dass  es  nicht  selten 
mehr  Mühe  kostet  zu  begreifen,  was  der  andere  meint,  als  was 
man  selber  gesagt  zu  haben  glaubt.  Da  nun  aber  keiner  das 
Ganze  weiss,  sondern  erst  die  Gemeinschaft  der  Arbeit  auch  in 
der  geistigen  Welt  Inhalt  und  Bedingung  dessen  ist,  was  jeder 
geistig  erwirbt  und  besitzt,  so  gibt  es  nichts,  was  eben  diese 
in  Gegenseitigkeit  und  Gemeinschaft  beruhende  geistige  Ent- 
wicklung so  sehr  erschwerte,  als  eben  jene  individuelle  Ver- 
schiedenheit in  Denken  und  Begriff,  die  um  so  schwieriger  zu 
bewältigen,  ja  zu  erkennen  ist,  als  sie  sich  meistens  zugleich 
unter  völliger  formaler  Gleichheit  der  Worte  verbirgt.  Und 
das  ist  es  nun,  wodurch  das  Leben  der  Gedanken  nicht  blos 
so  tief  verschieden  wird  von  dem  der  Beobachtung,  sondera 
wodurch  auch  die  Entwicklung  beider  eine  keinesweges  gleich- 
massige  geworden  ist.  Denn  das  haben  die  Naturwissenschaften 
vor  den  philosophischen  voraus,  dass  Niemand  über  den  ganz 
bestimmten  Sinn  ihrer  Worte  in  Zweifel  ist,  und  dass  daher, 
so  wie  eine  Thatsache  einmal  in  ihr  Wort  gefasst  wird,  eine 
objectiv  feste  Basis  für  den  Fortschritt  gefunden  ist.  Bei  der 
Philosophie  dagegen  beginnt  jeder  nicht   blos   bei  sich  selbst, 


216  stein. 

sondern  er  muss  auch  bei  allen  andern  zugleich  beginnen,  und 
bedarf  oft  genug  viel  mehr  Ai'beit,  um  zu  erfahren  was  der 
andere  meint,  als  um  zu  beurtheilen  ob  derselbe  Recht  hat  So 
ist  es  denn  gekommen,  dass  alles  was  Denken  und  Begreifen 
heisst,  nicht  blos  den  Charakter  des  Unsicheren  am  meisten  für 
die  Nichtdenkenden  hat,  sondern  in  der  That  auch  unendlich 
viel  langsamer  fortschreitet,  weil  jeder  die  Auffassung  des 
anderen  um  so  weniger  versteht,  je  mehr  derselbe  die  gleichen 
Worte  gebraucht,  um  sie  zum  Ausdruck  des  dabei  von  ihm 
gedachten  Verschiedenen  zu  bringen. 

Wer  daher  bekannte  Worte  und  Begriffe  nicht  mehr  auf 
sein  eigenes  inneres  Leben,  sondern  auf  ein  objectives  Erkennen 
anwenden  will,  der  wird  wohl  zuerst  darnach  streben  müssen, 
in  der  Weise  wie  die  Naturwissenschaft  es  thut,  ganz-  genau 
zu  sagen  was  er  selber  unter  diesen  Worten  versteht,  vor  allem 
aber  da  wo  es  sich  um  Dinge  und  Fragen  handelt,  mit  welchen 
auch  die  nicht  streng  philosophische  Auffassung  sich  beschäftigt. 
Und  die  Einfachheit,  Klarheit  und  Bestimmtheit  gerade  in  der 
Bestimmung  solcher  Worte  ist  es,  welche  die  philosophische 
Auffassung  mehr  fördert,  und  ihren  Werth  wie  ihre  Gewalt 
auch  für  andere  deutlicher  erscheinen  lässt,  als  viele  glauben. 
Und  darin  soll  unserer  Meinung  nach  dasjenige  bestehen,  worin 
die  Methode  der  philosophischen  Erkenntniss  sich  zunächst  die 
der  naturwissenschaftlichen  zum  Vorbild  nehmen  sollte. 

Wir  aber  haben  geglaubt  dies  dem  Folgenden  vorauf- 
stellen zu  müssen,  weil  auch  wir  den  letzteren  ein  Wort  zum 
Grunde  gelegt  haben,  dessen  Bedeutung  keineswegs  in  dem 
Grade  feststeht,  als  viele  von  denen  meinen,  welche  dasselbe 
gebrauchen.  Es  ist  sehr  leicht  von  der  Entwicklung  der  Staats- 
wissenschaft zu  reden,  aber  es  scheint  nicht  mehr  leicht  zu 
sein  zu  sagen,  was  denn  eigentlich  unter  der  Bezeichnung  der 
Staatswissenschaften  genau  zu  verstehen  ist  Denn  nicht  viele 
werden  mit  der  in  solchen  Dingen  keinesweges  gleichgültigen 
Bestimmtheit  sagen  können,  was  denn  eigentlich  die  Bedeutung 
der  Staatswissenschaften  im  bestimmten  Sinne  des  Wortes  sei, 
wenn  man  daneben  von  einer  Staats-'  oder  Rechtslehre,  von 
einer  Staats-  oder  Rechtsstatistik,  oder  von  einer  Philosophie 
des  Rechts  oder  des  Staates  redet.  Und  doch  ist  es  nicht  wahr- 
scheinlich, dass  mit  so  verschiedenen  Worten  stets  das  Gleiche 


Di«  Entwieklnng  d«r  StAatawisMOsehaft  bei' den  Griechen.  217 

foi'  den  Redenden  oder  den  Hörenden  bezeichnet  werde.  Von 
besonderem  Werthe  aber  erscheint  es  gerade  da,  dass  man 
sich  genaue  Rechenschaft  über  solche  Ausdrücke  ablege^  wo 
man  sie  stillschweigend  als  ganz  feste  begriffliche  Kategorien 
aufstellt,  indem  man  die  verschiedene  historische  Gestaltung 
ihrer  Entwicklung  auf  sie  zurückführt.  Denn  wie  soll  ich  die 
ersten  Bewegungen  der  griechischen  Staatswissenschaft  über- 
haupt ihrem  Wesen  nach  bezeichnen  können,  wenn  ich  nicht 
wenigstens  mit  mir  selber  einig  bin,  ob  Staats-  und  Rechts- 
philosophie dasselbe  ist  wie  Staatswissenschaft  und  Rechts- 
wissenschaft? Das  also  zu  sagen  wie  wir  es  denken,  wird  wohl 
zuerst  nothwendig  sein.  Ob  wir  damit  nun  das  an  sich  Richtige 
feststellen,  mag  immerhin  fraglich  bleiben.  Gewiss  dagegen  ist 
es,  dass  möge  nun  der  Philosoph  oder  der  Historiker  mit  uns 
übereinstimmen  oder  nicht,  jedenfalls  für  ein  wohlwollendes 
Verständniss  wenigstens  unsere  Auffassung  selbst  und  das  Ur- 
theil  über  dasjenige  klar  werden  dürfte,  was  die  griechische 
Welt  für  diese  Staatswissenschaft  geleistet  habe. 


I. 

Gewiss  wird  man  an  diesem  Orte  nicht  dasjenige  er- 
warten, was  man  die  phänomenologische  oder  auch  nur  die 
dialektische  Entwicklung  von.  den  Begriffen  nennt,  deren  wir 
bedürfen.  Ruft  man  sie  aber  einmal  für  die  Beherrschung 
eiues  wissenschaftlichen  Gebietes  auf,  so  muss  man  wenigstens 
mit  aller  Bestimmtheit  sagen  können,  was  man  selber  unter 
ihnen  versteht.  Denn  gerade  in  einem  solchen  Falle  ist  ihr 
Werth  für  die  weitere  Verfolgung  eines  Gedankens  in  der 
Klarheit  dessen  gegeben,  aus  welchem  sich  derselbe  zu  ent- 
wickeln hat. 

Nun  sagen  wir  dass  das  Bewusstsein  von  den  Sinnes- 
empfindungen zur  Kenntniss  der  Dinge  wird,  wenn  dieses  Be- 
wusstsein zugleich  die  Begränzung  und  die  Selbständigkeit  der 
einzelnen  Erscheinung  enthält  In  dieser  ihrer  Selbständig- 
keit für  unser  Bewusstsein  wird  dann  aus  dem  Object  der 
Empfindung  ein  Gegenstand,  den  ich  als  Einheit  seiner  Momente 


218  *  stein. 

wieder  einen  Körper  nenne^  wenn  ich  meine,  dass  er  dem  natür- 
lichen Dasein  angehört.  Gehört  aber  die  Erscheinung  dem 
Leben  der  persönlichen  Welt,  so  wird  aus  dem  Gregenstand 
eine  Thatsache.  Denn  so  ist  z.  B.  ein  Berg  keine  Thatsache, 
wohl  aber  das,  dass  er  für  den  Menschen  oder  durch  denselben 
bewohnbar,  übersteiglich,  oder  anderes  sei.  Vermöge  dieses  per- 
sönlichen Moments  nun  das  aus  den  Gegenständen  Thatsachen 
macht,  erscheinen  zuletzt  alle  Thatsachen  des  persönlichen 
Lebens  ^als  ein  Ganzes,  eine  Einheit,  eine  grosse  Gesammtthat- 
Sache.  Sie  sind  als  eine  solche  Einheit  eben  das,  was  wir  die 
Wirklichkeit  des  Lebens  der  Persönlichkeit  nennen.  In  diesem 
Sinne  sagen  wir,  dass  aus  der  objectiven  Kenntniss  dieser  Er- 
scheinungen der  persönlichen  Welt  eine  ,Kunde'  derselben 
werde,  wie  wir  von  einer  Erdkunde,  einer  Geschichtskunde, 
einer  Rechtskunde  u.  s.  w.  im  Unterschiede  von  einer  Kennt- 
niss der  Erde,  der  einzelnen  historischen  Thatsachen,  der  ein- 
zelnen Rechtssätze  u.  s.  w.  reden.  Da  nun  wo  diese  Kunde 
des  Thatsächlichen,  zusammengefasst  in  dem  Bewusstsein  dass 
sie  alle  in  irgend  einer  Gemeinsamkeit  oder  Ordnung  dem 
Leben  der  Persönlichkeit  angehören,  in  der  Darstellung  zu 
einem  einheitlichen  Ganzen  von  Thatsachen  wird,  reden  wir  von 
einer  ,Lehre'  derselben,  oft  genug  meinend  und  auch  wohl 
sagend,  dass  diese  Lehre  schon  eine  ,Wi8senschaft'  sei.  Nur  in 
gewissen  Gebieten  erhält  sich  lebendig  das  Gefühl,  dass  das 
was  eine  Kenntniss  oder  eine  Kunde  ist^  damit  noch  keines- 
wegs als  eine  Wissenschaft  gilt;  so  wird  es  schwerlieh 
jemand  einfallen  von  einer  Wissenschaft  der  Erde  zu  reden, 
oder  die  Rechtskenntniss  mit  der  Rechtswissenschaft  für  gleich- 
bedeutend zu  erklären,  oder  anderes.  Das  nun  sagen  wir  sei 
die  erste  Gestalt  alles  menschlichen  Erkennens,  in  welcher  die 
Beobachtung  der  einzelnen  Erscheinungen  fast  ohne  unser  Zu- 
thun  den  Begriff  der  Thatsache  von  dem  des  Gegenstandes 
ablöst,  uns  die  innere  Einheit  aller  Thatsachen  zur  äusseren 
der  einheitlich  geordneten  Darstellung  und  Lehre  wird.  In 
dieser  Auffassung  aber  bleibt  das  Erkennen  der  Welt  keines- 
wegs bei  dem  Einzelnen  stehen.  Das  Leben  desselben  tritt 
vielmehr  meiner  geistigen  Empfindung  schon  hier  als  ein  grosses 
Ganze  entgegen,  in  welchem  sich  die  einzelnen  Thatsachen 
aneinander    reihen,    sich    ordnen,    sich    bewegen,   und  meinen 


Di«  Entwicklung  der  StaaiswisMnsGbaft  bei  den  Griechen.  219 

Geist  mit  dem  gewaltigen  StofF  erfüllen  der  ihm  zwar  nie 
allein  genügt,  ohne  den  er  aber  nicht  weiter  gelangen  kann. 
Die  Voraussetzung  dafür  aber  ist,  dass  die  einzelne  Thatsache 
wie  sie  in  meiner  Auffassung  erscheint;  auch  mit  demjenigen 
in  absoluter  Harmonie  bleibe,  wodui'ch  ich  sie  selber  erst  zum 
Bewosstsein  gebracht  Das  aber  war  die  Eknpfindung.  Die  Iden- 
tität der  Empfindung  mit  der  Vorstellung  aber  nenne  ich  die 
Gewissheit.  Sie  ist  absolut,  weil  der  Sinn  nicht  an  dem  Sinne 
zweifeln  kann.  Und  so  ist  die  Gewissheit  das  Gewisssein  der 
Keantniss  alles  Daseienden  und  aller  Thatsachen. 

Nun  aber  wird  das  was  die  Kenntniss  als  einzelne  That- 
sache dem  Geiste  zuführt,  ihm  alsbald  zu  demjenigen  was  in 
dieser  einzelnen  Thatsache  niemals  ganz  zur  Erscheinung  ge- 
langt. Das  nun  was  auf  diese  VtTeise  in  dem  Wechsel  der 
letzteren  lebt,  löst  sich  in  unserem  Geiste  allmälig  von  den 
Formen  ab,  in  denen  es  für  die  Empfindung  vorhanden  ist  und 
ZOT  Kenntniss  wird.  Es  ist  ein  Selbständiges,  das  neben  und 
über  oder  vielmehr  in  der  Einzelerscheinung,  der  Einzelthat- 
sache  ist,  und  als  ein  solches  Selbständiges  und  doch  ein  ganz 
Erscheinendes  will  es  auch  selbständig  für  uns  da  sein.  Damit 
scheidet  es  sich  fiir  das  Bewusstsein  von  seinem  Empfunden- 
werden^  und  aus  der  Kenntniss  wird  die  Erkenntniss,  welche 
das  Dauernde  und  Gleiche  im  ViTechsel  und  Verschiedensein  ent- 
hält. Dies  Dauernde  und  Gleiche  aber  heisst  uns  dann,  indem 
wir  es  als  das  die  erscheinende  Thatsache  Bedingende  erkennen, 
die  Kraft,  welche  wir  als  thätige  das  Wesen  der  Dinge  nennen. 
Die  ICraft  aber,  insofern  sie  als  das  das  Gleiche  in  der  that- 
sächlichen  Verschiedenheit  Erzeugende  erkannt  wird,  ist  der 
Begriff  der  in  Worten  erscheinend  die  Definition  ist.  Der 
Begriff  ist  daher  weder  eine  Empfindung  noch  eine  Beobachtung, 
sondern  er  ist  eine  That,  und  zwar  eine  geistige  That  meiner 
Individualität.  Daher  kann  ich  mit  gutem  Recht  sagen,  dass 
ich  bin  was  ich  weiss.  Das  Erkennen  einer  Thatsache  nun 
vermöge  jener  sie  erzeugenden  Kraft  heisst  man  das  Begreifen 
derselben.  Das  Erkennen  der  Ordnung  dieser  Thatsachen  aber 
als  das  Erkennen  der  Ordnung  der  Kräfte  ist  das  System  der- 
selben. Das  Erkennen  selbst  aber,  indem  es  alle  diese  zu  Be- 
griffen definirten  Kräfte  wieder  in  der  letzten  Einheit  erfasst, 
aus  welcher   sich   alle   diese   Begriffe    zu    einer    grossen,    alle 


220  SteiD. 

Verschiedenheit;  alle  Bewegung  und  alles  Lqben  der  Thatsachen 
umfassenden  Ordnung  entwickeln,  und  deren  höchster  Inhalt 
daher  eben  ^diese  harmonische  Entwicklung  der  Verschieden- 
heit der  Begriffe  aus  der  Einheit  einer  letzteren,  alle  Elemente 
der  organischen  Begriffe  noch  ungeschieden  enthaltenden  Ur- 
kraft  ist;  heisse  sie  nun  dem  Einen  die  Gottheit  oder  dem  Andern 
das  reine  Sein,  tq  iv,  oder  dem  Dritten  die  Natur,  oder  dem 
Andern  das  Absolute,  oder  sonst  wie,  ist  das  was  wir  die 
Philosophie  nennen.  Die  Harmonie  aber  unter  den  einzelnen 
Begi'iffen  die  sich  die  Philosophie  aus  dem  letzten  Urgrund  aller 
Kräfte  auf  diese  Weise  entfaltet,  ist  das  was  wir  als  die  Wahr- 
heit bezeichnen;  denn  für  die  Philosophie  ist  kein  einzelner 
Begriff  und  keine  einzelne  Erkenntniss  für  sich  wahr,  sondern 
alles  Erkannte  hat  seine  Wahrheit  erst  in  seinem  Zusammen- 
hange mit  dem  Ganzen,  das  eben  nur  als  Ganzes  wahr 
sein  kann. 

So  stehen  sich  nun  zwei  grosse  Weltanschauungen  ein- 
ander gegenüber,  tief  verschieden  in  ihrer  Methode  und  doch 
gleich  in  ihrem  letzten  Ziele,  jene  die  Gewissheit  an  die  Stelle 
der  Wahrheit  setzend,  diese  im  Namen  der  Wahrheit  der 
Gewissheit  nicht  bedürfend;  jene  beobachtend,  diese  denkend, 
jene  mit  den  Versuchen,  diese  mit  Schlüssen  arbeitend,  beide 
aber  das  doppelte  Dasein  der  Welt  dem  menschlichen  Erkennen 
gemeinsam  zum  Inhalt  machend.  Für  jene  ist  das  letzte  sinn- 
lich Untheilbare  das  Element,  und  die  Bewegung  dieser  Ele- 
mente nennt  sie  ein  Gesetz;  denn  das  Gesetz  ist  ihr  zwar 
die  Erscheinung  der  Causalität,  aber  die  letztere  selbst  ist  fiir 
sie  doch  wieder  nur  eine  Thatsache  die  sie  wiederum  genau  in 
derselben  Weise  beobachtet  wie  die  Elemente,  in  deren  Be- 
wegung es  zur  Erscheinung  gelangt.  Für  diese  ist  dagegen  die 
Kraft  an  sich  das  Gesuchte  und  wo  sie  dieselbe  als  selbständige 
und  untheilbare  gefunden  zu  haben  glaubt,  entfaltet  sich  ihr 
ein  in  seiner  Weise  in  sich  harmonisches  Bild,  in  welchem 
der  Wechsel  als  Willkür  und  Zufall,  die  Bewegung  dagegen  als 
das  ewig  lebendige  in  sich  Zurückkehren  der  einzelnen  Begriffe 
und  Kräfte  in  die  letzte  Urkraft,  und  das  Werden  der 
letzteren  zur  Selbständigkeit  ihrer  einzelnen  Momente  eine  Welt- 
anschauung gestaltet,  welche  sich  über  das  rein  Thatsächliche 
und  sinnlich  Gewisse  frei  in  die  Kegion  der  ewig  gleichartigen, 


Di«  Entwieklung  dw  SlafttoirisMDsehafl  bei  den  Orieehen.  221 

göttlicheD  OrdnuDg  des  Seins  erhebt,  und  für  welche  daher 
jenes  Einzelne  als  ein  Verschwindendes,  als  die  ^schlechte 
Wirklichkeit'  erscheint,  während  die  wahre  Wirklichkeit  fiir 
sie  das  Anschauen  des  in  sich  Ruhenden  und  nur  durch  sich 
selbst  Bewegten  bildet  Und  das  ist  die  Philosophie,  die  in- 
dividuelle Ueberzeugung  des  göttlich  Unendlichen,  der  Reflex 
des  Ewigen  in  der  individuellen  VergUnglichkeit,  die  Ruhe 
des  Alls  in  der  Unruhe  des  werdenden  Einzelgeistes.  Das 
Wesen  aller  Philosophie  ist  es  demnach^  nur  ihrer  selbst  gewiss 
zu  sein^  nicht  des  Wechsels  und  Werdens  der  Erscheinungen. 
Und  so  entsteht  aus  diesem  Moment  der  individuellen  That, 
welche  den  Begriff  aus  dem  Gedanken  schafft,  die  Thatsache 
dass,  während  es  nur  eine  Naturwissenschaft  gibt,  sich  so 
viele  Philosophien  bilden  als  tiefere  Denker  geboren  werden; 
wo  aber  dennoch  sich  für  eine  bestimmte  philosophische  An- 
schaaung  eine  Gemeinschaft  mehrerer  bildet  die  gleichartig  in 
Denken  und  Arbeit  sind,  da  entsteht  das  was  wir  eine  Schule 
nennen.  Des  Begriffes  und  des  Wesens  der  Schule  aber  werden 
wir  unten  bedürfen. 

Und  jetzt  bleibt  zu  sagen  übrig,  was  im  Unterschiede  von 
der  EenntnisB  des  Thatsächlichen  und  dem  Begreifen  des 
Nichtsinnlichen  das  ist,  was  wir  das  Wissen  und  die  Wissen- 
schaft nennen. 

Nun  wissen  wir,  dass  das  was  diese  Philosophie  •  enthält 
nnd  lehrt,  nicht  blos  ein  wirklich  Vorhandenes  sondern  auch 
eine  gewaltige  Macht  über  die  Menschen  und  ihr  geistiges 
Leben  ist.  Allein  jener  Wechsel  und  jene  Verschiedenheit  der 
äasseren  und  inneren  Thatsachen,  von  denen  die  Philosophie 
nur  den  einheitlichen  Begriff  sucht  und  erkennt^  ist  doch 
selbst  wieder  eine  unzweifelhafte  Thatsache.  In  dieser  Thatsache 
hat  die  Naturwissenschaft  ihrerseits  neben  dem  Besonderen 
und  Einzelnen  auch  jene  zweite  Thatsache  des  Bestimmtwerdens 
des  Einen  durch  das  Andere  gefunden  und  diese  Thatsache  des 
Zusammenhanges  ein  Gesetz  genannt,  wo  aber  dies  Gesetz 
nicht  zutreffen  will,  sich  mit  den  Begriff  der  Ausnahme  be- 
helfend, durch  die  Ausnahme  das  Gesetz  zur  Regel  umgestaltet; 
die  Philosophie  aber  hat  nur  das  Unveränderliche,  die  zum  Be- 
griffe gewordene  Kraft  erkannt,  das  ewig  Gleiche  in  dem  ewig 
Ungleichen.     Wie  nun  ist  es  möglich,  dass  aus  dem  Gleichen 


222  stein. 

das  Verschiedene  werde?  Wie  ist  es  möglich;  dass  das  Wirk- 
liche nicht  dem  Begriffe,  das  Gewisse  nicht  dem  Wahren  ent- 
spreche? Es  scheint  vollkommen  klar^  dass  diese  Frage  eine 
unabweisbare  ist;  aber  eben  so  klar  wird  es  wohl  sein,  dass 
gerade  sie  weder  durch  die  Naturlehre  noch  durch  die  Philo- 
sophie allein  gelöst  werden  kann,  und  weder  im  Kennen  noch 
im  Erkennen  enthalten  ist.  Und  doch  ist  sie  da;  und  weil 
sie  ist  und  nicht  durch  jene  beantwortet  wird,  hört  man  wohl 
von  Vielen  aus  der  Empfindung  dieses  Mangels  heraus  sagen, 
dass  wir  überhaupt  ^nichts  wissend 

Nun  sagen  wir^  dass  jede  bestimmte  Kraft  wie  der  sie 
erfassende  Begriff  zwar  aus  der  allen  gemeinsamen  Urkraft 
entwickelt,  aber  als  entwickelte  auch  selbständig  und  vermöge 
ihrer  Selbständigkeit  auch  selbstthätig  sei.  Ist  das  der  Fall, 
so  wird  damit  jede  selbständige  Kraft  zugleich  zum  Gegenstande 
der  anderen,  und  das  ist  das  Bestimmtwerden  des  Einen  durch 
das  Andere.  Wird  aber  jede  Kraft  durch  alle  anderen  bestimmt, 
so  ist  damit  offenbar  zugleich  gesagt,  dass  gar  keine  Kraft 
zur  reinen  nur  ihr  gehörigen  Erscheinung  gelangt,  sondeni 
dass  sie  in  ihrer  Wirklichkeit  stets  jenes  Bestimmtwerden 
durch  die  andere  mit  enthält.  Ich  muss  daher  nothwendig  in 
jeder  Erscheinung  die  Kraft  aus  der  sie  hervorgeht  von  de^ 
jenigen  scheiden,  welche  auf  jene  einwirkt;  oder  wie  wir  nun- 
mehr wohl  sagen  dürfen,  ich  kann  überhaupt  gar  keine  Er- 
scheinung bloss  durch  ihre  eigene  Einzelkraft,  oder  durch  ihren 
einfachen  Begriff  begreifen.  Sondern  alles  wirklich  Seiende  ist 
ein  Ergebniss  des  Zusammenwirkens  verschiedener  Kräfte  in 
derselben  Erscheinung.  Nun  nenne  ich  diejenige  Kraft,  welche 
die  Erscheinung  der  anderen  Kraft  bestimmt  und  sie  durch 
ihre  Gewalt  ändert,  die  Ursache  der  Besonderheit  in  der  Er- 
scheinung oder  Thatsache,  welche  ohne  jene  zweite  Kraft  stets 
dieselbe  bleiben  würde;  die  für  sich  gedachte  Modification  der 
Erscheinung  der  ursprünglichen  Kraft  aber,  heisst  die  Wirkung. 
Da  nun  alle  Kräfte  selbständig  gewordene  Momente  in  der 
Urkraft  oder  jenem  ,Grunde'  aller  Dinge  sind,  so  ist  für  die 
wirkliche  Besonderheit  der  Erscheinungen  oder  Thatsachen 
jede  Kraft  eine  Ursache,  sei  es  in  der  Natur,  sei  es  im  Leben, 
und  jede  Thatsache  wiederum  eine  Einheit  von  Wirkungen 
oft  sehr  verschiedener  Kräfte  oder  Ursachen.  Ist  dem  nun  aber 


Die  Entwicklung  der  SUatsw iisenschaf t  bei  den  Griechen.  223 

80,  80  werde  ich  das  Daseiende  weder  bloss  als  Thatsache,  noch 
bloss  als  Begriff  und  Kraft  vollständig  je  begreifen^  sondern  ich 
mass  dasselbe  auf  jedem  Punkte  seiner  Erscheinung  als  Ur- 
sache und  Wirkung  erkennen  lernen;  erst  dann  kann  ich  es 
verstehen.  Dieses  Verhältniss  nun  vermöge  dessen  alle  Dinge 
und  Thatsachen  auf  diese  Weise  für  einander  Ursache  und 
Wirkung  zugleich  sind,  nenne  ich  die  Causalität,  die  Ursäch- 
lichkeit. Das  Erkennen  dieser  Ursächlichkeit  aber  ist  weder 
reiDe  Beobachtung,  welche  ja  nur  die  Erscheinung  und  ihren 
Wechsel  kennt,  noch  reine  Philosophie,  welche  nur  den  an  sich 
gleichen  Begriff  und  Kraft  begreift.  Wir  werden  dieselben 
daher,  indem  wir  sie  als  eine  selbständige  Aufgabe  und  Arbeit 
des  Greistes  bestimmen,  mit  dem  Namen  des  Wissens  bezeichnen. 
Ich  kenne  die  Thatsache,  ich  begreife  ihren  Grund  und  ihr 
Wesen,  aber  ich  weiss  sie  nur  als  Wirkung  ihrer  Ursachen. 
Alsdann  aber  nenne  ich  den  Wechsel  ihrer  Erscheinung  der 
aus  beiden  sich  ergibt,  das  Leben  derjenigen  Kraft,  welche  der 
Grand  des  Einheitlichen  in  der  Thatsache  ist.  Das  Zusammen- 
fassen des  Wissens  von  Grund,  Erscheinung,  Ursache  und 
Wirkung  in  ein  Ganzes,  das  Leben  der  Kräfte  in  ihrer  Cau- 
salität,  nenne  ich  die  Wissenschaft. 

Und  wenn  ich  nun,  ohne  auf  weitere  Voraussetzungen 
and  Entwicklungen  einzugehen,  die  Gemeinschaft  der  Menschen 
als  eine  Einheit  der  Begriffe  von  Staat  und  Recht  betrachte, 
80  kann  ich  jetzt  mit  Recht  sagen,  dass  es  einerseits  eine 
Kenntniss  von  Staat  und  Recht,  das  ist  der  positiven,  con- 
creten  gegebenen  Erscheinung  und  Ordnung  beider  gibt,  die 
sich  in  der  Rechts-  und  Staatslehre  zimi  Ausdruck  bringt,  und 
dass  auf  der  andern  Seite  die  Philosophie  des  Staats  und  Rechts 
wie  beide  Begriffe  aus  der  Urkraft  zu  einem  in  sich  harmo- 
nischen Ganzen  entwickelt,  dass  aber  beide  Auffassungen  eben 
so  weit  von  einander  verschieden  sind  fiir  Recht  und  Staat 
wie  fUr  das  Daseiende  überhaupt,  keine  von  der  an  dem  ab- 
hängig, keine  die  andere  erfüllend,  jede  für  sich  vielleicht  voll- 
endet, aber  keine  für  sich  fUhig  die  Wirklichkeit  der  Lebens- 
gestaltungen zum  vollen  Verständniss  zu  bringen.  Die  letzteren 
kann  ich,  da  alle  wirklichen  Verhältnisse  des  Lebens  doch 
zuletzt  nicht  als  einfache,  sondern  als  ein  Complcx  zusammen- 
gefasster  Ursachen  und  Wirkungen  ei'scheinen,  offenbar  überhaupt 


224  stein. 

erst  dann  verstehen^  wenn  ich  sie  als  organische  Thatsachen 
in  ihrer  Causalität  untersuche  upd  ihre  bestimmte  Oestalt  zk 
das  Ergebniss  einer  Mehrheit  von  Factoren  betrachte,  deren 
Zusammenwirken  jene  erzeugt  haben.  Oder  wie  wir  nunmehr 
glauben  sagen  zu  dürfen,  das  wahre  Verständniss  des  staat- 
lichen und  rechtlichen  Lebens  der  menschlichen  Gtemeinschaft 
kann  uns  niemals  weder  die  Rechts-  und  Staatslehre  filr  sich, 
noch  auch  die  Rechts-  und  Staatsphilosophie  geben,  sondern 
nur  die  Staatswissenschaft. 

Und  jetzt  erst  scheint  es  einen  ganz  bestimmten  Sinn  zu 
gewinnen,  wenn  wir  von  der  Stellung  der  Griechen  innerhalb 
jener  gewaltigen  Arbeit  des  menschlichen  Geistes  reden,  die 
wir  in  diesem  Sinne  die  eigentliche  Staatswissenschaffe  genannt 
haben.  Denn  es  ist  keinem  Zweifel  unterworfen,  dass  wir  erst 
den  Griechen  die  Anfänge  einer,  zugleich  mit  der  Geschichte 
innig  verwobenen  Staats-  und  Völkerkunde  verdanken.  Eben 
so  gewiss  steht  es  uns  allen  fest,  dass  wir  im  griechischen 
Geiste  die  Elemente  aller  eigentlichen  Philosophie  des  Rechts 
und  des  Staats  zu  finden  haben.  Wenig  Werth  würde  unsere 
Arbeit  haben,  wollte  sie  das  hundertmal  Bewiesene  und  im 
Grunde  nie  Bezweifelte  noch  einmal  beweisen.  Wohl  aber  hat 
es,  wie  wir  im  Hinblick  auf  das  oben  Gesagte  zu  glauben 
berechtigt  sind,  einen  Sinn,  wenn  wir  nunmehr  sagen,  dass 
die  Griechen  auch  die  grossen  Grundlagen  desjenigen  gegeben 
haben,  was  wir  jetzt  im  wesentlichen  Unterschied  von  jenen  die 
eigentliche  Staatswissenschaft  nennen.  Denn  das  ist  nunmehr 
das  Zeichen  und  der  wahre  Inhalt  eben  dieser  Staatswissen- 
schaft, dass  sie  das  bürgerliche  und  das  öffentliche  Recht  des 
Staats  nie  als  blosse  Thatsache  auffasst,  etwa  wie  unsere 
Behandlung  des  heutigen  römischen  Rechts,  sondern  dass  sie 
vielmehr  jeden  im  bürgerlichen  wie  im  öffentlichen  Rechte 
gegebenen  Zustand,  jede  Verschiedenheit  desselben,  kurz  jede 
einzelne  bestimmte  Rechtsordnung  der  menschlichen  Gemein- 
schaft als  die  Consequenz  der  Factoren  erkennt,  welche  die- 
selbe vermöge  ihrer  eigenen  Natur  gebildet  haben.  Und  dies 
höchste  Princip  aller  Wissenschaft  des  Gesammtlebens,  diese 
unerschöpfliche  Fundgrube  für  das  wahre  Verständniss  der 
öffentlichen  Gewalten,  welche  uns  umgeben  und  beherrschen; 
diese    wahrhaft    unendliche    Aufgabe    menschlichen   Erkennens 


Die  Eatwicklnng  der  Staatswissenschaft  bei  den  Griechen.  325 

menBchlicher  Dinge  verdanken  wir  den  Oricchen.  Das  was 
sie  grade  hier  und  grade  in  diesem  Sinne  geleistet  haben,  ist 
ihre  ureigenste  That,  und  wenn  man  sie  hier  auch  nur  ein  wenig 
versteht,  wird  man  sie  grade  hier  am  meisten  bewundem. 

Dies  nun,  wenn  auch  nur  innerhalb  enger  Grenzen  nach- 
zuweisen, oder  mindestens  den  Blick  der  Berufenen  grade  auf 
diesen  selbstgearteten  Inhalt  der  griechischen  Geistes-  und 
Rechtsentwicklimg  hinzuwenden,  ist  die  Aufgabe  die  wir  uns 
gesetzt  haben.  Vielleicht  ist  es  dabei  verstattet  zu  betonen, 
dass  wir  grade  dadurch  gezwungen  werden,  Inhalt  und  Gang 
dieser  für  ihre  eigentliche  Vollendung  viel  zu  eng  begränzten 
Arbeit  in  ganz  anderer  Weise  darzulegen,  wie  die  Werke  der 
80  hochbedeutenden  Fachmänner,  denen  wir  nie  genug  danken 
können,  dass  sie  das  Gold  der  Geschichte  Griechenlands  mit 
wunderbarer  Hingebung  in  den  Tiefen  der  Vergangenheit  sowohl 
in  den  Darstellungen  des  thatsächlichen  griechischen  Lebens 
für  sich  als  in  den  grossartigen  Anschauungen  der  griechischen 
Philosophen  entdeckt  und  uns  zum  Genüsse  hingegeben  haben. 
Mit  aufrichtiger  Hochachtung  wird  alle  Zukunft  die  Arbeiten 
nicht  bloss  4er  grossen  Geschichtschreiber  der  giüechischen 
Philosophie,  sondern  auch  die  Bearbeiter  der  Thatsachen  des 
griechischen  Gesammtlebens,  eines  Boekh,  Herrmann,  Grote 
und  anderer  verehren  und  nie  werden  wir  aufhören  von  ihnen 
zu  lernen.  Aber  doch  findet  selbst  neben  ihnen  noch  ein  Versuch 
seine  Berechtigung,  der  das  geistige  Leben  Griechenlands  als 
Ergebniss  und  Begleiter  seiner  wirthschaftlichen  und  gesell- 
schaftlichen Ursachen  auffasst,  und  in  denselben  wieder  den 
Factor  zu  erkennen  sucht,  der  jenem  seine  Gestalt  und  seine 
Entwicklung  gegeben.  Und  wenn  das  Folgende  einen  Werth 
hat,  so  kann  derselbe  nur  in  dem  Streben  liegen,  eben  dieser 
Aufgabe  zu  dienen. 

Freilich  müssen  wir  dann  noch  einen  Schritt  thun,  bevor 
wir  mit  der  historischen  Entwicklung  selber  beginnen.  Denn 
wenn  die  Wissenschaft  von  Recht  und  Staat  das  Wissen  der 
Ursächlichkeit  ist,  welche  den  Gedanken  vom  wahren  Recht 
und  vom  vollendeten  Staat  mit  den  Ursachen  vorbindet  aus 
denen  die  bestimmte  Gestalt  und  das  Werden  im  positiven 
Recht  des  Staats  hervorgehen,  so  werden  wir  über  den  Werth 
und    den    £rfolg    einer    solchen    eigentlich    wissenschaftlichen 

Sitznngsber.  d.  phU.-hist.  Gl.  XCIII.  Bd.  II.  Hft.  15 


226  stein. 

Behandlung  nur  ein  sehr  unsicheres  Urtheil  bilden,  wenn  wir 
diese  causalen  Factoren,  aus  denen  das  Wirkliche  im  wechseln- 
den Staatsleben  hervorgeht,  nicht  schon  vorher  erkannt  und 
bestimmt  haben.  Denn  ob  jene  Wissenschaft  bloss  ein  Streben 
nach  derselben  gewesen  oder  einen  dauernden,  auch  ftir  uns 
noch  werthvoUen  Inhalt  besitzt,  das  erkennen  und  messen  wir 
zuletzt  doch  erst  dann,  wenn  wir  die  Grundlagen  an  und  für 
sich  festgestellt  haben,  die  ihrerseits  die  Wirklichkeit  und  den 
Wechsel  im  concreten  Rechts-  und  Staatsleben  beherrschen. 

Wir  aber  würden  nun  diese  Vorarbeit  für  die  Beurtheilung 
des  Entwicklungsprocesses  der  griechischen  Staatswissenschaft 
hier  vorzulegen  uns  gewiss  nicht  erlauben,  wenn  das  Ergebniss 
derselben  bloss  für  die  griechische  Geschichte  maassgebend  wäre. 
Wer  aber  diese  Ergebnisse  an  und  für  sich  betrachten  mag, 
der  wird  finden,  dass  sie  mindestens  in  gleichem  Maasse  wie 
einst  für  Griechenland,  so  auch  für  unsere  unmittelbare  Gegen- 
wart, ja  wir  wagen  es  zu  behaupten  auch  für  alle  Zukunft 
ihre  ewige  Geltung  fordern  dürfen.  Und  darum  verstatten  wir 
uns,  sie  auch  an'  diesem  Orte  darzulegen.  Denn  die  Ehrerbie- 
tung mit  der  wir  der  geistigen  Welt  der  Griechen  nahen,  wird 
in  dem  Grade  steigen,  in  welchem  das  was  sie  vor  tausenden 
von  Jahren  zu  wissen  gewagt  haben,  nicht  bloss  jetzt,  sondern 
noch  nach  tausenden  von  Jahren  gelten  wird. 

Das  eben  ist  das  Grosse  bei  ihnen,  dass  wir,  indem  wir 
die  tiefsten  und  gewaltigsten  Factoren  alles  menschlichen  Lebens 
vor  uns  entwickeln,  doch  zuletzt  nur  zu  vollenden  streben,  was 
jenes  wunderbare  und  uns  doch  stammverwandte  Volk  zu  be- 
ginnen die  Kraft  hatte! 

II. 

Wenn  es  uns  gelungen  ist  unsere  Auffassung  von  der 
Wissenschaft  menschlicher  Dinge  im  Unterschiede  von  der 
Kunde  und  der  Philosophie  derselben  richtig  darzustellen,  so 
wird  es  klar  sein,  dass  ihre  Entwicklung  und  Erfüllung  in  der 
genauen  Entwicklung  und  Untersuchung  eben  dieser  selbst- 
ständigen Factoren  selber  liegen  wird,  welche  aus  dem  an  sich 
einheitlichen  und  gleichen  Begriffe  des  Süiats  die  Verschieden- 
heit und  den  Wechsel  dos  thatsiiclilichen  Staatslebens  erzeugen. 


Die  Entwicklnng  der  Staatswigsenschaft  bei  den  Oriechen.  227 

Diese  beiden  Factoren  nun  sind  die  Persönlichkeit  an 
sich  und  der  Besitz,  dessen  Macht  zwar  ewig  gleich,  dessen 
Vertheilung  aber  ewig  eine  verschiedene  ist.  Alle  Wissen- 
schaft vom  Staate,  im  Unterschiede  von  seiner  Kenntniss  und 
seinem  Begriffe  beginnt  daher  da,  wo  ich  seine  Zustände  als 
durch  den  nie  ruhenden  Einfluss  des  letzteren  auf  die  ewig  an 
sich  gleiche  Natur  des  ersteren  zu  erkennen  beginne.  Und  das 
ist  die  Grundlage  alles  Folgenden.  Denn  was  gerade  hier  die 
Griechen  geleistet,  das  anzudeuten  ist  unsere  Aufgabe. 

Nun  sind  zunächst  die  Griechen  die  ersten,  welche  den 
Menschen  als  solchen  zum  Gegenstande  wissenschaftlicher  Unter- 
suchung gemacht  haben.  £s  mag  sein  dass  sie  die  Elemente 
der  Anatomie  und  Physiologie  vom  Orient  empfingen,  und  die 
Elemente  der  strengen  Logik  gleichfalls  von  daher  in  sich  auf- 
genommen haben.  Allein  den  Menschen  in  der  lebendigen 
Gemeinschaft,  den  Menschen  der  Pflicht  und  den  Menschen  der 
That  in  der  wirklichen  Welt,  den  ethischen  Menschen,  haben 
nur  die  Griechen  verstanden.  Das  Ethos  der  Griechen  ist  die 
zur  selbständigen  Wissenschaft  erhobene  Erkenntniss  des 
Menschen,  in  so  fern«  sein  eigenes  philosophisches  Ideal  mit 
den  concreten  Kräften  kämpft,  die  sein  Leben  bestimmen.  In 
immer  wiederholten  Arbeiten  haben  die  Philosophen  aller  Zeiten 
diese  griechischen  Gedanken  wieder  gedacht.  Auch  wir  werden 
unsere  Auffassung  in  unserer  Weise  auszudrücken  Veranlassung 
finden.  Aber  auf  bekanntem  Gebiet  Bekanntes  zu  wiederholen, 
kann  nicht  unsere  Aufgabe  sein. 

Ganz  anders  gestaltet  sich  jedoch  der  zweite  Factor,  den 
auch  die  Griechen  kannten,  den  aber  auch  sie  nicht  ganz  zu 
Ende  gedacht  haben.  Wir  müssen,  wollen  wir  anders  die 
Geschichte  des  Staats-  und  Rechtslebens  Griechenlands  wie 
die  der  griechischen  Philosophie  desselben  ganz  verstehen,  bei 
diesem  Begriffe  einen  Augenblick  stehen  bleiben. 

Zuerst  nun,  denken  wir,  wird  wohl  niemand  bestreiten, 
dass  ohne  dasjenige  was  wir  im  allgemeinen  die  Güter  oder 
das  Vermögen  des  Menschen  nennen,  weder  der  Einzelne  sich 
erhalten,  noch  der  Begriff  des  Staats  oder  der  des  Rechts  ohne 
diese  seine  materielle  Grundlage,  überhaupt  gedacht  werden 
können.  Das  wirthschaftliche  Gut  im  weiteren  Sinne  bildet 
den  objcctivcn  Inhalt  beider  und  die  natürliche  Voraussetzung 

15* 


228  St.*^in. 

für  jedes  einzelne  Moment  in  ihrer  Entwicklung.  Das  nun  ist 
in  seiner  Allgemeinheit  gewiss  richtig,  aber  gewiss  auch  werthlos. 
Indem  ich  aber  dies  wirthschaftliche  Güterleben  zunächst  für 
sich  zu  denken  und  in  seinen  ganz  selbständigen  Gesetzen  und 
Bewegungen  zu  beobachten  suche;  so  entsteht  mir  eine  selb- 
ständige Wissenschaft,  welche  ich  noch  ausserhalb  ihrer  Be- 
ziehungen zu  den  übrigen  Gebieten  des  Lebens  wohl  die 
Volkswirthschaftslehre  oder  Nationalökonomie,  die  Wissenschaft 
des  Lebens  der  Güter  nenne.  So  wie  ich  aber  einen  Schritt 
weiter  gehe,  und  in  diesen  Gütern  und  ihrer  Bewegung  eine 
Kraft  erkenne,  welche  thätig  und  nur  zu  oft  entscheidend  auf 
den  Process  einwirkt,  in  welchem  die  reine  Idee  des  Ge- 
rechten in  Staat  und  Recht  zur  Verwirklichung  zu  gelangen 
strebt,  so  erkenne  ich  bald,  dass  unter  allen  Dingen  keines 
ihnen  vergleichbar  in  Macht  und  Bedeutung  mit  eben  dieser 
Welt  der  Güter  dasteht.  Denn  es  gibt  keinen  Pimkt,  auf 
welchem  dieselben  nicht  das  Leben  nicht  bloss  der  ganzen 
Menschheit,  sondern  auch  ihrer  Gedanken  durchdränge  und  zum 
nicht  geringen  Theil  beherrschte,  kein  Gebiet  menschlicher  Be- 
strebungen und  Hoffnungen,  ja  fast  keines  menschlichen  Glückes 
oder  Unglückes  in  dessen  Grundlage  oder  Hintergrund  sie  nicht 
mit  ihrer  elementaren  Gewalt  aufträten.  Das  nun  erfährt  jeder 
Einzelne  an  seinem  einzelnen  Schicksal  in  tausendfacher  Weise, 
und  ewig  wird  es  wahr  bleiben,  dass  bei  den  meisten  Menschen 

« 

das  was  sie  sind  und  thun  nie  erklärt  werden  kann  ohne  das 
was  sie  haben. 

Da  aber,  wo  die  Güter  durch  ihre  Gewalt  über  die 
Einzelnen  auf  die  Gemeinschaft  selber  zu  wirken  beginnen,  da 
erst  zeigt  es  sich  was  sie  vermögen,  und  wie  wenig  wir  dies 
wirkliche  Leben  der  Welt  verstehen,  so  lange  wir  jene  nicht 
in  unser  Verständniss  derselben  aufzunehmen  wissen.  Und  in 
dieser  ihrer  bald  harmonischen  bald  furchtbaren  Gewalt  über 
die  concreto  Bildung  von  Staat  und  Recht,  in  ihrer  Gefahr  für 
die  Idee  des  Gerechten  und  für  den  Kampf  und  Sieg  alles 
Edlen  über  das  Gemeine,  in  der  Energie  mit  der  sie  das  Be- 
stehende bald  erhalten,  bald  es  bedrohen,  in  dem  Bewusst- 
sein  dass  erst  da,  wo  sie  mit  ihren  Elementen  und  Gewalten 
dem  Ganzen  eingefügt  und  ihm  gebändigt  unterworfen  sind, 
stellen  jene  wirthschaftlichen  Güter  neue  Forderungen   an  das 


Die  Entwicklang  der  SUotewiiisexuicliftft  bei  den  Griechen.  229 

Verständniss  des  LebenS;  neue  Bedingungen  für  die  Aufgaben  des- 
selben,  und  empfangen  als  mitwirkende  und  gewaltige  Factoren 
der  Gestaltung  sJler  menschlicben  Dinge  auch  einen  neuen 
Namen^  unter  dem  eigentlich  erst  unsere  Zeit  sie  verstehen 
und  in  der  Bahn  ihrer  mächtigen  Wirkungen  sie  verfolgen  lernt. 
Aus  dem  wirthschaftlichen  Gute  dessen  Begriff  und  lebendigen 
Oi^anismud  uns  die  Volkswirthschaft  lehrt,  wird  in  diesem 
Sinne;  als  Factor  der  geistigen  Entwicklung  der  Menschheit 
überhaupt  und  speciell  als  mitwirkende  Kraft  in  aller  Verwirk- 
lichung der  Idee  vom  Gerechten;  von  Staat  und  Recht;  der 
Besitz.  Der  Besitz  ist  zunächst  nichts  anderes  als  das  Gut, 
aber  er  ist  das  Gut  in  seiner  Gewalt  über  das  Leben  der 
fflenschlichen  Gemeinschaft;  das  Gut  als  einer  der  mächtigsten 
Factoren  in  aller  Staats-  und  Bechtsbildung;  das  Gut  in  seiner 
ethischen  Bedeutung  für  jeden  Einzelnen  .und  damit  für  das 
Gesammtleben.  Dies  Gut  aber  als  Besitz  erkannt  und  gedacht 
bleibt  in  diesem  seinem  Einfluss  auf  die  Menschheit;  ihre  wirk- 
liche Ordnung  und  das  Leben  ihrer  Idee  nicht  etwa  wieder 
ein  in  sich  einfaches  Element;  und  nicht  bloss  in  seiner  elemen- 
taren Natur;  welche  sein  Begriff  wie  sein  Name  von  dem  des 
wirthschaftlichen  Gutes  so  bestimmt  scheidet;  muss  man  die 
Quelle  seiner  Gewalt  in  menschlichen  Dingen  suchen.  Der 
Besitz  vielmehr  als  das  in  die  ethische  Idee  aufgenommene 
Gut  nimmt  in  das  Leben  dieser  Idee  wiederum  dasjenige  mit 
hinüber;  ohne  welches  es  selbst  kein  Gut  sein  kann,  das  Maass 
und  die  Vertheilung.  Mit  diesem  seinem  Maasse  aber,  das  an  ihm 
vermöge  seiner  zunächst  wirthschaftlichen  Natur  haftet;  tritt 
er  in  die  Menschheit  hinein;  und  es  ist  klar  dasS;  wenn  das 
Gut  als  Besitz  etwas  über  die  Menschen  vermag;  sei  es  im 
Guten  sei  es  im  Schlimmen;  diese  Macht  des  Besitzes  mit  der 
Vertheilung  der  Güter  welche  eben  den  Besitz  bilden;  zu 
einer  Vertheilung  dieser  Macht  selber  unter  den  Menschen 
werden;  und  das  Maass  des  Besitzes  selbst  für  jeden  Einzelnen 
aus  dem  Gute  selbst  ein  neues  Gut  erzeugen  musS;  dessen 
Inhalt  dann  nicht  mehr  die  Substanz  des  wirthschaftlichen  Ver- 
mögens etwa  in  Grund  und  Boden  oder  in  Geld;  sondern  die 
mit  dem  letztem  gegebene  Stellung  in  der  Gemeinschaft  selber 
bedeuten  wird.  Die  Untersuchungen  über  diesen  ProcesS;  durch 
welchen   auf  diese  Weise  aus  dem  wirthschaftlichen  Gute  der 


230  stein. 

Besitz  und  aus  dem  Besitz  ein  neuer  Begriff  neuer  Güterarten, 
und  aus  der  Vertheilung  beider  eine  zuletzt  auf  dem  wirth- 
schaftlichen  Organismus  der  Güter  beruhende  neue  Ordnung 
des  Gesammtlebens  der  Menschheit  entsteht,  hat  sich  nun  erst 
in  unserer  Zeit  von  der  Volkswirthschaftslehre  einerseits  und 
der  Rechts-  und  Staatslehre  andererseits  zu  einem  selbstän- 
digen Gebiete  der  Wissenschaft  abgelöst  und  sich  neben  jene 
hingestellt.  Diese  nun  zu  verfolgen  ist  hier  zwar  nicht  der 
Ort;  wohl  aber  bedürfen  wir  für  das  Verständniss  nicht  bloss 
unseres  Lebens,  sondern  auch  der  griechischen  Staats-  und  Ge- 
dankenwelt der  Worte  und  Begriffe,  welche  aus  jener  Unter- 
suchung hervorgegangen  sind  und  die  wir  alle  kennen,  obgleich 
ihr  eigentlicher  Sinn  bis  jetzt  kein  offen  vorliegender  war.  Jene 
Ordnung  unter  den  Mensclien  nämlich,  welche  durch  die  Ver- 
theilung des  Besitzes  im  obigen  Sinne  gesetzt  und  mit  dem 
Wechsel  dieser  Vertheilung  eine  immer  wechselnde  ist,  nennen 
wir  die  Gesellschaft;  das  Maass  des  wirthschaftlichen  Gutes 
aber,  dem  Einzelnen  zum  Maasse  der  Kraft  geworden,  vermöge 
deren  er  auf  das  wirkliche  Leben  Anderer  Einfiuss  hat,  ver- 
leiht ihm  jetzt  als  Maass  seines  Besitzes  seine  gesellschaftliche 
Stellung,  und  aus  der  materiellen  Grösse  dieses  wirthschaftlichen 
Maasses,  die  wir  als  Reichthum,  Armuth  und  Wohlhabenheit  rein 
wirthschaftlich  bezeichnen,  wird  ein  neues  gesellschaftliches 
Gut,  das  wir  in  seinen  zwei  grossen  Grundformen  als  die  Kraft 
in  allen  öffentlichen  Dingen,  die  Macht  oder  den  öffentlichen 
Einfluss,  und  andrerseits  als  den  öffentlichen  Werth  einer  ein- 
zelnen Persönlichkeit  die  Ehre  nennen.  Die  Gesellschaft  der 
Menschen  wird  damit  jetzt  in  ihrem  wesentlichen  oder  viel- 
mehr organischen  Unterschiede  von  der  abstracten  Gemeinschaft 
derselben  diejenige  Ordnung,  welche  durch  die  Vertheilung  des 
Besitzes  als  Vertheilung  der  beiden  gesellschaftlichen  Güter 
der  Macht  und  der  Ehre  gebildet  wird,  und  in  welcher  daher 
das  wirthschaftliche  Element  des  menschlichen  Lebens  zur 
ethischen  Grundlage  des  Gesammtlebens  erhoben  ist.  Das  ist 
der  erste  Schritt,  den  die  neuere  Wissenschaft  auf  diesem 
Gebiete  gethan  hat. 

Als  solcher  aber  würde  er  ein  bloss  abstracter  sein  und 
rein  der  Geschichte  des  menschlichen  Gedankens  angehören. 
Allein  er  bedeutet  mehr. 


Die  Eutwickluufif  der  Stuatewisdeubchuft  bei  den  Griechen.  231 

Denn   da   das   wirthschaftliche  Gut  das   wirkliche  Leben 
der  Persönlichkeit   erfüllt  und   als   Besitz   die   Grundlage   der 
Ordnung  der  wirklichen  Gemeinschaft  derselben  ist,  so  werden 
beide  auch  je  mit  ihren  einzelnen  Momenten  in  allen  einzelnen 
Verhältnissen    des   persönlichen  LeBens  sich   als  wirkende,   er- 
füllende und  erzeugende  Kräfte  wieder  finden;    denn   sie  sind 
es  ja  doch,  in  denen  die  Bethätigung  des  Wesens  der  Persön- 
lichkeit nicht  bloss  für  die  letztere  an  sich,  sondern  auch  für 
die  andere  erscheint.    Es  ist  daher  schon  jetzt  nicht  füglich  mehr 
zu  bestreiten,    dass   erst   sie  es  sind  welche  auch   dem  Rechte 
seinen  Inhalt  geben.     Dieses  nun   hier  zu   entwickeln,    dürfen 
wir  uns  nicht  anmaassen,  nachdem  wir  dasselbe  schon  an  einem 
andern  Orte  versucht  haben.   Wohl  aber  ist  es  auf  den  ersten 
Blick  klar,  dass  die  deutsche  Sprache,  die  wunderbarste  Schöpfung, 
des  noch  unbewusst  wirkenden  Geistes  die  es  gibt,  jene  Güter 
beständig  von  dem  Rechte  dessen  Inhalt  sie  bilden,  geschieden 
und  die  unklare  Verschmelzung   beider   fast  unerbittlich   ver- 
hindert hat,  in  welcher  sich  hier  mehr  oder  weniger  alle  andern 
Sprachen  der  Welt  befinden.    Denn  nur  sie  spricht  von  einem 
Eigentbums-Recht,   von  einem  Güter-Recht,   von  einem  Besitz- 
Recht,  von  einem  Ehe-  und  Familien-Recht,  von  einem  Staats- 
Recht,  in  einem  Worte  zwei  selbständige  Gedanken  geistig  so 
verbindend  zu  einer  dritten  Einheit,  wie  die  Natur  tausendfach 
aus  zwei  Elementen  ein  drittes  zu  erzeugen   weiss,    ohne  dass 
doch  die  beiden  Elemente  aus  denen   es   besteht,  jemals  Eins 
gewesen  wären.     Und  so  ist  sie  es  zunächst  welche  uns  lehrt, 
dass  Recht  und  Staat   erst    durch   das  Leben  der  Güter  ihren 
Inhalt  und  wiederum  durch  den  Besitz  und  seine  gesellschaft- 
lichen  Gewalten   ihre   Bewegung   empfangen.     Wie   nun   aber 
das  geschieht  und  nach  welchen  Gesetzen,    das   darf  hier  nur 
in  seinem  letzten  Resultate  als  Grundlage  der  Beurtheilung  der 
griechischen    Staatswissenschaft    gesagt    werden.      Fassen    wir 
nämlich  alle  Untersuchungen  die  darüber  stattgefunden  hier  in 
die  zwei  Sätze  zusau^men,  welche  gleichsam  das  letzte  Ergebniss 
dieser  Forschungen  ausmachen,  so  können  wir  sagen,  dass  die 
wiithschaftlichen   Güter    für    das   Leben   der   Einzelnen   unter 
einander  die  Grundlage  und  das  System  des  bürgerlichen  Rechts, 
der  Besitz    aber  im    obigen  Sinne   und   die  aus  ihm  entsprin- 
genden   gesellschaftlichen    Güter    der    Macht    und    Ehre    die 


232  stein. 

Grundlage  und  das  System  der  Staatsverfassungen,  des  öffentlichen 
Rechts  bilden,  das  gleichfalls  nach  den  neuesten  Forschungen 
wieder  in  das  Verfassungs-  und  das  Verwaltungsrecht  ge- 
schieden werden  muss,  eine  Unterscheidung  ohne  deren  Durch- 
führung uns,  wie  es  die  nahe  Zukunft  aller  StaatswisseDschaft 
zeigen  wird,  weder  das  System  der  letztern,  noch  auch  die 
Geschichte  der  alten  oder  der  neuen  Welt  je  vollkommen  ver- 
ständlich werden  kann.  Und  dies,  glauben  wir,  ist  der  Punkt, 
von  welchem  aus  die  griechisclie  Rechts-  und  Staatswissen- 
schaft in  ihrer  Eigenthümlichkeit  und  ihrem  wahren  Werthe 
betrachtet  werden  muss» 

Denn  wenn  wir  früher  schon  gesagt  haben,  die  griechische 
Welt  habe  die  Staatswissenschaft  als  solche  erzeugt,  so  dürfen  wir 
jetzt  den  Sinn  dieses  Satzes  bestimmter  fassen.  Die  Griechen 
sind  es,  welche  zuerst  erkannt  haben,  dass  alles  Recht  und  alle 
Staatenbildung  zwar  an  sich  durch  die  Urgewalt  ewiger  Kräfte; 
durch  ihr  Wesen,  ihre  (puctg  entstehen  und  sich  nie  ganz  von 
derselben  scheiden,  dass  aber  das  wirkliche  Leben  dieser  Idee 
auf  jedem  Punkte,  namentlich  aber  in  dem  Recht  und  der  Ver- 
fassung der  Staaten  durch  die  wirthschaftlichcn  und  gesell- 
schaftlichen Güter  und  die  in  ihnen  lebendige  und  in  der  Per- 
sönlichkeit sich  äussernde  Kraft  beherrscht  sei.  Es  ist  wahr, 
dass  sie  weder  eine  Rechts-  noch  eine  Volkswirthschaftslehrc 
gehabt  haben,  und  deshalb  sind  ihre  allgemeinen  Begriffe  über 
beide  höchst  unklar  imd-  unfertig;  aber  dennoch  sind  sie  eS; 
welche  die  Gewalt  jener  Güter  zuerst  empfunden,  sie  zuerst 
in  ihrer  selbständigen  Kraft  von  der  Idee  des  Gerechten  und 
Edlen  geschieden  und  sie  zum  bewussten  Gegensatz  erhoben 
haben.  Sie  sind  es,  welche  zuerst  die  Gefahren  die  in  ihnen 
für  alles  Edle  und  Grosse  liegen,  erkannt  und  dieselben  der 
Welt  gepredigt,  zuerst  die  Tugend  dem  Reichthum,  die  Kraft 
der  cio^poojvYj  dem  Genüsse  der  Güter^  die  Idee  des  sittlichen 
Ganzen  der  Wirklichkeit  einer  durch  jene  elementaren  Gewalten 
beherrschten  Rechts-  und  Verfassungsordnung  gegenübergestellt, 
zuerst  mit  tiefem  sittlichem  Unmuthe  das  Verderben  bekämpft 
haben,  das  jene  materiellen  Mächte  immer  da  mit  sich  bringen, 
wo  sie  des  Bessern  im  Menschen  Herr  werden.  Ihr  Ethos  ist 
daher  keine  Moral,  welche  nur  negativ  diese  Herrschaft  der 
Güter    mit   kindlicher  Lehre    beseitigen   möchte;    nein,  es  ist 


Die  Entwicklung  der  Ste^tswiBsenaehaft  bei  den  Griechen.  233 

vielmehr  dio  geistige  Kraft  des  Besten  und  Edelsten  in  uns,  die 
mit  all  den  Verlockungen  zur  Unwahrheit  und  Ungerechtigkeit 
den  offenen  mannhaften  Kampf  kämpfen  soll,    der  des  wahren 
Mannes,   des  x/Yjp   Bixatoi;,   allein   würdig;    iHr  Ethos    ist    nicht 
Frömmigkeit,   sondern  die  That  des  Edlen  um  der  Gerechtig- 
keit willen;    es  ist  nicht  die  Freiheit  von  fremder  Herrschaft, 
sondern   die  Erhebung   über   die  Herrschaft   der  Güter;  es  ist 
uicht  eine  Ergebung  in  das  himmlische,  sondern  die  thatkräftige 
Verwirklichung  in  einer   gesellschaftlichen   irdischen  Ordnung, 
die  vor  ihren  Augen  durch  jene  '^roXuyjjr^iJiaTia  auf  allen  Punkten 
in  Blut  und  Geld  zu  Grande  ging,  welche  der  delphische  Gott 
den  Spartanern  als  ihren  einzigen  tödtlichen  Feind  gewahrsagt 
liatte.  Und  darum  predigten  und  wollten  sie  nicht  so  sehr  die 
technische  Bildung  und  den  Unterricht,  in  dem  unsere  Zeit  zu 
sehr  die  letzten  Gründe  des  Wohlseins  und   der  Entwicklung 
des  Volkes  findet,  und  nicht  Lehren  der  Weisheit  und  Tugend, 
welche  die   gefahrlose  Vollkommenheit   als   den  Preis   für   ein 
Leben  hinstellen,   das  nie   etwas  verliert  weil  es  nie  etwas  zu 
wagen  wagt,  sondern  sie  wollten  die  Erziehung  zum  thatkräftigen 
Ethos  im  Herzen  des  Menschen,  die  Anschauung,  welche  das  Edle 
als  das  wahre  Gut  hoch  über  jene  wirthschaftlichen  und  gesell- 
schaftlichen Güter  zu  erheben,   die  Kraft  für  dies  Höchste  zu 
leben  und  wenn  es  sein  muss  zu  sterben  lehrt.     Darum  wird  das 
gpriechische    Ethos    aus    dem    sittlichen   Begriff   zum   sittlichen 
Charakter,  und  ihre  [AouaiKt^i  ist  keine  stille  Harmonie  der  Seelen, 
sondern  die  Kraft  zur  harmonischen  Arbeit,  welche  das  Schöne 
zugleich   zu   empfinden    und   zu    vollbringen   weiss.     Und   das 
war  es,  weshalb  sie  die  Kunst  des  Erwerbes  so  tief  neben  der 
Kraft  des  Besitzes   verachteten  und  niemals   dahin  <  gelangten, 
der  Thatsache  des  Reichthums   in   ihrer  Wissenschaft  dieselbe 
Ehre  zu   erkennen,   welche  das    wirkliche  Leben   ihr  nur    zu 
reichlich   spendet.     Das   war   es   eigentlich   weshalb  ihnen  der 
Erwerbssinn   so   gemein   dünkte,   dass   er   auch   dem  idealsten 
unter  Allen,  dem  sinnvollen  Plato,  nur  dann  als  Tugend  erschien, 
wenn  er  im  Dienste  der  Weisheit  stehe,  während  der  schärfste 
ihrer  Denker,  Aristoteles,  von  jenem  wahrhaft  griechischen  Ge- 
fühl fast    unbewusst  bezwungen,    zugleich   alle   Menschen   fiir 
gleich  erklärte,  und  dennoch  auch  nicht  entfernt  den  Gewerbs- 
mann, den  ßavau7o;,  zum  Bürger  in  seinem  Staate   zuliess.    Es 


234  stein. 

ist  etwas  unendlich  tief  Sittliches  in   diesem   logisch  unerklär- 
lichen Widerspruche,   der  zuletzt  doch  nur  den  Unmuth  über 
die  Gewalt  der  wirthschaftlichen  Güter  im  Leben  ihres  Volkes 
bedeutet  und  sich  stets  zu  der  von  ihnen  allen  ewig  erneuten 
Idee  entfaltet,  dass  nicht  der  Mächtige,  sondern  dass  der  Weise 
herrschen  solle,  und  dass  die  Gemeinheit  da  beginne,  wo  die  wirth- 
schaftlichen Zwecke  sich  gleichberechtigt  neben    die   ethischen 
Ziele    zu    stellen    trachten.     Und   wahrlich    gerade    diese   tief- 
innerste  Auffassung  der  Griechen,  welche  man  ohne  den  idealen 
ewig  jugendlichen  Grundzug  in  ihrem  geistigen  Leben  und  ohne 
die  elenden  Zustände,    welche  rings  umher  die  Herrschaft  von 
Armuth    und   Reichthum    geschaflFen,    als    der    peloponnesische 
Krieg  unter  seinen   blutigen  Schlachtfeldern  die  Blüthe  dieses 
herrlichen  Volkes  begraben  hatte,  wird  niemand  die  griechische 
Rechts-  und  Staatsphilosophie  verstehen  und  niemand  den  tiefen 
Klageton  herauslesen  aus  den  Dialogen  Piatons,    mit  denen  er 
sich  in  eine  Welt  flüchtete  in  der  er  wenigstens  jene  gemeinen 
Elemente    nicht    mehr    fand,    welche    den    Aristides    und  den 
Xenophon  verbannten  und  dem  Sokratcs  den  Tod  gaben,  oder 
aus   den    strengen  Untersuchungen   des  Aristoteles,    mit  denen 
der  selbst  Verbannte  auf  Euböa  zu   begreifen   suchte,   wie  ein 
grosses  Volk  so  klein  werden  könne  durch  Gewalten,  die  seinem 
eigenen  freigebornen  Herzen  die  Erkenntniss  abzwangen,  dass 
diesem    gefallenen   Volke   nur   ein    Macedonier   helfen    könne! 
Endlos  wäre  es  für  uns  zu  sagen,  was  wenn  wir  es  ei*schÖpfen 
sollten,  hierüber  gesagt  werden  müsste.     Aber  das  ist  gewiss, 
dass   hier  gerade   in   diesen  Griechen,  die    uns    voranleuchten^ 
zum  ersten  Mal  das  Edelste  im  Menschengeiste  sich  gleichsam 
aufbäumt  gegen  die  ihnen  zuerst  zum  Bewusstsein  gekommene 
Gewalt  der  wirthschaftlichen  Güter,  und   dass  gerade  dadurch 
für  sie  zum  ersten  Mal  in   der  Geschichte  des  Gedankens  die 
rein  formale  Staatswissenschaft  zur  Lehre  vom  lebendigen,  that- 
kräftig  sich  zur  Herrschaft  erhebenden  Ethos  geworden.    Und 
in    diesem    allgemeinen    Sinne    sagen   wir   zunächst,   dass  der 
griechische   Geist   es   sei,    der   die  Gesellschaftslehre  aus  dem 
Schooss  der  Staatsphilosophie  geboren,  und  an  der  Mutterbrust 
seines    edlen,    stolzen   Volksbewusstscins    ernährt    habe^    eine 
Wissenschaft  die  fiir  alle  Zeiten  eben  darum  die  Aufgabe  und 
die  Kraft  jener  ewigen  Jugend  behalten  wird,  das  Schöne  aufs 


Die  Butwlclcluüg  der  ^taatswiütfouschaft  bei  deu  Grivcbeu.  235 

« 

neue  in  uns  zu  erzeugen  und  das  Edle  aufs  neue  zu  verehren 
und  zu  erstreben. 

III. 

Das  nun  ist  es  was  uns  den  in  seinem  Inhalt  entwickelten^ 
als  selbständigen  gewaltigen  Factor  alles  wirklichen  Lebens 
vom  Gute  und  Vermögen  so  tief  verschiedenen  Begriff  und 
Organismus  des  Besitzes  lehrt,  der  die  Gesellschaft  und  aus 
ihm  den  wirklichen  Staat  mit  seinem  Recht  und  seinem  Leben 
in  beständig  wechselnden  Gestaltungen  erzeugt.  Und  nun  dürfen 
wir  sagen,  dass,  wenn  die  Griechen  die  Gründer  nicht  blos  der 
Philosophie  sondern  der  Wissenschaft  des  Staats  geworden,  sie 
das  nm*  sein  können,  indem  sie  neben  der  Lehre  vom  geistigen 
Menschen  auch  das  Verständniss  eben  dieses  Factors,  des  Be- 
sitzes, in  ihren  grossen  geistigen  Lebenskreis  hineingezogen. 
Und  während  wir  nun  die  Geschichte  der  reinen  griechischen 
Philosophie  als  bekannt  voraussetzen  dürfen,  bestimmt  sich  jetzt 
unsere  besondere  Aufgabe  dahin  zu  zeigen,  wie  das  was  wir 
die  eigentliche  Staatswissenschaft  nennen,  sich  in  den  gewaltigen 
Händen  der  Erkenntniss  vom  Wesen  eben  dieses  Besitzes  und 
der  Gesellschaft  bei  den  Griechen  gestaltet  hat. 

Nun  dürfen  wir  bei  dieser  Behandlung  den  Standpunkt 
charakterisiren,  von  welchem  wir  ausgehen. 

Denn  bei  dem  das  gesammte  Loben  von  Recht  und  Staat 
des  ganzen  Griechenlands  umfassenden  Wesen  dieses  Besitzes, 
dürfen  wir  nicht  bei  einem  einzelnen  Mann  und  nicht  einmal 
bei  einem  einzelnen  Zeitraum  stehen  bleiben.  Das  Grosse 
in  dieser  griechischen  Welt  war  eben  die  Continuität  in  der 
Gesammtentwicklung  derselben,  durch  welche  am  meisten  jene 
Werke  alle  Zeiten  überlebt  und  ihre  wahre  Unsterblichkeit 
darin  gefunden  haben,  dass  wir  von  dem  geistigen  Werden 
jener  Gedankenwelt  erfasst  uns  sagen  müssen,  dass  wir  immer 
erst  dann  recht  anfangen,  wenn  wir  mit  ihnen,  den  Beginnenden 
in  der  Staatswissenschaft  selber  beginnen. 

Denn  in  der  That  hat  der  grosse  geistige  Process,  der  die 
griechische  Staatswissenschaft  erzeugte,  durchaus  nicht  die  Natur 
einer  zufälligen,  auf  dem  individuellen  Geiste  ruhenden  Be- 
wegung, wie  sie  auf-  und  absteigt  je  nachdem  die  Fürsten  des 


236  stein. 

Gedankens  zufallig  geboren  werden  oder  die  geistige  Arbeit 
lieben  lernen.  Sondern  wir  sehen  vielmehr  ein  grosses  in  sich 
geschlossenes^  klares  Bild  vor  uns,  in  welchem  der  Keim  sich 
allmälig  zur  Blüthe,  die  Blüthe  zur  Frucht  entwickelt ;  und  auf 
jedem  Schritte  dieser  Entwicklung  sind  wir  im  Stande  den  Maass- 
stab wieder  anzulegen,  den  wir  zuerst  suchen  und  bestimmen 
mussten,  um  eine  Welt  zu  verstehen;  die  durch  das  Gemessen- 
werden uns  nicht  kleiner  erscheint.  Dieses  Bild  aber,  oder 
diese  Entwicklungsgeschichte  nicht  des  griechischen  Rechts  und 
nicht  der  griechischen  Philosophie,  sondern  eben  die  Ent- 
wicklungsgeschichte der  griechischen  Staatswissenschaft  speciell 
im  obigen  Sinne,  die  Entwicklungsgeschichte  der  Erkenntniss 
von  jener  Gewalt,  welche  der  Besitz  über  Recht  und  Staat, 
über  das  Edelste  im  Menschen  und  das  Freieste  im  Volke  aus- 
übt, scheidet  sich  wie  die  Natur  ihrer  eigenen  Erscheinungen 
fordert  in  drei  grosse  Gebiete  oder  Stadien  seiner  Ge- 
schichte. Das  erste  ist  der  Zeitraum,  in  welchem  das  Be- 
wusstsein  des  Unterschiedes  zwischen  dem  an  sich  Gerechten, 
dem  von  dem  Wesen  der  Dinge  Geforderten,  dem  Sixaiev  und 
dem  geltenden  Recht,  dem  vo[X9<;  entsteht;  es  ist  die  Zeit  der 
Gnostiker  neben  den  grossen  Gesetzgebern,  deren  Object  die 
Ordnung  des  Grundbesitzes  und  der  Versuch  war,  eine  tief 
erschütterte  Gesellschaft  wieder  auf  eine  feste  Grundlage  zurück 
zu  führen.  Den  zweiten  Zeitraum  bezeichnen  wir  als  den  der 
griechischen  Publicistik.  Denn  kaum  ist  die  kurze  Epoche 
der  Gesetzgeber  und  der  Gnostiker  vorüber,  so  ergreift  der 
Process  der  Entstehung  einer  neuen  Art  des  Besitzes,  des 
gewerblichen  neben  dem  Grundbesitz,  auf  allen  Punkten  in 
Griechenland  die  festen  Grundlagen,  welche  in  der  Epoche  der 
Gesetzgeber  für  die  Besitzvertheilung  gesucht  und  zum  Theil 
zeitweilig  gefunden  waren,  erschüttert  sie  und  weiss  sie  zu 
brechen.  Schon  haben  sich  die  Classen  der  Armen  und  der 
Reichen  einerseits,  die  der  Grundherren  und  der  Kaufherren, 
des  Boden-  und  des  Werthcapitals  in  allen  Städten  Griechen- 
lands bestimmt  geschieden;  schon  ist  die  Hast  mit  der  das 
griechische  Volk  nach  Reichthum  drängt,  die  auri  sacra  fames 
ein  allgemeines  Element  des  griechischen  Lebens  geworden; 
schon  hat  die  alte,  auf  dem  alten  Besitz  beruhende  Volksver- 
sammlung,   der   ursprüngliche    $r^,u.o;   des   griechischen  Lebens 


Die  Entwicklung  der  Staät«)wi6fi«n8chaft  bei  den  Griechen.  237 

seinen  Charakter  verloren ;  schon  beginnt  der  Bürger  der  freien 
Städte  sich  an  den  Gedanken  zu  gewöhnen,  der  mit  so  vielem 
und  furchtbarem  Ernst  in  unsere  Zeit  hereinragt,  dass  die  Grund- 
lage des  Gerechten  der  Nutzen  und  die  einfache  Majorität  sei, 
weil  die  Majorität  das  Gesetz   und   damit  das   geltende  Recht 
erzeugt,  das  nach  der  Verfassung,  welche  die  Vertheilung  des 
Besitzes  beherrscht,  an  die  Stelle  des  an  sich  Gerechten  tritt; 
schon  drängt  eine  rohe  Undankbarkeit  des  Volkes  die   andere 
und  ein   demagogischer  Schwindler  folgt   dem   andern ;   schon 
haben  diö  Classen  in  den  grossen  Städten  die  Waffen  erhoben 
und  den  Weg  des  gesellschaftlichen  Verderbens  mit  dem  Blute 
der  Bürger  getränkt,   und   der   Schrei   des   Classenhasses  und 
der  Grimm  über  die  Classenverbrechen   ertönen,   von  Ehrgeiz, 
Habsucht,    Faulheit    und    Gemeinheit    getragen    in    der    orfopi] 
schon  werden  die  Reichen  gesetzlich  ihres  Wohlstandes  beraubt 
und  die  bessern  Elemente  von  dem  5xXo<;  der  Städte  vertrieben 
bis  sie  sich  blutig  rächen;   aber  noch   immer   kämpft  die  Er- 
innerung an  eine  edlere  Zeit  mit  dem  Gemeinen  das  das  Bessere 
verfolgt,  und  noch   immer   hoffen   denkende  Männer   dem  all- 
gemeinen Verderben  durch  Kampf  mit  dem  Einzelnen  begegnen 
zn  können,  bald  an  die  grossen  Thatsachen  der  Geschichte  mit 
Thucydides,  bald  an  die  Macht  anschliessend  welche  der  Dicht- 
kunst das  Schwert  des  Spottes  gegeben,   und  im  Aristophanes 
den  Athener  durch  seine  eigene  Carricatur  vor  den  Consequenzen 
seiner  unedlen  Bestrebungen  erschreckend,  bald  mit  Hippodamas 
auf  die  Vertheilung  des  Grundbesitzes,  bald  mit  den  Rhetoren 
auf  die  Begeisterung  für  das  Grosse   zurückgreifend,   in   dem 
die   Herrschaft    des    Unedlen    untergehen    soll.     Es    ist    ein 
grosses,   aber  schon  wüstes  Bild,   das  diese  Epoche  bietet,  um 
so  wüster,   als  es  sich  in  jeder  Landschaft,   in  jeder  iroXi«;  mit 
immer  neuen  widerlichen  Zügen  wiederholt,  ein  Kampf,  welcher 
die  Zeit  vom  Beginne   des   peloponnesischen  Krieges  etwa  bis 
zum  antalkidischen  Frieden  erfüllt;  aber  an  diesem  Abschluss 
der  grossen  Epoche   des   griechischen  Staatslebens   scheint   er 
zu  ermatten,  wieder  einmal  nicht  darum  weil  die  Völker  besser 
oder  schlechter,  sondern  weil  nach  so  viel  Blut  und  Selbstver- 
nichtung denn  doch  zuletzt  die  Kraft  selbst   dieses   herrlichen 
Volkes   gebrochen   ist   und    das    Gute   wie   das   Schlechte  zu- 
gleich erschöpft  darnieder   lag.     Diese   Zeit   aber   ist   die  der 


2o«  stein. 

Einzelparteiungen    und  der    ParteieDkämpfe,    und   ihr   gegen- 
über die  der  Publicistik;  die  von  der  Gerechtigkeit  redend  das 
geltende  Recht  darunter  versteht   und  den  Unmuth  im  Spott, 
die  Lehre  in  der  Sophistik,  die  Lösung  der  allgemeinen  Fragen 
in   der   Untersuchung   der  einzelnen   sucht    und    findet.    Jetzt 
folgt  die  dritte.  Sie  ist  eine  traurige  und  eine  grosse  zugleich. 
Griechenland  ist  gebrochen,    nicht  weil   seine  edelsten  Kräfte 
auf  den  Schlachtfeldern  den  Schwertern  der  Feinde  unterlagen, 
sondern   weil   das  Edelste    in  Griechenland  die  Kraft  verloren 
hatte,   dem   Unedelsten,    der   rohen   Gewalt  des    bestechenden 
Geldes   und  der   Pöbelmasse   zu   widerstehen.     Schon    ist  das 
griechische  Leben    so  weit    dass  es  der  Charaktere  ermangelt, 
und  dass  sein  Geist  unter  das  Mittelmaass  seiner  eigenen  Ver- 
gangenheit zu  sinken  beginnt ;  statt  der  grossen  Leidenschaften 
heften  sich  kleinlich  Hass  und  Neid  an  die  Fersen  der  Reste 
der  bessern  Zeit   und  jedes   Verbrechen   wird   verziehen,  nur 
nicht  das,  ein  Besserer  zu  sein  wie  der  Schlechtere.  Da  kommen 
die  Zeiten,  in  denen  der  rohe  Grundherr  in  die  Stadt  der  wirth- 
schaftlichen  und  künstlerischen  Freiheit,  in  die  Stadt  der  herr- 
lichen Erinnerungen  und  der  unsterblichen  Thaten  des  Geistes 
einzieht,  wo  Athen  unter  dem  eisernen  Schritt  der  spartanischen 
Bataillone    erzittert   und   wo   Agesilaus   die   Vernichtung  aller 
Städte   und   ihre  Auflösung  in   Dorfschaften,   den   Rückfall  in 
die  alte  Unbildung  ohne  ihre  Freiheit  zu  seiner  Lebensaufgabe 
machte,   den  Maassstab    des    Hintersassen,   des    Penästen   und 
Metöken  an  jeden  freien  Mann  anlegend  und  alles  verurtheilend, 
was  er  nicht  begriffen  hat;  die  Zeit,   wo  die  edleren  Elemente 
entweder   in  die  Verbannung   fliehen   mit   dem  Xenophon  und 
Aristoteles,    oder   sich    mit  Ekel   von   der    Gemeinschaft   ab- 
wenden, um  mit  Plato   über  die  Unsterblichkeit  der  Seele  zu 
philosophiren,    deren  Zukunft  in  der  Gemeinschaft   der  Sterb- 
lichen keine  Heimat  mehr  suchen  mag.     Umsonst  ist  es  jetzt^ 
dass  den  Künstlern  der  Prunkreda,  einem  Isokrates  und  Gorgias 
ein  Demosthenes,  den  gelernten  Fachmännern  der  sophistischen 
Rhetorik  der  flammende  Redner   für  das  Vaterland  folgt.    Mit 
tiefem  Schmerze  neigen  sich  die  Blätter  und  Welken  die  Blüthen, 
die  herrlicher  die  Sonne  des  glänzenden  Meeres  zweier  Welt- 
theilc  niemals  beschienen  hatte.     Und   nur  eines    bleibt;  aber 
das  was  damals  geblicbon,    das  wird   gwig  bleiben.     Mitten  in 


Die  Entwicklang  der  Bt&atswissenschaft  bei  den  Griechen.  239 

der  Versumpfung  selbst  der  Athenenser,  denen  Aristophanes 
jenen  Hohn  ins  Gesicht  schleuderte  den  man  niemals  verstehen 
wird,  so  lange  man  nicht  versteht  wie  das  bessere  Gefühl  dem 
gemeinen  Durst  nach  gemein  erworbenem  Gelde  entgegen  tritt, 
und  zum  Spotte  wird  wo  die  Wahrhaftigkeit  machtlos  geworden, 
flüchtet  sich  das  grösste  Erbtheil  jenes  hochbegabten  Stammes 
in  das  Gebiet  des  reinen  Gedankens,  das  ewige  Eigenthum 
edlerer  Sinnesart.  Sokrates  wirft  um  den  Preis  seines  Lebens 
der  Herrschaft  der  Willkür  und  der  Ungerechtigkeit  den  Hand- 
schuh hin ;  er  ist  es,  der  zuerst  in  der  Welt  den  Widerspruch 
empfunden  und  laut  ausgesprochen  hat,  welcher  stets  das  Recht 
der  Quantität,  der  thatsächlichen  Majorität  begleitet,  wo  sie 
dem  ewigen  Rechte  der  Qualität,  der  Berechtigung  der  höheren 
Fähigkeit  gegenübertritt.  In  ihm  wird  der  Widerspruch  des 
formalen  v6{jlo^,  des  geltenden  Rechts  mit  der  höhern  Idee  des 
GerechtcH,  der  8txaio(7uvY),  zuerst  zur  scharfen  Dialektik  und 
dann  zur  innersten  Ueberzeugung,  die  sich  auf  Gefahr  des 
eigenen  Lebens  gegen  die  Masse  und  ihre  niederen  Interessen 
stemmt;  Sokrates  zuerst  lehrt  um  der  Wahrheit  willen  sterben, 
wie  ein  Grösserer  uns  lehrte  um  der  Liebe  willen  in  den  Tod 
zu  gehen.  Und  um  seine  Manen  krystallisirt  sich  nun  ein 
geistiger  Process,  dessen  hohe  Bedeutung  wir  niemals  mit  den 
einzelnen  Lehren  erschöpfen  können,,  die  derselbe  zuerst  zu 
formuliren  verstand.  Das  was  Plato  und  Aristoteles  in  Griechen- 
land nicht  eigentlich  schufen,  sondern  zur  Vollendung  brachten, 
das  war  seinem  innersten  Wesen  nach  genau  dasselbe,  woran 
das  geistige  Leben  der  germanischen  Welt  mitten  in  der  tiefsten 
Versunkenheit  ihrer  gesellschaftlichen  Ordnung  sich  aufrecht 
zu  erhalten  und  zu  grösseren  Dingen  vorzubereiten  vermochte 
als  alles  Gegenwärtige  verloren  schien.  Sie  schufen  um  sich 
die  Schulen  des  Wissens,  die  ersten  elementaren  Anfange 
unserer  Universitäten.  Sie  waren  es,  welche  die  Geister  um 
die  Wahrheit  und  das  Schöne  in  der  Urheimat  der  griechischen 
Kunst  sammelten,  als  die  Nachkommen  der  Sieger  von  Marathon 
,die  Hand  noch  bittend  aus  dem  Grabe  zu  strecken  begannen, 
um  ein  Almosen  zu  erhalten'  wie  Aristophanes  spottete;  ihre 
Hunderte  von  Zuhörer,  den  elenden  Kämpfen  der  damaligen  Zu- 
stande, dem  Napoleonismus  der  Makedonier  und  dem  Bourgeois- 
thnme  der  Nachkommen  der  Piräusgrössen  wie  der  spartanischen 


240  stein. 

Erbtöditerwirthschaft  entfliehend,  wurden  zu  den  letzten  Hütern 
des  Ringes  in  der  grossen  Kette  des  Gedankens,  der  bei  dem 
Unterschiede  zwischen  dem  Rechte,  das  durch  die  Idee  geboren 
und  in  den  positiven  Abstimmungen  eines  verlotterten,  feil- 
gewordenen BfjiJLo;  vergessen,  in  Sokrates  zur  selbstgewissen 
Ueberzeugung,  in  Plato  zum  reinen  Ideal,  in  Xenophon  zum 
klaren  männlichen  Charakter  und  in  Aristoteles  zur  systema- 
tischen Wissenschaft  ward.  Sie  sind  es,  welche  das  glühende 
Abendroth  des  griechischen  Tages  bilden;  mit  ihnen  schliesst 
eine  herrliche  Epoche,  deren  wunderbarste  Macht  darin  bestand, 
dass  das  blutige  Unrecht,  die  grausame  Gewalt,  die  mörderischen 
Classenkämpfe,  ja  selbst  das  feile  Gold  den  letzten  Nachkommen 
einer  herrlichen  Zeit'  weder  das  Suchen  nach  dem  Gerechten 
das  uns  die  ewige  Jugend,  noch  das  Anschauen  der  Wahrheit 
die  uns  den  Frieden  gibt,  zu  nehmen  vermochte.  Wir  aber  sagen, 
dass  für  unser  Gebiet  diese  letzte  Epoche  diejenige  war,  in 
welcher  sich  aus  der  Gnostik  und  der  Publicistik  Griechenlands 
in  derselben  Bewegung  die  griechische  Staatswissenschaft  in 
unserem  Sinne  entwickelte,  in  welcher  sich  —  wunderbares 
Widerspiel  des  wirklichen  und  des  geistigen  Lebens  —  nach 
den  grossen  Gesetzgebungen  der  peloponnesische  Krieg  und 
nach  ihm  der  Untergang  der  griechischen  Freiheit,  der  römische 
Tod  auf  die  erste  Schule  der  menschlichen  Wissenschaft  vom 
Staatsleben  gelegt  hat. 

Das  nun  wenigstens  zum  Theil  im  Einzelnen  zu  verfolgen, 
ist  die  Aufgabe  des  positiven  Inhalts  dieser  Arbeit. 

Wohl  aber  darf  dieselbe,  indem  sie  innerhalb  des  griechi- 
schen Lebens  sich  ein  so  bestimmtes  und  scheinbar  materielles 
Gebiet  erwählt,  zuerst  einen  Blick  auf  das  werfen,  was  jene 
schönste  Epoche  der  Vergangenheit  so  innig  mit  all  unsern 
Wissen,  ja  selbst  mit  unseren  liebsten  Gefühlen  verkettet  hat. 
Denn  wer  je  den  Blick  nach  Griechenland  richtete,  der  weiss 
wie  der  Duft  seiner  wunderbaren  Poesie  sich  über  Alles  ver- 
breitet, was  wir  in  ihm  suchen  und  finden.  Und  fast  möchten 
wir  sagen,  dass,  wer  nicht  diesem  Hauche  des  Göttlichen  in 
der  Geschichte  seinen  Tribut  gebracht  ehe  er  zum  Einzelnen 
in  derselben  übergeht,  kaum  je  dieses  Einzelne  ganz  in  seiner 
lebendigen  Wirklichkeit  verstehen   wird.     So   möge   denn  das 


Die  Bntwicklaig  der  Staatsirissenscliaft  bei  den  Griechen.  241 

hier  mit   wenig  Worten  Platz   finden,    was   wir  als  den  Griiss 
der  Wissenschaft  der  Einzelarbeit  derselben  voraufsenden  dürfen. 

iv. 

Wenige  wohl  werden  sich,  wenn  ihnen  das  Gefühl  aller 
der  grossen  Dinge  erschlossen  wird,  in  denen  und  für  welche 
wir  leben,  der  Ehrfurcht  erwehren,  wenn  sie  das  herrliche 
Gebiet  der  Weltgeschichte  betreten,  das  wir  mit  dem  Namen 
des  alten  Griechenlands  bezeichnen.  Denn  so  gross  und  schön 
auch  Alles  sein  mag,  was  wir  in  den  Werken  der  römischen 
and  der  germanischen  Kunst  bewundern,  und  so  gewaltig  auch 
die  Wissenschaft  unserer  Tage  sich  über  Alles  erheben  mag, 
was  die  Vei^angenheit  geleistet,  von  jedem  Punkte  unseres 
^nzen  geistigen  Lebens  laufen  die  nach  tausenden  von  Jahren 
noch  sichtbaren  und  unsichtbaren  Linien  zurück  in  jene  Wiege 
der  geistigen  Thaten  welche  die  Menschheit  gross  gemacht 
haben,  an  jene  Ufer  des  Meeres,  das  die  unfreie  Urzeit  des 
Orients  von  der  freien  Kraft  Europas  zuerst  geschieden,  nach 
jenem  sonnigen  Himmel,  der  auf  die  herrlichen  Werke  Attikas 
herableuchtete,  in  jenes  in  seinen  edelsten  Elementen  so  tief 
harmonische  Leben  einer  Welt,  die  mit  dem  Speere  in  der 
Faust  Europa  vor  den  Asiaten  rettete,  mit  dem  ewig  jungen 
Herzen  die  Blüthen  der  Poesie  zu  entfalten  wusste,  und  mit 
der  Kraft  seines  denkenden  Geistes  zuerst  die  Frage  nach 
der  Wahrheit  von  der  sklavischen  üeberlieferung  träumender 
Priester  und  wilder  Despoten  loszulösen  und  das  Forschen  nach 
dem  ewig  Freien  zum  höchsten  Inhalt  des  vergänglichen  Lebens 
zu  erheben  wagte.  Ehrerbietig  beugen  wir  uns  ihnen,  denn  sie 
sind  das  geistige  Erbe  unseres  Welttheils,  aber  dankbar  ver- 
ehren wir  sie  zugleich,  denn  die  ewige  Jugend  die  sie  uns 
gebracht,  liegt  nicht  so  sehr  in  dem  Einzelnen  was  sie  gefunden, 
sondern  in  der  schöpferischen  und  forschenden  Kraft,  die  sie 
selbst  trieb  und  die  sie  nach  tausenden  von  Jahren  in  jedem 
wieder  zu  erwecken  wissen,  der  sich  ihnen  hingibt.  Denn  das 
ist  ihre  wahre  Unsterblichkeit,  dass  sie  das  Schöne  und  das 
£dle  zu  einer  selbständigen,  sich  selbst  wiederzeugenden  Kraft 
im  Leben  der  Völker  gemacht,  dass  sie  uns  ewig  aufs  neue 
lehren  das  Gemeine  zu  verachten,  das  Wahrhaftige  zu  verehren 

SiUiuigBb«r.  d.  phil.-hiBt.  Cl.  XCIII.  Bd.  11.  Hft.  16 


242  stein. 

und  in  dem  Kampfe  um  das  Beste  nicht  zu  ermüden.  Sie  sind 
es,  welche  uns  wahrhaft  über  die  Gränze  der  Gegenwart  er- 
heben, da  sie  uns  zeigen  wie  jeder  ernst  Forschende  mit  seiner 
eigenen  Gegenwart  zugleich  der  Zukunft  des  Kommenden  zu- 
gehören vermag,  indem  sie  selber  all  die  grossen  Arbeiten  und 
Thaten  der  Vergangenheit,  auf  deren  Schultern  wir  selber  mit 
unserem  Streben  stehen,  zur  Gegenwart  gemacht  haben.  Denn 
in  ihren  Werken  durchleben  wir  alle  Alles,  was  die  fertige  Vor- 
aussetzung unseres  Eigensten  ist,  zum  zweiten  Male,  als  einen 
Theil  unseres  eigenen  Lebens.  Darum,  indem  wir  uns  ihnen 
hingeben,  vollzieht  sich  in  uns  noch  einmal  jene  gewaltige 
Arbeit  der  Gottheit,  die  wir  die  Weltgeschichte  des  Geistes 
nennen,  und  noch  einmal  strömt  uns  der  goldene  Quell  entgegen, 
der  zuletzt  doch  das  Gute  das  wir  haben,  nach  dem  Besten 
streben  lehrt. 

Und  so  haben  die  Edleren  aller  Zeiten  gedacht,  von  den 
Römern  für  die  sie  eine  neue  Welt  eröffneten,  bis  zu  unserer 
Epoche  welche  sie  selbst  in  Verehrung  die  alte  Welt  nennt. 
Allen  aber  erscheint  darum  nichts  in  sich  fertig,  was  nicht  bis 
auf  die  letzten  Wurzeln  verfolgt  ist  die  es  in  jene  alte  und 
doch  immer  lebensfrische  Welt  des  griechischen  Geistes  hinein- 
senkt, hier  zum  ersten  Mal  als  eine  Arbeit  und  That  des 
menschlichen  Geistes  sich  loslösend  von  dem  Eindruck  der  sinn- 
lichen Erscheinung,  wie  von  dem  blinden  Gehorsam  gegen  die 
Tradition,  welche  mit  Gedankenlosigkeit  und  Interesse  im  innigen 
Vereine  den  lebendigen  Gedanken  und  den  kräftigen  Fortschritt 
in  Fesseln  geschlagen.  Als  Jenen  die  herrliche  Sage  vom  Pro- 
metheus aus  dem  dunklen  Gefühl  der  eigenen  weltgeschicht- 
lichen Bestimmung  e;itstand,  da  wussten  sie  wohl  noch  nicht, 
dass  sie  selber  der  Prometheus  des  ewigen  Feuers,  des  freien 
Wissens,  zu  werden  bestimmt  seien.  Aber  sie  sind  es  geworden; 
unser  ist  es  zu  sorgen,  dass  die  Flamme  nicht  mehr  erlösche. 

Vor  Allem  aber  ist  es  in  erster  Reihe  das  Gebiet,  dem 
diese  Arbeit  gehört,  das  Gebiet  der  Rechts-  und  Staatswissen- 
schaft,  das  nie  zu  Ende  gedacht  werden  wird,  wenn  wir  es 
nicht  bei  seiner  ersten  Quelle,  der  griechischen  Welt,  an  seinem 
Ursprung  verstehen  lernen.  Denn,  ganz  abgesehen  noch  von 
allem  Eingehen  auf  einzelne  Fragen  und  Gebiete,  viel  mehr 
als   die   meisten   meinen,   verdanken  wir  gerade  in  Allem  was 


Die  Entwicklung  der  Staatswissenschaffc  bei  den  Griechen.  243 

Staat  and  selbst  das  positive  Recht  betrifft,  den  griechischen 
Denkern;  Worte  und  Gedanken,  welche  die  Welt  bewegt  haben 
und  von  denen  wir  glauben  sie  seien  jedesmal  der  Zeit  ent- 
sprossen, welche  sie  zu  ihren  rechtlichen  und  staatlichen  Glaubens- 
artikeln und  zum  Wahlspruch  im  geistigen  und  politischen  Kampf 
erheben,  sind  von  den  Griechen  schon  gefunden  und  gesagt, 
und  wahrlich  wenig  bleibt  bei  vielen,  auch  bei  grossen  Namen 
übrig,  wenn  wir  ihrem  Glanz  dasjenige  nehmen  werden,  was 
den  Griechen  gehört.  Schon  die  Griechen  wussten  und  ihre 
Philosophen  predigten,  dass  die  Menschen  ihrem  Wesen  nach 
gleich  seien  und  das  ho\yq  eTvai  tou^  äv6pb>7cou^,  das  ,omnes  hominis 
natura  sua  aequales  esse^  in  der  lateinischen  Redaction  der 
Professorenhefte  von  Constantinopel  und  Beryt,  hat  selbst  Ari- 
stoteles nicht  zuerst  gesagt;  die  Freiheit,  die  iXeu6epia  war  schon 
ihnen  nicht  leere  französische  liberte,  sondern  dem  englischen 
Selfgovernment  haben  sie  zuerst  den  Namen  und  den  Inhalt  in 
ihrer  owTovcfAta  und  auTapy.£ia  gegeben,  die  Körper  der  Selbst- 
verwaltung aber  in  dem  Unterschiede  von  xb>iAiQ  und  tcoX'.«;  be- 
stimmt, den  sie  zuerst  verstanden  haben.  Sie  haben  das  höchste 
Princip  der  Verwaltung,  das  ej  l^^v  schon  neben  das  höchste 
der  Verfassung  zu  stellen  verstanden ;  sie  waren  es,  welche  die 
Sociabilitas  als  den  psychischen  und  das  Bedürfniss  nach  der 
gegenseitigen  Erfüllung  der  Einzelkraft  durch  die  Gemeinschaft 
mit  anderem  als  den  physiologischen  Grund  der  Staatenbildung 
erkannten ;  und  daneben  haben  wiederum  sie  den  göttlichen 
Willen  zuerst  als  die  schöpferische  Urkraft  der  Rechtsbildung  im 
Plato  verehrt  und  in  der  Kraft  des  Bedürfnisses  die  Quelle  der 
Ordnung  zu  finden  gewusst;  sie  sind  es,  von  denen  Begriff  und 
Wort  jenes  ,bellum  omnium  contra  omnes'  herstammt,  von  denen 
wir  oft  genug  meinen,  Hobbes  habe  sie  zuerst  gedacht  (Plato 
de  Legg.  I,  626  a.  u.  e  ,to  iroXejxCou?  elvai  xdvTa^  wacji'),  von  ihnen 
stanunt  das  römische  Wort  über  das  Wesen  der  Gerechtigkeit, 
das  ,8uum  cuique  tribuere'  das  nichts  ist  als  die  wörtliche  Ueber- 
setzung  Piatos:  ,Tb  ^poaijxov  ixacTo)  «TcoSiBovai'  (Rep.  I,  332  c);  sie 
wussten  schon  das  grosse  Princip  Macchiavell's  zu  formuliren, 
dass,  cv  onzdcoLiq  xat^  izokeci  Taurbv  stvai  Btxaiov,  tc  ttj;  xa6ecTY|>tu{Y)^  «PX^? 
^u|ji^epov'  (ib.  339  a) ;  sie  sind  es,  welche  zuerst  den  Grundbesitz 
vom  gewerblichen  Besitz  als  %Tfi[ML  und  xp^i(^  geschieden  haben ; 
sie  haben  zuerst  neben  der  Oligarchie  den  Adel  als  die  TcXouatoi  yuod 

16* 


244  stein. 

euYevdarepot  hingestellt  (Ariht.  Pol.  IV,  4,  1290^  19) ;  sie  haben 
zuerst  den  Gedanken  der  Talion  gehabt  und  über  die  Strafe  selb- 
ständig neben  dem  Verbrechen  nachgedacht,  einzelner  anderer 
Rechtssätze  des  römischen  Rechts  nicht  zu  gedenken,  deren 
Sammlung  die  Aufgabe  einer  andern  Arbeit  sein  muss;  sie  aber 
sind  es  vor  Allen,  welche  zuerst  die  Gewalt  und  die  Natur  des 
Besitzes  überhaupt,  den  Unterschied  von  arm  und  reich  im 
Staatsleben,  die  Natur  der  gesellschaftlichen  Gegensätze  und  die 
der  Classen  und  Ordnungen  zu  verstehen  wussten,  die  wir  erst 
jetzt  wieder  in  ihrer  ganzen  Bedeutung  aufs  neue  denken  lernen. 
Auf  dieses  nun  wird  die  Arbeit  bei  der  Darstellung  des  Aristo- 
teles zurückkommen ;  sicher  bleibt,  dass  gerade  in  allen  gesell- 
schaftlichen und  staatswissenschaftlichen  Fragen  die  griechische 
Literatur  eine  fast  unerschöpfliche,  gewiss  aber  bisher  uner- 
schöpfte Fundgrube  ist  und  dass  wir  die  Zeit  kommen  sehen, 
wo  auch  unsere  gewöhnliche  Literaturgeschichte  dieses  Gebiet 
in  sich  zu  verarbeiten  wissen  wird. 

Ist  dem  nun  so,  so  müssen  wir  an  die  Spitze  des  Folgen- 
den die  Frage  stellen,  ob  und  wie  weit  mit  dem  was  diese 
griechische  Welt  geboten  hat,  gegenüber  dem  was  die  germa- 
nische Welt  hier  erzeugt,  jenes  Gebiet  nicht  schon  wirklich 
im  Wesentlichen  erschöpft  sei.  Und  hat  die  letztere  Leistungen 
aufzuweisen  die  von  nicht  minderem  Werth  sind  wie  jene,  worin 
liegt  der  tiefe  Unterschied,  vermöge  dessen  wir  selbst  gegen- 
über jenen  Vätern  des  bewussten  Denkens  dennoch  auch  unseren 
Werth  zu  bemessen  wissen? 

In  der  That  hat  es  seine  Berechtigung,  jede  Literatur 
eines  Volkes  als  ein  Ganzes  aufzufassen,  als  einen  Baum  mit 
Keim,  Wachsthum,  Blüthe,  Frucht  und  Tod;  und  fassen  wir 
dann  die  grosse  in  den  Völkerliteraturen  zur  Erscheinung  ge- 
langende Arbeit  der  Weltgeschichte  als  ein  Ganzes  auf,  so  hat 
es  wiederum  seine  Berechtigung,  innerhalb  der  letzteren  die 
Arbeit  jedes  einzelnen  Volkes  als  eine  individuelle  Lösung 
einer  bestimmten  Aufgabe  zu  charakterisiren.  Nur  darf  eine 
solche  Anschauung  nicht  bei  allgemeinen  Bildern  stehen  bleiben. 
Wir  aber  werden  für  das,  was  wir  die  grosse  geschichtliche 
Function  der  griechischen  Literatur  im  Gebiete  unserer  Wissen- 
schaft nennen  möchten,  auf  Grundlage  der  voraufgegangenen 
Unterscheidung  leicht  die  richtige  und,  wie  wir  gla^uben,  auch 


Di«  Eotwicklaog  der  StaatswitiiMDiicliaft  h^i  den  Griechen.  24o 

fest  bestimmte  Formulirang  finden.  Und  diese  mag  in  kürzester 
Form  dem  folgenden  voraufgesendet  werden. 

Das  nämlich  ist  die  artvolle  Selbsteigenheit  der  griechi- 
schen Gedankenwelt  über  alles  Leben  der  menschlichen  Gemein- 
schaft und  ihr  greifbarster  und  tiefster  Unterschied  von  der 
römischen  wie  von  der  germanischen  Auffassung,  dass  sie  keinen 
selbständigen  Begriff  von  Recht  hat,  wie  sie  auch  kein  eigenes 
Wort  für  dasselbe  in  ihrer  Sprache  besitzt.  Denn  das  §(xa(ov 
ist  das  Gerechte,  die  BtxacocrOvY)  die  Gerechtigkeit,  die  §{xy)  ist 
das  Gericht,  der  v9{jlo(;  ist  das  Gesetz,  das  xpo(n]xov  ist  das  sach- 
lieh  berechtigt  sein,  das  Billige;  aber  für  Recht  und  Jus  gibt 
es  in  der  griechischen  Sprache  keinen  entsprechenden  Aus- 
(Irack.  Das  aber  war  so  tief  mit  der  ganzen  Gestalt  und 
Bewegung  des  griechischen  Lebens  verwachsen,  dass  es  viel 
merkwürdiger  wäre,  wenn  die  Griechen  das  eigentliche  Recht 
gehabt  hätten,  als  es  der  Mangel  an  diesem  Worte  sein  kann. 
Denn  es  liegt  tief  im  Wesen  der  Sache,  dass  das  Recht  im 
specifischen  Sinn  des  Wortes  erst  da  entstehen  kann,  wo  aus 
dem  Gute  das  Eigen thum  und  mit  demselben  zugleich  die 
specifischen  Begriffe  und  Worte  für  den  Besitz,  die  Dienstbar- 
keit and  das  Pfandrecht  entstehen,  welche  ihrerseits  wieder 
Begriff  und  Wort  der  Sache  —  erst  die  Römer  kennen  die 
res  —  zur  Voraussetzung  haben.  Es  scheint  das  wohl  der 
Beachtung  werth.  Doch  gehen  wir  noch  nicht  darauf  ein.  Erst 
wenn  einmal  unsere  Jurisprudenz,  die  an  Breite  selbst  die 
römische  weit  hinter  sich  lässt,  erkennen  wird,  dass  die  römische 
Rechtsgeschichte  ohne  die  griechische  gar  nicht  ganz  verstanden 
werden  kann  und  dass  daher  jeder  Romanist  nicht  fertig  ist, 
so  lange  er  nicht  wie  seine  eigenen  grossen  Quellen  von  Cicero 
bis  auf  die  Zusammensteller  des  Corpus  Juris,  die  uns  um  den 
Preis  der  Vernichtung  der  eigentlich  römischen  Rechtsliteratur 
die  Trümmer  derselben  in  jener  merkwürdigen  Sammlung  auf- 
bewahrt haben,  die  Griechen  studirt,  dann  erst  wird  es  uns 
ganz  verständlich  werden,  wie  es  doch  zugeht  dass,  während 
die  Griechen  wie  gesagt  gar  kein  Wort  für  Recht  und  Eigen- 
thum  hatten,  die  Römer  fUr  das  letztere  gar  zwei  Worte  besassen, 
dominium  und  proprietas,  ohne  sich  doch  philologisch  oder 
juristisch  um  den  Sinn  dieser  Doppelbezeichnung  zu  kümmern, 
während  die  Deutschen,  so  viel  wir  sehen,  das  Wort  Eigenthum 


246  stein. 

gleichfalls  erst  lange  Dach  den  Rechtsbüchern  finden^  die  Fran- 
zosen aber  schon  im  dreizehnten  Jahrhundert  die  propriet^  aus 
der  römischen  Terminologie  in  das  Privatrecht  aufnahmen, 
das  domaine  dagegen  von  jeher  auf  das  öffentliche  Recht  be- 
zogen. Doch  dieses  mag  hier  nur  angedeutet  sein;  möge  man 
entschuldigen^  wenn  wir  in  Beziehung  auf  Griechenland  an 
dieser  Stelle  etwas  behaupten,  ohne  es  zu  beweisen.  In  der  That 
nämlich  liegt  der  Grund  nahe,  weshalb  die  Griechen  keinen  BegriiSF 
und  kein  Wort  für  Recht  in  unserem  Sinne  hatten.  Denn  bei 
ihnen  war  der  Richterstand  kein  Beruf;  Richter  war  das  Volk; 
noch  ist  bei  ihnen  nirgends  die  Function  des  Gerichts  end- 
giltig  von  der  Function  der  Volksversammlung  geschieden  und 
noch  ist  daher  nirgends  die  Verpflichtung  da,  das  Recht  anderswo 
als  in  der  Ueberzeugung  des  Volksgerichts  von  dem  Gerechten 
zu  suchen.  Eben  diese  auf  das  Individuum,  seine  augenblick- 
liche Stimmung  und  die  beständig  wechselnden  '^T^f,^\Lxva  zurück- 
geführte, und  daher  von  Fall  zu  Fall  sich  stets  frei  erneuernde 
Rechtsbildung  war  wieder,  an  die  einzelnen  ::6X^  gebunden,  in 
jeder  Stadt  eine  wenn  nicht  wesentlich  verschiedene,  so  doch 
durchaus  selbständige,  und  kein  griechischer  Staatsmann  hat  je 
daran  gedacht,  von  etwas  Aehnlichem  wie  von  einem  jus  civile, 
einem  gemeinsamen  griechischen  Recht  auch  nur  zu  reden. 
Wie  Griechenland  selbst,  so  ist  auch  sein  Recht  an  seiner 
Oertlichkeit  zu  Grunde  gegangen. 

Nun  aber  hat  das  was  wir  das  positive  Recht  nennen  und 
was  Object  und  Inhalt  dessen  bildet,  was  wir  als  Rechtskunde 
und  Rechtslehre  im  Unterschiede  von  Rechtsphilosophie  und 
Rechtswissenschaft  bezeichnet  haben,  über  das  gesammte  Denken 
von  Recht  und  Gemeinschaft  der  Menschen  eine  ganz  specifische 
Gewalt.  Jenes  positive  Recht,  das  wir  vom  Recht  an  sich  ge- 
schieden, ist  nicht  mehr  eine  Äbstraction,  sondern  eine  und 
sehr  mächtige  Thatsache;  und  wir  dürfen  gleich  hier  hinzu- 
setzen, dass  diese  Thatsache  des  positiven  Rechts  dem  Den- 
kenden sich  stets  in  demjenigen  formulirt,  was  wir  die  Rechts- 
begriffe  nennen,  denen  wir  in  den  Definitionen  ihre  Gestalt  in 
Worten  geben.  In  ihnen  wird  mit  dem  Rechte  auch  das  Wesen 
dessen,  an  welchem  es  selbst  erscheint,  das  Wesen  seines  Inhalts, 
das  an  sich  gar  kein  Recht  ist  und  doch  ein  Recht  hat,  wie 
Mensch,  Gut,  Besitz,  Bedingung,  Irrthum,  Zeit,  Geld,  Familie, 


Die  Enfcwjcklang  dor  StaatswiMseiibcbaft  bei  den  Griechen.  247 

Staat  und  tausend  andere  dos  Rechts  fähige  Dinge^  der  Ge- 
danke von  denselben  objeetiv.  So  lange  aber  das  Denken  sich 
innerhalb  des  reinen  Begriffes  von  Recht  an  sich  bewegt^  ent- 
springt jeder  einzelne  Rechtsbegriff  doch  nur  aus  der  subjectiv 
individuellen  Auffassung,  welche  sich  der  Denkende  von  dem 
letzten  Grunde  von  Recht  und  Staat  bildet.  Und  eben  diese  Sub- 
jectivität  der  philosophischen  Rechtsbegriffe  ist  es,  Vielehe  es 
dem  Philosophen  aus  Gründen,  deren  Aufführung  wohl  hier  über- 
flüssig ist;  unmöglich  macht,  zur  objectiven  Geltung  zu  gelangen. 
Damit  aber  tritt  eben  jener  Zustand  ein,  den  wir  bezeichnet 
haben,  die  Scheidung  zwischen  Rechtsphilosophie  und  Rechts- 
lehre, welche  in  dem  Gegensatz  des  Unpraktischen  der  ersten 
und  der  Unwissenschaftlichkeit  der  letztern  zu  gipfeln  pflegt. 
Das  nun  lässt  sich  recht  wohl  denken,  so  lange  es  sich  um 
einzelne  für  sich  stehende  Rechtssätze  handelt.  Sobald  aber 
dies  positive  Recht  ein  grosses  und  selbstbewusstes  Ganzes, 
eine  Rechtsgesetzgebung  bildet,  erfasst  es  mit  seiner  Gewalt 
auch  den  reinen  Gedanken  und  empfangt  von  ihm  zuerst  das 
Streben  nach  Definitionen  und  ihrer  specifischen  Klarheit  im 
Einzelnen,  die  wir  zuerst  bei  den  Römern  entstehen  sehen,  und 
dann  das  Streben  nach  einem  organischen  Systeme,  dieser 
grössten  Errungenschaft  des  deutschen  Geistes.  Ist  aber  wie 
her  den  Griechen  ein  solches  Ganze  des  positiven  Rechtslebens 
nicht  da,  so  bleiben  Rechtsphilosophie  und  Rechtskunde  ein- 
ander entfremdet,  und  in  allem  Denken  über  Recht  und  Staat 
herrscht  eben  jenes  subjectiv  individuelle,  begriffs-  und  defini- 
tionslose Moment,  das  sich  durch  Aufstellen  von  Idealen,  durch 
Geschicklichkeit  in  der  Behandlung  der  Gerichtsstimmungen, 
durch  Schärfe  der  Casuistik  und  Dialektik  Geltung  zu  schaffen 
sucht,  aber  nie  zu  jener  festen  Grundlage  der  bestimmten  Rechts- 
hegriffe gelangt,  die  wir  bei  den  Römern  bewundern,  und  noch 
weniger  zu  den  Rechtssystemen  die  unser  Eigenthum  sind.  So  nun 
war  es  auf  der  einen  Seite  bei  den  Griechen;  alles  was  juristische 
Begriffsfestigkeit  ist,  war  ihnen  versagt  und  noch  mehr;  denn 
obwohl  sie  uns  den  Besitz  verstehen  gelehrt  haben,  haben  sie 
selbst  nicht  einmal  das  Wort,  geschweige  denn  den  Begriff 
desselben  gehabt.  Niemand  kann  das  Wort  Besitz  ins  Grie- 
chische  übersetzen,  denn  %vq<5i<;  ist  der  Besitz  an  unbeweglichen 
Sachen,  XPW^  ^s*  d^s  bewegliche  Gut,  /pYj^xaTKrcaiJ  ißt  der  Erwerb 


248  stein. 

des  letzteren.  Und  doch  haben  sie  den  Besitz  im  ethischen 
und  staatswissenschaftlichen  Sinn  verstanden  wie  kein  anderes 
Volk;  ja  gerade  in  diesem  Verständniss  liegt  ihre  Grösse  und 
es  ist  wahrlich  der  Mühe  werth,  sich  schon  ganz  im  allge- 
meinen den  Process  im  Geiste  anschaulich  zu  machen,  der 
ihnen  ohne  Wort  und  Definition  dieses  Wesen  des  Besitzes 
erschloss.  Und  so  mag  es  verstattet  sein,  ehe  wir  auf  Einzelnes 
eingehen,  eben  diesen  so  wunderbaren  Process  zur  Dai'stellung 
zu  bringen.  Denn  er  ist  es^  der  den  geistigen  Inhalt  der 
öffentlichen  Kämpfe  und  zugleich  den  der  höchsten  Staats- 
philosophie der  Griechen  uns  erklären  wird. 

Das  was  tiefer  als  der  Archipelagus  Griechenland  von 
Asien  scheidet,  ist  der  ungebändigte  Drang  nach  Freiheit 
Mit  den  Griechen  zuerst  ist  dies  Wort  und  alle  Gewalt  welche 
es  über  die  Menschheit  ausübt,  in  die  Welt  gekommen;  mit 
ihnen  aber  zugleich  auch  das  Streben,  dieser  Idee  der  eXeuOsfta 
einen  bestimmten,  für  den  Gedanken  fassbaren  Inhalt  zu  geben. 
Dieser  Inhalt  war  der  Satz,  dass  keine  andere  Gewalt  über 
sie,  ihr  Gesammtleben  und  ihr  Recht  gelten  solle,  als  der  nach 
bestimmten  Regeln  gefasste  Beschluss  der  Gemeinschaft  selber. 
Ein  solcher  ist  das  Gesetz,  der  voijlo^;.  Erst  die  griechische  Weh 
hat  gegenüber  der  asiatischen  mit  ihren  göttlichen  geoffenbarten 
Gesetzen  die  Idee  des  gesetzschaffenden  freien  Willens  er- 
kannt und  in  ihrem  öffentlichen  Leben  durchgeführt,  und  erst 
Griechenland  hat  neben  dem  freien  Gesetze  zugleich  den  Ge- 
danken der  freien  Vollziehung  des  Gesetzes  durch  die  eigene 
Kraft  des  Volkes,  die  auTapxsta  neben  die  sXsuOepia  hingestellt. 
Diese  Begriffe  sind  das  grösste  Erbe  das  Griechenland  den 
folgenden  Völkern  hinterlassen  hat. 

Aber  gerade  aus  dieser  freien  Natur  des  Gesetzes  ent- 
sprang der  zweite  Satz,  dass  ein  solches  von  Allen  gewolltes 
Gesetz  nun  auch  unbedingte  Giltigkeit  für  Alle  haben  müsse. 
Darum  gilt  für  die  Griechen,  dass  nur  das  Gesetz  das  Recht 
ist;  der  Zweifel  an  dem  durch  das  Gesetz  gegebenen  Recht 
Wäre  ein  Zweifel  an  der  Freiheit  gewesen,  das  Gesetz  und 
sein  Recht  sich  selbst  durch  eigenen  Willen  zu  geben.  In  dieser 
Herrschaft  des  Gesetzes  erschien  sich  das  griechische  Volk 
als  das  königliche  Volk,  das  5^ixc^-ii.ovapxo?  wv  (Arist.  Pol.  IV, 
4^    1292',    15)    und    die  ,Volksouverainetät'    der    französischen 


Die  Entwicklung  der  Stoatswiasenschaft  boi  don  Griachen.  249 

Revolution  wie  das  ^königliche  Volk'  Kant's  gehören  nicht  dem 
vorigen  Jahrhundert  und  nicht  dem  verfassungsmässigen  Staats- 
recht unserer  Zeit^  sondern  auch  diese  Worte  und  Begriffe  sind 
Eigenthum  jener  Griechen,  welche  im  tiefen  Unterschiede  von 
der  germanischen  Welt  die  Freiheit  nicht  aus  der  Unfreiheit, 
sondern  aus  der  Freiheit  heraus  verstanden.  Bei  ihnen  ist  die 
Furcht  vor  der  Gottheit  zur  Achtung  vor  dem  Gesetze  geworden, 
und  wir  haben  hunderte  von  Jahren  und  Philosophen  gebraucht 
mn  dialektisch  wiederzufinden,  was  den  Griechen  als  Angebinde 
ihrer  Geschichte  in  die  Wiege  ihres  öffentlichen  Bewusstseins 
und  ihrer  Staatenbildung  gelegt  war. 

Aber  neben  dieser  Ehrfurcht  vor  dem  Gesetze  der  ein 
Sokrates  sein  Leben  opferte,  stand  ein  zweiter  nicht  minder 
erhabener  Factor  ihrer  Gemeinschaft.  Das  witr  ein  tiefes,  durch 
kein  Glück  und  kein  Unglück  ausrottbares  Gefühl  für  das 
Edle,  für  die  höchste  Berechtigung  alles  Schönen  und  Grossen, 
für  die  Ehre,  die  in  der  herrlichen  That,  und  für  den  Ruhm, 
der  in  dem  Streben  nach  dem  Besten  liegt.  Das  Wort  mit  dem 
sie  diese  ihre  schönste  Eigenschaft  benannten  war  die  ,Tugend', 
und  die  Aufgabe  in  die  Kraft  jedes  Einzelnen  dieser  Tugend 
sich  bewusst  zu  sein  und  sie  zu  verwirklichen,  nannten  sie 
das  ,Ethos^  Auch  diese  Worte  und  Begriffe  verdankt  die 
Weltgeschichte  den  Griechen ;  der  Orient  kennt  Glauben,  Hin- 
gebung und  Gehorsam,  aber  von  Tugend  und  Ethos  ist  weder 
in  der  Bibel  noch  in  andern  Werken  die  Rede.  Das  Gefühl 
dieser  Tugenden  verai'beiteten  sie  dann  zum  Wissen  des  Ethos, 
jeder  ihrer  Philosophen  wieder  in  seiner  Weise  und  ebenfalls 
dasselbe  sagend  und  wollend,  und  von  diesem  Wissen  aus 
gelangten  sie  zu  der  Vorstellung  vom  Idealen  im  Einzelleben 
wie  im  Staate.  Die  Anwendung  desselben  aber,  als  die  Ge- 
sammtheit  aller  ihrer  Erscheinungen  und  Bethätigungen  im 
gemeinschaftlichen  Leben,  war  ihnen  dann  die  Gerechtigkeit, 
die  otxaioauvt).  Der  dvYjp  3{xaio<;  ist  nicht  ein  gerechter  Mann  vor 
dem  Herrn,  sondern  ein  gerechter  Mann  vor  den  Forderungen 
der  grossen  Cardinaltugenden  und  ihres  Ethos ;  und  wenn  auch 
langsam  so  werden  doch  fast  unwiderstehlich  Begriff  und  Lehre 
dieser  Ethik  zu  einer  selbständigen  Wissenschaft,  die  von  Aristo- 
teles aus  mit  alF  ihren  Vorzügen  und  Mängeln  Jahrtausende 
die  Welt  beherrscht  hat.    Aber  einmal  im  abstracten  Gedanken 


250  stein. 

gegeben,  erfasst  jener  Begriff  des  Btxocicv  alsbald  auch  den  Staat 
und  in  ihm  das  Gesetz,  das  im  Staate  das  Recht  ist.  Denn 
vermöge  der  Gewalt  des  Ethischen,  dessen  dunkel  gefühlte 
Persönlichkeit  der  Oso;  als  xb  zav,  das  ^ai[j.6vi3v  ist,  hatten  dud 
auch  Staat  und  Gesetz  in  Allem,  was  sie  sind  und  thun,  jene 
höchste  ideale  Gerechtigkeit  zur  Geltung  zu  bringen,  welche  die 
Oixatsouvv)  bildet.  Wie  aber  nun  ist  das  möglich,  da  der  Staat 
doch  nicht  Ethik  lernt,  und  doch  nicht  als  Ganzer  Tugenden  hat^ 
sondern  ein  selbstherrlicher  ist?  Offenbar  nur  dadurch,  dass 
sein  eigenes  Wesen  die  Gerechtigkeit  fordere  und  setze.  So 
scheidet  sich  die  innere  Natur  der  Idee  des  Staates  zuerst  von 
seiner  wechselnden,  zufUIligen  Erscheinung ;  sie  wird  eine  selb- 
ständige Thatsache  für  den  denkenden  Geist,  und  als  solche, 
als  das  Wesen  oder  die  ursprüngliche  und  eigenartige  Kraft, 
mit  welcher  ein  jedes  Lebendige  eben  das  ist  und  thut  was 
es  ist  und  leistet,  erfassen  nun  die  Griechen  in  dem  selbständigen 
Wort  und  Begriff  der  9651;.  Diese  Physis  ist  die  Quelle  des 
Verständnisses  alles  Wirklichen,  und  ihre  Bethätigung  durch 
die  Arbeit  dos  Einzelnen,  ihre  Forderung  an  die  individuelle 
Gestaltung  durch  das  eigene  thätige  Leben  ist  es,  die  Plato 
mit  dem  vielbestrittenen  Worte  des  la  iauToO  xpircsiy  bezeichnet 
—  das  sich  selbst,  sein  eigenes  Wesen,  im  Unterschiede  von 
allem  Anderen  durch  die  That  zum  Ausdruck  Bringen.  Das  gilt 
für  jedes  persönliche  Leben,  das  gilt  aber  auch  für  den  Staat. 
Die  wahre  9'jgi;  des  Staats  ist  daher  die  St>ta'.OQj*/73,  welche  die 
Tugenden  und  das  Ethos  verwirklicht,  und  jetzt  liegt  der 
letzte  Grundgedanke  der  Griechen  über  ihr  Staatsleben  wohl 
leicht  erkennbar  vor  uns.  Jener  vc|ac;,  die  bethätigte  autip- 
xsia  der  icöXt;,  soll  die  wahre  und  höchste  <p6ci?  derselben,  das 
durch  Wille  und  That  verwirklichte  !öo;,  die  von  Hegel  soge- 
nannte Wirklichkeit  der  sittlichen  Idee  im  Ganzen  wie  im 
Einzelnen,  zur  Geltung  bringen.  Das  ist  der  gerechte  Staat, 
und  das  ist  die  Gerechtigkeit  seines  Willens  und  seiner  That. 
So  war  es  in  der  geistigen  Anschauung  des  griechischen 
Staatslebens.  War  dem  auch  so  in  der  Wirklichkeit?  War  das 
was  jenes  Nomos  wollte,  in  der  Wirklichkeit  auch  die  Gerechtig- 
keit? War  das  Geltende  zugleich  das  Gerechte?  Sie  wussten 
es  nur  zu  gut,  dass  dem  nicht  so  sei!  War  dem  aber  nicht 
so,   welche  Gewalt  denn    war   es,   die  jener  ewigen  Natur  des 


Die  Entwicklung  der  StaatowissenBchsffc  bei  den  Griechen.  2ol 

:ix2i:v  ihre  Herrschaft  ewig  aufs  neue  bestritt  und  raubte? 
War  es  der  Wille  an  sich,  war  es  das  Wesen  der  Persönlich- 
keit, die  <^(K5iq  Tou  avOpdwccu^  welche  mit  sich  selbst  im  Wider- 
spruch tretend,  statt  des  Biyjxiov  das  aSaov  zum  vopio^  machte? 
Unmöglich.  Woher  denn  jene  Gewalt,  die  in  das  Ethos  hinein- 
griff  und  der  selbst  die  Besten  unterlagen?  Jene  Gewalt,  welche 
stärker  war  als  die  Freiheit,  und  mächtiger  als  die  Könige 
TOn  Persien  und  Makedonien?  Wahrlich  sie  brauchten  sich 
nur  umzuschauen  um  sie  in  jedem  Obolus  wiederzufinden,  der 
bald  genug  das  einzige  Band  war,  das  den  einst  so  freien  und 
stolzen  Athenienser  noch  an  das  öffentliche  Wohl  band  und  nur 
den  Staat  lieben  und  achten  lehrte  der  jenen  Groschen  zahlte! 
Und  kann  es  da  noch  wundem,  dass  das  Edlere  im  griechischen 
Volke  sich  empörte,  wenn  es  sah  dass  ein  herrlicher  Staat 
der  allen  Waffen  Asiens  getrotzt  hatte,  in  Recht  und  Verfassung 
dem  Gelde  unterlag?  Nicht  durch  Rechtslehre  und  nicht  durch 
Volkswirthschaftslehre  und  nicht  durch  Definitionen  und  Systeme, 
sondern  an  ihrem  Ethos  haben  die  Griechen  den  Besitz  und 
seine  Gewalt,  sein  Wesen  und  seine  Wirkung  begriffen,  und 
was  das  neunzehnte  Jahrhundert  weiss,  das  hat  das  dritte 
Jahrhundert  vor  Christo  uns  schon  denken  gelehrt.  Das  ist  der 
Sinn,  in  welchem  wir  sagen,  dass  die  Griechen  den  Besitz 
erkannt  und  verstanden  haben. 

und  jetzt  wollen  wir  versuchen  zu  zeigen,  wie  dies  Ver- 
ständniss  selbst  wieder  nicht  etwa  die  Sache  eines  Mannes 
oder  einer  einzelnen  Theorie  gewesen.  Sondern  langsam  ent- 
wickelt es  sich,  und  man  kann  fast  mit  dem  leiblichen  Auge 
sehen,  wie  fast  schrittweise  der  grosse  Gang  der  Volkswirth- 
schaft  der  Lehrer  des  griechischen  Geistes  wird,  und  wie  sich 
die  Stadien  gleichsam  messbar  bilden,  in  denen  zuerst  die 
Gesetzgebung  mit  den  Gnostikern,  dann  der  sociale  Kampf  mit 
seinen  Bhetoren  und  Publicisten,  und  endlich  die  selbständige 
Staatswissenschaft  sich  zum  Verständniss  der  Gewalt  und  des 
Wesens  des  Besitzes  und  seiner  Stellung  und  Aufgabe  in  der 
griechischen  Geschichte  emporarbeiten. 


252  stein. 


V. 


Wir  dürfen  von  uuserem  Standpunkte  dem  Folgenden 
den  Satz  voraufsenden;  den  dasselbe  zuletzt  im  Einzelnen  ent- 
wickeln soll. 

Es  mag  sein,  dass  es  Zustände  vor  der  Geschichte  gegeben 
hat;  in  welcher  die  Menschen  ordnungslos  theils  als  ;WaId- 
gänger'  oder  als  die  iSicoiat  des  ThucydideS;  oder  die  Cyclopen 
Homers  gelebt  haben.  Wir  begnügen  uns  damit,  dass  die  Ge- 
schichte eines  jeden  Volkes  erst  da  beginnt,  wo  aus  dem 
Gemeingut  ein  Einzeleigenthum  wird.  Die  Gesetzgebung  eines 
jeden  Volkes  aber  beginnt  da,  wo  die  dadurch  entstehende  Ver- 
theilung  der  Einzeleigenthums  sich  zum  Gegensatz  der  Classen 
ausbildet.  Die  Geschichtschreibung  desselben  endlich  fängt  da 
an,  wo  aus  diesem  Gegensatze  der  Classen  die  thätliche 
Gewalt  entsteht. 

Bei  den  indo-germanischen  Völkern  Europas  aber  entsteht 
dieser  Gegensatz  und  sein  Kampf  nicht  durch  die  Vertheilung 
des  Besitzes  als  solchen,  sondern  durch  den  Process  vermöge 
desselben  die  letzteren  auf  die  jenen  angeborene  Freiheit  und 
Gleichheit  ihren  Einfluss  ausübt. 

Die  älteste  griechisclie  Geschichte  ist  in  diesem  Sinn 
nichts  als  die  älteste  Gestalt  unserer  eigenen  Gegenwart,  und 
die  Zeit  vom  Zuge  der  Derer  bis  auf  unsere  Tage  ist  nur  die 
Wiederholung  derselben  Erscheinungen,  weil  sie  die  gleich- 
artigen Wirkungen  gleichartiger  Kräfte  zeigt. 

Will  man  nun  den  Stoff,  der  sich  hiefär  darbietet,  be- 
lierrschen,  so  muss  man  die  Entstehung  der  wirthschaftlichen 
Classen,  der  Kechtsclassen  und  den  ei-sten  Kampf  des  König- 
thums  mit  denselben  scheiden,  aus  dem  die  erste  grosse  Ge- 
setzgebung und  mit  ihr  die  erste  Philosophie  der  Griechen^ 
die  staatswissenschaftliche  Gnostik,  hervoi^eht.  Sie  zusanunen 
bilden  die  Grundlage  für  die  folgende  Zeit. 

Als  die  alten  Völker,  aus  unbekannten  Gegenden  heran- 
ziehend, sich  niederliessen,  war  der  Grundbesitz  Gemeingut: 
sie  theiitcn  ihn.  Einen  Theil  gaben  sie  den  Göttern,  ein  Theil 
blieb  gemeinsam,  einen  Theil  vertheilten  sie  an  die  Einzelnen 
und  ihre  Arbeit.  Das  geschah  nach  bestimmten  Regeln,  und 
bei  allen  alten  Völkern  haben  die  Bestellten,  mochten  sie  nun 


Die  Eotwicklnng  der  Staatswissenschaft  bei  den  Oriechon.  253 

Ägrimensores  der  Römer  oder  Reebsmänd  der  Skandinaven 
oder  anders  heissen^  nach  priesterlichen  Formeln  unter  dem 
Schutze  der  Gottheit  ihre  Aufgabe  vollzogen.  Der  Theil  der 
dem  Einzelnen  zufiel  hiess  bei  den  Griechen  der  xXYjpo«;  (das 
germanische  Allod,  die  älteste  römische  Possessio)  und  sein 
Inhaber  der  %Xtipo\y/oc  5  die  Upa  oder  xt[t.irrt  gehörten  der  Gottheit; 
der  nicht  vertheilte  Besitz  (et  superest  ager)  war  das  xoivoy,  ii 
X3r/T}  ^"^9  d^^  älteste  fundus  publicus  der  Römer,  das  Almend, 
der  Qemeindegrund  der  Germanen.  Der  Einzelne  war  daher 
nicht  Eigenthümer;  denn  sein  ;Loos'  ist  ursprünglich  gewiss 
eben  so  regelmässig  neu  verlost  wie  bei  den  alten  Germanen 
(agros  mutare.).  Deshalb  kennt  weder  die  ältere  griechische, 
noch  die  römische,  noch  die  germanische  Sprache  ursprünglich 
weder  Wort  noch  Begriff  des  Eigenthums  —  noch  der  Sachsen- 
spiegel redet  wohl  von  ,eygen'  aber  nicht  von  Eigenthum, 
und  die  griechische  Sprache  hat,  wie  schon  erwähnt,  überhaupt 
nie  ein  Wort  dafür  gefunden.  Indcss  war  ein  solcher  Zustand 
denn  doch  nur  denkbar,  so  lange  ein  Volk  als  Ganzes  noch 
in  Bewegung  war,  und  daher  wesentlich  Jagd  und  Viehzucht 
trieb.  So  wie  es  sich,  sei  es*  dass  es  eingeengt  ward  durch  die 
Nachbarn  oder  durch  die  natürlichen  Gränzen  von  Meer  oder 
Gebirge,  dauernd  niederliess  und  das  Loos  mit  Korn  bebaute, 
masste  die  Arbeit  den  individuell  bearbeiteten  Grund  enger 
mit  dem  Arbeiter  selbst  verbinden,  und  es  kam  nur  darauf  an 
den  Punkt  zu  bestimmen,  auf  welchem  der  frühere  Gesammt- 
besitz  jetzt  in  das  Einzeleigenthum  überging.  Dieser  Punkt 
war  gegeben  mit  der  Erbauung  des  Hauses.  Das  Haus  ist  der- 
jenige Theil  des  Grundes,  den  der  Mensch  selber  schafft;  er 
ist  es,  den  der  Inhaber  des  Looses  durch  das  Loos  selbst  nicht 
mitbekommen  hat,  und  den  er  daher  auch  nicht  wieder  hergeben 
kann;  an  das  Haus  als  erste  Voraussetzung  alles  Landbaues 
knüpfen  sich  Regel  und  Ordnung  in  demselben ;  wie  das  Vieh, 
das  Ackergeräth,  der  Vorrath  innerhalb  des  Hauses  vertheilt 
werden  muss,  muss  sofort  auch  die  wirthschaftliche  Arbeit  ver- 
theilt und  in  strenge  Ordnung  gebracht  werden.  So  entsteht  ein 
neues  Lebensverhältniss  und  mit  ihm  ein  neuer  Rechtsbegriff.  Ich 
kann  das  Landloos  nicht  mehr  von  demjenigen  trennen,  durch 
den  allein  es  ein  selbständiger  productiver  Körper  geworden 
i8t;  das  Landloos  selbst  beruht  mit  seiner  ganzen  wirthschaft-« 


254  stein. 

liehen  Kraft  auf  diesem  Hause;  alsbald  erzeugt  hier  wie  immer 
die  wirthschaftliche  Natur  ihr  Recht  für  diese  Einheit  von 
Haus  und  Hof,  und  so  wird  aus  dem  Loos  die  Hufe  (Hof  = 
Bo;  Odalbo),  aus  der  Possessio  durch  die  domus  das  domi- 
nium, und  in  Griechenland  aus  dem  o1%oq  Ta  oixsta,  deren 
naturgemässe  wirthschaftliche  Ordnung  sich  gleich  anfangs  als 
das  Rechtsverhältniss  der  dieser  oixe(a  Angehörigen  zur  Herr- 
schaft —  apyri  — ;  des  Ganzen  über  die  Theile,  das  ist  des 
Tcaxi^p,  als  Recht  des  Herrn  über  die  Frau  in  der  apxtj  Tajxa^ 
über  die  Kinder  in  der  ap^^)  '^«Tptx^  und  über  das  Gesinde  in 
der  apr/ri  Jegwotixkj  entwickelt  —  Begriffe  die  nicht  erst  Aristoteles 
geschaffen,  sondern  die  so  alt  sind  wie  die  Entstehung  des 
Eigenthums  und  die  manus  mariti,  die  patria  potestas  und  das 
Dominium  über  den  servus.  Die  Rechtsordnung  aber  die  sieb 
daraus  von  selbst  entfaltete,  der  v9(ao;  dieser  ob^ia,  ward  dann 
von  den  Griechen  wesentlich  als  eine  wirthschaftliche  betrachtet^ 
und  empfing  daher  den  Namen  der  oixovofxta  —  die  älteste 
Ordnung,  die  nicht  Gegenstand  einer  Gesetzgebung,  einer  Uqxc, 
zu  werden  brauchte,  weil  sie  durch  die  organische  Natur  des 
Grundbesitzes  selber  gegeben  wären,  bis  die  Römer  sie  zu 
strengen  Rechtsbegriffen  formulirten.  Der  wirthschaftliche  Pro- 
cess  aber  durch  den  auf  diese  Weise  aus  dem  Ailod  ein  indivi- 
duelles Eigenthum  geworden,  ist  bei  den  Griechen  nie  ein  Gegen- 
stand selbständiger  Untersuchung  geworden,  aus  Gründen  die 
uns  hier  zu  weit  führen  würden;  die  Römer  dagegen  kannten 
ihn  sehr  wohl,  weil  sich  bei  ihnen  die  Vertheilung  des  AUods 
in  jeder  colonia  durch  die  Agrimensoren  feierlich  wiederholte. 
Sie  nannten  jenen  Process  der  Bildung  des  Einzeleigenthums 
aus  dem  AUod  oder  der  Possessio  durch  die  landwirthschaftliche 
Arbeit  die  usucapio,  und  es  war  ganz  consequent,  dass  sie 
alsbald  diese  usucapio,  die  ursprünglich  durch  die  domus 
aus  der  Possessio  des  Looses  das  Dominium  erzeugte,  später 
auch  auf  den  Erwerb  des  Eigenthums  unter  Einzelnen  an- 
wendeten, während  sie  mit  der  ihnen  eigenen  strengen  Logik 
an  Allem  was  kein  landwirthschaftliches  Gut  (mancipium)  war, 
ursprünglich  überhaupt  keine  usucapio  als  möglich  dachten; 
an  ihre  Stelle  trat  vielmehr  die  praescriptio,  die  gewiss  nicht 
vor  den  punischen  Kriegen  entstanden  ist.  Doch  dieses  Alles 
Äiag  gewesen  sein  wie  es  will,  der  Beginn  ist  die  Gemeinschaft 


Die  Entwicklnng  dßr  SUatswisienschaft  bei  den  Griechen.  255 

der  Gleichen;  das  Wesen  der  Gleichheit  aber  die  Harmonie 
zwischen  Grundbesitz^  Recht  und  Waffenpflicht;  und  diese 
Gemeinschaft  der  Gleichen  findet  ihr  Organ  in  der  ursprüng- 
lichen Versammlung  aller  durch  den  Grundbesitz  Gleich- 
berechtigten, dem  ByJplo^.  Das  ist  die  erste  und  ursprünglichste 
Gestalt  dieses-  Wortes;  es  sollte  bald  einen  anderen  Sinn 
empfangen.  Zunächst  aber  empfangt  nun  jenes  Moment  der 
Einheit  neben  dem  der  Selbständigkeit  der  Einzelnen  seinen 
Ausdruck;  es  ist  der  König;  der  ßavtXsO;,  der  Herzog  und 
Haupt  des  Volksgerichtes  als  erstes  Geschlechterhaupt ,  der 
Sache  nach  als  valja,  Bailli,  Baillivo^  Verwalter,  Gewalt  bis 
auf  die  neueste  Zeit  fortgepflanzt.  Von  diesem  Könige,  den  die 
Romer,  von  den  Germanen  redend,  bald  rex  bald  princeps 
nennen,  wird  gleich  weiter  die  Rede  sein.  Neben  ihm  stand  das 
Priesterthum,  dem  die  Upd  gehörten,  wohl  auch  für  Dorf  und 
Land,  während  die  volle  Selbständigkeit  des  Einzelnen  auch 
inr  den  Gottesdienst  des  Zeu;  spxeTc<;  dem  Hause  angehörte,  wie 
die  sacella  der  Römer  den  Ackergöttern  geweiht  waren,  und 
die  Lares  und  Penates  an  ihrem  Heerde  standen. 

Diese  Ordnung  der  Dinge  bedurfte  nun  keines  eigenen 
Beschlusses;  sie  beruhte  auf  der  noch  ungestörten  Harmonie 
ihrer  Elemente,  der  persönlichen  Gleichberechtigung  und  des 
gleichen  Antheils  am  Grundbesitz  der  Gemeinschaft.  Die 
Griechen  haben  den  Zustand  dieser  in  sich  selbst  ruhenden 
Rechtsordnung  im  Gegensatz  zu  der  späteren  Zeit  als  den  der 
%^oi  oYpa^ot  bezeichnet;  die  Dichter  nannten  sie  die  goldene 
Zeit;  wir  dürfen  sagen,  es  sei  die  Epoche  der  reinen  und  ur- 
sprünglichen geschichtslosen  Geschlechterordnung  gewesen.  Bei 
den  Griechen  können  wir  sie  nicht  mehr  nachweisen;  weniger 
noch  bei  den  Römern ;  nur  die  Nachrichten  von  Cäs^r  und  Tacitus 
zeigen  uns,  dass  die  alten  Germanen  sie  anfanglich  besassen. 
Das  höchste  Princip  dieses  gesammten  Rechtszustandes  aber 
war,  dass  alle  öffentlichen  Rechte  und  Pflichten  der  Geschlechter- 
ordnung durch  die  Vertheilung  des  Grundbesitzes  an  die  Familien 
in  Maass  und  Art  gegeben  sind.  Gesetze,  v6(aoi,  gibt  es  in  dieser 
Epoche  nicht,  nur  gemeinschaftliche  Berathungen,  namentlich 
üher  Krieg  und  Frieden.  Dann  trat  ,das  Land^  zusammen  ^ 
ywpsiv,  ffUYxwps^v  —  und  ,wollte  seinen  Willen'  —  ßouXeuixa  — 
den  der  König  zum  Ausdruck  brachte;  der  Gehorsam  gegen  den 


256  stein. 

König  aber  war  damit  eigentlich  nur  der  Gehorsam  gegen  den 
freien  Gesammtwillen.  Die  Gleichheit,  die  älteste  und  eigent- 
liche ta6TiQ;,  ist  daher  nicht  ein  philosophisches  oder  persön- 
liches Princip,  sondern  sie  bedeutet  das  gleiche  Recht  auf 
Grundlage  des  gleichen  Besitzes,  beides  noch  ungeschieden  in 
demselben  Worte  zusammengefasst.  Und  steht  dfese  Grundlage 
aller  ältesten  Vorfassung  aller  indo-germanischen  Völker  Eu- 
ropas fest,  so  ist  jetzt  der  Punkt  gegeben,  von  welchem  aus 
die  Bewegung  einer  neuen  Rechtsbildung  einerseits  und  neuer 
Gedanken  über  das  Recht  und  sein  Wesen  andererseits  sich 
fast  von  selbst  erklären. 

Denn  das  scheint  wohl  klar  genug  zu  sein,  dass  wenn 
in  dieser  alten  Geschlechterordnung,  deren  Wesen,  wie  man 
erkennt,  eben  die  Harmonie  der  grossen  Factoren  aller  öffent- 
lichen Lebensordnung,  der  persönlichen  und  der  wirthschaft- 
lichen  Elemente  ist,  nunmehr  eines  dieser  Elemente  sich  ändert^ 
nicht  bloss  die  Lage  des  Einzelnen,  sondern  auch  die  ganze 
Vorfassung  sich  ändern  muss.  Und  dieser  Process  ist  es  nun, 
welcher  die  Grundlage  der  Rechtsgeschichte  nicht  etwa  bloss 
Griechenlands  bildet. 

Denn  das  sich  nothwendig  Aendernde  ist  in  jeuer  Ge- 
schlechterordnung wie  in  jeder  anderen  eben  der  Besitz.  Der 
Besitz  aber  hat  zwei  grosse  Grundformen,  in  denen  er  sich 
ändert.  Die  eine  liegt  in  den  Factoren  des  wirthschafdichen 
Gutes  selbst,  die  andere  entsteht  durch  äussere  Gewalt.  Beide 
zugleich  erzeugen  den  Unterschied;  aber  die  erstere  nur  den 
des  Antheils  am  Grundbesitze,  die  zweite  aber  mit  ihm  zu- 
gleich die  des  Rechts.  Und  so  entstehen  die  ersten  Classen; 
aus  der  ersten  Form  aber  gehen  die  wirthschaftlichen,  aus 
der  zweiten  die  Rechtsclassen  hervor,  und  mit  ihnen  die  Um- 
gestaltung der  ganzen  Geschlechterordnung  und  ihre  ersten 
inneren  Kämpfe.  Es  mag  verstattet  sein,  sie  besonders  zu  be- 
trachten. 

So  wie  nämlich  jener  wirthschaftliche  Besitz  des  Allods, 
des  xXy;po;,  oder  die  Possessio  zum  Eigenthum  wird,  beginnt 
in  ihm  zu  allen  Zeiten  jene  Bewegung,  welche  das  Giiterleben 
der  Welt  beherrscht,  der  Uebergang  von  einem  Eigenthum 
zum  anderen,  der  auf  den  zwei  Kräften  beruht,  welche  dem 
menschlichen  Leben  als  ewig  wirkende  mitgegeben  sind.    Das 


Die  EniwiellTint;^  der  SUat<iw!88enschaft  bei  den  Griechen.  257 

ist  auf  der  einen  Seite  der  Tod  aus  dem  der  Erbfall  hervor- 
geht, und  auf  der  andern  das  Bedürfniss,  das  den  Vertrag 
erzeugt.  Beide  beginnen  allerdings  erst  da  ihre  nie  ruhende 
Arbeit,  wo  das  Gemeingut  ein  Eigen  wird;  aber  diese  Arbeit 
ist  der  mächtigste  Process  den  die  innere  Geschichte  der  Welt 
kennt,  eben  weil  es  jeden  einzelnen  Bestandtheil,  jedes  ein- 
zelne Allod  ergreift  und  umgestaltet.  Wir  dürfen  ihn  hier  nicht 
verfolgen;  aber  das  bedarf  wohl  auch  keines  Beweises,  dass 
er  schon  innerhalb  des  kurzen  Zeitraumes  von  wenigen  Ge- 
schlechtern eine  neue  Vertheilung  aller  wirthschaftlichen  Güter 
erzengen  musste.  Er  ist  es  der  unerbittlich,  ja  fast  mechanisch 
die  ursprüngliche  Iditr^;  zerbricht,  und  eine  ganz  neue  Ordnung 
des  Besitzes  an  ihre  Stelle  setzt. 

Dennoch    ist   sie    so    bekannt    und    gewöhnlich,    dass    es 
genügen  darf  ihre  Elemente  zu  bezeichnen. 

Da  nämlich,  wo  der  Kleruch  ein  zweites  Allod  durch  Erb- 
schaft oder  Heirath  gewinnt  oder  ein  drittes  oder  viertes,  kann 
er  es  nicht  selbst  mehr  bebauen.  Da  aber,  wo  der  Bauer  einen 
zweiten  oder  dritten  Sohn  hat,  kann  er  dem  letzteren  keine 
Hufe  mehr  hinterlassen.  So  entsteht  was  ursprünglich  nicht 
da  war,  der  grössere  Grundbesitz  neben  dem  kleineren,  und 
ans  dem  letzteren  die  Anzahl  besitz-  und  beschäftigungsloser, 
aber  frei  geborner  Bauemsöhne.  Und  sofort  vollzieht  sich  der 
erste  Process,  der  aus  der  Gleichheit  die  Ungleichheit  macht. 
Es  ist  nicht  nöthig  ihn  zu  verfolgen.  Der  grössere  Besitzer 
gibt  dem  Besitzlosen  den  Theil  seines  Grundes,  den  er  nicht 
mehr  bewältigen  kann ;  aber  er  behält  das  Eigenthum,  und  der 
Arbeiter  zinst  ihm.  Vielleicht  im  Anfang  nur  für  eine  gewisse 
Zeit;  aber  der  arbeitende  Bauernsohn  heirathet,  und  die  Tochter 
hat  selbst  kein  Vermögen;  woher  sollen  es  die  Kinder  be- 
kommen ?  Unterdessen  rauss  er  ein  Haus  haben ;  es  wird  wohl 
nicht  gross  sein;  kein  rechtes  Bauernhaus;  wäre  es  das,  so 
würde  es  seinerseits  trotz  aller  Rechte  am  Ende  doch  wieder 
Eigenthum  erzeugen.  Es  wird  ein  Häuschen,  eine  Käthe;  am 
liebsten  wird  der  Bauer  sehen,  wenn  dies  Häuschen  dicht  an 
seinem  Hofe  liegt,  ja  er  baut  es  dem  Manne  lieber  selber, 
damit  aus  dem  ok-aoc  nicht  doch  zuletzt  eine  ctxeia  entstehe.  So 
entstehen  die  Häusler,  die  Kathsassen,  die  Insten  des  ent- 
stehenden Classenunterschiedes ;    die  Griechen   nannten  sie  die 

SiUuBgsber.  d.  phil -bist.  Cl.  XCIIT.  Bd.  II.  Hft  17 


258  Stein. 

Metoiken  und  Perioiken,    andere  Namen  deraelben:    Orneaten, 
Penesten   u.  s.  w.   waren    örtlich    mit    demselben   Sinne.    Wie 
lange   nun   dauert   eine   solche  Ueberlassung  ?   Ein  Geschlecht, 
zwei  Geschlechter?  Vielleicht.  Gewiss  ist  aber,  dass  anfänglich 
kein  formaler  Vertrag,  kein  TuvaXXaYfjt,«  geschlossen  wird.    Der 
grosse  Besitzer  ,lässt'  den  kleinen  Häusler  auf  seinem  , Grande': 
und   warum    eigentlich   nicht?    So   werden   aus   den   Häuslern 
die  ,La8sen',    das  griechische  ,Xa6(;'  gegenüber  dem  fOvoc;  wer 
hätte    es   gewagt   die  Athenienser   ,Xab^   'AOrjvai'wv'   zu   nennen? 
Und   nun   gab    es   neben    der   grösser   gewordenen  Hufe  noch 
die  xoiva  und  die  tspa.  Wer  wohnte  hier?  Offenbar  im  Anfange 
niemand.    Bald   aber   kommen  die  besitzlosen  Bauernsöhne  — 
warum  soll  man    ihnen  wehren,    einen  , Grund'   von   denselben 
urbar  zu  machen?    Nur  dass  sie  der  Gemeinschaft  dafür  Zins 
und  Dienst  leisten.    Gewiss.    Aber  wer  wird  sie  zulassen,  wer 
wird  ihnen  den  Platz  anweisen,  wer  wird  ihren  Zins  entgegen- 
nehmen,  wer  hat   das  Recht   ihnen   den  Besitz   zu  kündigen? 
Gewiss   im   Anfang   der   Stifi-o?   der   gleichen  Kleruchen.    Aber 
schon    sind   die   letzteren    nicht  mehr  gleich.     Schon   hat  nur 
der  grössere  Hufner   noch   die   Zeit   sich   mit   Dingen   zu  be- 
schäftigen, die  über  den  Betrieb  seiner  Hufe  hinausgehen.  Es 
ist  natürlich,  dass  er,  wenn  auch  im  Namen  der  Gemeinde,  der 
vMlLTt  darüber  walte.  Jetzt  wächst  seine  wirthschaftliche  Macht. 
Wenn  er  auf  der  a^opa  erscheint,  folgen  ihm  seine  Lassen  und 
die  Insassen    des  xsivcv,    die   von   ihm   abhangen,    was   er  sagt 
gilt;   auf  ihn  sehen  die  kleinen  Leute;   er  ist  ein  angesehener 
Mann    (OsTo;  von*Q£F?),    ein  geachteter  Mann,  ein  Yv^jp'-H-o;  «vT^p ; 
er  ist  ein  Geeigneter,    ein  Berufener  fiir   diese  Dinge,  ein  hi- 
rfßtiG^ ;  er  hat  ein  weites  grosses  Feld  zu  seinem  Eigen,  er  ist 
ein  TTaxu«;;    er   heirathet   nur   innerhalb    der   ihm   jetzt  Gleich- 
stehenden, und  sein  Sohn  und  Enkel  erben  mit  seinem  Besitz 
sein  Ansehen;    aus  der  Familie  wird  das  Geschlecht,   und  die 
Geschlechter  der  Grossen  stehen  jetzt  denen  der  Kleinen  gegen- 
über;  die  Kinder   der   ersteren    sind    die  Wohlgeborenen,  die 
euYcvs^,  und  die  Besitzenden,  die  sfcopoi,    die  eine   grosse  Ein- 
nahme —  -rropcc  —   haben,    sie   sind    die   ,schönen  Leute^,  die 
,beäux  Sires'   des   Mittelalters,    die    Sokrates   zuerst   die  v.2Kz\ 
xaYaOot  genannt  hat,   während  wir  vergessen,  dass  wir  deutseh 
redend,  griechische  Gesellschaftsclassen  bezeichneten.  Und  jetzt 


Die  Entwicklung  der  Stnatswissennchaft  bei  den  Griechen.  250 

kommt  das  ,Land'  zusammen  zu  irgend    einer  Berathung'.     Ist 
tfs  möglich,    dass   das  noch    der   alte   ursprüngliche   hr;\Loc  sei? 
Gewiss,   die  Lassen  werden  oft   genug  keine  Zeit   haben,   die 
T;zpi  zu  besuchen;  noch  gewisser,  dass  sie  nicht  wagen  werden 
darein  zu  reden,  wenn  der  schwere  ^a/u;  auftritt;   wehe  ihnen, 
wenn  sie  es   thäten!    Der  Landlord  in  Griechenland   hätte   sie 
eben  so  gewiss  von  Haus  und  Hof  gejagt  wie  er  es  in  England 
gethan,  wenn  der  kleine  Farmer  nicht  nach  seinem  Sinne  wählte! 
Aber  auch   der  altfreie  Grundsasse   auf  seinem    ,Sonnenlehn', 
dem  xXf^pc^   der    ersten  Vertheilung,    das   er   sich    zu    erhalten 
gewnsst,  ist  mehr  ein  Hörer  als  ein  Redner;    die  Schwere  der 
breiten  Gelände  über  welche  der  ixt-n^Bstcc  Herr  ist,  drückt  ihn; 
vielleicht  hat  er  ein  Kind  mehr  als  er  versorgen  kann  —  wer 
soll  dem   letzten   eine  Pachtung   auf  dem  xoivov   geben,    wenn 
nicht  der  yv^j^piixo^,  auf  den  die  Anderen  hören?  So  schweigt  er, 
und  wagt  es  Keiner  sich  zu  setzen,  wo  Jene  neben  den  Steinen 
des  Königes  Platz  nehmen ;    er  stellt  sich  im  Kreise,  zwar  mit 
seinen  Waflfen,    dem  Zeichen    seines   freien  Allods,    aber  doch 
nur  um  Ja  oder  Nein  zu  sagen.   Jene  aber,  welche  jetzt  an  der 
Spitze  der  rfopa  stehen,  die  Inhaber  des  grossen  Grundes,  sind 
damit  nicht  mehr   bloss  reich.     Ihr  Eigcnthum   hat   ein  neues 
Moment  entwickelt,  vermöge  der  Differenz  mit  dem  der  Anderen. 
Denn  war  es  das  Eigenthnm,   welches  der  Persönlichkeit  sein 
Gewicht  gab^  so  wird  die  Dauer  dieses  Eigenthums  zur  Dauer 
dieses  Einflusses  für  das  ganze  Geschlecht.    Das  Ansehen  wird 
erblich  mit  dem  Gute,  worauf  es  beruht;    es  wird  zur  Ueber- 
lieferung  für  die  Mittleren  und  Kleineren,  dass  joner  vermöge 
seines  Grundes,    des  of  =  Erde,   an  der  Spitze   stehe  wo    die 
Gemeinschaft   auftritt;    das  Vermögen  hat   einst   gleiche  Ehre 
und  Macht  gegeben,  jetzt  vertheilt  es  Beide  nach  seinem  Um- 
fange, und  aus  dem  Eigenthum  oder  dem  wirthschaftlichen  und 
rechtlichen   wird   der  eigentliche,    der   gesellschaftliche  Besitz. 
Und  80   ist  jetzt   aus   dem  wirthschaftlichen  Unterschiede  der 
gesellschaftliche  entwickelt,  und  dieser  Unterschied,    ursprüng- 
lich ein    persönlicher    und    damit    vorübergehender,    jetzt    ein 
dauernder  und  dem  gesellschaftlichen  Besitze  schon  untrennbar 
verbundener,    und    durch    des    Eigenthumsrecht    für    den    Be- 
sitzer unantastbar   geschützter.    Jedes  jener  Momente  aber  ist 
selbständig   da;  in  der  öffentlichen  Gemeinschaft  krystallisiren 

17* 


260  stein. 

sie  sich  in  den  Personen,  welche  solche  Besitze  haben.  Damit 
vertheilen  sie  zuerst  die  gesellschaftlichen  Güter  der  Ehre  und 
der  Macht  nach  der  Vertheilung  des  Besitzes,  und  aus  den 
ursprünglichen  wirthschaftlichen  Classen  der  Grossen,  der  Mitt- 
leren und  der  Nichtbesitzer  sind  die  gesellschaftlichen  Classen 
der  Höheren,  Mittleren  und  Niederen  entstanden.  Das  ist  der 
erste  gesellschaftliche  Entwicklungsprocess,  den  die  Geschichte 
kennt.  Es  ist  die  Scheidung  der  aptorot  von  dem  übrigen  Bi^{J^:;' 
der  ^yi[ioq  selbst  aber  beginnt  seine  Natur  zu  ändern.  Noch  ist 
er  wie  ursprunglich  seinem  Princip  nach,  gemäss  dem  alten  vofic: 
or(pafo^y  die  freie  Gemeinschaft,  aber  in  Wahrheit  ist  er  nicht 
mehr  die  Gemeinschaft  der  Gleichen;  schon  Homer  will  Srt  opicr:: 
xpateT;  aber  die  Empfindung,  die  hier  zum  Grunde  liegt,  ist 
jetzt  zur  festen  Gestalt  in  der  Vertheilung  des  Besitzes  geworden^ 
und  der  alte  S)3(jlo;  ist  in  der  Wirklichkeit  die  Aristokratie  der 


<  Wenn  wir  uns  verstatten  dürften  über  Fragen,  die  wir  allerdings  nicht 
beherrschen  hier  beiläufig  eine  Ansicht  aufzustellen,  so  würden  wir  glanben, 
dass  ein  ganzer  Theil  der  Sprache  so  innig  mit  den  Verhältnissen  des 
Güterlebens  durchdrungen  ist,  dass  die  Etymologie  vieler  Wörter  ohne 
die  Beachtung  der  Arbeits-  und  Güterverhfiltnisse  nicht  wohl  zu  einem 
entsprechenden  Resultate  gelangen  kann.  Unser  Gegenstand  aber  zwingt 
uns,  wenigstens  auf  einen  Punkt  aufmerksam  zu  machen.  Jene  Scheidan^; 
der  Classen,  nämlich  auf  Grundlage  des  Besitzes,  hat  sich  denn  doch 
natürlich  sofort  auch  in  der  Sprache  fizirt.  Ob  und  wie  damit  die  Worte 
ayaOcJ;  und  Mpxyxf^la.  zusammenhängen,  sowie  der  ava^avBpüiv  oder 
der  aypo;,  ,Trift*,  der  mit  dem  Privateigenthum  entstehende  »Acker', 
vermögen  wir  nicht  zu  entscheiden.  Jedenfalls  scheint  der  xaXoc,  der 
vermöge  seines  aypo;  zu  öffentlichen  Dingen  Berufene  zu  sein  als  xaXo; 
xayaOo;  der  gmndansässige  und  dadurch  ansehnliche  Mann,  und  d»s 
alte  deutsche  Wort  ahpar,  achtbar,  hat  keinen  andern  Ursprung.  Kommt 
nicht  auch  «ehrbar*  von  Erde,  Hertha,  spat,  ^Apdo,  arvum?  JedenfslU 
ist  der  Comparativ  von  xaXd;  ein  doppelter,  eben  so  der  von  ayaOo;  — 
wie  wäre  das  möglich,  wenn  nicht  im  Worte  selbst  ursprünglich  die 
doppelte  Bedeutung  des  an  sich  und  des  gesellschaftlich  Outen  and 
Schönen  gelegen  hätte?  Fast  unzweifelhaft  aber  erscheint  dieseli^e 
durch  den  Superlativ ;  denn  dass  ,aptato(*  den  durch  den  grossen  Grand- 
besitz  Besseren  bedeutet  hat,  zwingt  uns  das  Wort  anzunehmen,  wie  die 
Geschichte  selbst,  welclie  unter  den  Aristokraten  niemals  die  rXouatoi  oder 
die  Timokraten,  sondern  immer  nur  die  Grundherren  verstanden  hat;  nod 
wie  doch  konnte  aus  ayaOo;  der  aptaro;,  entstehen,  wenn  ayaOo;  mit  dem 
Grundbesitz  absolut  nicht  zusammenhing?  Jedenfalls  aber  hnmionirt  die^e 
Auffassung,  wie  wir  glauben,  vollständig  mit  den  historischen  That<sehen. 


Die  RntwicklttDg  der  StaatswiBsen»chuft  bei  den  Griechen.  261 

Grossen.  Die  Geschlechterordnung  als  Ordnung  des  Grund- 
besitzes hat  ihre  zweite  Epoche  begonnen. 

Jetzt  kommt  die  dritte;  mit  ihr  der  beginnende  Kampf, 
mit  ihr  die  Geschichte^  und  mit  ihr  das  Sinnen  und  Nach- 
denken über  Gesetz  und  Gerechtigkeit. 

Denn  allerdings  sind  jetzt  thatsächlich  die  Grossen  die 
Herren  im  §i;|jLo; ;  aber  über  ihnen  steht  von  altersher  der  ßaatXsu^ 
als  das  Haupt  aller  Geschlechter.  Gewiss  ist  er  nicht  ärmer 
geworden;  als  jene  reicher  wurden ;  gewiss  hat  er  Gründe  und 
Hintersassen;  wissen  wir  doch;  dass  der  spartanische  König  grosse 
iopy,  von  den  lacädemonischen  Sassen  bezog;  aber  er  ist  doch 
etwas  mehr  und  anderes  als  der  grösste  Grundbesitzer:  er  ist 
eigentUch  das  Ganze;  er  ist  die  persönlich  gewordene  Einheit; 
er  gilt  als  solcher  nach  Aussen,  er  gilt  auch  als  solcher  nach 
Innen.  Denn  ihn  hat  nicht  sein  Besitz  und  nicht  die  Wahl  zu 
dem  gemacht  was  er  ist;  er  ist  es  von  Geburt;  er  gehört  dem 
königlichen  Geschlecht.  Er  will  daher  Ehre  für  sich  als  König; 
er  will  Macht  für  sich  als  König;  er  will  auch  als  König  eigent- 
lich allein  das  xotvsv  verwalten,  denn  diese  AImcnd  gehört  ja 
allen,  und  nicht  den  aptcnoi.  Und  gelangt  er  dazu,  dass  ihm  im 
Unterschiede  von  den  grossen  Besitzern  diese  ,Staatsländereien^ 
der  ältesten  Zeit  zur  Verwaltung  überlassen  bleiben,  so  wird 
bald  genug  nicht  mehr  jene  ländliche  Aristokratie  der  Grossen, 
sondern  vielmehr  er  der  Herr  sein,  denn  dann  werden  alle 
Hintersassen  auf  dem  xctvsv  zu  ihm  stehen,  von  ihm  abhängig 
werden.  Ist  es  möglich,  dass  er  das  nicht  empfinden  sollte? 
Aber  auch  die  Grossen  empfinden  es.  Sie  haben  bisher  die 
Possessiones  als  Patrizii  besessen  und  verwaltet;  ihnen  wird 
der  König  der  an  das  xoivsv  denkt,  bald  aus  einem  Haupte 
eine  Gefahr,  die  einzige  innere  Gefahr  die  der  Bauer  versteht, 
die  Gefahr  für  seine  alte,  bereits  zum  Geschlechterbesitz  ge- 
wordene Grundherrschaft.  Und  jetzt  entsteht  das  Misstrauen. 
Vielleicht  folgt  man  dem  Könige  noch  gerne  in  den  Feldzug; 
aber  in  der  o^op«  beginnt  er  Widerstand  zu  finden.  Für  die 
Grossen  ist  er  noch  immer  ein  Gleicher  unter  Gleichen;  er 
selbst  aber,  das  Haupt  für  alle,  also  auch  für  den  Xasq,  will 
mehr  sein.  Wie  kann  es  werden,  und  wie  das  Gewordene 
bleiben?  Er  allein  trotz  seines  Besitzes  und  seiner  Macht 
genügt  doch  nicht  gegen  alle  Grossen.    Was  bleibt  ihm  übrig. 


262  stein. 

als  jetzt  die  Stütze  seiner  Macht  bei  den  Kleinen  zu   suchen? 
Der  Instinct  sagt  ihm,  was  er  wünschen   muss;    aber   erst  die 
Verhältnisse  zeigen  ihm  den  Weg,  den  er  zu  gehen  hat.    All- 
gemeine Hinneigung  zum  Xao;,    der  jetzt  nicht  mehr  der  S^jjl^;, 
die  Angehörigen  der   Gemeinde,   sondern  die  Kleineren  neben 
den  Grösseren  zu  bedeuten  beginnt,  gibt  ihm  die  Neigung  des 
jVolkes'  als  Gegengabe ;  aber  die  wirkliche  Kraft  muss  er  doch 
erst  in  der  Versammlung  des  Volkes  concentriren  und  messen. 
Um  das  zu  können,  muss  er  das  noch  unbestimmte  Gesammt- 
gefühl  des  Volkes,  dass  es  als  Ganzes  nur  noch  scheinbar  die 
alte  Herrschaft  besitze,  zum  rechtlichen  Ausdruck  bringen;  um 
das    wieder   zu    können,    muss    er    den   Punkt    angreifen,   auf 
welchem  der  Besitzer  tödtlich  verletzt  wird,  den  Besitz  selber. 
Er  muss  daran  denken,  wie  er  wenigstens  die  gefährdete  Mittel- 
classe  der  xaXcl  xa^aOot  mit  sich  verbünde,   indem  er  die  Ver- 
waltung des  xotvov  den  afnoroi  abnimmt,   und   sie   der  Gemein- 
schaft des  of^\KGq  wiedergibt.  Und  jetzt  kommt  die  Aristokratie 
zum  Bewusstsein  der  Gefahr,  welche  im  Königthum  als  solchem 
liegt ;  denn  das  was  wir  gesagt  wird  nicht  mehr  ein  König  thun, 
sondern  sie  thun  es  alle.     Zum   erstenmale   entsteht  jetzt  den 
Aristois   aus  jenem  Bewusstsein   der   Gefahr  das  Bewusstseio; 
dass  sie  eine  selbständige  Classe  sind,   deren  Herrschaft  doch 
zuletzt  auf  ihrem  Besitze  beruht;   und  aus  dieser  Erkenntniss, 
dem    ersten    Classenbewusstsein,    bildet    sich    sofort    das  erste 
Classeninteresse,  das  Streben,  den  Besitz,  ihre  Grundlage,  gegen- 
über denen  zu  erhalten,  deren  Classeninteresse  es  umgekehrt  ist, 
ihnen  denselben  zu  nehmen.    Der  König  aber,  der  das  letztere 
geplant,  wird  zur  Personification  desselben;  nur  durch  ihn,  diu-cli 
das  Haupt  des  Ganzen,  hat  die  untergeordnete  Classe  ein  Organ 
und    einen  Mittelpunkt;   an  ihn  schliesst   sich   ehrend  und  ge- 
horsam  Alles   an,   was   nicht   mehr   unter   der  Herrschaft  der 
itpiGTot  stehen  will;   und  ist  es  in  der  That  nicht  gerecht,  dass 
statt    der  Ungleichheit   die    alte    Gleichheit   wieder    herrsche? 
Vertritt  jener   König   nicht  mehr   als    ein    Interesse?     Ist  er 
nicht  in  Wahrheit  der  Träger  eines  Princips,  des  alten,  eigent- 
lichen   wahren  Princips   des  griechischen  3fj[ji.o;?    Soll  er  nicht 
unverletzlich    sein    wie    dies  Princip    selber?    Soll    man   nicht 
ihm  gehorchen  statt  dem  Beschlüsse  der  Agora,  den  doch  nur 
die  Grossen  machen?  Und  muss  denn  dieser  Beschluss  gerade 


IHe  Entwicklung  der  SUaUwuaenschaft  bei  den  Griechen.  263 

vom  grossen  Grundbesitz  abhangen?  Sollen  zwei  Hufen  mehr 
Recht  haben  als  eine?  Soll  mein  Beeilt  kleiner  werden,  weil 
ich  nur  einen  Acker  besitze  gegenüber  dem  der  zehn  hat? 
Kein  —  stehen  wir  zum  Könige!  Und  jetzt  wird  der  König, 
getragen  von  dieser  Volksgunst,  aus  einer  blossen  Gefahr  eine 
unmittelbare,  eine  grosse  Macht  gegenüber  jenen  Grundherren. 
Schon  regen  sich  die  Metoiken  und  Penesten,  den  Herren  Uebles 
simiend;  schon  fängt  der  aYaOoi;  an  nachzudenken,  wie  viel 
aaf  ihn  fallen  werde,  wenn  der  König  das  Almend  neu  ver- 
theilt;  schon  unterwerfen  sich  die  mittleren  Besitzer  nicht  mehr 
einfach  der  ,Fürsprache'  des  Grossen  und  Zürnend  denkt  der 
letztere  daran,  dass  ihm  ein  ,angestammtes^  Becht  bedroht 
werde.  Der  König  aber,  dem  die  Macht  die  Besonnenheit 
nimmt,  beginnt  mit  Gewalt  in  die  Interessen  jener  patrizischen 
Grundherren  hineinzugreifen;  da  merken  diese,  dass  jetzt  der 
Augenblick  gekommen  sei ;  sie  erheben  sich  und  der  erste 
gesellschaftliche  Kampf  bricht  los,  der  Kampf  der  Aristokratie 
der  Grundherren  mit  dem  volksthümlichen  Königthum. 

So  weit  daher  die  Geschichte  der  alten  wie  der  neuen  Welt 
zurückgreift,  ti'itt  uns  in  vielgestaltiger  Wiederholung  eine  und 
dieselbe  Erscheinung  in  der  Epoche  entgegen,  in  welcher  die 
Gesellschaftsordnung  ganz  oder  auch  nur  im  Wesentlichen  eine 
Geschlcchtsordnung  bleibt.  So  wie  der  König  stark  werden 
will,  muss  er  für  das  Volk  im  Gegensatze  zur  Grundherrschaft 
sorgen,  und  so  wie  er  das  thut,  stehen  die  Geschlechter  auf  und 
tödten  oder  verjagen  ihn.  Alle  Geschlechterkönige  der  Griechen 
wie  der  Bömer,  wurden  von  den  Grundherren  umgebracht, 
so  wie  sie  mehr  sein  wollten  als  Heerführer ;  die  Gesellschafts- 
wissenschaft aber  muss  das  als  eines  ihrer  Gesetze  erklären,  dass 
sich  aus  der  Herrschaft  des  Besitzes  über  die  Verfassung  und 
Verwaltung  ergibt.  Hier  breitet  sich  ein  fast  unendliches  Ge- 
biet aus;  wir  verfolgen  es  nicht;  aber  in  Griechenland  war 
die  Erscheinung  noch  einfach,  und  einfach  und  leichtverständ- 
lich waren  ihre  Consequenzen. 

Denn  allerdings  tritt  nach  Verjagung  der  Könige  die 
Königslosigkeit  ein,  welche  die  Unbekanntschaft  mit  den  ge- 
sellschaftlichen Gesetzen  der  Verfassungsbildung  die  Bepublik 
oder  den  Freistaat  nennen  lernte,  während  sie  in  der  That 
das  gerade  Gegen theil  darstellen.    Man   sieht  um  des  Volkes 


264  Steia. 

willen  hatten  die  Aristokraten  den  Codrus,  den  Romalos,  den 
ServiuB  TuUius,  den  Tarquinius  Superbus  verjagt  oder  getödtet; 
sie  wollten  umgekehrt  nun  die,  jetzt  durch  den  Köoigsmord 
zur  Herrschaft  gewordene  gesellschaftliche  Classe,  an  die  Stelle 
der  Könige  setzen.  Und  es  gelang  ihnen  fast  allenthalben.  Aber 
weder  ganz  noch  ungestraft. 

Es  ist  aber  vom  höchsten  Interesse,  dies  im  Einzelnen 
zu  verfolgen,  wenn  wir  an  diesem  Orte  uns  auch  auf  die 
grösseren  Momente  des  Entwicklungsganges  der  Dinge  be- 
schränken müssen. 

So  wie  nämlich  das  Königthum,  schon  damals  oft  genug 
unter  dem  Namen  der  Befreiung  von  einem  Herrn,  beseitigt 
war,  trat  nun  der  Zustand,  den  die  Könige  meist  hatten  bessern 
wollen,  in  seiner  ganzen  Kraft  wieder  ein.  Die  Grossgrund- 
besitzer, jetzt  ohne  Gegongewicht,  begannen,  wie  es  in  der 
Art  zur  Gewalt  gelangender  Bauern  liegt,  die  letzteren  rück- 
sichtslos auszubeuten.  Sie  fingen  erstens  an,  die  Klcinfreien 
und  selbst  die  Mittelclasse  direct  von  der  Abstimmung  in  den 
Versammlungen  auszuschliessen ;  zweitens  aber  vorwalteten  sie 
den  grossen  Gemeindegrund,  das-  xoivcv,  jetzt  um  so  mehr  allein^ 
als  das  was  dem  Könige  einst  gehört  hatte,  jetzt  ihnen  zufiel. 
Alle  Lassen,  Periöken  und  Metöken,  die  einst  auf  den  König 
gehofft,  waren  jetzt  ihnen  unterthan ;  sie  waren  factisck  die 
Herren  des  Landes.  Gab  aber  der  Grundbesitz  ein  Recht,  so 
musste  jetzt  der  grosso  Grundbesitz  ein  Vorrecht  geben.  Die 
Classe  der  wirthschaftlich  Herrschenden  beginnt  daher  ganz 
offen,  die  übrigen  Besitzer  von  aller  Verfassung  und  Verwal- 
tung auszuschliessen,  und  der  Process  entsteht,  in  welchem  aus 
den  gesellschaftlichen  Classen  sich  die  Rechtsclassen  bilden. 
Wir  nennen  sie  die  herrschende  und  die  beherrschte  Classe. 
Die  Scheidung  beider  ist  Inhalt  und  Ergebniss  der  Zeit,  welche 
nach  der  Vertreibung  der  Könige  folgte  und  was  durch  die 
neue  Vertheilung  des  Grundbesitzes  begonnen,  das  hat  sich 
jetzt  vollendet.  Nach  der  Bewältigung  des  Königthums  ist  die 
Aristokratie  die  herrschende  verfassungsmässige  Form  des  alten 
ofi[Loq  geworden. 

Allein  mit  diesem  Ergebniss  tritt  nun  sofort  ein  neuer 
Process  ins  Leben,  den  man  zwar  im  Einzelnen  nicht  nach- 
weisen   kann,   der   aber   in    seinen  Folgen    so   verständlich  ißt, 


Die  Entwicklnn;  der  Stoatswiesenschaft  bei  den  Griechen.  26o 

dass  wir  ihn  unter  die  entscheidenden  historischen  Thatsachen 
äufDchmen  müssen. 

Jede  Qewalt  hat  den  Drang,  sich  durch  das  zu  entfalten 
und  zu  entwickeln,  wodurch  sie  selber  entstanden  ist.  Die 
neue  hen'schende  Aristokratie,  aus  dem  Grundbesitz  hervorgc- 
gEDgen,  versucht  sofort  den  Rest  des  freien  Besitzes  unmittelbar 
oder  mittelbar  sich  zu  erwerben ;  aus'den  Reichern  müssen  noch 
reichere,  ja  die  allein  Reichen  werden.  Jetzt  beginnen  die  Be- 
diiickungen  des  Mittelstandes  zu  denen  der  Halbfreien  hinzu- 
zutreten. Allein  es  ist  keine  friedliche  Zeit  in  der  das  geschieht. 
Fehde  und  Krieg  toben  rings  herum.  Mit  ihnen  tritt  die  Ver- 
pflichtung heran,  Waffenrüstung  und  Unterhalt  zu  schaffen. 
Die  waren  von  jeher  auf  den  Grundbesitz  angewiesen.  Den 
Stamm  des  Heeres  aber  bildeten  doch  die  Freien.  Diese  Freien 
selbst  aber  waren  ärmer  geworden;  dennoch  forderte  die  herr- 
schende Aristokratie  die  Waffenleistung,  als  ob  sich  die  Ver 
hältnisse  nicht  geändert  hätten.  Jetzt  griff  die  neue  Ordnung 
der  Dinge  aus  der  allgemeinen  Verfassung  heraus  in  die  bisher 
selbständige  Einzelwirthschaft  hinein  und  bedrohte  auch  den 
mc;  xo^aOoc.  Der  aber  beginnt  den  Forderungen  der  Herr- 
schenden zu  widerstehen ;  um  ihn  sammeln  sich  die  Halbfrcicn, 
die  man  schon  damals  aus  den  Magazinen  der  Grundherren 
für  jeden  Feldzug  mit  Waffen  versehen  musste,  welche  man 
ihnen  freilich  nachher  wieder  abnahm,  da  sie  kein  Waffen  recht 
besassen.  Es  kommt  zum  Streit;  die  Lage  der  Classenintcressen 
macht  die  in  den  Verhältnissen  liegenden  Bedürfnisse  derselben 
zu  Forderungen,  Forderungen  deren  letzter  Hintergrund  aller- 
dings der  Gedanke  der  alten  Gleichberechtigung  gegenüber  der  • 
Ungleichheit  des  Besitzes  war;  jetzt  entstehen  öffentliche  Par- 
teiungen,  jede  Gesammtfrage  wird  in  das  Gebiet  der  Sonder- 
interessen gezogen,  Jeder  beginnt  gegen  den  Andern  zu  stehen; 
die  Auflösung  der  alten  Ordnung  fängt  an,  in  jedem  Lande, 
in  jeder  7:6X1;  ihr  Haupt  zu  erheben.  In  dieser  Spaltung  der 
Kräfte  wird  aber  die  Gemeinschaft  selber  schwach;  Unmuth  be- 
mächtigt sich  der  Gemüther  und  eine  Zeit  beginnt,  in  welcher 
die  Qeschichtschreibung  uns  verlässt,  weil  es  keine  Geschichte 
elementarer  Processe  gibt,  weder  im  Leben  der  Gesellschaft  noch 
in  dem  des  Staats.  Dann  aber  bricht  sich  durch  die  Gestalt-  " 
losigkeit  der  Zustände  und  Bewegung  jene  wunderbare  höhere 


26G  stein. 

Kraft  Baho;  durch  ivelche  dann  die  Griechen  uns  als  ein  geistig 
so  gewaltiges  Volk  erscheinen  und  die  grösste  Thatsache  der 
alten  Zeit,  die  Gesetzgebung  der  griechischen  Staaten  während 
des  achten  und  siebenten  Jahrhunderts  v.  Chr.  tritt  uns  ent- 
gegen und  bildet  den  ersten  und  grossartigsten  Ausdruck  des 
freien  Gedankens  eines  edlen  Volkes  über  sein  eigenes  Staats- 
leben. Sie  ist  der  Beginn  alles  höhern  staatlichen  Bewusstseius 
in  der  ganzen  Weltgeschichte.  Sie  ist  etwas  durchaus  und 
wesentlich  anderes  als  daS;  was  wir  jetzt  eine  Gesetzgebung 
oder  Codification  nennen ;  sie  will  mit  einem  ganz  andern  Maasse 
gemessen  werden,  als  alle  spätem  gesetzgeberischen  Erschei- 
nungen in  der  Geschichte;  denn  sie  ist  in  Wahrheit  die  erste 
Gestalt  des  —  wir  dürfen  es  unbedenklich  sagen  —  staats- 
wissenschaftlichen Bewusstseins  eines  Volkes,  eine  in  Gesetzen 
krystallisirte  Philosophie  des  Rechts  und  Staats.  Daher  darf 
es  uns  genügen,  ihren  Inhalt  zu  kennen;  auch  würden  unsere 
geringen  Kräfte  wahrlich  nicht  ausreichen  zu  dem,  was  die 
grossen  Gcschichtschreiber  darüber  mit  bewunderungswürdigem 
Fleiss  und  Verständniss  aus  den  Trümmern  der  alten  Literatur 
wieder  aufgebaut,  neues  hinzuzufügen.  Im  Gegentheil  setzen 
wir  die  Bekanntschaft  mit  allem,  was  Lykurg,  Pythagoras  und 
Solon  gethan,  voraus.  Aber  Eines  möchten  wir  festhalten,  und 
das  ist  die  Erkenntniss,  dass,  wenn  man  einerseits  jene  grossen 
Gesetzgebungen  ohne  das  Eingehen  auf  den  geistigen  Kein 
der  griechischen  Welt  nicht  beherrscht,  man  sie  doch  andrer- 
seits nie  ohne  die  Macht  des  Besitzes  und  seinen  Einäuss  auf 
die  innere  Staatsbildung  ganz  verstehen  wird.  Und  das  letztere 
.  wenigstens  nahe  zu  legen,  soll  unsere  Aufgabe  sein. 

Freilich  muss  man  zu  dem  Ende  einige  jener  Gesetze 
gegenwärtig  haben,  deren  Wesen  und  historische  Bedeutung 
uns  die  Gesellschaftswissenschaft  gelehrt  hat,  und  wir  sehen 
uns  daher  allerdings  gezwungen,  dieselben  an  die  Spitze  des 
Folgenden  zu  stellen.  Dann  aber  weiss  Jeder,  dass  wir  unter 
der  Zeit  jener  grossen  griechischen  Nomotheten  nicht  etwa 
einen  kurzen  Zeitraum  von  wenigen  Jahren,  sondern  vielmeiir 
einen  Process  verstehen,  der  mindestens  zweihundert  Jahre 
dauert.  In  dieser  langen  und  kampferfiillten  Zeit  sind  die 
Factoren,  welche  das  älteste  Recht  umgestaltet  haben,  die 
Güterbeweguug  und  der  gesellschaftliche  Besitz  nicht  etwa  still 


Die  Eatwicklaug  der  StaatowisMnschaft  bei  den  Griechen.  ^67 

gestanden.  Sie  haben  ihre  Arbeit  unermüdlich,  wenn  auch 
schweigend  fortgesetzt;  schon  zu  Solons  Zeit  ist  Griechenland 
ein  anderes  wie  zur  Zeit  Lykurgs.  Und  daher  wird  kein  Kun- 
diger erwarten,  dass  die  Solonische  Gesetzgebung  der  Lykur- 
gischen gleich  sein  konnte.  Dennoch  aber,  bei  allen  tiefen 
Unterschieden,  welche  sie  darbieten,  erscheinen  sie  doch  zuletzt 
als  Gestaltungen  und  Selbstbestimmungen  eines  und  desselben 
Volkes;  ein  und  derselbe  Geist  weht  uns  aus  ihnen  entgegen, 
aber  auch  zugleich  beherrscht  ein  und  dasselbe  Gesetz  der 
Rechts-  und  Staatsbildung,  ein  Gesetz  das  jene  empfunden  ohne 
es  noch  klar  zu  wissen,  diese  Gesetzgebungen  des  Anfangs 
der  eigentlich  griechischen  Geschichte.  Doch  vermöge  dieses 
Gesetzes  können  wir  diese  grosse  Epoche  in  einem  Griffe  zu- 
sammenfassen; nur  dass  es  dabei  verstattet  sein  muss,  die 
testen  Punkte  zu  Grunde  zu  legen,  die  auch  hier  das  Leben 
tragen  und  in  ihrem  Gegensatze  beherrschen. 

VI. 

Wir  glauben,  dass  es  als  eine  der  grossen  feststehenden 
Thatsachen  der  griechischen  Geschichte  anerkannt  wird,  dass 
der  Epoche  der  alten  Landes-  oder  Stamm könige  fast  allen t^ 
halben  eine  zweite  folgt,  die  man  als  die  Zeit  der  Tyrannen 
zu  bezeichnen  pflegt.  Sie  gehen  den  sogenannten  Vei*fassungen 
vorauf,  aber  sie  erscheinen  bei  näherer  Betrachtung  doch  mit 
der  tiefen  historischen  Bewegung  in  der  staatlichen  Keckts- 
bildung  Griechenlands  so  innig  verbunden,  dass  wir  sie  selbst 
so  gut  wie  die  letztern,  wenn  auch  nicht  vom  pragmatischen, 
so  doch  vom  Staats  wissenschaftlichen  Standpunkte  betrachten 
dürfen. 

Von  dem  Staate  redend,  denken  die  meisten  an  die  Summe 
seiner  organischen  Erscheinungen,  seinen  Körper  im  I^ande, 
seine  Seele  im  Volke,  seinen  Willen  in  der  Gesetzgebung,  seine 
That  in  der  Vollziehung,  sein  Dasein  als  eine  grosse,  die 
grösste  organische  Thatsache  des  persönlichen  Lebens.  Und 
gewiss  ist  das  an  sich  richtig.  Allein  Eines  fehlt  in  dieser 
Auffassung.  Es  ist  aber  unabweisbar,  dies  in  der  geistigen 
Anschauung  festzuhalten.  Denn  auch  das  Verständniss  der 
Geschichte  ist  nicht  ohne  dasselbe  möglich. 


268  Stein. 

Gewiss  ist  nämlich  der  Staat  alle  jene  Dinge  zugleich. 
Aber  doch  ist  keines  derselben  für  sich  schon  der  Staat  Und 
da  keines  derselben  für  sich  der  Staat  und  damit  das  Oanze 
ist,  so  muss  es  selbst  für  die  gewöhnlichste  Erwägung  in  diesem 
grossen  organischen  Körper  etwas  geben,  das  ich  wohl  ziemlicli 
unabweisbar  als  etwas  für  sich  Seiendes  und  als  eine  selb- 
ständige Kraft  setzen  muss,  die  in  ihrer  Erscheinung  eben  die 
Einheit  aller  jener  organischen  Momente  jenes  Ganzen  ist  und 
daher  denselben  auch  bildet  und  beherrscht. 

Dieses  selbständig  gedachte  Moment  der  Einheit  im  viel- 
gestaltigen Organismus  des  Staats  nennen  wir  begrifflich  seine 
Persönlichkeit,  als  thätige  Kraft  die  Staatsgewalt,  als  Träger 
der  höchsten  Auffassung  und  Bestimmung  des  persönlichen 
Lebens  die  Idee  des  Staats.  Ohne  dieses  Moment  kann  ich 
mir  vielleicht  alle  einzelnen  Organe  und  Functionen,  aber  nicht 
den  Staat  selbst  denken. 

Nun  zeigt  es  sich,  dass,  so  lange  diese  Organe  und  ihre 
Functionen  ihrem  eigenen  Wesen  nach  thätig  sind,  ich  mir 
jener  Idee  des  Staats  als  einer  selbständigen  Kraft  nur  schwer 
bewusst  werde,  denn  in  der  regelmässigen  Ordnung  der  Öffent- 
lichen Functionen  gelangt  ihre  specifische  Aufgabe  überhaupt 
nicht  zu  eigner  Erscheinung;  es  genügt,  dass  sie  da  sei,  wie 
der  Mittelpunkt  eines  Kreises.  Allein  so  wie  jene  Elemente 
des  Staats  in  Unordnung  gerathen,  erwacht  sie  zu  der  ihr 
eigenthümlichen  Arbeit;  und  wenn  gar  ein  einzelnes,  besonderes 
Moment  des  Staats  sich  selbst  zum  Staate  machen  will,  sei  es 
mit  oder  ohne  Kampf,  dann  entfaltet  sie  sich  in  ihrer  Kraft, 
wirft  allen  Widerstand  der  Thcile  vor  sich  nieder,  bewältigt 
Recht,  Güter,  Besitz,  Menschen  und  Geschichte,  löst  sich  im 
Kampfe  ums  Dasein  von  allen  sie  umgebenden  Factoren  los 
und  erhebt  sich  selbst  zu  der  ihr  eignenden  höchsten  Gewalt 
über  alle  Dinge;  und  das  ist  es  was  wir  zuletzt  die  Souveränetät, 
die  Selbstherrlichkeit  des  Staats,  diejenige  höchste  Kraft  des- 
selben nennen,  welche  ihren  Grund  nur  in  sich  selber  zu  suchen 
vermag.  Und  um  dieser  seiner  höchsten,  alle  menschlichen 
Factoren  bewältigenden  Kraft  willen,  hat  alle  Anschauung  der 
Philosophie  wie  des  Volksbewusstseins  aller  Zeiten  das  Gött- 
liche im  Staate  anerkannt. 


Die  Entwicllnng  der  .Staatswissenficbaft  bei  den  frriechen.  269 

Das  aber,  was  eben  das  innerste  Wesen  des  Staats  be- 
droht, ist  nun  kein  anderes  als  der  gesellschaftliche  Kampf, 
der  Kampf  der  Gesellschaftsclassen  um  die  höchste  Staats- 
gewalt. Denn  während  der  Begriff  des  Staats  die  Herrschaft 
einer  Classe  noch  erträgt,  weil  sie  schliesslich  zu  irgend  einer 
formalen  Ordnung  führt,  ist  es  seine  Auflösung  selbst,  wenn 
diese  Ordnung  durch  den  Gegensatz  der  Classen  und  Interessen 
das  an  sich  Widersprechende,  den  Dienst  des  Ganzen  für  den 
Theil  zu  leisten  gezwungen  sein  soll.  Dieser  Widerspruch  in 
der  Sache  aber  wird  zum  Widerspruche  für  jeden  Einzelnen, 
weil  der  gesellschaftliche  Kampf  bei  jedem  Einzelnen  im 
Interesse  des  Andern  die  Grundlage  seiner  Selbständigkeit, 
seine  wirthschaftliche  Freiheit,  seinen  Besitz  und  damit  seine 
£hre  und  seinen  gesellschaftlichen  Einfluss  negirt.  Dann  geht 
aus  dem  Krieg  Aller  gegen  Alle,  den  Plato  so  richtig  verstanden, 
das  Bedürfniss  der  Unverletzlichkeit  jedes  Einzelnen  durch 
jeden  Einzelnen  als  die  gemeinsame  Erkenntniss  hervor,  dass 
Alle  gleichmässig  vor  Allem  des  Staates  bedürfen,  den  sie  als 
Einzelne  herzustellen  nicht  mehr  fähig  sind.  Und  das  ist  in 
jedem  Staatsleben  der  Augenblick,  wo  die  lebendig  werdende 
Staatsidee  irgend  eine  mächtige  Persönlichkeit  erfasst  und  sie 
zum  Werkzeug  und  Diener  ihrer  Gewalt  und  ihrer  jetzt  von 
allen  Einzelnen  abgelösten  Bewegung  macht.  In  einer  solchen, 
von  der  Geschichte  auserkorenen  Persönlichkeit  krystallisirt 
jene  Idee  mit  ihrer  Kraft  gleichsam  innerhalb  des  engsten 
Raumes  eines  einzelnen  Menschengeistes;  sie  erfüllt  sich  ganz 
mit  ihm  und  ihn  mit  sich;  er  wird  das  Ich,  das  Haupt  des 
Staats,  er  wird  der  Wille,  das  Gesetz  des  Staats,  er  wird  die 
That,  die  Vollzugsgewalt  desselben;  er  ist  das  Becht,  er  ist 
die  Ordnung,  er  ist  der  Herr  und  unwillkürlich,  ja  fast  unbe- 
wusst,  beugen  sich  ihm  die  einzelnen  Organe,  die  einzelnen 
Familien,  die  einzelnen  Menschen,  denn  rücksichtslos  und  mit 
mehr  als  menschlicher  Kraft  und  wie  getrieben  von  einer  höhern 
Gewalt  zerschmettert  er  den  Widerstand  und  fragt  weder  nadi 
Gesetz  noch  nach  Recht,  denn  er  ist  der  Herr.  Die  Geschichte 
aller  Zeiten  und  Völker  zeigt  uns  glänzende  Beispiele  dieser 
Erscheinung,  nicht  bloss  der  alten,  sondern  auch  der  neuen 
Welt,  Beispiele  innerhalb  der  Sphäre  örtlichen  Gesammtlebens, 
aber  auch  Beispiele,    deren  Gewalt  die   halbe  Welt  erschüttert 


270  stein. 

hat.  Die  Wissenschaft  des  Staats  und  der  Gesellschaft  aber 
lehrt  uns  das  eigentliche  Wesen  dieser  Erscheinung  in  einem 
Satze  zusammenfassen,  den  wir  als  eines  der  Grundgesetze  der 
Bewegung  des  Staatsrechts  Achtung  anerkennen  müssen.  Wo 
immer  ein  gesellschaftlicher  Classenkampf  ausbricht,  da  ent- 
steht die  Dictatur;  wo  dieser  Classenkampf  beginnt,  beginnen 
dictatorische  Gewalten ;  wo  aber  durch  den  Classenkampf  Eigen- 
thum  und  Besitz  erschüttert  werden,  da  ist  sie  eine  absolute, 
organische  Erscheinung,  denn  dann  ist  es  nicht  mehr  bloss  der 
Bürger,  sondern  es  sind  vielmehr  die  organischen  Gesetze  des 
Lebens  der  wirthschaftlichen  und  gesellschaftlichen  Güter, 
welche  jetzt  der  höchsten  Allgewalt  des  Staats  nicht  mehr 
entbehren  können. 

Es  ist  daher  nicht  wunderbar,  sondern  es  ist  eine  durch- 
aus organische  Thatsache,  nicht  bloss  dass  Sulla  und  August 
nach  den  Classenkampfen  in  Rom,  oder  Cromwell  nach  den 
englischen,  oder  Napoleon  I.,  wie  Napoleon  III.  nach  den  fran- 
zösischen Classenkampfen  die  Dictatur  der  Staatsgewalt  in  die 
Iland  nahmen,  sondern  dass  ganz  nach  demselben  Gesetze 
auch  in  Griechenland  während  der  beiden  Jahrhunderte,  wo 
die  alte  Gesellschaftsordnung  mit  ihren  Besitz  Verhältnissen  auf- 
gelöst und  die  neue  noch  nicht  entstanden  war,  sich  innerhalb 
jedes  Landesgebietes  Dictatoren  bildeten,  nur  dass  die  Griechen 
sie  Tyrannen  nannten.  Ganz  entsprechend  erscheinen  da,  wo 
die  Besitzverhältnisse  zwar  bedroht,  aber  nicht  erschüttert  sind, 
wie  in  Achaja,  Elis,  Argos,  keine  Tyrannen;  das  sind  die  ge- 
schichtslosen  Länder.  Aber  so  viel  wir  sehen,  ist  allenthalben 
wo  jene  früher  charakterisirten  Bewegungen  sich  Bahn  brachen, 
das  Zeitalter  der  Tyrannen  eingetreten,  über  welche  Aristoteles 
als  einer  bestimmten  Kategorie  der  Verfassung  redet,  von 
welchen  er  zwar  weiss  wodurch  sie  untergehen,  nicht  aber 
wodurch  sie  eigentlich  entstanden  sind. 

Nun  hat  es  gewiss  einen  grossen  historischen  Werth,  die 
Geschichte  dieser  Tyrannis  im  Einzelnen  zu  verfolgen.  Aber 
es  liegt  etwas  in  der  Natur  derselben,  weshalb  sie  nur  wenig 
zur  Geschichte  der  Entstehung  der  Staatswissenschaft  beitragen. 

Denn  der  Tyrann  kann  auch  wollend  keine  freie  Gesetz- 
gebung zulassen.  Er  kann  es  genau  aus  demselben  Grunde 
nicht,    welcher    eben     die    Tyrannei    erzeugt    und    sie    selber 


Die  Entwicklang  der  Staatswiesenschaft  bei  den  Griechen.  27 1 

berechtigt.  Denn  der  Tyrann  ist  Tyrann,  weil  der  nach  seinem 
absoluten  Wesen  persönliche  Staat  einen  selbstbcstimmten  Willen 
und  nur  einen  Willen  haben  kann.  Wo  aber  die  Bildung  dieses 
Willens  durch  die  Gesammtheit,  vermöge  der  Gegensätze  in 
den  gesellschaftlichen  Classen  sich  selbst  aufhebt^  da  tritt  eben 
die  Einzelpersönlichkeit  des  Herrn  für  ihn  ein  ]  der  Herr  des 
Staats  ist  eben  die  persönliche  Verfassung  selbst,  weil,  wenn 
er  die  Volksverfassung  zuliesse,  der  Kampf  um  das  Recht  zur 
Gesetzgebung  die  Gesetzgebung  selber  unmöglich  macht.  Er 
kann  daher  nur  Selbstherrscher,  Autokrat  sein.  Und  so  hat 
die  Tyrannei  keine  Verfassung. 

Dagegen  hat  sie  allerdings  meistens  eine  sehr  gute  Ver- 
waltung, und  man  wird  es  leicht  verstehen  wenn  wir  nunmehr 
sagen,  dass  der  praktische  Werth  der  Verwaltung  in  geradem 
Verhältniss  steht  zu  der  Dauer  jeder  Dictatur.  Es  ist  das 
leicht  in  der  Geschichte  nachzuweisen ;  doch  liegt  es  uns  fern. 
Gewiss  ist  aber,  dass  auch  die  Verwaltungsordnungen  der 
Dietaturen  den  individuellen  Charakter  des  Dictators  tragen 
und  daher  nur  selten  von  dauernder  Bedeutung  sind.  Tragen 
sie  denselben  nicht,  sondern  sind  sie  den  wahren  Bedürfnissen 
des  Gesaipmtlebens  entsprechend,  so  dauern  sie  nicht  bloss 
selbst,  sondern  sie  sichern  auch  die  Dictatur;  meist  jedoch  und 
zwar  aus  demselben  Grunde,  nur  bis  zum  Tode  des  Dictators. 
Denn  da  die  Tyrannis  wesentlich  auf  der  Verwaltung  und  nicht 
auf  der  Verfassung  beruht,  so  wird  sie  nicht  legitim  und  bietet 
selbst  mit  ihren  besten  Leistungen  keine  Gewähr  für  die  Sicher- 
heit in  der  Befriedigung  der  Bedürfnisse  der  öflPentlichen  Ord- 
nungen, während  eben  um  jener  Bedürfnisse  willen  ihr  doch  zu- 
letzt das  Recht  und  die  Macht  gegeben  war.  Diese  Sicherheit 
oder  Unpersönlichkeit  aber  kann  nur  durch  das  verfassungs- 
mässige Gesetz  gegeben  werden ;  ein  solches  aber  steht  mit  jeder 
Tyrannis  in  unlösbarem  Widerspruch,  nicht  durch  den  Tyrannen 
selbst,  sondern  durch  ihr  eigenes  Wesen.  Ein  freigebornes  Volk 
kann  daher  einen  Dictator  ertragen,  aber  keine  Dynastie  von 
Dictatoren.  Und  wie  dies  für  die  eine  Zeit  gilt,  so  gilt  es 
auch  flir  Griechenland.  Denn  das  sind  organische  Gesetze  fi^r 
die  Bildungen  des  öffentlichen  Rechtes.  Und  es  wäre  wohl 
auch  grosser  Mühe  werth,  wenn  bei  den  in  unserer  Zeit  so 
tief  gehenden    socialen    Gegensätzen    die    Erkenntniss    srerade 


272  stein. 

dieser  Gesetze,   als  Inhalt  jeder  öflfentlichen  Bildung  gefordert 
werden  möchte. 

In  jedem  Falle  aber  glauben  wir  nun,  dass  man  wenig 
widersprechen  wird,  wenn  wir  demgemäss  sagen,  dass  die 
Epoche  der  Tyrannis  in  Griechenland,  wie  sie  zwischen  Lykurg 
und  Selon  geherrscht  hat,  nicht  etwas  gerade  dem  griechischeu 
Leben  Eigeuthümliches  gewesen  sei.  Hier  ist  Griechenland  wie 
ein  anderes  Volk.  Das  wodurch  es  gerade  in  seiner  Verfassun«; 
ein  unsterbliches  Muster  geworden,  ist  ein  wesentlich  anderes 
und  höheres. 

Und  jetzt  betreten  wir  auf  der  Grundlage  unserer  Auf- 
fassung vom  Staate,  einen  neuen  Boden  in  Philosophie  und 
Geschichte. 

vn. 

Allerdings  nämlich  wird  man  stets  den  Satz  festhalten^ 
dass  jede  Gemeinschaft  eben  jener  absoluten  Thatsachc  und 
Gewalt  dos  persönlichen  Staats  und  seiner  Idee  bedarf  und  dass 
sie  denselben  deshalb  selbst  in  der  Gewalt  der  Einzelherrscliaft 
sucht,  wenn  sie  ihn  nicht  anderswo  zu  finden  vermag.  Allein 
dieser  Staat  ist  denn  doch  ein  geistiges  Wesen;  ich  kann  ihn 
sinnlich  nicht  erkennen,  so  wenig  wie  ich  überhaupt  die  Ein- 
heit eines  Organismus  sinnlich  wahrnehmen  kann.  Ist  er  aber 
das,  so  kann  ich  »ein  Dasein,  seine  Noth wendigkeit,  ja  selbst 
seine  Idee  auch  in  dem  Geiste  des  Einzelnen  erzeugen  und 
finden,  welche  ihm  angehören.  Alsdann  empfangt  er  ein  zweites, 
höheres,  ja  eigentlich  sein  wahres  Leben.  Er  wird  dann  der 
Inhalt  des  Bewusstseins  jedes  Staatsbürgers;  er  ist  in  jedem 
Einzelwillon  selbständig  und  lebendig  da ;  er  wirkt,  die  Einheit 
Aller  von  Allen  fordernd,  in  Allem  was  der  Einzelne  will  und 
thut;  er  ist  die  bewegende  Kraft  der  Ordnung  für  Alles  was 
von  Allen  geschieht;  er  bedarf  als  solcher  keiner  äusseren  Ge- 
walt, denn  seine  Stärke  ist  der  Wille,  seine  Ordnung  ist  der 
Gehorsam,  seine  That  ist  der  Dienst  jedes  Bürgers;  er  lebt 
in  dem  Bewusstsein  seines  Volkes  und  seine  Idee  erfiillt  sich 
mit  der  freien  Hingabe  freier  Männer  an  ihn  und  seine  Forde- 
rungen. Das  ist  der  Staat  der  wahren  Freilieit,  dessen  uner- 
schütterliche Heimat  die  Brust  und  die  Kraft  des  freien  Mannes 


Die  Entwicklung  der  Staatswissenschaft  bei  den  Griechen.  273 

ist;  und  darum  ist  nur  der  Staat^  der  dieses  vermag,  der  wahre 
Freiheitsstaat,  die  wahre  Republik. 

Und  darum  kann  auch  erst  in  einem  solchen  Staat^  das 
was  wir  formell  das  Gesetz  genannt  haben,  der  Idee  des  Ge- 
setzes entsprechen.  Denn  wenn  das  Gesetz  der  einheitliche, 
persönlich  gewordene  Wille  der  Staatsbürger  ist,  die  Staats- 
bürger selbst  aber  von  der  Idee  des  Staats  und  den  grossen 
Bedingungen  seiner  Existenz  und  seiner  höchsten  Entwicklung 
erfüllt  sind,  so  werden  sie  naturgemäss  das,  was  eben  jene 
Idee  des  Staats  fordert,  zum  Inhalt  ihres  eignen  Willens,  das 
ist  des  von  ihnen  beschlossenen  Gesetzes  machen.  Die  Idee 
des  Staats  aber  ist  zuletzt  doch  die  Vollendung  der  Persön- 
lichkeit Diese  aber  ist  das,  was  wir  das  an  sich  Gerechte, 
t:  Sw.a'.ov,  nennen.  Lebt  also  die  Idee  des  Staats  nicht  in 
äasserlicher  Gewalt,  sondern  im  Bewusstsein  seiner  Bürger,  so 
ergibt  sich  das  höchste  Ziel  aller  freien  persönlichen  Entwick- 
lung in  dem  Leben  der  Gesammtheit;  das  Gesetz  wird  das 
Gei*eehte,  der  v6|ac<;  wird  das  Sixatov  suchen  und  sein  und  es  ist 
erreicht,  was  wir  die  letzte  Verkörperung  des  Ideals  der  Mensch- 
heit nennen,  dass  jeder  Gegensatz  zwischen  geltendem  Gesetz 
und  idealer  Gerechtigkeit  aufhört,  so  dass  das  geltende  Recht, 
welches  durch  das  erste  entsteht,  zugleich  zur  Wirklichkeit  der 
durch  die  letztere  geforderten  Sittlichkeit  wird.  Und  wo  immer 
das  zum  Ausdruck  gebracht  wird,  da  hat  die  Menschheit  einen 
mächtigen  Schritt  auf  der  Bahn  des  Ideals  ihres  Lebens  vor- 
wärts gethan. 

Damit  das  aber  sich  nun  auch  in  der  Wirklichkeit  des 
Lebens  vollziehe,  sind  zwei  Dinge  nothwendig,  von  denen  das 
eine  den  Elementen  und  Bewegungen  des  materiellen,  das 
andere  denen  des  persönlichen  Lebens  angehört.  Das  eine  ist 
die  Ordnung  der  Güter  und  des  Besitzes  einerseits,  das  andere 
die  Bildung  und  Erziehung  des  Geistes  aller  Staatsbürger 
andererseits.  So  lange  jene  Idee  des  Staats  nicht  diese  beiden 
Pactoren  erfasst  und  sie  nach  sich  gestaltet  hat,  enthält  er  in 
der  That  nur  eine  ideale,  keine  wirkliche  Freiheit,  er  ist  die 
sittliche  Idee,  aber  noch  nicht  die  Wirklichkeit  derselben, 
welche  Hegel,  der  jene  Momente  noch  nicht  selbständig  zu 
verarbeiten  wusste,   eben  deshalb  in  seinem  Staatsbegriflf  nicht 

Sitsvngiiber.  d.  phil.-hiet.  Cl.  XCIII.  Rd.  II.  Hft.  18 


§ 


274  stein. 

zum  Verständniss    briogt.     Und    fast   scheint   es,    als   ob  jene 
Idee  des  Staats  das  sich  selber  zu  sagen  wüsste. 

Denn  allenthalben,  wo  dieselbe  sich  nun  im  freien  Staats- 
bürgerthum    verwirklichen    will   und    ihren    idealen  Willen  im 
Gesetze  zum  geltenden  Recht  macht,  da  wird  dieses  Qesetz  in 
irgend   einer  Weise   zuerst   die    Ordnung    der   Güter   und  des 
Besitzes  und  dann  die  Erziehung  des  Volkes  in  der  Form  ge- 
stalten,  welche   sie   selbst  für  die  richtige  und  seiner  eigeDen 
höchsten    Aufgabe    entsprechende    erkennt.     Das   Gesetz  kann 
sich  dabei  irren,  aber  das  Ideale  aus  dem  es  entspriesst  erliält 
sich  auch  im  Irrthum;   denn  der  Irrthum  des  Idealen  ist  stets 
nur  ein  Irrthum   über  das  Mittel,    nie   über   den  Zweck.    Der 
Zweck   aber  jener  Gesetzgebung   über  Besitz    und  Erziehung, 
welche  der  Idee  des  Staats  ihre  Wirklichkeit  geben,  liegt  wieder 
nicht  bloss  innerhalb  der  Gränzen  jener  beiden  Elemente  des 
Staatslebens.     Denn  instinctiv,  möchten   wir   sagen,    empfindet 
das   nach   dem   Ideale    strebende  Leben    eines    solchen  Staats, 
dass  im  wirklichen  Leben  der  Gemeinschaft  jene  beiden  Factoren 
gegenseitig  in  beständiger  Wechselwirkung  stehen ;    schon  die 
einfachste  Beobachtung  sagt  mir,  dass  das  Maass  des  Besitzes 
und  Erwerbes,  wenn  es  sich  selbst  überlassen  functionirt,  immer 
imd  unabweisbar  auf  die  physische  und  geistige  Erziehung  und 
Bildung   seinen    imwiderstehlichen   Einfluss    übt    und  zwar  in 
zweifacher,  leicht  erkennbarer  Weise.    Zuerst  wird  es  dem  Be- 
sitzenden eine  reichere  Erziehung  und  Bildung  geben ;  zweitens 
wird  es  gerade  dadurch  den  Besitz  selbst  als  ein  höchstes  Gut, 
als  die  feste  Grundlage  nicht   bloss   für   die   gesellschaftlichen 
Güter  der  Ehre  und  Macht,  sondern  auch  für  den  Erwerb  der 
geistigen  Güter  selbst,   also  als  das  höchste  Ziel  menschlichen 
Strebens  schätzen    lehren.     Und    dass   dieser  doppelte  Einfluss 
des  Besitzes  mit  den  Thatsachen  übereinstimmt,  das  wird  man 
wenig    bezweifeln.      Soll    daher   jene    dem    Ideale    des   Staats 
dienende    Gesetzgebung    ihren    eigentlichen    Zweck    erreichen, 
so  muss  sie  gegenüber  der  Gefahr,  welche  jene  Herrschaft  des 
Besitzes  für  das  Ideale  mit  sich  bringt,  unabweisbar  zwei  grosse 
Grundsätze  zur  Grundlage  des  Staatslebens  machen.    Sie  muss 
einerseits    jene    geistige    Entwicklung,    das*  Herausbilden   der 
vollen  und  freien  Persönlichkeit  aus   dem  Menschen   von  dem 
Besitze  und  seiner  Vertheilung  unabhängig,  das  ist  zur  Gesammt- 


Di(>  Rntwicklnng  der  Staatswissenschaft  bei  den  Griechen.  275 

aufgäbe  aller  Einzelnen  machen  und  sie  muss  zweitens  als  das 
höchste  Prineip  ihrer  geistigen  Bildung  den  Satz  in  das  jugend- 
liche Herz  aller  werdenden  Staatsbürger  einprägen,  dass  jener 
Besitz,  wenn  er  auch  noch  so  gross  und  wünschenswerth  sein 
mag;  nicht  das  Höhere  des  Menschenlebens  und  nicht  berechtigt 
sein  solle,  die  Arbeit,  die  Hoffnungen,  das  Streben  nach  Ruhm 
nnd  Ehre  zu  beherrschen.     Sie  muss  zu   sagen  und  davon  zu 
überzeugen  wissen,   dass  es  etwas  unendlich  viel  Höheres,   der 
Idee  des  Staates  Würdigeres   gebe,   als  Reichthum   und  Besitz 
und  selbst   als  die  Herrschaft    die   beide   verleihen,    und    dass 
der  wahre  Ruhm  und  die  wahre   Ehre   nicht   durch  Gut   und 
Macht   erreicht,    nicht   in    ihnen   angestrebt   werden    solle.     In 
sich  selber    soll   der   Mensch   die   Quelle   des   Edlen   und   des 
besten  Genusses   finden   und    dazu    soll    ihn   die   Gemeinschaft 
und  soll  er  sich  selber  erziehen.    Dies  innere  Gut  aber  ist  die 
Tugend,  und  die  Kraft,  mit  Verachtung  des  Besitzes  die  Tugend 
hoch  zu   ehren    und   um   ihretwillen   die  ganze  Arbeit  meines 
Lebens  dem  Ideal  hingeben,   ist  das  Ethos.     So  ist  das  Ethos 
jetzt  zwar   begrifflich  die  thätige  Tugend  oder  die  sich  durch 
die  Macht  des  Einzelnen  verwirklichende  Sittlichkeit,  aber  erst 
gegenüber  dem  Besitz  wird  sie  ganz  was  in  ihrem  Wesen  liegt; 
erst  hier  ist  sie  die  Freiheit  der  Tugend  und  der  tugendhaften 
That  vom  Besitz  und  seinen  Gewalten,  und  daher  die  höchste 
Grundlage   der  Gemeinschaft,   der   ttcXic,    des  Staats.     Das   ist 
der  Weg,  auf  welchem  die  Griechen,   wenn   schon  nicht   mehr 
die  theoretisch  reflectirte  Ethik  des  Aristoteles,  doch  das  Ethos 
des  Piatos   in  das  Gebiet  der  Staatswissenschaft   erhoben.    So 
baut  sich,    indem  wir  noch  von  aller  Geschichte  absehen,    mit 
allen    diesen  Momenten    die  Idee    des    lebendigen   Staates,    die 
Wirklichkeit  der  sittlichen  Idee  zu  einem   nicht  bloss   in   sich 
ruhenden,  sondern  in  sich  und  für  jeden  Angehörigen  thätigen 
und   harmonischen  Ganzen    aus;    und   das   ist   die   Philosophie 
des  Staats  und  seines  Rechts. 

Und  wozu  entwickeln  wir  an  diesem  Orte,  mitten  in  dem 
historischen  Process  der  Verfassungsbildung,  dieses  Bild  idealer 
Anschauung? 

In  der  That,  weil  die  Epoche  der  griechischen  Gesetz- 
geber gerade  auf  dieser  Grundlage  das  griechische  Staatsleben 
im  tiefen  Unterschiede  von  allen  früheren  Zeiten  aufgebaut  hat. 

18* 


276  stein. 

Sie  hat  wenig  Gesetze  gegeben,  Pythagoras  gar  keine;  aber  sie 
wollte  keine  Gesetze,  weil  sie  den  Quell  der  höheren  Rechts- 
ordnung nicht  in  der  formalen  Geltung  fester  Rechtsregeln, 
sondern  in  dem  edlen  Staatsbewusstsein  der  Büi^er  suchte. 
Jene  Gesetzgeber  haben  nicht  wie  unsere  Verfassungen  die 
Bürger  dem  Staat  und  seinem  Recht,  sondern  sie  haben  den 
Staat  seinen  Bürgern  anvertraut.  Sie  wollten  nicht  dass  das 
formale  Gesetz,  sondern  dass  die  Tugend  über  den  Willen 
herrsche,  der  das  Gesetz  schafft.  Sie  waren  die  ersten  in  der 
Welt,  welche  im  Namen  dieser  Idee  jener  Gewalt  den  offenen 
Krieg  erklärten,  die  wir  als  Reichthum  und  Besitz  bezeichnet 
haben;  ihre  Verfassungen  sind  der  grossartige  Versuch  den 
Staat  selbst,  seine  Gesetzgebung,  ja  seine  Verwaltung  über  diis 
zu  erheben,  was  wir  die  gemeinen  Interessen  des  Güterlebeus 
nennen.  Für  sie  ist  darum  auch  die  Quelle  der  Ehre  nicht  das 
grosse  Gut,  sondern  hohe  Tugend  und  edler  Sinn  und  der  Ruhm 
ist  ihnen  das  Maass,  in  dem  der  Einzelne  dem  Staate  zu  dienen 
vermochte.  In  diese  Kraft  des  einzelnen  Bewusstseins,  in 
diese  Erziehung  zur  Hingabe  an  das  höchste  Gut,  die  göttliche 
Heiligkeit  der  Staatsidee,  wussten  sie  die  Unantastbarkeit  des 
Staats  und  die  Macht  desselben  zu  verlegen ;  ihr  Staat  bedurfte 
nicht  des  gewaltigen  Tyrannen  der  das  Einzelne  von  aussen 
her  als  Ganzes  zusammenhält,  sondern  er  lebt  in  der  Brust 
jedes  Einzelnen  und  wird  mit  jedem  Einzelnen  erzogen  und 
selbst  kräftig.  Und  kehren  wir  jetzt  zu  den  Zuständen  der 
Gesellschaft  zurück  wie  wir  sie  eben  bezeichnet,  so  ergibt  sich 
nicht  bloss  der  tiefe  innerliche  Charakter  jener  Gesetzgebunj^eo 
an  sich,  sondern  auch  das,  was  ihnen  gegenüber  jenen  Zuständen 
gemeinsam  war  und  eben  dadurch  die  grösste  Epoche  iu  der 
griechischen  Geschichte  begründet  hat. 

Das  nun  besteht  in  der  klaren  Erkenntniss  von  den 
Gefahren,  welche  die  Verth eilung  des  Besitzes  für  die  ideide 
Entwicklung  des  Staatslebens  im  obigen  Sinne  ewig  bringen 
wird.  Gefahren  deren  Wirkung  und  Bedeutung  jene  Gesetz- 
geber während  dieser  ganzen  Zeit  in  der  Knechtung  der  Frei- 
heit durch  die  Tyrannis  in  der  einen  Hälfte  der  Staaten  und 
durch  die  Auflösung  derselben  in  der  andern  rund  um  sich 
her  erkannten.  Wohl  war  die  Begeisterung  für  die  Idee  des 
Staats,    das    Bewusstsein,    dass    nur    durch    sie    die    Hellenen 


Die  EutwickloBg  der  StaatswisHentschaft  bei  den  Griechen.  ^77 

berechtigt  seien  über  die  Barbaren  zu  herrschen,  wie  die 
Dichter  sangen  welche  die  Mühe  des  Lebens  nicht  kennen, 
eine  gewaltige  Macht;  allein  dennoch  mussten  sie  sich  bald 
genug  sagen,  dass,  wenn  die  Idee  des  Staats  auch  in  den  Herzen 
der  Staatsbürger  lebendig  sei,  die  positive  Verfassung  nicht 
ohne  ein  tiefes  Eingreifen  in  die  Besitzverhältnisse  geordnet 
werden  könne.  Wenn  die  Anschauung  der  hohen  griechischen 
Freiheit  ihnen  den  Muth  gab,  ihren  Staat  auf  die  edelsten 
Factoren  der  Menschheit  zu  stützen,  so  mussten  die  rauhen 
Thatsachen  der  Wirklichkeit  die  sie  umgaben,  sie  bald  zwingen 
ihrer  Staatsidee  eben  dieser  Macht  des  Besitzes  gegenüber 
eine  ganz  bestimmte  Stellung  zu  geben.  Und  in  diesem  Kampf, 
in  diesem  Ringen  nach  einer  Ordnung,  in  welcher  der  Besitz 
mit  seiner  Vertheilung  mit  dem  Ideale  des  Staats  und  seines 
freien,  echt  hellenischen  Staatsbürgerthums  in  Harmonie  ge- 
bracht werden  sollte,  besteht  nun  der  eigentliche  Charakter 
aller  dieser  Gesetzgebungen,  so  verschieden  sie  sonst  sein 
mögen,  zunächst  aber  die  des  Lykurg  und  seiner  Spartaner. 
JSie  sind  der  grosse  Versuch,  die  Macht  des  Besitzes  und  die 
auf  ihm  beruhende  Ordnung  der  Gesellschaft  dem  freien  Ideale 
des  Staats  zu  unterwerfen,  ohne  jene  dabei  einfach  zu  negiren, 
wie  der  Communismus  späterer  Zeit.  Darin,  und  eigentlich 
nur  darin  liegt  ihr  innerstes  Wesen;  denn  wenn  sie  das  edle 
g;ricchische  Staatsbewusstsein  im  Ganzen  aus  der  gesellschaft- 
lichen Verwin-ung,  die  ihnen  vorherging,  wieder  lebendig  machten, 
so  hatten  sie  die  Freiheit  in  der  Ordnung  des  Besitzes  zuerst 
so  recht  eigentlich  geschaffen.  Das  ist  ihre  grosse  welthistorische 
That.  Und  weil  dieselbe  auf  dem  Geiste  beruht,  war  sie  es 
auch  welche  es  vermocht  hat,  die  Geister  zur  Arbeit  in  Philo- 
sophie und  Wissenschaft  anzuregen.  Denn  vor  ihnen  gab  es 
in  der  ganzen  noch  unerschöpften  Literatur  des  Orients,  der 
Pyramiden  so  wenig  wie  der  Assyrer  oder  Indier,  überhaupt 
keinen  Begriff  von  Staat  und  Recht,  und  es  ist  nicht  richtig 
mit  den  Historikern  der  Geschichte  des  Geistes  das  nicht  zu 
lehren  und  zu  sagen!  Nach  ihnen  aber  ist,  und  das  zu  zeigen 
wird  uns  vielleicht  verstattet  sein,  eben  dieser  echt  griechische 
Gedanke  über  Staat  und  Recht  seinem  eigentlichen  und  wahren 
Inhalte  nach  durch  das  gegeben  was  sie  zuerst  zum  Ausdruck 
brachten.     Denn   nicht  Plato   und    nicht  Aristoteles   und    nicht 


278  Steio. 

die  Publicisten  oder  die  Sophisten  haben  den  Begriff  des  vijio; 
an  seinem  Gegensatze,  dem  S{xa{5v^  zuerst  untersucht  und  auf- 
gestellt; nicht  aus  ihrem  subjectiven  Geiste  sind  die  Ideen  von 
Recht  und  Verfassung,  von  Staatsbürgerthum  und  Staatsideal 
entstanden,  nicht  sie  haben  zuerst  nach  der  besten  Verfassung 
gefragt  oder  von  der  Güterlehre,  dem  Besitz,  der  Vertheilung 
desselben,  seiner  Gewalt,  der  Freiheit  oder  Unfreiheit  der 
Völker  und  Staaten  gesprochen,  sondern  sie  haben  nur  zur 
Wissenschaft  zu  erheben  gewusst,  was  schon  Jahrhunderte  vor 
ihnen  im  Bewusstsein  der  Hellenen  gelebt  hatte.  Sie  sind  jener 
Zeit  der  ersten  Jugend  des  griechischen  Staatsbewusstsöins 
gegenüber  doch  nur  die  Edelsteine,  in  denen  der  Glanz  des 
ursprünglichen  griechischen  Geistes  uns  funkelnd  entgegen 
leuchtet,  das  Wort,  in  welches  sich  die  Empfindung  der  edelsten 
griechischen  Welt  zusammenfasst,  als  das  Gefühl  ihres  Unter- 
ganges ihr  nahe  tritt.  Und  wenn  sie  die  ersten  sind,  welche 
wie  Plato  diese  Güterwelt  philosophisch  fassten  oder  wie  Aristo- 
teles, sie  wissenschaftlich  zu  behandeln  versuchten,  so  sind  sie 
es  darum,  weil  zweihundert  Jahre  der  bittersten,  ja  ver- 
nichtendsten Erfahrung  sie  belehrt  hatten,  wie  viel  gegenüber 
jenem  Besitz  die  Gesetzgeber  der  früheren  Epoche  verstanden 
und  gewagt,  und  wie  wenig  ihnen  doch  zuletzt  gelungen  war. 
Und  so  ist  nun  dieses.  Und  jetzt  wird  es  immerhin 
seinen  Werth  haben,  von  diesem  jener  Epoche  Gemeinsamen 
zu  dem  besonderen  Charakter  der  einzelnen  Gesetzgebungen 
herabzugehen.  Denn  das  ist  wie  schon  gesagt  klar,  dass, 
wenn  ihre  Gesetze  es  wesentlich  mit  Besitzen  zu  thun  hatten, 
sie  durchaus  nicht  dieselben  sein  konnten.  Zweihundert  Jahre 
fast  liegen  zwischen  Lykurg  und  Selon ;  es  ist  unmöglich,  dass 
der  Besitz  in  zwei  Jahrhunderten  seine.  Vertheilung,  ja  seine 
Natur  selbst  nicht  geändert  haben  sollte.  Lakedämon  war  ein 
naturgemäss  auf  Grundbesitz,  Attika  ein  naturgemäss  auf  Geld- 
verkehr angewiesener  Staat;  es  war  unmöglich  auch  nur  in 
der  Grundlage  des  Besitzes  die  Gleichheit  zu  finden.  So  musste 
derselbe  Geist  den  wir  das  Hellenenthum  nennen,  in  dem  ver- 
schiedenen Körper  sich  unabweisbar  verschiedene  Gestaltungen 
seiner  Staats-  und  Rechtsbildung  schaffen ;  es  war  unmöglich, 
dass  Lykurg  und  Solon  die  gleichen  Gefahren  ihrer  Staatsidee 
vor  sich  sehen,  ja  es  war  unmöglich,  dass  sie  in  ihrem  Kampfe 


Die  Entwicklaug  Jer  St<uitawiba«iiiichaft  bei  deu  Qrie«hen.  279 

gegeD  dieselben  die  gleichen  Illusionen  haben ,  die  g;Ieichen 
Imhümer  begehen  konnten.  Das  grosse  aber,  das  acht  hellenische 
ist,  dass  sie  dennoch  beide  ihrem  Wesen  gleichartig;  der  Aus- 
druck derselben  Idee  sind.  Und  da  wir  wissen,  dass  jeder 
unserer  Leser  die  Einzelheiten  dieser  Verfassungen  ohnehin 
vollkommen  kennt,  so  wird  es  unsere  Aufgabe  sein,  in  dem 
Unterschiede  der  Gesetzgebungen  die  Unterschiede  der  Zeiten 
und  Länder  festzustellen,  für  die  sie  gegeben  wurden. 

Zu  dem  Ende  unterscheiden  wir  die  eigentlichen  Gesetz- 
geber, den  Lykurg  und  den  Selon.  Was  wir  aber  von  ihnen 
zu  sagen  haben,  wird  sich  wesentlich  auf  die  Verhältnisse  des 
Besitzes  zu  demjenigen  beziehen,  was  man  ihre  Verfassungen 
zu  nennen  gewöhnt  ist. 

vm. 

Wirft  man  nämlich  einen  Blick  zurück  auf  die  Darstellung 
der  Zustände  unter  dem  Königthum  in  seinem  Gegensatze  zur 
Umgestaltung  der  alten  Geschlechterordnung,  so  werden  jedem 
in  den  öffentlichen  Verhältnissen  jener  Zeit  Bewanderten  vor 
Allem  gewisse  Dinge   klar  sein.     Einerseits  war  es  unmöglich 
das  ui-sprüngliche  Königthum   wieder   herzustellen,    und    zwar 
nicht  bloss  weil  der  Hellene  demselben  nicht  bedurfte  um  seinen 
Staat  in    Liebe   und    Gehorsam    als  das  Höchste  zu  verehren, 
sundern  praktisch,  weil  die  bereits  um  die  HerrschsCft  kämpfende 
Classe    der    Grundherren    durchaus    nicht   gesonnen    war,    die 
Grundbesitzungen,  die  sie  durch  den  Fall  desselben  gewonnen, 
durch  ein  neues  Königthum  gefährden  zu  lassen.    Andererseits 
konnte  aber  doch  die  neue  staatliche  Bildung  der  Einheit  nicht 
entbehren,   welche  allein  den  Staat   über    die  Sonderinteressen 
zu   erheben   vermochte.     Diese  Einheit   aber  in  die  Majorität, 
das  ist  in  die  einfache  ununterschiedene  Gesammtheit  zurück- 
zuwerfen  und   damit   die   mächtigen   Unterschiede    einfach   zu 
negiren,  welche  schliesslich  doch  unabweisbar  durch  den  Besitz 
und  seine  Vertheilung  unter  den  Geschlechtern  als  unverkenn- 
bare Thatsachen  dastanden,   wäre  ein  geringer  Beweis  für  ihr 
Verständniss  öffentlicher  Dinge  gewesen.     Wiederum  aber  die 
freien   Griechen    einer    solchen    staatlichen   Einheit    zu    unter- 
werfen, der  sie  ohne  Macht  gegenüber  standen,  war  der  tiefste 


280  .  stein. 

Widerspruch  mit  dem  Kern  des  Hellenenthums  selbst.  Und 
hier  daher  das  Richtige  finden,  war  die  Aufgabe  jener  Männer. 

Lykurg  nun  zuerst  und  nach  ihm  Solon  haben  diese 
Aufgabe  in  einer  Weise  gelöst,  welche  nicht  bloss  von  hohem 
staatsmännischem  Verständniss  zeugte,  sondern  die  in  der  Thal 
eine  absolut  neue  Epoche  in  der  ganzen  Auffassung  des  Staats 
bezeichnet.  Die  Lösung  dieser  Aufgabe  ist  bei  beiden  Gesetz- 
gebern dem  Wesen  nach,  wie  auch  der  Form  nach  natürlich 
verschieden.  Wir  scheiden  sie  aber  in  zwei  grosse  Gebiete 
um  den  Reichthum  ihrer  Einzelnheiten  beherrschen  zu  können. 
Das  erste  ist  ihr  Verhältniss  zur  einheitlichen  Staatsidee  die 
sie  geradezu  umgestaltet  haben,  und  das  sich  in  der  Gesetz* 
gebung  über  die  königliche  Gewalt  ausdrückt.  Das  zweite  ist 
ihre  Ordnung  des  Besitzes,  die  sie  in  der  ihnen  eigenen  Weise 
ihrer  Staatsidee  unterwerfen.  In  dem  ersten  Theile  sind  sie 
in  ihrer  Rcchtsbildung  einander  sehr  ähnlich,  denn  das  Gebiet 
derselben,  das  Königthum,  war  bei  beiden  dasselbe ;  im  zweites 
sind  sie  so  verschieden,  wie  der  Besitz  selbst,  den  sie  zu  orga- 
nisiren  suchten. 

Was  nun  zuerst  das  Königthum  betrifft  und  die  Staats- 
einheit, die  sie  an  seine  Stelle  setzten,  so  muss  man  davon 
ausgehen,  dass  das  alte  Königthum  noch  ungeschieden  alle 
Momente  der  höchsten  Staatsidee  unklar  in  sich  vereinigte.  Es 
kam  deshalb  darauf  an,  dasselbe  in  seinen  einzelnen  grossen 
Functionen  aufzulösen  und  für  diese  Functionen  selbständige 
Organe  zu  schaffen,  deren  jedes  seine  bestimmte  Aufgabe  und 
Conipetenz  empfing,  so  dass  die  Einheit  der  Staatsgewalt  die 
in  demselben  lag,  damit  gebrochen  und  die  Gefahr  für  die 
Freiheit  die  darin  lag,  bewältigt  wurde.  Dann  aber  haben 
beide  Nomotheten  in  diesem  allerdings  anfänglich  sehr  ein- 
fachen Organismus  das  Princip  der  Freiheit  hineingebracht, 
und  das  Grundgesetz  auf  dem  die  Geltung  dieses  Prineips 
beruhte,  ward  aus  der  Geschlechterabstammung  die  Wahl  für 
die  höchsten  Staatswürden  durch  das  Volk.  Wir  nun  sind  so 
gtjwohut  an  beide  Gedanken,  dass  wir  den  fast  unermesslichen 
Fortschritt  der  in  ihnen  lag,  nur  mit  der  Mühe  der  Reflexion 
uns  zum  Bewusstsein  bringen.  Unsere  Zeiten  und  Zustände 
Hind  so  gründlich  von  den  beiden  Principien  der  Wahl  imd 
des  Organismus,  das  ist  der  gesetzlichen  Competenz  jedes  öffent- 


Die  Entwicklung  der  StaatswissenschRft  bei  den  Griechen.  281 

liehen  Organes^  wir  möchten  sagen  durchtränkt,  dass  wir  schon 
gar  nicht  mehr  sehen,  wie  weder  der  Orient  noch  das  könig- 
liche Griechenland,  geschweige  denn  die  Tyrannis,  jemals  auch 
nur  daran  gedacht  haben,  weder  in  der  ersten  die  Freiheit, 
noch  in  der  letzten  die  Ordnung  des  Staats  zu  finden.  Wahl 
und  Organisation  der  obersten  Behörden  sind  absolut  neue 
Erscheinungen ;  ja  sie  sind  eine  neue  Staatsordnung  für  sich, 
die  Grundlage  der  grossartigsten  Harmonie  im  Staate,  die  man 
zu  denken  vermag.  Und  deshalb  sind  beide  Principien  der 
ganzen  folgenden  Geschichte  nie  wieder  verloren  gegangen; 
verloren  scheint  nur  die  Erinnerung  daran,  dass  wir  beide  erst 
den  Verfassungen  von  Lykurg  und  Solon  verdanken.  Und 
eben  so  verdanken  wir  ihnen  genau  auf  demselben  Punkte  den 
Begriff  und  das  Recht  des  allgemeinen  Stimmrechts.  Es  ist 
so  leicht  das  Wort  zu  gebrauchen  —  und  doch  müssen  wir 
sagen,  dass  man  seine  wahre  Bedeutung  überhaupt  nicht  ver- 
steht, wenn  man  nicht  Begriff  und  Wesen  des  Besitzes  utd 
seiner  gesellschaftlichen  Ordnung  mit  ihm  in  Verbindung  bringt. 
Das  allgemeine  Stimmrecht  heisst  fiir  jene  grosse  Staatsauf- 
fassang  nicht  abstract  das  Recht,  dass  jeder  eine  Stimme  habe, 
sondern  es  bedeutet  ihnen  vielmehr  das  Recht,  dass  die  Stimme 
jedes  Berechtigten  gleich  sein  soll  ohne  Rücksicht  auf  den 
Besitz.  Das  ^i^^icpLa  ist  das  Stimmrecht  jedes  zoXittj?  möge  er 
dieser  oder  jener  Classe  angehören;  durch  die  'J^Tj^iapLaia  gibt 
sich  der  freie  Hellene  selbst  sein  Haupt;  ein  'J^rjSiafAa  ist  bei 
dem  Eönigthum  unmöglich  wie  bei  der  Tyrannis ;  erst  die 
Stimmscherbe  ist  die  Wirklichkeit  der  auTipxcia.  Die  Organi- 
sation aber,  in  welche  durch  die  Abstimmung  bei  der  Wahl 
der  Einzelne  hineingewählt  wird,  ist  eben  deshalb  nicht  mehr 
ein  ßaciXjxt]  ap^^i,  nicht  mehr  eine  objective  Macht  für  den  der 
sie  besitzt,  sondern  sie  wird  durch  die  Wahl  für  den  Gewählten 
ein  Auftrag,  für  dessen  Vollziehung  er  dem  Wähler  verant- 
wortlich wird.  Und  so  ist  ein  gewaltiger  Gedanke  hier  zuerst 
in  der  Weltgeschichte  verwirklicht.  Diese  Wahl,  wie  sie  Lykurg 
und  Solon  aus  dem  tiefen  Grunde  des  Hellenenthums  hervor- 
riefen, ist  jetzt  nicht  mehr  ein  mechanischer,  mathematischer 
Process  an  der  Stimmurne,  er  ist  vielmehr  die  Bethätigung 
eben  jenes  in  jedem  Griechenherzen  lebendigen  Staatsbewusst- 
seins,    das    seine    Pflicht   gegen    den   Staat    nicht    im    blossen 


282  stein. 

Gehorsam  und  Dienste  gegen  die  bestehende  Staatsgewalt 
erschöpft,  wie  im  Königthum,  sondern  dass  sie  durch  die  Noth- 
wendigkeit  beständig  neuer  Wahlen  beständig  zu  jedem  Ein- 
zelnen ziu'ückkehrt  und  beständig  Alle  wieder  zu  eigenen  Herren 
ihres  eigenen  Staats  macht.  In  dieser  Wahl  ist  es,  wo  alle 
Bürger,  mag  sonst  ihr  wirthschaftlicher  und  gesellschaftlicher 
Unterschied  noch  so  gross  sein,  wieder  gleich  werden;  erst  in 
dieser  Wahl  erhebt  sich  die  alte  itst/;;  der  freien  Männer, 
die  von  so  viel  Factoren  endgültig  gebrochen  schien,  wieder 
über  alle  wirthschaftliche  und  gesellschaftliche  Abhängigkeit; 
denn  wenn  es  keine  Freiheit  geben  kann  ohne  Wahl,  so  kann 
es  auch  keine  Wahl  geben,  die  nicht  die  Freiheit  erzeugte. 
Und  das  war,  und  in  diesem  Sinne  war  die  Wahl  der  Grund- 
stein der  Freiheit  in  der  Ordnung,  welche  die  Organisation  der 
höchsten  Staatsaufgaben  gegeben;  Lykurg  aber  und  Selon  haben 
beide  zuerst  verbunden,  und  das  allein  wäre  genügend  gewesen, 
ihre  Namen  in  der  Geschichte  alles  Staatslebens  unsterblich 
zu  machen. 

So  haben  sie  nun  die  Einheit  des  persönlichen  Staates 
durch  die  Wahl  der  Häupter  zu  einem  freien  gemacht.  Da- 
neben aber  haben  sie  zuerst  die  beiden  grossen,  jetzt  wohl 
als  selbständig  erkannten  Kategorien  aller  Staatsverfassung, 
die  gesetzgebende  und  die  vollziehende  Gewalt,  auf  welche  wir 
beide  Gesetzgebungen  jetzt  reduciren  müssen,  in  ihrer  Organi- 
sation selbständig  zu  scheiden  verstanden,  und  das  was  hier 
geschehen,  ist  nicht  bloss  tief  verschieden  vom  Staatsrecht  des 
Orients,  sondern  auch  die  erste,  wenn  auch  noch  nicht  klar 
verstandene  Grundlage  aller  gegenwärtigen  Staatsordnungen. 

Um  das  nun  im  Einzelnen  ganz  darzulegen,  müssten  wir 
allerdings  die  ganze  Lehre  von  der  Verfassung,  als  des  Organis- 
mus des  Willens  und  der  That,  entwickeln,  wie  sich  dasselbe 
in  der  Persönlichkeit  des  Staates  ordnet.  Aber  es  darf  wohl 
genügen,  das  entscheidende  Moment  zu  bezeichnen,  welches 
uns  das  Folgende  leicht  verstehen  lehrt.  Das  Wesen  der 
organischen  Entwicklung  aller  Verfassung  besteht  nämlich  darin, 
dass  jeder  einzelne  Moment  in  Wollen  und  Thun,  der  bei  den 
Einzelnen  ununterschieden  mit  anderen  Momenten  verschwimmt, 
im  Staate  zur  äusserlich  selbständigen  Erscheinung  als  Organ 
und     zur    äusserlich     selbständigen    Function     als    Conipetenz 


Die  Eutwicklang  der  äUat&wissenscbaft  bei  den  Griechen.  283 

gelangt.  Der  Organismus  des  Willens  aber,  die  gesetzgebende 
Gewalt,  scheidet  seine  Function  wieder  in  den  Act  der  Berathung 
oder  Ueberlegung  und  in  den  des  Beschlusses  oder  der  Selbst- 
bestimmung. Nun  kann  ich  im  Staate  thun  was  ich  im  Einzel- 
leben nicht  thun  kann,  ich  kann  beide  Acte  äusserlich  scheiden 
und  damit  jedem  sein  Oi^an  und  jedem  Organ  für  die  Gesetz- 
gebung seine  rechtlich  bestimmte  Function  geben.  Und  das 
thaten  zuerst  jene  Gesetzgebungen.  Sie  ordneten  den  Process 
durch  welchen  ein  Gesetz  entsteht,  in  der  Weise,  dass  die  für 
dieselben  Gewählten  eigentlich  nur  berathen,  und  darauf  erst 
Beschlüsse  fassen  konnten  (7;poßouX£6{jt.aTa),  welche,  wenn  sie 
Gesetz  im  eigentlichen  Sinne  werden  sollten,  wieder  des  all- 
gemeinen Stimmrechts,  der  ^v;9{a[ji.aTa  des  ganzen  BiJpLC^  bedurften. 
Ein  solches  oberstes  Organ,  Vorberathung  für  die  Gesetzgebung, 
bildeten  bekanntlich  in  der  Lykurgischen  Verfassung  die  achtund- 
zwanzig auf  Lebenszeit  gewählten  Geronten,  in  der  Solonischen 
sind  es  die  Hundertmänner,  hundert  aus  jeder  Phyle,  welche 
jedes  Gesetz  vorberiethen  —  %ct,\  [ktfih  iav  a-^rpoßouXeurov  ei; 
ixxXT;aiav  ctc^spwOa».  (Flut.  Sol.  19).  Beide  sind  das  Organ  für 
die  Entwürfe  der  Gesetze ;  das  7:poßo6A£u[ji.a  derselben  ist  durchaus 
die  auctoritas  Senatus  in  Rom,  die  man  ohne  Hinblick  auf 
diese  griechische  Welt  kaum  je  ganz  verstehen  wird.  Auf 
Vorschlag  derselben  gibt  dann  das  5t;ixo;  seine  6r^<?{c:[xaTa  oft 
nur  durch  allgemeine  Beifallszoichen,  wie  in  Sparta.  Wie  sich 
das  später  ändert,  werden  wir  seiner  Zeit  erklären.  Die  voll- 
ziehende Gewalt  dagegen  übertrug  an  der  Stelle  des  alten  König- 
thums  Lykurg  den  Ephoren,  Selon  den  Archonten.  Charakter 
und  Inhalt  dieser  Gewalt  nun  waren  allerdings  weder  für 
Lykurg  noch  für  Solon  schon  klar.  Denn  sowohl  die  Beschrän- 
kung des  spartanischen  Königthums  auf  die  Feldherrnschaft  als 
die  gänzliche  Aufhebung  desselben  in  Athen  zeigen  uns  gegen- 
über unserer  Zeit  zunächst  nur,  dass  die  Griechen  nie  den 
Begriflf  und  die  Stellung  des  vom  augenblicklichen  Volkswillen 
und  seinen  Interessenkämpfen  unabhängigen  Amts  haben  fest- 
halten können ;  es  war  ein  tief  gehender  Fortschritt  der 
römischen  Welt,  als  das  römische  Recht,  freilich  erst  nach 
Jahrhunderten,  den  Begriflf  und  die  Stellung  des  Magistratus 
schuf,  dessen  Unterschied  von  Imperium  und  Officium  eine 
der  Grundlagen  der  inneren  Geschichte  des  öffentlichen  Kechts 


284  stein. 

geworden  ist,  während  unser  Begriff  des  berufsmässigen  Staats- 
amtes beiden  Völkern  gänzlich  fehlt.  Denn  in  der  That  muss 
man  sich,  und  keinesweges  bloss  für  das  Verständniss  der  altcu 
Geschichte,  darüber  einig  sein,  dass  die  Wahl  für  ein  Amt 
das  eigentliche  Amt  selbst  unmöglich  macht.  Die  Folge  davon 
war  allerdings  in  Griechenland  wie  in  allen  Fällen,  dass  die 
Natur  der  vollziehenden  Gewalt  sich  bald  genug  gegenüber 
der  gesetzgebenden  Bahn  brach.  Nur  war  der  Weg  in  beiden 
Staaten  ein  wesentlich  verschiedener,  und  es  mag  verstattet 
sein  denselben  schon  hier  zu  bezeichnen,  weil  er  einen  nicht 
geringen  Theil  der  späteren  Verfassungsgeschichte  beherrscht. 
In  Spaii;a  nämlich  ergab  es  sich  schon  nach  ungeföhr 
hundert  Jahren,  dass  die  Gerusia  und  selbst  die  Könige  den 
unausbleiblichen  Kampf  mit  den  Ephoren  begonnen,  und  dass 
sie  in  demselben  unterlagen,  weil  hier  die  Gesetzgebung  mit 
ihrer  schwerfalligen,  schon  durch  das  Alter  der  Geronten  nicht 
rasch  genug  beweglichen  Form  den  Bedürfnissen  der  sich  ent- 
wickelnden spartanischen  Herrschaft  nicht  zu  folgen  vermochte. 
Lykurg  selbst  hatte  offenbar  wenig  daran  gedacht,  dass  die 
Spartaner  ausserhalb  ihres  Landes  die  Herrschaft  über  die 
anderen  Griechen  anstreben  würden ;  ihm  war  ein  Gesetz  daher 
eigentlich  überhaupt  nur  ein  Verfassungsgesetz ;  hätte  er  er- 
wogen, dass  die  Bewegungen,  in  welche  sich  Sparta  durch  seine 
Hegemonie  stürzen  musste  mit  ihi-em  täglichen  Wechsel  der 
Aufgaben  und  Verhältnisse,  jemals  ihre  hundertgestaltigen  An- 
forderungen an  seine  Spartaner  stellen  würden,  so  hätte  er  wohl 
kaum  lauter  sechzigjährige  Greise,  die  natürlichen  Hüter  des 
Friedens  und  des  Bestehenden,  an  die  Spitze  der  Bewegungen 
gestellt,  welche  keinesweges  immer  Friede  und  Ruhe  enthielten. 
So  aber  musste  Sparta  allerdings,  woljte  es  den  kriegführenden 
König  nicht  zur  Alleinherrschaft  in  allen  hellenischen  An- 
gelegenheiten gelangen  lassen  und  so  die  Herrschaft  des  spar- 
tanischen B^{xs;  ihm  preisgeben,  den  König  von  einem  Manne 
in  voller  Kraft  begleiten  lassen,  dem  Vertreter  des  Volkes  im 
Lager,  dem  Ephoren,  ohne  den  der  König  nichts  endgiltig 
abschliessen  konnte,  der  ja  zuletzt  unter  ihrer  Gerichtsbarkeit 
stand.  Damit  aber  war  if  toW  s^cpiov  apy^,  des  Aristoteles  (Pol. 
n,  6,  1205*',  38)  in  der  That  die  gesammte  vollziehende  Gewalt, 
die  aber  als  oberster  Verwaltungsgerichtshof  durch  die  Aufgabe 


Die  Ktttwicklang  -Icr  Staatswiä<enscbaff  bei  den  0 riechen.  28o 

j.K2i;  cü6üv£iv  Ta;  apyac'  zum  Richter  in  eigener  Sache  wurde 
—  ein  Verhältnisse  das  auf  die  Dauer  naturgemäss  zur  fast 
anbedingten  Herrschaft  der  Ephoren  im  Hause  und  zur  maass- 
gebenden  Stellung  dieser  ^Commissaires  du  salut  public'  selbst 
im  Kriege  fuhren  musste.  Wesentlich  anders  war  die  Sache 
in  dem  beweglichen  Athen,  wo  die  Archonten  das  Recht  des 
::f:ßojA£u[jLa  auf  die  Dauer  in  seiner  Ausschliesslichkeit  nicht 
festhalten  konnten^  indem  das  Volk  statt  wie  in  Sparta, zu 
wenig,  so  hier  zu  viel  Gesetze  machte.  Davon  wieder  war  im 
unterschied  von  Sparta  die  Folge  die  grosse  Unselbständigkeit 
eben  dieser  vollziehenden  Gewalt,  die  ihrerseits  unter  dem 
IJrtheil  des  Volkes  stand,  die  Furcht  vor  jedem  selbständigen 
Anftreten  gegenüber  dem  schon  damals  eben  so  unconsequenten 
als  andankbaren  $>3ii.o?,  und  damit  jene  Willkür  und  Unge- 
rechtigkeit in  den  Volksbeschlüssen,  an  denen  Athen  zuerst 
seinen  Ruhm,  dann  seine  Macht  und  endlich  seine  Freiheit 
verlor.  Wir  aber,  wenn  wir  diese  Zustände  auf  unsere,  aller- 
dings unendlich  viel  klareren  öfFentlich  rechtlichen  Begriffe 
zurückführen,  werden  sagen,  dass  die  Ephoren  wie  die  Archonten 
die  Verordnungsgewalt  besassen,  und  dass  während  in  Sparta 
die  Gesetzgebung  im  Laufe  der  Zeit  in  dieser  Verordnungs- 
f^ewalt  fast    unterging,   in  Athen  umgekehrt  die  Verordnungs- 

;*cwalt  von  der  gesetzgebenden  absorbirt  ward  —  ein  Verhält- 

* 

niss,  das  uns  schon  an  und  für  sich  viele  Dinge  erklärt,  die 
wohl  nur  durch  jene  Kategorien  unserem  heutigen  Verständniss 
nahe  gebracht  werden.  Gewiss  aber  ist,  dass  das  was  Lykurg 
als  das  eigentliche  Gebiet  der  gesetzgebenden  Gewalt  vor- 
schwebte, —  denn  an  eine  klare  Competenz  wie  in  den  Ver- 
fassungen unserer  Tage  wird  da  nicht  gedacht  —  doch  eigent- 
lich nur  die  Verfassungsgesetzgebung  war,  während  Selon  jedes 
geltende  öffentliche  Recht  der  Abstimmung  des  8y;|jlo;  unter- 
worfen dachte;  denn  einen  Unterschied  der  Verfassungs-  von 
der  Verwaltungsgesetzgebung  kannte  man  nicht.  Das  war  der 
Punkt,  auf  welchem  allmälig  die  Erschütterung  und  Vernichtung 
jener  Verfassungen  selber  hereinbrach.  Und  dass  hier  wirk- 
lich die  Gefahr  für  die  neuen  Verfassungsorganismen  lag, 
das  fühlten  beide  Gesetzgeber,  und  jeder  von  ihnen  hat  in 
seiner  Weise  seine  Verfassung  gegen  dieselbe  zu  schützen 
versucht. 


28ß  stein. 

• 

Denn  hier  ist  es  wo  das  zweite  Gebiet  jener  Rechts- 
bildungen beginnt.  Während  die  Verfassung  den  Grundgedanken 
der  Gleichheit  der  freien  Staatsbürger  in  Wahl  und  allgemeinem 
Stimmrecht  zur  Verwirklichung  bringt,  mussten  sie  sich  jetzt 
dem  zweiten  Factor  zuwenden,  der  Ungleichheit  desselben, 
und  zwar  der  Ungleichheit  einerseits  im  Besitze,  und  zweitens 
in  der  Bildung  des  Volkes.  Und  wieder  müssen  wir  darauf 
hinweisen,  tlass  jene  Verfassungen  die  ersten  der  Weltgeschichte 
sind,  in  denen  ein  Volk  es  unternommen  hat,  mit  seinen  staat- 
lichen Gesetzen  in  den  gewaltigen  Kampf  hinein  zu  greifen, 
den  die  Verschiedenheit  in  der  Vertheilung  der  persönlichen 
und  der  wirthschaftlichen  Güter  mit  dem  obersten  Grundsatze 
der  Gleichheit  des  freien  Staatsbürgerthums  zu  fuhren  nie 
ermüden  wird.  Wenn  die  nachfolgemien  Jahrhunderte  das 
hellenische  Staatswesen  schon  wegen  jener  so  tief  angelegten 
freiheitlichen  Organisation  bewundert  und  um  ihretwillen  die 
Republiken  des  Alterthums  in  ihrem  gewaltigen  Gegensatz 
gegen  die  Staatenbildung  des  Orients  mit  Recht  gepriesen  haben, 
während  sie  die  auf  Besitz  und  Erziehung  berechnete  Gesetz- 
gebung mehr  als  eine  Merkwürdigkeit,  die  sie  nicht  verstanden, 
einfach  registrirten,  so  leben  wir  in  einer  Zeit,  wo  wir  diesen 
Factoren  unabweisbar  ins  Auge  schauen  müssen.  Wir  erst 
wissen,  was  Besitz  und  Bildung  bedeuten,  und  dass  beide  sich 
weder  in  der  Nationalökonomie  noch  in  der  reinen  Gesellschafts- 
lehre erschöpfen,  sondern  dass  über  alle  Verfassungen  das 
Gesetz  herrscht,  dass  die  Vertheilung  der  Güter  unwiderstehlich 
die  Rechtsbildung  der  Staaten  bedingt.  Und  wir  sind  daher 
verpflichtet  und  berechtigt  gerade  den  Theil  in  jenen  Ver- 
fassungen mit  Bewunderung  des  tiefen  Sinnes  ihrer  Urheber  zu 
verfolgen,  der  zuerst  diese  beiden  rechtbildenden  Gewalten  in 
der  Geschichte  der  Menschheit  der  Verfassung  ihrer  Staaten 
zu  unterwerfen  trachtete,  damit  die  Verfassungen  nicht  ihnen 
unterworfen  werde.  Wie  weit  ihnen  aber  das  gelingen  konnte, 
und  welche  Folgen  der  Kampf  des  Besitzes  mit  der  Idee  des 
hellenischen  Staates  hatte,  das  zu  sagen,  wird  uns  vielleicht 
später  erlaubt  sein. 

Wir  werden  daher  gezwungen,  bei  diesem  Gebiete  einen 
Augenblick  zu  verweilen.  Um  so  mehr  als  wir  davon  ausgehen 
müssen,  dass  die  Verschiedenheit  der  jenen  Männern  vorliegen- 


Die  Entwicklung  der  Staats wiftsenschaft  bei  den  (riiechen.  28  tf 

den  Besitzvertheilung  ihren  Gesetzen  eine  so  wesentlich  ver- 
schiedene Gestalt  bei  gleicher  letzter  Aufgabe  geben  musste, 
(lass  das  Gleichartige  in  beiden  nur  wieder  durch  den  höchsten 
Gesichtspunkt  unserer  Wissenschaft  festgehalten  werden  kann. 

IX. 

Wir  dürfen  daher  sagen  dass  es  sich  für  unsere  Zeit  am 
letzten  Orte  hier,  nicht  so  sehr  um  Lykurg  und  Solon  und 
nicht  um  die  einzelnen  Sätze  ihrer  Besitzesordnungen;  die  wir 
als  bekannt  voraussetzen  dürfen,  handeln  darf;  sondern  das  was 
sie  vorgeschrieben  soll  als  das  erkannt  werden  was  es  war, 
als  die  naturgemässe  Consequenz  ihres  Verständnisses  der  da- 
maligen Besitzverhältnisse  und  der  Möglichkeit,  die  Gefahrdung 
der  hellenischen  Staatsidee  durch  Gewalt  derselben  zu  bekämpfen. 

Und  dabei  wird  es  gewiss  richtiger  sein  den  eigentlichen 
Sinn  jener  merkwürdigen  Gesetzgebungen  zu  untersuchen,  als 
die  Werke  Derer,  welche  über  sie  berichten.  Denn  auch  die 
Letzteren  erzählen  uns  fast  mehr  von  dem  Eindruck,  den  ihnen 
die  Sache  gemacht,  als  von  der  Sache  selber. 

Dasjenige  aber  dem  wir  zuerst  hier  begegnen  ist  der  tiefe 
Unterschied  der  wirthschaftlichen  und  gesellschaftlichen  Zu- 
stande, mit  denen  beide  Nomotheten  den  Kampf  aufnahmen. 

Wir  müssen  sie  daher  scheiden,  und  es  ist  wirthschaftlich 
wie  historisch  berechtigt,  wenn  wir  die  Lykurgische  Gesetz- 
gebung voraufstellen  und  der  Solonischen  ihre  eigene  Dar- 
stellung geben. 

Als  Lykurg  sein  Werk  begann,  fand  er  die  ernsteste  Ver- 
wirrung in  den  Verhältnissen  des  Grundbesitzes  vor,  die  sich 
aus  der  eigentlich  regellosen  Eroberung  des  Landes  durch  die 
Dorier  fast  von  selbst  erzeugt  hatte.  Die  Lakedämonier  waren 
zwar  unterworfen,  aber  ihres  Landbesitzes  nicht  beraubt ;  sie 
waren  Sassen  geblieben  und  zahlten  ihren  Zins,  den  ^opo;, 
wahrscheinlich  in  Naturalabgaben.  Wie  nun  das  erobernde  Heer 
diese  Ländereien  unter  sich  vertheilte,  wissen  wir  nicht.  Es 
ist  wahrscheinlich,  dass  ursprünglich  gleiche  Loose  entfielen, 
und  dass  diese  Loose  nicht  persönlicher  Besitz,  sondern  Grund- 
berrschaft  über  die  ansässigen  ,Seelen'  war,  weshalb  auch  in 
Kreta  eben  diese  Sassen  selbst  y,AY;poii/^o;  heissen,  eine  Bezeichnung 


288  stein. 

die  jetzt  leicht  verständlich  sein  wird.  Von  dem  Besitz  der  Kirche, 
den  Ispa  oder  TSfxsvr^,  wissen  wir  nichts;   dagegen  ist  es  gewiss, 
dass  diese  Lakedämonier  einen  (p6po;  oux  oAiyo;   an    den   ^ziktj; 
zu  entrichten  hatten  (Plat.  Ale.  I  113  a).    Natürlich   ergab  sich 
daraus  ein  Abhängigkeitsverhiiltniss  der  Ureinwohner  gegenüber 
dem  Konigthura,  in  welchem  die  letzteren  den  König  als  ihren 
eigentlichen  patronus  in  ihren  Streitigkeiten  mit  ihren  anderen 
Grundherren  ansahen,  die  natürlich,  auf  Eroberung  und  Gewalt 
beruhend,  oft  genug  die  einfache  und  rohe  Unterdrückung  der 
Besiegten  enthielten  wie  in  unserem  Mittelalter.  Natürlich  war 
es   deshalb    ferne,    dass   die   Ersteren,    diese   Grundlage   ihrer 
Macht  sehr  wohl  verstehend,  ,Ta  zoXXa  £?  x^P^v  tou  Bi^jjlou'  (Paus. 
IV,  3,  7)   thaten;   aber   ebenso  natürlich  war  sofort  der  Hass 
der  Grundbesitzer  gegen  das  Königthum    selbst,    der   sich  nun 
noch  mehr  ausbildete  als  die  Spartaner  die  messenischen  Kriege 
begannen.    Wenn  wir  die  ältesten  Grundbesitzverhältnisse  von 
Messenien  kennten,  würden  wir  auch  die  Natur  der  messenisclien 
Kriege  kennen;    aber   die   ganze  Lehre  von  der  Gescldechter- 
ordnung  wäre  im  Widerspruch  mit  sich  selbst,    wenn   wir  uns 
nicht  Messenien  in  lauter  Grundherrlichkeiten  eingetheilt  denken 
müssten,    so   dass  die  Eroberung  des  Landes  in  der  That  nur 
die  Tributpflichtigkeit  dieser  Herren  an  die  neuen  Eroberer  zu 
Folge  hatte.   Die  Messenier  dachten  sich  dabei,  dass  der  neue 
dorische  König,   Kresphontes,  in  ihre  Verhältnisse  weiter  nicht 
eingreifen  werde,  und  scheinen  im  Anfange  gar  nicht  an  ernst- 
haften Widerstand  gedacht  zu  haben  (sux  sy£V£xo  Cff:b  twv  Aü>pi£wv 
b  OYjiJLo;  avaGTÄTo;  Paus.  a.  a.  O.),  erst  als  Kresphontes  und  seine 
Sühne    die   Gewalt   dieser   Grundherren   beschränkten    —   der 
Ta  Yjp-fi[i^ix  r/ovT£^,  wie  Pausanias  sagt,  dem  schon  zwischen  xp^!*^ 
und  %vfiQic  der  Unterschied  verschwunden  ist  —  standen  sie  auf 
und  erschlugen  nach  der  alten  Regel  den  fremden  König,  wie 
sie  den  eigenen  erschlagen  hätten.   Das  alte  Messenien  ist  das 
Albanien   der  Gegenwart,   und   zwischen  Kresphontes  und  Ali 
Pascha  in  Prizrend  ist  fast  nur  der  Unterschied  der  Zeit  und 
des  Namens  vorhanden.  Ganz  ähnlich  war  es  in  Lakonika,  wo 
die  Könige  durch  ihre  Comites  (bei  dem  si;  31  Ta?  a>.Xa^  (dikv.:) 
z£|X'!/ai  ßastXsa;  des  Strabo  VIII,   5,   4  wird  wohl    niemand  an 
Könige,    sondern    an    Comites    missi,    die   Ballifs    der  franzö- 
sischen Capetinger  denken),  die  Unterkönige,  in  ähnlicher  Weise 


Die  Entwicklnn;  der  Staatswissenscliaft  bei  den  Griechen  289 

herrschten;  und  auch  hier  ,t)ßpei  ta>v  ßacriX^uv',  meint  Plutarch 
Lyc.  3,  in  der  That  aber  weil  die  Könige  als  Vertreter  der  Unter- 
worfenen auftraten^  wurden  sie  vertrieben.  Das  war  allerdings 
ein  naturgemässer  Process.  Allein  nun  ergab  sich  die  Folge 
desselben.  Mit  den  Königen  und  ihrer  vollziehenden  Gewalt 
war  auch  die  Einheit  der  Spartaner  gebrochen ;  wer  sollte  die 
liipci  berufen  und  leiten  und  die  Polemarchen  dem  militärischen 
Befehle  im  Felde  unterwerfen,  wenn  die  Letzteren  den  bürger- 
lichen Anordnungen  des  ßaatXe'ji;  auf  ihrer  Grundherrschaft 
offeDen  Widerstand  entgegensetzten?  Und  doch  waren  die  Spar- 
taner ^Eindringlinge'  und  der  ^nationale'  Hass  der  Lakedämo- 
Diern  und  Messenen  hiess  damals  wie  zu  anderen  Zeiten  nichts 
als  die  Hoffnung,  durch  Bewältigung  der  ^Fremden'  den  alten 
Besitz  wieder  zu  erlangen.  Und  schlimm  genug  mag  es  für 
die  Ersteren  auch  wohl  ausgesehen  haben,  wenn  Plutarch  uns 
erzahlt  (Agis  5)  exTwvro  y^P  a<?si5ö?  ^Sy;  -KapaÖoövTeq  ol  SuvaTol 
Toj;  zpoci^xou'/Tac  ex  töv  ^wcBox^v'  (sind  das  Formen,  welche  der 
apyaia  [xotpa  angehören  ?).  So  war  der  Streit  zwischen  Königthum 
und  Grundbesitzern  in  Sparta  nicht  mehr  eine  Verfassungs- 
sondern  sie  war  in  der  That  eine  Existenzfrage  des  ganzen 
Spartanerthums  geworden,  und  wenn  das  in  Lakedämon  geschah 
was  in  Messenien  sich  beständig  wiederholte,  wenn  die  La- 
konischen Sassen  auch  zu  den  Waffen  griffen  um  die  Spartaner 
als  ihre  Obereigenthümer  zu  vertreiben,  dann  war  wohl  wenig 
Hoflfnung  für  die  hochadeligen  Geschlechter  der  Derer  mehr 
übrig!  Das  sah  und  das  erkannte  Lykurg,  und  gewiss  nicht 
er  allein.  Gewiss  haben  viele  der  damaligen  Besitzer  schon 
vollständig  begriffen,  dass  es  sich  schon  gar  nicht  mehr  um 
das  Vertreiben  der  Könige  und  die  einfache  Herstellung  der 
Aristokratie  handelte,  sondern  um  ihre  ganze  Zukunft  und  die 
ihres  ganzen  Stammes,  und  dass  sie  sich  bereit  halten  müssten 
die  grössten  Opfer  zu  bringen,  wollten  sie  nicht  selber  von  den 
,Nationalen^  erschlagen  und  vertrieben  werden  wie  ihre  Könige. 
In  der  That  gänzlich  unverständlich  wäre  die  Annahme  der 
Lykurgischen  Ordnungen  in  einem  doch  tapferen  und  der  Herr- 
schaft geniessenden  Stamme  gewesen,  hätten  solche  Erwägungen 
nicht  die  Gemüther  jener  Zeit  schon  auf  das  tiefste  bewegt. 
Nicht  die  Weisheit  sondern  die  Gefahr  des  Besitzers  hat  der 
Verfassung  Lykurgs   den  Boden   gewonnen,    auf  dem   er   sein 

SitznngHber.  d.  phil.-hist.  Ol.  XCIII.  Bd.  II.  Hft.  19 


29^)  stein. 

Werk  aufführte.     Und  dieses  Werk  entnahm  er  selbst  wieder 
dem  Lande^  in  welchem  ein  verwandter  Stamm   in  verwandter 
Weise  über  die  nationalen  Sassen  herrschte  und  sich  vor  ihnen, 
den  xXap(i>xau;  und  a^aiJUcoTa«;  nicht  weniger  fürchtete,    als  seine 
Landsleute   im   Peloponnes  vor   den  Lakonen.     Aber   dennoch 
war  sein  Gedanke,   wenn   schon   in  der  Conceptiou  grossartig, 
in  der  Ausführung  noch  grossartiger.   Und  das,  worauf  es  uns 
hier  ankommen   muss,  ist  es  eben  diese  Ausfuhrung  von  jener 
Grundlage  zu  scheiden.    Diese  aber  für  sich  betrachtet  ist  die 
neue  Gestalt  des  wirthschaftlichen  Lebens,   die  Lykurg  schuf; 
die   Ausführung    dagegen    lag    wiederum    tief   im    Wesen    der 
hellenischen  Staatsidee,  und  wenn  wir  daher  jene  wirthscbaftlich 
leicht  bezeichnen  können,  so  kann  diese  nur  durch  die  Gewalt 
hes  griechischen  Ethos  zum  vollen  Verständniss  gebracht  werden. 
Die  Besitzesordnung  des  Lykurg  beruhte  nämlich  einfach 
darauf,    dass   schon   vor  ihm  der  Spartaner  überhaupt   nie  das 
Feld  selbst  bearbeitet  hat,  sondern  nur  als  Herr  der  Lakonen  sich 
von  ihnen  den  oopoq  geben  Hess,  von  dem   er  lebte.    Das  Ein- 
treiben gerade  dieser  Naturalzehnten  aber  war  durch  die  Auf- 
lösung   der    ursprünglichen    Stammeseinheit   Sache   jedes  Ein- 
zelnen geworden ;  in  der  Verwirrung  der  öffentlichen  Zustände 
bei  der  Bekämpfung  des  Königthums  war  die  Zeit  gekommen, 
wo  der  Stamm  selbst  sich  darum  nicht   mehr   kümmerte.    Als 
Sache   jedes   Einzelnen    aber    war    diese   Eintreibung   fiir   die 
grösseren  Herren  zwar  leicht,  aber  mit  beständiger  Verlockung 
zur  Ungerechtigkeit  begleitet,  wie  beim  Zehnt  des  Mittelalters; 
für  die  Schwächeren    aber    wurde   sie    gegenüber  dem  ansehn- 
lichen   Lakonen   gewiss   oft   genug   gefahrlich;    die    Hilfe   des 
grösseren    Herrn    für    den    kleineren   aber   hätte    den    letzteren 
wieder  abhängig  von  dem  ersteren  gemacht.  W^ollte  Lykurg  daher 
die  erste  Existenzbedingung  seines  dem  Ackerbau  abgewendeten 
Volkes    überhaupt  sichern,    so   lag   seine  Aufgabe  klar  genug 
vor,  und  der  naturgemässc  Gang  der  Dinge  hatte    die  Lösung 
in  Kreta  schon  gegeben.  Er  musste  die  Eintreibung  des  Zehnten 
für  alle  Spartaner  ohne  Rücksicht  auf  die  Grösse  des  Besitzes 
zur  Gosammtangelegenheit  des  Volkes  machen.    Das  aber  bloss 
gesetzlich    zu    bestimmen,    wäre    werthlos    geblieben,    da    bei 
gleicher  Aufgabe    die  Interessen   an    dem  ©cpoc   durch   die  ver- 
schiedeno  (jrösso-   dos  Besitzes   verschieden  waren.     Er  musste 


Die  EntwicVclang  dor  Sta&tswisseiiscUaft  bei  den  Griechen.  291 

daher   die    Sache    so    einrichten;    dass    die    Gesamrntheit    des 
Dorischen  Stammes  in  ihren  ersten  Existenzbedingungen,  nament- 
lich im  täglichen  Unterhalt,    an  die  Gesammtheit  der  Zehnten 
des  ganzen    Landes    in    einer   Weise    angewiesen    ward,    dass 
niemand   mehr  von   seinem   Zehnten,   sondern   alle   von    allen 
Zehnten  ihren  täglichen  Bedarf  gedeckt  sahen.  Und  das  geschah 
durch  die  Sysstitien,  die  Gemeinschaft  der  Mahlzeiten,  das  ein- 
zige Mittel  jenen  Zweck  zu  erreichen.     Sie    waren  es,    welche 
nicht  bloss  den  Aermeren  der  Gefahr  entzogen  jemals  zu  wenig 
zu  haben,  sondern  sie  waren  es  auch,  welche  es  dem  Reicheren 
gleichgültig  machten,  viel  oder  wenig  zu  besitzen,    denn  zwar 
gehörte  ihm  der  Besitz,  nicht  aber  sein  Ertrag ;  den  musste  er 
der  Gemeinschaft   abliefern,    und   es    war   schliesslich   nur  ein 
geringer  Ruhm,   vieles  fUr  andere  herzugeben,   da  doch  keiner 
von  allen  arbeitete,  sondern  nur  alle  für  jeden  die  Einbringung 
des  fspo^  gewährten.    Es  ist  daher  wie  man  sieht  gänzlich  falsch 
von  einer  Gütergemeinschaft   unter   den  Spartanern   zu  reden; 
wohl  aber   war   die   wirthschaftliche  Grundlage  des  Spartaner- 
thums  die  Gemeinschaft  des  Ertrages,  und  Lykurg  ist  es,    der 
die  Scheidung  von  Gut  und  Ertrag  zur  Basis  seiner   zunächst 
wirthschaftlichen     und    damit    auch     seiner    gesellschaftlichen 
Ordnung  zuerst  mit  klarem  Bewusstsein  aufgestellt  und  durcli- 
gefiihrt  hat.    Sein  ist  der  Ruhm  auf  diesem  Wege,  den  wir  doch 
nur  mit  den  Begriffen  der  Nationalökonomie  bezeichnen  können, 
das  Wesen  des  Besitzes   und   seiner  Gewalt   zuerst   der   Idee 
und  dem  Leben  des  Staats  untergeordnet,   und    damit   die  ge- 
sellschaftlichen  Elemente   von    den    wirthschaftlichen    getrennt 
zu  haben.    Es  fiel  ihm  dabei  gar  nicht  ein,  das  Eigenthum  als 
solches  anzugreifen;   im  Gegentheil  blieb  es  nach  wie  vor  ein 
oberster  Grundsatz,  dass  es  unehrenhaft  —  aic^pöv  —  sei,  über- 
haupt Grund  und  Boden    zu   verkaufen   und  zu  kaufen,  ja  es 
war  das  offenbar  wieder  wie  nach   germanischem  Recht  über- 
haupt nur  zulässig  flir  die  , walzenden  Grundstücke*,  welche  die 
Spartaner  natürlich  so  gut  hatten  wie  das  alte  Sonnenlehen  der 
Germanen   —  besassen  ja  doch  die  ,Erbtöchter*    zur  Zeit  des 
Aristoteles  zwei  Fünftheile  des  ganzen  spartanischen  Bodens !  Was 
aber  das  angestammte  Gut,  den  ursprünglich  an  das  Geschlecht 
vertheilten  xXtjpoq  betraf,  so  war  es  direct  verboten  ihn  zu  ver- 
kaufen —  ,T>j;  5e  apxaia;  ^Aotpa^   (d.  h.  des  eigentlichen   xXvjpo;) 


292 


Stein. 


oüBs  zwXsiv  E^saTtv*  (Heracl.  Pol.  2)  —  was  durch  Plut.  Agis  5 
bekanntlich  mit  dem  Zusatz  bestätigt  wird,  dass  die  Scheakun- 
gen  erlaubt  waren,  also  das  Eigenthum  erhalten  blieb.  Und  iu 
demselben  Sinne  ist  ohne  Zweifel  auch  die  fahrende  Habe 
durchaus  nicht  Gemeingut  gewesen,  sondern  jeder  hat  das 
Seinige  gehabt;  wenn  Plutarch  glaubt  (Lyc.  9)  Lykurg  habe 
auch  hier  durch  Gemeinschaft  der  Güter  erstrebt  ,7:avi:r:a7tv 
s^sXsiv  TÖ  ovKjov',  so  ist  das  reine  Consequenzmacherei ;  der  Satz, 
dass  jeder  sich  der  Fahrniss  des  anderen  bedienen  könne, 
ist  ein  wirthschaftliches  Unding,  und  bedeutet  praktisch  nichts 
als  das  alte  landwirthschaftliche  mutuum  und  commodatum 
der  Kömer,  über  dessen  Natur  und  Unterschied  von  unserea 
Leih-  und  Darlehensbegriffen  man  jetzt  wohl  einig  ist.  Von 
Gemeinschaft  der  Güter  darf  man  daher  nicht  reden;  es  war 
wahrlich  genug  den  Ertrag  für  die  Gemeinschaft  zu  bestimmen 
und  damit  dem  Gute  seinen  Genuss  für  den  Besitzer  und  den 
Verkehrswerth  für  das  Ganze  zu  nehmen.  Denn  dass  die 
Häuser  keine  Schlüssel  und  die  Weiber  keinen  Schmuck  haben 
sollten,  brauchte  Lykurg  nicht  anzuordnen,  und  hat  es  gewiss 
auch  nicht  gethan.  Was  war  zu  stehlen  und  womit  sollte  man 
Schmuck  kaufen,  wenn  man  selbst  nichts  verdiente  und  den 
Zehnt  des  ^spiowto;  oder  u^njxoo^  zu  den  Syssitien  hergab?  Aber 
auch  so  schien  eine  der  grössten  Aufgaben  der  Welt  gelöst  und 
eine  wunderbare  Basis  für  die  Reinheit  aller  Verfassung  gewonnen. 
Denn  während  mit  dem  Eigenthum  die  rechtliche  Selbständig- 
keit des  Einzelnen  erhalten  blieb,  ward  die  Gewalt  des  Besitzes 
über  die  urspiüngliche  bcTr^c,  der  Unterschied  des  Ungleichen 
innerhalb  der  Gleichheit,  welche  die  Wahl  und  das  aligemeine 
Stimmrecht  zu  Grundlagen  der  Verfassung  erhoben  hatten  durch 
die  Gemeinschaft  des  Ertrages  gebrochen;  der  Werth  und  die 
Macht  des  Geldes  war  beseitigt  durch  das  Kaufverbot  fremden 
Grundes  und  die  dem  Golde  und  Schmucke  feindliche  Sitte, 
und  zum  ersten  Mal  scheint  die  Idee  der  freien  Gemeinschaft, 
ungestört  durch  fremdartige  Kräfte,  nur  in  sich  selbst  ruhend, 
dazustehen. 

Freilich  nun  musste  Lykurg,  wollte  er  dauernd  dies  grosse 
Ziel  eiTcichen,  einen  Schritt  weiter  gehen.  Besitz,  Ertrag  und 
Genuss  sind  schliesslich  keine  natürlichen  Erscheinungen;  sie 
gehören  dem  persönlichen  Leben,  und  was  über  den  Menschen 


Die  EotwickluDg  doF  SUatswiBscnachaft  bei  den  Griechen.  293 

auch  hier  Gewalt  hat,  das  erzeugt  er  sieh  selber  und  strebt 
darnach  es  zu  erzeugen.  Es  genügt  daher  nieht  jene  Mächte 
zu  beseitigen ;  fast  schwieriger  als  der  Kampf  mit  ihnen  selbst 
ist  der  Kampf  mit  dem  persönlichen  Wunsche  sie  zu  besitzen. 
Und  hier  ist  es,  wo  Lykurg  am  meisten  geleistet  hat  und  wo 
er  sich  von  Solon  am  tiefsten  unterscheidet. 

Denn  jenem  Streben  nach  Genuss  kann  man  nur  eines 
entgegensetzen  und  das  ist  die  Verachtung  ihrer  selbst  und 
diejenige  der  sie  Geniessenden.  Soll  aber  diese  erst  durch 
Reflexion  entstehen,  so  kommt  sie  zu  spät.  Soll  sie  aus  dem 
subjectiven  Gefühle,  in  welchem  sie  doch  niemals  ganz  ge- 
sichert ist,  zur  objectiven  Macht  werden,  so  muss  sie  auf 
Onindlage  der  Erziehung  sich  zur  geltenden  Volkssitte  ge- 
stalten. Das  aber  kann  sie  wiederum  nur  dann,  wenn  diese 
Erziehung  selbst  von  jedem  Einflüsse  der  Verschiedenheit  des 
Vermögens  die  bloss  physische  Entwicklung  des  Menschen  zum 
Inhalt  hat  und  damit  zur  absoluten  Gleichheit  der  Erziehung 
wird.  Eret  dadurch  konnte  Lykurg  das  Grosse  sichern,  das 
er  für  das  Leben  des  Besitzes  eiTeicht  hatte. 

Und  das  ist  ihm  gelungen.  Wir  glauben  an  diesem  Orte 
über  die  Formen  der  spartanischen  Erziehung  um  so  weniger 
etwas  sagen  zu  sollen,  als  sie  schliesslich  ungemein  einfach 
war.  Es  war  die  ohne  Rücksicht  auf  Besitz  und  Stand  der 
Eltern  für  alle  gleiche,  rauhe,  geistlose  Erziehung  der  Soldaten - 
kinder,  deren  Grundlage  Strenge  und  Entbehrung  neben  der 
Achtung  vor  den  ,AltgedientenS  deren  Inhalt  Leibes-  und 
Waffenübung,  deren  Ziel  und  Ruhm  Waffenleistung  war.  Damit 
aber  nicht  im  Hintergrunde  wie  bei  den  alten  Pasargaden,  die 
Aussicht  auf  glänzendes  Leben  nach  der  Mündigkeit  das  harte 
erträglich  mache,  waren  ja  die  Eltern  selbst  arm;  für  den 
Knaben  gab  es  keine  Zukunft  im  väterlichen  Hause;  er  war 
und  blieb  ein  ,Kind  des  Regiments';  und  dass  er  nicht,  vom 
alten  herrschenden  Adel  abstammend,  lüstern  nach  den  Töchtern 
der  Heloten  schiele,  Hess  Lykurg  die  Kinder  beider  Geschlechter 
gemeinsam  und  fast  unbekleidet  ihre  Gymnastik  treiben.  So 
war  das  ein  Ganzes  in  sich  und  doch  nur  ein  Theil  eines 
grösseren  Ganzen.  Denn  wer  stand  dafür,  dass  der  Anklang 
an  geistige  Bildung  und  höhere  Bedürfnisse  nicht  denn  doch 
zuletzt  den  Wunsch  nach  einem   edleren  Dasein   in  der  Brust 


294  stein. 

des  hcUenischon  Knaben  erwecke,  namentlich  wenn  er  das 
Herrliche  sah,  das  ihm  das  übrige  Griechenland  bot?  Nur 
einen  Weg  gab  es  dieser  Gefahr  zu  entgehen  und  Lykurg 
betrat  ihn.  Das  Kind  durfte  nichts  lernen.  Es  lernte  keine 
Bücher  studiren,  es  las  keine  geschriebene  Verfassung  oder 
ein  edictum  praetorium  an  öffentlichen  Stellen  angeschlagen, 
es  lernte  kein  Gemälde  und  Statuen  bewundern,  es  betrat 
keine  Poikile,  es  hörte  keinen  Chorgesang,  es  wusste  von  keiner 
Musik  als  von  dem  Kegimentspfeifer,  den  eine  gutmüthige  Auf- 
fassung der  spätem  Zeit  zum  ,Flötenbläser^  gemacht  hat,  und 
noch  Isagoras  durfte  diesen  Spartanern  den  Vorwurf  ins  Ge- 
sicht schleudern,  dass  diese  Männer^  welche  Hellas  beherrschen 
wollten,  noch  am  Ende  des  peloponncsischen  Krieges  nicht 
lesen  und  schreiben  konnten!  Freilich  konnte  da  die  Sehn- 
sucht nach  dem  Schönen  nicht  zum  Streben  nach  seiner  ersten 
materiellen  Bedingung,  nach  dem  Keichthum,  werden!  Und  so 
war  diese  Gefahr  bewältigt.  Nur  Eines  blieb  noch  zu  thun. 
Sollte  ein  solches  Geschlecht  nun  mitten  unter  dem  lieblichen 
Himmel  Griechenlands,  mitten  unter  den  herrlichen  Werken 
der  Poesie  und  der  Wissenschaft,  ja  mitten  im  vollen,  warmen 
Hellenismus,  dieser  edelsten  Blüthe  der  Geschichte  kalt  bleiben 
gegen  Alles,  was  diese  so  reiche  Welt  besass,  so  musste  wenigstens 
Eines  dafür  geboten  werden  und  auch  das  w.usste  Lykurg  zu 
bieten.  Das  war  statt  des  wissenschaftlichen  Begriffes  und  der 
Staatskunst  der  einfache  Glauben  an  die  Weisheit,  ja  an  die 
Göttlichkeit  dieser  unmenschlichen  Ordnung.  Und  Lykurg 
wusste  das.  Ihm  war  das  Orakel  kein  blosser  Wahrspruch 
über  kommende  Dinge,  sondern  es  war  die  göttliche  Bestäti- 
gung seiner  Sendung ;  in  Delphi  holte  er  sich  nicht  seine  Weis- 
heit, sondern  den  Glauben  des  Volkes  an  dieselbe,  den  sein 
Katechismus  des  öffentlichen  Rechts  predigte,  der  aber  nicht 
geschrieben  und  auf  Stein  gehauen,  sondern  als  p^ätpat  den 
Kindern  mit  der  Sprache  zugleich  gelehrt  wurde,  und  obenau 
stand  das  eigentliche  Grundgesetz,  das  wir  jetzt  erst  ganz  ver- 
stehen und  das  das  wirkliche  Leben  wie  jede  innere  Uebcr- 
zeugung  des  Spartaners  beherrschte,  dass  keine  Macht  der 
Welt  im  Stande  sein  werde,  jemals  Sparta  zu  bewältigen,  als 
die  des  Strebens  nach  dem  was  Lykurg  im  öffentlichen  wie 
im    Privatleben    als    den    Todfeind    seines   Volkes    und   seiner 


Die  EntwickluD^  der  Staatswii>t>euäk-haft  bei  deu  Griecheu.  295 

eigenen  Gesetze  erkannt  hatte,  des  Strebons  nach  Reichthum. 
Und  das  nun  ist  die  merkwürdige  p'^Tpai,  die  uns  die  Geschichte 
aus  Sparta  bewahrt  hat,  allerdings  die  Grundlage  aller  andern 
und  zugleich  das  Gebot  des  Delphischen  Gottes: 

So  ist  die  Lykurgische  Gesetzgebung  in  sich  ein  Ganzes, 
aicht  mehr  ein  einzelnes  Gesetz,  sondern  eine  ganze  Lebens^ 
Ordnung,  welche  den  Staat  wie  den  Einzelnen,  die  Tugenden 
wie  den  Glauben,  den  Besitz  wie  die  Erziehung  auf  jedem 
Punkte  umfasst;  ein  grosser  Oi^anismus,  der  sich  durch  seine 
wirkenden  Grundkräfte  selber  trägt  und  welchem  sich  alle 
einzelnen  Momente  wie  unter  einem  gemeinsamen  Willen  beugen. 
Es  ist  das  aber  nicht  bloss  ein  an  sich  grossartiges  Bild;  denn 
auch  Egypten  und  Indien  bieten  uns  Aehnliches  in  ihrem  Kasten- 
wesen, dieselbe  Ordnung,  dieselbe  Herrschaft  des  Ganzen  über 
den  Theil,  dieselbe  Vermengung  des  Glaubens  mit  der  Er- 
kenntniss,  dieselbe  Hingebung  für  das  was  dort  für  die  Idee 
des  göttlichen  Staats  gehalten  wird.  Das  Sparta  Lykurgs  ist 
mehr;  und  grade,  in  der  Vergleichung  mit  dem  Orient  tritt 
das  wieder  an  die  Spitze,  was  wir  das  eigentlich  hellenische 
Element  auch  in  Sparta  nennen.  Das  ist  die  Freiheit  und  die 
Selbstbeherrschung,  die  zuletzt  trotz  aller  Starrheit  der  Ord- 
nung auch  diesen  Theil  des  hellenischen  Lebens,  in  dem  all- 
gemeinen Wahlrecht  und  dem  allgemeinen  Stimmrecht  die 
Grundlagen  des  freien  Staatsbürgerthums  festhielt.  Auch  Sparta 
wählt  die  Männer,  denen  es  Gehorsam  gelobt;  seine  staatlichen 
Gewalten  stehen  nicht  ausserhalb  und  über  seinem  Staatsbürger- 
tham;  es  gibt  in  Sparta  keine  Kaste,  die  nichts  hätte  als  ihre 
göttlichen  Vorrechte;  jeder  kann  das  Höchste  erreichen  und 
jeder  muss  sogar  seine  Stimme  geben  wo  ein  Gesetz  für  ihn 
gelten  soll.  Und  in  dieser  Freiheit,  und  das  war  das  sparta- 
nische Princip,  gilt  nicht  der  Reichthum  noch  die  Abstammung 
als  Grundlage  der  gesellschaftlichen  und  staatlichen  Stellung, 
denn  Sparta  hat  selbst  mit  eigenem  Gesetze  die  Freiheit  vom 
Bedürfniss  an  die  Stelle  des  ersten,  und  die  heldenhafte  That 
an  die  Stelle  der  letzteren  gesetzt.  Ja  es  hat,  und  auch  hier 
nach  dem  Vorbilde  Kretas,  noch  mehr  getlian.  Es  hat  mitten 
in   dieser    festgegründeten    Herrschaft    der    erobernden    Chisse 


296 


stein. 


und  nicht  auf  Grundlage  des  Besitzes,  den  es  verachtet,  sondern 
auf  Grundlage  der  persönlichen  mannhaften  Leistung  selbst,  das 
seiner  Freiheit  zugestanden,  was  wir  die  aufsteigende  Classen- 
bewegung  nennen.  Denn  nicht  allein,  dass  es  seine  Sklaven 
auch  von  Staatswegen  frei  Hess  und  so  zuerst  das  ganze  Rechts- 
gebiet des  Freigelassenen  gründete,  dem  wir  in  Rom  wieder 
begegnen,  es  hatte  sogar  seine  Herd-  und  Tischgenossen,  die 
jjLoOwvsi;  oder  piöaxc;,  Kinder  aus  der  beherrschten  Classe,  welche 
die  Erziehung,  das  WaflFenrecht  und  die  staatsbürgerliche  Stellung 
mit  denen  der  Spartaner  theilten  und  völlig  in  ihre  Reihe  traten, 
aber  wieder  nicht  durch  Reichthum  und  Glanz,  sondern  durch 
den  Werth,  den  sie  sich  selber  durch  das  gaben,  was  sie  dem 
Staate  leisteten.  So  begeisterte  jene  Verfassung  die  Herrschen- 
den durch  den  Ruhm  den  sie  besassen ;  die  Beherrschten  aber 
durch  den,  den  sie  mit  eigener  Kraft  erwerben  konnten.  Und 
mit  dieser  in  sich  geschlossenen  festen  und  wehrhaften  Ord- 
nung trat  nun  Sparta  in  die  griechische  Welt  hinein,  die  auf 
allen  Punkten  von  den  gesellschaftlichen  Gegensätzen  durch- 
drungen und  bewegt  war  —  war  es  ein  Wunder,  dass  sich  da 
Alles,  was  sich  nach  Festigkeit  und  Ordnung  sehnte,  sofort  an 
dies  Sparta  anschloss?  Und  anderseits  war  es  ein  Wunder, 
dass  es  bei  seiner  schon  verfassungsmässig  gewordenen  Ver- 
achtung vor  dem  Erwerb  des  Reichthums  in  einen  fast  unlös- 
baren Gegensatz  mit  allen  jenen  Völkern  treten  musste,  deren 
verfassungsmässige  Ordnung  und  Entwicklung  grade  auf  diesem 
gewerblichen  Reichthum  und  seinem  Erwerb  beruhte?  So 
scharf  auch  die  dialektische  Untersuchung  vorgehen  mag,  nie 
wird  sie  die  beiden  grossen  Begriffe  von  Grundbesitz  und 
Werthbesitz,  von  Grundherrschaft  und  gewerblichem  Reichthum, 
von  der  Kraft  des  über  das  Streben  nach  Erwerb  erhabenen 
Mannes  und  der  Macht  der  Arbeit,  die  nach  demselben  ringt, 
von  der  Tugend,  die  im  entsagenden  aber  doch  freien  Hingeben 
an  ein  grosses  und  mächtiges  Ganzes  und  der  nie  rastenden, 
aber  individuellen  Thätigkeit,  aus  der  allein  die  Grösse  des 
Vermögens  entspringt,  so  klar,  so  fassbar  und  zugleich  so  in 
seiner  grundlegenden  geschichtlichen  Bedeutung  zu  erkennen 
und  zu  beschreiben  wissen,  wie  sie  uns  hier  in  dieser  Ge- 
staltung Spartas  gegenüber  dem  des  freilich  noch  wenig  ent- 
wickelten Athen  entgegentritt.    Das  aber  ist  eben  die  Stellung 


Die  EutwicklttDR  <l6r  Staatüwissenschaft  bei  den  Griechen.  297 

dieser  beiden,  wir  dürfen  jetzt  unbedenklich  sagen,  wunder- 
baren Erscheinungen  in  der  Geschichte  der  Welt,  dass  in  ihnen 
die  zwei  grossen,  scheinbar  so  theoretischen  Grundbegriffe  der 
Wissenschaft  der  Gesellschaft,  die  strenge  Geschlechterordnung 
und  ihr  Gegensatz,  die  staatsbürgerliche  Gesellschaft,  einander 
als  unbestreitbare  Thatsachen  entgegentreten,  in  denen  der  ge- 
meinsame und  gleichartige  Geist  des  Hellenenthums  mit  seiner 
ganzen  Poesie  und  mit  seiner  ganzen  Freiheit  sich  in  der  Hand 
jenes  gewaltigen  Factors  gestaltet,  den  wir  den  Besitz  genannt 
haben.  Noch  zwar  ist  dies  Sparta  nicht  Gegenstand  der  Wissen- 
schaft, aber  es  ist  was  es  ist  durch  den  bewussten  Willen  der 
diesen  Besitz  erfasst  und  ihn  da  unterwirft,  wo  er  dem  Menschen 
am  nächsten  tritt,  in  seinem  Ertrage  für  den  Einzelnen  wie  fiir 
das  Ganze,  ihn  scharf  begränzend  und  in  Fesseln  bannend,  die 
ihm  zwar  seine  Gefahr,  wohl  aber  seine  lebendige  Kraft  nehmen, 
während  Athen  diesen  Besitz  frei  gewähren  lässt,  sich  ihm  mehr 
hingebend  als  es  die  staatsbürgerliche  Tugend  und  Ehre  er- 
tragen können.  So  ist  das  Element  aus  welchem  die  Staats- 
wissenschaft entstehen  soll  und  das  wir  so  viel  Mühe  haben 
theoretisch  zu  begreifen,  hier  thatsächlich  aus  seiner  Verbin- 
dung mit  dem  individuellen  Leben  hinausgeschieden  und  wenn 
nicht  zum  Gegenstand  der  Untersuchung,  so  doch  zum  Gegen- 
stand der  Gesetzgebung  gemacht.  Und  einmal  in  dieser  Weise 
selbständig  hingestellt,  wird  es  von  jetzt  an  mit  oder  ohne 
Bewasstsein  der  Gesetzgeber  wie  der  Denker  nicht  mehr  ver- 
loren. Mit  diesem  Verständniss  des  Besitzes  ist  daher  das 
gewonnen,  was  nach  den  früheren  Darstellungen  aus  der  Staats- 
kiinde  und  der  Staatsphilosophie  die  Staats  Wissenschaft  gemacht; 
das  Erkennen  des  Staatslebens  hat  in  seine  Kenntniss  und  seine 
Begriffe  die  Causalität  aufgenommen  und  von  jetzt  an  dürfen 
wir  sagen,  dass  jede  positive  Verfassung  eines  freien  Volkes  als 
das  Resultat  der  Freiheit  und  der  Besitzvertheilung  betrachtet 
werden  muss.  Darum  aber  haben  wir  geglaubt,  gerade  die 
Lykurgische  Verfassung  an  die  geschichtliche  Spitze  aller 
Entwicklung  der  eigentlichen  Staatswissenschaft  zunächst  in 
Griechenland  stellen  zu  müssen  und  ein  Blick  auf  die  grossen 
Philosophen  lehrt  uns,  dass  wir  auch  thatsächlich  Recht  haben. 
Denn  dem  Plato  wie  dem  Aristoteles  ist  diese  spartanische 
Verfassung    nicht    etwa    eine    einfache    Thatsache    oder    ein 


*^98  Steia.  Die  Eutwicklung  der  StaaUwiseeuscliuft  bei  den  Griechen. 

abstraktes  Ideal  ihres  Ethos,  sondern  sie  ist  ihnen  eine  Lehrerin 
von  Principien  geworden,  bei  der  ihre  tiefsten  Untersuchungen 
in  die  Schule  gegangen.  Das  Alles  aber  nun  in  seiner  gross- 
artigen Eigenartigkeit  wird,  wie  wir  meinen,  erst  dann  ganz 
erkennbar,  wenn  wir  die  weitere  Gestaltung  der  griechischen 
Welt  auf  Grundlage  der  zweiten  Artung  ihres  Besitzes,  die 
Entwicklungsgeschichte  Athens  in  seiner  Solonischen  Verfassaug 
daneben  stellen. 


Gebaoer.  ü«ber  die  weicheo  a-,  o-  und  M-Silbca  im  Altböhmischen.  299 


lieber  die  weichen  a-,  o-   und  t^- Silben 

im  Altbölmiischen. 


Von 

Br.  Joh.  Gebauer. 


In  meiner  Abhandlung:  , lieber  die  weichen  e-Silben  im 
Altböhmischen',  Sitzungsberichte  LXXXIX,  317 — 390,  habe 
ich  nachgewiesen,  dass  im  Altböhmischen  in  palatalcn  Silben 
ein  etymologisch  berechtigter  Unterschied  zwischen  e  (lang  e) 
und  e  (lang  ie)  geherracht  habe,  indem  e  (c)  einem  asl.  e  oder 
'•  entspricht  oder  euphonischer  Einschub  ist,  während  e  (ie) 
einem  asl.  a,  t,  q  gegenübersteht  oder  auf  Contraction  beruht; 
z.  B.  rekl  asl.  rekl'b,  pomoccn  asl.  pomost^'b,  oh^^ü  asl.  og-nb, 
reci  asl.  resti,  dus^  asl.  dusa,  dustem  asl.  dusamx,  dfevo  asl. 
drcYo,  hri£ch  asl.  greh'b,  ileze  se  Part,  praes.  asl.  t(iZ(j  S(?,  ctyvie 
asl.  ^etyrije.  In  einer  ähnlichen  Absicht  will  ich  jetzt  die 
weichen  u-,  o-  und  «-Silben  einer  Untersuchung  unterziehen. 
Auch  diese  werden  in  Handschriften  des  XIII.  und  XIV.  Jahr- 
hunderts verschieden  geschrieben,  bald  ohne  Präjotation  bald 
mit  einer  solchen  (d.  h.  mit  einem  zwischen  den  Consonanten 
und  den  Vocal  der  Silbe  eingefügten  Buchstaben  l  oder  ?/), 
z.  B.  krzes^anka  Pass.*  372  und  krziestyanka  cb.  20,  ohnowymi 


'Erklärung  der  Abkürzungen.  Alx.  =  ftltböhm.  Alexandreis,  und 
zwar:  AlxB.  =  das  Fragment  von  Bndweis,  abgedruckt  von  F.  Koubek 
in  (5as.  Cesk.  Mus.  1841,  79—90-,  AlxBM.  =  ein  ehemals  Budweiser, 
jetzt  im  böhmischen  Museum  in  Prag  aufbewahrtes  Fragment;  AlxH. 
=  zlomek  Jiudiicho-Hradecky,  d.  i.  das  Fragment  von  Nouhaus ;  Alx 8. 
=  das  Fragment  Safafik's,  abgedruckt  in  desselben  gesammelten  Schriften 


300  Oebaaer. 

fetözi  Pass.  458  und  ohn^owymy  retßzi  an  derselben  Stelle  in 
einem  anderen  Passionale  (gesehrieben  1379,  in  der  Museums- 


III,  337—340;  AlxV.    =^   Fragment  in  der  Bibl.  des   Domcapitel«  bei 
St,  Veit  in  Prag. 

Ans.  =  Safarik^s  Fragment  einer  Marien-  (Anna-)  Legende,  üi 
der  Bibl.  des  Böhm.  Museums. 

« 

Ap*  =  die  Apostellegende,  und  zwar  ApB.  =  das  in  DobroTskf  s 
Geschichte  der  böhm.  Sprache  und  Lit.  (1818),  S.  103—107,  und  ApS. 
=  das  in  ^afafik's  Gesammelten  Schriften  III,  330—334,  abgedruckte 
Fragment. 

Boh.  =  Dialogi  Bohemarii  in  Hanka^s  Zbirka  nejdavnejsich  Sloviii- 
küv  (1833)  S.  337-355,  XIV.  Jahrhundert. 

CEvang.  •=  Otenie  (evangelii)  zimnieho  ^sn,  Winterperikopen, 
Codex  in  der  Bibl.  des  R.  ▼.  Neuberk  in  Prag  (sig^.  34). 

B.  8.  stB. 

Bai.  =  die  Reimchronik  Dalimils,  und  zwar:  BalC«  =  die  Cam- 
bridger Handschrift  derselben;  BalH.  =  das  von  Höfler  entdeckte  uud 
von  Hanus  (Öas.  Cesk.  Mus.  1861),  correcter  von  Jos.  Jire^ek  (Kym. 
kronika  ceskA  1878,  245  —  247)  edirto  Fragment  der  Prager  UuivcrsitÄts- 
bibliothek;  Bai  Hr.  =  Dalimil  Hradecky,  das  Fragment  von  Königgräts, 
Mnseums-Hibl.,  abgedr.  v.  J.  JireSek  (Rymovana  krön.  252 — 253);  DalY. 
=  Dalimil  Vidensky,  Codex  der  k.  k.  Hofbibliothek  in  Wien  (sign.  2D2-J). 

Krad.  ==  rukopis  Hradecky,  d.  i.  die  Handschrift  von  Königgrätz, 
in  der  fürstl.  Lobkowitz^schcn  Bibl.  in  Prag. 

Jid.  =  Jidas,  und  Pil.  ==.  Pilat,  zwei  zusammengehörende 
Fragmente  aus  den  ersten  Jahren  des  XIV.  Jahrb.;  Museums-Bibl.;  Jld. 
ist  abgedruckt  in  der  Beilage  zu  Listy  filolog.  1878:  Ukazky  staro^eskych 
textü  mkopisnych   19 — 22. 

Jif.  =  Jiri,  Fragment  einer  Legende  vom  hl.  Georgius:  Museunw- 
Bibliothek;  abgedr.  in  derselben  Beilage  34 — 35. 

Kat.  =  Leben  der  hl.  Katharina,  ed.  Erben  18G0. 

LAl.  =  Legende  vom  hl.  Alexius,  Fragment,  abgedruckt  voa 
Jul.  Feifalik  in  den  Sitzungsber.  d.  kais.  Akad.  d.  Wiss.,  phil.-hist.  Cl., 
XXXVII  (1861),  420-424. 

Mast.  —  Masti^kaf,  d.  i.  der  Quacksalber,  Fragment;  Museums- 
Bibliothek. 

Modi.  =  Modlitby,  d.  i.  Gebete,  Codex  der  Prager  Uni^ersitäts- 
Bibliothok  (17.  F.  30). 

^  Rada  =  Nova  Rada,  d.  i.  der  neue  Rath  des  Herrn  Smil  Fla»ka 
von  Pardubic,  meine  Ausgabe  1K76. 

Pass.  =  das  Passionale  der  Mnscnms-Bibliothek  (sig.  3.  F.  16; 
Näheres  darüber  in  den  Sitzungsber.,  LXXXIX,  319). 

PH.  s.  Jid. 


üeber  die  weichen  a-,  o-  und  ri-Silben  im  AUbfthmiichen.  301 

Bibliothek  in  Prag),  Au88u  mü  Acc.  sing.  ZWittb.  68  und 
dussyu  mü  eb.  48,  na  skoncie^m  ^Gloss.  255  und  skonczye- 
nyvi  takemu  DalC.  18  u.  s.  w.,  —  und  auch  hier  fragt  es 
sich:  was  bedeuten  diese  ungleich  geschriebenen  Silben  für  die 
Grammatik,  wie  lauteten  sie  in  der  altböhmischen  Aussprache, 
kfes/anka,  oh^iovy,  du^ti,  skonöÖTitt;  oder  kfes^^anka,  ohnjov^, 
(lu^ju,  8kon<S6mtxf  oder  vielleicht  hart  kfestonka,  ohnovy, 
skon6g7}t«? 

Dass  das  Letzte  nicht  der  FaU  war,  beweist  die  ungleiche 
Schreibung  der  Handschriften  selbst.  In  einer  harten  Silbe, 
z.  B.  ta-  liegt  kein  Anlass  zu  der  in  krzes^anka  und  krzie- 
s^anka  befolgten  ungleichen  Schreibweise,  und  ebenso  nicht 
im  harten  to-,  tu-  u.  dgl.;  ein  solcher  Anlass  konnte  nur  von 
weich  gesprochenen  Silben  ausgehen.  Obendrein  bietet  das 
Fi-agment   DalH.    für    die    weiche   Aussprache    ein    positives 


Fror.  =  Proroci,  d.  i.  die  Propheten  Isaias,  Jeremias  und  Daniel, 
Codex  der  Prager  Universitiits-Bibliothek  (17.  D.  33). 

RostL  =  Rostlinsif,  altböhmische  botanische  Kamen,  abgedruckt 
von  AI.  Müller  im  Cas.  Öesk.  Mus.  1877,  391—393. 

Seqa.  =  Sequentionorins  Magistri  Conrad!,  in  Ilanka^s  Zbirka  u.s.  w. 
35G— 366. 

StB.  =  svat^  Duch,  Fragment  einer  Legende,  in  der  Museums- 
Hibliothek. 

Stit.  =  Thomas  von  §titne;  teH  =  dessen  ret^i  nedelni  a  sva- 
tecni,  Homilien,  Codex  der  Präger  Universitiits-Bibliothek  (17.  C.  lö); 
ttf.  =  desselben  u(5«ni,  eb.  (17.  A.  6). 

Umu6«  =  UmnJcnf,  Fragment  einer  Leidensgeschichte,  in  Do- 
brovsky's  Geschichte  der  böhm.  Sprache  n.  Lit.  (1818),  113—116. 

i^  =  iEaltäf,  der  Psalter,  und  zwar:  ^Brn.  ==  das  s.  g.  Brünner 
Fragment  in  der  Pr.  Museums-Bibl. ;  2G1oss.  ■=  ^altaf  glossovany«  eb., 
abgedr.  in  Hanka's  Zbirka  u.  s.w.  235—258;  ^Klem.  =  Äaltaf  Klemen- 
tinsky  in  der  Pr.  Univ.-Bibl.  (17.  A.  12);  iSWittb.  =  Codex  der  theo- 
logischen Seminar-Bibliothek  in  Wittenberg. 

Ist  einem  Citate  keine  Abkürzung  beigefügt,  so  ist  dieselbe  Quelle 
zu  Terstehen,  aus  welcher  das  unmittelbar  vorhergehende  Beispiel  ge- 
nommen  ist.  Die  Zahl  bedeutet  bei  Dal.  das  Capitel,  bei  ZWittb.  den 
Psalm,  bei  Jid.  den  Vers,  sonst  aber  die  Seite  der  Handschrift  oder  des 
Druckes ;  die  eingeklammerte  Zahl  gibt  an,  wie  yielmal  sich  ein  Beispiel 
an  der  bezeichneten  Stelle  findet.  Die  Belege  des  ^Wittb.  sind  ans 
einer  in  Safai^k's  Nachlass  befindlichen  Copie  §tur's,  die  des  AlxH.,  AlxV. 
and  llrad.  aus  Copicn  des  Herrn  Museums-Custos  Ad.  Patera,  die  übrigen 
aus  den  Originalien  oder  aus  gedruckten  Au.sg.iben  derselben  gf'uommen. 


302  Gebaner. 

Zeugniss,  indem  es  den  Consonanten  der  Silben,  um  die  es 
sich  hier  handelt,  mit  dem  ihm  eigenthümlichen  Erweichungs- 
buchstaben A  verbindet,  z.  B.  ba^Ao  Voc.  sing.,  d.  i.  bafo  30, 
kskonczienAu  d.  i.  k  skoncö/m  42  u.  s.  w.  Die  Annahme  einer 
harten  Aussprache  kfes^anka  u.  s.  w.  fallt  also  weg  und  es 
bleibt  zu  untersuchen,  ob  cfabel  oder  cZeabel,  dnSu  oder  du^'w  . . 
gesprochen  wurde,  oder  allgemein  gesagt:  ob  eine  und  was 
für  eine  Regel  in  BetreflF  der  jotierten  und  nicht  jotierten  Aus- 
sprache der  altböhm.  weichen  a-,  o-  und  w-Silben  gegolten  habe. 
Zur  Entscheidung  müssen  die  Schreibweisen  alter  Handschriften 
zu  'Rathe  gezogen  werden  und  es  werden  sich  hiezu  solche 
Handschriften  eignen,  die  in  Bezug  auf  die  ß-Silben  in  einem 
genügenden  Masse  genau  sind  und  von  denen  man  also  an- 
nehmen kann,  dass  sie  die  Sache  auch  sonst  streng  nehmen 
und  die  Praejotation  nicht  in  blos  graphischer  Geltung  (als 
Erweichungszeichen),  sondern  zur  Bezeichnung  eines  wirklichen 
Lautes  gebrauchen.  Leider  enthält  das  der  Abhandlung  über 
die  weichen  e-Silben  zu  Grunde  gelegte  und  in  dieser  Bezie- 
hung als  musterhaft  befundene  Passionale  für  die  weichen  a-, 
0-  und  tt-Silben  wenig  StoflF  und  wir  sind  genöthigt,  unsere 
Untersuchungen  an  solchen  Denkmälern  vorzunehmen,  die  dem 
Pass.  an  Strenge  und  Genauigkeit  mehr  oder  weniger  nach- 
stehen. Es  wird  sich  indess  zeigen,  dass  auch  sie  zur  Fest- 
stellung der  Regel  in  einem  befriedigenden  Grade  genügen. 

Beim  Abstrahiren  der  Regel  müssen  natürlich  die  relativ 
genauesten  oder  genaueren  Handschriften  vor  allen  anderen 
berücksichtigt  werden  und  den  Ausschlag  geben.  Daneben 
können  aber  auch  regelmässige  Belege  aus  jüngeren  und  minder 
genauen  Sprachdenkmälern  (z.  B.  aus  dem  jüngeren  Theile 
des  Pass.,  Kat.,  Pror.,  Stit.  u.  a.)  mit  angeführt  werden,  d.  h. 
aus  Handschriften,  die  zwar  die  Jotation  auch  als  blosses  Er- 
weichungszeichen anwenden,  die  aber  die  alte  Regel  im  Ganzen 
doch  beobachten  und  deutlich  erkennen  lassen ;  jene  von  ihren 
Beispielen,  die  mit  der  Regel  übereinstimmen,  sind  Reste  der 
alten  zum  Theil  schon  geschädigten  Regelmässigkeit  und  daher 
auch  für  uns  verwendbar. 


ü«ber  die  waicben  ci-,  n-  and  n-Silben  im  AltbAh mischen.  303 


X*    cty    «wy    18>» 

Die  Regel,  welche  die  Handschriften  in  BetreflF  der  weichen 
a-Silben  erkennen  lassen,  ist  folgende: 

ia  und  ya  wird  nur  dort  geschrieben,  wo  der  Diphthong 
m'  etymologisch  berechtigt  ist.  Für  die  Aussprache  bedeutet 
die  nach  dieser  Regel  geschriebene  Jotation  selbstverständlich 
das  i  des  Diphthongen  ia,  hat  also  phonetische  und  nicht  blos 
graphische  (die  Erweichung  des  vorhergehenden  Consonanten 
andeutende)  Geltung,  dyabel  Pass.  348  sprich  diabel  (dia-) ; 
dagegen  haben  alle  übrigen  weichen  a-Silben  ohne  inlautende 
Pracjotation  gelautet,  krzestanka  Pass.  372  (neben  krzicstyanka 
eb.  20)  sprich  krest^inka  (nicht  kfösf/anka). 

Der  Diphthong  ia  kommt  freilich  nur  in  sehr  wenigen 
Fällen  vor;  er  war  in  der  böhmischen  Sprache  des  XIII.  und 
XIV.  Jahrhunderts  bereits  in  ie  übergegangen.  In  den  für 
diese  Abhandlung  untersuchten  Sprachdenkmälern  ist  er  nur 
im  Genitiv  sing,  der  //o-Stämme  und  in  diabd  zu  finden. 

Der  Gen.  sing,  der  t/o-Stämme  lautete  ursprünglich  -ija, 
wie  asl.  kopyVi,  später  contrahiert  -ia,  dann  assimiliert  -ie  und 
endlich  verengt  -i;  sbozya^  -ta,  -ie,  -i.  Für  die  Stufe  -ia, 
deren  Diphthong  durch  das  ursprüngliche  -ija  berechtigt  er- 
scheint, bietet  das  Fragment  Umuö.  einen  Beleg:  velikeho  mylo- 
srrdya  114,  d.  i.  milosrdia. 

In  diabel  und  seinen  Ableitungen  stimmt  der  Diphthong 
zum  lat.  diabolus.  Der  Belege  gibt  es  eine  Unzahl  und  ich 
lasse  nur  einige  folgen:  tehdy  dyabel  vecö  Pass.  321,  aj  diable 
pysny  321,  co2  so  z  dyabla  urodi,  dyabel  jest  348,  dyabli 
pocechu  vyti  351,  mno2stvie  dyablow  381,  dyabel  stan  na 
pravici  jeho  Z  Klem.  91%  vyjde  dyabel  pröd  nohy  jeho  126^, 
dyabel  sepce  Ilrad.  25%  proti  dyablu  21%  2e  jej  dyabla  mniechu 
DalC.    64,    dyablowe    mnozi    Kat.    68,    töm    dyablom    klatym 


^  ^Statt  defl  Diphtliongen  ia  wird  auch  jd  gelesen,  nnd  ebenso  .7V  nnd  jVt 
Atatt  ie  und  iu,  z.  B.  Rinpf.  Nom.  »box;V,  Oen.  Hhozjd,  Dat  kbofsju, 
Hchrcibnngen,  wie:  ledw//«  sve  prepjiäete  Stlt.  re^i  lö2*,  David  chtÖl 
gi;V«ty  chleb  152%  na  hozijem  o\ia.n  löl^,  pred  svu  zzmyrti/iu  Ap.  Ö. 
333  Q.  ä.  sprechen  für  die  diphthongische  Aus.qpracbe. 


304  Gebauer. 

154,  V  tv^ch  dyablech,  —  z  dyabelske  riiky  Modi.  47*,  dyabel- 
skich  pokuSenf  14*,  —  dyablowemu  poku^eni  Pass.  330,  hiasi 
dyablowi  314,  dyablowe  obrazy  303,  dyablowu  moci  293, 
dyablowych  modl  335  (2),  dyablowym  modldm  283,  dyablowi 
poslove  Hrad.  25*,  radu  dyablowu  Kat,  112  u.  s.  w.  —  Eine 
Ausnahme  ist  mir  in  keiner  altböhmischen  Handschrift  vor- 
gekommen. 

Für  das  unjotierte  a  erscheint  ein  Nachweis  der  oben 
ausgesprochenen  Regel  nicht  für  alle  Fälle  nothwendig.  Man 
findet  es  so  zu  sagen  in  der  Ordnung,  wenn  die  Silben  iV, 
Sa-y  öa-  .  .  .  und  ebenso  ihre  Längen  bloss  rza-,  ssa-,  cza- . .  . 
und  nicht  7*zya-  oder  rzia- .  .  .  geschrieben  werden,  z.  B.  strachem 
trzasa  so  Pass.  342,  d.  i.  trasa,  v  jedny  czasy  311,  d.  i.  ^asy 
u.  dgl.;  in  diesen  Fällen  kann  die  Richtigkeit  der  Regel  als 
zugestanden  betrachtet  werden.  Dagegen  widerspricht  ihr  die 
bisherige  Auffassung  in  BetreflF  der  Silben  mit  ii,  d,  f,  Ij  für  diese 
musB  also  ihre  Gültigkeit  eigens  nachgewiesen  werden.  Zum 
Zwecke  eines  solchen  Beweises  führe  ich  alle  Belege  (aber 
nicht  auch  alle  Wiederholungen)  an,  die  ich  im  Pass.,  2  Wittb., 
ZElem.,  DalC,  Hrad.  und  Modi,  gefunden  habe,  und  ausser- 
dem auch  Beispiele  aus  anderen  Handschriften.  Einige  Bei- 
spiele mit  anderen  Consonanten  als  9t,  d,  f,  l  füge  ich  den 
übrigen  nur  in  der  Absicht  an,  damit  es  offenbar  sei,  dass 
dieselbe  Regel,  deren  Gültigkeit  für  die  Silben  fa-,  5a-,  &- . .  . 
als  selbstverständlich  zugestanden  wird ,  auch  in  den  dem 
Zweifel  ausgesetzten  Silben  lia,  da,  ta,  la  gegolten  habe. 

1.  Nom.  sing,  der  ja-Stämme:  hxiS.  wola  tvä  Modi.  85*, 
d.  i.  völa,  eine  im  Vaterunser    erhaltene  alterthümliche  Form. 

2.  Participium  praet.  act.  H  und  Part  praet.  pass.  der 
Verba  I.  5.  tieti  asl.  teti ;  jieti  asl.  j§ti:  ta\,  vy-?ial,  fot,  vy-wat. 
Z.  B.  kat  hlavu  stal  Pass.  295,  325,  d.  i.  sfal,  stal  hiavu 
beranovi  295,  podtal  me  2Klem.  123^,  d.  i.  podfal,  üsko  jei 
byl  vtal  DalH.  31,  d.  i.  utal,  jak2  hlavu  biese  stal  DalC.  21, 
hlava  stata  Pass.  280  u.  ö.,  d.  i.  sfata,  stat  473,  mezi  jinä  state 
308,  (Dorota)  nevinnö  dnes  stata  Modi.  179*;  —  aby  wynal 
m6  2Wittb.  30,  d.  i.  vyÄal,  jen2  mö  wynal  z  temnosti  Modi. 
48*,  oben  s6  wznal  2Wittb.  17,  d.  i.  vznal,  wynato  Hrad.  41*, 
d.  i.  vyfiato,  z  uraa  wynata  41^,  u.  s.  w.,  —  durchgehends  im- 
jotiert,  ebenso  wie  in  radu  wzal  Pass.  40G,  srp  viece  zal  293, 


Uebar  die  weichen  a-,  o-  and  ri-SUben  im  Altbfthmischen.  305 

d.  i.  ial,  coi  s'  poczal  298;  du§6  do  nebes  wzata  283^  v  oko- 
vach  spate  301,  by  rozpat  na  kriiju  ApS.  333  u.  ä.  Auch 
minder  genaue  Handschriften  jüngeren  Ursprunges  enthalten 
häufige  Belege  für  diese  Regel,  z.  B.  je^to  hlavu  stal  Pass.  22, 
tvä  hlava  bude  stata  Kat.  180,  kdei^  ta  panna  byla  stata  194, 
pro  jeho2  ty  jme  i  radu  wznala  tu  jistii  svidu  94,  d.  i.  vzüaia, 
wynat  bude  Pror.  16»,  d.  i,  vyfiat,  aby  so  nesnala  spolu  otit. 
u6.  38»,  d.  i.  nesüala  (dual.),  kdy2  bie§e  vtal  ucho  Stit.  feöi 
164»,  d.  i.  utal,  üd  odtat  od  tdla  151»  u.  s.  w.  —  Für  das 
Participium  praet.  act.  I.  favy  vj^av  (wie  statka  sob6  wzaw 
Pass.  323,  neben  vzemjf  sowie  für  das  Supinum  tat^  vy-üat 
(vergl.  zat  chodila  Manda  im  Cisiojanus,  Rozbor  staroöesk^ 
literatury  188,  d.  i.  2at  asl.  i^t'h,  poslal  sem  vy  zat  CEvang. 
eb.  709)  habe  ich  keine  Belege. 

3.  Pai-ticipium  praet.  act.  II  der  Verba  III,  1.  und  2.: 
vyvrÄcen  jsem,  abych  letal,  ut  caderem  2  Wittb.  117,  d.  i.  letal 
asl.  letdli,  kn^2ie  jich  letala,  sacerdotes  eorum  ceciderunt  eb.  77, 
d.i.letala,  mate  srdc6  zkamenala  a  k  slitoviniu  ztwrdalaHrad.  52^, 
d.  i.  zkameüaU  a  ztvrdali,  Infinitiv  zkamenöti  und  ztvrdöti,  asl. 
-eti;  Jan  jest  ji2  tak  ohubendl,  zlutal,  zzelenal  a  zbledöl  Hrad.  55, 
d.i.  2lufal  Inf.  i^lut^ti,  asl.  2l:bteti  flavere,  und  zzeleöal  Inf.  -zelenöti, 
asl.  -zeleneti  virere;  kter^  jest  ölovök,  jen2  by  neplakal  zde  matky 
Kristovy,  kdyi^  by  wydal  v  takej  muco  Modi.  161^  d.  i.  vidal  Inf. 
vidSti;  daj  mi  milosti  tö  svatosti,  af  bych  t6  wydal  bez  koncö  eb.  99^ ; 
matka  wydala  Je2idö  v  mukäch  a  biöoväni  poddan^ho  eb.  161^; 
pfi§lo  mi  na  mysl  jinö  ienj  näboSenstvie,  kteräi  aby  t6  nSkdy 
vidöti  mohla,  vnici  läskii  hledala  a  op6t  jednti  §ed§i  hrob  wydala 
eb.  115^,  centurio  odpowyedal  a  fka  eb.  91^,  d.  i.  odpovödlal 
Inf.  odpov^dSti,  abych  hriechu  nenawydal  eb.  8»,  d.  i.  nendvi- 
d&l  Inf.  nen&vidSti,  —  ebenso  wie  in  den  gleichen  Formen 
svat;^  Petr  wiezal  Pass.  393,  d.  i.  vözal  Inf.  vözöti,  mösto 
horzalo  311,  hospodäf  biezal  355^  d.  i.  b62al  Inf.  b6i^6ti,  hospo- 
din  vslyssal  397,  pozwuczal  blas  278  u.  s.  w.  In  der  Schrift 
&llt  dieses  Participium  mit  dem  der  Classe  V,  1  zusammen 
und  es  muss  der  Context  entscheiden,  ob  z.  B.  geschriebenes 
letal  =  letal,  asl.  let^H,  oder  letal,  asl.  l§tali,  zu  lesen  ist. 
Manchmal  wird  aber  die  Ungewissheit  dennoch  nicht  beseitigt, 
weil  der  Context  beide  Formen  zulässt,  z.  B.  viel  nad  cheru- 
biri  i  letal  jest,  letal  nad  peruti  vfetröv,  volavit,    volavit  super 

Siftnagaber.  d.  pliU.-hiet.  Cl.  ICIll.  Bd.  II.  Hft.  20 


306  Gebauer. 

pennas  ventorum  ^Elem.  10^,  aby  dar  ten  vzal  a  piFSd  lesti 
dny  svu  smrt  przyewyedal  Modi.  173**,  sv.  Kliment  nan  ybzHy 
poöS  BÖ  domnievati,  jakihy  toho  ölovöka  nökda  widal  Pass. 
291,  a  kdy2  jej  to  döfätko  uzrölo,  ei  bieSe  nikda  lidi  newi- 
dalo,  velikym  böhem  umrlej  mateti  pod  pI4S6  so  vrazi  340;  an 
ji2  zczmal  jako  vrina  Hrad.  141^. 

4.  In  demselben  Participium  der  weichen  Stämme  der 
Verbalclasse  V,  1:  co  sv^ma  rukama  vydölal,  toho  jeSöe 
chud^^m  udielal  Hrad.  9%  d.  i.  udielal,  co4  vydöliSe,  tiem  sS 
krmil  a  odieval  a  chud^m  Söedfö  udielal  eb.  16^,  —  unjotiert, 
ebenso  wie  in  den  gleichen  Formen  nikda  sh  neurazal  Pass. 
281;  d.  i.  neurazal  asl.  -ra^dali;  svu  sestru  k  slu2b6  ponuczala 
378,  d.  i.  ponücala,  aby  jiej  neprziekazal  v  Jezukrista  vgfiti 
345,  d.  i.  nepr6k42al,  aby  nikte  nepronassal  405,  d.  i.  nepro- 
n4§al,  ei  s5  tak  svej  bratfi  poruczal  331,  d.  i.  ponidal  u.  s.  w. 
Das  Gleiche  ist  im  Participium  praet.  act.  I,  im  Part,  praet 
pass.  und  im  Supinum  zu  gewärtigen;  vei^l.  dokonchzaw  Ap S. 
331,  d.  i.  dokonöav  asl.  dokonBöavb,  pldSö  kri2i  wyrazani  Pass. 
399,  d.  i.  vyrd2an^,  zapov^döl,  aby  ii&ini,  (krestanka)  k  nim 
nebyla  pusczana  480,  d.  i.  püäö&na  asl.  puStana,  vejdu  k  öema 
weczerzat  Alb.  28*,  d.  i.  ve6erat  asl.  veöerjati.  —  Die  hier 
betrachtete  weiche  a-Silbe  ist  der  Auslaut  des  Infinitivstammes 
dieser  Verba  und  deshalb  kann  hier  auch  die  auf  diesem 
Stamme  beruhende  Ableitung-  prom^üdvati  angeführt  werden: 
tak  so  i  jeSöe  stivd,  ie  öest  nravy  promienawa  AlxH  2*,  d.  i. 
promönävä. 

5.  In  der  Suffixsilbe  der  Stämme  auf  -jan-:  od  polan 
Dal.  C.  36,  d.  i.  Polan  asl.  poljani,  za  polany  eb.,  kn6z  Misnani 
do  mösta  pustiti  chtieSe  DalV.  103,  d.  i.  MiSfiany  asl.  -njany 
od.  -üany,  knöz  mysnany  na  fi  (na  hrad)  vzpusti  eb.  104,  Cechj 
mysnany  pobichu  eb.,  ten  slechtic  mysnanom  cti  ukriti  eb., 
d.  i.  MiSiianöm,  Velflovici  s  mysnany  sö  slichu  103,  mnoho 
lidi  V  zemi,  najviec  plznam  (sie)  mrieSe  92,  d.  i.  Plzfian, 
hvßzda  vidina  wcznanom  Sequ.  358,  d.  i.  uöfianöm  (Nom.  sing, 
ußnan  oder  gar  uönönin,  eine  unrichtige  Bildung  fllr  magus), 
—  unjotiert,  ebenso  wie  vzkdzasta  miesczanom  Pass.  367,  d.  i. 
mgfiöanöm,  u.  ä.  An  diese  Stämme  lehnt  sich  im  Altböhmi- 
schen krestauj  lat.  christianus,  ahd.  christäni,  christiäni,  mit 
seinen  Ableitungen  an,  nicht   nur  was  den  Umlaut  anbelangt, 


lieber  die  weichen  a-,  o-  und  u-Silbon  im  AUböhmischen.  307 

■—  z.  B.  Nom.  sing,  vörn^  krzestan  Pass.  435  und  plur.  krze- 
styeue  375,  d.  i.  kfesfan  und  krestSnä,  ebenso  wie  m§§6an- 
und  m^SöSn^;  —  sondern  auch  in  Betreff  der  weichen  a-Silbe. 
Diese  wird  in  strengen  Handschriften  nur  ta-^  nie  tya-  oder 
tia-  geschrieben;  z.  B.  bohobojn^  krzestan  Pass.  365,  bych 
nebjl  krzestanem  361,  dobr^ch  krzestanow  335,  ndsilnik  krze- 
stanom  283,  krzestani  ze  statka  Iiipie§e  283,  nad  krzestany 
286,  ka2d6mu  krziestanu  Hrad.  92*,  vs^m  krziestanom  73^, 
krzestanom  Modi.  92%  nökter^  krzestany  s  sobü  pojem  Kat. 
170,  .  .  .  nihoinA  krzestanka  Pass.  372,  za  krzestanku  s6  mä 
347,  jstic  krzestanku  ustaviönd  Kat.  62,  döstojnd  krzestanka 
136, .  .  .  krzestanskeho  krojö  rucho  Pass.  435,  v  krzestanskem 
zamiceni  364,  krzestanska  tela  332,  z  uobcS  krzestanske  376, 
od  viery  krzestanske  283,  ke  krzestanskey  vierö  372,  vieru 
krzestansku  319,  z  knih  krzestanskych  319,  krzestanski  s^  varuji 
adv.  366,  krzestansku  vieru  Modi.  105^,  cierkvi  krzestanske  90*, 
viera  krziestanska  ^Klern.  136*,  krzestanske  bydlo  Rat.  64,  . .  . 
vieho  krzestanstwie  Pass.  370,  .  .  .  poöe  krzestanstwo  u  viefö 
potvrzovati  Pass.  299,  mnoi^stvie  krzestanstwa  Kat.  64  u.  s.  w. 

6.  In  der  SufGxsiibe  der  Stämme  auf  -at-  asl.  -qt-:  sczenata 
revüce  2Wittb.  103,  d.  i.  Söeöata  asl.  gteneta,  malö  sczenatko 
Hrad.  103^,  d.  i.  göeö&tko,  poradovalo  s6  dyetatko  Pass.  278, 
d.  i.  d^fitko,  dyetatku  pokrmu  pfidada  338,  s  dyetatkem  339, 
tu  dvü  dyetatku  278,  tv6  dietatko  Hrad.  58*,  sveho  dietatka 
68*,  8v6ho  diet^atka  Kat.  54,  dyetatko  Modi.  144^,  to  dyetatko 
DalC.  21  u.  8.  w.,  —  durchgehends  unjotiert,  ebenso  wie 
robatka  Pass.  464,  fimski  knyezata  281,  d.  i.  knie^ata,  pr6- 
staute  nebozatka  458,  d.  i.  nebo2ätka,  kurzatka  Hrad.  8^  u.  a. 

7.  Ausserdem  bestätigen  unsere  Regel  auch  noch  folgende 
Beispiele: 

Dieti  pai*t.  dal  asl.  dejali:  boh  daj,  bychom  tei  s  niu  dali, 
dwälili  öiu§  hospodina  Hrad.  66*,  falls  die  Leseart  Jäli  (und 
nicht  dÜi)  richtig  ist;  die  Form  verstösst  gegen  die  Lautlehre, 
es  wird  umgelautetes  dieli  erwartet,  vergl.  by  trhu  v  nedölju 
nedieli  DalC.  32. 

Doüai^  dofiadiy  doüavad^j  odnad^  u.  ä. :  donads  nevzS 
horfiü  vnadu  AlxH.  2*,  donads  Sööpöv  neotrasü  Jid.  71,  donadz 
ta  smrtelni  stfdla  nevyjme  s6  z  tveho  t6la  AlxS.  340,  donadz 
nenajdu  Hrad.  37*,  donadz  ho  nepoznds  50*,  donadz  se  nesmiluje 

20* 


308 


Gebauer. 


ZKlem.  107%  donadz  sü  otm^ny  nepfijeli  DalC.  22,  donadz 
da§^  u  m6m  t&\e  Rat.  lOO, . . .  donaz  nezahjnu  ^Klem.  11*... 
donadz  du§^  u  m^m  töle  Hrad.  123%  .  .  .  donawadz  täo  nepo- 
chovino  Hrad.  22%  donawadz  najdöle  sem  ^Rlem.  84%  .  .  . 
odnads  pHjidd  do  Thyrie  AlxH.  1%  odnadzto  smy  vyhnini 
PasB.  321;  nad  tim  möstem,  odnadz  urozenim  bieäe  384,  onadz 
(sie)  byl  vSel;  tarnet  vznide  Rat.  114. 

KomHata:  v  komnatu  vnide  Hrad.  61%  v  komnata  DalC. 
83(2),  ta  zl4  komnatu  vyrazista  26/  do  komnaty  63,  pr^d  kom- 
natu 98  (2),  V  komnatu  DalV.  83  (2). 

Luüdk:  jako  kiife  pfed  lunakem  Rat.  2. 

Nadra  asl.  jadro  sinus:  stfM  nader  tvych  2Wittb.  73, 
krev  po  meöiech  v  nadra  teöieSe  a  v  nadrzyech  jim  zmrzniede 
DalC.  74. 

Silatedek:  neshromazdim  snateczkow  ZWittb.  17. 

Siiatek:  v  snatku  j^Sutn^m  2Wittb.  24,  ot  snatka  zlobi- 
v^ho  63,  V  snatku  jßSutn^m  ^Brn.  1%  v  snatcie  velik^m  ^Rlein. 
14,  nenävid^l  sem  snatka  zlostiv^ch  17%  u  velik^m  snatcie  29^, 

V  snatciech    podSkujte    hospodinu   50*,    v   snatcie    boh6v  65% 

V  snatcie  svatych  70*,  vzplanul  oben  v  snatcie  jich  87%  v 
snatcye  Ijudsk^m  89^,  ustavil  eile  snatkom  128%  räd  bych 
uöinil  ten  snatek  Hrad.  15%  veSken  snatek  15%  b^vd  zde 
velikj^  snatek  17%  v  Jeruzalemi  na  snatczye  7P,  na  kaiif 
snatek  108%  ört6v  snatek  114%  tv6j  snatek  Modi.  120%  snatkow 
Fror.  1% 

Was  Ausnahmen  betrifft,  so  ist  in  2Wittb.,  ^Rlem.^ 
Pass.  (im  älteren  Theile),  Modi.,  DalC,  Rat.  und  in  vielen 
anderen  Handschriften  keine  einzige  zu  finden;  in  Hrad.  nur 
im  Reimpaare  sedyal:  powydial  (sie)  122^  an  einer  Stelle,  die 
jünger  ist  als  der  übrige  Codex;  sonst  sind  mir  hie  und  da 
einige  nur  in  solchen  späteren  Handschriften  vorgekommeu. 
welche  die  Jotation  auch  bei  den  ^-Silben  nicht  streng  nehmen^ 
z.  B.  jeho2  bieäe  wydyal  ve  snö  AlxV.  158%  d.  i.  vidal  asl. 
videl^b,  sim  sem  sedyal  Pror.  64^,  d.  i.  sedal  asl.  sSdel'B,  Juda 
letyal  eb.  3*,  d.  i.  letal  asl.  letßli,  letyalo  jest  Babylon  15*, 
oba  sta  letyala  95*,  föku  rozwodnyaluv  49%  d.  i.  rozvodfialu, 
krziestyanka  Pass.  20  und  krziestyajiskey  viery  19  (beides  im 
jüngeren  Theile  des  Pass.),  ta  z\&  komnyatu  vyrazista  DalV. 
26,  do  komnyaty  63,  pfßd  komnyatu  98  (2).   Diese  und  solche 


Ueber  die  weichen  o-,  o-  und  M-Silben  Im  41tbAhmi«cbeB.  309 

Abweichung^eii;  die  seit  der  zweiten  Hälfte  des  XIV.  Jahr- 
handerts  je  weiter  desto  häufiger  werden,  bestätigen  es,  dass 
diese  Silben  weich  gelautet  haben,  lefal  und  nicht  le^al  u.  s.  w., 
und  sind  Beweise  —  nicht  einer  vollzogenen  Sprachverände- 
ruDg,  letyal  in  Fror.  3^  hat  ebenso  gelautet,  wie  letal  in 
2Wittb.  117,  nämlich  letal,  sondern  —  einer  neuen  Recht- 
schreibung, deren  Aufkommen  mit  dem  Schicksal  der  weichen 
e-Silben  zusammenhängt  und  also  zu  erklären  ist:  der  alte 
lautliche  Unterschied  zwischen  e  und  (  wurde  in  der  Schrift 
durch  6  und  t6,  ye  bezeichnet,  z.  B.  pro  nezto  zahanbenie, 
propter  quod  Pass.  297,  d.  i.  pro  ^e2to  asl.  ne-,  und  pro  nyezto 
hfiechy,  propter  quos  Modi.  93%  d.  i.  pro  fiStto  asl.  n§;  hierin 
bedeutet  das  geschriebene  n  den  Laut  ü,  und  ye  den  Laut  i, 
also  n-ye-  =  ü-S-;  mit  der  Zeit  ging  die  Aussprache  HS-  ver- 
loren und  das  geschriebene  nye-  wurde  fie  ausgesprochen;  war 
aber  geschriebenes  nye  =■  fie,  so  hat  man  ny^  als  eine  den 
Laut  fi  bezeichnende  Buchstabenverbindung  aufgefasst  und  so 
lag  es  an  der  Hand,  auch  sonst  ny-,  dy-,  ty-  oder  ni-,  di-,  ti- 
für  ü,  dy  f  zu  schreiben  und  überhaupt  die  Jotation  zur  schrift- 
lichen Andeutung  der  weichen  Aussprache  gewisser  Consonan- 
ten  zu  verwenden:  lefal  geschrieben  le^i/al,  rozwod^aly  geschr. 
rozwodnyaly,  und  ebenso  ohriov^  geschr.  ohnyowy  (im  Pass. 
vom  J.  1379),  stä^e  geschr.  sta^ie  Kat.  14  und  sta^j/e  eb.  156, 
26  geschr.  2^'e  NRada  40,  §fedrost  geschr.  ssttedrost  56  u.  s.  w. 


II.  o,  ö. 

Für  die  weichen  o-Silben  ist  in  den  Handschriften  die- 
selbe Regel  zu  finden,  wie  für  die  a-Silben,  mit  der  Verein- 
fachung, dass  es  keinen  altböhmischen  Diphthongen  io  gegeben 
hat  und  dass  demnach  in  der  Schrift  ein  praejotiertes  o  (-io 
oder  -yo)  unberechtigt  ist.  Auch  der  Beweis  soll  hier  in  der- 
Belben  Weise  wie  bei  den  a-Silben  durchgeführt  werden. 

1.  Dat.  Loc.  sing,  der  J«-Stämme:  ke  kralowi  Pass.  354, 
d.  i.  krÄlovi,  unjotiert,  ebenso  wie  otczowi  Pass.  418,  ciesa- 
rzowi  296,  papezowi  325,  m^mu  towarzissowi  457. 

2.  Nom.  Voc.  plur.  derselben  Stämme:  kdy2  konowe 
mnoistvie  voz6v  potrhli  Pass.  484,  d.  i.  koÄovö,  vSichni  ohnowe 


310  Oebauer. 

potuchu  Kat.  40,  d.  i.  ohnov^,  v&ickni  kralowe  2  Eiern.  80^  u.ö., 
unjotiert,  ebenso  wie  biezowe  eb.  24*  u.  a. 

3.  Gen.  plur.  derselben  Stämme :  kmen  kralow  sloviitaych 
Pass.  328,  d.  i.  krÄl6v  u.  ö.,  tSch  wieznow  posilije  372,  d.  i. 
v6zn6v,  jeden  z  wieznow  vecö  390,  zamiitil  si  hlavy  sannow 
^Elem.  57*,  d.  i.  safiöv,  4luö  sannow  130*,  dievky  tu  konow 
podpächu  DalC.  13,  d.  i.  kon6v,  mdlo  srssnow  mnoho  much 
zapüzie  44,  d.  i.  8r§n6v,  —  ebenso  wie  mych  rzetyezow  Pass. 
393,  äest  miesieczow  344,  pöt  rityerzow  300,  od  muzow  299, 
towarzissow  425,  kliczow  396  u.  s.  w.  Für  sannow,  ZKlem. 
57*  und  130*  wird  in  Jungmann's  Wörterbuch  ein  vStamm 
angenommen,  sing.  Nom.  san  Gen.  sana,  so  dass  nicht  saäöv, 
sondern  san6v  zu  lesen  wäre.  Diese  Annahme  hat  ihren  Grund 
in  der  Meinung,  dass  weiches  n  in  der  Schrift  durch  ny-  oder 
ni'  hätte  bezeichnet  sein  sollen;  eine  solche  Schreibregel  gilt 
zwar,  wie  oben  gezeigt  wurde,  in  den  späteren  Handschriften,  in 
den  älteren  aber  und  namentlich  für  dieses  Beispiel  des  2  Eiern, 
gilt  sie  nicht.  Mir  ist  es  im  Gegentheile  wahrscheinlich,  dass 
der  Schreiber  durch  die  Gemination  nn  die  weiche  Aussprache 
angedeutet  habe,  denn  sonst  wüsste  ich  nicht,  was  für  einen 
Zweck  die  Doppelung  hätte,  und  andererseits  ist  es  bekannt, 
dass  die  altböhmischen  Schreiber  auch  zu  diesem  Mittel  ge- 
griffen haben,  um  die  weiche  Aussprache  anzudeuten,  z.  B. 
ten  jeito  slova  waa^^yy  Pror.  24*,  d.  i.  väfi,  naawra^t  po6et 
sveho  vlddanie  CEvang.  22,  d.  i.  ndvraf,  uvörichu  weenn  eb. 
34,  d.  i.  yi-ji. 

4.  Dat.  plur.:  konom  tv^m  2Wittb.  cant.  Habak.,  d.  i. 
kofiom,  sladka  dasnom  m^m  mluva  tvä  eb.  118,  d.  i.  däsnöm, 
cöstu  udinil  si  konom  tvj^m  2Elem.  127**,  jazyk  möj  pridrzi 
so  dasnom  mym  14*  (in  einem  späteren  Psalter  vom  J.  1487 
steht  hier:  k  dasnium  m^^^m,  Jungm.  sub  däsnö),  kako  sladke 
sü  dasnom  mj'm  mluvy  tv6  102^,  pfisvedni  jazyk  möj  k  dasnom 
mym  113^,  wyeznom  Pass.  54,  d.  i.  vöznöm,  dfeve  nei  kuonö 
dosp6chu  DalC.  13,  d.  i.  kuonöm  u.  s.  w.,  —  unjotiert,  wie  in 
dem  gleichen  Falle  in  naSim  penyezom  Pass.  368,  nyemczom 
Dal.  C.  34,  rityerzom  Pass.  333,  öty?em  muzom  349,  d.  i. 
muzöm,  k  svym  towarzyssom  365.  Für  dasnom  2  Wittb.  und 
ZElem.  wird  in  Jungmann's  Wörterbuch  der  im  Slovakischen 
vorkommende  hartstämmige  Nominativ  däsno  supponiert,  wohl 


üeber  die  weichen  a-,  o-  nnd  u-Silben  im  Altbfihmischen.  311 

aus  dem  gleichen  Orunde^  wie  san  statt  sa^  für  den  eben  be- 
sprochenen Genitiv  plur.  sannow;  der  Grund  ist  aber  irrig  und 
für  den  gegenwärtigen  Fall  wenigstens  nicht  verlässlich,  wo- 
gegen das  im  Psalter  vom  J.  1487  geschriebene  k-dasnium  für 
die  weiche  Aussprache  dasiiöm  spricht. 

5.  Vocativ  sing,  des  ja-Stammes  bä€a:  batho,  jdz  tob& 
yiij  räd  slü2u  DalH.  30;  bato  DalC.  eb.;  d.  i.  bäto;  bato, 
meho  nechaj  DalC.  28;  jäz  to,  bato,  dobr^  v6de  36;  53;  batO; 
tfgba  mi  s  tebü  mluviti  63;  bato,  proö  s§  druhem  nek&^eä  eb.; 
batO;  nem62e§  bez  N6mcöv  bj^ti,  ber  so,  bato,  na  R^n  s  nimi  eb. 

6.  Im  dialektischen  Local  der  pronominalen  Declination: 
V  nomzto  nebude  chud  Hrad.  115%  d.  i.  v  öomi^to  statt  v  äem2to. 

7.  Im  Infinitivstamme  der  VI.  Classe:  v6ön6  kralowanye 
PasB.  322  u.  ö.;  d.  i.  kralovänie,  rozko§n4  v6n5  povötrie  naplno- 
wasse  Pass.  402,  d.  i.  naplnovdSe,  ebenso  wie  potwrzowaty 
Pass.  299,  mnozi  s6  wraczowachu  312,  aby  ukrzyzowali  305, 
d.  i.  ukfiÄovali,  v  nüzi  utyessowal  468,  kf-esfanskü  vieru  poöö 
doliczowati  352,  d.  i.  doliöovati,  u.  s.  w. 

8.  In  der  Suffixsilbe  anderer  Stämme  auf  -ov-:  na  kralowem 
dvofö  Pass.  329,  d.  i.  krdlovöm,  kräl  skralowu  459,  bieie 
kralowna  353,  obraz  svatö  kralowny  324,  nebesk^ho  kralowstwie 
324  u.  ö.,  do  kralowstwa  nebeskeho  Modi.  2**,  ty  s'  kralowna 
svych  sluh  143^,  ohnowymi  ?et$zi  Pass.  458,  d.  i.  ohnov^mi, 
ohnowata  mluva  2  Gloss.  236,  pec  ohnowu  2  Wittb.  20,  uhl6 
ohnowo  17,  uhl6  ohnowe  eh.,  ot  obliööjö  ohnowa  67,  ohnowa 
mluva  118,  ty  si  zetröl  hlavy  sannowe  ^Klem.  57*,  —  durch- 
gehends  unjotiert,  ebenso  wie  hlava  vmrlczowa  Pass.  296,  z 
cyesarzoweho  rodu  323,  ti  jisti  oraczowiczi  knie^ata  jsu  387, 
d.  i.  orÄöovici  u.  s.  w. 

9.  In  doüavadi  und  poüovadB:  donowadz  nezajde  mSsiec 
itKlem.  54*,  ponowadz  si  räöil  ddti  Modi.  63*,  ponowadz  ne- 
Bmiemy  so  ukizati  151^  u.  ö. 

Es  wurden  also  die  weichen  o-Silben  —  und  zwar  nicht 
nur  die  eben  eigens  betrachteten  mit  den  Consonanten  n,  d, 
(,  l,  sondern  auch  alle  übrigen,  also  alle  überhaupt  —  ohne 
instehende  Praejotation  geschrieben  und  ohne  inlautende  Prae- 
jotation  ausgesprochen.  Ausnahmen  von  dieser  Kegel  gibt 
es  so  gut  wie  keine.  In  2 Wittb.,  2Klem.,  Dal.  C,  Pass., 
Modi.,    Kat.   und   in   vielen    anderen   Handschriften   ist   keine 


312  Oebaii«r. 

einzige  zu  finden;  Abweichungen  aber,  wie  buogyowe  im  jün- 
geren Theile  des  Pass.  47,  statt  bojov6,  ohnyowymy  fetözi  im 
Passionale  vom  J.  1379  statt  des  entsprechenden  ohnowymi 
fei^zi  im  ältesten  Pass.  458,  ratagyowe  ÖEvang.  23,  k  rata- 
giom  23  st.  ratajöm,  ku  plawisstyom  31  st.  plavi§f6m  u.  ä.  be- 
einträchtigen unsere  Regel  nicht  im  Mindesten,  da  sie  aus 
Handschriften  stammen,  die  schon  starke  Spuren  der  späteren 
(oben  erklärten)  Schreibweise  an  sich  tragen  und  die  Jotation 
oft  zu  einer  bloss  graphischen  Andeutung  der  weichen  Aus- 
sprache des  Consonanten  anwenden;  auffallend  sind  mir  nur 
zwei  Ausnahmen  in  Hrad.,  die  mit  den  in  diesem  Codex  häufig 
vorkommenden  Schwankungen  zwischen  o  und  i  (ciesafovi  — 
ciesaHvi)  zusammenhangen  dürften:  da  to  miesto  nyemcziom, 
otkads  jin^m  czuzozemcziom  Hrad.  20  (neben  nyemczom  eb. 
25».  26'>  u.  a.). 

Hier  soll  auch  der  Umstand  zur  Rede  gebracht  werden, 
dass  die  böhmische  Sprache  weiche  o-Silben  überhaupt  besitzt, 
denn  diese  sind  im  Slavischen  eigentlich  eine  Anomalie;  statt 
ihrer  kommen  in  der  Regel  e-Silben  vor,  deren  e  durch  Assi- 
milation des  ursprünglichen  o  entstanden  ist.  Vergl.  asi.  selo 
und  morje,  lo2e,  lice,  synove  und  zmijeve,  togo  und  mojego  u.  s.  w. ; 
Miklosich,  Altsloven.  Lautlehre^  17.  Diesen  im  AltsloveDischen 
regelmässig  auftretenden  e-Silben  entsprechen  aber  im  Böh- 
mischen theils  e-,  theils  o-Silben,  letztere  namentlich  in  Zu- 
sammensetzungen wie  licomörny  asl.  licemSrBn^b,  und  in  den 
Verbindungen  -oy,  -om:  Dat.  Loc.  sing,  oräöovi.  Dat.  Instr.  du. 
ordöoma,  Nom.  Voc.  pl.  oräöove,  Gen.  oräöJv,  Dat.  oräWm, 
plaviStrfm  (CEvang.  31),  Loc.  sing,  v  fiom,  ve  vSom  (dialek- 
tisch statt  des  grammatischen  v  nem,  v§em),  kralovati,  kräl(/v, 
krälova,  kralovna,  krälovstvie  u.  s.  w. 

Auf  die  Frage,  wie  es  denn  komme,  dass  dem  ursprüng- 
lichen (j)o  im  Altslovenischen  e,  im  Böhmischen  aber  theils  e, 
theils  0  entspricht,  antwortet  man,  dass  es  auch  im  Böhmischen 
einstens  nur  assimilierte  6-Silben  gegeben  habe,  dass  aber  die 
Assimilation  in  gewissen  Fällen  mit  der  Zeit  aufgehoben  wurde 
und  ^o>  Silben  neu  eingeführt  erscheinen.  Die  causa  movene 
war  hiebei  die  Analogie,  die  assimilierten  Formen  Note.  pl.  kri- 
leve,  Inf.  krälevati  u.  ä.  haben  unter  dem  Einflüsse  der  analogen 


üeber  die  weichen  a-,  o*  und  ««SIHmu  im  AltMhmieehen.  313 

hartstämmig^en  o-Formen   pinovd,   panovati   ...   ihr   e  aufge- 
geben upd  0  angenommen. 

Zu  dieser  Antwort  stimmt  der  Umstand,  dass  die  gemeine 
Sprache  in  dieser  Richtung  weiter  vorgeschritten  ist,  als  die 
coDservative  Schriftsprache,  indem  man  auch  v  üom,  ve  ylkom, 
T  6om,  VySohrad  u.  ä.  zu  hören  bekommt^  und  dass  alte  Sprach- 
denkmäler ziemlich  oft  eine  weiche  e-Silbe  statt  der  späteren 
o-Silbe  bieten.  Aber  das  muss  hiebei  auffallen,  dass  in  strengen 
Handschriften  der  Vocal  dieser  Silbe  sehr  selten  e  (k  ^rfm 
wogem  AlxH.  P,  d.  i.  voj^m.  Dat.  plur.),  in  der  Regel  aber 
ie  oder  ye  geschrieben  erscheint. 

Ich  €nde  dies  am  häufigsten  in  den  Handschriften  Hrad. 
und  Modi,  und  lasse  ihre  Beispiele  hier  folgen. 

Sing.  Dat.  Loc:  o  diediczjewi  slovensk^m  Hrad.  1% 
CO  chcmy  sdieti  gieziusiewi  74^,  a  kdyi  bieie  giezissiewi  jatu 
byli  75%  gieziusiewi  90*,  gieziussiewi  85^,  iudassiewi  77%  cziessa- 
rziewi  86**. 

Du.  Dat.  Instr.:  mezi  dv^ma  zlodiegiema  Hrad.  90^. 

Plur.  Nom.  Voc. :  vSichni  leycherziewe  Hrad.  16^. 

Plur.  Gen.:  devSt  roiessiecziew  Hrad.  63%  sv^ch  rytie- 
rziew  93%  slechticziew  mnoho  100%  paterziew  nerad  pöji  110% 
08mi  krossiew  112%  osm  krossiew  113%  süatek  zlodiegiew  114% 
zlodiegiew  mnoho  115*,  oracziew  taki  neminu  114^,  padesit 
kolacziew  137%  töch  kolacziew  137*  (2);  —  vSSch  zwolenczyew 
Modi.  37%  myesyeczyew  59%  wyeznyew  nezprostil  119*,  do 
kragyew  128*. 

Plur.  Dat.:  to  miesto  dachu  czuzozemcziem  Hrad.  25% 
kak^  czuzozemcziem  25%  sv.  Prokop  t6m  nyemczyem  poro- 
kovi§e  25^  poSle  (misu)  rytierziem  sv^m  106^,  ti  zlodiegiem 
hotujikliöö  115%  aby  koval  konyem  nezajimajä  132%  —  otczyem 
svym  Modi.  116^,  wyeznyem  sprosczenye  128%  —  af  se  ieny 
k  svj^m  muziem  navritie  Pass.  43  (jüngerer  Th.);  poviem 
zenciem  ÖEvang.  12. 

Plur.  Dai:  aby  byl  sladek  naSim  srdczyem  Modi.  1^. 

In  der  Suffixsilbe:  gieziusiew  ußennik  Hrad.  84*  (2), 
giezinsiewo  tSlo  92^,  gieziusiewa  slova  85%  cziessarziewy  milosti 
Hrad.  86%  cziessarziewy  §kody  eb.,  slovo  otcziewo  47^,  v  kay- 
fassyewie  dom§  74%  sto  kygiewych  ran  100*;  pnyewie  kopdSe 
5*;    za    skopcziewynu    135^;    smutnä    utiessiewasse    8^,    b^sy 


314  Gebaner. 

othonyewal  18^,  jeni  wzbranyewal  3P,  bicziewali  52*,  ukrzi- 
ziewati  83^,  tancziewati  96^,  öbdn  poö6  s6   pohrziziewati  130^. 

Ein  Beispiel  mit  blossem  e  ist  in  Hrad.  und  Modi,  nicht 
zu  finden^  ausser  krälevstvie;  hiebei  ist  aber  nicht  ausser  Acht 
zu  lassen,  dass  die  altböhm.  Silbe  le  sowohl  te  als  auch  U 
vertritt  (s.  Sitzungsber.  LXXXIX,  325). 

Im  älteren,  musterhaften  Theile  des  Pass.  kommen  solche 
6-Formen  nicht  vor.  Die  Handschriften  Hrad.  und  Modi,  sind 
aber  in  Betreff  der  weichen  e-Silben  beinahe  ebenso  streng 
regelmässig,  wie  das  Pass.,  ihr  geschriebenes  te,  ye  darf  nicht 
=  6  oder  6,  sondern  muss  =  i  oder  ie  gelesen  werden,  nicht 
ciesaFevi,  kofiem,  srdc^m,  sondern  ciesar^vi,  kom^m,  srdctem 
u.  8.  w.  Der  Vocal  dieser  «-Silben  ist  aber  nicht  identisch 
mit  dem  durch  Assimilation  aus  o  entstandenen  asl.  und  auch 
böhmischen  e,  srdcz^em  ist  nicht  =:  asl.  srbdLcem^b,  der  Vocal 
ist  ein  anderer,  als  der,  der  in  naSeho,  naSemu,  na§em  (abge- 
sehen von  der  Quantität)  sich  findet,  und  es  fragt  sich,  wie 
diese  Abweichung  zu  erklären  ist. 

In  einigen  Phallen  ist  sie  wohl  durch  Analogie  verursacht 
worden.  Z.  B.  im  Dat.  plur.  koniem  und  srdciemj  aby  koval 
konyem  nezajimajö  Hrad.  132^  und  abj  byl  sladek  naSim 
srdczyem  Modi.  P;  diese  Formen  haben  einst  koMm,  srdc^m 
(die  Länge  mag  in  Hinblick  auf  hadcfm,  konim  ...  als  wahr- 
scheinlich angenommen  werden)  gelautet,  mit  4  und  nicht  mit 
ie,  ebenso  wie  der  Gen.  sing.  naSeho  neben  toho  und  das  asl. 
konjemi,  d.  i.  konemi  und  sr&dBcem:b  e  und  nicht  S  u.  s.  w. 
bieten;  daneben  bestand  aber  der  Dat.  plur.  hföbtem  (asl. 
-ijemi),  Bhoiiem  (asl.  -ijemi),  paniem  (asl.  -ijami);  unter  dem 
Einflüsse  dieser  Dativformen  haben  dann  auch  die  ß-  und  jo- 
Stämme  die  Endung  -iem  angenommen,  was  um  so  leichter 
geschehen  konnte,  da  die  gehörige  Endung  -im  durch  das 
Schwanken  der  Sprache  (koöAn  —  koiiöm)  nicht  genug  fest 
sass.  —  Auf  dieselbe  Weise  kann  auch  der  Dat.  Instr.  du., 
mezi  dv^ma  zlodiegiema  Hrad.  90,  d.  i.  zlod^j^ma  statt  zlo- 
d^jema  erklärt  werden.  —  Die  a-Stämme  haben  im  Slavischen 
überhaupt  die  Declination  der  übrigen  Stämme  sehr  beeinflosst: 
russ.  rabam^b,  rabachi,  rabami,  selami,  selachi,  selami,  kostjamiB, 
kostjachi,  kostjami,  imenami,  imenach'B,  imenami,  pol.  chlopach, 
cMopami,  nböhm.  dial.  p&nama,  oknama  u.  s.  w.,  die  Entstehung 


Ueber  die  weielien  a-,  o-  und  ti-8ilben  im  AltböJimischen.  315 

der  abweichenden  Formen  kontern,  zlodSj^ma  nach  dem  Vor- 
bilde der  ya-Formen  dofit^m^  da6^ma  stände  nicht  beispiel- 
los da. 

Schwieriger  ist  die  Erklärung  des  ä  in  den  Fällen,  wo 
ein  Vorbild  zur  Nachahmung  und  Anlass  zur  Abweichung  von 
der  Regelmässigkeit  nicht  vorlag,  z.  B.  Dat.  sing,  ciesaf^vi 
statt  ciesaftfvi,  Nom.  plur.  lejcheHve  statt  lejchefevä  u.  s.  w. 
Sicherlich  haben  aber  auch  hier  die  Schwankungen  der  Sprache 
(cieaarevi  —  ciesarovi)  das  Aufkommen  des  unregelmässigen 
t  (ciesafÄVi)  erleichtert. 


IIL  u,  ü,  ju,  iu. 

Zum  Behufe  der  Untersuchung  der  weichen  u-Silben 
Bchicke  ich  eine  kleine  Sammlung  von  Beispielen  voraus  und 
bemerke  zu  ihr  Folgendes: 

1.  Für  die  weichen  e-Silben  hat  ein  einziges  Denkmal, 
das  Pass.,  zum  Nachweis  einer  allgemein  geltenden  Regel  ge- 
nügt, für  die  weichen  u-Silben  mussten  recht  viele  untersucht 
werden  (darunter  namentlich  beinahe  und  nach  Möglichkeit 
alle  die,  in  denen  die  Assimilation  u-i  den  neuböhmischen 
Grad  noch  nicht  erreicht  hat).  Der  Grund  liegt  in  der  ver- 
schiedenen Natur  der  beiden  Regeln:  die  Regel  der  weichen 
^Silben  ist  eine  etymologische  Consequenz,  die  der  weichen 
tt-Silben  ist  die  Geschichte  von  zur  Regel  gewordenen  Ab- 
weichungen und  Veränderungen.  Es  ist  nicht  möglich,  aus 
Einem  Sprachdenkmale  durch  eine  Statistik  der  Belege  eine 
allg^emein  geltende  t«-Regel  zu  finden ;  folglich  war  es  geboten, 
sollte  für  die  vorzunehmende  Erforschung  einer  solchen  Regel 
hinreichendes  Material  gewonnen  werden,  möglichst  viele  Denk- 
mäler zu  untersuchen.  Hiedurch  möge  auch  die  Menge  der 
Beispiele  gerechtfertigt  erscheinen. 

2.  Die  Beispiele  sind  insgesammt  aus  Denkmälern  ge- 
nommen, die  die  in  Betreff  der  weichen  e-,  a-  und  o-Silben 
geltende  Regel  entweder  genau  befolgen  oder  wenigstens  in 
dem  Sinne  beobachten,  dass  sie  die  Jotation  nicht  als  bloss 
graphisches  Zeichen  zur  Andeutung  der  weichen  Aussprache 
eines  Consonanten  anwenden,  also  aus  Denkmälern,  von  denen 


316  Gebaner. 

ZU  hoffen  ist,  dass  sie  auch  in  der  Schreibung  der  weichen 
t/-Silben  nicht  willkürlich  sind,  sondern  sich  nach  irgend  einer 
berechtigten  Regel  richten. 

3.  Aus  Pass.,  Modi.,  Boh.  und  aus  den  Fragmenten 
AlxH.,  DalH.  und  Dal  Hr.  sind  (einige  Wiederholungen  ab- 
gerechnet) alle  Belege  in  die  Sammlung  aufgenommen,  die 
sich  vorfinden ;  aus  Z  Wittb.,  Z  Rlem.,  Dal  C.  und  Hrad.  ist  die 
Auswahl  von  Beispielen  eine  solche,  dass  sie  ihre  Qesammt- 
heit  vertritt  und  alle  Fälle  berücksichtigt.  Letzteres  könnte, 
glaube  ich,  allgemein  von  der  ganzen  Sammlung  gesagt 
werden  und  ich  erwähne  es,  um  nicht  immer  und  wiederum 
bemerken  zu  müssen,  dass  es  ausser  den  angeführten  Bei- 
spielen eines  Denkmals  in  demselben  auch  noch  andere  oder 
noch  viele  andere  gibt. 

4.  Die  Belege  sind  übersichtshalber  nicht  nur  nach  gram- 
matischen Kategorien,  sondern  auch  nach  den  Consonanten  der 
weichen  t«-Silbe  (w»,  6,  p,  v,  z,  «,  c,  i,  S,  ö,  f,  l,  ä,  <f,  t,  j) 
geordnet.  — 

1.  Declination  der  y?^-Stämme. 

Sing.  Dat.  Loc.  ^:  k  iherusalemlu  Jid.  33;  —  z:  kto 
d&  zdravie  wityeziu  2  Klem.  8%  mömu  knyezyu  Dal.  C.  21  .  . . 
neben:  proti  knhiezu  DalH.  42,  p&ni  s§  knhiezu  pokofichu 
31,  knhiezu  31,  42;  —  c;  rovn^  otczyu  2  Wittb.  Äthan.,  na 
stolczyu  106,  modliti  s3  ritciu  2  Klem.  87%  öi  sc  stalo  gda 
dyedycziu  AlxBM.  2%  miezziecziu  s6  uda  vzniti  2^,  tworcziu 
svömu  AnS.,  na  svöm  stolczyu  Dal C. 29 ...  neben:  wtanczu  in 
choro  2Q1o88.  250,  dci  otczu  otpovödö  Dal  Hr.  9,  öine  otczu 
2alosf  Mast.  5*,  bohu  otczu  Hrad.  92*;  —  i:  muziu  viduciemu 
2 Klem.  84%  na  krsiziu  145»,  ßstn^mu  rausfu  AlxBM.  2*,  chtßla 
muzyu  s6  posmievati  DalC.  20,  rozpat  na  krsisiu  Ap.  o.  333, 
nakrzizyu  Jif.  35;  —  S:  u  boz6  iezyussiu  mäm  2  Klem.  127, 
.  .  .  neben:  v  kossu  2  Wittb.  80;  —  6:  u  meczyu  2  Wittb.  78, 

V  mecziu  sv6m  2 Klem.  32»,  bylo  by  nelzö  oraczyu  chleba 
kupovati  DalC.  5  .  .  .  neben:  k  metzu  d.  i.  meSu  AIxB.  79; 
—  V  zaltarzyu  pöjte  jemu  2  Wittb.  32,  wsaltarsiu  l^Klem.  2P, 
komorniky  zaltarzyu  zuöil  bieSe  DalC.  27,  k  ciesarzyu  58,  na 
orzyu  21,  p?i  hliip^m  zwiersiu  ApD.  104  .  .  .  neben:  siidem 
obdrial  na  fararzu  Boh.  350;    —    l:   v  spasitelyu  2  Wittb.  12, 

V  spasytelyu  20,    spassiteliu    nademu    2  Klem.    76»,    wisrahelia 


Ueber  die  weichen  a-,  o-  and  «-Silben  im  AltbAhmiechen.  317 

64^,  kraliu  svemu  AlxB.  80^  Svatopluk  da  b6  kralyu  poznati 
Dal  C.  24y  0  kralju  Viclavovi  83,  k  czylyu  Sipy  strieleti  34  .  .  . 
neben  kralu  svämu  ^Wittb,  cant.  Annae;  v  spasitelu  eb.  105, 
aby  kaid]^  sv^mu  czylu  slü^il  Boh.  340;  —  n:  dal  zbo2ie  jich 
ohoya  2Wittb.  78,  v  stynyu  smrtedln^m  87,  v  stienia  kridld 
tFu  ^Klem.  41^,  v  stienyu  smrti  131*,  poddal  jm^nie  jich  ohnyu 
61*,  k  Bv^mu  konyu  Dal  C.  54,  po  konyu  21;  —  j:  ku  pokoyu 
2Wittb.  121,  na  pokoyu  35,  ku  boyu  17,  u  boyu  23,  obli- 
cziegin  ty^mu  2Elem.  9^,  ku  bogiu  11^,  u  pokogiu  2^  po  kra- 
^n  svSta  12%  u  pokoyu  vstanefi  Pass.  337,  v  tak^m  kroyu 
411,  V  Dunayu  utopen  484,  v  tom  boyu  484,  k  boyu  Alx.  H. 
l\  kdyÄ  aS  bylo  boyu  sniti  AlxB.  79,  k  bogyu  DalC.  13, 
u  bogyu  10,  V  hagyu  11,  pfi  nepocogiu  Ap  D.  105. 

Sing.  Voc.  i:  BVBtf  Thomassiu  ^Klem.  137^  .  .  .  neben 
blahajte  ananyassu,  azariassu  hospodinu  2Wittb.  cant.  puer., 
towarzysu  pfgmudrujel  86  Boh.  342;  —  ^:  vstan  zaltarzyu 
2Wittb.  56,  107,  Bvaty  Rzehorziu  2Klem.  137%  dobi^  rytyerzyu 
Dal.C.  44  .  .  .  neben:  dobr^  pastirzu  Sequ.  362;  —  f;  boie 
m6j  kraliu  2Wittb.  144,  bo2e  spasytelyu  n&s  64,  pomocniku 
a  wykupiteliu  möj  18,  bo2e  möj  kraliu  ^Elem.  119%  bo2e 
spassiteliu  ni&  63%  wikupytelyu  möj  12^,  kralyu  mil^  AIxBM. 
2*,  kralyu  raö  slyd^ti  DalC.  48,  kralyu  chcei  mne  posliichati 
Jif.  35  .  •  .  neben:  zaslonitelu  möj  2Wittb.  58,  bo2e  spasitelu 
nii  78,  and^lsky  kralu  Mast.  4*;  —  j:  nevSmy  zlodyeyu 
Jid.  137. 

Dual.  Gen.  Loc.  z:  ze  dvü  penyezyu  DalC.  76. 

2.  Declinafion  der  t/s-Stämme. 

Sing.  Dat.  Loc.  ^;  k  svat^mu  Gyurzyu  DalC.  32. 

3.  Declination  der  yo-Stämme. 

Sing.  Dat.  Loc.  b:  vzdvihna  k  nebyu  ruku  mü  2Wittb. 
cant.  Deuter.,  na  nebyu  118,  wnebiu  stolicS  jeho  ZElem.  6% 
na  nebiu  95*;  —  c:  v  sirdczyu  2Wittb.  39,  v  srdciu  svem 
^Klem.  6%  v  slunciu  12%  zzlunczlu  (so  uda)  snlti  AlxB.M. 
2^,  V  srydczyu  LAl.  421,  v  zzyrdczlu  Pil.,  v  smutnem  llczlu 
AlxBM,  2%  po  jeho  licziu  ApS.  334  .  .  .  neben:  ?ekli  v  sirdczu 
sv^m  2Wittb.  73,  zirdczu  sv6mu  AlxH  2^,  v  zirdczu  eb., 
po  tvim  lyczu  Mast;  6%  nemoc  v  liczu  Hrad.  143*;  —  ^:  by 
byli  lepssiu  chtiece  AlxB.  90;  —  6:  y  lucziscziu  m6m  ^Rlem. 
32*;  —  i^:  u  moi-zyu  Z  Wittb.  88,  na  morziu  ZKlera.  71*  .  .  . 


318  Oebauer. 

neben:  u  morzu  cSsta  tv&  ZWittb.  76;  —  l:  na  polyu  eb.  77 
und  na  polu  ^GIoss.  242  (dieselbe  Stelle);  —  f;  v  nasadistiu 
2Klem.  56^,  na  bogystyu  DalC.  74. 

Dual.  Gen.  Loc.  c:  na  pleciu  syii  ^Klem.  128^. 

4.  Declination  der  i/o-Stämme. 

Sing.  Dat.  Loc.  b:  u  wyrbyu  in  salicibus  2G1o88.  239; 
—  t; :  u  bohatstwyu  jeho  2  Wittb.  36,  u  ninozstwju  pokoj6  36, 
u  mnozstwyu  48,  na  vstawiczenstwyu  103,  v  zebraczstwyu  106, 
prawedlenstwyu  tvämu  118,  k  swiedeczstwyu  tvemu  118,  k 
lakomstwyu  118,  v  zdrawiu  tv^m  2Elem.  12^,  u  mnostwiu 
sboii  BV^ch  35^,  tomu  kralowstwiu  Hrad.  63*,  v  tom  czlowiecz- 
stwiu  57%  kralowBtwyu  nebesk^mu  DalC.  30,  v  nabozenstwyu 
36  .  .  .  neben:  prawedlenstwu  tv^mu  ZWittb.  118,  v  obistwu 
77,  ve  mnozstwu  68,  ku  kralowstw  nebeskömu  DalH.  30;  diese 
letzteren  Beispiele  können  aber  auch  (^Stämme  sein,  sing.  Nom. 
-stvo;  —  i:  tv^mu  zbosiu  AlxB.  87,  poygho  zzbosiu,  d.  i.  po 
j'ho  (jeho)  sbo^iu  Pil.,  v.  zzboslu  Jid.  126,  o  sbozyu  DalC. 
18;  —  ^:  V  tom  hussczyu  DalC.  24;  —  f :  na  perzyu  v6trovem 
2  Wittb.  17,  u  powietrsiu  2Klem.  108»;  —  l:  u  weselyu  2 Wittb. 
44,  u  wesselyu  125,  v  usylyu  72,  u  podolyu  103,  u  weseliu 
2Klem.-34%  v  usilyu  Ijudskem  55*;  —  ä:  k  giedenyu  2  Wittb. 
58,  k  giedeniu  78,  wpokolenyu  77,  v  obraczenyu  125,  ve  wzdi- 
chanyu  m^m  2Klem.  3*,  v  uzdrawenyu  7*,  po  przirozenyu 
AIxH.  2*,  ke  branyu  AlxB.  79,  v  czielowanyu  Apb.  331, 
u  bo2iem  ulozenyu  Hrad.  62%  skonczyenyu  takeinu  DalC.  18, 
po  trubenyu  34,  k  swazanyu  2G1oss.  254  u.  8.  w.  in  überaus 
zahlreichen  Beispielen;  dagegen:  v  swieczenu  ohäem,  d.  i. 
Bv6ceöü  2  Wittb.  77,  v  zamuczenu  94,  k  radowanu  105,  k 
chwalenu  118,  hrad  na  ztracenhu  bieSe  DalH.  39,  kskonczienha 
41,  na  skoncienu  2G1o8s.  255,  ku  posluchanu  ad  audiendum 
243;  —  d:  u  milosirdyu  tv6m  2  Wittb.  118  und  cant  Moyß., 
u  bezwodyu  105,  u  milosrdiu  2Klem.  74^;  —  f;  k  bytyu 
2  Wittb.  cant.  Deuter.,  na  bezczistyu,  d.  i.  bezc^stiu  62,  u 
bezcziestyu  106,  k  jehoi  przistyu,  d.  i.  priStiu  Äthan.,  wystyu 
d.  i.  u-v^gtiu  in  excessu  67,  143,  wystiu  113,  u  wistyu  104,  v  za- 
hinutyu  2Klem.  5*,  ku  prolitiu  krvi  7^,  przistiu  jejie  sh  radujS 
Hrad.  65**,  Vlasta  jim  da  w  pityu  smieru  Dal  Hr.  9  .  .  ,  neben: 
k  zabitu  occisionis  2G1os8.  251. 


Ueber  die  weichen  a-,  o-  and  u-Silben  im  Aliböhmisclion.  319 

5.  Declination  der  jia-Stämme. 

Sing.  Acc.  m:  kirmyu  chlebovii  2Wittb.  52,  dal  si  kir- 
myu  73,  viicku  kirmyu  106,  jenä  dAvA  kirmyu  146,  v  d^dinu 
pfijmu  zemyu  36,  aby  ujal  zemyu  46,  ve  viju  zemiu  2Klem. 
12*,  väjucka  krmiu  89%  v  tu2e  zemiu  Jid.  34,  padl  na  zemyu 
LAl.  421,  vSucku  zemiv  siidieSe  Dal  Hr.  3,  na§u  zemiy  2ena 
sddi  eb.,  iäkovstvo  v  zemyu  nayräti  DalC.  27  .  .  .  neben:  oni 
obdirzye  zemu  2Wittb.  36,  zalo^il  jsi  zemu  118  (in  2Wittb. 
ist  die  unjotierte  Äccusativendung  -mu  nur  in  diesen  zwei 
Fällen  vorhanden),  pod  zemu  sniti  AlxBM.  2%  ciesar  zemu 
Y  d&n  porobi  DalH.  31,  padech  na  zemu  Boh.  340,  a£  pade 
na  zemu  eb.;  —  z:  mezyu  si  polo2il  2Wittb.  103,  poloi^il  si 
twirzyu  88,  v  pustotu  a  v  zieziu  ^Klem.  90*  .  •  .  neben:  vdovu 
a  przichozu  zabili  ZWittb.  95,  v  ziezu  in  sitim  106,  mezu 
terminum  ^Gloss.  246,  o  mezu  dva  sS  svadista  Dal  Hr.  3;  — 
c:  vedeS  owczyu  2Wittb.  79,  vzvylil  jsi  prawyczyu  88,  stoliciu 
STu  ^Klem.  5%  v  studniciu  41%  kto  d&  studnyczyu  LAl.  423, 
na  onu  studnyczyu  DalC.  19,  na  hubczyu  Ijuda  moravskeho 
46,  poIo2ichu  trubyczyu  13,  na  tuto  stolyczyu  Mast.  1*  .  .  . 
neben:  tagemnyczu  bvü  ZKlem.  10*^  (ausser  diesem  Beispiele 
hat  der  2Klem.  im  Accusativ  der  ja-Stämme  immer  jotiertes 
u),  jednu  zemiezu  AlxH.  1*^,  jakSto  kadczu  maje  hlavu  AlxB. 
84,  nechcu  tebe  za  sudczu  jmieti  Dal  Hr.  3,  podla^my  tu 
swyetinyczu  cihlami  Boh.  348,  svd  £enu  holyczu  Mast.  1*^  za 
jednu  hnylyczu  6^;  —  i:  ostavil  sem  listöm  m^m  strazyu 
2Wittb.  38,  V  strazyu  78,  zproströv  ko2yu  103,  uloiil  sem 
dBt6m  m^m  straziu  ^  Elem.  28  %  vizju  strazyu  sveho  L  AI.  422, 
ie  strazyu  mhli  DalC.  36,  jako  rozyu  89;  —  S:  pokoriech 
duBsyu  mü  2  Wittb.  34,  böh .  vykiipi  dussyu  mü  48,  cziessyu 
spasenie  pfijmu  115,  za  wzwyssyu  a  za  hfiech  39,  na  wyssyu 
mu  cant.  Habak.,  yyprav  düssiu  mii  ZKIem.  3*,  dussiu  pustiv 
Jid.  104,  dal  dussiu  bohu  Ap.S.  333,  svatü  mssiu  p6ti  331, 
dokon6av  tu  mssiu  eb.,  mssyu  chtiede  sluiiti  Pass.  453,  mssyu 
^ta  eb.  (u  ist  zur  Hälfte  ausradiert),  2ena  dussyu  böfe  DalC. 
20,  Bvu  dussyu  30,  mssyu  svu  slüäieäe  23,  tu  czyessyu  on 
mienieSe  30  .  .  .  neben:  dussu  mü  !2 Wittb.  68,  zprosti  dussu 
svii  88,  svü  dusu  u  bo2i  rucö  poruöieSe  DalH.  30,  svatu  dusu 
8  t^lem  rozd^lichu  30,  tu  cziesu  30  (2),  kdy2  pr6d  lubussu 
pnjidu  Dal.  Hr.  3;   —   6:  pfivedl  j6   u  pusczyu  2  Wittb.  77, 


320  Gebaner. 

jdieäe  mimo  pusczyu  67,  na  pusczyu  94,  pechziu  bych  jm5ia 
AnS.,  u  pusBchziu  eb.;  chcmy  o  tob6  peczyu  mieti  Pass.  284, 
o  pokoji  peczyu  m6jie§e  DalC.  58  .  .  .  neben:  pfSs  puscza 
ZWittb.  138  (sonst  immer  -czyu),  pf6s  puszczu  ^Qloss.  245, 
majüc  pechzu  o  komoi^ö  AlxH.  1^,  jmä  petzu  AlxB.  79,  kaid;^- 
jmSj  peczu  o  sobS  Dal  Hr.  9,  möj  na  m§  peczu  Boh.  343;  — 
^:  ty  jsi  stvofil  zorzyu  ÄWittb.  73,  ustavil  barziu  jich  ^  Eiern. 
89^,  pro  bursiu  Ap.  S.  333  .  .  .  neben:  kakii  miA  prza  Boh. 
349,  mi§  dobrü  prza  353;  —  l:  vSicku  posteliu  jeho  2Wittb. 
40,  abych  vidöl  wolyu  hospodinovu  26,  u  wolyu  20,  wolyu 
uöini  144,  posteliu  mü  ^Klem.  3%  abycb  vid6l  woliu  bozia 
17^,  woliu  majö  Pil.,  zpominiS  na  onu  cbwiliu  Jid.  165,  na  tu 
cbwiliu  Ap.S.  334,  v  nedyeliu  330,  by  trhu  v  nedyelyu  nedieli 
DalC.  32,  syatu  nedyelyu  ctiti  Jif.  35  .  .  .  neben:  v  chwielu 
AlxH.  2*;  —  fi:  jäz  oblaöiecb  so  v  zinyu  ^Klem.  24*,  maj6 
zztrsiepnyu  Jid.  57,  drabü  wonyu  Hrad.  46^,  nyemkynyu  za 
zenu  mieti  DalC.  41  .  .  .  neben:  opirznyl  ysy  swatynu  jeho 
ZWittb.  88,  ustavil  swatynu  svii  77,  swatynu  boii  88  (niemals 
jotiert),  inbed  ju  za  knhienbu  poj6  DalH.  41,  suknu  tunicaoi 
Boh.  355;  —  f:  vyvedl  j6  na  pustiu  ZKlem.  86^  skrzö  pustyu 
112^;  —  j:  nadiegyu  svü  ÄWittb.  77,  nadiegiu  mii  ÄKlem. 
56*,  nadiegiu  svü  59^,  mohlo  to  b^ti  v  rsiugiu  Pil.,  stagyu 
mieväcbu  DalC.  11,  tepiecbu  jej  v  sygyu  jeho  LAl.  423;  budu 
jmieti  nadiegu  2Wittb.  70,  m6l  nadiegu  LAl.  421;  jm^l  nadieyu 
ZWittb.  51,  jmiechu  nadieyu  eb.  cant.  Deuter. 

Sing.  Instr.  m:  nad  zemiu  ^Elem.  6^,  nad  nebem  i  zemyu 
122*,  svü  zemyu  DalC.  10;  —  c:  plakänim  hi  tssehzicziu 
ApS.  334,  Durink   döfätku   bradatyczyu   hlavu  stö  DalC  21; 

—  S:  pföd  swietlonossiu  urodil  sem  th  ÄKlem.  93*,  smiluj  so 
nad  me  panie  dussyu  Pass.  339;  —  l:  tot  jest  jeho  woliu  bylo 
Hrad.  57^,  s  wolyu  DalC.  95;  —  ii:  vlddneme  swatinyu  boiiu 
2Klem.  66*;  —  j:  s  pfövelikii  zbroyu  AlxH.  2*,  aby  vypsAny 
byly  (rööi)  v  knihich  rafigyu  äeleznü  ZKlem.  145*. 

Dual.  Gen.  Loc.  [:  v§e  po  najii  wolu  bude  Mast.  2*. 

6.  Declination  der  t/a-Stämme. 

Sing.  Acc.  r:  pro  bratrsiu  mü  ^Klem.  107%  bratrsm  i 
sestry  na§d  140*,  na  bratrzyu  DalC.  36,  bratrzyu   poznali  15; 

—  n:  tu  panyu  mniec  näbo^uicku  Hrad.  103^. 


Üobttr  die  weichen  d-,  o-  and  u-Silben  im  Altbfthmisclien.  321 

7.  DeclmatioD  der  b-Stämme. 

Sing.  Instr.  v:  opoju  stfßly  me  krwyu  Z  Elem.  130^,  svii 
krwiu  ApS.  332;  —  c:  myslil  jsem  noczyu  ^Wittb.  76,  ty 
vlädne§  moczyu  mofskü  88,  opäsali  sh  moczyu  cant.  Annae, 
mociu  morskii  ZKIem.  70%  se  väiu  mociu  112%  vSiu  wiecziu 
Jid.  69,  8VÜ  wietziu  AlxB.  86,  jeho  pomocziu  Apn.  333, 
moczyu  diablovü  Hrad.  103%  moczyu  DalC.  9  .  .  .  neben: 
opdsän  moczu  ZWittb.  64,  s  moczu  cum  potentia  88,  moczu 
Z  QIoss.  (Psalm  88),  vSü  wieczu  Alx  H.  1%  vSü  moczu  P,  dnem 
i  noczu  2%  umräl  nählu  smczczu  Bob.  349  (so  statt  smrcu,  wo 
c  dialektisch  für  f);  —  6:  rzieczyu  nenävistivü  obkliöili  mS 
ZWittb.  108,  tii  rsiechziu  Ano.  .  .  .  neben:  rzeczu  sermonibus 
ZGloss.  249,  tato  mö  uzdravila  svu  rzeczu  Bob.  340,  kteru 
rzeczu  343,  rzeczu  348;  —  r:  kräsnj^  twarzyu  nad  syny  clovS- 
<!^imi  ZWittb.  44,  nad  materzyu  svii  130,  twarzyu  bieäe  tak 
nebesk&  L  AI.  423  (kann  auch  als  Gen.  du.  aufgefasst  werden), 
dei  matersiu  jest  neskryta  AlxB.  88;  —  l:  myslyu  sviho 
srdcS,  rozprdSil  pySnä  raysliu  ZElem.  133^,  myzzliü  jinamo 
chylil  Jid.  156,  ana  mysliu  vidy  pfi  tobö  Hrad.  4P  .  .  .  neben: 
zblüdi  so  myzlu  AlxH.  2*,  —  ü:  s  piesnyu  ZWittb.  68,  se 
tf^siechu  baznyu  2 Elem.  8^  .  .  .  neben:  pr6d  sienhu  sve 
kIeJDoty  bösta  schovala  DalH.  39;  —  d:  s  synoma  a  s  czcle- 
dyu  Pass.  292;  —  f:  obkliöil  si  mß  radostyu  2  Wittb.  29,  tukera 
a  tucznostyu  62,  nelytostyu  svü  72,  s  nahlostyu  77,  nenawistyu 
nenavidöl  jsem  jich  138,  czstiu  koronoval  si  jej  ZElem.  4^, 
nenawistyu  zlostmi  16%  s  velikü  zadostyu  Pass.  415,  pröd  svü 
zzmyrtyiu  ApÖ,  333,  s  veliku  chzctyu  eb.,  poztatyu  AlxBM. 
1%  8  miloztyu  eb.,  chutoztyu  AlxB.  85,  smrtiu  tvrdü  Hrad. 
51%  milostiu  40*,  tu  mastyu  Mast.  3^,  svü  mylostyu  Jir.  35, 
pyetyu  pramenöv  bude  kvisti  DalC.  6,  kto2  sü  byli  vinni  tu 
smrtyu  30,  s  veliku  cztyu  29,  Istyu  11,  zalostyu  15. 

Dual.  Oen.  Loc.  S:  v  sluchu  usiu  poslüchal  mne  ZElem. 
11%  ie  vssyu  nejm^jiose  DalC.  20;  —  6:  v  ocziu  nasiu 
ZWittb.  117,  V  obezföniu  ocziu  jeho  ZElem.  10^,  v  naäiu 
ocziu  97^,  oczyu  mü  LAl.  422,  nemoc  v  ocziu  Hrad.  143*. 

8.  Declination  des  Pronomen  personale. 

Dual.  Gen.  Loc.  j:  nayu  vina  jest  velika  AlxBM.  1% 
Dauß  nayu  Pass.  362,  väe  po  nayu  wolu  bude  Mast.  2^. 

Sitznngsber.  d.  phil.-liist.  Ol.  XOIII.  Bd.  II.  Rft.  21 


322  Oebaner. 


9.  Pronominale  Declination. 


Sing.  Acc.  fem.  s:  chei  v&m  noe  syu  Je2i§S  jieti  Hrad. 
78**;  —  «:  na  hlavu  nassyu  ZWittb.  65,  ve  wssyu  zemi  väel 
zwuk  jich  18,  nade  wssyu  zemju  46,  nade  wssyu  zemi  56,  nade 
wssyu  chvdlu  70,  ve  wssiu  zemju  ZKlem.  12*,  wsiuczknu 
postelju  30%  tys  nassyu  prosbu  potupil  Pass.  453  (das  u  in 
nassyu  ist  zum  Theil  ausradiert),  na  nassiu  öest  AIxBM.  2% 
wssiu  hrözu  1*,  wssiu  noc  2%  wssiu  moc  AlxB88,  pro  wassiu 
öesf  79,  wssyuchnu  podobjmöl  anjelskü  L  AI,  423,  wssyu  zemju 
DalC.  7,  wassyu  biedu  19  .  .  .  neben:  v  tu  wssu  vlast  AlxH. 
1*,  wsuczku  (öioäu)  DalH.  30,  wsuczku  zemju  sddiese  Dal  Hr. 
3,  nassu  zemju  i^ena  südi  3;  —  n:  upadli  su  v  niu  ^Klem.  42*, 
pro  nyuz  (vöc)  Hrad.  40*,  na  nyu  (Ludmilu)  DalC.  26  .  .  . 
neben:  upadl  v  nu  (jämu)  AlxH.  2^,  radöjie  v  nu  (srarf) 
upadnu  AlxBM.  P,  knie^ata  so  za  nhu  (ciesai*ovnu)  primlu- 
vichu  DalH.  39,  pusfte  vodu  na  nu  (na  lüku)  Boh.  354;  — 
j:  na  cöstß,  yuz  vyvolil  Z  Wittb.  24,  yuz  (sif)  skryl  34,  du56, 
yuz  si  vyküpil  70,  föö  moyu  AlxBM.  1*,  boli  yu  zz^rdcze 
Jid.  153,  io  yu  kizal  rozrSzati  Ap  D.  104,  yusto  (zradu)  skutil 
ApS.  331,  obdirzie  yu  acquirent  eam  ZGloss.  235,  inhcd  iu 
za  knienu  pojö  DalH.  41,  kdza  yu  v  2alÄf*  vsaditi  Pass.  319, 
kdza  yu  obnaziti  322,  jizto  by  yu  vzyvali  eb.  .  .  .  zapojil  jsi 
gyu  ZWittb.  64,  tys  swirchowal  gyn  perfecisti  eam  67,  gyu 
68,  by  giu  otnesli  Z  Klem.  30*,  popadni  gyu  3%  v  jämu,  giuzto 
jest  uöinil  4*,  obuv  mogiu  44  ,  giuzto  (piosn)  jest  sloi^ila  Hrad. 
66^,  aby  gyu  zaddvila  (Ludmilu)  DalC.  25. 

Sing.  Instr.  fem.  S:  se  wsiu  mociu  ZKlem.  112*",  vlada 
wssiü  komorü  Jid.  56,  wssiü  vöciu  69,  wssiu  postatiu  AlxBM. 
1*,  wsyu  trojici  Hrad.  63*,  jemuä  bj^ti  wassyu  hospodü  DalC. 
4  .  .  .  neben:  wssu  mocü  AlxH.  P,  wssu  vöcü  1*;  —  w;jenz 
s6  s  nyu  stiece  Pil.,  s  nyu  byti  Hrad.  48^,  s  nyu  DalC.  13... 
neben:  aby  pod  nu  horkost  stydla  AlxH.  1**  (pod  orlici);  — 
j:  öesf,  giuz  so  stydie  Hrad.  97%  bych  gyu  (pilü)  vä6  ieleza 
Idmal  131  ^ 

Dual.  Gen.  Loc.  S:  diela  rukü  nassyu  2  Wittb.  89,  v  ociii 
nassyu  117,  dielo  ruku  nassiu  ZKlem.  73*,  v  nassiu  oöiu  97^; 
—  n:  z  nyus  (röky  a  potoka)  mösto  jraene  dobylo  Pil.,  ot  nyuz 
(rukü)  Hrad.  41*  .  .  .  neben:    clovöky    oba   bohatd,    v   nus  8$ 


Üeber  die  winchen  a-,  o-  nnd  u-Silben  im  AUböhmiscben.  323 

sta  velikä  ztr&ta  ÄlxB.  83;  —  j:  slovem  ieyü  PiL,  na  geyu 
öbü  ramenii  Pass.  337,  Labui^  ]h  %h  iu  süditi  Dal  Hr.  3  .  .  . 
Libuäß  j6  86  gyu  suditi  DalC.  3,  ka^dj^  gyu  Hrad.  61^,  gegiu 
äila  AlxB.  83. 

10.  Zusammengesetzte  Declination  (mit  Einschluss  der- 
jenigen Adjectiva^  die  aus  der  t/i-Declination  herübergenom- 
men sind). 

Sing.  Acc.  fem.  s:  psu  müchu  ^GIoss.  244;  —  c;  ohH 
hlassonossiuciu  2Elem.  17^;  —  &:  chvälu  boziu  2 Eiern.  12", 
na  horu  boziu  15*,  bosiu  chvÄlu  svD.  56;  —  §:  krev  nasle- 
chetnyeissiu  ^Elem.  128^,  naykrassyu  ladu  DalC.  13  .  .  . 
neben:  horssu  vnadu  AlxH.  2*:  —  l:  möjieSe  öest  welyu  DalC. 
72;  —  «:  polnocznyu  stranu  ZWittb.  88,  pozzlednyu  radu 
ApS.  331,  uzföv  zornyu  hv^zdu  AlxBM.  1*. 

Sing.  Instr.  fem.  i:  vlddneme  svatyniu  boziu  ^Elem.  66*; 
—  «:  s  lepssiu  priöinü  AlxBM.  P. 

Dual.  Gen.  Loc.    6:   diela  rukü  czlowiecziu  ZRlem.  95*. 

11.  In  der  Endung  der  1.  Pers.  sing. 

Ij  '^«  3'  jAz  znayu  2Wittb.  50,  wzpieyu  56,  kak  vy  znayu 
AlxBM.  1^,  tohof  znayu  Pass.  325,  znayu  so  v  tom  467,  jdf 
znayu  352,  hospodina  na  so  s§  hnSvajice  ncczyyu  465,  jd 
znayu  {^h  ausradiert)  452,  .  .  .  skrygyu  obliööj  m6j  ZWittb. 
cant.  Deuter.,  umygiu  rucö  raoji  ^Klem.  17*,  hofem  neczugyu 
sehe  Mast.  4**  .  .  .;  zusammengezogen :  jiz  zabyu  Z  Wittb.  cant. 
Deuter.,  ja  zabyu  a  jd  2iva  uczynyu  ZElem.  130^,  wiliu 
modlitvu  mü  117*,  nepotupi  ani  zabyu  jazyka  svöho  DalC.  63, 
d.  i.  zabiu,  vyliu;  die  Länge  der  zweiten  Silbe  ist  als  eine 
Folge  der  Zusammenziehung  zu  gewärtigen  und  ebenso  berech* 
tigt,  wie  in  den  übrigen  Personen,  z.  B.  ty  mö  zabyess  Pror. 
88^,  nezabyemy  tebe  89*,  dokad  nezabiete  Pass.  273  u.  ä.,  wo 
sie  durch  die  später  eingetretene  Verengung  (zabi§  setzt  langes 
zab^el  voraus)  bestätigt  wird. 

ni,  1.  j:  donudz  nezemdlegyu  ZWittb.  57,  urozumyegiu 
ZKlem.  55^,  lifajS  neomdlegiu  17*,  .  .  .  aö  zlacznieyu  !2Wittb. 
49,  zemdleyu  i  zahynu  ^Rlem.  4*". 

III,  2.  p;  näsil  (sie)  trpyu  ZWittb.  cant.  Ezech.,  näsilä 
trpiu  2Klem.  124*;  —  z:  neaastyzyu  so  2Wittb.  34,  jehoi  so 
feci  nezzthyziu  AlxBM.    2*,  ju2   to    wiziu  eb.,  co4  viziu  Pil., 

21* 


324  Oebftner. 

2'newiziu  AnÖ.,  ju2  vyzyu  LAL  422,  jui  wyzyu  DalC.  21, ... 
neben:  wyzuth  syna  Mast.  4*,  jaki  c5  wyzu  Boh.  353;  — 
c;  chcziu  pfivisti  Jid.  43,  chcziu  tomu  ApD.  104,  Äe  jö  chczyu 
Yzkriesiti  Jif.  35,  chczyu  86  biti  DalC.  18  .  .  .  neben:  tu  smrf 
chczu  prijieti  DalH.  30,  radSji  sg  chczu  smieti  41,  nechczu 
2iva  byti  39^  nechczu  tebe  za  sMcu  jmieti  Dal  Hr.  3,  jÄz 
nechczu  mluviti  3,  chczu  f  toho  häjiti  Hrad.  104*,  chczu  tvöj 
byti  Mast.  1*,  chczu  Hei  5*;  —  5:  jAz  byezu  Mast  1»;  —  ^: 
uslissin  jej  l^Klem.  74%  zzljl^ssiu  Pil.,  jak2  slyssiu  AlxBM.  1^ 
.  .  .  neben:  zlyssu  AlxH.  1*;  6:  mj^lchziu  o  jin^m  Pil.,  krzyczyu 
LAL  424;  —  f:  nevzrzyu  ölov^ka  2  Wittb.  cant.  Ezech.,  urzsiu 
nebesa  2Klem.  4^,  kdyS  prozrsiu  98*,  vzrzyu  syna  LAl.  422; 

—  d:  boie  k  tobö  bdyu  ad  te  vigilo  ^Elem.  45^  (statt  bzju, 
das  assimiliert  im  Pass.  zu  finden  ist:  e2  s6  hfieSna  pobzy  451); 

—  ^':  jeho2  8§  boyu  Z  Wittb.  26,  pro6  so  wzboyu  49,  snad  toho 
nedozto^u  AlxBM.  1*,  bofv  sözl^ho  DalHr.  8,  jdf  stoyu  Pass. 
276,  jÄ  Jena  tuto  stoyu  458,  proto  sfe  smrti  boyu  310,  velmi  s^ 

V 

boyu  359,  .  .  .  nezbogiu  sß  jeho  ZElem.  15^,  kdei  jAz  stogyu 
Mast.  4%   ted  pfSd  tobü  stogyu  Jif.  35. 

IV.  b:  sliubiu  s6  bohu  ZKlem.  52*,  chvdliti  budu  a  vzbel- 
biu  (sie)  52*;  —  p:  jäz  potupyu  nepfdtely  m6  Z  Wittb.  117, 
prsiestupiu  zed  ^Klem.  11*,  uchopiu  11*;  —  v:  wypra^yu 
2 Wittb.  54,  ja   zgiewiu    s6   ^Klem.  9*^,  wslawiu  jm^ni  tv6mu 

V 

4%  jd  ustawiu  71*,  postawyu  aedificabo  ZGloss.  243,  tohoX  se 
nezbawiu  ApD.  105,  co  vem  prawiu  105,  coX  so  neoprawiu, 
V  tom  so  sv4  östi  zbawiu  AlxBM.  2*^,  jAz  tö  zbawyu  zivota 
tv^ho  DalC.  40,  co2  prawyu  Mast.  P,  .  .  .  neben:  jdz  tß  zbaw 
(w  =  vu)  2ivota  tveho  DalH.  40;  —  z:  proö  smuten  chczyu 
2  Wittb.  42,  ani  uskozyu  nocebo  88,  wzbuzyu  cant.  Deuter., 
af  s§  prochlazyu  38,  proc  smuten  choziu  2Klem.  31^,  nepostiziu 
86  20^  shlaziu  j6  IP,  utwrziu  2P,  razyu  DalC.  10,  jdz  sß 
hozyu  Mast.  1*  .  .  .  neben;  possazu  ponam  Z Wittb.  131, 
posazu  ZGloss.  243,  af  s5  prochlazu  eb.  Psalm  38,  razu  Hrad. 
126*,  jdz  chozu  Mast.  4*;  —  c;  obeti,  jhi  wraczyu  2  Wittb.  55, 
wraczyu  tobS  65,  böh  jeho  obraczyu  88,  otplaczyu  jim  40,  sljuby 
mi  nawraciu  2 Eiern.  14\  obraciu  so  11*,  nasiciu  so  9^,  oplacziu 
3^*  .  .  .neben:  sluby  m6  wraczu  ^  Wittb.  115,  obraczu  67  (2), 
nebo  so  muczu  08,  öso  zaplaczu  115,  wraczu  pomstu  mA  a 
otplaczu   cant.    Deuter.,   kyjem    v   tobö  kosti  zmlaczu  nebo  te 


Ueber  die  weichen  a-,  o-  und  u-SUben  im  AUbAhmiechen.  325 

pföwraczu  Mast.  6^;  —  5;  jäz  przylozyu  2Wittb.  70,  uloziu 
rady  v  duSi  ÄKlem.  7»,  poloziu  71»,  jmö  mu  zzlosiu  Pil.,  jdzf  s€ 
biisiu  Apb.  333,  jiz  tob6  sluzyu  DalC.  30  .  .  .  neben:  newi- 
stiezu  so  non  emigrabo  2Wittb.  61,  dofiud2  nepolozu  109, 
obnazu  evaginabo  ZGloss.  234,  j4z  tob6  räd  sluzu  takto  ti 
posluzu  DalH.  30,  —  i:  uslyS  modlitvu  mü  kdy4  prossyu 
2Wittb.  63,  u  boha  m^ho  wzprossyu  29,  milosrdie  m^ho 
nerozprassyu  88,  jAz  wzwyssyu  mylosirdye  tv^  58,  ohiassya 
divy  tvö  70,  prossyu  tebe  hospodine  ^Klem.  143*,  powissiu 
tebe  19%  prossiu  ApS.  333,  musiu  reci  ApD.  104,  pro  üe2to 
väs  prossyu  Pass.  331,  prossyu  tebe  Mast.  4^,  2alovati  musyu 
LAL  421,  juz  mussyu  visöti  DalC.  21;  —  6:  popy  jeho 
zoblaczyu  spasenim  2Wittb.  131,  zprosczyu  t6  49  (Infin.  zpro- 
stiti,  also  eigentlich  zpro^cju,  aber  sc  geht  in  solchen  Fällen 
schon  im  Altböhmischen  in  S6  über),  obkliucziu  oltdf  tvöj 
^Klem.  17*,  naucziu  vy  23*,  jAz  tö  uleczyu  Mast  5*,  .  •  . 
neben:  zuby  zviefßcie  upusczu  v  n&  2lWittb.  cant.  Deuter. 
(Inf.  upustiti);  -—  r:  podol6  rozmierziu  ZKleip.  90*",  wierziu 
vidßti  18*,  aö  sdm  sobö  wiersiu  ApD.  104;  —  f:  jdz  chwalyu 
pravdu  tvü  2Wittb.  70,  vzchwalyu  jmö  tve  144,  wzbidlyu  v 
stanu  tväm  60,  wzdielyu  59  (Inf.  wzdöliti),  wzweselyu  so  i 
rozdielyu  107,  jiz  pomyslyu  za  hriech  möj  37,  wzmislyu  jako 
hoIubicS  cant.  Ezech.,  wzwoseliu  so  k  tobö  ^Klcm.  4%  k  tob6 
wzmodliu  s6  2%  pomysliu  o  mem  hrieäS  28*,  bidliu  incola  ego 
sam  ^Gloss.  241,  2e  so  tobö  nie  nemiliu  Jid.  163,  (jäz)  s6 
nedyeliu  ApS.  330,  co  jd  nynie  myslyu  Pass.  295,  .  .  .  neben: 
wzweselu  s6  exultabo  ^Gloss.  240,  v  tom  chwalu  mu26  toho 
vSka  DalC.  11  (wohl  ein  Schreibfehler);  —  ü:  rtöm  mym 
nebranyu  ZWittb.  39,  zabranyu  protegam  90,  napilnyu  je  80, 
ani  opirznyu  88,  jdz  vczinyu  ^Elern.  124*,  obranyu  jej  74*, 
otvof  usta  tvd  a  naplniu  j6  65*;  —  d:  shroraazdyu  na  nö  zld 
ZWittb.  cant.  Deuter.,  jd  rozdrazdiu  jö  ^Klem.  129*;  — 
t:  mutyu  s6  ^Klem.  5P,  wiprostiu  jej  74*,  opustyu  141» 
(wobei  jedoch  bemerkt  werden  muss,  dass  in  dieser  Hand- 
schrifi  t  und  c  schwer  zu  unterscheiden  sind);  —  j:  na- 
pogyu  Sipy  m^  2Wittb.  cant.  Deut.,  opogiu  ströly  m&  krviu 
2;Klem.  130^ 

V.  1.  j:  wzpowiedayu  8§  i  wzczakayu  2  Wittb.  51,  k  tobö 
wolayu  29,   v  hospodina   vflfayu  10,    obliööjö   tviho  wzhledayu 


326  Gebftner. 

26,  zachowayu  se  ZKIem.  10^,  wzdobiwayu  exquiram  ^Gloss. 
241;  prolewayu  effundam  244;  dawayu  Jid.  97,  ie  k  vam 
douphayu  AlxBM.  1^,  na  2ivot  ti  otpoviedaiu  i  o  dcent  nids 
netbaiu  DalH.  39,  toho  wzywayu  Pass.  314,  v  tom  amysl  vas 
wystrziehayu  eb.  315,  af  jeho  ohledayu  326,  hledayu  339,  hledayu 
diabla358,  j&  svöj  2ivot  dokonayu  363,  dawayu  jiin  Ieii08t416,  za- 
klinayu  väs  418,  co2  po^nu  to  skonayu  452,  na  va§6  dary  netbayu^ 
ale  otplaty  od  rneho  Jezukrista  czakayu  455,  netoliko  neza- 
dayu,  ale  yoz  na  to  nie  netbayu,  a  yuz  sv^tskä  ehvÄly  nehle- 
dayu,  pf^d  niöim2  nebiehayu  467  (im  Citat  aus  den  Soliloquia 
des  hl.  Augustinus),  bohu  y&s  poruczyeyu  315,  jaki  brzo  skon- 
czyeyu  316,  poruczieyu  339,  tuto  pokussieyu  417  .  .  .  k  tobß 
wolayyu  2Wittb.  27  .  .  .  wolagyu  pr6s  den  2Wittb.  21,  kdyz 
wzwolagiu  itKlem.  2*,  wzpowiedagiu  so  tobe  11*",  vfagyu  u 
m6ho  boha  Jif.  35,  na  2ivot  otpowyedagyu  i  o  dcefi  nie  net- 
bagyu  DalC.  39. 

V.  2.  £:  pfidu  i  pokazyu  b6  2Wittb.  41,  jamä  pokazyu 
jemu  49,  pröstati  kazyu  cant.  Deuter.,  ukaziu  jemu  zdiavie 
2Klem.  37^  74%  ac  selziu  71\  pokladyf  ukazyu  Pass.  429, 
jäz  t&  mazyu  a  kazyu  Mast.  5%  to  vem  kazyu  DalC.  7  .  .  . 
neben:  aö  selzu  si  mentiar  ZGloss.  254;  —  S:  wzdysyu  LAl. 
421 ;  —  6:  placziu  LAl.  421,  toho  pyczyu  423;  —  [:  zuby 
zvieföcie  wessliu  vnö  2  Klim.  129^,  jdz  slyu  andda   Pass.  277. 

V.  4.  j:  newzlagyu  tobö  2Wittb.  49  (2),  ani  sS  posmiegiu 
ZKlem.  16%  j4z  przyegyu  DalC.  49,  przyegyu  smrti  pohanöm 
27  .  .  .  nadyeyu  s5  Pass.  359. 

VI.  j:  j4z  zwiestuyu  2Wittb.  74,  jd  s6  nestrachuyu  Pass. 
320  (u  ist  etwas  radiert),  j&t  obietuyu  347  ...  ja  slubugu 
Boh.  346  .  .  .  zwiostugyu  ZWittb.  37,  tobö  obietugyu  115, 
wzradugiu  sfe  ZKlem.  4%  podiekugiu  hospodinu  8^,  dyekugj'u 
tob6  Mast.  5*,  dyekugyu  tvöj  milosti  DalC.  30. 

12.  In  der  Endung  der  3.  Person  plur. 

I.  7.  j:  nepoznayu  väickni  2Wittb.  13,  af  nedieyu  v 
srdcich  sv^ch  34,  vzbojie  b&  i  dieyu  41,  ti  znayü  svD.,  dyeyü 
Pil.,  kam  s6  peniezi  d^eyü  Jid.  138,  jiejito  (föcö)  Mozella 
dyeyu  Pass.  330,  kako  tobö  dyeyu  383,  jiÄto  nezzdyeyu  AlxB. 
90  .  .  .  af  nedyegyu  2  Wittb.  113,  poznagiu  vsickni  2Klem.  8*, 


Uebor  die  wciobeii  a-,  >>•  uud  u-äilb«u  im  Altböhmificbcn.  327 

Jobius  mi  dyegyu  Jif.  35,  kläSteru  Zdbor  dyegyu  DalC.  24, 
ac  znagyu  Hrad.  143^. 

III.  1.  j:  chrziepj  mayu  2  Wittb.  113,  pohanstvo  za  to 
gmayu  AlxH.  1%  ...  magu  jemu  ddci  Boh.  354,  .  .  .  üsta 
magyu  2Wittb.  113,  zapolegiu  so  2 Klein.  3^,  nöktefi  cäku 
gmagyu  DalC.  35. 

V.  1.  j:  lüde  wzpowiedayu  so  tobe  2  Wlttb.  44,  jii  vffayu 
V  t6  30,  mnozi  rziekayu  mnö  4,  hledayu  duSö  m6  39,  vSickni, 
ji^  przisahayu  62,  ustrzieleyu  a  nevzbojie  so  63,  ti  ludie 
nevmierayu  AlxH.  1*,  z  jich  rodu  nemoci  gmieuaiu,  druzi  sS 
wzthiekaiu  DalH.  30,  z  chlap6v  slechtici  biuaiu  a  ^lechtici 
syny  chlapy  gmieuaiu  41,  jemuito  rziekayu  Troja  Pass.  328  . . . 
kdyä  lamagyu  so  kosti  ZWittb.  41,  kdyi  dielagyu  nespravedl- 
nost  53,  jii  vffagiu  a  s^  chlubie  48,  ji^to  vfagiu  ^Elem.  3*, 
jiito  dyelagiu  zlost  8*,  vrabata  (vz)dwihagiu  se  AnÖ.,  vole 
zpleskagyu  Mast.  3*,  hnyewagyu  se  bozi  DalC.  19,  sevci  przic- 
bywagyu,  lagyu  Hrad.  124*. 

V.  2.  c:  jii  sobü  mecziu  a  vSady  lecziu  AlxBM.  2*  .  .  . 
kosti  so  troskoczu  Hrad.  143*;  —  £:  selziu  tobe  nepfietele 
tvoji  ^Klem.  47^,  a'  ni  slovo  bo2ie  kazyu  Pass.  407,  kazyu 
DalC.  9;  —  $:  radostiu  sS  skdly  opassyu  ZWittb.  G4,  skaly 
opassiu  so  ^Klem.  47^,  f-öky  wzplessiu  78*';  —  6:  placzyut 
mnoho  v  KimS  LAl.  423;  —  l:  klepani  mlyni  lepe  melyu 
DalC.  72. 

V.  4.  j:  wzsmiegiu  so  ZKlem.  38^,  jomu2  se  bldzni  sniye- 
gyu  DalC.  19  .  .  .  ji2to  tobö  prsieyu  AlxBM.  2*. 

VI.  j:  üsta  md  zwiestuyu  ZWittb.  70,  .  .  .  jako  zkussygu 
striebra  eb.  65  .  .  .  jiz   obraczygyu    eb.  84,  ji2  se  wzdalygyu 

j^  U       IM 

ot  tebe  72,  jii  so  otehylugyu  118,  ji2  milugiu  jin6  tve  ZKlem. 
3»,  ji2to  zamucziugiu  me  9^,  nebesa  wyprawugyu  12*,  zwiestugyu 
Hrad.  62*. 

13.  Im  Partieipium  praes.  act. 

I,  7.  j:  äöenci  Ivovö  rziugiucz  ZKlem.  83^  .  .  .  v  zalosti 
sehe  neczygucz  Pass.  287,  wyguezi  rukama  plakdse  Boh.  342, 
neznagucze  tebe  353. 

in,  l.  j:  magyuczy  DalC.  92,  gmagiucze  AlxS.  338  .  .  . 
maguez  peöu  Boh.  1**. 


328  Oebftaer. 

III,  2.  Viele  Participia  dieser  und  der  folgenden  Classe 
haben  in  der  Endung  des  Stammes  statt  und  neben  dem  ver- 
langten ie  (asl.  ^)  einen  weichen  ti-Vocal:  trpdti  Part,  trpiec- 
(asl.  trbp^t-)  und  trpmc-;  choditi  Part,  chodtec-  (asl.  chode§t-) 
und  chodtuc-  oder  chozti«C'.  Die  letzteren  Formen  kommen 
auch  dialektisch  vor,  z.  B.  zdälo  se  RanoSi  na  Io2i  leiucej, 
Sudil,  moravskä  ndrodni  pisnö  186,  moja  najmilejSi  v  komftrcc 
seduci  eb.  206,  und  sind  als  Analogiebildungen  zu  erklären: 
unter  dem  Einflüsse  der  Formen  pekuc-,  pijuc-,  pi§it£<;-  .  .  . 
ist  neben  trpiec-,  chod/ec-  auch  trptuc-,  chodtuc-  aufgekommen, 
und  weil  die  Participia  peküc-,  trpiuc-  .  .  .  dem  Praesens  peku, 
ti*pju  .  .  .  gegenüberstehen  und  darauf  zu  beruhen  scheinen, 
so  entstand  auch  choziuc-  durch  Veranlassung  des  Präsens 
chozju.  Am  häufigsten  sind  mir  solche  Bildungen  im  ^Klem. 
vorgekommen;  die  regelmässige  Form  ist  hier  ziemlich  selten 
zu  finden,  p:  trpiuci  ZElem.  74^,  nepravost  trpiucim  81^, 
kHvdu  trpiucim  120^;  —  i:  voda  bieziucie  ZKlem.  42*;  — 
5;  ölovek  neslisiuci  2Klem.  27*,  slissiuci  109*;  —  n:  v  zvon- 
ciech  dobrö  wznyucich  ^Klem.  123*;  —  d:  nenawidyucie  mne 
ztratil  si  ZKlem.  11*,  nenawidyucie  ieho  u  böh  obricju  71*,  z 
ruky  nenawidiucich  86*,  sediucym  ve  tmich  88*,  sediuci  v  sade 
107»;  —  f:  ot  sttely  letiucie  eb.  73*,  jako  orlice  letiuci  128»'; 
—  j-  boyuczym  2Wittb.  21,  boyuczi  hospodina  2Klem.  8*... 
bogiuci  tebe  101*,  bogiucym  jeho  16*,  bogiucim  jeho  82*,  bo- 
giucym  sS  jeho  133*,  nad  bogiucimi  22*,  stogiucie  biechu 
nohy  106*. 

IV.  t;;  wymluwyucze  ^Qloss.  240,  üsta  mluwiucich  2Klem. 
46*,  diwiucich  se  109*,  slawiucim  50»;  —  z:  prsichoziucie 
2Klem.  15»,  otchoziuci  61»  .  .  .  vsickni  chozuczy  2Wittb.  88 
(chodiuc-  folgt  weiter  unten);  —  8  siehe  5/  —  i:  blas  rozra- 
zyuczy  püäöi  2Wittb.  28  (Infinitiv  rozraziti)  kann  rozra2iuci 
und  rozraziuci  gelesen  werden;  —  S:  obef  hlassonossiucm 
2Kiim.  17*  lässt  ebenfalls  zwei  Lesarten  zu,  hlasono*iuciu  und 
-«iuciu,  .  .  .  zikon  da  hrziessuczym  2Wittb.  24;  —  ^:  nade 
vä6  ucziucie  ^Klem.  102*,  potlacziucze  mö  42»;  —  r:  wierziucim 
eb.  133»  .  .  .  wierzuczie  2Wittb.  92;  —  l:  wesseliucich  ß6 
pfiebytek  2Klem.  69»,  vsickni  bidliuci  22»,  mnohych  bidliucich 
20*,  s  bidliucimy  106*,  bidlyuczich  2Wittb.  106  .. .  quüuczy 
2Wittb.  34;  —  n:   czinyuczi   divy  ^Klem.  68»,  czynyuczieho 


Ueber  dio  weichen  a-,  o-  nnd  «-Silben  im  AltbÖhmiechen.  829 

nepr&vost  25^,  ot  czinyucich  zlost  43*,  otplaty  czinyucim  pychost 
2l\  nad  czinyuciiny  23*  .  .  .  ot  honuczich  mne  2Wittb.  141; 
—  d:  8  chodiuciemy  ^Klem.  69%  prsichodiucie  73%  chodiuci 
79%  prsichodiucich  127*",  sud  skodiucie  mnö  23%  plodmci  47% 
bolesti  rodyacich  35*;  —  j:  öieäö  m&  zapoyuczie  inebrianB 
ZWittb.  22  .  .  .  strast  opogiucie  15^. 

V.  1.  j:  hledayuczy  duSS  me  ZWittb.  34,  blas  zlamayuczi 
cedry  28,  pisayuczieho  44,  bywayucze  svD.,  chzakayucze  AlxH. 
1%  yid6ch  dievku  biehaiucze  DalH.  8,  sladkc  piesni  slychayuci 
Pas8.  341,  klekayucze  Hrad.  88^,  .  .  .  u  modlitbu  ad  poruczi- 
guce  Hrad.  8^,  zäponky  prodawagucz  101%  .  .  .  hledagiuci 
ZKlem.  5%  ufagiucic  9%  wolagyucze  Jif.  35,  dawagiuce 
Hrad.  86*. 

V.  2.  p:  jako  krop^  kapiucie  2  Klein.  54*  .  .  .  jak2to 
krope  kapuczie  ZWittb.  71;  —  c;  zamyeczucze  (Inf.  zamietati) 
Hrad.  118*;  —  5:  tebe  tiezuczy  (Inf.  täzati)  Hrad.  44%  kazucze. 
109*;  —  S:  pisare  pissiucieho  ZKlem.  33%  wzdtssiuczi  Jid. 
158,  wzdissiuczl  AnS.;  —  ^:  jak2to  placziuci  ZKlem.  24% 
plachziuczi  AnÖ.,  slysal  2enu  plachziucze  ApD.  105,  placzyucz 
LAl.  423  .  .  .  2ena  plachzuczi  Jid.  105,  placzucze  Hrad.  39% 
videch  dievku  krev  loczuczie  Dal  Hr.  8. 

V.  4.  j:  layuczy  ZWittb.  36,  laiucze  DalH.  41,  neprsie- 
yucze  AlxBM.  2% 

VI.  j:  raduyuczym  ZWittb.  27,  patruyucze  AlxH.  1* 
przizluhuyucze  1^,  uzziluyucze  ApD.  105,  vSöcky  miluyuczye 
Hrad.  34*,  .  .  .  kamli  so  döl  miluguczy  Hrad.  37*,  .  .  .  ra- 
dugyuczich  ZWittb.  112,  bidligyucze  106,  mylugyuczich  118, 
mylagyuczym  121,   oplaciugiucim  ZKlem.  3^,    salugiuczi  AnS. 

14.  Im  Praesensstamm  der  VI.  Classe.  z:  neotpusyuy 
ZWittb.  118  (Inf.  otpuzovati)  .  .  .  wzbuzuge  eb.  73,  rozsuzugie 
81,  pocbozugyczym  67,  proö  zapuzugess  87,  nepohrzuy  prosbü 
mü  ZKlem.  39%  zbuzugye  so  Modi.  89^,  bolest  zbuzuges  Hrad. 
58%  Ben  jim  oßlazugy  Pass.  416;  —  c;  neotwraczyuge  se  Z  Wittb. 
77,  neotwraczyuy  50,  proö  smuczyuges  me  41,  roznyecziuge 
80  chudy  ZKlem.  5^,  nezatraciuy  mne  18%  jiäto  zamucziugiu 
mh  7^,  ji2  zamuciugiu  mö  17^,  jiÄ  otplacziugiu  zlym  28*,  opla- 
ciugiacim  3^,  oswieciuge  oöi  12*,  hospodiu  oswiecyuge  slepd 
120^,  pohlciuy  51**,   otwraciuges   7*,    otwraciuy  51^,  obraciuge 


3  JO  G  e  b  a  u  e  r. 

12*  .  .  .  proö  obliöSj  otwraczugcss  2Wittb.  43,  neotwraczuy 
68,  89;  131;  nawraczugesB  cant.  Deuter.,  zamuczuges  64,  jdz 
otplaczugy  cant.  Deuter.,  jeii2  wyplaczuge  102,  nezatraczug 
hymn.  Ambr.,  zamuczuges  mg  ^Klem.  31^  (3),  zamuczugiucich 
18*,  uezatraczuy  17*,  otwraczuy  18*,  ty  oswieczuges  11*,  masem 
s6  nasiczugete  144^,  nesmuczug  s6  Boh.  349,  k  tobS  du§i  svü 
obraczugy  Modi.  8P,  sv^tlo,  jeni  oswyeczuge  86^,  kdy2  sä 
zamuczugy  (1)  99*,  zatraczuge  110^,  smuczuges  Hrad.  58^,  ne- 
otwraczuy 8Ö  44^;  —  z:  tohoto  ponyziuge  2Klem.  57^,  sdrziu- 
giuci  25^,  prsibliziugiu  s6  zlostivi  17^,  ktefi2  s5  neprsibliziugiu 
21^  .  .  .  hospodin  ponyzuge  hrieSnö  2KIem.  121»,  swlazuge 
hory  83*,  prziblyzuyuciemu  !&  Gloss.  245,  protoi^  so  kaidy 
*  wzhrozuge  Pass.  322,  ukrzyzuyte  Hrad.  52^;  —  S:  ty  utyssiuges 
^Klem.  70^,  motovüz,  jfm^to  s^  opassiugiu  92*,  jako  pokussiugiu 
striebra  48*,  zkusiuges  ho  141*,  £e  powissiuges  ho  141^, 
powisiuges  mne  5*,  tohoto  powissiuge  57^,  otnossiuge  34^,  prsi- 
nassiugete  dary  58*  .  .  .  otnossugy  (i)  präva  jeho  ZWittb.  9, 
ty  wzwysugess  hlavu  mü  3,  okrasuy  ji  jak2  chceä  Pass.  467, 
oben  smolü  potrussugycz  zazeci  363,  tuto  s5  rozhrziessugy  (i) 
417,  opassugy  Modi. 5  —  6:  obkluczyumy  obliöSj  jeho  2Wittb. 
94  (Imperat.,  vgl.  nezatraczyu  du§§  me  ob.  25,  nezatraczyu 
mne  27,  neotwraczyu  obliödje  tvöho  ote  mne  101,  ni  se  ukro- 
czyu  neque  compescaris  82)  .  .  .  otluczugyczo  ^Wittb.  symb. 
Äthan.,  obkluczuge  54,  wyprosczuge  chudeho  ÄKlem.  24*  (sc 
für  8c),  nazamlczuy  24^,  29*,  91*,  neopusczuy  m6  53*,  dokavad 
neotpusczuges  mi  141*,  vßci  mö  v  svötlosti  so  zraczugy  Pass. 
431,  ossoczuge  mö  Boh.  350;  —  r:  dokuda^  oborzuge  sß  ZWittb. 
61,  otworzuge  list  sv^ch  2Klem.  27^;  —  l:  af  se  nenawese- 
lyugi  (i)  2Wittb.  34,  nenaweselyute  so  Imperat.  34,  newzda- 
lyuy  pomoci  tve  21,  smyliug  s6  ^Klem.  107*,  proö  neotchiliuges 
141*,  stien  schiliuge  92*,  schiliugiucieho  79**,  obweseliugiucie 
12*,  plamen  spaliugiuci  66*,  jii&to  so  pochwaliugiu  77*^  .  .  . 
kraluy  2Wittb.  44,  hospodin  kraluge  95,  smyluy  s6  nad  nämi 
ÄKlem.  140*  (in  einem  zum  Psalter  nicht  gehörigen  Gebete), 
jiÄto  schilugiu  98^,  s  nim  kralugi  na  vöky  Pass,  333,  kraluge 
383,  smiluy  so  nade  mnü  Hrad.  13^,  jen2  kraluge  23*,  newz- 
daluy  so  381,  jen2  kralugess  Modi.  60^,  jen2  kraluge  27»,  jenz 
den  a  noc  rozdyelugess  108*  (corrigiert  aus  rozdyelygess), 
smyluy  se  87^  u.  ö.;  —  n:  zabranyugeme  ZKlem.  135»,  nepo- 


Ueber  die  weichen  a-,  o-  and  u-Silben  im  AUbAhminchen.  331 

banyuy  mne  103^^  hlas  poplanyugiuci  concutiens  19^^  .  .  .  2e 
jsi  nepromyenugyczy  Modi.  61%  sv.  Mari  naplnuge  sv^t  vesele 
Sequ.  360;  —  d:  ehromazdyuge  2Klem.  28*",  huspodin  dowo- 
dyuge  do  pekia  a  otwodyuge  124^;  —  t:  neopuetyuy  mne 
iiEiem.  18»,  neopustiuy  mne  98%  116%  opustyugiucie  lOO, 
wiprostiugiu  se  (1.  sing.)  11%  pomstiuge  79»;  —  j:  boyugie 
iWittb.  55,  boyuyyczym  cant.  Habak.,  boyuyucim  l^Gloss.  241, 
boyugete  Hrad.  94^  .  .  .  mu2  bogiugiuci  2KIem.  125%  wibogiuy 
wibogiugiucie  23^. 

15.  Endlich  bringe  ich  für  Wurzel-  und  andere  bisher 
nicht  besprochene  Silben  des  Wortes  folgende  Belege: 

Bruch,  büjuch:  brzuch  m6j  ZWittb.  30,  z  brzucha  matefe 
me  21,  brzuch  Boh.  40  ...  z  brziucha  ^Klem.  14%  plod 
braiucha  108^,  vbrziusse  (sie)  ApD.  104. 

Cudny:  czudn^  pasec  Hrad.  99*. 

Citzi,  cjuzi:  u  boziech  czuzich  2Wittb.  cant.  Deuter., 
ciizi  extraneus  2G1oss.  256,  czuzeho  sbo^ie  Pass.  397,  lidem 
czuzym  315,  je&to  rädi  berete  czuzie  Hrad.  16%  czuze  usile 
107%  .  .  .  synov  czyuzych  2Wittb.  143  (2),  czyuzi  vstali 
proti  mnä  53,  ciuzi  uöinen  sem  2Klem.  51%  synöv  ciuzich 
118^,  cziuzich  krajov  sv.D.,  czyuzy  knöz  DalC.  34,  czyuzy 
nepfist&pajte  85. 

Cuzolotnikj  cjuz- :  s  diuzoloznyki  2Klom.  37*. 

Cuzozemec,  cjuz-:  jinym  czuzozeracziom  Hrad.  20*,  ka- 
kyms  czuzozemcziem  25* .  .  .  mn6  sü  ciuzozemcy  podddni 
2Klem.  44\ 

Celusty  6elju8f:  czelust  Boh.  40,  czeliusti  Ivove  ZElem.  42^. 

CüS,  öiuS:  to  chzusto  Pil.,  ten  chzuss  jen2  Jid.  118, 
chzusto  AlxBM.  1%  zda  by  toszus  uöinil  AlxB.  80,  jemu  bylo 
priti  (pfijiti),  chzus  kozlu  eb.  87,  chtö  szuss  so  pobiti  AlxH. 
2^^  to  czus  Hrad.  35*  .  .  .  sve  zräde  povolil,  tej  chziuss  zradö, 
juito  skutil  ApÖ.  331,  ot  poroda  nevelmi  ddvn^ho,  ot  tri  let 
czius  tficdteho  Hrad.  58*",  bohdaj  bychom  t6i  ddli,  chvÄlili 
czius  hospodina  66*.  Dieses  Adverbium  ist  wahrscheinlich  aus 
cujeij  Infin.  dilti  entstanden. 

düti,  Siuti:  na  tobe  to  chzugem  AlxBM.  2%  hofem  neczu- 
gyu  sehe   Mast.  4^,   neczugiesse   Hrad.   30%   tak   czug  sentiat 


332  Oobaver. 

2t  Wittb.  Bjmb.  Äthan.  .  .  .  chziuyu  to  po  tvöm  vzdj- 
chani,  2e  s^  tobe  nie  nemilju  Jid.  162,  had  sh  plodem  sboüen 
chziuge  AnS. 

Donttdi,  donjudi:  donudz  nevendu  ^  Wittb.  72,  donudz 
neurodila  eb.  cant.  Annae  .  .  .  donyudz  DalC.  32. 

J&uty  ßSjuf:  v§6cka  giessut  Ä  Wittb.  38,  v  giessuty  svej 
51,  milujete  giessuti  4,  gessuti  mluvili  sixt  11,  nenävidöli 
chovajiicich  giessuty  30  .  .  .  aby  nejmenoval  jmene  jeho  v 
giessiut  Hrad.  118^. 

JSSutenstvie,  -Sju-:  giessiutenstwie  2  Wittb,  118. 

JSSutnosf,  'Sju-:  giessutnosti  Hrad.  49^  .  .  .  milujete  giessiu- 
tnost  iKlem.  2». 

JeSutny,  -Sju-:  gesutna  pomoc  Ä Wittb.  59,  v  süatku  ge- 
sutnem  25,  pro  gessutnu  chvälu  Pass.  384  .  .  .  giessiatne  jest 
zdravie  ölovßöio  ^Elem.  91»,  ot  giessiutne  chväly  188**, 
giessiutnye  boha  vz^vä  Hrad.  95^. 

Jeiws,  -^iuS:  v  iezussi  mcm  2 Wittb.  cant.  Habak.,  giezus 
Hrad.  42^,  giezusye  s^  domniä  eb.,  .  .  .  u  boze  iezyussiu  mem 
2Klem.  127^,  giczius  Hrad.  42^,  gieziusio  s'  iidala  43\ 

Juda:  yuda  kräl  moj  2 Wittb.  59,   pokolenie   iudowo  77. 

Juddi :  ^udas  Jid.  44,  losem  yudy  miesto  vzaty  ApS. 
331,  iudas  Hrad.  74^  .  .  .  giudas  Hrad.  75*. 

Junoch:  yunochu  DalC.  72. 

JunoSe:  dv6  ste  yunoss  AlxH.  P,  pf6de  vS^mi  yuno- 
ssiemi  eb. 

JunoSice:  Benjamin  yunossyczie  2  Wittb.  67. 

JunoSstvo:  v  yunosszztwie  AnS. 

JuH:  svat^  Jurzi  Jif.  34,  skrzö  sv.  Jurzie  diela  35,  okolo 
SV.  yurzye  DalC.  45  ...  k  svatömu  gyurzyu  DalC.  32,  u  sv. 
gyurzy  45. 

Juika:  Jutka  DalH.  42  .  .  .  knSz  Gyutku  z  klä&tera  vy- 
vede  DalC.  42. 

Jutrni:  vyStie  yutrznye  2  Wittb.  64,  ot  8tr426  yutrznye 
129  ..  .  giutrsnie  ÄKlem.  19». 

Jutro:  z  yutra  2  Wittb.  48,  k  yutru  29,  jak  iutrzie  bude 
räno  AlxH.  P  .  .  .  ot  gyutra  DalC.  20,  za  gyutra  92. 


üeber  die  woichan  a-,  o-  and  u-Silben  im  AltbAhmiachen.  öOO 

Ju£e,  ju&:  jaki  jest  iuse  vfiady  zv^sto  Pil.,  gdyXto  iuse 
7  ten  d61  stiipi  ApS.  331,  iuz  sem  byl  2iv  dosti  DalH.  30, 
yuz  vBtanu  ÄWittb.  11,  yuz  patnäcte  let  Pass.  319,  j^us  Mast. 
2»,  yuz  vizju  LAl.  422,  yuzt  Hrad.  53^  guz  2^,  guz  sd  mosim 
vdzici  Boh-  354  .  .  .  gyuzt  Mast.  5%  gyuz  Hrad.  53%  gyuz 
vizju  DalC.  21. 

KIM,  kliu6:  klucz  Boh.  49. 

Eubiti,  Uubiti,  Mh  chluby  nelyuby  DalC.  18,  mSstifite  b6 
mu  lyubyesse  46. 

Euboaf^  Ijubosf:  w  lubost  2Wittb.  72  .  .  .  dobri  liubost 
bude  jemu  2tKlem.  121%  nedä  liubosti  35^. 

Eubuii,  Ljubuii:  Lubussie  je  se  süditi  Dal  Hr.  3. 

Luhy,  Ijuhy:  co  lubeho  AlxB.  85,  tato  v6c  budf  vim  luba 
90  .  .  .  liubo  jest  hospodinu  ÄKlem.  121%  novina  Hubssi  jest 
Jid.  70,  co2  krdlovi  lyubo  DalC.  83. 

Ltidj  Ijud:  nad  ludem  sv^  ÄWittb.  3  (nie  jotiert  in 
l^Wittb.),  lud  populus  Boh.  47,  aby  lüde  slyäeli  340,  svoj  lud 
AlxBM.  2%  z  chud^ch  ludy  1^,  luda  seho  AlxH.  1%  s  mälem 
luda  AlxB.  86^  ludu  svemu  DalH.  41,  j6  s6  na  ludhi  volati 
30,  t§mi  ludmi  AlxBM.  2*  .  .  .  sbor  liuda  ZElem.  4*  (nie 
unjotiert  in  ÄKlem.),  liud  AlxÖ.  337,  liudye  339,  svj^m 
liudem  toho  poprieti  340,  liud  s6  svinu  ApS.  331,  mnoho 
liudy  332,  liudem  hrozen  ApD.  105,  mnoho  lyuda  LAl.  422, 
k  lyudem  424,  vesken  lyud  Pass.  391,  k  svym  liude®m  Pil., 
«vfm  liude®m  Jid.  18,  vSdie  liudyß  28,  po  liudeeh  svD., 
kakj^  lyud  DalC.  18,  j6  so  lyudy  dob^vati  22,  lyudy  vSecky 
19,  lyudmy  18. 

Budmila,  Ljudmila:  svatä  Lyudmylo  ZKlem.  138%  sv. 
lyudmylla  DalC.  26. 

Ludskyy  Ijudsky:  sbor  ludsky  ÄWittb.  7,  synove  ludsczy 
4,  ludska  ruka  2G1oss.  248,  ludzky  dävcö  AlxH.  2*  .  .  .  syny 
liudßke  ZKlem.  7%  liudzke  viny  ApS.  332,  liudzke  rßöi  AnS. 

LMicSj  Im-:  Vlasta  lyutycze  DalC.  15. 

Lütost,  liu-:  nad  lutost  2Wittb.  51,  lutosty  tv6  24. 

LiUostiv,  liu-:  ty  lutosty w  byls  ÄWittb.  98. 

E'&tosiny,  liu-:  lutostne  milosrdie  ZWittb.  68. 


334  Gebaner. 

Lutovati,  Iju-:  i'  neliutowal  ApD.  104. 

Lüiij,  Hu-:  luthi  Boleslav  DalH.  31,  luthi  32,  z  lutheho 
32  .  .  .  y  duchu  liutem  ^Klem.  35%  liuteho  pohanstva  Äp^. 
332,  Hute  zvin  ApD.  104,  Boleslav  lyuty  CalC.  32. 

Maluöky,  -Iju-;  zviefata  maliuczka  2Elim.  83**. 

Neklvd,  'kljtid:  mnoho  necluda  AlxB.  86. 

Obklüöitij  -liti-:  sbor  obkluczy  tö  ^Wittb.  7,  oklaczili  sü 
ni6  2  Klein.  14^  .  .  .  nepfietelö  okliuczili  sii  ^Klem.  9%  sbor 
okliuczi  t6  4%  obkliuczili  sii  9^. 

Obklu6ovatif  -Iju-:  noe  obkluczuge  ju  ÄWittb.  54. 

Oblubiti,  'liu-:  obliubis  oböti  ÄKlem.  38^ 

Oblubovatif  -Iju-y  jako  bratr  oblyubowach  ÄWittb.  34. 

OklüHti  s.  obkl'6J6Ui, 

Plüti,  pliu-:  plyugyucz  tvd?  na  jeho  L  AI.  423. 

PohM£en,  -Hu-  in :  pohrziussen  sem  u  bahnS  2  Klem.  50^ 
statt  pohvu^en,  Infin.  pohruziti  asi.  pogr^ziti.  Die  Form  ist 
unregelmässig  und  durch  Einfluss  des  Intransitivum  u-hfiezti, 
u-hfaz-nüti  asl.  gr^zn^ti  entstanden;  neuböhm.  poh^en  neben 
pohrouien. 

Pokluditi,  'Iju-:  zle  s6  pokludi  AlxH.  2^. 

Polubitij  'liu-:  polyubywsi  jej  LAl.  423. 

Prelüty,  -liu-:  prsielute  zvefi  AlxB.  85,  prsieliutym  po- 
hanem  Ap  S.  330. 

Proaititiy  -du-:  proczutyw  Pass.  382,  kn62na  proczutywssy 
336  (2),  ta  pani  je  sna  proczutywssy  340,  ti  sv6ti  ze  sna  pro- 
czutywsse  366. 

nehAcha,  -fju-i  siem6  vlaskö  rzierziuchy  cardamomum 
Rostl.  392. 

Rozlutj,ti,  'liu-:  ot  rozliucenye  2 Klem.  3^,  v  rozliucenyu 
tv^m  3». 

6üje,  Huj?.:  mohlo  to  b^ti  v  rsiugiu  Pil. 

UM,  Hxtr:  jeXto  (zv6f)  rsula  AlxB.  85,  rzugiech  ot  sto- 
ndnie  srdcö  m^ho  ZWittb.  37  .  .  .  Sßenci  Ivovi  rziugiucz 
2 Klem.  83%  Vlasta  wzrzyu  äalostiu  jako  nedv6dic6,  d.  i.  vzrju, 
aor.  DalC.  15. 

SktudiH,  sklju-:  chtö  sß  zkludyty  AlxH.  2^. 


ü(«ber  die  weichen  a-,  o-  and  u-Silben  im  Altböhmischen.  33«) 

Slub,  sljub:  sluby  m6  2Wittb.  GO,  sluby  mc  vricu  115, 
V  slubu  m^m  55  .  .  .  sliubi  me  navricju  ^Klem.  14^,  slyuby 
yelik^  6iniechu  Dal  C.  43. 

Slvhiii,  sliu-:  pak  sobß  vieru  slubichu  Dal  Hr.  9,  ie  s6 
oev^stkäm  slubyty  2ädd§  Mast.  6%  sluby  se  jemu  DalC.  31  . . . 
ze  sg  sliubie  3.  pl.  ^  Eiern.  12^  dievku  zzliubil  Pil.,  oba  sob6 
se  zzliubista,  d.  i.  sliubi§ta  Jid.  54,  ta  dva  slyabysta  to 
uäniti  DalC.  25,  co  ta  dva  jioj  slyubyla  2G,  knßz  slyuby 
aöiniti  18. 

Slubovati,  alju-i  jA  slubugu  Boh.  346  (2)  .  .  .  sliubowach 
se  ÄKlem.  24\ 

Slutovatij  slju-:  ty  sß  sliutuges  ÄKlem.  47*. 
Suminiej  Sju-:  ssyumenye  rßky  ZRlem.  34*. 

Tisüc,  -amc:  tysuczow  lidi  ÄWittb.  3,  tissuci  milliaÄQloss. 
250,  nad  tisucie  eb.,  po  tissuczy  Hrad.  8»,  19**,  dvadcßci 
czizuczow  AlxH.  1%  P,  czizucz  2^  (2)  .  .  .  desßt  tyssiuczow 
:?;Klem.  41)^ 

Tocii8  8.  cii^. 

UlMi,  'tiu-:  by  uczyuli  a  urozumöli  ZElcm.  129^. 

Vnutif',  -nju-:  öso  wnutrz  mne  jest  2  Wittb.  102,  vnö  a 
wnutrz  cant.  Deuter.,  wewnutrz  jeho  108  .  .  .  ze  vna  a  wnyutrz 
ÄKlera.  129^ 

Vnuz,  vnjui  oder  vniid:  wnus  by  s6  trasl  svöt  AlxH.  1*, 
wnus  ten  jen2  P,  2**,  wnus  by  byl  z  2eleza  skovän  AlxB.  82, 
wnus  les  neb  häj  poruben^  83  .  .  .  wnyus  ten  Jid.  83,  wnyus 
po  plene  PiL,  wnjus  AnÖ.  (diese  Form  spricht  für  langes 
miui),  wnyuz  ptAk  Hrad.  IP,  wnyuz  ziifav^i  30*,  Polenö  wnyuz 
na  zemi  uderichu  DalC.  71. 

Vhidy,  'Sju-:  wssudy  bojovö,  wssudy  neprietele  Modi.  13^, 
86  vSßch  stran  a  wssudy  106*. 

ZajutHe:  na  zayutrzie  Hrad.  83*. 
Zdruj,  -rjuj:  zarzwy  September  Boh.  27. 

Wessen  uns  diese  Beispiele  auf  den  ersten  Anblick  be- 
lehren, ist  die  Thatsache,  dass  der  Vocal  der  weichen  «-Silben 
ungleich  geschrieben  erscheint,  bald  u^  bald  tu  oder  yu,  selbst 
in  solchen  Handschriften,  die  sonst  (bei  e,  a,  o)   die    gehörige 


336  Oebaaer. 

Regel  entweder  genau  oder  wenigstens  in  dem  Sinne  befolgen, 
dass  sie  die  Jotation  nicht  als  bloss  graphisches  Erweichungs- 
zeichen anwenden;  morphologisch  identische  Formen  werden 
in  verschiedenen  Handschriften;  ja  manchmal  in  derselben 
Handschrift  verschieden  geschrieben,  z.  B.  der  Acc.  sing.  asl. 
duS^:  dusu  DalH.  30  und  dussyu  DalC.  eb.,  dussyu  2Wittb. 
48  und  dussu  eb.  88. 

Auf  die  Frage,  wie  diese  Ungleichheit  zu  erklaren  ist, 
kann  auf  zweifache  Weise  geantwortet  werden :  die  Jotation, 
d.  h.  das  in  -m,  -yu  geschriebene  t,  y  hat  entweder  phone- 
tische Geltung  und  geschriebenes  -iu,  -yu  wurde  -ju  (in  kurzen) 
oder  'tu  (diphthongisch,  in  langen  Silben)  ausgesprochen,  oder 
die  Jotation  hat  keine  phonetische,  sondern  bloss  graphische 
Geltung,  sie  gehört  zu  dem  vorhergehenden  palatalen  Conso- 
nanten  und  deutet  dessen  weiche  Aussprache  dem  Auge  an. 
Nach  der  ersten  Erklärung  wäre  geschriebenes  dussu  =  dniu, 
geschriebenes  dussyu  =  duSju  auszusprechen  und  der  Unter- 
schied wäre  lautlich;  nach  der  anderen  sollte  dussyu  ebenso 
wie  dussu  =  dxxSu  ausgesprochen  werden  und  der  Unterschied 
wäre  bloss  in  der  Schrift,  indem  der  Laut  S  das  erste  Mal 
durch  SS,  das  andere  Mal  durch  ssy  dargestellt  wäre.  Zwischen 
diesen  beiden  extremen  Erklärungsweisen  liegen  alle  übrigen, 
namentlich  auch  die,  wornach  die  Jotation  einen  höheren  Grad 
des  Palatalismus  anzudeuten  hätte  und  dussu  ^^r  dnSn  mit  einem 
härteren,  dagegen  dussyu  =  du^'u  mit  einem  weicheren  S  aus- 
zusprechen wäre. 

Zur  Würdigung  und  Prüfung  dieser  Erklärungsweisen  ist 
es  nothwendig,  diejenigen  Momente  in  Betracht  zu  nehmen, 
welche  für  die  eine  oder  andere  Erklärung  angeführt  werden 
oder  angeführt  werden  können,  und   ihr   Zeugniss  abzuwägen. 

a)  Der  Name  des  Apostels  Judas  wird  Hrad.  74^  ttidas 
und  auf  der  folgenden  Seite  (Ttudas  geschrieben.  Sollte  im 
zweiten  Falle  -iu  ==  -ju  sein,  so  wäre  es  schwer  begreiflich, 
wie  die  ganze  erste  Silbe  giu-  zu  lauten  hätte,  denn  der  erste 
Buchstabe  g-  bezeichnet  auch  einen  y-Laut.  Plausibler  er- 
scheint die  Erklärung,  die  ganze  erste  Silbe  sei  in  beiden 
Fällen  ju-  zu  lesen  und  der  Schreiber  habe  im  zweiten  Falle 
die  Jotation  als  graphisches  Mittel  angewendet,  damit  der 
Leser   unjotiertes  gu-    nicht   nach    lateinischer   Art  ausspreche 


üeb«r  die  weichen  a-,  »•  nnd  u-Silben  im  Altböhmischen.  337 

(au(^tt8tu8)^  dafür  könnte  auch  der  Umstand  sprechen^  dass  die 
Jotation  in  der /te-Silbe  nur  in  dem  Falle  zu  finden  ist,  wenn 
zur  Bezeichnung  ihres  Consonanten  der  Buchstabe  g  verwendet 
ist,  also  nur  in  giu-,  gyu-  (mir  ist  eine  einzige  Ausnahme  be- 
kannt, vielleicht  ein  Schreibfeliler,  wolayyu  ÄWittb.  37).  Es 
könnte  noch  eine  andere  Erklärung  gegeben  werden,  die  unten 
(unter  X)  zur  Sprache  konmien  wird  und  wornach  -iu  in  giuisA 
einen  dem  späteren  -i  in  3iAi&  sich  nähernden  Laut  bezeich- 
nen würde.  Mag  nun  die  eine  oder  die  andere  Erklärung 
richtig  sein,  so  viel  scheint  mir  gewiss,  dass  die  Jotation  in 
Gtadas  (neben  iudas)  und  ebenso  in  gyutka  Dal  C.  42  (neben 
iutka  DalH.  eb.},  g^urzy  DalC.  45  (neben  yurzye  eb.),  gyuz 
Hrad.  53^  (neben  yuz  eb.  und  guz  2^),  wolagyu  ÄWittb.  21 
(neben  wzwolayu  29,  1.  sing.)  und  überhaupt  in  kurzen  j'u- 
Silben  einen  besonderen  Laut  j  nicht  bezeichnet. 

ß)  Dieses  in  Betreff  des  geschriebenen  giu,  gyu  gemachte 
Zugeständniss  dehnt  man  auf  alle  weichen  u-Silben  aus  und 
will  die  bloss  graphische  Geltung  ihrer  Jotation  dadurch  be- 
weisen oder  wenigstens  wahrscheinlich  machen,  dass  man  auf 
die  Armuth  des  den  altböhmischen  Schreibern  zur  Verfügung 
stehenden  lateinischen  Alphabets  hinweist,  dessen  Buchstaben 
zur  Bezeichnung  der  böhmischen  Laute  nicht  ausreichten;  in 
dieser  Noth  griffen  die  Schreiber  zu  verschiedenen  Mitteln, 
namentlich  auch  zu  dem,  dass  sie  zur  Bezeichnung  gewisser 
Laute  Verbindungen  von  Buchstaben  anwendeten,  z.  B.  die 
Buchstabenverbindung  rz  für  den  Consonanten  f,  chz  für 
6  u.dgl.;  zu  solchen  Complexionen  sei  auch  der  Buchstabe  i 
und  y  verwendet  worden,  z.  B.  in  zy  für  if,  so  dass  przylozyu 
^Wittb.  70  =  pfiloiu,  und  nicht  =  pSlo;^u,  u.  s.  w.  Dieser 
ganze  Analogieschluss  wird  aber  als  unrichtig  erkannt,  wenn 
man  bedenkt:  1.  dass  jotierte  t^-Silben  auch  in  cyrillischen 
und  glagolitischen  Handschriften  vorkommen,  wo  die  Schreiber 
nicht  in  der  Nothlage  waren,  sich  durch  Buchstabenverbindun- 
gen aushelfen  zu  müssen;  2.  dass  in  altböhmischen  Hand- 
schriften die  Jotation  auch  bei  solchen  Consonanten  vorkömmt, 
welche  eine  ihnen  eigene  graphische  Bezeichnung  bereits 
hatten  und  für  die  es  also  nicht  nothwendig  war,  neue  Com- 
plexionen zu  bilden,  z.  B.  bei  ^  im  Acc.  zorzyu  ÄWittb.  73 
asl.  zorj%,  bei  6  in  chziuyu  Jid.  162  asl.  öuj^  und  6juj^;   und 

SitsoBgiber.  d.  pUl.-hiit.  Gl.  XCm.  B4.  U.  HA.  22 


338  Oobaaer. 

3.  dass  die  erwähnte  Buchstabennoth  nicht  nur  vor  dem  Vocal 
u,  sondern  in  demselben  Grade  auch  vor  e,  a,  o  hat  fühlbar 
sein  müsseni  und  dass  also  die  zu  Hilfe  genommenen  Com- 
plexionen  in  der  Schrift  auch  vor  e  {=  asl.  e  oder  h^  oder 
euphonischer  Ein8chub)|  a  und  o  zu  finden  sein  sollten ;  dies 
ist  aber  in  Handschrifteni  aus  denen  unsere  Belege  für  die 
u-Silben  genommen  sind,  nicht  der  Fall. 

7)  Im  Gegentheil  befleissen  sich  die  Schreiber  der  von 
mir  benutzten  Handschriften  einer  offenbaren  Genauigkeit  in 
dem  SinnO;  dass  sie  die  Vocale  e,  a,  0  nicht  praejotieren^ 
wenn  die  Jotation  nicht  lautlich  berechtigt  ist,  und  dieser  Um- 
stand macht  es  zum  Mindesten  sehr  wahrscheinlich,  dass  sie 
auch  bei  u  die  Praejotation  nur  dann  anwendeten,  wenn  in 
der  Aussprache  ein  Grund  dazu  vorlag.  Wenn  man  bedenkt, 
dass  z.  B.  im  2Wittb.  die  Jotation  vor  e,  a  (fUr  o  gibt  es 
kein  Beispiel)  regelmässig  nur  in  solchen  Fällen  sich  geschrieben 
findet,  wo  sie  auch  in  der  Aussprache  vorhanden  war,  so  wird 
man  kaum  die  Meinung  fär  richtig  halten,  dass  in  derselben 
Handschrift  die  Jotation  vor  u  ein  blosses  Erweichungszeichen 
ohne  lautlichen  Werth  sei;  es  ist  nicht  denkbar,  dass  der 
Schreiber,  welcher  regelmässig  uczynan  d.  i.  uöi^en  17,  scze- 
nata  d.  i.  ^öe^Eata  103,  uhlö  ohnowo  d.  i.  oh^vo  17  u.  s.  w. 
schreibt  und  nicht  das  Bedürfniss  empfindet,  den  Palatalis- 
mus des  Consonanten  fi  durch  angehängte  Jotation  anzudeuten 
und  uczynyen  oder  uczynien  u.  s.  w.  zu  schreiben,  dass  der 
Schreiber,  der  den  Grundsatz  hat,  die  Jotation  bei  e,  a,  0  nie 
als  blosses  Erweichungszeichen  anzuwenden,  bei  u  sich  das 
Gegentheil  zum  Grundsatze  gemacht,  die  Jotation  als  blosses 
Erweichungszeichen  gebraucht  und  AMssyu  statt  des  gehörten 
ixxiu  u.  s.  w.  geschrieben  hätte. 

l)  Es  könnte  die  Möglichkeit,  dulu  und  Am^ju  u.  b.  w. 
in  der  Aussprache  deutlich  zu  unterscheiden,  bezweifelt  oder 
in  Abrede  gestellt  und  hieraus  ein  Grund  gegen  die  phone- 
tische und  ftir  die  bloss  graphische  Geltung  der  Jotation  ge- 
schöpft werden.  Dies  wäre  aber  unrichtig.  Die  altböhmische 
Aussprache  unterschied  ganz  deutlich  ^e  und  H  (rze)s\  Pass. 
280  und  r^ißka  312),  !te  und  Ü  (kaze  praedicat  292  und  kan« 
praedicans  411),  ie  und  iS  (pi««e  scribit  275  und  ^issye  scri* 
bens  486),   ^<s    und   ^S  (placze  plorat   374  und  plac^ie  plorans 


Üflber  die  weichen  a-,  o-  and  «»Silben  im  AUMhmiechen.  339 

309);  üe  und  ni  (pro  nezto  zahanbenie  propter  quod  429  and 
pro  »yezto  sc.  hfiechy  propter  quos  Modi.  93*),  de  und  di 
(shromazdönye  Modi.  42*  und  zh\edye\  54*),  fe  und  tS  (czten 
DalC.  76  und  ztrsitye  4);  war  aber  diese  feine  UnterBcbeidung 
in  der  altböbmischen  Aussprache  möglich,  so  war  eine  deut- 
liche Unterscheidung  zwischen  fa  und  fju,  iu  und  iju  u.  s.  w. 
nicht  unmöglich. 

e)  Weiche  u-Silben  mit  inlautender  Praejotation  sind  nicht 
nur  in  altböhmischen,  sondern  auch  in  altrussischen  und  alt- 
slovenischen  Handschriften  zu  finden;  s.  Miklosich,  Vergl. 
Gramm.  I.  108,  III^  19,  Altslovenische  lautlehre»  283,  291  u.  a.; 
Leskien,  Beiträge  6.  161—164.  Sie  sollten,  nach  der  Schrift 
zu  urtheilen,  auch  im  Russischen  und  Kleinrussischen  vor- 
kommen, nach  Potebnja,  ZamStki  o  malorusskom^b  nar&öii  9 
und  Archiv  fiii'  slav.  Philologie  3.  366,  ist  aber  eine  solche 
Deatong  der  geschriebenen  Form  unrichtig  und  es  soll  die 
Jotation  ,nicht  einen  selbstständigen  Laut,  sondern  die  pfdatale 
Natur  des  vorhergehenden  Consonanten^  bezeichnen.  Die  Rich- 
tigkeit dieser  Beobachtung  wird  hier  nicht  in  Zweifel  gezogen, 
insofern  sie  sich  auf  russische  Dialekte  bezieht;  auf  das 
Ältböhmische  aber  kann  ihre  Deutung  nach  meinem  Dafür- 
halten nicht  angewendet  werden,  der  oben  unter  y  angeführte 
Grund  macht  sie  unzulässig:  wenn  musterhafte  Schreiber  die 
Jotation  bei  e,  a,  o  nicht  als  blosses  Erweichungszeichen  an- 
wenden, selbst  nicht  in  Fällen,  wie  shromaze^enye  d.  i.  shro- 
md^^isnie  Modi.  42*,  dyefatko  d.  i.  d^^tko  Pass.  278,  uhlä 
ohnowo  d.  i.  ohüovo  ÄWittb.  17  u.  ä.,  wo  die  Nothwendig- 
keity  die  palatale  Natur  des  Consonanten  anzudeuten,  offenbar 
vorliegt,  so  ist  es  nicht  glaublich,  dass  sie  diesem  Grundsatze 
zuwider  die  Jotation  bei  u  nur  als  ein  blosses  Erweichungs- 
zeichen anwenden  sollten,  öfters  ganz  überflüssig,  wie  z.  B.  in 
Fällen  wie  prossyu  Pass.  331  asl.  pro§^,  zorzyu  Acc.  2Wittb. 
73  asl.  zoij^,  wo  die  Complexionen  ss,  rz  zur  Darstellung  der 
palatalen  Consonanten  §,  ^  hätten  hinreichen  sollen.  Mir 
scheint  dagegen  für  die  Werthschätzung  der  hier  betrachteten 
Praejotation  der  n- Silben  der  Umstand  besonders  wichtig  zu 
sein,  dass  altböhmische,  altrussische  und  altslovenische  Schreiber 
in  diesem  Punkte  übereinstimmen,  trotz   der   Verschiedenheit 

des  Ortes,  der  Sprache  und  des   Alphabets.     Zugegeben,   da8& 

22* 


340  Gebanef. 

sie  durch  die  z.  B.  in  der  Silbe  ^ju-  geschriebene  Jotation  nur 
die  palatale  Natur  des  Consonanten  ij  und  zwar  im  Gegensätze 
zu  ^u-  gleichsam  einen  höheren  Grad  von  Palatalismus  hätten 
andeuten  wollen,  so  muss  gefragt  werden,  wie  es  denn  ge- 
kommen ist,  dass  sie  zum  Zweck  einer  solchen  Andeutung 
alle  zu  demselben  Mittel  der  Praejotation  gegriffen  haben? 
An  eine  Verabredung  ist  nicht  zu  denken.  £ine  Beeinflussung 
und  Nachahmung  konnte  nur  stellenweise  stattgefunden  haben; 
sicherlich  hat  z.  B.  der  altböhmische  Schreiber,  welcher  zuerst 
den  Dat.  sing,  otc^u  schrieb,  vom  altslovenischen  otBc/u  nichts 
gewusst.  Auch  war  es  nicht  so  nahe  gelegen  und  selbstver- 
ständlich, zur  Bezeichnung  des  Palatalismus  eben  die  Jotation 
zu  verwenden,  wenigstens  für  altböhmische  Schreiber  nicht; 
die  Entwickelungsgeschichte  der  böhmischen  Orthographie 
bietet  einen  für  mich  unwiderlegbaren  Beweis,  dass  unter  den 
alten  Mitteln  zur  Bezeichnung  der  palatalen  Natur  eines  Con- 
sonanten die  Jotation  sich  nicht  befand,  dass  diese  erst  mit 
der  Zeit  (seit  der  zweiten  Hälfte  des  XIV.  Jahrh.)  zu  einem 
solchen  wurde,  und  zwar  nicht  durch  Speculation  der  Schreiber^ 
sondern  durch  den  oben  angedeuteten  Sprachverfall:  geschriebenes 
nyemj  asl.  n^uvb  mutus  wurde  noch  im  XIV.  Jahrh.  Mmj 
ausgesprochen,  die  Aussprache  änderte  sich  aber  in  nemf  um, 
das  geschriebene  ny-  wurde  als  eine  Complexion  für  ü  und 
die  Jotierung  als  ein  Mittel  zur  Andeutung  der  palatalen  Aus- 
sprache aufgefasst.  Kann  aber  die  in  Rede  stehende  lieber- 
einstimmung  der  altböhmischen,  altrussischen  und  altslove- 
nischen Schreiber  weder  durch  Verabredung,  noch  durch  Beein- 
flussung und  Nachahmung,  noch  auch  dadurch  erklärt  werden^ 
dass  unter  den  graphischen  Mitteln,  die  palatale  Natur  eines 
Consonanten  anzudeuten,  die  Jotierung  am  nächsten  liegen  und 
sich  gleichsam  von  selbst  verstehen  sollte,  so  weiss  ich  keine 
andere  Erklärung  als  die,  dass  die  betreffenden  Schreiber  in 
der  wirklichen  Aussprache  ihrer  Landsleute  und  Zeit- 
genossen Anlass  gefunden  haben,  weiche  t«-Silben  zu  prae- 
jotieren,  dass  fiir  sie  eine  in  den  weichen  ti-Silben  inlautende 
Praejotation  hörbar  war.  Ist  dies  richtig,  so  hat  diese  Jota- 
tion auch  in  den  hier  berücksichtigten  altböhmischen  Hand- 
schriften selbstständigen  lautlichen  Werth  und  nicht  eine  bloss 
orthographische  Bestimmung. 


üeber  die  weiehen  a»,  o-  and  U'Silben  im  AltbAhmischeii.  341 

l)  Unter  den  jotierten  weichen  ti-Silben  der  altböhmischen 
Handschriften  gibt  es  auch  viele  solche,  die  durch  Zusammen- 
Ziehung  entstanden  sind  und  deren  Jotation  aus  der  uncon- 
trahierten  Form  herstammt,  folglich  etymologisch  und  lautlich 
berechtigt  ist.  Z.  B.  im  Dat  sing,  k  svat^mu  Gyurisj^ti  DalC. 
32  ist  die  Endung  aus  älterem  -iju  entstanden,  Jufiju  nach 
asL  Jariju;  aus  -Kju  hat  durch  Zusammenziehung  sowohl  -ft^ 
als  auch  -iriu  (oder  -fjü)  entstehen  können;  findet  sich  aber 
-rzyu  geschrieben,  so  wird  wohl  Niemand  behaupten,  es  sei 
■H  zu  lesen,  vielmehr  wird  man  die  Jotation  in  -rzyu  als 
sicheres  Zeugniss  für  die  Aussprache  -^iu  (oder  i^jü)  gelten 
lassen.  Dasselbe  gilt  vom  Dat.  Loc.  sing,  zzboslu  Jid.  156, 
d.  i.  shoHu  aal.  -iju,  Äcc.  sing,  tu  panju  Hrad.  103^,  d.  i. 
pantu  asl.  -ij^,  Instr.  sing,  piesnju  2Wittb.  68,  d.  i.  piesmu 
asl.  -ij^,  Gen.  Loc.  du.  ussyu  nejmSjieSe  Dal.  C.  20,  d.  i.  uHu 
asl.  -iju,  Äcc.  sing.  mSjieSe  öesf  welyu  DalC.  72,  d.  i.  veliu 
asl.  'ij%,  jiz  zabyu  2Wittb.  cant.  Deuter.,  d.  i.  zabtu  statt 
zabiju  u.  s.  w.  Nun  machen  aber  selbst  die  genauesten 
Schreiber  keinen  Unterschied  zwischen  diesen  Silben  mit  einem 
etymologisch  berechtigten  /-Laut  einerseits  und  anderen  weichen 
u-Silben  andererseits,  sie  schreiben  z.  B.  ciesarzyu  DalC.  58 
ebenso  wie  Gyurzyt^  32,  was  sie  wohl  nicht  gethan  hätten, 
wenn  sie  in  der  Aussprache  einen  so  durchschlagenden  Unter- 
schied bemerkt  hätten,  wie  er  zwischen  -fu  und  -Hu  u.  s.  w. 
offenbar  besteht.  Die  gleiche  Schreibung  wird  erklärlich, 
wenn  wir  annehmen,  dass  auch  in  ciesar^yu  .  .  .  praejotiertes 
u  gesprochen  wurde. 

Y))  Hier  liegt  die  Einwendung  nahe,  dass  die  etymolo- 
gische Berechtigung  und  folglich  auch  die  phonetische  Geltung 
des  i  in  Fällen  wie  Dat.  Jui^m,  Dat.  Loc.  shoiiu,  Instr.  piesntu 
u.  8.  w.  zweifelhaft  ist,  indem  sich  auch  unjotierte  Beispiele 
vorfinden,  wie  na  ztracenhu  DalH.  39,  d.  i.  na  ztrsLceüü  statt 
nivj  k  skonczienhu  42,  d.  i.  k  skonö^u  statt  -niv,  na  skoncienu 
2;G1o8s.  255,  k  radowanu  2  Wittb.  105,  vSii  moczu  AlxH.  1\  d.  i. 
mocü  statt  moct«,  k  odpustzenu  im  Fragmentum  concionatorium 
(aus  der  zweiten  Hälfte  des  XV.  Jahrb.,  Archiv  für  slav.  Philol. 
1.618),  d.  i.  k  odpSöentu  st.  -nit*,  radostzu  (eb.  619),  d.  i.  s  radosct^ 
st.  -du  u.  ä.  Diese  Beispiele  sind  freilich  kein  Zeugniss  für  das 
lautliche  Vorhandensein  eines  %  und  folglich  auch  nicht  fUr  den 


342  Oe bauen 

etymologischen  Ursprung  dieses  Lautes,  aber  sie  sind  auch  kein 
hinreichendes  Zeugniss  dagegen.  Sie  kommen  verhältniss- 
mässig  sehr  selten  vor  und  die  Mehrzahl  von  ihnen  ist  theils 
durch  die  abweichende  Aussprache  zu  rechtfertigen ,  theils 
durch  unvollkommene  Orthographie  zu  erklären.  Von  den 
Abweichungen  der  Aussprache  wird  weiter  unten  die  Rede 
sein.  Was  aber  die  Orthographie  betrifft,  so  darf  man  nicht 
übersehen,  dass  ihre  Mittel  bis  gegen  äas  Ende  des  XIII.  Jahrh. 
sehr  ungenügend  waren,  dass  sie  sich  erst  mit  der  Zeit  ent- 
wickelten und  vervollkommneten,  und  dass  in  Folge  dessen 
auch  die  Jotierung,  selbst  wo  sie  etymologisch  berechtigt  ist, 
in  der  Schrift  erst  dann  gehörig  durchgeführt  werden  konnte^ 
als  die  orthographische  Kunst  schon  genügend  entwickelt  war. 
Es  gilt  hier  dasselbe,  was  von  den  weichen  <3-Silben;  z.  B.  in 
hrziessyl  Pass.  397,  d.  i.  hf^Sil  asl.  greSil^b,  hat  sich  das  e 
sicherlich  nicht  erst  um  das  Jahr  1300  entwickelt,  es  war 
hier  sicher  lange  vorher  und  gewiss  schon  im  XIII.  Jahrh.^ 
und  doch  liest  man  in  einem  Liede  aus  dem  Ende  dieses  Jahr- 
hunderts  blosses  e:  Evino  zressenie  statt  zhfeäenie  (Gas.  Cesk. 
Mus.  1878,  293). 

6)  Es    liegt   ferner    auch   die   Einwendung  nahe,  dass  in 
der  Mehrzahl   der   Fälle   die  Jotation  ohne  etymologische  Be- 
rechtigung ist.     In   Fällen   wie   Dat.    sing,  ehoiiu  aus  sboziju, 
zabtu  aus  zabi/u  u.  dgl.  ist  die  Jotation  aus  der  uncontrahier- 
ten  Form  herübergekommen  und  demnach  berechtigt;  dies  ist 
aber  nicht  der  Fall  im    Acc.   mezu,   1.   sing,   pro^  u,  s.  w.; 
zwar  ist  auch  hier  einst  ein  etymologisches  j  gewesen,  indem 
diese  Formen  aus  *med/u,  *pro*/u ...  zu  erklären   sind,  das  j 
ist   aber  in   den   erfolgten   Lautveränderungen   dj-z,   */-i  .  .  . 
aufgegangen    und   bietet   keine   Berechtigung  zur  Jotation  im 
altböhm.  mezju,  proSju  .  .  .     Die  Einwendung  fragt  also  nach 
dem   Ursprünge    des  j   in    mQzju,    froSju  .  .  .;  sie  bestreitet, 
dass  er  etymologisch  wäre,  und  erklärt  darauf  hin  diese  Jota- 
tion  für   ein    bloss   graphisches   Zeichen   ohne  selbstständigen 
lautlichen  Werth.     Dieser   Schluss  ist  aber  unrichtig.    Selbst 
wenn  man   zugibt,    dass    die    hier    besprochene    Jotation  un- 
organisch ist,  so  ist  deswegen  ihr  lautliches  Dasein  doch  nicht 
in  Abrede    zu    stellen,    denn    sie    hat,    was  wahrscheinlich  ist 
(Schmidt,  Beiträge  6.  131  flF.,  Miklosich,  Altsloven.  lautlehre  » 


TJeber  die  weichen  a-,  o>  und  «-Silben  im  AUbShmiflcken.  343 

292);  als  Parasit  aufkommen  und  sich  festsetzen  können.  In 
manchen  Fällen  hat  falsche  Analogie  mitgeholfen.  So  konnte 
z.  B.  tfa^tuci,  öini  zemju  trzassiuciu  2Klem.  84^  (falls  es  nicht 
ein  Schreibfehler  ist),  als  Nachahmung  des  Participium  no^iuci 
oder  no^'tici,  oböf  hlassonossiuciu  eb.  l?'^;  entstanden  sein;  so  hat 
man  für  asl.  pogr%2en:b  nböhm.  pohroi«2en,  daneben  aber  auch 
poh^ien  und  aböhm.  poh^*ti2en;  pohi*ziu8sen  sem  u  bahn§ 
2Klem.  50^;  letzteres  gebildet  unter  dem  unberechtigten  Ein- 
flösse des  intransitiven  poh^/ezen  asl.  pogr^zen^b  Infin.  po- 
gr^n^ti  demergi;  ufid  so  könnte  auch  ti^ic  aböhm.  tisiuc  neben 
üsüc  asl.  tys^ta  erklärt  werden,  wenn  sich  die  vermittelnde, 
dem  asl.  tys^Sta  und  russ.  tysjaöa  entsprechende  altböhm. 
Form  *ti«i6C  nachweisen  liesse.  Für  parasitischen  Ursprung 
des  j-Lautes  in  den  hier  gemeinten  Silben  kann  auch  der 
Umstand  angeführt  werden,  dass  in  den  Handschriften  jotierte 
and  anjotierte  weiche  u-Silben  neben  einander  vorkommen, 
z.  B.  Accus,  sing,  dussyu  2iWittb.  34  und  dussu  eb.  88, 
pasczyu  94  und  pusczu  138,  tuto  stolyczyu  Mast.  1^  und  hny- 
lyczu  6^,  smuczyugess  m6  41  und  zamnczuges  64,  smyliuy  86 
2Klem.  107*  und  smyluy  sS  140*  u.  s.  w.  Diese  Ungleichheiten 
können  zum  Theil  von  inconsequenten  Schreibern  verschuldet 
sein,  die  gehörtes  du^'u  einmal  richtig  dussyu,  ein  anderes 
Mal  aber  unrichtig  dussu  geschrieben  haben;  in  der  Mehrzahl 
der  Fälle  darf  aber  angenommen  werden,  dass  den  Ungleich- 
heiten der  Schrift  Schwankungen  der  Sprache  zu  Grunde 
liegen,  und  diese  letzteren  wird  man  selbstverständlich  finden, 
wenn  man  annimmt,  dass  die  Jotation  parasitisch  ist;  der 
Parasit  tritt  Anfangs  nur  in  einzelnen  Fällen  auf,  verbreitet 
sich  dann  mit  der  Zeit  und  allmählich,  und  diese  Phase  seiner 
allmählichen  Verbreitung  ist  für  die  Sprache  eine  Phase  von 
Schwankungen. 

t)  Der  Vocal  der  weichen  u-Silben  geht  im  Böhmischen 
durch  Assimilation  in  i,  i  über;  z.  B.  Acc.  sing.  duSi  für 
älteres  du^ii  und  du^u,  Instr,  du§{  für  älteres  dnUu  und  du§i2. 
Ein  ähnlicher  Lautwandel  ist  auch  im  Altslovenischen  und 
Bulgarischen  zu  finden,  indem  inlautendes  ju  in  i  übergeht, 
z.  B.  asl.  pl;t<n^ti  —  phn%ti  spuere,  kl/uvati  —  kUVati  rostro 

tundere,  -Ijuho libo  -Übet,  *r/M-  —  n'kati  rugire,  *gju 

2ij^tiim:B  mandentibus,   bulg.   kl/uö   —  kliö  clavis,   \juhh  — 


344  Gebaner. 

k'bB  amo,  pl/H)^  ^  pl\j^  spuo;  s.  Miklosich;  Gramm.  I  25  und 
266,  Asl.  lautl.  3  167.  Der  Unterschied  zwischen  der  Assi- 
milation  im  Böhmischen  und  der  ähnlichen  Lautverwandlung 
im  Altslovenischen  und  Bulgarischen  ist  nur  quantitativ,  was 
dort  als  Regel  gilt,  ist  hier  auf  wenige  Fälle  beschränkt; 
qualitativ  ist  es  offenbar  dieselbe  Veränderung,  böhm.  \juho  — 
Ifbo  =  asl.  Ijuho  —  h'bo  =  bulg.  \juhh  —  libb.  Ist  diese 
Gleichstellung  richtig,  so  folgt  daraus  für  unseren  Zweck,  dass 
auch  das  böhmische  assimilierte  i  eine  jotierte  u-Silbe  voraus- 
setzt, dass  z.  B.  du§i  aus  dud/u  entstanden  ist,  und  dass  daher 
die  in  dussyu  2iWittb.  34,  dussiu  ApS.  333  u.  s.  w.  geschrie- 
bene Jotation  lautlichen  Werth  hat. 

x)  Das  assimilierte  i  setzt  also  ju  voraus  und   die  Assi- 
milation ist  die  Wirkung  des  j'-I^autes;    s.  Miklosich,    Altslov. 
lautl.  3  167,  und  Schmidt,   Beiträge   6.    133  ff.  und  137.    Dies 
schliesst  auch  den  Satz  in   sich,   dass   die  Assimilation  nur  in 
jotierten  Silben  habe   zu   Stande   kommen  können,  nicht  aach 
in  unjotierten,  und  dass  in  nicht  assimilierten  Silben  das  Aus- 
bleiben der  Assimilation  durch  den  Abgang  des  j'-Lautes  wird 
erklärt  werden  können:  du§/u  ging  durch  die  Wirkung  des  j 
in  dvL&i  über,  du&u  aber  blieb  unverändert,   weil   das  die  Ver- 
änderung bewirkende  j  fehlte.  In  der  heutigen  Sprache  finden 
wir  assimilierte  und  nicht  assimilierte   Silben   neben  einander, 
piSt  neben  pi§2/,    duSt   neben   povyfiuje   .  .  .,  und  es  kann  zur 
Bewahrheitung  des  obigen  Satzes  gefordert  werden,  dass  man 
nachweise,    dass    die   Thatsachen    der   heutigen    Sprache   dem 
Postulate  des  Satzes  entsprechen,  dass  die  heutigen  nicht  assi- 
milierten weichen  u-Silben   mit   den   alten   nicht  jotierten,  da- 
gegen die  heutigen   assimilierten   t-Silben   mit  den  ehemaligen 
jotirten  n-Silben    wirklich   zusammen   gehören,   dass  z.  B.  das 
heutige    nicht    assimilierte    duäu   Nachfolger    des    alten   nicht 
jotierten  du§ti^  dagegen  das  heutige  assimilierte  du§t  Nachfolger 
des   ehemaligen  jotierten   dxiJkju   ist.     Eine   solche   Zusammen- 
gehörigkeit lässt  sich  auch  wirklich  nachweisen  oder  wenigstens 
sehr  wahrscheinlich   machen,    wenngleich   nicht   für  jedes  ein- 
zelne Beispiel,  so  doch  im  Allgemeinen  und  für  gewisse  sehr 
wichtige   Fälle.     Folgende   Auseinandersetzung   soll  die  Sache 
deutlicher  zeigen. 


ÜAber  die  weicheii  a-,  o-  und  u-Süben  im  Altbftkniiseheii.  345 

1.  Die  heutige  böhmische  Sprache  (im  weitesten  Sinne) 
spaltet  sich  bezüglich  der  in  Rede  stehenden  Assimilation  in 
zwei  Dialekte;  den  i-Dialekt  (duSt,  in  Böhmen)  und  den  i/- 
Dialekt  (duäu,  Mähren,  Schlesien  und  Slowakei).  Im  Sinne  des 
obigen  Satzes  ist  der  heutige  i-Dialekt  eine  Umwandlung  des 
ehemaligen  ^t^-Dialekts  (duS/u^  altböhmisch  im  engeren  Sinne) 
and  es  ist  daher  zu  gewärtigeUi  dass  altmährische,  altschlesische 
und  altslovakische  Handschriften  (wenn  sich  welche  vo]*finden) 
anjotiertes,  altböhmische  dagegen  jotiertes  u  bieten  werden. 
Dieses  theoretische  Postulat  wird  durch  die  Denkmäler  Boh. 
und  das  freilich  ausserhalb  unseres  Beobachtungskreises  lie- 
gende Fragmentum  concionatorium  (Archiv  fttr  slav.  Philol.  1. 
617—620)  thatsächlich  bestätigt.  Diese  Denkmäler,  denen 
vielleicht  auch  das  Fragment  AlxH.  beizuzählen  ist,  beweisen 
es  anderweitig,  dass  sie  mährischen  oder  mährisch-schlesischen 
dialektischen  Ursprunges  sind  —  nämlich  durch  häufiges  dz 
und  c  für  ef  und  f:  dwadczieczi  czizuczow  AlxH.  1^  und  1^, 
d.  i.  dvadcSci  cisüc6v  statt  dvacSd  äsiuc6v,  czizucz  2^  (2),  d.  i. 
cisuc  statt  tisiuCy  m&mt  dzyekowaczi  Boh.  354,  d.  i.  e^z^kovaci 
statt  dhkovsUi,  podlä  ludzj  352,  d.  i.  Indzi  statt  Ijudi,  hfSchy 
odpostziczy  Frag.  conc.  620,  d.  i.  odpuscici  statt  odpustiti  u.  ä. 
--  und  sie  entsprechen  auch  unserem  Postulate,  indem  sie 
regelmässig  unjotiertes  u  haben:  Boh.  bietet  es  ohne  Aus- 
nahme, AlxH.  hat  eine  einzige  Ausnahme  in  po  przirozenyu 
2^,  d.  i.  po  p^irozenm,  also  in  einem  Falle,  wo  die  Jotation 
etymologisch  berechtigt  ist  (-tu  aus  'iju),  und  das  Fragm. 
coDcion.  hat  wiederum  nur  unjotiertes  und  kein  jotiertes  u. 
Z.  B.  na  fararzu  Boh.  351,  swyetlnyczu  Accus.  348,  peczu 
343,  d.  i.  p6öu,  przu  353,  na  zemu  340,  rzeczu  Instr.  340, 
d.  i.  feöA,  wyzu  1.  sing.  353,  lud  347,  zirdczu  svSmu  AlxH. 
2^,  jednu  zemiczu  1%  majüc  pechzu  P,  wssu  moczu  P,  hör- 
88U  vnadu  2*,  zlyssu  1%  k  odpustzenu  Frag,  concion.  im  Archiv 
1.  618,  d.  i.  k  od^u&iieM,  za  dussu  619,  wassu  modlidbu  618, 
B  radostzu  619,  obcczu  spowet  620  .  .  .,  wogegen  z.  B.  DalC. 
na  orzyu  21,  skonczyenyu  tak^mu  18,  na  onu  studnyczyu  19, 
0  pokoji  peczyu  m6jie§e  58,  v  nedyelyu  32,  kde2to  moczyu 
nedoteku  9,  wassyu  biedu  19,  wassyu  hospodü  4,  wyzyu  21, 
lyad  23  u.  s.  w.  hat.  —  Das  Fragm.  concion.  hat  freilich  auch 
assimilierte  Formen,  z.  B.  k  mil^mu  spasitely  618,  d.  i.  spasi- 


346  aebaner. 

teh*^  ktefii^  praczugy  eb.,  d.  i.  pracujz  u.  ä.;  diese  sind  dadurch 
entstanden,  dass  der  Schreiber  bemüht  war,  in  der  böhmischea 
Schriftsprache  zu  schreiben,  wie  dies  auch  seine  Correctaren 
verrathen :  daty  618,  d.  i.  däti  corrigiert  aus  daczy,  bogiez  619 
corrigiert  aus  bogucz.  Dasselbe  ist  auch  in  anderen  Denk- 
mälern der  Fall.  Dieses  i  statt  u  ist  aber  keine  Ausnahme 
von  der  hier  betrachteten  Regelmässigkeit;  ihr  würde  nur  das 
widersprechen,  wenn  eine  Handschrift,  die  sich  durch  andere 
Zeichen  für  mährisch  -  dialektisch  ausgibt,  weiche  t<-Silben 
regelmässig  jotieren  würde,  und  dieses  findet  sich  in  keiner 
der  hier  benutzten  dialektischen  Quellen.  —  Dagegen  finden 
sich  jotierte  u-Silben  als  Regel  in  solchen  Texten,  die  keine 
Spuren  dialektischen  Ursprunges  tragen  und  die  wir  also  für 
böhmisch  (im  engeren  Sinne)  halten  können.  Sie  bilden  unter 
den  alten  Handschriften  die  bei  weitem  grössere  Mehrzahl, 
was  man  als  natürlich  erkennen  wird,  indem  das  geistige  Leben 
und  schriftstellerische  Wirken  seit  jeher  in  Böhmen  reger  war, 
als  sonst  auf  dem  böhmischen  Sprachgebiete,  und  weil  auch 
ausserböhmische  Schreiber  es  sich  angelegen  sein  Hessen,  sich 
der  Formen  der  Schriftsprache  zu  bedienen. 

2.  Es  gibt  aber  auch  im  Bereiche  des  eigentlichen  böh- 
mischen t-Dialekts  Fälle,  wo  die  Assimilation  unterblieben  ist, 
und  der  oben  ausgesprochene  Satz  soll  sich  auch  hier  bewahr- 
heiten: es  soll  sich  zeigen,  dass  in  den  Fällen,  wo  der  neu- 
böhmische '/-Dialekt  unassimilierte  Formen  hat  oder  assimilierte 
neben  nicht  assimilierten  gebraucht,  auch  die  altböhmische 
Sprache  nach  dem  Zeugnisse  der  Handschriften  ausnahmsweise 
unjotierte  neben  regelmässig  jotierten  t«-Silben  gehabt  oder 
zwischen  beiden  geschwankt  habe.  Das  zeigt  sich  auch  in 
der  That:  Es  gehört  hieher  namentlich  —  abgesehen  von 
einigen  einzelnen  Beispielen,  wie  nböhm.  vSudy  aböhm.  vjudy, 
wssudy  Modi.  13**  ...  —  das  u  der  weichstämmigen  Verba 
der  VI.  Classe,  povySwje  .  .  .,  und  die  Endung  der  1.  Person 
sing,  und  3.  plur.,  pi§u,  piiou  .  .  . 

a)  In  der  Suffixsilbe  der  VI.  Classe  povystije  ...  hat 
das  Neuböhmische  nie  Assimilation,  weder  im  Dialekt,  noch  in 
der  Schriftsprache.  Hiemit  stimmt  auch  das  Altböhmische  in- 
sofern überein,  als  es  nach  dem  Zeugnisse  der  Handschriften 
theils  zwischen  jotierten    und    nicht  jotierten    (povys/wje  und 


üeber  die  weichen  a-,  o>  und  M-8ilben  im  AltbAlmieehen.  S47 

povySuje,  im  2Wittb.  und  ^Klem.);  theils  zwischen  assimi- 
lierten und  nicht  assimilierten  Formen  (povyStje  und  povySuje, 
Pass.y  Hrad.  und  Modi.)  schwankt.  Die  Schwankungen  nahmen 
am  das  Jahr  1400  ein  Ende,  als  sich  die  Schriftsteller  für  die 
nicht  assimUierten  Formen  entschieden  und  die  assimilierten, 
bis  dahin  nur  zum  Theil  und  vielleicht  nur  in  der  Bücher- 
spräche  beliebten  Formen  vollständig  aufgegeben  haben.  Merk- 
würdig ist  für  diesen  Fall  das  Passional  dadurch,  dass  es  in 
dieser  Silbe  (fiir  neuböhmisches  nicht  assimiliertes  u)  nie 
jotiertes  u  hat,  während  es  sonst  (für  nböhm.  assimiliertes  i) 
regelmässig  jotiertes  u  bietet  (ausgenommen  ct«zi^  procütiti  und 
die  Silbe  ju :  zneju  .  .  .),  z.  B.  $u  =  nböhm.  Su  in  okrassuy 
467,  potrussugycz  363,  rozhriessugy  417  neben  äju"  =  nböhm. 
H-  in  mssyu  släi^iti  453,  mssyu  öta  453,  nassyu  prosbu  453, 
iu  =  nböhm.  Su-  in  v^ci  m&  s6  zraczugy  431  neben  iju-  = 
nböhm.  öi-  chcmy  o  tobä  peczju  mieti  284,  lu  =  nböhm.  It^ 
in  kraluge  na  vöky  383,  newzdaluy  sä  381  neben  Iju  = 
nböhm.  li-  in  jdz  slyu  andela  277,  £u-  =  nböhm.  iu-  in  protoi^ 
8$  ka2dy  wzhrozuge  322  neben  iju-  =  nböhm.  ifi-  in  pokladyf 
ukazyu  429  u.  ä. 

b)  Die  Endungen  der  1.  Fers.  sing,  und  3.  plur.,  die  im 
Ältböhmischen  mit  einer  weichen  ti-Silbe  ausgelautet  haben, 
sind  im  Neuböhmischen,  insoferne  nicht  andere  Veränderungen 
eingetreten  sind,  in  der  Umgangssprache  ohne  Assimilation,  in 
der  Schriftsprache  dagegen  assimiliert:  z.  B.  1.  sing,  piäu  — 
piM,  3.  plur.  fi^au  —  piäi,  und  ebenso   ma2u  —  ma2t,  maiot« 

—  maii,  pUöt^  —  pläöi,  pläöou  —  fl&6i,  st&üu  —  st&nt,  st&üou 

—  stftni.  Dieser  Unterschied  kann  sich  nur  mit  der  Zeit  ent- 
wickelt und  festgesetzt  haben;  es  darf  angenommen  werden, 
dass  die  Sprache  zu  einer  gewissen  Zeit  beide  Formen  zu- 
gleich gehabt  und  als  gleichberechtigt  gebraucht  habe,  piäii 
und  (da  pi§i  aus  pi^ju  erklärt  wird)  piSjM,  wovon  die  erstere 
in  der  Umgangssprache  sich  festgesetzt  hat,  während  die  letz- 
tere in  der  Schriftsprache  beliebt  geworden  ist.  Diese  An- 
nahme aber,  die  an  sich  wenigstens  nicht  unwahrscheinlich 
ist,  erhält  durch  die  Schwankungen  der  Handschriften  that- 
Bächliche  Bestätigung:  so  wie  die  gegenwärtige  Sprache 
zwischen  pi§z4  und  piSi  .  •  .  schwankt,  so  hat  auch  die  alte 
Sprache  geschwankt,  wie  es  die  Beispiele  wyzu  Mast.  4*  neben 


348  Oebaner. 

wyzyu  DalC.  21,  wraczu  ÄWittb.  115  neben  wraczyu  65, 
nepolozu  109  und  przylozyu  70,  zoblaczyu  131  und  upusczu 
mittam  cant.  Deuter,  u.  s.  w.  beweisen.  Die  Verschiedenheit 
der  Verbalclasse  ist  hier  ganz  gleichgültig,  es  gilt  von  piju  — 
pijt,  piJM  —  pij/,  slyStt  —  slySi,  chozu  —  chozt,  k&itu  —  käii . . . 
immer  dasselbe. 

Auf  diese  Weise  wäre  es  also  wenn  nicht  nachgewiesen, 
so  doch  sehr  wahrscheinlich  gemacht,  dass  die  böhmische 
Assimilation  u — i  eine  Wirkung  des  j-Lautes  ist,  dus/u  — 
dual,  und  wären  auch  die  unassimiliert  gebliebenen  u-Silben 
durch  den  Abgang  der  Jotation  erklärt.  Aus  allem  dem  folgt 
aber  wiederum,  dass  die  in  altböhmischen  Handschriften  ge- 
schriebene Jotation  lautlichen  Werth  gehabt  haben  müsse. 
Wer  diese  Wahrscheinlichkeit  und  die  aus  ihr  fliessende 
Folgerung  bestreiten  wollte,  miisste  im  Stande  sein,  die  von 
uns  theoretisch  postulierte  und  durch  Thatsachen  bestätigte 
Uebereinstimmung  zwischen  dem  unjotierten  u  des  Böhmischen 
und  des  unassimilierten  u  des  heutigen  mährischen  Dialekts, 
und  ferner  zwischen  den  Schwankungen  der  altböhmischen 
Handschriften  und  den  entsprechenden  Schwankungen  der 
neuböhmischen  Sprache  anders  zu  erklären,  als  durch  Zufall, 
und  anders  als  es  oben  geschehen  ist. 

X)  Es  ist  noch  der  eigenthümliche  Fall  zur  Sprache  zu 
bringen,  wo  jotiertes  oder  auch  unjotiertes  u  statt  eines  ur- 
sprünglichen i  oder  i  geschrieben  vorkömmt.  Ich  finde  dies, 
was  hervorzuheben  ist,  am  häufigsten  im  Passional,  seltener  in 
anderen  Handschriften,  und  führe  hier  alle  Beispiele  an,  die 
mir  bekannt  sind;  die  im  Pass.,  2Wittb.,  2Klem.  und  Hrad. 
vorkommenden  trachtete  ich  alle  in  dieses  Verzeichnis  zu  be- 
kommen. 

VSöch  svat^ch  lidyu  Pass.  277  statt  lidi,  netähle  sta  sS 
przitulityu  278  statt  pritulitt,  poöö  otci  radytyu  282  (u  ist 
radiert),  tdhl  do  te  wlastyu  282,  zl6  duchy  z  lidyu  vyhänie^e 
283,  almuznu  käza  datyu  284,  chcmy  o  tobS  pe6u  myetyu  284, 
käza  ju  po  Hei  bityu  285,  jejie  syny  kiza  väöckny  zbityu  285, 
kÄza  jemu  hlavu  styetyu  295,  od  zlj^ch  lidyu  302,  315,  to  jich 
J^ivota  pamatov&nie  czynyu  ndm  v  srdci  velike  zahanbenie  318 
statt  öini,  tenf  jest  je§to  mezi  dvefmi  sedyu  324  statt  sedt, 
divi   B&  tomu  mysl   czlowieczyu   320,    od   hladu  a  zyznu  336, 


Ueber  di«  weichen  a-,  o-  and  tt-Silben  im  Altböhmischen.  349 

(Man  Magdalena)  ölov^ka  newidyewssyu  342,  kdy^  mu  jeho 
wodyucz  pov^dö  343  statt  vodiö^  tak  sß  bohov6  moyu  rozhn^- 
Tali  345  statt  moji^  an  yuch  f*56  usly&av  354  statt  jtch,  yuch 
jazyka  361,  osmaötyfic^ti  buskupow  376,  moyu  (u  ist  etwas 
radiert)  nepf'ietele  381,  vSichni  jini  hrziessyu  397  statt  hf^äi, 
komu  ste  sluzuii  413  statt  slü2{li,  oczyu  jako  plamen  biedta 
413  statt  o6i,  ötyfie  z  n&s  vmrzietyu  maji  414  statt  umHet/^ 
toho  buoh  vtyessyu  420  statt  ut^^  tr^zü  m&  trpietya  421,  aby 
ndm  pomohl  swityezytyu  435,  kdyS  to  badete  hledatyu  457, 
poöö  8  velikii  radosti  chtyetyu  tomu  slovu  rozumietyu  469;  — 
ot  töch  yuz  vstdvajü  na  m^  Z  Wittb.  17,  zvSstuj  to  väiej  zemyu 
eb.  cant.  Isa.,  otpustyu  mi  38  statt  otpusti  (Imperat.,  wohl 
kaum  statt  otpu§6juj,  VI.  CL),  newzweselyu  s6  neprietel  m6j 
nad  m^  40  statt  nevzveseU  non  gaudebit,  na  postelyii  mej  62, 
czyzyu  uöinen  jsem  bratfi  mej  68,  pHzfi  k  dussyu  mej  68,  v 
zemyu  egipskey  77,  nad  tussyczie  83,  tyusicz  a  desöt  tyusicz 
90,  slova  j52  rozk&zal  v  tisic  pokolenyu  104,  slova  snamenyu 
BVj^ch  104  statt  znamen/,  otczyu  naSi  nerozumSli  div6v  tv^cfa 
105,  jen£  udinil  divy  v  zemyu  EamovS  105  statt  v  zemi,  bydlnj^ 
jsem  jdz  na  zemyu  118,  abychom  jednoho  boha  v  troyuczy  a 
troyuczy  y  jednotö  östili  symb.  Äthan,  statt  troj?*ci,  k  öiöeniu 
prawedlenstwyu  tvj^ch  118  statt  pravedlenstvi;  —  tölo  mi 
odpoßine  v  nadieyu  ZKlem,  8^  statt  nad^ji  (in  spe),  den  dnyu 
vyfehuje  slovo  12*,  prawiuciu  svü  78*  statt  pravfeju,  nad 
tiussiuce  zlata  101%  tyussiucz  129^  (2)  und  am  häufigsten  im 
sing.  Dat.  Loc.  gmenyu  tv6mu  12»,  95»,  114*,  116»,  117«  (neben 
gmeny  tvimu  4^),  gmenyu  svatämu  81»,  120»,  ve  gmenyu  boha 
12^,  ve  gmenyu  tvim  32»  (2),  45^  ve  gmenyu  svatim  84»,  ve 
imenyu  bo^iem  97»,  ve  ymenyu  bo2iem  97^  u.  ä.  (neben  ve 
ymeny  bo2iem  109»),  v  ramenyu  112^;  minder  wahrscheinlich 
wäre  die  Erklärung,  dass  dies  Casus  von  t;o-Stämmen  wären, 
wie  pojmenie  (poym«nye  feci  Hrad.  46»),  nböhm.  pHjmeni,  und 
wie  B^menie  (bez  muSskiho  syemenye  Modi.  155»);  —  ausser- 
dem: tyusycz  by  nalezl  tak^ch  AlxV.  164*  statt  ttsic,  tyusycz 
se  jich  febfie  chvÄti  163^,  v  nuzyu  nie  lepSieho  nenie  DalC. 
19  statt  V  nüzt,  odpusti§li  mi,  hrzessyuss  37  statt  hHl^ü,  mistr 
jeji  prziezaduczyu  Hrad.  47»  statt  pf*62&ddci,  jakz  wnyude 
boiie  mäti  65»,  tfie  kräli  inhed  s  sv^ch  konyu  ssSdechu  68^ 
statt  koni,  kdy2  poslüchaji  zl^ch  piesnyu  97»  statt  piesni. 


350  Oabsuer. 

Diese  Erscheinung  kann  auf  mannigfache  Art  erklärt 
werden. 

1.  Sie  ist  vielleicht  ein  rein  mechanischer,  aber  beliebt 
gewordener  Schreibfehler:  das  ältere  du&ju  war  in  duSs  über- 
gegangen, die  in  älteren  Handschriften  dussyt«,  dusst«^  dassu 
geschriebene  Form  wurde  der  neueren  Sprache  entsprechend 
dual  gelesen  und  hieraus  wurde  gefolgert,  dass  jedes  beliebige, 
selbst  auch  das  ursprüngliche  t  in  der  Schiift  durch  yu,  tu,  u 
bezeichnet  werden  könne,  dass  man  auch  wodyucz  Pass.  343  statt 
vodiö,  prawmciu  ^Elem.  78*  statt  pravicju,  tussyczie  ZWittb. 
83  statt  tfsicö  u.  s.  w.  schreiben  könne.  Ohne  Beispiel  wäre 
dieser  Fehlschluss  im  Altböhmischen  nicht.  Zur  Zeit  der  Laat- 
wandlungen  uo~ü,  ati— om,  aj — ej,  ie — i  hat  man  auch  z.  B. 
celuo  ves  Accus,  sing,  statt  ce\ü^  daufati  statt  doufati  aas 
do-ufati,  nq/sem  statt  ne/sem  aus  ne-jsem,  ^eöen^ch  d^dictvie 
statt  d^dictv/  pl.  Gren.  u.  s.  w.  geschrieben  und  glaubte  sicher- 
lich dies  mit  demselben  Rechte  thun  zu  dürfen,  wie  wenn 
kt/oö,  saudf  pq/cha,  vtera  statt  des  gehörten  kuö,  sot^d,  pa/cha, 
vira  geschrieben  wurde;  vergl.  Listy  filologickö  1874,  50 — 51. 
Allein  für  die  hier  betrachteten  Handschriften  und  namentlich 
fUr  den  in  sonstiger  Beziehung  so  genauen  Schreiber  des  Pass. 
scheint  mir  die  Annahme  eines  so  plumpen  Schreibfehlers  un- 
billig und  ungerechtfertigt. 

2.  Es  verdient  offenbar  die  Erklärung  den  Vorzug,  die 
die  Ursache  dieser  abnormalen  Schreibung  in  der  Aussprache 
sucht.  Im  Sinne  einer  solchen  Erklärung  könnte  man  an- 
nehmen, ursprüngliches  i  sei  auch  im  Altböhmischen  manch- 
mal in  ju  oder  u  übergegangen,  wie  dies  nach  Miklosich, 
Grramm.  1.  266,  im  bulgarischen  ^jurok  neben  gtrok  latus, 
i/aveJTb  neben  ÄiVej'L  vivo  der  Fall  ist.  Bedenkt  man  aber, 
wie  vereinzelt  diese  Beispiele  dastehen,  und  dass  sie  der  vom 
Ende  des  XIU.  bis  zur  Mitte  des  XIV.  Jahrh.  sich  allgemein 
vollziehenden  Assimilation  (dui;«  —  dü§i)  gerade  entgegen- 
gesetzt sind,  so  wird  man  diese  Annahme  kaum  wahi*scheinlich 
finden.  Dann  bleibt  aber  nichts  Anderes  übrig,  als  anzunehmen, 
das  in  diesen  Fällen  geschriebene  yu,  iu,  u  bedeute  weder 
den  ursprünglichen  jotierten  oder  unjotierten  Vocal  u,  noch 
den  nach  vollzogener  Assimilation  ihn  vertretenden  Laut  t, 
sondern  irgend  eine  Uebergangsstufe  zwischen  0)u  und  i,  analog 


Üeber  die  weichen  a-,  o-  und  «-Silben  im  AltbMimifchen.  3&1 

dem  von  Schmidt;  Beiträge  6.  137,  angenommenen  t-ähnlichen 
;«;  welches  in  Entlehnungen  das  griechische  ü  vertritt,  K6pio? 
—  kjurE;  und  dem  von  Miklosich,  Altsloven.  lautlehre  ^  167, 
in  Fällen  wie  \juho  —  U'bo  als  Mittelglied  zwischen  asl.  ju 
und  i  angesetzten  jz.  Aehnliches  findet  sich  auch  für  den 
Uebergang  a-S,  dufia  —  daS^;  das  z.  B-  in  Tesla^ne  (Erben, 
Regesta,  in  eiher  Urkunde  vom  Jahre  1228),  Mesea  (eb.,  Urk. 
1184)  u.  a.  geschriebene  ae  (oder  §)  und  ea  darf  wohl  als  die 
beiläufige  Darstellung  eines  zwischen  a  und  fliegenden  lieber- 
gaogslautes  betrachtet  werden.  Ein  ähnlicher  Uebergangslaut 
hat,  nehmen  wir  an,  die  Assimilation  ju-i  vermittelt,  und  da 
es  zweckmässig  erscheint,  ihn  in  der  Schrift  durch  einen  ein- 
fachen Buchstaben  andeuten  zu  können,  so  wählen  wir  hiezu 
das  Zeichen  y.  Nach  dieser  Auffassung  würde  wodyucz  Pass. 
343  statt  vodiö  u.  ä.  nicht  aufhören  ein  Schreibfehler  zu  sein, 
aber  das  Fehlerhafte  an  ihm  wäre  bedeutend  gemildert.  Eine 
solche  Milderung  stimmt  aber  ganz  gut  zu  dem  ganzen  Cha- 
rakter des  Pass.,  das  unbedingt  zu  den  musterhaftesten  Denk- 
mälern der  böhmischen  Sprache  zu  zählen  ist  und  dennoch 
diesen  Fehler  so  häufig  bietet,  und  seine  also  gemilderten 
Fehler  sind  wiederum  ein  Zeugniss  für  den  einstigen  Bestand 
des  angenommenen  Mittellautes  y.  Als  weitere  Zeugnisse 
könnten  die  Reime  lyudsuyidsL  LAl.  422,  prziezaduczi/u  :  vSe- 
mohücf  Hrad.  47*  und  folgende  Imperative  des  ÄWittb.  an- 
gefahrt werden:  nezatraczyu  duSö  m^  25  statt  nezatrac/ti/^ 
nezatraczyu  mne  27,  neotwraczyu  obliööjö  tveho  ote  mne  101, 
ni  8ö  ukroczyu  neque  compescaris  82,  obkluczyumy  obliööj 
jeho  94  statt  obkluß/w/my  und  nenaweselyute  s6  34.  Bei  hart- 
stäramigen  Verben  dieser  Classe  ist  mir  eine  solche  Imperativ- 
form nicht  vorgekommen,  etwa  radu  statt  Ta,duj\  radtite  statt 
rad«;te;  dagegen  werden  die  altböhmischen  Imperative  I.  7 
pij,  pijte  .  .  .  gewöhnlich  nur  so  geschrieben,  als  ob  sie  pi, 
pite  .  .  .  lauteten;  es  ist  demnach  anzunehmen,  dass  dem 
Schreiber  des  ÄWittb.  der  Imperativ  der  weichstämmigen 
Verba  der  VI.  Classe  nicht  mit  einem  solchen  -uj  lautete,  wie 
es  im  harten  rs^duj^  ra,dyjte  gehört  wird,  sondern  mit  einer 
Silbe,  die  wir  mit  -yj  bezeichnen  und  die  eine  solche  Zusam- 
menziehung zuliess  und  an  die  Hand  bot,  wie  wenn  ptj  in  p^ 
zusammengezogen  wird;  es  wäre  aber  nicht  richtig,  wenn  man 


352  Oabaaer. 

meinen  würde^  f  sei  von  dem  aus  -ju-  durch  Assimilation  ker- 
^OT^gzsk^eskeTk  i  nicht  verschieden  und  -yj-  habe  hier  ganz  so 
gehiutety  wie  -ij-  in  py-,  denn  es  wäre  in  diesem  Falle  der  Um- 
stand unerklärlich,  dass  diese  Silbe  im  2Wittb.  nur  einmal 
mit  I  geschrieben  erscheint,  zkussygu  stnebra  65. 

Ist  die  Annahme  des  Mittellautes  ^  richtig,  so  könnten 
auch  die  gyu^  giu  geschriebenen  Silben  (s.  oben  a)  als  jy  ge- 
deutet werden. 

Pl)  Endlich  könnte  unter  Hinweisung  auf  den  eben  be- 
sprochenen Schreibfehler  auch  die  Einwendung  vorkommen, 
dass  geschriebenes  dussj^ti  und  dussi«  =  du^t  zu  lesen  sei, 
dass  das  geschriebene  yu,  tu  immer  und  überall  den  Vocal  i 
oder  i  bedeute,  und  dass  es  weiche  ii-Silben  mit  inlautender 
Praejotation  nicht  gegeben  habe.  Sollte  aber  diese  Einwendung; 
richtig  sein,  so  wäre  es  unbegreiflich,  warum  dieses  geschrie- 
bene yuy  iu  tausende  Mal  dasjenige  t  oder  i  bezeichnet,  welches 
ein  älteres  u  vertritt,  und  dagegen  nur  ausnahmsweise  ein  ur- 
sprungliches i  oder  i;  mir  sind  ausser  den  oben  angeführten 
beiläufig  achtzig  Beispielen  sonst  keine  vorgekommen.  Die 
Einwendung  muss  also  fallen.  Wohl  aber  bleibt  unentschieden, 
wann  geschriebenes  -iuy  -yu  =:  -ju  oder  -iu,  und  wann  darunter 
der  Uebergangslaut  ^  zu  verstehen  ist. 

Wenn  ich  alle  eben  zur  Sprache  gebrachten  Momente 
zusammenfasse,  so  glaube  ich  mir  das  Verhältniss  und  die  Ge- 
schichte der  böhmischen  weichen  u-Silben  also  vorstellen  zu 
dürfen : 

1.  Die  altböhmische  Sprache  hat  weiche  u-Silben  ohne 
und  mit  inlautender  Praejotation  gehabt,  letztere  nur  mit  org^a- 
nischer,  d.'  h.  aus  der  älteren  Form  des  Wortes  herübergekom- 
mener und  etymologisch  berechtigter  Praejotation;  dusu,  sboitu 
(aus  sboityu). 

2.  Mit  der  Zeit  ist  auch  in  ursprünglich  unjotierten  Silben 
eine  parasitische  Jotation  aufgekommen:  du§;u  neben  ixj&u;  und 
ist  umgekehrt  die  organische  Jotation  geschwunden:  sbo^u 
neben  sboitu. 

3.  Diese  also  verschiedenen  Formen  waren  theils  Merk- 
male zweier  verschiedener  Dialekte:  des  u-Dialekts  (dusii. 
sbozii^  in  Mähren  u.  s.  w.)  und  des  j ti-Dialekts  (dus/u,  sboztu, 


üeber  die  weichen  a-,  o-  und  ti-Bilben  im  AUbfihniichen.  353 

in  BöhmeD);  theils  bestanden  sie  auf  demselben  Dialektgebiete 
in  gewissen  Fällen  gleichberechtigt  neben  einander,  und  zwar 
bestanden  u-Formen  im  Bereiche  des  ju-DisAekts:  povysf/je 
neben  povyä/uje,  po§Iu  n.  po^u,  po^Iu  n.  poslt»,  piSu  n.  pi^^ti, 
cuje  n.  6/ttje,  vSttdy  n.  v&judy  u.  s.  w. 

4.  Die  jotierte  Form  duiju^  shoitu  .  .  .  ging  durch  die 
vom  y-Laute  bewirkte  Assimilation  in  i  über,  aus  dem  J« -Dia- 
lekt wurde  ein  t-Dialekt:  du§t,  sbo^i  .  .  . 

5.  Der  Uebergang  von  -ju  zu  -i,  du&jti  —  dusi,  war  aber 
nicht  unmittelbar,  sondern  durch  einen  Uebergangslaut  ver- 
mittelt, der  fehlerhafte  Schreibungen  wie  wodyucz  Pass.  343 
statt  vodiö  möglich  gemacht  hat. 

6.  Die  unjotierte  Form  dusw,  sbo2i2  .  .  .  dagegen  ist  un- 
verändert geblieben,  weil  sie  den  die  Veränderung  bewirkenden 
j'-Lant  nicht  hatte;  sie  besteht  als  charakteristisches  Merkmal 
des  neuböhmischen  n-Dialekts  (in  Mähren  u.  s.  w.)  und  hat 
sich  auch  im  i-Dialekt  (im  eigentlich  Böhmischen)  in  gewissen 
Fällen  erhalten,  theils  alleinig  geltend,  theils  in  der  Umgangs- 
sprache gebräuchlich  anstatt  der  assimilierten  Form  der  Schrift- 
sprache, und  zwar  in  denselben  Fällen,  in  denen  auch  schon 
der  alte  ^ii-Dialekt  zwischen  u-  und  yw-Formen  schwankte: 
povys?/je  (nicht  povySije),  poslu  neben  veraltetem  po§k',  pis?* 
neben  grammatischem  pi&i,  ipÜou  neben  pis/^  öiyw  neben  6ijf, 
CHch  neben  ö/ch  u.  ä.  — 

Zum  Schlüsse  noch  eine  Bemerkung  über  den  Werth  der 
durch  die  Untersuchung  der  weichen,  e-,  a-,  o-  und  «-Silben 
gewonnenen  Resultate.  Er  ist  in  doppelter  Hinsicht  zu  schätzen : 
für  die  Geschichte  der  böhmischen  Sprache  und  für  die  alt- 
böhmischen Handschriften. 

Für  die  Geschichte  der  Sprache  hat  die  Betrachtung  der 
e-Silben  ergeben,  dass  im  Altböhmischen  zwischen  e  und-  e 
(lang  e  und  ie)  ein  etymologischer  Unterschied  bestanden  habe, 
und  dass  in  dieser  Hinsicht  die  organischen  Wechselbeziehun- 
gen zwischen  der  böhmischen  Sprache  des  XIII.  und  XIV.  Jahr- 
hunderts einerseits  und  den  übrigen  Slavinen,  namentlich  aber 
dem  Altslovenischen  andererseits  viel  deutlicher  und  lebendiger 
waren,  als  man  geahnt  hat.  Ferner  hat  die  Betrachtung  der 
tt-Silben  die  Spaltung  der  böhmischen  Sprache  in  den  heutigen 

SitzongBber.  d.  pliil.-hist.  CA.  XCIIl.  Bd.  II.  Hft.  23 


354  Oebaner. '  lieber  die  weichen  a-,  o-  nnd  n-Silben  in  Altbftbmtaclieii. 

u-  und  t-Dialekt  beleachtet.     Ausserdem  ist  die  lautliche  Gel- 
tung der  gehörig  angewendeten  Jotation  constatiert. 

Was  aber  die  altböhmischen  Handschriften,  namentlich 
die  ^strengen'  aus  dem  Ende  des  XIII.  und  der  ersten  Hälfte 
des  XIV.  Jahrh.  betrifft,  so  ergibt  sich  aus  unseren  Unter- 
suchungen, dass  sie  in  der  Wiedergabe  des  Lautes  über  die 
Erwartung  genau  sind,  und  dass  ihr  Zeugniss  für  die  böhmische 
Grammatik  alle  Berücksichtigung  verdient. 


Petiehenig.  Boiträ^o  zur  Textkritik  dor  Scriptores  historiftc  Ang^stae.         355 


Beiträge  zur  Textkritik  der  Scriptores  historiae 

Augustae. 

Von 

Br.  Michael  Fetachenig, 

ProfeesoT  am  k.  k.  zweiton  Staatsgymnasinm  in  Graz. 


oeitdeiQ  Jordan -Eyssenhardt  and  Peter  das  handschrift- 
liche Material  zu  den  Scriptores  historiae  Augustae  gesammelt 
und  in  ihren  Ausgaben  niedergelegt,  sowie  durch  zahlreiche 
Emendationen  den  Text  berichtigt  haben,  wurde  diesen  sprach- 
lich wie  geschichtlich  gleich  wichtigen  Schriftdenkmälern  des 
Aherthums  ein  reges  Interesse  zugewendet,  von  welchem  die 
stattliche  Reihe  der  bisher  vorliegenden  Einzelschriften  auf  dem 
Gebiete  der  Geschichts-  und  Quellenforschung,  der  höheren 
und  niederen  Kritik,  der  Lexikographie  und  Grammatik  Zeug- 
niss  ablegt.  So  sind  nur  fUr  die  Wortkritik  allein,  mit  welcher 
sich  auch  die  folgenden  Blätter  beschäftigen  sollen,  die  Arbeiten 
von  Oberdick  (Zeitsch.  f.  d.  öst.  Gymn.  1865,  1868,  1873), 
Vielhaber  (ebend.  1867),  Bährens  (Jahrb.  f.  class.  Philol.  1871), 
Kellerbauer  (ebend.  1878),  Madvig  (Advers.  critic.  II,  p.  630 — 
651),  femer  die  Programmarbeiten  von  Gemoll  (Wohlau  1876) 
und  Golisch  (Schweidnitz  1870  und  1877)  zu  erwähnen,  nicht 
zu  gedenken  der  kleineren  in  Zeitschriften  zerstreuten  Beiträge. 
So  erheblich  nun  auch  die  Förderung  sein  mag,  welche  der 
Text  durch  diese  vielseitige  kritische  Behandlung  erfahren  hat, 
so  gilt  doch  noch  heute  der  Satz,  welchen  Kellerbauer  an  die 
Spitze  seines  oben  erwähnten  Aufsatzes  gestellt  hat:  ,Wer  sich 
auch  nur  oberflächlich  mit  den  sogenannten  scriptores  historiae 
Augustae  beschäftigt  hat,  wird  zugeben  müssen,  dass  auch 
nach  Eyssenhardt,  Jordan,  Mommsen,  Peter,  Bährens  für  die 
Kritik  noch  manches  zu  thun  übrig  bleibt.'   Der  Grund  hievon 

liegt  vor   Allem   in    der   Beschaffenheit   des    handschriftlichen 

23* 


356  Petiohcnig. 

Materials  selbst.  Die  zwei  besten  und  allein  massgebenden 
Codices,  der  Bambergensis  und  Palatinus,  *  ersterer  aus  dem 
neunten,  letzterer  aus  dem  zehnten  oder  elften  Jahrhundert 
stammend,  gehen  nämlich  auf  einen  bereits  lückenhaften  und 
an  vielfachen  Schäden  und  Verderbnissen  leidenden  Archetypus 
zurück.  Kaum  geringer  sind  die  Schwierigkeiten,  welche  durch 
den  Charakter  und  die  innerliche  Beschaffenheit  der  Schrift- 
werke veranlasst  werden.  Diese  sind  stii-  und  regellos  in  der 
stark  verderbten  Sprache  der  Diocletianischen  und  Constanti- 
nischen  Epoche  abgefasst  und  bilden  somit  ein  wichtiges  Denk- 
mal des  Vulgärlateins.  Wie  weit  aber  die  Freiheiten  dieser 
Sprache  in  Wortbildung  und  Satzfügung  reichen,  welche  De- 
clinations-  und  Conjugationsformen  ihr  erlaubt  oder  eigen- 
thümlich  sind,  welche  Veränderungen  bis  zu  jener  Zeit  die 
Wortbedeutung  erlitten  hat,  dafür  fehlt  noch  vielfach  der  sichere 
Massstab.  Als  Vorarbeiten  sind  zu  betrachten:  C.  Paucker's 
Schrift  De  latinitate  scriptorum  historiae  Augustae  meletemata, 
Dorpat  1870,  und  J.  Plew's  Inaugural-Dissertation  De  diversi- 
tate  auctorum  historiae  Augustae,  Königsberg  1869.  Allein 
Paucker  beschränkt  sich  auf  das  lexikalische  Gebiet,  Plew 
gibt  nur  eine  dürftige  Skizze  der  wichtigsten  formellen  und 
syntaktischen  Eigenthümlichkeiten.  So  lange  daher  das  Sprach- 
material  nicht  in  erschöpfender  Vollständigkeit  gesichtet  vor- 
liegt, sind  wir  darauf  angewiesen,  uns  in  zweifelhaften  Fällen 
mit  der  Ueberlieferung  der  Handschriften  zu  bescheiden  und 
eine  befriedigende  Lösung  von  eingehenderen  Studien  zu  er- 
warten. Dass  dieses  Verfahren  seine  volle  Berechtigung  hat, 
soll  zunächst  an  einer  Reihe  von  Beispielen  gezeigt  werden. 
Den  Anfang  mache  eine  Aufzählung  solcher  Fälle,  wo 
man  die  W^ortbedeutung  nicht  erkannte  und  daher  irrthüm- 
licher  Weise  zu  Conjecturen  die  Zuflucht  nahm.  Had/r,  2,  10 
ist  überliefert:  denique  stafim  suffragante  Suva  ad  amicitiam 
Traiani  pleniorem  redü.  Für  statim  schrieb  Peter  pritmtim; 
Bährens  wollte  affatim,  Oberdick  iiistanter.  Allein  die  Ueber- 
lieferung ist  vollkommen  richtig.     Denn  wenn  Peter  (Exercit. 


*  Im  Folgendon  bezeichnet  B  den  ßambergensis,  P  den  Palatinas,  /?'  oder 
P^  die  mamis  prima  n.  §.  w.  Die  Citate  «ind  nach  Peter's  Ansehe 
gegeben. 


B«itrAge  zur  Textkritik  der  ScriptoreB  kistoriae  Angustae.  357 

critic.  p.  1 — 2)  erkläi*t  ^neminem  fugtet  .  .  .  non  posse  conciliari 
uerha  ,deHique*  et  ^statim';  aut  enim  illud  aut  hoc  diceiidum  fuit% 
80  ist  dagegen  zu  bemerken,  dass  denique  an  unserer  Stelle 
keineswegs  im  temporalen  Sinne  zu  fassen  ist,  sondern  als 
copulative  Partikel,  wie  sane,  bloss  zur  Anknüpfung  des  Satzes 
dient,  ganz  dem  deutschen  ,nun'  entsprechend.  Vergl.  Maix. 
14, 6,  Seuer.  15, 2,  Albin.  3,  2,  Trig.  24,  3,  Claud.  6,  4,  Aurel.  23, 
5. '  Peter's  zweites  Argument,  statini  könne  schon  deshalb  nicht 
richtig  sein,  weil  sich  Traian  erst  nach  einiger  Zeit  mit  Hadrian 
werde  ausgesöhnt  haben,  ist  eben  so  leicht  zu  widerlegen; 
üatim  hat  nicht  die  Bedeutung  ^soforf^  sondern  wird  hier  wie 
an  anderen  Stellen  synonym  mit  mox,  non  multo  post,  deinde, 
postea  gebraucht.  Belehrend  ist  in  dieser  Hinsicht  Marc,  16,  1: 
Jam  in  suos  tanfa  fuit  heiiignitate  Marcus  ut  cum  in  omnes  pro- 
pinquos  cuucta  honortim  omamenta  contulerit,  tum  in  ßlium  et 
qmdem  scelestum  atque  inpurum  cito  nomen  Caesaria  et  mox 
sacerdotium  statimque  (=  et  deinde)  nomen  imperatoris.  Man 
vergleiche  ferner  Hadr,  23,  13:  quem  praetura  honorauit  ac 
statim  (=  deinde)  Pannoniis  inpoeuit.  Did.  JuL  2,  3:  atatim 
{=■  paulo  post)  enim  mors  Pertinacis  secuta  est,  Seuei\  3,  9 : 
uxorem  petit,  Juliam  scilicet  ...  ex  qtui  statim  (=  breui)  pater 
f actus  est.  Seuer.  19,  5:  eiusdemque  etiam  ianude  in  Transti- 
berina regione  ad  partam  nominis  suiy  quarum  fo}*ma  intercidens 
statim  (=.  mox)  usum  publicum  inuidit.  Maximin.  21,  4 :  exarsit 
txerdtus  et  odium  taütum  in  tempus  distulit,  quod  loco  suo  statim 
f=  postea)  prodidit.  Ferner  ist  nicht  zu  übersehen,  dass  statim 
und  denique  auch  sonst  verbunden  erscheinen.  Iladr.  13,  6: 
denique  cum  post  Africam  Romam  redisset,  statim  ad  orientem 
profectus.  Moßrin,  5,  1 :  Statim  denique  arripuit  Imperium. 
Maximin.  5,  5:  statim  denique  illum  .  .  .  in  haec  uei*ba  prouexit. 
Hadr.  13,  5  bieten  die  Handschriften :  nee  quisqiuim  fere 
principum  tantum  terranim  tantum  celeriter  yeragrauity  während 
die  Ausgaben  tarn  celeriter  lesen.  Wenn  auch  zuzugeben  ist, 
dass  tantum  möglicher  Weise  durch  das  vorangehende  tantum 
tenrarum  veranlasst  wurde,  so  ist  dies  doch  kein  hinreichender 


*  Zink,  Der  Mytholog  Fulgentius,  Ö.  58 :  JJenique  steht  (bei  Fnlgentius)  mit 
ziemlich  abgeschwächter  Bedeutung  als  copulative  Coujunctiou  zur  Satz- 
Verknüpfung  oft  schon  zu  Anfang  dos  zweiten  Satzes  einer  Mythendeutung'. 


358  Petsebenig. 

Grund;  um  von  der  Autorität  der  Handschriften  abzugehen, 
da  tantum  für  tarn,  quantum  fiir  quam  sich  auch  sonst  nach- 
TV  eisen  lassen.  Heliog.  2j  1 :  Hie  tantum  Symiamirae  matri  dediius 
fuit.  Porph.  ad  Horat.  Od.  III,  9,  15:  quantum  carum  habeat 
Calain.  Augustin.  epist.  ad  Honorat.  (bei  Possid.  uit.  Augustin. 
c.  30)  c.  10:  nam  quantum  necessanum  fuetit  ecclesiae  quan- 
tumque  profuerit,  quod  uir  ille  mansit  in  came,  Fulgent  MytL 
II;  13:  tantum  stultua. 

Gallien.  3,  1  liest  man  jetzt:  Turhata  Interim  rep.  totoque 
penitus  orbe  t&rrarum.  In  BP  ist  vollkommen  richtig  toto  über- 
liefert; denn  diesen  Schriftstellern  sind  imperium  Bomanum  und 
orbia  terrarum  identische  Begriffe;  für  sie  ist  es  kein  Wider- 
spruch, wenn  sie  sagen  ^auf  dem  ganzen  Erdkreise  gerieth  der 
Staat  in  Verwirrung^  Zum  Beweise  dienen  folgende  Stellen: 
Valer,  5,  1 :  imperatar  ßeret  .  .  .  iure  meritorum  et  quasi  ex  totius 
orbia  una  sententia,  Gallien.  5,  6:  ex  diuersis  partibus  pesti- 
lentia  orbem  Romanum  uastaret,  ibid.  ß,  7:  sie  denique  de  Om- 
nibus partibus  mundiy  cum  eas  amitteret  .  .  .  iocabatur.  Trig. 
12;  6:  ut  te  Romanus  orbis  factum  principem  gaudeat,  ibid. 
12;  8 :  iuuenes  aliqui  sunt  quaerendi  .  .  .  qui  ex  diuersis  partibus 
orbis  humani  rem  p.  restituant.  AureL  32,  4:  princeps  igitur 
totius  orbis  Aurelianus.  Flonan,  3,  6 :  orbemque  terrarum  paca- 
tissimum  gubemauit.  ibid. :  qui  si  diutius  fuisset,  orbis  terrae 
barbaros  non  haberet, 

Trig.  1,  2  liest  man:  in  unum  eos  libdlum  contuli  et  qui- 
dem  breuem.  In  JSP  fehlt  et.  Wenn  die  Partikel  nothwendig 
ergänzt  werden  muss  und  man  nicht  gelten  lassen  will,  dass 
quidem  für  et  quidem  steht,  warum  schreibt  man  dann  cap.  12, 
16:  EgOy  p.  c,  bellum  Persicum  gerens  Macinano  totam  rem  p. 
credidi  quidem  a  parte  militarif 

Trig.  11,  5:  Extat  etiam  nunc  epigramma  Graecum  in 
hanc  formam,  BP  haben  extitit,  welches  die  Berliner  Heraus- 
geber mit  Recht  beibehielten;  denn  die  Perfectform  von  Com- 
positis  des  Verbums  stare  findet  sich  auch  sonst  in  der  Prae- 
sensbcdeutung  gesetzt,  Vei^gl.  Porph.  ad  Horat.  Od.  III,  19i 
1:  de  Inachi  autem  uirtutibtis  nulla  extitit  historia.  Lactant. 
de  ira  dei  11,  1 :  quoniam  constitit  (so  Bünemann*s  Handschriften 
bis  auf  eine,  welche  constat  liest)  de  proxiidentia,  sequitur  ut 
doceamus,  utvumne  multorum  esse  credenda  sit. 


Beitrftge  xur  Teitkritik  der  Scriptores  historiae  Aagngtae.  3ö9 

Trig,  18,  10:  quue  omnia  sutU  BaUigtae  cansilia,  qui  ex 
quaque  prouincta  unain  tantum  specieni  praeberi  iussit,  quod  ea 
redundaretf  atque  ab  ea  milites  mbmoueri.  Ueber  den  Sinn  der 
Stelle  kaon  kein  Zweifel  sein.  Nach  Ballista's  Rath  sollte, 
damit  keine  Provinz  zu  sehr  belastet  würde,  jede  für  die  Be- 
därfnissc  des  Heeres  gerade  den  Artikel  liefern,  welchen  sie 
hauptsächlich  producirte.  Ist  somit  der  Begriff  des  qaaqiLe 
hier  am  Platze,  so  entsteht  nur  die  Frage,  was  mit  dem  hand- 
schriftlichen quadam  anzufangen  sei.  Denn  quadam  einfach  in 
qwique  zu  ändern,  ist  ein  gewaltsames  Verfahren.  Dass  qui- 
dam  auch  die  Bedeutung  ,jeder'  haben  könne,  dafür  weiss  ich 
allerdings  nur  Ein  Beispiel  beizubringen.  Bei  Victor  Vitensis 
de  persecut.  Vandal.  IV,  2  werden  Bestimmungen  gegen  die 
Ketzer  angeführt,  unter  welchen  auch  diese  sich  findet,  die 
Ketzer  sollten  nee  ecelesias  aut  in  urhihus  aut  in  quibusdam 
paruissimis  locia  penitua  obtinere  neque  construere.  Hier  steht 
quibusdam  für  quibuslibet, 

Aurel,  29,  2 — 3.  Vopiscus  erzählt,  der  Perserkönig  habe 
dem  Aurelianus  einen  Purpurmantel  von  himmlischem  Glänze, 
welchen  er  aus  dem  Inneren  Indiens  erhalten,  zum  Geschenke 
gemacht :  hoc  munus  rex  Peraarum  ah  Indis  iuteri&i'ibus  stimptwn 
Aureliano  dedisae  perhibetury  scribena:  ySume  purpuranij  qimlis 
apud  no8  est^.  .  .  .  nam  postea  diligentissime  et  Aurelianua  et 
Probus  et  proxime  DiodeUanus  missis  diligentisaimia  confectaribus 
reqmaiuerunt  tale  genua  purpurae  nee  tarnen  inuenire  potuerunL 
Die  durch  Punkte  bezeichnete  Lücke,  welche  Eyssenhardt  und 
Peter  vor  nam  annehmen,  wurde  in  den  älteren  Ausgaben 
nach  einer  Ergänzung  des  Egnatius  durch  die  Worte  aed  hoc 
falsum  fuit  ausgefüllt.  Hätten  die  Herausgeber  sich  im  Vo- 
piscus genauer  umgesehen,  so  würden  sie  bei  ihm  einen  eigen- 
thümlichen  Gebrauch  der  Partikel  nam  gefunden  haben.  Wenn 
derselbe  im  Leben  Aurelian's  cap.  35,  nachdem  er  erzählt  hat, 
dass  Aurelian  Weizenbrode  in  Kranzform  austheilen  Hess,  fort- 
fährt: nam  idem  Aureliantia  et  porcinam  cai*nem  p.  R,  diatnbuitj 
so  liegt  es  auf  der  Hand,  dass  nam  an  dieser  Stelle  nicht  be- 
gründend ist,  sondern  wie  das  griechische  ds,  das  lateinische 
autem  oder  aed  zur  blossen  Anknüpfung  dient.  Dasselbe  ist 
cap.  27,  1  der  Fall,  wo  Peter  nam  eingeklammert  hat :  Hac 
epiatula  accepta  Zenobia  auperbina  insolentittaque  rescripait  quam 


360  Patsclieiiiir* 

eiu8  fortuna  poscebat,  credo  ad  teri'orem,  nam  eins  quoque  epi- 
stulae  exemplum  iiididL  In  dieser  Weise  nun,  bald  zur  blossen 
Satzverknüpfung  wie  autem,  bald  mit  leichtem  Gegensatze  wie 
sed  oder  uero^  findet  sieh  nam  bei  vielen  Schriftstellern  der 
späteren  und  spätesten  Zeit  verwendet;  so  bei  CommodianuB, 
DracontiuS;  Anthimus,  sehr  häufig  bei  Victor  von  Vita.  Ist 
demnach  an  unserer  Stelle  nam  postea  gleichbedeutend  mit 
postea  aiitem  oder  sed  postea,  so  entfallt  jeder  Grund  zur  An- 
nahme einer  Lücke. 

In  des  Vopiscus  Carus  8,  5  lesen  wir :  tanti  turbinis  subito 
exorta  tempestas  est  tU  caligarent  ornnia,  neque  alter  aUerum 
nosceret.  In  BP  steht  alterutrum,  eine  Form,  für  welche  nach 
dem  mir  vorliegenden  Material  keine  Emendation,  sondern  nur 
eine  Erklärung  nöthig  ist.  Es  gab  in  der  Volkssprache  ein 
Adverbium  alterutrum,  welches  neben  inuicem  zum  Ersätze  dos 
griechischen  iXXt^jX(i)y  und  des  classisch-lateinischen  alter-aUeritis^ 
-alterij  -alterum,  -altero  diente.  So  findet  es  sich  in  der  Vul- 
gata  etwa  zwanzigmal  in  mannigfachen  Casusverhältnissen  ver- 
wendet. Gen,  13,  11:  diuisique  sunt  alterutrum  (=  alter  ab 
cUtero)  a  fratre  suo,  I  Reg,  20,  41 :  et  osculantes  st  alterutrum 
(=.  alter  alterum),  ßeuet'unt  pariter.  Jud.  5,  26:  dicentes  ad 
alterutrum  (—  alter  ad  alterum).  ßap.  18,  23:  super  alterutrum, 
Marc,  4,  40:  dicebant  ad  alterutrum  (sXsyov  xpb^  aX^ijAouc);  8, 
16 :  ad  alterutrum  dicentes;  15,  31 :  ad  alterutrum  dicebant.  Ad, 
7,  26:  utquid  nocetis  aÜerutrum  (Tva  v,  xlvfjsXxt  aXXTjXcjc).  Rom. 
15,  5:  in  alterutrum  (sv  aXXi^jXo^)^  15,  14:  ut  possitis  alterutrum 
monere  (iXXTJXou;  vcjOstsTv).  /  Tliess,  5,  11:  consolamini  inuicem 
et  aedißcate  alterutrum  (TcapaxaXeiTs  aXXijXou«;  xat  oix5Bo|i.£it£  sie 
Tbv  Iva).  Jac.  4,  11:  nolite  detrahere  alteititrum  ([Jitj  xoraXaXsi^t 
iXXt^Xwv);  5,  9:  ingemiscere  in  alterutrum  (xai'  aXX-jJXwv);  5,  16: 
conßtemini  ergo  alterutrum  (aXXi^jXcic)  peccata  uestra,  I  Petr,  4, 
10:  in  alterutrum  {tl^  sauiou;).  /  Joan,  3,  11:  ut  diUgatis  al- 
terutrum; 3,  23:  et  diligamus  alterutrum;  4,  11:  nos  debemus 
alterutrum  diligere,  II  Joan,  5 :  «^  diligamus  alterutrum.  Femer 
erscheint  es  bei  Lactant.  de  ira  dei  13,  14  pleonastisch  neben 
inuicem:  Inuicem  sibi  alterutrum  (=  alteitim  alteri)  conexa  mnt. 
Zu  dieser  Stelle  citirt  Bünemann  aus  TertuU.  de  resurrect. 
carn.  ,membra  alterutrum  (=  alter  altenus)  sumus',  aus  Cyprian 
,alterutrum  onera  austinete',   aus   Isidor  ,uelut  canes  alterutrum 


Beitr&ge  zur  Textkritik  der  Scriptotes  hintoriüc  Augostae.  361 

86  latranif.  Desgleichen  findet  es  sich  bei  Fulgentius;  vgl. 
Zink  S.  41,  der  es  mit  Unrecht  unter  den  ^Fulgentianischen^ 
Adverbien  aufzählt.  Ist  somit  alterutrum  an  der  Stelle  des 
Vopiscus  unanfechtbar;  so  erübrigt  nur  noch  die  Erledigung 
eines  Punktes.  Es  ist  nämlich  fraglich,  ob  der  Singular  nosceret 
richtig  ist,  während  an  allen  bisher  angeführten  Belegstellen 
der  Plural  steht.  Hierüber  geben  drei  sehr  merkwürdige  Stellen 
bei  Porphyrion  Aufschluss.  Ich  schicke  voraus,  dass  ich  die- 
selben so  citiro,  wie  sie  im  Codex  Monacensis  stehen,  nicht 
wie  sie  in  den  Ausgaben  corrigirt  erscheinen.  Wir  lesen  also 
zu  Ep.  I,  8,  41  (gratia  sie  fratrum):  dum  alterutrum  sequitur 
Studium;  ibid,  u.  61:  tamdiu  nomina  simulata  8ei*uantur,  donec 
(nee  Cod.  Monac.)  alterutrum  uincat;  Ep,  II,  1,  59  (uincere 
CaeciUus  grauttate  Terentiua  arte):  utrum  alterutnim  uincit  an 
ceteros  uniuersosf  —  Hat  man  da  ein  Recht  anzunehmen,  dass 
utrum  einmal  für  aüerumy  ein  zweites  Mal  für  xkter  und  ein 
drittes  Mal  wieder  für  alterum  verschrieben  läei?  Die  Antwort 
kann  nur  verneinend  lauten.  Man  wird  vielmehr  im  Hinblick 
auf  die  so  merkwürdige  Uebercinstimmung  der  Stelle  des  Vo- 
piscus mit  den  soeben  aus  Porphyrion  citirten  mit  vollem 
Rechte  den  Schluss  ziehen,  dass,  nachdem  einmal  das  ursprüng- 
liche aüer  alterum  in  altei*utrum  übergegangen  war,  zunächst 
noch  der  Subjectsb^riff  alter  überwog  und  demnach  das  Ver- 
buni  in  den  Singular  gesetzt  werden  konnte;  später  erstarrte 
die  Form  vollständig  zu  der  Bedeutung  ,  einander,  gegenseitig^ 
Somit  ist  die  handschriftliche  Ueberlieferung  ,neque  altenUrum 
noscereV  vollkommen  richtig. 

Diese  Beispiele  mögen  genügen,  um  zu  zeigen,  dass  die 
Beachtung  der  Wortbedeutung  für  die  Kritik  der  Kaiser- 
geschichtschreiber nicht  unwesentlich  ist.  Wir  wenden  uns 
nun  zu  einem  anderen  der  in  den  Einleitungsworten  berührten 
Punkte,  um  einige  von  den  Handschriften  überlieferte  Formen 
mit  Hinweis  auf  Analogien  bei  anderen  Schriftstellern  der  späten 
Zeit  zu  vertheidigen.  Hadr.  5,  6:  qtiamuia  Crasaum  postea 
procurator  ,  .  .  iniu^su  eius  occid^rit  Das  in  BP  überlieferte 
iniusso  ist  durch  analoge  Bildungen  hinlänglich  geschützt.  Vgl. 
Commod.  3,  6  cun^o  =  curruy  ibid.  3,  9  fiei^etque  contempto 
f=  contemptui) ;  iusso  Theoderici  steht  beim  Anonymus  Valesii 
56  (Cod.    Meermann.    saec.    IX).     Zahlreiche    Beispiele    sind 


362  Petichenig.    . 

angeführt  von  Rönsch;  Itala  und  Vulgata,  2.  Aufl.,  S.  260— 
262,  und  von  Schuchardt,  Der  Vocalisnius  des  Vulgärlateints, 
II.  Bd.,  S.  188. 

Pitu  10,  4  liest  man  bei  Peter:  facilius  fuit  Apollonio  a 
Calchide  Ramam  uenive  quam  a  domo  sua  in  palatium.  Hier 
bietet  B  chalchida,  P  ccilchida.  Zweifellos  haben  wir  es  da 
mit  der  bekannten  Form  der  Heteroklisie  zu  thun,  nach  welcher 
griechische  Substantiva  der  dritten  Declination  im  Lateinischen 
in  die  erste  umlauten;  Beispiele  findet  man  zur  Genüge  bei 
Neue,  Formenlehre,  I.  Bd.  S.  329  ff.  Zu  schreiben  ist  also 
Cakhida,  desgleichen  Gallien.  1,  1  mit  BP  Persida.  Für  letz- 
teres fand  ich  folgende  Beispiele:  Commodian.  carm.  apolog. 
925 :  de  Persida  homo  immortalem  esse  se  diciL  Porph.  ad  Horat 
Od.  II,  2,  17:  a  rege  Cyro,  qui  pHmus  in  Persida  (so  Cod. 
Monac.)  regimuit  Comment.  Bernens.  in  Lucan.  III,  256: 
Tigris  et  Eufrates  ariuntur  in  Persida,  —  Hadr.  12,  4  bietet 
B  tarraconam,  P  tan-aconem,  aber  die  beiden  letzten  Buch- 
Stäben  in  Rasur,  wonach  die  Lesart  des  Archetypus  unzweifel- 
haft Tarraconam  war.  Sehr  wahrscheinlich  ist  auch  Maximin, 
8,  5  nach  BP  zu  schreiben:  alii  Scironam  .  .  .  mulH  Tyfonam 
uel  Gigantam,  obwohl  griechische  Masculinformen  seltener 
umlauten.  Doch  findet  sich  Fulgont.  Myth.  III,  2  Perdica 
(nom.  propr.)  für  Perdix,  Hygin.  f.  155  Arcada  für  Areas,  — 
Marc.  25,  12  bieten  BP  alexandre,  was  jedenfalls  auf  die  Form 
Alexandreae  fuhrt. 

Oo7*d,  2,  4:  ipse  post  consulatum  ,  .  .  ad  procofisulatum 
Africae  missus  est.  Statt  ipse  post  überliefern  die  Handschriften 
ipsos,  Kellerbauer  hält  dafür,  dies  sei  aus  Versehen  für  post 
geschrieben  worden;  ich  glaube  vieiraehr,  dass  es  durch  Buch- 
stabenvcrsetzung  aus  is  pos  entstanden  ist.  pos  ist  in  Hand- 
schriften so  häufig  statt  post  überliefert,  dass  es  unbedenklich 
als  berechtigte  Nebenform  gelten  kann.  Vgl.  Schuchardt,  Vo- 
calismus  I,  S.  122,  Rönsch,  It.  u.  Vulg.2  S.  470  und  525. 

Wir  haben  es  im  Vorstehenden  versucht,  eine  Anzahl 
von  Wortformen  durch  Analogien  zu  stützen  und  zu  vertheidigen. 
Es  wäre  jedoch  keineswegs  gerechtfertiget,  wollte  man  das 
Princip  der  Analogie  auf  alle  Stellen  ausdehnen,  an  denen  un- 
gewöhnliche Formen  überliefert  sind.  Manche  Vulgai'ismen, 
welche  man  als  solche  erkennen  wollte  und  zu  registriren  nicht 


Beitrige  zur  Textkritik  dor  Scriptares  hisfcoriae  AugustM.  363 

yersäaiDte^  verdanken  ihr  Entstehen  einzig  und  allein  einer 
Verderbniss  des  Textes.  Auch  hievon  ein  paar  Beispiele. 
Gmimod.  11,  6:  deorum  templa  poUutua  stupris  et  hiimano  san- 
pine.  Trotz  vielfacher  Analogien,  welche  dafür  sprechen,  dass 
pollutus  =  poUuit  sein  könne,  erweckt  diese  Form  hier  einiges 
Bedenken.  Man  erwäge  doch  nur,  wie  leicht  poUutu^stupris 
aus  poüutastupris  in  den  Handschriften  der  Scriptores  entstehen 
konnte,  in  welchen  die  Zahl  der  Dittographien  Legion,  die 
Verwechslung  von  a  und  u  häufig  genug  ist.  Der  einzige 
Grand,  hier  ein  Deponens  polluoi'  anzunehmen,  kann  nur  auf 
dem  Umstände  basiren,  dass  in  allen  übrigen  Sätzen  dieses 
Capitels  ,Commodu8*  als  Subject  erscheint.  Warum  hat  man 
dann  aber  Piua  10,  9  Edita  munera  nicht  geändert,  ^  obwol 
in  jenem  Capitel  genau  derselbe  Fall  vorliegt,  wie  hier,  wenn 
polluta  an  die  Stelle  von  pollutus  tritt?  Ein  weiteres  Beispiel 
des  raschen  und  unerwarteten  Subjects- Wechsels  steht  Gard. 
29,  4 — 5:  sed  Philippus  etiam  hoc  addidit  ut  rumor em  per 
wüites  spargeret,  adulescentem  esse  Oordianum,  irnperium  non 
posse  regere,  melius  esse,  iUum  imperare  qui  militem  guhemare, 
qid  rempublicam  sciret,  corrupit  praeter ea  etiam  principes,  efr 
fectumque,  ut  palam  Philippus  ad  imperium  posceretur,  Ist 
somit  der  Subjectswechsel  nicht  auffallend,  so  wird  man  sich 
schwerlich  mehr  bedenken,  eine  Monstrosität  zu  entfernen, 
deren  Entstehung  so  leicht  zu  erklären  ist. 

Diadum,  7,  4:  ut  scirent  omnes,  Antoninos  pluris  fuisse  quam 
deos  ac  triam  prvicipum  amore,  quos  sapientia  honitas  pietas 
consecraia  sit:  in  Antonino  pietas,  in  Vero  honitas,  in  Marco 
sapientia.  So  Peter  mit  den  Handschriften.  Sehen  wir  von  ac 
ab,  welches  Jordan  ti*eflFend  in  ab  verbesserte,  so  interessirt 
uns  hier  vor  Allem  die  Anmerkung  des  Salmasius,  auf  dessen 
Autorität  hin  an  dieser  Stelle  ein  Deponens  consecror  erscheint. 
Er  bemerkt  nämlich  zu  der  früheren  Lesart  quo  .  .  .  consecrata 
sit:  yUitiosa  lectio,  cuius  hie  est  uitiosus  sefiisus:  per  amorem 
Ulorum  prindpum  sapientiam,  bonitatemy  pietatem  consecratam 
^sse,  quod  quid  tidit  non  satis  intellego.  nam  potius  uidetur  tres 
ülos  principes  pi'opter  sapientiam,  bonitatem,  pietatem  fuisse  con- 
secratoh^.   Vielleicht  an  keiner  Stelle  hat  Salmasius  mit  Schein- 


^  Mommseti  wollte  allerdiogs  eduiit  für  edila. 


364  Petschenig. 

gründen  in  solcher  Weise  und  mit  solchem  Erfolge  gekämpft 
wie  hier.  Denn  —  und  dies  hat  Salmasius  nicht  geahnt^  Jordan 
aher  recht  wohl  gesehen  —  erkennt  man  die  Lesart  quos  .  .  . 
consecrata  sit  als  die  richtige  an,  so  sind  die  folgenden  Worte 
unhaltbar,  ausser  man  hält  folgenden  Gedanken  für  möglich: 
in  Antoniao  pietaa  Antoninum  conseerauitj  in  U&ro  honitas  üeram 
et  reL  Das  einzige  Wörtcheu  quos  hat  also  nicht  bloss  ein  uner- 
hörtes Deponens  consecror  erzeugt,  sondern  auch  Veranlassung 
gegeben,  eine  ganze  Zeile  des  Textes  als  unhaltbar  zu  ver- 
werfen. Ist  aber  die  Lesart  qtu)  in  der  That  so  verkehrt,  wie 
Salmasius  und  mit  ihm  die  neuesten  Herausgeber  annehmen? 
Ich  meine,  der  Gedanke,  dass  die  Liebe  des  Volkes  drei 
Fürsten  und  mit  denselben  zugleich  ihre  hervorragendsten 
Eigenschaften  vergöttert  habe,  sei  gar  nicht  unpassend,  sondern 
im  Gegentheile  sehr  schön  und  würdig  und  zeuge  von  einer 
höheren,  philosophischen  Auffassung  der  Eaiser-Consecration. 
Also  nicht  die  Frömmigkeit,  Güte  und  Weisheit  hat  den  An- 
toninus,  Verus  und  Marcus  vergöttert,  sondern  das  Volk  in 
seiner  Liebe  vergötterte  diese  drei  und  in  ihnen  ihre  Tugenden. 
Nicht  selten  kommt  es  vor,  dass  der  ungewöhnliche  Ge- 
brauch einzelner  Redetheile,  die  Anwendung  seltener 
oder  seltsamer  Structuren  angefochten  und  durch  Conjectur 
beseitigt  wird,  während  gerade  hier  die  grösste  Vorsicht  geboten 
ist.  Denn  wir  sind  über  kein  Gebiet  des  Lateins  so  wenig 
unterrichtet  wie  über  die  Syntax  der  Vulgärsprache.  Rechnet 
man  dazu  noch  die  Licenzen,  welche  der  Eigenart  des  Schrift- 
stellers ihren  Ursprung  verdanken  und  die  oft  nur  durch  sorg- 
faltiges Studium  als  solche  erkannt  werden  können,  so  wird 
man  geneigt  sein,  der  Ueberlieferung  ein  grösseres  Gewicht 
beizulegen,  als  dies  bisher  der  Fall  war.  Das  Ungewöhnliche 
einer  Construction  beweist  noch  nicht  entfernt,  dass  dieselbe 
nicht  thatsächlich  gewagt  wurde.  So  lesen  wir  z.  B.  Hadr. 
22,  6  in  den  Ausgaben:  sederi  equos  in  ciuitatibus  iwn  siuit 
Kellerbauer,  der  dies  für  unmöglich  hält,  will  zVi  equia  lesen 
und  fuhrt  zum  Belege  für  seine  Vermuthung  fünf  Stellen  aus 
den  Scriptores  an.  Dennoch  ist  die  Emendation  nichts  weniger 
als  richtig,  da  sich  sedere  oft  genug  als  Verbum  transitivum 
gebraucht  findet.  Vgl.  Hygin.  f.  61:  quadrigam  sedens,  Anth. 
Lat.  I,   350,   4   (Riese):   sederat   umbra  uiam,     Optat.  Müeuit 


Beitrüge  sur  Textkritik  der  Seriptores  historiae  Angnstap.  365 

de  schism.  Donatist.  I,  15:  cuiiis  fn  cafhedram  sedes.  Desgl. 
11,2;  II,  3.  Fulgent.  Myth.  III,  1:  qvalem  equwn  sedet  Victor 
Vit.  II,  3 :  ttt  sunm  nequaquam  sederet  thronum. 

An  einer  ganzen  Reihe  von  Stellen,  wo  sich  hi  oder  his 
mit  darauf  folgendem  Relativ  findet,  hat  Peter  theils  zuerst, 
theils  nach  dem  Vorgange  Anderer  für  hi  entweder  i  oder  ii,  für 
hü  aber  is  geschrieben.  ^  Untersucht  man  aber  die  Ueberlieferung 
an  diesen  Stellen  genauer,  so  wird  man  die  Berechtigung  zu 
diesen  Aenderungen  entschieden  läugnen  müssen.  In  der  Mehr- 
zahl der  Fälle,  nämlich  ßlmal,  '^  überliefern  die  Handschriften 
hi  oder  his;  an  fünf  Stellen  ^  haben  jB  und  P,  an  zwei  Stellen  * 
bat  B  allein  hii,  was  aber  eben  so  gut  für  hi  als  für  ii  ver- 
schrieben sein  kann;  ausserdem  steht  Heliog.  19,  9  in  j5  bis 
statt  his.  Während  also  die  Schreibung  hi  und  his  durch  mehr 
als  sechzig  Stellen  gesichert  ist,  steht  is  nur  Heliog,  6,  6  und 
10,  l,'"^  wobei  wiederum  zu  bemerken  ist,  dass  dies  eben  so 
gut  iur  his  als  für  iis  gesetzt  sein  kann.  Ausserdem  hat  Peter 
sein  Princip  an  drei  Stellen  <*  nicht  zur  Anwendung  gebracht 
and  his  stehen  gelassen.  Die  handschriftliche  Ueberlieferung 
spricht  alscf  dafür,  dass  statt  ii  und  iis  vor  einem  Relativum 
die  entsprechenden  Formen  von  hie  in  Anwendung  gekommen 
sind.  Vereinzelte  Beispiele  hievon  finden  sich  schon  bei  den 
Classikern;  häufiger  wird  dieser  Gebrauch  im  silbernen  Zeitalter, 
und  ist  in  der  späten  Latinität  ganz  allgemein.    So  findet  sich 


*  Vorflichtig'er  verfahren  die  Berliner  Herausgeber;  vgl.  JordAD^fl  Praef. 
p.  XXV:  commimi  cormlio  relinuimua  iUa  ,hi  qui*  et  fhin  qni*  »atia  opinor 
comviendata  üfift  Jiuius  quV  et  Jiaec  quae*. 

»  Hadr.  6,   2.    17,   2.    18,  11.     HeL  3,   8.    5,  3.    7,  3.     Piu«  6,  3.    12,  7. 

Marc.  IG,  4.  19,  6.     Cammod,  5,  15.  14,  8.  20,  5.     PerL  ö,  4.  7,  8.  7,  9. 

12,  8.     Niff.  7,   8.    9,  ö.     Carac,  2,   ö.      Oet,  7,  4.     HeJiog.  4,   3.    14,  1. 

15,  1.   27,  4.   30,  8.   35,  7.     AI.  Seuer.  4,  3.   31,  1.   37,  7.   39,  3.   43,  7. 

46,  2.  54,  6.  55,  3.  57,  3.  58,  2  (zweimal).  69,  6.     Maximin.  2,  5.  15,  5. 

QaUien.  3,  2.  9,  3.  20,  1.    Trig.  18,  9.  31,  8.  33,  3.     Claud.  11,  5.  11,  7. 

Aurel  13,  2.   31,  6.   36,  6  (zweimal).   37,  1.   40,  2.   41,  2.   41,  5.     Proh. 

14,  1.     Firm.  6,  3.     Saturnin.  11,  3.     Proad.  12,  1. 
^  Pert.  10,  3.     Conimod.  14,  1.    14,  6.     Gord.  14,  3.     Trig.  30,  9. 

*  Seuer.  14,  9.     Peii,  11,  3. 

*  An  der  erstgenannten  Stelle  schreibt  Peter  m,  Jordan-Eyssenhardt  A»>, 
aber  ohne  dass  man  von  einem  der  Herausgeber  erfahrt,  was  die  Hand- 
schriften bieten. 

*  Amd.  Ca»M.  3,  1.     Did.  Jul.  3,  8.     Diadum.  5,  1. 


366  Potsehonig. 

in  des  Pacatus  Panegyricus  auf  Theodosius  hü  mit  folgendem 
Relativ  elfmal,  Jd  .  .  qutims  einmal,  in  des  Mamert.  grat.  act. 
c.  1  ki8  .  .  quibusj  c.  14  his  qui,  in  des  Nazar.  Paneg.  in  Con- 
stantin.  hü  qui  zweimal.  Aehnliches  gilt  von  der  Medieina  des 
sogenannten  Plinius  und  von  des  Gargilius  Martialis  Medicinae, 
wo  freilich  Rose  gegen  die  Autorität  der  besten  Handschriften 
dasselbe  Verfahren  wie  Peter  in  Anwendung  brachte.  2iahU 
reiche  Beispiele  bieten  die  Schriften  der  Kirchenväter.  Vinc. 
Lirin.  Commonit.  c.  2:  si  ab  hü  sengibus  nuüatenus  recedamw, 
qtM8  sanctos  maiores  .  .  .  celehrasse  manifestum  est;  c.  11:  hi 
ipsi  qui  rodebantur;  c.  12:  horum  quos  supra  memaraui;  c.  14: 
hi  qui  agunU  Ambros.  de  poenit.  I,  2,  5 :  sed  negarU  hü  opor- 
tere  reddi  communionem  qui  praeuaricatione  lapsi  sunt;  5,  21: 
si  his  quibus  fuerit  iratus  ignoscat;  5,  24:  hü  ,  •  qui;  ibid. 
his  .  .  qux}s;  5,  26:  hi  qui.  Vgl.  ferner  Pacat.  paneg.  c.  22: 
hae  .  .  quas;  Garg.  Hart.  36:  haec  quae;  Capitolin.  Clod.  Alb. 
1,  5:  hoc  quod;  Garg.  Mart.  34:  hoc  quod;  Vinc.  Lirin.  14:  quod 
agebat,  hoc  etiam  esset;  Cyprian.  de  lapsis  5:  hoc  omne  qttod 
gestum  est;  TertuU.  de  poenit.  1:  hoc  genus  homimim  quod  ei 
ipsi  retro  fuimus.  *  Dagegen  findet  sich  im  Singular  meist  is  qui 
{Macrin.  3,  4;  Maximin.  25,  2;  Plin.  See.  medic.  I,  5;  Pacat. 
paneg.  c.  16;  Mamert.  grat.  act.  c.  2,  c.  18,  c.  29),  ebenso  eos 
qui  (Commod.  9,  6;  Pert.  10,  8;  Pacat.  paneg.  c.  1;  Mamert. 
grat.  act.  c.  14). 

Bisher  haben  wir  nur  das  vorausweisende  Demonstrativum 
ins  Auge  gefasst.  Zurückverweisend  finden  sich  is  und  Ate  neben 
einander  an  folgenden  Stollen:  Diadum.  8,  5:  sperans  eos  uel 
amiciores  tibi  futuros,  si  his  (Peter:  is,  Jordan-Eyssenhardt: 
iis)  parceres.  Anrel.  19,  2:  eos  (libros  fatales)  semper  inspectoSy 
neque  prius  mala  publica  esse  finita  quam  ex  his  (Peter:  is) 
sacrijiciorum  processit  auctoritas.  Firm.  3,  5:  sed  eosdem  dentes 
postea  Carinus  mulieri  .  .  .  dedit,  quae  lectum  ex  his  (Peter:  is, 
Jordan-Eyssenhardt:  eis)  fecisse  narratur.  —  hie  allein  steht 
im  rück  weisenden  Sinne  Aurel.  48,  2:  Etrwriae  per  Aureliam 
.  .  .  ingentis  agri  sunt  hique  (Peter:  ique)  fertiles  ac  sibtosi. 
Wenn  an  den  früher  citirten  Stellen  wegen  des  unmittelbar 
vorausgehenden  eos  noch  einiger  Grund  zur  Aenderung  des 
darauf  folgenden  his  vorhanden  war,  so  entfällt  dieser  hier 
gänzlich.     Vgl.    Auid.    Cass.   9,    1:    cum    primo    Antiochensibus 


Beiträge  znr  Textkritik  der  Scriptores  historiae  AugQKta«.  B67 

gramier  irntus  esset  hisque  spcctacula  sustulisset.  Gallien,  20^  3: 
nam  cttm  cingula  sna  fleinque  militantinm  .  .  .  ponerent  .  .  . 
Sahnimis  ,  .  .  his  .  .  .  balteos  rapuisse  perhibetnr,  Trig.  1,  2: 
wd  quoniam  tanta  obscitritas  eorum  kominum  fuity  qui  ex  diuersis 
Oi'hifi  partOms  ad  impet'ium  co7iuolabantf  ut  non  mvlta  de  his 
ud  dici  possinL  Anreh  21,  6:  interfecti  sunt  enim  nonnuUi  etiam 
nobües  senatoreSj  cum  his  leue  quiddam  .  .  .  t^tis  obiceret;  ibid. 
23,  2:  cum  milit£s . . .  euersianem  urbis  exposcerent,  respondit  his. 

Fassen  wir  die  vorstehende  Erörterung  zusammen^  so 
zeigt  sich  uns  folgendes  Ergebniss:  Das  Demonstrativuni  is 
wird  im  späten  Latein^  ,wo  der  Gebrauch  der  Demonstrativa 
immer  schwankender  wird'  (Drag.  Hist.  Synt.  I,  S.  71),  sehr 
häufig  durch  hie  ersetzt,  hauptsächlich  im  Nominativ,  Dativ 
und  Ablativ  Pluralis  und  vor  einem  Relativsatze. 

Hadr.  4,  6:  quinto  iduum  August,  die  legatvs  Suriae  litteras 
adoptionis  accepit.  BP  bieten  hier  quintum,  was  die  Heraus- 
geber ändern,  während  sie  an  einer  anderen  Stelle  den  Accu- 
sativ  stehen  lassen;  Pert,  6,  4:  tertium  nonarum  diem  .  .  .  milites 
Triarium  .  .  .  ducere  in  castra  uoluerunt.  Danach  ist  also  wahr- 
scheinlich quin  tum  .,,  diem  zu  schreiben  und  ebenso  Com- 
mod.  11,  13  das  handschriftliche  quartum  iduum  Octobrium  mit 
den  Berliner  Herausgebern  beizubehalten.  Wie  sehr  der  Sprach- 
gebrauch bei  diesen  Datirungen  schwankte,  wie  der  Tag  bald 
durch  den  Ablativ,  bald  durch  den  Accusativ,  die  kalendae, 
nonae  und  idus  bald  durch  den  Accusativ,  bald  durch  den 
Genetiv  bezeichnet  werden,  mögen  einige  Beispiele  aus  Ammia- 
nus  zeigen.  XV,  8,  17:  die  octauo  iduum  Nouemb.  XXH,  2,  4: 
fertio  iduum  Decembrium.  XXII,  13,  5:  quarto  nonas  Decembres. 
XXIII,  3,  3:  diem  sequuturum^  qui  erat  quaHum  decimum  kal. 
Äprües,  XXIV,  8,  5:  sextum  decimum  kalendas  Julias.  XXV, 
ö,  1:  principio  lucis  secutae,  quae  ei'ot  quirttum  kalendas  Julias. 
XXVI,  10,  15:  diem  duodecimum  kalendas  Augustas. 

Auch  der  Gebrauch  der  Conjunctionen  ist  nicht 
immer  gebührend  beachtet  worden.  So  liest  man  jetzt  Maximin. 
6,  4:  sed  cum  eum  quidam  tribuni  reprehenderent  dicentes  .  .  . 
üle  dixisse  fertur.  Da  B  repprehendent,  P  reprehendunt  bietet, 
ist  ohne  Zweifel  das  letztere  richtig.  Ebenso  ist  c.  24,  4  der 
Indicativ  Praesentis  nach  cum  sichergestellt,  indem  mit  BP 
gelesen   werden    muss :    Dtci   uix  pofesty    qnanta  laetifia  fnerit, 


368  Petschonig. 

cum  Eomam  yei^  Italiam  caput  Maximim  fertur,  —  AL  Seuer. 
14,  4:  et  primum  quidem  sortibus  .  .  .  intellecium  est,  qnod  inter 
diuos  etiam  referretnr,  BP  bieten  referetur,  welches  nicht  zu 
ändern  ist.  Denn  da  q\tod  den  Accus,  c.  Inf.  vertritt^  in  dieser 
Construction  aber  nothwendig  relatum  iri  stehen  müsste,  ist 
das  Futurum  gerade  am  Platze. 

Mcmdmin.  14,  4  bieten  BP:  inde  per  Carthaginem  uenit 
(Gordianus)  cum  pompa  regali  et  proteetoribus  et  fascibtts  lau- 
reatis.  Fast  dasselbe  steht  Gord,  9,  6:  Post  hoc  Carthaginem 
uefitum  cum  pompa  regali  et  fascibus  laureatis.  Beide  Stellen 
sind  aus  Herodianus  herübergenommen.  VIII,  6,  1:  i<;  ty;v 
Kap;rYj56va  if:v.y^^  .  .  .  (2).   enreTO  Be  auTw  icaaa  i^  ßaffiXixt;  i:o[Jin^„ 

TWV    jJL^V    STpaTtWTWV    .    .    .    Iv    CXT^fiÄTl     TWV     KOTÄ     T*JV    T(i)|JLY)V     BopffpWV 

•irpoVovTwv  •  ai  xe  potßSot  sSa^vr^^ipouv.  Ist  nun  per  corrupt,  oder  ist 
per  Carthaginem  die  Uebersetzung  des  griechischen  e?  Kapx^';- 
oova?  Es  ist  unbedingt  das  letztere  anzunehmen.  Vgl.  Maximin. 
23,  3:  misernt p'a^terea  (senatus)  per  omnes  ciuitates  praetorios 
et  qnaestorios  uiros.  Max,  et  Balb.  10,  1:  senatns  per  omnes 
regio 71  es  consulares  .  .  .  tiiros  misit  Die  Bibelstello  Luc,  10, 
32:  *0{xo((i)^  B^  xai  Asuitti?,  '^z'ii^v^o^  yjxzol  tov  tottov  C=  cum  ad  eum 
locum  uenisset)  gibt  die  Vulgata  mit  der  Uebersetzung  wieder: 
Similiter  et  Leuita,  cum  esset  secus  locum;  der  Codex  Vercel- 
lensis  dagegen  bietet:  cum  transiret  per  eodem  loco.  In  des 
Dracontius  Medea  heisst  es  V.  194 — 5:  sie  fata  per  aras  üirgo 
cruevta  molam  perfert;  d.  h.  Medea  trägt  das  Opferkorn  zum 
Altare.  Gleich  darauf  (V.  199)  heisst  es  von  Jason,  der  im 
Tempel  der  Diana  seinen  Tod  erwartet:  Forte  oculos  per  tecta 
leuaty  nidet  ecce  uolantem  Atqne  salutantem  puerum.  Dies  kann 
nur  den  Sinn  haben :  ,er  erhebt  die  Augen  nach  oben  zur 
Decke  und  sieht  Amor  herabfliegend 

Ungemein  häufig  ist  die  Ellipse  einzelner  Formen  von 
e««e;  namentlich  fehlt  est  gerne  im  Perfectum.  Vgl.  Hadr.  2, 
2—3;  Pert,  4,  10.  Um  so  mehr  fallt  es  auf,  dass  die  Heraus- 
geber Pert,  3,  1  quare  etiam  dictis  popularilms  lacessitus  ein 
est  vor  lacessitus  einschieben.  Auch  erat  wird  manchmal  w^- 
gelassen;  z.  B.  Comm^d,  10,  4:  in  iods  quoqtie  perniciosus.  Da- 
nach ist  Maxim,  et  Balb.  7,  6  zu  berichtigen,  wo  man  jetzt 
liest:  \dni  cibf  Ueneriae  anidus,  uestitu  cultus,  nee  qmcqttnm 
defuit  quod  illum.  pop%do  non  commefi\dabilem  redderet    Für  non 


Beiträge  zur  Textkritik  der  Scriptoree  histonae  Angnstae.  369 

rermuthete  Kellerbauer  Rom(ano).  Indesseu  Hesse  sich  die 
Negation  vielleicht  durch  die  Analogie  mit  nihil  abest  quin 
schätzen ;  allein  defuit,  welches  offenbar  Eellerbauer's  Bedenken 
hervorgerufen  hat,  steht  nicht  von  erster  Hand  in  BP,  und  es 
ist  nicht  einzusehen,  weshalb  man  diese  Ergänzung  eines  Cor- 
rectors  aufnehmen  sollte^  so  lange  der  ursprüngliche  Text  sich 
halten  lässt.  Dies  unterliegt,  sobald  man  die  Ellipse  eines  erat 
annimmt,  keiner  Schwierigkeit. 

Aurd.  26,  5  schreiben  die  Herausgeber  mit  Salmasius: 
ted  credo  adiuturos  Romanam  rem  p,  tieros  deos.  Allein  das 
statt  ueros  in  den  Handschriften  stehende  uir  ist  sicher  aus 
uere  verderbt,  welches  im  adjecti vischen  Sinne  gebraucht  ist. 
Vergl.  Carus  2,  2,  wo  nach  GemolFs  treffender  Emendation  zu 
schreiben  ist:  ut  a  Romulo  indpiam,  uere  patre  ac  parente  rei 
p.  (BP:  uero).  Demgemäss  schreibe  ich  Aurel.  24,  3:  Apollo- 
mum  Thyanaeumy  celebej^rimae  famae  auctoritatisque  sapientem, 
väerem  philosophufn,  amicum  uere  deorum  (BP:  uir;  vulgo: 
umim).  Weitere  Beispiele  des  adjectivischen  Gebrauchs  von 
Adverbien  sind  AI.  Seuer,  35,  1:  Melioi'um  retro  prindpum; 
Aurd.  6,  3:  Priuatim  huiua  multa  extant  egregia  facinora,  wo 
priuatim  zu  facinora  gehört.  Freilich  liest  man  nach  Salmasius 
hier  gewöhnlich  priuati;  vgl.  jedoch  Liv.  I,  39,  3:  ingefitis  pu- 
blice priuatimque  deco^is;  VI,  39,  6:  maxirrw  priuatim  periculo, 
nvüo  publice  emolumenio,  und  die  reichen  Sammlungen  bei 
Kühner,  Ausfuhrl.  Gramm.  II.  Bd.  1.  Abth.  S.  166  und  bei 
Drager,  Hist.  Synt.  I,  S.  111—12. 

Ab  und  zu  finden  sich  bei  unseren  Autoren  anakolu- 
thische  Constructionen.  Heh  7,  5:  de  quo  iddrco  non  tacui, 
quia  mihi  propositum  fuit  omnes,  qui  post  Caesarem  dictatorem, 
hoc  est  diuum  Julium,  uel  Caesares  uel  Augv^ti  uel  prindpes 
appellati  sunt,  quique  in  adoptationem  uenerunty  uel  imperatorum 
ßii  aut  parentes  Caesarum  nomine  consecraii  sunt,  singulis  libria 
exponere  meae  satisfaciens  conadentiae,  etiamd  multis  nulla 
«<  necessitas  talia  requirendi,  —  Clod.  Alb,  3,  4 — 5:  Nee  negari 
potest  ,  .  .  hunc  animum  Seuero  primum  fuisse,  ut  ,  .  ,  Pes- 
cennium  Nigrum  et  Clodium  Albinum  dbi  substitueret,  sed  postea 
et  filiis  iam  maiusculis  studens  et  Albini  amori  inuidens  sen- 
tentiam  mutaase  (Uebergang  von  Accus,  c.  Inf.  zum  Nom.  c.  Inf.). 
—  Heliog,  23,  2:  serpentes  per  Marsicae  gentis  sacerdotes  colle- 

Sitzaagaber.  d.  phil.-hiet.  Ol.  ZCIU.  Bd.  II.  Hfl.  24 


* 

370  Petichenig. 

gisse  fertur,  eosque  subito  ante  lucem  .  .  .  effudisse,  mul- 
tosque  ad f  Udos  morsu  et  fuga  (Uebergang  vom  Nom.  zum 
Acc.  c.  Inf.).  —  Prob.  22,  1:  Conferenti  mihi  cum  aliis  impe- 
rntoribus  principem  Probum  .  .  .  intellego  hunc  uinim  aut 
parem  fuisse  et  rel.  Während  an  der  letzteren  Stelle  Jordan- 
Ejssenhardt  den  Handschriften  folgen,  änderte  Peter  die  An- 
fangsworte in  conferens  ego.  Die  erste  Stelle  (Hei.  7,  5)  ist 
sonderbarer  Weise  keinem  der  Herausgeber  aufgefallen;  erst 
Plew  (p.  36)  sah  ein,  dass  dort  ein  Anakoluth  vorliege.  In 
der  That  wird  Jeder,  der  die  Stelle  aufmerksam  betrachtet, 
gewahr  werden,  dass  satisfadens  dem  Sinne  nach  nur  zu  den 
Worten  mihi  propositum  fttit  exponere  gehören  könne,  nicht 
aber  zu  non  tacui.  Ist  nun  an  diesen'  beiden  Stellen  die  Ueber- 
Heferung  richtig  oder  verderbt?  Diese  Frage  werden  die  fol- 
genden Beispiele  bis  zur  Evidenz  entscheiden^  indem  sie  zeigen, 
dass  das  Anakoluth  in  Schriftwerken  des  vierten  und  fünften 
Jahrhunderts  schon  ganz  gewöhnlich  geworden  ist.  Porph.  ad 
Horat.  Od.  IV,  4,  18 :  hi  Vindelici  sedibus  ab  Amazonibus  eiecti 
et  ex  Thracia  in  exilium  se  contulisse  Alpiumqiie  loca  insedisse 
dictintur  et,  quod  potentissima  in  se  tela  secures  Amazonum  ex- 
perti  fuissent,  ipsos  quoqne  iisum  ea3*um  in  beÜo  accepisse;  vgl. 
ad  Od.  IV,  12,  7.  —  Optat.  Mileuit.  de  schism.  Donatist.  11, 
4:  Interea  Victor  Oarbensis,  ut  hinc  prior  mitteretur  — 
non  dico  lapis  in  fontem,  qnia  nee  ualuit  puritatem  catholicae 
multitudinis  perturbare  —  sed  quia  quibusdam  Afris  urbica  pla- 
cuerat  commoratio  et  hinc  a  uobis  profecti  uidebantur,  ipsi 
petierunty  ut  aliquis  hinCy  qui  illos  colligeret,  mitteretur, 
missus  est  igitur  Victor.  —  ibid.VIy  3:  deniquecum  ducenta 
et  quinquaginta  turibula,  quae  sacrilegorum  et  peecatontm 
manibus  portabantur,  cum  eosdem  peccatores  absorberet  ten% 
remanserunt  de  manibus  eorum  excussa  turibula,  et  dum  dvhi- 
taret  Aaron  et  rel.  (Regelrecht:  denique  cum  d.  e.  q.  turibula 
remansissent  .  .  .  excussa,  Aaron,  dum  dubitaret  et  rel.);  vgl. 
VI,  6  fin.  —  Possid.  vit.  Augustin.  c.  18:  Et  Uli  diuinitus 
condonatum  est  ut  de  laborum  suorum  fructu  .  .  .  gaudere  proue- 
nisset,  prius  quidem  in  Hipponensi  ecclesia  .  .  .  pace  perfecta, 
deinde  in  aliis  Africae  partibus  .  .  .  multiplicaiam  fuisse  domi«* 
ecclesiam  peruidens;  ibid.  c.  28:  sed  altius  et  profundius  ea  eon- 
siderans  et  .  ,  .  praeuidens  .  ,  .  fuerunt  ei  lacrimae  panes; 


B«itrftffe  snr  Textkritik  der  Scriptores  hiitoriae  Aagnttae.  371 

Tgl.  c.  14,  c.  24.  —  Ein  bisher  noch  gar  nicht  gewürdigtes 
Beispiel  der  Nicht  -  Congruenz  des  attributiven  Particips  findet 
sich  bei  Porph.  ad  Horat.  Od.  I,  5:  Pyrrham  meretHcem  adlo- 
({aituTj  cuius  caUiditatem  ignorans  ait  se  quoque  in  amorem 
eins  inplicitum.  Die  Richtigkeit  dieser  Ueberlieferung  ist  nach 
den  eben  angeführten  Beispielen  nicht  mehr  zu  bezweifehi  und 
findet  ausserdem  ihre  schlagende  Bestätigung  durch  eine  ganz 
ähnliche  Stelle  bei  Victor  Vit.  II,  16:  Laetum  .  .  .  incendio 
concremauit,  aestimans  tali  exemplo  timorem  incutiens  reliquos 
elisurum^;  vgl.  auch  V,  16,  fin.:  8ed  neque  Antonium  haec 
res  ab  insania  poUiit  reuocare,  seien 8  se  magis  imperio  regis . . . 
posse  placere.  Dergleichen  Licenzen,  in  längeren  und  ver- 
wickelten Perioden  noch  erklärbar  und  zu  entschuldigen,  gehen 
sehr  bald  in  den  Barbarismus  des  Nominativus  absolutus  über 
und  die  Begellosigkeit  wird  geradezu  zur  Regel,  bis  in  Schriften 
wie  sie  die  zweite  Hälfte  des  sogenannten  Anonymus  Valesii 
repräsentirt,  die  vollständige  Auflösung  der  Schriftsprache  zum 
Durchbruche  kommt.  Einzelne  Beispiele  liefert  schon  PosBidius,^ 
sehr  zahlreiche  Fulgentius  '^  und  dessen  Zeitgenosse  Victor  von 
Vita,  bei  welchem  sich  Sätze  finden  wie  folgender  (I,  1):  Irans- 
iens  igitur  quantitas  uniuersa,  calliditate  Oeiserici  ducisy  ut 
famam  suae  terribilem  faceret  geiitis,  ilico  statuit  omnem 
multitvdinem  numerari  (Regelrecht:  cum  igitur  q,  u.  transüsset, 
Geiseiicus  dux  qua  erat  calliditate  .  .  .  ilico  statuit  et  reL). 

In  den  Scriptores  h.  A.  lässt  sich  gleichfalls  ein  Beispiel 
dieser  absoluten  Participial-Construction  nachweisen.  In 
des  Lampridius  AI,  Seuer,  28,  7  lesen  wir:  uolehat  uideri  ori- 
ginem  de  Romanorum  gente  trahere,  quia  eum  pudebat  Syrum  dici, 
maxme  quod  quodam  tempore  festOj  ut  solent,  Antiochenses  Ae- 
gyptii  Alexandrini  lacessiuerant  conuidolis,  et  Syrum  archisyna- 
gogum  eum  uocantes  et  archiereum.  In  den  Handschriften  fehlt 
das  letzte  et,  was  wegen  der  vorausgehenden  Silbe  es  leicht 
erklärlich  ist.  Statt  lacessiuerant  aber  steht  in  BP  laces- 
»itu8  erat.  Zu  der  Annahme,  dass  dies  aus  dem  ersteren  ent- 
standen sein  sollte.  Hegt  nicht  der  geringste  Grund  vor.     Wir 


^  Vit.  Angnstin.   c.   1 :  protinusque    ipse  in  fide  catholica   confirmatus, 

prqficiendi  in  religicne  ei  dem  amoris  ardor  innatus  est. 
-  Vgl.  Zink  S.  4'9. 

24* 


372  Petschenig. 

haben  überhaupt  kein  Recht  uns  einem  übereifrigen  Purismus 
hinzugeben,  am  allerwenigsten  bei  Autoren  von  dem  Kaliber 
unserer  Scriptores,  denen  man  doch  sonst  alle  möglichen  Soloe- 
cismen  und  Barbarismen  nachzusehen  pflegt.  Warum  sollten 
also  die  Handschriften  nicht  Recht  haben?  Warum  sollte  Lam- 
pridius  nicht  haben  schreiben  können  qw>d  quodam  tempore 
frustra,^  ut  solent  Antlochenses  Aegyptii  Alexandrini,  lacessitus 
erat  conmciolis,  et  Syrum  archisynagogum  eum  uocantes  et 
archiercnm,  während  man  Aehnliches  bei  Anderen  in  Hülle  und 
Fülle  findet?  Vgl.  Fulgent.  Myth.  lU,  5:  matei'  deum  dicta  est, 
ülnd  nihilominus  ostendere  uolentes.  Victor  Vit.  I;  1:  et  sie 
eadem  atque  iterum  taÜ  ci-vdelitate  furentesy  ab  eorum  conta- 
gione  nullus  remanait  locus  immunis;  ibid,  H,  14:  cognoscentes 
igitur  qui  aderamus  simidqtte  legentes,  contritum  est  extempb 
cor  nostrum;  ibid.  V,  2:  Qui  .  .  .  dum  .  .  .  pender  et,  nunc  in 
sublime  tollentes^  ictu  celeri  dimissis  .  .  .  cannabinis  super 
silices  platearum  .  .  .  conruebat 

Für  eine  Anzahl  von  Stellen,  an  denen  die  Ueberlieferang 
zu  belassen  ist,  kann  man  keine  bestimmten  Gesichtspunkte 
aufstellen;  sie  sollen  daher  nach  der  Reihenfolge  der  Vitae 
behandelt  werden.  Marc,  19,  9:  dos  autem  quid  habebatur  m>t 
imperium,  quod  ille  ab  socero  uolente  Hadriano  adoptcUus  acce- 
perat  nisi  fehlt  in  BP.  Es  dürfte  daher  einfach  ein  Frage- 
zeichen nach  habebatur  zu  setzen  und  der  folgende  Satz  als 
Antwort  aufzufassen  sein,  wodurch  die  Stelle  zugleich  eine  leb- 
hafte rhetorische  Färbung  erhielte. 

Marc.  28,  10:  fertur  ßlium  mori  uoluisse,  cum  eum  talem 
uideret  futurum,  qualis  extitit  post  tius  mortem.  BP:  quitalis. 
Dies  lässt  sich  im  Hinblicke  auf  andere  Stellen  halten,  an 
denen  gleichfalls  ein  und  dasselbe  Wort,  welches  hervorge- 
hoben werden  soll,  sich  wiederholt.  Vgl.  Uer.  6,  3 — 4:  nam  et 
Uolucri  equo  .  .  simitlacrum  fecerat  .  .  cui  quidem  passas  uuas 
.  .  in  pi'oesepe  ponebat,  quem  sagis  .  .  coopertum  .  .  adduci 
iubebat,   cui  mortuo  sepulchrum  .  .  fecit.     Tacit.  16,   6:  Nunc 


'  In  den  Handschriften  steht  nSmlich  friula^  eine  ganz  gewöhnliche  Ver- 
Schreibung  für  fnutra,  die  sich  auch  noch  Maximin.  22,  1  und  Äurd. 
21,  7  findet  Da  nun  frustra  auch  den  Sinn  von  teniere  oder  (jiiiT^v  haben 
kann,  ist  jede  Aenderung  der  handschriftlichen  Lesart  überflüssig. 


Beitrig^  zur  Textkritik  der  Scnptoree  historiaa  Anguetae.  373 

nohis  adgrediendus  est  Probus,  uir  dornt  foiis  (so  BP ;  forisque 
Edd.)  conspicuusy  uir  Aureliano  .  .  praefer^ndus. 

Seuer. 9^4:  Antiockensibus  iratiorfuit^  quod  et  administrantem 
se  in  orientem  riserant  et  Nigrum  etiam  uictu  iuuerant.  Mit 
Recht  haben  die  Berliner  Herausgeber  das  handschriftliche 
tddum  stehen  gelassen.  Denn  es  ist  sicher^  dass  Niger' s  Sache 
auch  nach  seiner  Niederlage  von  seinen  Anhängern  längere 
Zeit  vertheidigt  wurde.  Vgl.  §.  5:  Neapolitanis  etiam  Palaesti^ 
nensibus  ius  ciuitatis  tuUt,  quod  pro  Nigro  diu  in  armis  fue- 
runt.  £benso  wird  noch  c.  15;  4  der  reliquiae  Pescennianae  Er- 
wähnung gethan:  inter  haec  Pescenniancis  reliquias  Plautiano 
auctore  persequebatur.  Derselbe  Fall  ti'at  nach  dem  Siege  über 
Älbinus  ein;  vgl.  12^  5:  tnulti  sane  post  Albinum  fidem  ei  sei-- 
uantes  bello  a  Seuero  superaii  sunt  Für  uictum  spricht  auch 
Dio's  Bericht.  Nachdem  er  74,  7  die  für  Niger  verderbliche 
Schlacht  bei  Issus  geschildert,  fährt  er  im  achten  Capitel  fort: 
iXo^or;;  Se  t^<;  'Avitoxs^a^;  ob  xoXXw  öciepov  (nach  jener  Hauptschlacht) 

Gallien,  2,  3:  Piso  igitur  in  Thessaliam  se  recepit.  ubi 
missis  a  Ualente  militibus  compluribus  (quam  plurimis  Eyssenh.) 
interfeetus  est  Ich  sehe  nicht  ein,  was  gegen  cum  plurimis^ 
wie  ßP  lesen,  sprechen  sollte.  Zu  militibus  ist  compluribus 
oder  quam  plurimis  ein  ganz  müssiger  Zusatz.  Auch  Trig. 
21,  2,  wo  von  derselben  Sache  gesprochen  wird,  heisst  es  nur: 
Ualens,  qui  ad  eum  percussores  misisse  perhibetur.  Dagegen  ist 
es  recht  wol  denkbar,  dass  Manche  mit  ihm  umkamen,  die- 
jenigen nämlich,  von  denen  Trig.  21,  1  gesagt  wird,  dass  sie 
seine  Partei  ergriffen:  atque  illic  paucis  sibi  consentientibus 
mmpsit  imperium.  Natürlich  ist  an  unserer  Stelle  plurimi=multi, 
worüber  Rönsch,  Ital.  u.Vulg.^  S.  417  zu  vergleichen  ist. 

Trig,  30,  13:  uiant  regali  pompa.  more  magis  Persico  ad-- 
orata  est.     Da  in  BP  pompae  steht,   ist  e  more   zu  schreiben. 

Claud,  5,  2:  his  accedit  quod  rogantem  Aureolum  et  foedus 
petentem  Imperator  grauis  et  serius  rvon  audiuit,  responso  tali 
repndiaium:  ,Haec  a  Oallieno  petendo  fuerantj  qui  consentiret 
moribus;  poterat  et  timereK  Alles  ist  richtig  bis  auf  die  Inter- 
punction.  Nach  fuerant  ist  ein  Kolon  zu  setzen  und  dann 
fortzufahren:  qui  consentiret  moiibus,  poterat  et  timere. 


374  Petschenig. 

Aurel.  11  y  1:  Interest  epistolas  nosse  Aureliano  scriptas  et 
ipsam  adrogationem.  Sonderbarer  Weise  hat  man  hier  das  hand- 
schriftliche de  vor  Aureliano,  welches  allein  richtig  ist^  ganz 
ignorirt.  Yopiscus  theilt  zwei  Briefe  mit^  von  denen  der  erste 
allerdings  an  Aurelian,  der  zweite  aber  an  den  praefectus  aerarii 
Aelius  Xifidius  gerichtet  ist.   Beide  aber  betreffen  den  Äurelian. 

An  manchen  Stellen^  wo  der  Bambergensis  und  Palatinus 
verschiedene  Lesarten  darbieten,  ist  es  schwer  die  richtige 
herauszufinden.  Ich  lasse  einige  Fälle  folgen,  in  welchen  mir 
die  Herausgeber  geirrt  zu  haben  scheinen.  Hadr.  5^  1  schreiben 
Jordan  und  Peter  mit  B  operam  intendit,  während  P  impendü 
hat.  Letzteres  halte  ich  mit  Salraasius  für  das  Richtige.  Vgl. 
Marc,  3,  7:  tantumque  opei'ia  et  lahoris  studiis  inpeiidit.  Trig, 
15,  7:  capiendis  leanibus  et  pardis  ursis  ceterisque  siluestribus 
animalibus  sudwem  officii  uinlis  inpendit,  Lactant.  diuin.  instit. 
I,  1,  1 :  quidquid  lahoris  poterat  impendi, 

Hadr.  21,  9:  a  miliiibus  propter  curam  exercitus  nimie 
multum  amatus  est,  simul  quod  in  eos  Überalisdmus  fuit  B  hat 
nimiae,  P  nimiam.  Die  letztere  Lesart  ist  entschieden  vorzu- 
ziehen, da  curam  eines  hervorhebenden  Attributes  kaum  ent- 
behren kann,  während  multum  bei  amatus  vollkommen  hinreicht. 
Vgl.  Oet.  4,  4:  his  accedehat  Bassiani  fratris  nimia  crudelitas. 
Natürlich  ist  nimius  im  Sinne  der  späten  Latinität  gleichbe- 
deutend mit  magnus. 

Heliog.  5,  1 :  Ergo  cum  hibernasset  Nicomediae  atque  omnia 
sordide  ageret  inireturque  a  uiris  et  subaret  BP^:  subigeret. 
Obwohl  bereits  Jordan-Eyssenhardt  die  richtige  Lesart  auf 
genommen  haben,  dürfte  doch  eine  Verweisung  auf  Dio  79,  2 
nicht  überflüssig  sein:  xat  ^kp  ^vSpi^exo  (subigebat)  xa\  eOv;XuyeTs 
(inibatur)*  xai  eÄparre  xai  hzxT^vi  huki^z  affeXYscraia. 

Eine  zahllose  Menge  von  Fehlern  in  BP  ist  auf  die  Ver- 
wechslung und  Verschreibung  einzelner  Buchstaben  zurückzu- 
fuhren. Hei,  4,  5:  nunc  tamen  cum  eum  consolaretur.  Statt  nunc 
ist  sicher  tunc  zu  schreiben;  vgl.  Did.  JuL  3,  1.  7,  1.  7,  U. 
Seuer.  3,  4.  .10,  7. 

Piu8  5,  5:  Alanos  moUentes  saepe  refrenauit  Von  einer 
mehrmaligen  Bekämpfung  der  Alanen  unter  Antoninus  Pius 
kann  wol  kaum  die  Rede  sein;  vielmehr  düi*fte  statt  saepe 
zu  schreiben  sein:  saeue. 


Beitrige  zur  Textkritik  der  Soriptorei  kiitoriaa  Anguetae.  375 

PiU8  7,  3:  a  quo  conscios  requiri  uetuit  In  BP  ist  von 
erster  Hand  conscio  überliefert.  Setzt  man  das  folgende  r  =^  8, 
80  erhält  man  consctosequiri,  wonach  ursprünglich  wol  conscios 
exquiri  gestanden  haben  mag. 

Häufig  sind  a  und  u  verwechselt.  Pitts  8,  9  bieten  BP: 
$ed  Repentintis  famosa  percusaus  est,  wofür  Peter  famosis  p.  6. 
schrieb.  Das  Richtige  ist  ohne  Zweifel  fama  superfusus.  Indem 
man  n«  =  «a  las  und  zum  vorhergehenden  Worte  zog;  ent- 
stand durch  eine  gleichfalls  nicht  seltene  Verwechslung  von  o 
und  a  famosa  aus  famasa,  und  aus  peifusus  ward  percussiis. 
Vgl.  Liv.  45;  9 :  fama  superfundit  deinde  se  in  Asiam, 

Ein  ganz  ähnliches  Versehen  scheint  Pius  12,  5  vorzu- 
liegen :  Marco  Äntonino  rem  puhlicam  .  .  .  commendauit  For- 
tunamque  auream  .  .  .  transferri  ad  eum  iussit,  Signum  tribuno 
aequanimitaiis  dedit  et  rel.  Hier  steht  in  BP  signatum,  welches 
ich  mir  aus  Signum  tum  entstanden  denke,  indem  in  signütum 
der  Strich  nicht  beachtet  imd  a  für  u  gelesen  wurde.  Vgl. 
Marc,  7,  3,  wo  dasselbe  berichtet  wird :  signo  aequanimitatis 
tribuno  dato.  Die  Berliner  Herausgeber  schreiben  signa  tum; 
aber  der  Plural  lässt  sich  hier  nicht  rechtfertigen. 

Commod,  2,  9:  aurigae  habitu  currus  rexit,  gladiatoribiM 
conuixit.  Das  letzte  Wort  rührt  von  P^  her,  während  in  BP 
coniusit  überliefert  ist.  Das  heisst  doch  wol  conlusit.  Dass 
ludere  von  Gladiatoren  gesagt  werden  könne,  beweist  Äuid, 
Cass,  6,  3 :  exercitium  septimi  diei  fuit  omnium  miUtum,  ita  ut 
tt  sagittas  mitterent  et  armis  luder ent, 

Pert,  1,  1 :  qui  filio  nomen  ex  continuatione  lignariae  ne- 
gotiationiSy  quod  pertinaciter  eam  rem  gereret,  inposuisse  fate- 
tvr,  fatetur  kann,  wenn  die  Ueberlieferung  richtig  ist,  nur 
den  Sinn  des  griechischen  6(JLoXoYeTTat,  des  lateinischen  probatur 
haben.  Da  aber  in  B  fateatur  steht,  dürfte  vielleicht  putatur 
zu  schreiben  sein;  pu  konnte  sehr  leicht  als  fa  gelesen  werden; 
war  dies  einmal  geschehen,  so  ergab  sich  die  Aenderung  von 
a  in  6  von  selbst. 

Pert  7,  1 :  delaiores  convictos  grauiter  puniri  iussit  et  tarnen 
.  moUius  quam  priores  imperatores,  unicuique  dignitati,  si  dela- 
tionis  crimen  incurreretj  poenam  statuens.  Da  Pertinax  fiir  Per- 
sonen jedes  Standes  und  Ranges,  wenn  sie  sich  der  delatio 
schuldig  machten,   eine  bestimmte  Strafe    festsetzte^   ist   statt 


376  Petschenig. 

des  handschriftlichen  delatores  uinctos  wahrscheinlich  delatores 
cunctoa  zu  schreiben. 

Seuer.  by  3:  deinde  firmatis  quas  post  tergum  relinquebat 
prouinciis  Romam  iter  contendit.  Ob  sonst  iter  contendere  vor- 
kommt {tetendit  deinde  iter  Prob,  16,  3)^  ist  mir  unbekannt. 
Jedenfalls  wäre  diese  Verbindung  nicht  zu  vergleichen  mit 
Cicero's  tantum  itineris  contendere  (pro  Rose.  Amer.  34,  97). 
Uebrigens  ist  in  BP  nicht  iter,  sondern  item  überliefert,  wo- 
nach ich  idem  vermuthe  (t  =  d),  Beispiele  dieses  eigen- 
thümlichen  Gebrauches  von  idem,  welches  im  Spätlatein  ganz 
tonlos  zur  blossen  Andeutung  des  Subjectes  steht,  sind  Nig, 
11,  1:  Idem  in  omni  expeditione  ante  omnes  militarem  cibum 
aumpsit ;  ibid.  §.  3 :  idem  in  contione  iurauit.  Daher  hat 
Bährens  auch  Nig>  8,  4,  wo  man  bei  Peter  liest  item,  cum  quae- 
siium  esset,  quis  Uli  successurvs  esset,  respondisse  itidem  Graeeo 
versu  dicitur,  mit  gutem  Grunde  idem  vermuthet. 

Seuer.  7,  3:  fuitque  ingressus  Seueri  odiosus  atque  terri- 
bilis,  cum  milites  inempta  diriperent.  Die  sonderbai'e  Wendung 
inempta  diripere,  welche  den  Gedanken  involvirt,  als  ob  man 
auch  gekaufte  Gegenstände  rauben  könne,  ist  schwerlich  richtig 
und  wahrscheinlich  inempto  zu  schreiben.  Vgl.  Heliog,  25,  4 
simulato,  17,  4  adfectato,  femer  indebito,  indubitato,  insperato 
bei  Paucker  p.  69,  Anm. 

/Seuer.  14,  6:  Palaestinis  poenam  remisit  quam  ob  cau- 
sam Nign  meruerant  BP:  nigro,  wol  entstanden  aus  Nigri 
(e)  meruerant. 

Seuer.  21,  7:  qui  nouercam  suam  —  et  quid  nouercamf 
matrem  quin  immo  .  .  .  uxorem  duxit  Sollte  hier  nicht  ecquid 
am  Platze  sein? 

Nig.  4,  1:  haec  de  Pescennio  Seuerus  Augustus.  De  hoc 
adhuc  milite  Marcus  Antoninus  ad  Comelium  Balbum.  Hier  sind 
die  Worte  de  hoc  von  Peter  ergänzt.  Es  fehlt  jedoch  kein 
Wörtchen,  denn  adhuc  ist  entstanden  aus  addehoc  =  at  de  hoc. 
Wie  durch  Verwechslung  von  at  und  ad  Fehler  in  den  Hand- 
schriften entstehen  konnten,  zeigt  auch  Aurel,  41,  7:  respirare 
certe  post  infelicitatem  Ualeriani,  post  Gallieni  mala  imperante 
Claudio  coeperat  nostra  res  p.,  ad  eadem  reddita  fuerat  Aureliano 
toto  penitus  orbe  uincente.  Hier  ist  ganz  einfach  ad  =  atj 
wie  schon   die  alten  Herausgeber  erkannten,   und  Conjecturen 


B«iirig6  snr  Textkritik  der  Scriptoree  bistoriM  AugnttM.  377 

wie  uita  denuo  (Peter)  oder  ea  demum  (BähreoB)  sind  iiii- 
Döthig. 

Maerin.  14,  1 :  Sed  cum  eins  uüitatem  hamines  antiquam 
cogitarent,  erudditatem  morum  uiderent.  BP  haben  mirum.  Wenn 
auch  SalmaaiuB  bemerkt  ^quiuis  uideat  legendum:  ct-udeb'tatem 
morum',  so  ist  diese  Schreibung  doch  nicht  über  jeden  Zweifei 
erhaben;  denn  wenn  mir  am  (u  =  a)  sich  halten  lässt,  ist 
kein  Grund  zu  weiterer  Aenderung  vorhanden.  Nun  wird 
mirus  nicht  selten  synonym  mit  magnus  oder  summua  gebraucht, 
z.  B.  bei  Porph.  ad  Horat.  Serm.  I.  5,  73:  mira  energia  hie 
9ensus  explidtua  est» 

HeUog.  17,  5:  appellatus  est  poat  mortem  Tiberinue  et 
Tractatitius  et  Inpurus  et  multa,  si  quando  ea  erant  designanda 
quae  eub  eo  facta  uidebantur.  Der  Ausdruck  multa  .  .  appelr 
latus  est  statt  multis  nominibus  ist  gerade  nicht  gewöhnlich. 
Doch  finde  ich  nicht,  dass  er  den  Gelehrten  der  älteren  und 
neueren  Zeit  sonderlich  aufgefallen  wäre;  nur  Casaubonus 
erwähnt  mit  der  Bemerkung  ,non  displiceat^  eine  Conjectur 
LoiseFs,  welcher  muüa  in  mulier  ändern  wollte.  In  der  That 
erwartet  man  statt  multa  einen  bestimmten  Namen,  analog  den 
vorher  genannten.  Diesen  finde  ich,  ohne  dass  eine  Aenderung 
nöthig  ist  (u  =  a)^  in  Malta,  welche  Bezeichnung  auf  Helio- 
gabalus  passt  wie  kaum  eine  zweite.  Vgl.  Porph.  ad  Horat. 
Serm.  I.  2,  25  (Malthinm  tunicis  demiseis).  suh  Malthini  no- 
mtne  quidam  Maecenatem  suspicantur  significari  .  ab  re  tamen 
nomen  finxit  .  maltha  enim  malacos  dicitur.  Non.  37,  7: 
naltas  ueteres  molles  adpellari  uoluerunt^  a  Graeco  quasi  {xaX- 
O^fxcui;.  Ludlius  Hb,  XXVII  insanum  uocant,  quem  malt  am  ac 
fminam  dici  uident  (Lucil.  fr.  XXVII,  30  Müller).  Nebenbei 
Bei  bemerkt,  dass  die  Lesart  malacus  =  (xaXaxoa(;,  welche  alle 
Handschriften  des  Nonius  bieten,  durch  die  Stelle  des  Por- 
phyrion ihre  volle  Bestätigung  findet. 

Heliog,  18,  4:  ea  pvodenda  censui  quae  ad  luxuriam  per- 
tinebant,  quorum  aliqua  priuatusj  aliqua  iam  Imperator  fecisse 
perkibetur,  cum  ipse  priuatus  diceret,  se  Apicium,  imperator 
Neronem  Othonem  et  Uitellium  imitari,  BP:  imperatorem  uero 
oüumem.  Danach  ist  mit  eben  so  leichter  als  sicherer  Aen- 
derung zu  schreiben:  cum  ipse  (e)  priuatis  diceret  se  Apicium, 
imperator  um  uero  Othonem  et  Uitellium  imitari. 


378  PetBchAnig. 

Heliog,  30^  4 :  ceUArauit  item  tale  conuiuium  ut  apud  amicos 
singulos  singuli  miaaua  appararentur,  et,  cum  alter  maneret  in 
CapitoUo,  alter  in  Palatio,  alter  super  aggerem,  alter  in  Cadio^ 
alter  trans  Tiberim,  et  ut  quieque  mansisset,  tarnen  per  ordinem 
in  eorum  domibua  eingula  fercula  ederentur.  Da  appararentur 
und  ederentur  durch  das  vor  cum  stehende  et  verbunden  sind, 
ist  et  vor  ut  pleonastisch ;  ich  schreibe  daher  utut  quisque 
mansisaet  (Mommsen  tilgte  das  erstere  et). 

AI,  Seuer.  10,  5:  Antoninua  item  primua  Marcum  et  item 
Uerum  iure  adoptionia  uocauit.  In  BP  steht  Antoninua  idtm 
aepiua,  woraus  die  Vulgata  idem  Piua  entstand ;  item  rührt  von 
Ursinus  her,  primua  ist  Peter's  Conjectur.  Dem  Richtigen  ist 
Mommsen  auf  der  Spur  gewesen,  dessen  Conjectur  Antoninoa  de 
ae  Piua  von  den  Berliner  Herausgebern  aufgenommen  wurde. 
Ich  möchte  jedoch  das  handschriftliche  idem  =  item  nicht  missen 
und  nehme  nur  den  Ausfall  eines  u  =^  a  hinter  item  an,  wo- 
nach die  Stelle  lautet:  Antoninua  item  (a)  ae  Piua  Marcum  et  item 
Uerum  i.  a.  uocauit  Ueber  uocare  a  ae  ^nach  sich  benennen^, 
brauche  ich  wohl  Nichts  weiter  zu  bemerken.  Mommsen's 
Antoninoa  ist  zwar  sehr  passend,  aber  doch  nicht  unbedingt 
nothwendig. 

AI.  Seuer.  15,5:  tribunoa^  qui  per  atellaturaa  milMbus  ali- 
quid  tuliaaent,  capitali  poena  adfedt.  Da  pei'  in  BP  fehlt,  ist 
atellaturia  zu  schreiben.  So  ist  Marc.  6,  1  in  BP  baiaa  statt 
baiia  überliefert,  und  Peter  selbst  hat  Pert.  3,  5  liUeria  für  das 
handschriftliche  litteraa  geschrieben. 

AI.  Seuer.  37, 10:  pomia  uehementer  indulait,  ita  ut  aecunda 
menaa  Uli  aaepiua  ponerentur^  unde  etiam  iocus  exstitit,  non 
aecundam  menaam  Alexandrum  höhere  aed  aecundum.  GemoU 
hat  mit  seiner  Bemerkung  Recht,  dass  es  ein  frostiger  Witz 
sei,  wenn  man  sage,  Alexander  habe  keinen  Nachtisch,  son- 
dern tafle  zum  zweiten  Male.  Allein  seine  Conjectur  ,ii(m  nisi 
aecundam  menaam  Alexandrum  habere  aecundum'  finde  ich  auch 
nicht  witziger.  Oder  ist  es  ein  Witz,  zu  sagen,  der  zweite 
Alexander  habe  nur  einen  zweiten  Tisch?  Noch  weniger  ein- 
leuchtend ist  Mommsen's  Vorschlag  ,non  aecundam  menaam 
Alexandrum  habere  aecundum'.  Vielleicht  ist  aed  fecund  am 
zu  schreiben^  die  Stelle  gäbe  dann  den  Sinn,  Alexander  habe 
nicht   einen   Nachtisch,   sondern   einen  Obsttisch,   d.  h.   einen 


Beitrftge  sar  Textkritik  der  BoripfeoreB  hiftoriM  AngutM.  379 

Tisch,  auB  dem  förmlich  Obst  wie  yon  einem  Baume  heraus- 
vachse. 

Qord.  24,  2:  per  illos  qui  amici  tibi  uidebantur  (erant 
auttm  uehementes  inimici)j  omnia  uendehantur.  £b  ist  wol 
vehementer  zu  schreiben  (a  =  r),  Qord.  25,  2  hat  P*  cohostibua 
statt  cohortibuSf  Gord.  32,  8  bieten  BP  hoatis  statt  hortis, 

Trig,  30, 19:  in  ministei^io  eunuchoa  grauioris  aetatis  habuit, 
puellaa  nimis  raras.  BP:  rara,  d.  i.  raro.  Auch  Trig*  18,  8 
überliefern  die  Handschriften  frumenta  statt  frumento, 

ÄureL  9,  6 :  salis  sextarium  unum,  herbai*um  holerum  quantum 
sat  est  Das  handschriftliche  herbas  ist  wohl  aus  herbae  ent- 
standen. 

AureL  23,  5 :  diuitem  hominem  negare  non  poasumj  sed  eius 
bona  eiv8  liberis  reddidiy  ne  quis  me  causa  pecuniae  locupletem 
hominem  ocddi  passum  esse  criminaretur.  Statt  des  ersten  eius 
steht  in  BP  cuius.  Ohne  Zweifel  muss  es  heissen :  . . .  possum, 
sed  huius  bona  et  ius  liberis  reddidi.  Vgl.  cap.  14,  7:  iube 
igituTj  ut  lege  agatur,  sitque  Aurelianus  heres  sacrorum  nominis 
et  bonorum  totiusque  iuris   ülpio  Crinito. 

Aurel.  28,  5.  Als  Aurelianus  nach  dem  Siege  über  Zenobia 
den  Orient  zu  seinen  Füssen  sah,  benahm  er  sich  auch  den 
Persem,  Armeniern  und  Saracenen  gegenüber  herrisch  und 
anmassend.  tunc  allatae  uestes  quas  in  templo  Solis  uidemus 
consertae  gemmisy  tunc  Persici  dracones  et  tiarae,  tunc  genus 
puipurae,  quod  postea  nee  ulla  gens  detulit,  nee  Romanus  orbis 
vidit  Da  in  BP  iUae  statt  allatae  steht,  lese  man:  hinc  illae 
uestes  ...  hinc  ...  tiaraSj  hinc  genus  purpurae. 

Claud,  17,  3:  ut  eum  facias  a  Grato  et  Herenniano  placari, 
nescientibus  hoc  militibus  Dadscianis,  qui  iam  saeuiuntj  ne  grauiter 
res  erumpat  ipse  et  reL  Statt  res  erumpat,  wie  Salmasius  schrieb, 
steht  in  BP  reserum.  Schwerlich  ist  hier  ein  Anlass  zu  der  An- 
nahme, dass  die  Silbe  pat  ausgefallen  sei.  Setzt  man  f  •=.  f^ 
um  =.  ant,  so  ergibt  sich  aus  referum  die  leichte  Aenderung 
rem  f  erant. 

Carus  2,  5:  adoleuit  deinde  usque  ad  tempora  Gallicani 
beut,  sed  quasi  quodam  mersa  naufragio  capta  praeter  arcem 
urbe  plus  prope  mali  sensit  quam  habuerat  boni.  In  BP  steht 
tumebat  statt  habuerat;  Gruterus  vermuthete  tum  habebat. 
Sollte  nicht  tum  erat  genügen? 


380  P6tfch6nif. 

Ein  in  Handschriften  häufig  vorkommendes  Versehen  ist 
die  Auslassung  von  Silben  und  ganzen  Wörtern^  indem  sich 
der  Abschreiber  durch  einen  unmittelbar  vorbeigehenden  oder 
nachfolgenden  gleichen  oder  ähnlichen  Buchstabencomplex 
täuschen  Hess.  Auch  für  diese  Art  von  Verderbniss  liefern 
die  Scriptores  zahlreiche  Belege.  Marc,  1,  6:  cuius  famüia  in 
originem  recurrejia  a  Numa  probatur  sanguinem  traherej  ut 
Marius  Maximtis  docet;  item  a  rege  Sallentino  Malemnio.  Der 
Umstand,  dass  hier  die  Abkunft  von  Königen  betont  werden 
soll,  sowie  das  Unbestimmte  des  Ausdruckes  in  originem  rt- 
curren»  machea  es  sehr  wahrscheinlich,  dass  hinter  originem 
das  Attribut  regiam  durch  einen  in  diesem  Falle  leicht  er- 
klärlichen Irrthum  ausgefallen  ist. 

In  ganz  ähnlicher  Weise  ist  Uer,  7,  3  zu  verbessern,  wo 
man  liest:  egit  .  .  .  Uerua  hiemem  Laodidae,  aestcUem  apud 
Dafnen,  reliquam  partem  Antiochiae.  Es  ist  nämlich  anni  vor 
dem  folgenden  anthi  (BP  bieten  anthiociae)  ausgefallen. 

üer.  3,  2:  mediusque  inter  Pium  et  Marcum  idem  reBedit. 
BP:  se  resedity   woraus   wol  idem  (ip)8e  resedit  zu  machen  ist. 

Auid.  CasB.  2,  1:  Epistulam  tvam  legi,  soUicitam  potius 
quam  imperatoriam  et  non  nostri  temporia.  qtuim  fehlt  in  BP 
und  ist  von  P^  ergänzt.  <  Es  ist  jedoch  nicht  quam,  sondern 
non  vor  der  Silbe  im  ausgefallen.  Vgl.  Lactant.  diuin.  instit 
I,  11,  17:  Itaque  illa  potius  ßcta  sunt,  quae  tamquam  de  diiij 
non  illa,  quae  tamquam  de  hominibus  locuti  sunt  ibid.  V,  20, 11: 
bono  potius  adducendi  homines  ad  bonum  fueranty  non  malo. 
Zu  letzterer  Stelle  citirt  Bünemann  Augustin.  de  ciu.  dei  1, 10: 
ut  Christum  potius  diligere  discerent  . . .  non  aurum  et  argentum, 

Auid.  Cass.  2,  6:  eius  autem  exemplum  ponere  mcdui  quam 
Domitiani,  qui  hoc  primus  dixisse  fertur.  Tyrannor%tm  enim  etiam 
bona  dicta  non  hahent  tantum  auctoritatis  quantum  debent  Das 
in  BP  fehlende  malui  ist  wieder  von  P^  ergänzt,  wahrschein- 
lich so  wenig  richtig  wie  quam  an  der  eben  behandelten  Stelle. 


^  Es  ist  auffallend,    wie  oft  Peter  diesem   Corrector  selbst   gegen  seine 

bessere  Ueberzeu^ng  folgt:  denn  er  sagt  über  denselben  (pnief.  p.  VII): 

tertia  denique  manu»  seculi  tertii  deeimi  uel  quavti  decinU  (Py  ex  exemplo 

aliquo  deierioris  familiae  multas  scripturaa^  quae  pronus  nulliu*  tunt 

preti,  (uUcripilt  »aepe  ud  eranis  primae  mantia  liUeri». 


Beitrftge  tiir  Textkritik  der  Scriptore«  hiiitoriae  Augnstae.  381 

Ich  vermuthe^  dass  urBprünglich  geschriebeD  stand:  ponere  e 
re  quam.  Die  Auslassung  von  magia  ist  hier  um  so  weniger 
auffallend^  da  in  der  Phrase  e  re  est  schon  ein  Comparativ- 
begriff  liegt.  Andere  Beispiele  der  Ellipse  von  magin  gibt 
Dräger,  Eist.  Synt.  II,  S.  618  f. 

Did.Iul,5j9:  ipse  autem  lulianus  praetarianaa  in  campum 
deduci  iubet^  munirt  turres.  Das  schwerfällige  Asyndeton  ist 
ohne  Zweifel  durch  den  Ausfall  des  et  hinter  iubet  ent- 
standen. Vgl.  Clod.  Alb.  14, 2,  wo  mit  Casaubonus  zu  schreiben 
ist:  ita  ui  nonnulli  etiam  Pertinad  auctores  fuerinty  ut  eutn  tibi 
»ocium  (xdscisceret,  {et)  apud  lulianum  de  occidendo  Pertinace 
vpnus  plurimum  auctoriUu  ualuerit. 

Nig.  3,  9:  Miserum  est,  ut  imitari  eius  discipUnam  mili' 
tarem  non  possimus  quem  per  bellum  uicimue,  BP  bieten  den 
Indicativ  passumus,  welcher  unbedenklich  zu  belassen  ist.  Der 
Indicativ  in  indirecten  Fragen  hat  im  späten  Latein  eine  solche 
Ausdehnung,  dass  es  hier  genügt,  ein  Beispiel  aus  Spartianus 
zu  geben,  üer,  9,  9:  quid  per  duces  nostroa  gestum  est,  in 
Morel  vita  plenissime  disputatum  est.  Statt  per  bellum  steht  in 
BP  bloss  bellum,  wonach  weder  belh  mit  B^^  noch  per  bellum 
mit  P^  zu  schreiben,  sondern  der  Ausfall  eines  in  nach  quem 
anzunehmen  ist.  in  mit  dem  Accusativ  statt  mit  dem  Ablativ 
findet  sich  bei  den  Scriptores  nicht  selten.  Seuer,  12,  8:  Com- 
modum  in  senatum  et  contionem  laudauit;  Nig,  5,  3:  nee  tamen 
in  senatum  quicquam  de  Nigra  Seueims  dixit.  Vgl.  Gallien,  4,  9; 
Trig.  12,  12;  Claud.  15,  2.  Eine  reiche  Beispielsammlung, 
die  sich  aber  beliebig  vermehren  liesse,  gibt  Rönsch,  Ital.  und 
Vulg.2  S.  410  S, 

Nig.  3, 10:  saltant  bibunt  cantant  et  mensuras  conuiuiorum 
uocant  Uli  hoc  sine  mensura  potare,  —  Uli  schrieb  Peter  für 
das  bandschriftliche  cum;  Eellerbauer  vermuthete  uocant,  cum 
hoc  (sit)  sine,  Jordan  tilgte  cum  mit  Salmasius.  Wenn  man  an- 
nimmt, dass  uocant  cum  aus  einem  ursprünglichen  uocant 
{tan)tum  entstanden  ist,  und  nach  hoc  ein  Komma  setzt,  so 
ist  Alles  in  schönster  Ordnung. 

^tgf.  5,  3:  cum  iam  audisset  de  eius  imperio,  ipse  autem 
profidsceretur  ad  conponendum  orientis  statum  tantum,  sane 
iUud  fecit  proficiscens  ut  legiones  ad  Africam  mitteret  et  rel, 
Die  früheren   Ausgaben   zogen    tantum  zum   folgenden   Satze. 


382  Petichonif. 

Indessen  ist  auch  mit  der  neuen  Interpunction,  die  man 
Mommeen  verdankt,  tantum  noch  nicht  völlig  klar.  Ich  ver- 
muthe  daher  statum  (nu)  tantem.  Vgl.  Max.  et  Balb.  17,  9: 
ita  ego  precor,  ut  in  eo  stcUu  nohis  rem  p.  serueni  in  quo  eam 
uos  adhuc  nutantem  collocaritis.  Gallien,  1,  1:  nutante  re  p. 
1,  2:  cum  Romanum  in  Oriente  nutaret  Imperium.  Oberdick 
hatte  dem  Sinne  nach  richtig ,  aber  paläographisch  unwahr- 
scheinlich turhatum  vermuthet. 

Nig,  11,  5:  Scribe  laudes  Marii  uel  Annihalis  ud  aliui 
duda  optimi  uita  functi.  Statt  uel  alius,  wie  Jordan  und  Peter 
schreiben,  steht  in  BP  bloss  cuiua.  Wenn  man  erwägt,  wie 
leicht  nach  der  Silbe  iu8  ein  uia  ausfallen  konnte,  dürfte  man 
sich  begnügen,  zu  schreiben:  laudes  Marii  uel  AnnibaUi, 
cuiuBuie  ducis  optimi.  Vgl.  Clod.  Alb.  12,  9:  ah  hoc  speratis 
cuiusuia  magistratua  insignia, 

Carac.  1,  1:  Ex  duobua  liheris,  quos  Septimius  Seuerus 
reliquid  Getam  et  Basaianum  Antoninoa^  quorum  unum  exercitus 
aüerum  pater  dixit,  Geta  hoatia  eat  iudicaiua^  Baaaianua  autem 
optinuit  imperium.  In  BP  fehlt  Antoninoa  und  am  Schlüsse 
steht  baaaianum  autem  optinuit  ae  imperium.  Prüfen  wir  die 
Versuche,  die  zur  Entfernung  der  vorliegenden  Schwierig- 
keiten gemacht  wurden,  so  zeigt  es  sich  zunächst,  dass  das 
von  Richter  ei^änzte  Antoninoa  dem  Sinne  nach  nothwendig 
ist.  Gewaltsamer  ist  das  von  Golisch  eingeschlagene  Ver- 
fahren, welcher  durch  Aenderung  von  quorum  in  Caeaarem  der 
Stelle  aufhelfen  will.  Indem  ich  also  mit  Richter  in  der 
Sache  einverstanden  bin,  will  mir  nur  der  Ausfall  des  Wortes 
Antoninoa  zwischen  Baaaianum  und  quorum  nicht  recht  ein- 
leuchten. Nimmt  man  aber  an,  dass  Antoninum  hinter  quorum 
unum  weggelassen  wurde,  so  wird  der  Ausfall  erklärlicher.  — 
Noch  weiter  auseinander  gehen  die  Versuche,  den  Schluss  der 
Stelle  zu  emendiren.  Während  die  alten  Ausgaben  den  Spuren 
der  Handschriften  folgten  und,  indem  sie  Baaaianum  autem  ob- 
tinuiaae  imperium  schrieben,  nach  dem  letzten  Worte  conatat 
einschoben,  Jordan  und  Peter  dagegen  den  mitgetheilten  Text 
bieten,  vermuthete  letzterer  ausserdem  noch  Baaaianua  aut^m 
optinuit  rei  p.  imperium;  Mommsen  wollte  Baaaianua  autem 
optinuit  a(enatua)  c(onaulto)  imperium,  Bährens  optinuit  Seueri 
imperium.   Ich  sehe  jedoch,  um  das  handschriftliche  baaaianum 


B«itrt|:6  BOT  Textkritik  der  Scriptore«  historiae  Angusta«.  383 

und  opHnuit  se  zu  retten  ^  kein  anderes  Mittel  ausser  der  An- 
nahme; dass  autem  aus  notum  verderbt  ist.  Die  Stelle  würde 
demnach  lauten:  Ex  duohus  liheris,  quos  Septimius  Seuerus 
rüiquid  Oetam  et  Bassianwnj  quorum  unum  (Antoninum)  exer- 
cüus  aUerum  pater  dixit,  Geta  hoatis  est  iudicatus,  Bassianum 
notum  optinuisse  Imperium, 

Carac.  3,  5:  multos,  qui  caedis  eins  conscii  fuerantj  inter- 
enUt.  eum  qui  imaginem  eius  hanorauit  ***  post  hoc  fratrem 
patruelem  Afrum,  cui  pridie  partes  de  cena  miserat,  iussit  occidi. 
Ich  scbliesse  mich  hier  ganz  der  Meinung  des  Salmasius  an, 
welcher  eum  zu  interemit  zieht;  denn  er  bemerkt  mit  Recht 
,et  haec  fuerit  uarietas  morum  in  Antonino,  ut  modo  conscios 
fratemae  neds  ocdderet,  modo  fautores  eiu»^.  Vgl.  Geta  7,  6: 
uarietas  autem  tanta  fuit  Antonini  Bassiani,  immo  tanta  sitis 
caedis,  ut  modo  fatUores  Getae,  modo  inimicos  ocdderet,  quos 
fors  ohtulisset.  Nur  erscheint  mir  die  Setzung  eines  et  oder 
auch  eines  blossen  Komma  nach  interemit  nicht  ausreichend, 
da  doch  ein  gewisser  Gegensatz  zwischen  mtiUos  qui  .  .  .  con- 
scii fuerant  und  eum  qui  .  .  .  honorauit  obwaltet.  Ich  nehme 
daher  den  Ausfall  von  item  zwischen  — it  und  eum  an  und 
schreibe:   multos  .  .  .  interemit;  (litem)  eum^   qui  .  .  .  honorauit, 

Carac.  5,  5:  Deorum  sane  se  nominibus  appellari  uetuit, 
quod  Commodus  feceratj  cum  Uli  eum^  quod  leonem  aliasque 
feras  occidisset,  Herculem  dicerent  quod  fehlt  in  BP,  Wie 
Jordan  richtig  gesehen  hat,  ist  nach  dem  vorhergehenden 
uetuit  einfach  ut  ausgefallen;  im  Folgenden  aber  ist  sicher  zu 
achreiben:  cum  (rwnn)uUi  eum. 

Diadum.  5,  5:  mulier  quaedam  propinqua  dicitur  excla- 
masse  ^Antoninus  uocetur^,  sed  Macrinus  timuisse,  quod  nuUus  ex 
eius  genere  hoc  nomine  censeretur,  abstinuisseque  nomine  impera- 
torio.  Da  que  nicht  in  den  Handschriften  steht,  vermuthete 
Peter  timens  ,  ,  .  abstinuisse.  Es  ist  jedoch  zu  schreiben: 
timuisse  et,  .  .  .  abstinuisse. 

Heliog.  19;  2:  deinde  aestiua  conuiuia  coloribus  exhibuit, 
ut  hodie  prasinum,  uitreum  alia  die,  uenetum  deinceps  exhiberet, 
BP:  et  deinceps.  Dieses  et  lässt  sich  nur  erklären,  wenn  man 
annimmt,  dass  zwischen  die  und  uenetum  ein  dein  ausgefallen 
ist.  Demnach  ist  zu  emendiren:  uitreum  alia  disy  (dein)  uene- 
^um  et  deinceps. 


384  PetBckenig. 

AI.  Seuer,  6;  1 :  quam  priusquam  praeferanij  tnseram  etiam 
adclamationes  aenatua.  Das  in  den  Handschriften  fehlende 
inseram  hat  Jordan  ergänzt.  Kellerbauer  glaubte  in  etiam  die 
Spuren  eines  ursprünglichen  intexam  oder  innectam  zu  finden. 
Ich  meine,  dass  nach  praeferam  oder  proferam  (so  Jordan) 
nur  referam  ausgefallen  sein  könne. 

Maximin,  14,  1 :  hie  per  rusticanam  plebem,  deinde  et 
quoadam  milites  interemptus  est  f  per  eo8  qui  rationalem  in 
honorem  Maocimini  defendebant.  Diese  Stelle  hat  zahlreiche 
Conjecturen  veranlasst.  Casaubonus  wollte  inter  eo8y  Qmtenis 
propter  (=  prope,  iuxta),  Peter  ptdsia  statt  per  eoa,  Bährens 
praeter.  Die  meiste  Wahrscheinlichkeit  hat  wol  super  für 
sich,  da  die  Silbe  su  hinter  est  leicht  ausfallen  konnte.  Natür- 
lich ist  super  in  dem  Sinne  von  praeter  (,ausser,  nebst')  zu 
nehmen. 

Maximin.  27,  7 :  arrae  reffiae,  quae  tales  (ut  lunius  Cordw 
loquiturj  harum  rerum  persecutor)  fuisae  dicuntur.  In  BP  steht 
persecutor^.  Dies  kann  ich  mir  nur  in  der  Weise  erklären, 
dass  nach  loquitur  ein  ut^  und  das  t  der  Copula  est  vor  dem 
folgenden  fuisse  ausfiel;  ich  lese  demnach  ut  harum  rerum 
persecutor  est.  Ganz  ähnlich  ist  Aurel,  4,  7  in  BP  idem  auctores 
statt  idem  auctor  est  überliefert. 

Gord.  11,  1:  Interest,  ut  senatiis  consultum,  quo  Gordiani 
imperatores  appellati  sunt  et  Maximinus  hostiSj  litteris  propa- 
getur.  quo  fehlt  in  BP.  Man  hat  daher  auch  nicht  dieses 
Wort  zu  ergänzen,  sondern  den  Ausfall  von  cum  hinter  con- 
sultum anzunehmen.  Diese  Construction  beruht  allerdings  auf 
einer  Ellipse,  indem  etwa  folgender  Gedanke  vorschwebt:  ut 
senatus  consultum,  (quod  factum  est,)  cum  et  rel.  Allein  etwas 
Aehnliches  lesen  wir  auch  in  des  Pollio  Claud.  17,  1 :  Ite/nx 
epistola  Gallieni  (ergänze:  quam  scripsit),  cum  nuntiatum  esset 
.  .  Claudium  irasci. 

Gallien,  2,  5:  Et  Macrianus  .  .  .  Asiam  primum  uemt 
lUyricumque  petit.  Da  BP  illyricum  bieten,  ist  offenbar  uenit 
et  zu  schreiben. 

Gallien.  12,  6 :  Scythae  . . .  cum  praeda  in  solum  proprium 
reuerterimtf  quamuis  multi  naufragio  perierint  [nauali  hello 
superati   sint].     Die    Schlussworte    hat    Peter    eingeklammert, 


Beiir&ge  zur  Textkritik  der  Scriptores  historiao  Aagn!<lae.  385 

während  die  älteren  Ausgaben  sinf  wegliessen^  Jordan  —  Eyssen- 
hardt  dagegen  nach  Salmasius  multi  vor  naiiali  einschoben. 
Peter  hat  nun  allerdings  Recht,  wenn  er  (exerc.  crit.  p.  19) 
darauf  hinweist,  dass  diese  Expedition  mit  der  im  nächsten 
Capitel  erzählten  nicht  identisch  ist.  Auch  das  ist  richtig, 
dass  dieser  Zug  glücklich  endete.  Trotz  alledem  lässt  es  sich 
recht  gut  annehmen,  dass  ein  Seetreffen  stattfand;  nur  darf 
man  den  Ausdruck  superati  sint  nicht  zu  stark  betonen.  ]^an 
weiss  ja,  was  von  sehr  vielen  römischen  ,Siegen'  über  die 
Barbaren  zu  halten  ist.  Es  ist  daher  recht  wol  denkbar, 
dass  ursprünglich  im  Texte  stand:  perierint  aut  nauali  hello 
iuperati  »inU  Uebrigens  vergleiche  man  Claud,  9,  4:  mulfi 
naufragio  perierunt^  plerique  capti  reges,  captae  diuersarum 
gentium  nobilea  feminae. 

Trig,  30,  20:  filios  Latine  loqui  iusserat,  ita  ut  Grraece  vel 
difficüe  uel  raro  loquerenttn\  Für  ita  haben  BP  id.  Es  muss 
daher  geschrieben  werden:  iusserat  {ad)  id,  ut  et  reL 

Claud.  7,  4:  qui  contemptu  Gallieni  principis  a  re  p.  de- 
ftcerunt.  Da  in  BP  alio  statt  Gallieni  überliefert  ist,  hat  man 
wahrscheinlich  contemptu  (inu)  alid  (t)  principis  zu  emen- 
diren.  (Eyssenhardt  schrieb  talis,) 

Saturnin.  7,  4:  sunt  enim  Aegyptii  .  .  .  mathematiei  hani- 
»pices  medici.  (5)  nam  sunt  Christiani  Samaritae  et  quibus  prae- 
setitia  semper  fempora  cum  enormi  libertate  dinpliceant.  —  nam 
mnt  schrieb  Peter  für  das  handschriftliche  nam  eis;  in  der 
Berliner  Ausgabe  steht  iam  et.  Ich  möchte  lesen  nam  (in)  eis 
Christiani. 

Numei-ian.  13,  3:  autis  mens  rettulit  interfuisse  contioniy 
cum  Diocletiani  manu  esset  Aper  occisus;  dixisse  autem  dicebat 
Diocletianumj  cum  Aprum  percussisset.  —  cum  Aprum  fehlt  in 
BP;  nach  dem,  was  vorher  gesagt  ist,  genügt  es,  nach  Dio- 
clettanum  ein  cum  einzuschieben. 

Numei'ian.  13,  5:  nam  et  yLepus  tute  es,  pulpamentum 
(ptaeris^  Liui  Andronici  dictum  est,  multaque  alia  Plautus  Caeci- 
liusque  posuerunt.  BP:  est  multa  alia  quae.  Demnach  dürfte 
zu  schreiben  sein:  Liui  Andronici  dictum  est  (et)  multa;  alia- 
qm  Plautus  Caeciliusque  posuerunt. 

Den  soeben  behandelten  zahlreichen  Stellen,  an  denen 
der  Ausfall  ganzer  Silben  und  Wörter  zu  constatiren  war,  fuge 

Sitznngsber.  d.  phil.-lii^t.  (Jl.  XCIII.  Bd.  ir.  Hft.  25 


386  P«tRchenig. 

ich  einige  an,  welche  möglicher  Weise  anders  zu  beurtheilen 
sind,  als  dies  bisher  geschehen  ist.  Pius  2,  10:  Inc  in  omni 
jyrivata  uita  in  agris  frequentissime  uixit  In  BP  fehlt  uifa. 
Obwol  nun  das  Ausfallen  dieses  Wortes  nach  —unta  sehr 
leicht  erklärlich  ist  (auch  Pert  12,  2  ist  in  B  uita  nach  pri- 
vaia  weggelassen),  so  ist  die  Möglichkeit  einer  Ellipse  des 
Substantivs  doch  nicht  unbedingt  abzuweisen,  da  sich  Aehn- 
liches  nicht  selten  findet.  AI,  Senar.  11,  1:  plvrimas  et  agens 
pJ.  habens  fehlt  grntias;  Gord,  4,  3  fehlt  clauum  hinter  latunij 
Max,  et  Balb,  12,  1  agro  (oder  ciuitate)  bei  Raiienvati,  Maximiv. 
25,  2  ciuitate  bei  Aquileiensi,  Max,  et  Balb,  7,  6  m  bei  Uene- 
riae,  Trig,  10,  8  rß  bei  militari  (uir  in  militaH  semper  pro- 
batus)^  Macrin,  2,  1  res  bei  priuatas  (qui  antea  priuaia^  curarat), 
Tacit.  16,2  donw  bei  in  Quintiliorum,^  Diese  Analogien  bieten 
eine  bedeutende  Stütze  für  die  Möglichkeit  der  Ellipse  von 
uita.  Unter  der  Voraussetzung,  dass  die  ITandschriften  an 
unserer  Stelle  das  Richtige  bieten,  lässt  sich  auch  die  Ueber- 
lieferung  im  Leben  des  Geta  cap.  1,  1 — 2  halten.  Dort  heisst 
es:  de  ciiius  (Getne)  priusquam  uel  uita  uel  nece  dicnmy  disse- 
ram,  cur  et  ipsi  Antonino  a  Seiiero  patre  sit  nonien  adpositum 
neque  enim  multa  in  eius  (so  BP;  in  eins  uita  Edd.;  in  eim 
Golisch)  dici  possunf,  qui  pmus  rebus  hwhiams  exemptns  est, 
quam  cum  fratre  teuer  et  imperitim. 

Von  etwas  anderer  Art  ist  die  häufig  vorkommende  Aus- 
lassung des  Participiums  factu4i  in  der  Phrase  iam.  imperatnr 
,al8  er  schon  Kaiser  war';  der  Ausdruck  erscheint  nicht  nur 
im  Nominativ  {Seuer,  3,  7;  Nig,  3,  8;  Heliog,  18,  4;  27,  2), 
sondern  auch  in  den  übrigen  Casus.  Auid,  Cass,  14,  1 :  exint 
epistula  eius  ,  ,  ,  iam.  imperatons.  Diadum,  1,  3:  id  ubi  Ma- 
crino  iam  imperatoH  nuntiatum  est.  Pert,  13,  6:  qui  ad  mm 
confluxefi'ant  iam  imperatorem.  Aurel.  10,  2:  ab  imperatore  iam 
Aureliano.  Darnach  könnte  man  auch  den  umgekehrten  Fall 
dass  nämlich  impefrntcrr  bei  facttt-s  fehlt,  für  denkbar  halten. 
Trig,  33,  2  lautet  nämlich  nach  BP:  Post  omnes  tarnen  honares 


'  Dio  hier  anfgozälilten  ßeispicle  fehlen  bei  Dräjjer,  Hist.  Synt.  I,  S.  47—51, 
und  sind  auch  von  Plew,  der  p.  22  —  23  achtzehn  weitere  Beispiele  der 
Ellipse  des  Substantivs  ans  den  Scriptores  h.  A.  anführt,  mit  Ausnahmp 
zweier  Stellen  (3/aa:iwt7?.  25,  2 ;   7*or»7.  16,  2)  nicht  berückaichtigt  worden. 


Beitrüge  znr  ToxtVritiV  der  Scriptores  biBtoriae  Ängustae.  387 

am  in  agro  tnio  degeret  senex  niqkie  uno  pede  ckiudicans  nulnere^ 
quod  hello  Persico  UaUriam  temporibus  acceperat,  f actus  et 
(est  BP)  scinrarum  ioco  Claudius  ajypeUatus  est.  Vgl.  Trig,  2/>, 
l~S\  Occupatis  partibus  Gnllicants  .  .  .  Afri  quoqne  .  .  .  Celmm 
mperatarem  appellauenmt  peplo  deae  Caelestis  oimatum,  hie 
priuntus  .  .  .  hi  ngi^  sriis  uiuebaf,  sed.  ea  iustitia  ,  ,  .  ut  dignus 
uideretur  imperio.  quare  creatus  per  qunndam  mulier em  .  .  . 
sepHmo  imperii  die  inferemptiis  est. 

Wie  durch  die  Aehnlichkeit  der  Schriftzeichen  in  un- 
mittelbar auf  einander  folgenden  Silben  und  Wörtern  der 
Ausfall  eines  ganzen  Buchstaben complexcs  veranlasst  wurde, 
80  trat  auch  häufig  der  umgekehrte  Fall  ein.  Nachlässige  und 
unachtsame  Abschreiber  wiederholten  irriger  Weise  einzelne 
Schriftzeichen  und  ganze  Wörter  und  brachten  dadurcli  oft 
recht  schwer  zu  entdeckende  Fehler  in  den  Text.  Auch  hievon 
liefern  unsere  Handschriften  Beispiele.  Marc.  11,  7:  Hispanis 
exhmistis  Italien  adlectione  contra  **  Traianique  p^*aecepta  uerp- 
cunde  constduit.  Die  Worte  Italica  adlectione  lassen  eine  ver- 
schiedene Auslegung  zu.  Casaubonus  zog  sie  zu  consuluit  und 
dachte  an  eine  Bevölkerung  der  durch  Truppenaushebungen 
erschöpften  spanischen  Städte  mit  italischen  Colonisten.  Andere 
verstehen  unter  adlectio  die  Truppenaushebung  und  beziehen 
It/dica  auf  die  in  Hispanien  angesiedelten  Italiker,  welche 
gemeinhin  Italici  genannt  werden.  Vgl.  Hadr,  12,  4:  omnibus 
Hispanis  Tarraconavi  in  cmiuentum  uocatis  dilectumqun  ioadaritf^r 
' . .  retiactantibu^  Italicis,  uehementissimc  ceteris.  Sonach  stünde 
hier  Italica  für  Italicoi-um ,  ganz  entsprechend  dem  Sprach- 
gebrauche der  Scriptores,  die  den  Genetiv  eines  Nomen  pro- 
prium sehr  häufig  durch  das  Adjectiv  ersetzen;  vgl.  Paucker 
p.  4.  Eine  dritte  Meinung  geht  dahin,  dass  unter  Italica  ad- 
lectio eine  Recrutirung  in  Italien  zu  verstehen  sei.  Gestützt 
wird  diese  Ansicht  dadurch,  dass  unter  Marcus  in  der  That 
eine  ausserordentliche  Truppenaushebung  in  Italien  stattfand ; 
vgl.  Marquardt,  Rom.  Staatsverw. ,  II.  Bd.,  S.  521,  Anm.  6. 
Allein  diese  Auffassung  lässt  sich  mit  den  folgenden  Worten, 
wo  die  Handschriften  contra  tranique  prnecepta  lesen,  nicht  in 
Kinklang  bringen.  Für  tranique  mit  den  früheren  Ausgaben 
einfach  Traiani  zu  schreiben,  geht  wegen  des  q^ie  und  wegen 
des  Plurals  praecepta   nicht    an.     Allein    auch    Bälirens'  Con- 

25* 


388  Potschcttig. 

jectur  contra  Traiani  Hadrianique  praecepta  ist  aus  sachlichen 
Gründen  zu  verwerfen.  Denn  erstens  wissen  wir  von  keinem 
Erlasse  Trajans,  welcher  die  Trappenaushebung  in  Italien  ver- 
boten hätte;  diese  hatte  vielmehr  schon  seit  Äugustus,  besondere 
Fälle  ausgenommen,  aufgehört.  Zweitens  müssten  wir,  selbst 
wenn  an  unserer  Stelle  mit  klaren  Worten  contra  Trafani  prae- 
cepta überliefert  wäre,  die  Richtigkeit  dieser  Ueberlieferung 
bezweifeln.  Denn  es  wäre  doch  mehr  als  seltsam,  wenn  schon 
der  nächste  Nachfolger  Trajans  ein  so  wichtiges  Verbot  igno- 
rirt  hätte.  Wie  wir  nämlich  anderweitig  erfahren  (Marquardt 
a.  a.  O.),  hat  auch  unter  Hadrian  eine  Aushebung  in  Italien 
stattgefunden.  Müssen  wir  sonach  annehmen,  dass  weder  ein 
derartiges  Verbot  Trajans,  noch  auch  Hadrians  existirte,  so 
lässt  sich  vielleicht  durch  eine  andere  Beurtheilung  der  Ueber- 
lieferung ein  befriedigender  Sinn  gewinnen.  Betrachtet  man 
nämlich  tra  in  tranique  als  durch  Dittographie  aus  contra  ent- 
standen, so  ergibt  sich  die  leichte  Aenderung  contra  [tra] 
iniqua  praecepta,  und  der  Sinn  der  Stelle  ist:  ,Marcus  schaffte 
dem  durch  Aushebungen  unter  den  Italikern  erschöpften 
Hispanien  Abhilfe  gegen  unbillige  Anforderungen^ 

Seuer.  4,  5 — 6:  proficiscens  ad  Germanicoa  exerdtus  hortos 
spatiosos  conparauit,  cum  antea  aedes  breuissinias  Romas  hahuisset 
et  unum  fundum  in  uicinUu  in  his  hortis  cum  humi  iacens  epula- 
retur  cum  filiis  parca  cenaj   pomaque  adposita  maior  filius,  qui 
tunc  quinquennis  ei^at,    conlusorihus  puerulis  manu  largiore  iini- 
deretf  paterque  illum  reprehendens  dixlsset:  ,parcius  diuide,  non 
enim    regias    opes    poaaides^,    quinquennis   puer    respondit:   ,8ed 
possidebo*  inquid.     Diese   Stelle   leidet   an   einem   bisher  noch 
nicht  mit  Sicherheit  geheilten  Gebrechen.    Statt  der  Worte  in 
uicinia,  welche  Peter  aus  Conjectur  aufnahm,   steht  in  BP  in- 
uenit  etiam.     Dafür  vermuthete  Salmasius  in   Uenetia,  Jordan 
in  vicinitate,  Kellerbauer  in  prouincia.     Vor  Allem  ist  hier  die 
Argumentation  des  Salmasius  abzuweisen,   welcher,   um   seine 
Vermuthung   zu   rechtfertigen,    die  Frage   aufwirft:    ,8ed  unde 
Romae  fundi  ?  aut  quis  unquam  agros  et  fundos  Romae  possidere 
dictua  estf  Als  ob  der  Genetiv  Romae  ebenso  mit  fundum  ver- 
bunden werden  müsste,  wie  mit  aedes!  Gesagt  ist  also  keines- 
wegs, dass  Seuerus  dieses  Landgut  zu  Rom  besass,   aber  sehr 
wahrscheinlich  ist  es  nach  dem  Zusammenhange,  dass  dasselbe 


BeitrAgo  zur  Textkritik  der  Scriptorcs  liistoriae  Augnsta«.  389 

in  der  Nähe  der  Stadt  gelegen  war.  Dies  yorausgeschickt,  ist 
die  EmendatioD  der  Stelle  nicht  so  schwierig.  Die  Worte 
fundum  innenit  der  Handschriften  sind  nämlich  durch  die 
doppelte  Schreibung  des  m  aus  fundum  (e)  uenit  entstanden. 
Es  ist  demnach  hinter  fundum  zu  interpungiren  und  dann 
fortzufahren  euenit  etiam  in  his  hortia:  cum  humi  iacens  epula- 
retur  et  rel.  Nach  euenit  sollte  man  allerdings  ein  %d  erwarten ; 
aber  die  leichte  Anakoluthie  ist  durch  die  Länge  der  folgenden 
Periode  veranlasst,  und  ich  finde  es  daher  auch  nicht  für 
DÖthig,  zu  der  nahe  liegenden  Vermuthung  euenit  etiam  (id)  in 
Jas  kortis  die  Zuflucht  zu  nehmen. 

Seuer.  9,  6:  in  multos  saeue  animaduertit,  praeter  ordinem 
senatoriumj  qui  Nigrum  fuei'ant  secuti,  multas  etiam  duitates 
eiusdem  partis  iniuriis  adfedt,  BP  bieten  ae  statt  aaeue.  Wahr- 
scheinlich ist  dem  folgenden  multaa  etiam  entsprechend  zu 
schreiben:  in  multoa  et  animaduertit.  Aus  der  Dittographie 
muUoa  aet  war  multoa  ae  entstanden. 

AL  Seuer,  55, 1 :  cum  ipae  comua  ohiret,  militea  admoneret, 
mb  ictu  teli  ueraaretur.  BP:  aubiectuatu  teli,  was  auf  ein  ur- 
sprüngliches auhiectva  felia  hinweist. 

Die  Scriptores  h.  A.  sind  von  Glossemen  und  Inter- 
polationen mannigfacher  Art  nicht  frei  geblieben.  Gallien, 
11,  3:  Cum,  tarnen  aiM  militea  dignum  pnncipeni  quaererent, 
GaUienua  apud  Athenaa  archon  erat,  id  eat  aummua  magiatratua. 
Schon  die  Thatsache,  dass  unsere  Autoren  sich  zahlreicher 
griechischer  Wörter  bedienen  (vgl.  die  Zusammenstellung  bei 
Paucker  p.  38—48),  lässt  darauf  schliessen,  dass  PoUio  weder 
fiir  sich  selbst,  noch  für  seine  Leser  einer  Erläuterung  des 
Wortes  archon  bedurfte.  Die  Vermuthung  wird  jedoch  da- 
durch zur  Gewissheit;  dass  an  anderen  ähnlichen  Stellen  die 
Hand  eines  Interpolators  mit  Sicherheit  erkannt  werden  kann 
und  auch  erkannt  worden  ist.  Auid,  Caaa,  3,  7:  aed  per  ordi- 
nem  paraeneaeoa  [hoc  eat  praeceptionum]  pet"  triduum  diaputauit. 
Max.  et  Balh,  8,  6:  ut  ciutum  aanguine  Utato  apecie  pugnarum 
^^Nemeaia  [id  eat  uia  quaedam  Fortunae]  aaiiaret  Nach  diesen 
Beispielen  ist  es  nicht  zweifelhaft,  dass  die  Worte  id  eat 
9ummua  magiatratiia  als  Interpolation  aufzufassen  und  zu  ent- 
fernen sind. 


390  PetAchenig. 

AL  Seiler.  15,  3:  iure  iurando  deimle  se  constrhixit ,  ne 
quem  ndscrijdum,  id  est  nacantiuumy  haheret.  Es  ist  nicht 
(«glaublich,  dass  Lampridius  den  in  der  Militärsprache  gewiss 
sehr  geläufigen  oder  vielmehr  (wie  adscripiidus,  adscriptitm) 
üfficiellen  Airsdruck  adscriptus  durch  einen  mindestens  nicht 
geläufigeren  erklärt  haben  sollte.  Die  Worte  id  est  uacantiuum 
sind  ohne  Zweifel  interpolirt  und  zu  streichen.  Vgl.  Trig,  18, 11, 
wo  mit  J.  J.  Cornelissen  '  zu  schreiben  ist:  Est  et  alia  eins 
epistola  qua  gratias  Ballistae  aitj  in  qua  docet,  sibi  praecepta 
gnbeniauJae  rei  p.  ah  eodem  data,  gaudens^  quod  eius  consiKo 
nidlum  ad  Script  icium  [id  est  uacantemj  haheret  [etj  trihunum, 
nulluin  stipatorem  qui  non  uere  aliqvid  ageret,  nulluni  militeni 
qtU  non  uere  pugnaret,- 

Zum  Schlüsse  lasse  ich  eine  Reihe  von  Emendationen 
und  Vermuthungen  folgen,  welche  aus  verschiedenen  Gründen 
nicht  in  den  Rahmen  einer  systematischen  Behandlung  ein- 
gefügt werden  konnten. 

//ac/r.  11,  1:  reditns  sollerter  explorans,  vt,  si  alicuhi  quip- 
piam  deesset,  expleret.  —  si  fehlt  in  B^  P^  und  ist  erst  von 
dritter  Hand  beigefügt.  Vielleicht  stand  ursprünglich  ut 
ilico,   uhi. 

Iladr.  11,  3:  Septicio  ...  et  Suetonio  .  .  .  multisque  aliisj 
quod  apud  Sabinam  uxareni  iniussu  eins  familiarins  se  tnnc 
egerant  quam  reuerentia  d^mius  aulicae  postulahat,  successores 
dedit,  uxorem  etiani  ut  morosam  et  asperani  dimissurus.  Mit 
Recht  bemerkt  Peter  zu  iniussu:  ,mihi  suspectum^.  Denn  es  ist 
entschieden  widersinnig,  zu  sagen,  man  habe  gegen  die  Kaiserin 
,ohne  einen  Befehl'  des  Kaisers  einen  zu  vertraulichen  Ton  an- 
geschlagen, da  der  Kaiser  ja  einen  solchen  die  kaiserliche 
Würde  herabsetzenden  Befehl  überhaupt  nicht  hätte  geben 
können.  Zudem  steht  auch  nicht  iniussu  in  BP,  sondern  uni- 
ussu.  Ich  glaube  nicht  zu  irren,  wenn  ich  annehme,  dass 
darin  die  Worte  nimio  usu  stecken.  So  erhalten  wir  einen 
vortreflflichen  Erklärungsgi'und   zu   den  Worten    familiaritts  s*' 


'  Coiiioctanea  latina,  Daventriue  1870,  p.  65. 

-  Dio  Bezcicliiiuii{2feii  nacamt  uud  ucLcantimis  scheinen  einer  späteren  Zeit 
anzuj^cliörcn ;  sie  finden  sicli  erst  bei  Ammianus,  Vejj^etius  uud  Syuesius 
(,3a/.avTrji5oi)  j  vpl.  Marquardt^  Köm.  Staatsvervv.  II.  Bd.,  S.  447. 


Beitrüge  zur  Textkritik  der  Scriptoreb  historU«  Aoguetae.  39  L 

Urne  tgerant.  Der  häufige  (nimiua  =  viagnus)  Verkehr  mit 
Sabioa  erzeugte  unwillkürlich  einen  vertrauteren  ToU;  als 
schicklich  war.  Die  Begriflfe  mus  und  familiariUis  werden 
überhaupt  gerne  verbunden.  Cic.  ad  fara.  XIII,  23,  52:  con^ 
innctits  magjw  usu  familiaritatis.  Liu.  40,  21 :  insinuaret  se  in 
quam  maxime  familiärem  usum. 

Hadr,  22,  5:  diligentia  iwlicis  suniptus  conuiuii  consiituit 
et  ad  anticum  modum  redegit.  Es  ist  hier  von  der  Soi^falt  die 
liede,  mit  welcher  der  Kaiser  die  Ausgaben  für  seine  Tafel 
cootrolirte  und  die  Spartianus  auch  an  einer  anderen  Stelle 
erwähnt;  17,  4:  ad  deprehendendaa  ohsonatomm  fraudes,  cum 
plurimis  simmatibus  pasceret,  fercula  de  aliis  mensis  etiam  ultimis 
quibusque  adponit  Was  hat  nun  mit  der  Sorgfalt  eines  guten 
Rechenmeisters  und  Hauswirthes  die  Gewissenhaftigkeit  eines 
Richters  zu  schaffen?  Dass  iudids  unpassend  sei,  scheint  auch 
Mommsen  gefühlt  zu  haben,  da  er  sumvia  (aus  dem  vorher- 
gehenden summissa)  diligentia  in  dies  vermuthete.  In  den 
Handschriften  steht  iudices,  welches,  wenn  man  das  durch 
Dittographie  aus  dem  folgenden  sumptus  entstandene  s  weg- 
lässt,  recht  wol  aindice  gelesen  werden  kann.  Damit  wäre 
die  Achtsamkeit  des  haushälterischen  Kaisers,  der,  imi  die 
Ehrlichkeit  seiner  Köche  zu  prüfen,  selbst  kleine  Mittelehen 
nicht  verschmähte,  ganz  treffend  charakterisirt.  Bezüglich  des 
adjectivischen  Gebrauches  von  uindex  verweise  ich  auf  Kühner, 
Aiisführl.  Gramm.  L  Bd.,  S.  357,  wo  drei  Beispiele  aus  Dichtern 
angeführt  sind.  Dass  diese  Verwendung  aber  auch  der  späten 
Prosa  nicht  fremd  war,  ergibt  sich  aus  Optat.  Mileuit.  de 
schism.  Donatist.  II,  19:  navi  iidem  canes  .  .  .  ipsos  dominos 
«uos  ,  .  .  deute  aindice  .  .  .  laniauefi'unL 

Marc.  1,  2:  auus  Annius  Ueriis  iterum  consuL  Da  dies 
mit  der  Angabe  des  Dio  (69,  21  'Awicu  BiQpou,  tcj  -zpiq  OxaTE'jaavTs^ 
Aal  zoXiapxT^icavTo;)  nicht  stimmt,  vermuthete  Peter  ter.  Der 
Ueberlieferung  näher  liegt  tertinm,  welches  nach  dem  Sprach- 
gebrauche der  Scriptores  in  dem  Sinne  von  ter  stehen  kann ; 
vgl.  Paucker  p.  89  ff. 

Marc,  13,  4:  tunc  autem  Antonini  lege»  sepeliendi  sepvl- 
chrorumqv-e  asperrimas  sanxerunt,  qnando  quidem  cauerunt  ne 
quisqui»  iielhit  fabricaretur  sepulchrum.  BP:  ne  quis  uelle  ab- 
fahricaretur    sejndchrum.     Zu    dieser    Stelle    bemerkt    Madvig, 


392  PctMchcnig. 

Advers.  critic.  II.  Bd.,  p.  632:  ,Scriptum  fuisse  opinar:  „»e 
quis  uillae  applicaret  sepulchrum^^ ;  nisi  quis  „adfabiicaretur^* 
retinere  audet'.  Da  ich  gleichfalls  uillae  adfahricaretur  ver- 
muthet  hatte,  erachte  ich  es  auch  nach  Madvig  nicht  für  über- 
flüssig, eine  Begründung  dieser  Schreibung  zu^  geben.  Dieselbe 
empfiehlt  sich  zunächst  aus  sachlichen  Gründen.  Bekanntlich 
war  es  ein  ganz  gewöhnlicher  Gebrauch,  die  Grabdenkmäler 
neben  den  Villen  anzulegen;  ein  Verbot,  dieses  zu  thun,  ist 
daher  zur  Zeit  einer  heftigen  Epidemie  etwas  so  Natürliches, 
dass  darüber  weiter  kein  Wort  zu  verlieren  ist.  Der  Umstand 
ferner,  dass  adfahricari  vielleicht  ein  Smoi!^  stfr|{ji£vov  ist,  kann 
nicht  gegen  diese  Emendation  sprechen.  In  den  Scriptores 
finden  sich  weit  über  hundert  xkol^  XEvofxsva,  darunter  (nach 
Plew  p.  27  f.)  dreizehn  Verba.  Die  Bildung  eines  Deponens 
adfabricor  in  dem  Sinne  von  ,dazu-^  oder  ,anbauen'  ist  aber 
um  so  weniger  auffallend,  da  das  einfache  Verbum  auch  bei 
Vopiscus  als  Deponens  erscheint.  Prob,  20,  6:  orhis  terrarum 
non  arma  fabricabitur,  Uebrigens  ist  wenigstens  ein  Participium 
affabricatus  (von  affabricare)  nachgewiesen,  und  zwar  bei 
Augustin.  de  mus.  6,  7:  constietudo  qucLsi  secunda  et  quasi 
affahncata  natura  dicitur. 

Marc.  16,  3—4:  Post  üeri  obitum  Marcus  Antoninus  solus 
rem  ijublicam  tenuit,  mxdto  melior  et  feracior  ad  uirtutes,  quippe 
qui  nullls  Ueri  iam  impediretur  aut  simulatis  callidae  seueritatiSf 
qua  nie  ingenito  uitio  laborabat,  erroHbus  aut  his  qui  praedime 
displicebant  Marco  Antonino  iam  inde  a  primo  aetatis  suae 
tempore  uel  institutis  mentis  prauae  uel  moribus,  Dass  dem 
Verus  nicht  mit  Unrecht  der  Vorwurf  der  Härte  gemacht  wird, 
zeigt  die  Charakteristik  des  Victor,  der  ihn  ingenii  asperi  nennt, 
wie  des  Eutropius,  der  von  ihm  sagt  (VIII,  10):  uir  ingenii 
purum  ciuilis^  reuerentia  tamen  fratris  nihil  unquam  atrox  ausus. 
Was  aber  eine  seueritas  callida  sei,  darauf  vermag  ich  mit  Sal- 
masius  keine  Antwort  zu  geben.  Vielhaber  vermuthete  rfw- 
simvlatis  callide,  nicht  besonders  glücklich;  denn  wenn  Verus 
die  Fehler  seiner  angeborenen  Rauhheit  zu  verhehlen  wusste, 
so  waren  sie  nicht  mehr  erkennbar  und  bildeten  demnach  für 
Marcus  kein  Hinderniss.  Ist  simulatis  richtig,  so  muss  es  seinen 
Gegensatz  haben;  dieser  findet  sich,  wenn  wir  lesen:  qui  nulUs 
ueris   iam   impediretur    aut   simulatis   callide  seueritatis  .» , 


Beiträge  zur  Textkritik  der  Scriptores  historiae  Augusiae.  398 

erroribus.  Demnach  würde  unterschieden  zwischen  Fällen  wirk- 
licher Strenge  des  Veras  und  zwischen  solchen,  wo  er  sich 
derselben  in  schlauer  Weise  nur  als  einer  Maske  bediente, 
offenbar  zu  dem  Zwecke,  um  gegenüber  der  übergrossen  und 
vielfach  getadelten  Milde  des  Marcus  in  einem  anderen  Lichte 
zu  erscheinen.  Haupt  vermuthete  cumulatis  calidae  ueritatiSj 
quo.  Ich  glaube  jedoch,  dass  die  uerlfas,  selbst  wenn  man 
das  Wort  mit  , Grobheit'  übersetzt,  keinesfalls  unter  die  uitia 
gerechnet  werden  könne. 

Marc,  16,  2:  quo  quidem  tempore  ipse  imperator  filio  ad 
triumphalem  curmm  in  drco  yedes  cucurrit,  —  ipse,  wie  Peter 
nach  Obrecht  schreibt,  wie  des  Salmasius  Conjectur  senex 
können  nur  als  zweifelhafte  Nothbehelfe  für  das  handschrift- 
liche sine  dienen.  Ich  erkenne  in  diesem  die  unseren  Scriptores 
80  geläufige  Partikel  saiie,  welche,  wie  Plew  p.  35  treffend 
bemerkt,  ,8ine  certa  uUa  notione'  bloss  zur  Satz  Verknüpfung 
verwendet  wird.  Was  ihre  Stellung  im  Satze  betrifft,  so  findet 
sie  sich  selten  zu  Anfang  desselben,  meist  an  zweiter  oder 
dritter  Stelle.  Vgl.  Marc,  18,  5:  et  parum  sane  fuit;  23,  9: 
famafuit  sane;  Commod,  10,  3:  si  quis  sane;  Trig,  3,8;  AureL 
18,  3:  accepta  est  sane. 

Marc.  18,  4:  Hie  sane  uir  tantus  et  talis  ac  diis  uita  et 
motte  coniunctns  filium  Commodum  dereliqxdt;  quiy  si  felix 
fuisset,  filium  non  reliquisset.  Wenn  man  diese  Worte  liest, 
ftihlt  man  sofort,  dass  das  logische  Verhältniss  zwischen  Be- 
dingung und  Bedingtheit  geradezu  umgekehrt  ist.  Es  ist 
daher  wahrscheinlich  zu  emendiren:  qtd  sie  felix  fuisset,  (si) 
ßium  non  reliquisset. 

Marc.  25, 1 :  relicto  ergo  Sarmatico  Marcomannicoque  hello. 
Die  Lesart  der  Handschriften  relecto  führt  eher  auf  reiecto, 

Auid.  Cass,  1,  1 :  Auidius  Cassius,  ut  quidam  uolunt,  ex 
familia  Cassioi'um  fuisse  dicitur  per  matrem,  homine  nouo  genitus 
Auidio  Seuero,  qui  ordines  duxerat  et  post  ad  summas  dignitates 
peruenerat.  Mit  diesen  Angaben  steht  Dio's  Bericht  in  voll- 
ständigem Widerspruche;  71,  22:  6  Bs  Syj  Kaaatoq  26po;  jisv  iv, 
"r^;  K'jpcü  ?jv,  avY)p  os  opt^TOi;  v^vfexo  ,  .  .  'jtXyjv  y.a8'  oaov  'HX'.oSwpou 
T'-vo;,  aYöncTQTc!)?  £•(;  tyjv  ttj«;  Aiyuttcoj  -fi'^eiJ.ovixf  e^  eji-TCStpiai;  ^rjTopix^^ 
"psywpT^cavTcg,  u'.b;  y^v.  Während  also  nach  Vulcatius  der  Vater 
des  Avidius  den  Namen  Avidius  Severus  führte  und  nach  einer 


394  Potöchenig. 

militärischen  Laufbahn  zu  hohen  Würden  gelangte,  nennt  Dio 
denselben  Ileliodorus  und  deutet  mit  den  Worten  i^  £(i-£tp{i: 
pir;TopaT];  eine  ganz  andere  Laufbahn  des  Mannes  an;  auch  sein 
dYaTDQTü);  stimmt  schlecht  zu  des  Vulcatius  summas  digniiaUs, 
Ein  solcher  Widei*spruch  lässt  sich  nicht  einfach  dadurch 
lösen,  dass  man  annimmt,  derselbe  habe  mit  seinem  vollen 
Namen  Avidius  Cassius  Heliodorus  geheissen,  oder  dass  man 
die  Berichte  des  Dio  und  Vulcatius  auf  verschiedene  Quellen 
zurückführt.  Dio  verdient  schon  an  und  für  sich  entschieden 
mehr  Glauben  als  der  späte  Vulcatius;  für  ihn  spricht  auch, 
dass  ein  Sohn  des  Cassius  (ohne  Zweifel  der  älteste  und  des- 
halb auch  gefährlichste,  da  er  allein  von  allen  Rindern  des 
Cassius  deportirt  wurde)  Heliodorus  hiess;  vgl.  Marc.  26,  11. 
Zudem  beruht  der  mitgetheilte  Text  der  Stelle  des  Vulcatius 
nur  auf  Conjectur,  während  die  Handschriften  bieten:  per 
marem  tarnen  nouo  genitus.  Man  hat  daher  statt  notw  schon 
frühzeitig  atto  vermuthet,  was  sich  trotz  des  entschiedenen 
Widerspruches  des  Salmasius  recht  gut  halten  lässt.  Zwei 
Argumente  sind  es  hauptsächlich,  auf  welche  sich  dieser  Ge- 
lehrte stützt.  Zunächst  bestreitet  er,  dass  man  sagen  könne: 
auo  genitus.  Darauf  ist  zu  erwidern,  dass  genitxis  von  den 
Scriptores  h.  A.  manchmal  im  Sinne  unseres  ,abstammend' 
oder  ,horstammend'  auch  mit  Länder-  und  Städtenamen  ver- 
bunden gebraucht  wird.  Vgl.  AI,  Seuei\  1,2:  arbe  Arcena  genituf^; 
AureL3y2:  Moesia  geiiitum.  Ferner  meint  Salmasius,  dass  man 
zunächst  nicht  den  Namen  des  Grossvaters,  sondern  des  Vaters 
erwarte,  da  es  die  Qewohnheit  dieser  Geschichtschreiber  sei, 
vor  Allem  über  die  Eltern  der  Regenten  Aufschluss  zu  geben. 
Auf  diesen  Einwand  kann  man  erwidern,  dass  die  Scriptores  h.  A. 
dort,  wo  ihnen  das  Material  vorlag,  alle  Verwandten  zu  nennen 
pflegen,  wobei  der  Grossvater  fast  niemals  fehlt,  dass  aber  auch 
Fälle  vorkommen,  in  welchen  die  Eltern  nicht  genannt  werden, 
entweder  weil  sie  nicht  bekannt  waren,  oder  weil  dies  un- 
wesentlich schien.  Manchmal  scheint  aber  hierbei  auch  die 
reine  Willkür  oder  der  Zufall  gewaltet  zu  haben.  So  nennt 
Capitolinus  den  Vater  des  Maximus,  obwohl  derselbe  aus  der 
Plebs  war,  den  des  vornehmen  Balbinus  aber  nicht,  sondern 
nur  dessen  Ahnherrn  Baibus  Cornelius  Theophanes.  Von  noch 
geringerem  Gewichte   ist  die  Behauptung   des  Salmasius,  dass 


Beiträge  znr  Textkritik  dor  Scripte  reu  historiae  Angastoe.  39o 

Avidius  Severus,  wenn  er  der  Grossvater  des  Cassius  war, 
unter  Marcus  schwerlich  mehr  am  Leben  war;  denn  dies 
konnte  in  dem  Falle,  als  er  des  Cassius  Gross vator  von 
mütterlicher  Seite  war,  doch  leicht  möglich  sein. 

Um  nun  wieder  auf  die  Stelle  des  Vulcatius  zurückzu- 
kommen, so  acceptire  ich  die  Vermuthung  auo  für  nouo  und 
schreibe  mit  einer  weiteren  leichten  Aenderung:  ex  familia 
Cassiaruvi  fuisse  dicitur  per  matreni  tantunij  auo  genitus  Auidio 
Stuero,  So  erkläi't  sich  auch  der  Name  Avidius  Cassius.  Den 
ersteren  führte  er  nach  seinem  Grossvater,  den  andern  nach 
der  gens,  von  der  er  mütterlicher  Seits  abstammte  oder  ab- 
stammen sollte. 

Auid.  Ca88.  14,  3:  Marcus  homo  sane  optimiis,  qui  dum 
Clemens  dici  cupit.  In  BP  steht  dementes,  was  offenbar  aus 
dementem  se  (clementese)  entstanden  ist;  vgl.  Pert,  15,  8,  wo 
Jordan  —  Eyssenhardt  mit  Recht  nach  den  Handschriften 
schreiben:  quam  (epistuUim)  ego  ins  er  i  oh  niviiam  longi- 
tudinem  nolui, 

Commod,  9,  6:  debiles  pedibus  et  eos  qui  ambulare  non 
posbeiit  in  gigantum  modum  foimauity  ita  ut  a  genibus  de  pannis 
et  Unteis  quasi  dracones  degererentur.  Die  Berliner  Herausgeber 
lesen  nach  einer  Vermuthung  Mommsen's:  quasi  in  dracones 
redigerentur.  Nach  Dio's  Bericht  (72,  20) :  xavxa?  toI>^  twv  tcoBwv 
£v  TTj  TziiXti  'J7;b  varou  t)  hipaq  Tivb<;  cjujjL^opi^  saTSpr^Ixivou«;  dOpotaac 
:p2/i*/T(ov  i£  Tiva  auTC^  ciBr^  T:s.p\  Ta  -(z^toLix  izzpiiizXi^c  ist  ohne 
Zweifel  tegerentur  zu  schreiben,  üeber  de  =  Abi.  instrum. 
vergleiche  man  die  reiche  Sammlung  bei  Rönsch,  Ital.  und 
Vulg.2,  S.  393—395,  wo  diese  Stelle  gleichfalls  citirt  ist. 

Commod,  10,  4:  iiavi  eum  quem  uidisset  albescentes  inter 
nigros  capillos  quasi  uermiculos  luJjere,  sturno  adposito,  qui  se 
i^vmes  secfari  cred&ret,  capite  suppuratum  reddebat  obtunsionibus. 
Das  letzte  Wort  ist  durch  Conjectur  von  Casaubonus  her- 
gestellt, während  in  BP  ohtunsioneiis  steht.  Dass  dies  nur 
obtunsione  oris  (,durch  die  Stösse  des  Schnabels')  gelesen 
werden  könne,  ist  an  und  für  sich  kaum  zweifelhaft  und  wird 
ausserdem  durch  Commod,  9,  6  bestätiget:  cum  Anubim  portaret, 
capita  Isiacorum  grauitefr  ohtundebat  ore  simulacri, 

Commod,  14,  1:  Per  haue  autem  neglegentiam,  cum  et  an- 
nonam  uastarent  hi  qui  iunc  rem  puhlicam  gerebant,  etiam  inopia 


396  Petacbeni?. 

ingens  Romae  exorta  est,  cum  fruges  non  deessent.  Dass  trotz 
des  Vorhandenseins  von  Qetreidevorräthen  eine  Noth  entstehen 
konnte,  ist  jedenfalls  seltsam  und  erweckt  den  Verdacht^  dass 
der  Text  nicht  richtig  ist.  Herodianus  schiebt  zwar  die  Hungera- 
noth  einzig  und  allein  dem  Kleandros  in  die  Schuhe  (I;12;4). 
Allein  bei  Dio  lesen  wir  von  einem  thatsächlichen  Getreide- 
mangel, der  nur  durch  das  ränkevolle  Gebahren  des  Getreide- 
praefecten  Papirius  Dionysius  noch  gesteigert  wurde.  Er  be- 
richtet nämlich  72,  13:  £y^v6to  jjlsv  ^ap  xat  aXXwq  la^ypi  cits- 
S£(a,  £7:1  ^rXeicTOv  S'  auTr^v  HocRipioi;  Acsvjffio;  iirt  toj  aiiou  TSTarfl^Evs; 
£wrj'j5t;ff£v,  Tv*  w«;  attidiTaTov  au-rij?  tov  KXeavSpov  .  .  .  %a\  jjLiriJffWJ'.v  z\ 
T(i){jLa?ci  xal  Sia^OfipioGi.  Da  somit  der  Mangel  an  Lebensmitteln, 
gleichviel  ob  durch  das  Verschulden  des  Praefecten  oder  aus 
anderen  Ursachen,  ein  wirklicher  und  thatsächlicber  war, 
müssen  die  Worte  cum  fruges  non  deessent  unrichtig  sein. 
Zudem  bieten  BP  cum  fruges  et  non  deessent.  Ich  vermuthe, 
dass  zu  schreiben  ist:  cum  fruges  emendae  essent  (tn  =  m, 
0  =  e), 

Pert.  6,  3:  sane  tarn  postero  kalendarum  die  cum  statuae 
Commodi  deicerentur,  gemuerunt  milites.  Für  tawi,  wie  Peter 
schrieb,  steht  in  BP  cum.  —  sane  cum  dürfte  wohl  aus  sane- 
quam  entstanden  sein. 

Did.  Jul.  2,  3:    et   semper   ab   eo   collega   est  et  successor 
appellatuSf   maxime  eo  die  cum  filiam  suam  lulianus  despondens 
adfini  suo  ad  Pertinacem  uentsset  idque  intimasset.  dixit:  **  que 
dehita  reuerentia,  quia  collega  et  successor  meus  est.     Zu  dieser 
Stelle   bemerkt  Casaubonus:    deest  aliquid   manifestissime    sup- 
plendum  in  hanc  sententiam:   ,dixit  tum  iuueni  PertinaXy   Hunc 
tu   obserua   dehita  reuerentia,   quia  c*     Allerdings   drückt  sich 
Capitolinus   Pert.  14,  4   deutlicher    aus:    nam    cum    ei  Didius 
lulianus  fratris  filium   obtulisset,   cui  despondebat  filiam  suam, 
adhortatus  est  luuenem   ad  patrui  obseruationem  et  adiecit:   Ob- 
serua collegam  et  successorem  meum.     Indessen   dürfte   es  doch 
möglich  sein,    dass  in  que  der  Ueberrest  des  Imperativus  pro- 
sequere  zu  suchen  ist.     Dann  wäre  nach  appellatus    ein  Punkt, 
nach  intimasset  ein  Komma  zu  setzen   und  darauf  fortzufahren 
dixit:  Prosequere  dehita  reuer entia.  Vgl.  Lactant.  diuin.  instit. 
VI,  9,  24:  hie  est  sapientiae  gradus  primus,  ut  scianius,  quis  sit 
nobis    uerus   pater,    eumque   solum  pietate    dehita    pi^osequamur ; 


Beitrige  zur  Textkritik  dor  Scriptores  hiKtoriae  AugUBtae.  o97 

VII,  5,   5:    ü    tienim    patrem    suum    dehüa    ueneratione    pro- 
wquitur. 

Seutr.  14;  4:  i-umore  deinde  belli  Parthici  extincti  patn 
matri  auo  et  vacori  prion  per  se  8tatv4i8  conlocauit.  Der  erste 
Theil  dieses  Satzes  kann  nicht  richtig  sein,  da  wir  im  §.  11 
desselben  Capiteis  lesen  profectus  dehinc  ad  bellum  Parthicum 
est,  und  da  auch  im  Weiteren  nur  von  den  Vorbereitungen 
und  der  Abreise  zu  diesem  bereits  ausgebrochenen  Kriege  die 
Rede  ist.  Vgl.  15,  1 :  Erat  sane  in  se^-mone  uolgaH,  Parthicum 
helhm  adfectare  Septimium  Seueinim  gloriae  cupiditate,  non  all' 
qm  necessitate  deductum  (necessitate  [de]  ductum^).  traiecto 
denique  exercitu  a  Brundisio  continuato  itinere  uenit  in  Syriam 
Parthosque  summouit.  Zwar  hatte  Severus  auch  schon  nach 
dem  Siege  über  Niger  mit  den  Parthern  gekämpft,  aber  da- 
mals hatte  der  Krieg  mit  ihrer  Niederlage  geendet,  cap.  9,  9 : 
deinde  circa  Arabiam  plura  gessit,  Parthis  etiam  in  dicionem 
redaetis.  Von  diesen  Worten  an  ist  bis  zu  unserer  Stelle  von 
den  Parthern  nicht  mehr  die  Rede,  so  dass  man  durch  die 
Worte  i-umore  belli  PaHhici  extincti  förmlich  überrascht  wird. 
Nach  Dio  (75,  9)  hatten  die  Parther,  während  Severus  den 
ÄlbinuB  bekämpfte,  Mesopotamien  erobert  und  Nisibis  be- 
lagert. Der  Krieg  war  also  thatsächlich  ausgebrochen,  bevor 
Severus  zur  Bekämpfung  der  Feinde  in  den  Orient  zog.  Man 
erwartet  daher  an  unserer  Stelle  das  gerade  Gegen  theil  des 
Gesagten;  nicht  das  Gerücht  von  der  Beendigung  des  Krieges, 
der  kaum  erst  angefangen  hatte,  sondern  nur  das  Gerücht  vom 
Ausbruche  desselben  konnte  sich  damals  verbreiten.  Es  muss 
daher  die  Stelle  nach  BP,  wo  extiti  statt  extincti  überliefert 
ist,  so  geschrieben  werden:  rumor  deinde  belli  Parthici  ex- 
titit,  patri  matri  et  rel. 

Seuer.  19,  8:  leguminis  patrii  auidus.  Ob  in  Afrika  und 
Bpeciell  in  der  Tripolis  Hülsenfrüchte  von  besonders  guter 
Qualität  gediehen  oder  ob  mit  legumen  patrium  eine  bestimmte 
Hülsenfrucht  bezeichnet  werden  soll,  ist  ungewiss.  Ich  zweifle 
an  der  Richtigkeit  der  Lesart  und  vermuthe  leguminis  porri 
auidus, 

Nig.  3,  11 :  emenda  igitur  primum  tribunos,  deinde  militem, 
^em  quamdiu  non  timueris,  tamdiu  timeberis.  sed  scias  idque  de 
^tgro,   militem  timere  non  posse,   nisi   integri  fuennt  tribuni  et 


398  Petaclxenig. 

duces  militum,  Peter  hat  zum  Theile  die  Emendation  des 
Salmasius  angenommen,  welcher  no7i  ergänzte,  und  timehms 
statt  des  handschriftlichen  timehia  nach  der  Vulgata  geschrieben. 
Jordan  —  Eyssenhardt  geben  mit  BP :  quem  quamdiu  timmm 
tamdiu  timebis,  Mommsen  vermuthete  tamdiu  (non)  timdnt. 
Da  auf  das  timere  der  Soldaten,  wie  der  folgende  Satz  beweist, 
ein  besonderer  Nachdruck  gelegt  wird,  ist  mit  möglichstem 
Anschlüsse  an  die  Uobcrlieferung  zu  schreiben :  quem^  quamdin 
timuerit,  tamdiu  tenebis.  Vgl.  Tac.  Ann.  I,  29:  rdhil  in 
uulgo  modicum;  te^Tei^e,  ni  paueant ;  uhi  pertimuerintj  in- 
pune   ontemni. 

Clod,  Alb.  2,  5:  sane  ut  tibi  insigne  aliquod  imperial^ 
maiestatis  adiciam,  habebift  utendi  coccini  pallii  facultMeim  f  me 
praeseiüem  et  ad  me  et  cum  mecum  fueris,  habiturus  et  purpiirnm 
sed  sine  auro.  In  BP  steht  accedam.  Die  älteren  Ausgaben 
schrieben  accedat^  Jordan  addam,  Qolisch  vermuthete  annectnm. 
Ich  ändere:  insignia  aliquot  .  .  .  accedanty  da  im  Folgen- 
den zwei  Attribute  der  Kaiserwürde,  coccini  pallii  facultas  und 
jnirpura,  erwähnt  werden.  So  erklärt  sich  das  accedam  der 
Handschriften  auf  die  einfachste  Weise,  insignia  wurde  vor 
aliquot  nach  Auslassung  des  schliessenden  a  leicht  zu  insigne. 
Was  aliquod  =  aliquot  botriflFt,  so  verweise  ich  darauf,  dass 
quot  in  BP  meist  quod  geschrieben  wird;  vgl.  Heliog.  27,  4  und  6; 
Maximin.  13,  2;  AI  Seuer.  41,  3;  42,  4;  Gord.  21,  4;  Trig. 
10,  11;  Prob.  12,  5  (zweimal).  —  Im  Folgenden  vermuthete 
Peter  facultatem  perpetuam  et  absque  me  et  cum,  Jordan  vie 
praesidente,  eandem  et  cum.  Ich  möchte  schreiben:  facultatem 
et  in  praesente  statione  et  cum  meaivi  fueris. 

Clod.  Alb.  13,  1:  Fuit  statura  procei-us,  capillo  renodi  et 
cHpso ,  fronte  lata  et  candore  mirabili,  ut  plerique  putent,  quod 
ex  eo  nomen  accepevit.  BP:  et  ut,  was  wol  nur  aus  it{a)  «/ 
entstanden  sein  kann.  —  Ebend. :  in  luxuHe  uarius,  nam  snefe. 
adpetens  uini,  frequenter  abstinens.  Da  in  BP  luirium  steht,  ist 
vielleicht  zu  schreiben:  uarii  amans,  saepe. 

Clod.  Alb.  13,  5— G:  Si  senatus  p.  R.  suum  iüud  ueinn 
haberet  impemum,  nee  in  unius  potestate  res  tanta  consisterei, 
non  ad  Uitellios  neqti^  ad  Nerones  neque  ad  Domitiwios  publica 
fata  nenissmi,  ih  imperio  consulari  nostrae  illae  gente^  Ceioniornm 
Albinorum  PostnmionCm,   de  quibus  patres  ueMri,    qai  et  ipsi  ah 


Beiträge  zur  Textkritik  der  Seriptores  hiRtoriae  Aagnstae.  399 

am  suis  nudierant,  multa  dtdicerunf,  et  cevte  Africam  Ronimw 
impetio  senahis  ndmnxii,  Gallinm  senatns  suhegif  et  Hisjyamafty 
wientalibus  popuUs  senatus  dedit  legesj  Parthos  temptauit  senatvs. 
So  Peter;  aber  in  dieser  Fassung  ist  die  Stelle  ganz  unvei*- 
ständlich.  Nimmt  man  an  —  und  dies  ist  das  natürlichste  — 
dasB  der  Nachsatz  zu  dem  conditionalen  Vordersatze  mit  den 
Worten  nmi  ad  UitelUos  beginnt,  so  ergibt  sich  die  zweifache 
Uuzukömmlichkeit,  dass  in  dem  Satze  in  imperio  . . .  Postumio- 
rum  die  Ellipse  von  essent  anzunehmen  ist,  und  dass  dieser 
Satz  nicht  in  den  Zusammenhang  passt.  Denn  der  Gedanke: 
jWenn  der  Senat,  nicht  aber  Einer  herrschen  würde,  so  wäre 
ein  Vitellius  und  Nero  unmöglich  gewesen  und  unsere  alten 
Geschlechter  wären  im  Besitze  der  consularischen  Gewalt' 
entbehrt  aller  Logik,  da  die  Nachsätze  nicht  zusammenpassen. 
Daher  hatten  die  früheren  Herausgeber  Recht,  wenn  sie  njich 
uemssent  stark  interpungirten.  Freilich  bleibt  auch  so  die 
harte  Ellipse  stehen,  und  das  folgende  rfe  quibiis  .  .  .  didicerunt 
ist  vollkommen  sinnlos,  ausser  man  schreibt  mit  Obrecht  didi- 
dertint.  Ich  glaube  den  Schwierigkeiten  auf  eine  andere  Weise 
abhelfen  zu  können.  Liest  man  nämlich  adiecerunt  fü^  didice- 
nmtj  und  nimmt  man  an,  dass  dieses  Verbum  zu  gentes  gehört, 
so  fehlt  zwar  das  Verbum  in  dem  Satze  de  quihus  patres  uestii; 
allein  aus  dem  Zusammenhange  lässt  sich  leicht  ein  dixerunt 
oder  locufi  sunt  ergänzen  und  diese  Ellipse  mit  Beispielen  ver- 
wandter Art  belegen.^  Die  ganze  Stelle  aber  wird  so  voll- 
kommen verständlich :  hi  impei'io  cotisulan  nostrae  illae  gentes 
Cevmiorum  Allnnoriim  Postumionim ,  de  quibns  patres  uestri 
(locuti  sunt),  qui  et  ipsi  ab  auis  suis  audierant,  multa  ad- 
ifterunt:  et  certe  Africam  Romano  impei'io  senatum  adtnnxity 
Gallinm  senatus  subegit  et  Hispanias  et  reL  Der  Sinn  ist: 
,Weun  der  Senat  herrschen  würde,  so  würden  nicht  so  verächt- 
liche Menschen,  wie  ein  Vitellius,  ein  Nero,  ein  Domitian,  die 


*  Vgl.  Tt'iff.  8,  4:  aed  de  hoc  niTtiis  multa  (erg.  dixi),  de  quo  itlud  ad- 
didi»»e  »Otts  eat.  Trig,  32,  1 :  Docef.  Dexippiu,  nee  Jlerodianwt  tacet  omne»- 
qne  qui  tdlia  leqenda  poHeris  tradidtrunt  (erg.  dinwif).  Claud,  1,1:  uenlum 
^M  ad  prinripem  Claudinm,  qui  nohis  intuihi  Constanti  CaeaaHa  cum  cura 
in  liUei'as  digerenduA  eaf,  de  quo  ego  idctrco  rectisare  non  potui  (erg.  quo 
mimit  in  littera.t  digereremj.    Mehr  bei  Plew  p.  56. 


400  Pptscheniß. 

Macht  besitzen.  Ferner  verdankt  das  Reich  seine  Erweiterung 
auch  nur  den  senatorischen  Familien.  Jene  haben  Vieles 
hinzugewonnen.  Der  Senat  war  es,  der  Afrika  dem  römischen 
Reiche  einverleibte,  der  Senat  hat  Gallien  und  Hispanien 
unterworfen'  u.  s.  w. 

Carac,  2,  5 :  dixit  praeterea  in  castrisy  fratrem  sibi  iiewaiwm 
parasse,  matn  eum  inreueventem  fuisse.  Hier  dürfte  wol  etiam 
für  eum  zu  schreiben  sein. 

Carac.  5,  8:  naufragii  periculum  adit  antemna  fracta,  ita 
ut  in  scafam  cum  protectoribus  uix  descenderet.  Statt  uix  steht 
in  BP  ita,  wofür  Golisch  cito  wollte.  Vielleicht  ist  uitae  zu 
schreiben. 

Carac.  8,  S:  et  fertur  quidem  Papinianus,  cum  raptus  a 
militibus  ad  Palatium  traheretur  occidendus,  praedivinasse  diceuSj 
stultissimum  fore  qui  in  suum  subrogaretur  locum,  nisi  adpetifam 
crudeliter  praefecturam  nindicaret,  BP  haben  dicentem,  die 
älteren  Ausgaben  Papinianum  .  .  .  dicenteni.  Ich  vermuthe 
dicena  eum. 

Oeta  5, 1 :  fuit  in  litteris  aasequendis  tenax  ueterum  scripfo- 
rum.  Da  in  BP  et  tenax  steht,  ist  offenbar  zu  schreiben:  in 
litteiis  assequens  et  tenax. 

Macrin.  3,  9:  alii  uero  tantum  desiderium  nominia  hxdus 
fuisse  dicunt^  utj  nisi  populus  et  milites  A7itonini  nomen  audirenfj 
imperaforium  no7i  putarent.  Für  imperatoHtim  ist  wahrschein- 
lich imperatorem  eum  (Diadumenum)  zu  schreiben. 

Macrin.  4,  4:  donatum  autem  anulis  aureis,  patrodnante 
sibi  conliberto  suo  Festo,  aduocatum  fisci  factum  sub  Uero  Anto- 
nino.  Der  Name  Uei^tAS  hat  den  Kritikern  viel  zu  schaffen 
gemacht.  Peter,  welcher  »t*/;  Caracallo  Antonino  vermuthete, 
hat  insoferne  Recht,  dass,  nachdem  im  §.  3  davon  die  Rede 
war,  dass  Macrinus  von  Severus  nach  Afrika  verwiesen  wurde, 
hier  kein  Kaiser  gemeint  sein  könne,  der  vor  Severus  regierte, 
sondern  nur  dieser  oder  Caracallus.  Die  Möglichkeit  aber, 
dass  aus  Caracallo  ein  Uero  geworden  sei,  muss  trotz  aller 
compendia  scripturae  denn  doch  bezweifelt  werden.  Casau- 
bonus,  welcher  sub  Seueiv  uel  Antonino  vermuthete,  war  auf 
der  richtigen  Spur.  Nur  ist  uel  überflüssig  und  einfach  suh 
A^ewero  iljifonmo  zu  schreiben.  Vgl.  cap.  3,  6:  inde  est  quod  se 
et  S  euer  US  Anfoninum  iiocauit,  ut  plurimi  fernnt.     Heliog. 


beitrig«  inr  Textkritik  der  Scriptoree  hiatoriae  AngaatM.  401 

17;  8:  lauacrum  in  uico  Stdpicio,  quod  Antonini  (so  BP; 
Antoninus  Edd.)  Seueri  ßliua  coeperaL  Dass  Severus  sich 
nach  Pertinax,  weil  er  ihn  verehrte,  nennen  liess,  wird  aus- 
drücklich bezeugt;  Seuer,  7,  9:  se  quoque  Pertinacem  uocari 
xumt;  vgl.  cap.  14,  13.  Wenn  man  nun  erwägt,  wie  sehr  er  den 
Kaiser  Marcus  Antoninus  verehrte,  nach  welchem  er  ja  seine 
Söhne  benannte,  in  dessen  Familie  er  adoptirt  sein  wollte,^ 
Id  dessen  Grabmal  er  beigesetzt  wurde,  ^  wenn  ferner  von 
einem  Traumgesichte  erzählt  wird,  in  welchem  sich  Severus 
in  den  Olymp  unter  die  Antonine  versetzt  sah  (Seuer.  22,  2), 
so  ist  wol  an  der  Richtigkeit  der  Nachricht ,  dass  er  sich 
Antoninus  nannte,  nicht  zu  zweifeln.  Ueberdies  ist  die 
Schreibung  sub  Seuero  Antonino  auch  deshalb  unanfechtbar, 
weil  Hacrinus  schon  unter  diesem  Kaiser  wieder  zu  Gnaden 
aufgenommen  wurde,  wie  Dio  bezeugt  (78,  11):  incb  tou  K(X(i>vo^ 
e^2iTY}9apL6vou  aurbv  acoOei^  icpoq  |x^v  toT^  toO  Zeßi^pou  i^^pLaai  TÖt^  xardc 

Macrin.  5,  9:  Ad  senatum  dein  litteras  misit  de  morte 
AfUonini  diuum  illum  appellans  excusansque  se  et  iurana,  quod 
de  caede  illitis  nescierit,  ita  8cel&i*i  suo  more  hominum  perditoi'um 
iunxit  periurium  [a  quo  incipere  decuit  hominem  improbumj, 
cum  ad  senatum  scriberet.  Peter  hält  die  eingeklammerten 
Worte  ftir  ein  fremdes  Einschiebsel.  Sie  lassen  sich  jedoch 
halten,  wenn  man  decuit  in  de  decuit  ändert  und  die  Stelle 
80  versteht :  ,So  fügte  er  zu  seinem  Verbrechen  einen  Meineid, 
mit  welchem  der  ruchlose  Mann  sein  Schreiben  an  den  Senat 
anständiger  Weise  nicht  hätte  beginnen  sollend  Es  ist  also 
enge  zu  verbinden  a  quo,  cum  ad  senatum  scriberet ^  incipere 
dedecuit.  So  erhalten  wir  eine  moralische  Bemerkung,  die 
hier  ganz  am  Platze  ist  und  sich  den  vielen  ähnlichen  Gemein- 
plätzen in  dieser  Vita  würdig  anreiht. 

Macrin.  8, 1 :  Appellatus  igitur  imperatoi'  f  susceptos  contra 
Pai-ihos  profectus  est  magno  apparatu,   studens  sordes  generis  et 


'  Seiter.  10,  6:    ideirco  illum  Äntoninum  appeUatum,    quod  Seuertu  ipte  in 
Mard  famiUam  traruire  uoluerU, 

^  Seuer,  19,  3:  inlatus  sepulchro  Mard  Antoninif  quem  ex  omnilnu  impera- 
toribu9  tantum  coluit,  ut  et  Commodum  in  diuaa  referret. 
Bitinngsber.  d.  phil.-hiat.  Gl.  XCUI.  Bd.  11.  Hft.  26 


402  Petscheuig. 

prioms  uitae  infamiam  uictoriae  inagnitvdine  aholere.  —  8U9cepfo8 
lesen  die  Handschriften ,  nur  ist  das  schliessende  8  in  P  aus- 
radirt.  Die  älteren  Ausgaben  begnügten  sich^  mit  der  Ed.  princ. 
suscepfo  htllo  zu  sehreiben,  immerhin  mit  mehr  Wahrscheinlich- 
keit; als  den  Conjecturen  stLspectos  (Bährens),  infestos  (Peter) 
oder  gar  seTiatua  coiisulto  (Kellerbauer)  zugesprochen  werden 
kann.  Vielleicht  lässt  sich  die  Stelle  durch  Vergleichung  mit 
Mitx.  et  Balh,  \2,  7  emendiren.  Dort  heisst  es:  exercitu 
igüur  snacepto  Maximmi  ad  urbem  cum  ingenti  pompa  ä 
multitudine  Maximus  uenit;  d.  h.:  ^nachdem  Maximus  das  Heer 
des  Maximinus  an  sich  gezogen  hatte,  kam  er  nach  Rom'. 
Kann  nun  miscipere  exercitum  gesagt  werden,  so  dürfte  auch 
suscepto  .  .  .  magno  apparatu  zulässig  sein,  da  ja  magno 
apparatu  von  magno  exercitu  im  Wesentlichen  nicht  verschieden 
ist.  Vgl.  AL  Seuer.  55,  1 :  Magno  igitur  apparatu  inde  in  Pergas 
profectus  f'  61,  8:  sed  omnis  apparatus  miUtaiis,  qui  postea  est 
ductus  in  Germaniam  a  Maximino^  Alexandri  fui{  et  potentisfd- 
7nu8  quidem  per  Ai'menios  et  Osdroenos  et  Parthos  et  omnis 
generis  hominum. 

Diadum.  7,  7:  ut  et  ille  Antonini  meritum  effingat,  et  ego, 
qui  sum  pater  Antonini,  dignus  omnibus  uidear.  Man  sagt  wol 
uirtutes  effingere,  ,die  Tugenden  eines  Anderen  in  sich  nach- 
bilden oder  nachahmen',  man  kann  aber  nicht  Jemandes  Ver- 
dienst nachbilden,  sondern  ihm  nur  nahekommen  oder  es  er- 
reichen.    Ich  schreibe  daher  attingat 

Diadum,  8,  4:  nam  cum  quidam  defectionis  suspidonem 
incurrissentj  et  eos  Macrinus  saeuissime  punisset  filio  forte  ah- 
sente,  atque  hie  audisset,  auct&res  quidem  defectionis  occisos, 
tamen  qui  eorum  dux  Armeniae  erat  et  item  legattis  Asiae  atque 
Arahiae  ob  antiquam  familiaHtatem  dimissos,  his  Utteris  con- 
uenisse  pafrem  dicitur.  —  qui  eorum  schrieb  Salmasius  nach 
dem  handschriftlichen  quorum;  ich  halte  qui  tum  für  wahr- 
scheinlicher. Ferner  lässt  sich  legatus  kaum  halten,  da  man 
ergänzen  muss  et  item  qui  legatus  Asiae  atque  is  qui  legatus 
Arahiae  erat,  was  mehr  als  hart  ist.  Mit  Recht  haben  daher 
die  älteren  Ausgaben  legatos  geschrieben. 

Heliog.  3,  2:  erat  praeterea  etiam  rumor,  qui  nouis  post 
tyiannos  solet  donari  principihus,  qui  nisi  ex  summis  uirtutibus 
non  permanet.     Für  exsummis  vermuthe  ich  eximiis. 


Beiträge  zur  Textkritik  der  Scriptoren  historiae  Augustae.  403 

Hdiog.  6,  7:  cuvique  seriam  quasi  ueram  rapuisset,  quia  ei 
uirgo  maxima  faUam  monstraiterat,  —  quia  ei  uirgo  ist  des 
Salmasios  Emendation  fUr  das  handschriftliche  quamquisgo.  Ich 
möchte  verbinden:  quasi  ueram  •  .  .  quamque  uirgo. 

Heliog.  9,  1:  dictum  est  a  quibusdam,  per  Chaldaeos  et 
magos  Antoninum  Marcum  id  egisse,  ut  Marcomauni  p.  S. 
iemper  deuoti  essent  atque  amici^  idque  factum  carminibus.  et 
consecrationem  cum  quaererety  quae  illa  esset  uel  ubi  esset,  sup^ 
pressum  est.  Im  letzten  Satze  ist  entweder  consecrationem  oder 
illü  nicht  richtige  denn  man  erwartet  entweder  et  consecrationem 
cum  quaereret,  quae  esset  ^  oder  cum  quaereret,  quae  illa  con- 
iecratio  esset  Ich  halte  daher  den  Text  der  Berliner  Ausgabe: 
amici,  idque  factis  carminibus  et  consecratione.  cumque  quaerei*et 
—  im  Ganzen  für  richtig;  nur  ist  statt  des  handschriftlichen 
/actus  nicht  factis,  sondern  sacris  zu  schreiben. 

Heliog,  10;  2:  Zoticus  sub  eo  tantum  ualuit  ut  ab  omnibus 
ofßdorum  principibus  sie  haberetur  quasi  domini  maritus.  Hier 
ist  zweifellos  dominae  zu  schreiben^  wie  schon  Casaubonus 
erkannte.  Es  war  ein  Lieblingsvergnügen  des  Heliogabalus, 
sich  als  Weib  zu  geberden,  wovon  Lampridius  und  Dio  die 
BcandalöseBten  Dinge  zu  erzählen  wissen.  Dio  79,  14:  ffir^  Se 
xal  ejatpfixov  Ttva  av8pa  It/vk  ibid.  fin. :  xai  teXo^  .  .  .  xai  6Yi^j|xaT0, 
Yy'fl^  T6  tm  Seenot va  ßaaiXtq  ts  ü)vofjLa!^eTO. 

Heliog.  19,  7 :  strauit  et  triclinia  de  rosa  et  lectos  et  porticus 
ac  sie  deambulauit,  idque  omni  floi'um  genere,  liliis  uiolis  hya- 
dnthis  et  narcissis.  In  BP  ist  überliefert:  sie  eadembulauit. 
Dies  hat  schon  die  dritte  Hand  des  Palatinus  völlig  richtig  in 
sie  ea  (Abi.  loc.  =  m  rosa)  deambulauit  geändert.  Dass  idqus 
unverständlich  ist,  haben  Jordan  und  Peter  erkannt.  Ersterer 
vermuthete  atque,  während  Peter  entweder  idque  ,  .  .  narcissis 
auswerfen  oder  umstellen  will:  strauit  et  triclinia  et  lectos  et 
porticus  de  rosa  atque  omni  .  .  .  narcissis  a^  sie  deambulauit. 
Ich  schreibe  deque  für  idque. 

Heliog.  25,  7:  gladiatores  ante  conuiuium  pugnantes  sibi  et 
pictas  frequenter  exhibuit.  Da  das  letzte  Wort  in  BF  fehlt, 
vermuthete  Peter  uidit  für  sibi.  Es  dürfte  jedoch  zu  schreiben 
sein:  pugnare  siuit. 

Heliog.  26,  5:    et  cum   ad   meretrices   muliebri  omatu  pro- 

cessisset  papilla  eiecta,   ad   exoletos   habitu  puerorum  qui  pro- 

26* 


404  Petachonig. 

stituuntuT,  post  contionem  pronuntiauit  his  quasi  miUHbus  temos 
aureos  donatiuum  peütque  ab  hia  ut  a  dia  peterentj  ut  cJios 
haheret  ipsis  commendandos.  Ich  gestehe,  dass  mir  die  letzten 
Worte  völlig  unklar  sind.  Bezieht  sich  ßlios  auf  exoletos  und 
mei^etrices,  so  wird  die  Stelle  geradezu  einnlos;  denn  wie  sollte 
Heliogabalus  exoUtoa  und  msretrices  einander  empfehlen?  Und 
dann  der  Ausdruck  commendare  im  Munde  des  immerhin  als 
Kaiser  sich  fühlenden  Heliogabal  gegenüber  Leuten  der 
niedrigäten  Classe !  Bezieht  man  alioa  aber  auf  aweosj  so  ist 
commendandoa  nicht  richtig  und  man  wird  dann  wol  mit 
GemoU  zur  Aenderung  commodandos  =  dandos  geneigt  sein. 
Nur  entsteht  dann  die  neue  Schwierigkeit,  wie  Heliogabal 
diesen  Menschen  gegenüber  sich  auf  einmal  so  arm  stellen 
konnte,  dass  er  sie  auffordert,  die  Götter  zu  bitten,  ihm  so 
viel  zu  geben,  dass  er  Jedem  nochmals  drei  Goldstücke 
schenken  könne.  Alle  Schwierigkeiten  haben  jedoch  ein  Ende^ 
wenn  man  schreibt:  ut  alias  haherent  ipsi  (ipse  B^)  commen- 
dandos,  Heliogabal  fordert  sie  auf,  recht  viel  Proselyten  zu 
machen,  damit  er  möglichst  viele  Streiter  seiner  Art  habe 
und  beschenke.  Jeder,  der  des  Lampridius  Vita  oder  Dio's 
Darstellung  gelesen  hat,  wird  zugeben,  dass  dies  der  Art  jenes 
verworfenen  Menschen  vollkommen  entspricht. 

Heliog.  29,  7 :  si  ius  autem  displicmsset,  itAebatj  ut  semper 
id  comesset,  quamdiu  tarnen  melius  ifiueniret  Hier  ist  wol 
qfjuimdiu  tan  dem  zu  schreiben. 

Heliog.  29,  9 :  amabat  sibi  pretia  maiora  dici  earum  verum 
quae  mensae  parabantur.  BP:  pretia  verum  maiara.  Es  ist  un- 
richtig, dieses  verum  als  irrthümliche  Wiederholung  des  folgen- 
den aufzufassen;  es  ist  vielmehr  aus  uevofm]  maiora  ent- 
standen (pretia  maiora  vsro  pretio), 

AI.  Seuer.  5,  1:  Alexandri  nomen  accepit,  quod  in  templo 
dicato  apud  Arcenam  urbem  Alexandra  magna  natus  esset,  cum 
casu  illuc  die  fesio  Aleocandri  cum  uxore  pater  eius  sollemnäatis 
inplendae  causa  uenisset,  uenisset  fehlt  in  den  Handschriften 
und  statt  pater  eius  bieten  dieselben  patiis.  Emendirt  man 
dieses  Wort  in  pater  issety  so  ist  Alles  in  Ordnung. 

Ah  Seuer.  9, 4 :  cum  per  populi  et  honestorum  Coronas  una 
nox  esset,  hunc  inepte  Antoninum  dici.  inepte  ist  Peter's  Ver- 
muthung   für   das  handschriftliche  inte;  die   älteren  Ausgaben 


Beiträge  lar  Textkritik  der  Soriptorea  hintoriae  AngnstM.  405 

bieten  non  rite,    Bährens  wollte  iniuate.     Am   nächsten  kommt 
der  Ueberlieferung  inpie^ 

AI.  Seuer.  9,  5:  uidsti  uiHa,  uicisti  crimina,  uicisti  (26* 
decora,  Antonini  nomen  omabis.  Da  uicisti  an  dritter  Stelle  in 
BP  fehlt  und  die  Handschriften  ornauiati  bieten ;  schrieb 
Jordan:  nicisti  crimina,  dedecora,  Antonini  nomen  oimauisti. 
Derselbe  vermuthete  ausserdem  noch  decore  Antonini  n.  o.  Ich 
halte  gleichfalls  dedecora  für  corrupt  und  schreibe:  uicisti 
crimina  dedecorosa  (ps  ist  nach  or  ausgefallen). 

AI.  Seuer,  41,  7 :  palumborumy  quos  habuisse  ut  ad  XX  milia 
dicitur.  Trotz  der  Bemerkung  des  Salmasius  ,sic  Graeci  loquuntwr: 
b)^  ovx  etxofft  xi^taSotg'  dürfte  es  doch  bedenklich  sein,  diesen  Graecis- 
mus  ohne  weiters  zu  statuiren.  Gemoll  wollte  usque,  was  von  der 
Ueberlieferung  zu  weit  abliegt.  Ich  glaube  in  dem  ut  ein  steigern- 
des uel  zu  erkennen. 

AI.  Seuer.  42,  3:  medicus  süb  eo  unus  palatinus  salarium 
accepit,  ceterique  omnes  usque  ad  sex  fuerunt,  qui  annonas  binas 
aut  ternas  accipiebant,  ita  ut  mundas  singulas  consequerentur, 
alias  aliter.  iudices  et  rel.  BP  bieten  alter ,  B  mundus;  aliter 
emendirte  Casaubonus  yobsequutus  Politiani  libro^.  Ob  der  Aus- 
druck mundae  annonas,  der  nur  an  unserer  Stelle  vorzukommen 
scheint,  auch  richtig  ist,  möchte  ich  bezweifeln.  Nimmt  man 
an,  dass  in  mundus  (B)  das  schliessende  s  durch  Dittographie 
des  folgenden  entstanden,  dagegen  ein  i  nach  alter  wegen  des 
folgenden  iudices  abgefallen  ist,  so  erhält  man  die  einen  vor- 
trefflichen Sinn  gebende  Schreibung:  ita  ut  mundi  {bcW. panis) 
mgulas  consequerentur^  alias  alteri  (=  sequentis).  Vgl.  37,  3: 
paiiis  mundi  pondo  triginta,  panis  sequentis  ad  donandum  pondo 
qitinquaginta.  lieber  die  Heteroklisie  der  Pronominal-Adjectiva 
handelt  Kühner,  Ausf.  Gramm.  I,  S.  408  £F.  Ein  Beispiel  aus 
den  Scriptores  ist  der  Dativ  eodem  Nig.  4,  7. 

AI.  Seuer.  45,  3:  iam  enim  inde  tacebatur,  et  omnes  am- 
hdabant,  ne  dispositionem  Bomanam  barbari  sdrent.  Dass  am- 
hulabant  keinen  Sinn  gibt,  fiihlten  Alle,  welche  sich  mit  der 
Kritik  der  Scriptores  beschäftigten.  Unter  den  mannigfachen 
Emendationsversuchen  ist  aber  nur  das  von  Golisch  vor- 
geschlagene elnborabant  erwähnenswerth.  Ich  dachte  einmal 
an  omnes  (»)imulabant,  welches  wenigstens  den  Schriftzügen 
der  Ueberlieferung  ziemlich  nahe  kommt. 


406  Petschenig. 

AI.  Seuer,  50,  5:  qiws  falangarios  'oocari  iusserat  et  cum 
qtdbus  midtum  fecit  in  Pei'side.  BP:  inter  Perside.  Darnach 
dürfte  vielleicht  in  terra  Perside  zu  schreiben  sein;  vgl. 
cap.  56,  7:  ut  eum  terra  Persarum  fugientem  uideret.^ 

Ah  Seuer,  51,  4:  ülpianum  .  .  .  quem  saepe  a  miUtum  ira 
obiectu  purpurne  suue  defendit.  In  BP  ist  summae  überliefert, 
welches  Casaubonus  und  Gruterus  vergebens  zu  schützen 
suchen.  Zu  schreiben  aber  ist  ohne  Zweifel  summe,  als  Ad- 
verbium zu  defendit. 

Maximin.  2,  2:  ferus  monhusy  nsper  superbus  contemptor, 
saepe  tarnen  iustus.  Dass  Capitolinus  blosse  Anwandlungen  von 
Gerechtigkeitsgefühl  den  schlimmeren  Eigenschaften  Maximin's 
gegenüber  hervorgehoben  haben  sollte,  ist  nicht  recht  glaub- 
lich; er  schrieb  wol:  semper  tarnen  iustus. 

Maximin.  6,  2 — 3:  quinta  quaque  die  iiibebat  milites  de- 
curre7*e,  in  se  stmulacra  bellorum  agere,  gladios  loricas  galeas 
scuta  tunicas  et  omnia  aiyna  illorum  cottidie  circumspicere ;  calcia- 
menta  quin  etiam  prospiciebat,  prorsus  autem  ut  patrem  militibus 
praeberet.  Für  in  se  vermuthete  Madvig  inter  se.  Ich  möchte 
jedoch  lieber  hinter  decurrere  stark  interpungiren  und  dann 
fortfahren:  ipse  simulacra  bellorum,  agere;  vgl.  §.  5:  exercebat 
cum  militibus  ipse  luctamina,  bellorum  ist  natürlich  im  Sinne 
von  pugnarum  oder  proeliorum  zu  fassen,  worüber  man  Paucker 
p.  137  vergleichen  möge.  —  Im  Folgenden  bieten  BP  ut  antem; 
letzteres  ist  wahrscheinlich  aus  amantem  entstanden.  Vgl. 
AI,  Seuer.  50,  3:  iam  uero  ipsi  milites  iuusnem  imperatorem  sie 
amabant  ut  fratrem  ut  filium  ut  parentem. 

Maximin.  13,  1 :  fuerunt  et  alia  sub  eo  bella  plurima  ac 
proelia.  ac  ist  von  Peter  ergänzt;  Andere  tilgen  mit  Salmaeius 
proelia  als  Glosse  zu  bella.  Die  Sache  verhält  sich  jedoch 
ganz  anders.  Nicht  in  proelia,  sondern  in  bella  liegt  das  Ver- 
derbniss,  und  zu  schreiben  ist  sub  ea  belua.  So  nennt  näm- 
lich der  Senat  selbst  den  Maximinus;  cap.  15,  6:  a  tristissima 
belua;  ibid.  §.8:  ad  illam  beluam  atque  illius  amicos  per- 
sequendos.  Ausserdem  vergleiche  man  Maximin.  5,  4;  9,  2; 
10,  1;  11,  6;  17,  1;  AI.  Seuer.  53,  6;  56,  6. 


*  Caes.  B,  G.  I,  30,  2:  ter7'ae  GaHiae;  B.  A/r.  c.  3:  terra  Africa;  Liu.  25,  7: 
terra  Italia. 


Beiträge  zm*  Textkritik  der  Scriptores  historiae  Angastae.  407 

Meiximin.  24,  3:  post  hoc  ingens  ex  Aquileia  eommeatus  in 
castra,  quae  laborabant  fame,  propere  traductus  refectisque 
militibus  alia  die  ad  contionem  uentum  est,  et  omnes  in  Maximi 
et  Balbini  uerha  iurarunt,  Oordianos  priores  diuos  appeUantes. 
Statt  propere  steht  in  BP  p;  ich  glaube,  dass  dies  einfach  ein 
Versehen  für  p  ist  und  schreibe  demnach  perfraductua,  eine 
Bildung,  welche  durch  das  im  Spätlatein  häufige  pertrarmre 
geschützt  ist.  Auch  für  refectisque  bieten  die  Handschriften 
andere  Lesarten,  B  fectisque^  P  fecistisque;  die  älteren  Aus- 
gaben lesen  fessisque.  Ich  halte  im  Hinblick  auf  die  Huldigung 
allein  festisque  für  richtig.  Zum  Ausdrucke  vgl.  man  Tac. 
Ann,  n,  69 :  festam  Antiochensium  plebem  per  Itctores  proturbat 

Maximin,  25, 1 :  Interest  sdre,  quäle  senaius  consulium  fuerit 
ml  qui  dies  urhis,  ctim  est  nuntiatus  interemptus  Maximinus,  Die 
Worte  qui  dies  urhis  sind  schwerlich  richtig;  denn  der  Sinn: 
jWelch'  ein  Festtag  für  die  Stadt',  welchen  sie  doch  haben 
müssten,  lässt  sich  nur  errathen.  Ich  schreibe  mit  Rücksicht 
auf  §.  3,  wo  es  heisst:  et  fwte  dies  ludoi-um  erat,  die  Stelle  so: 
uel  qui  dies,  urbi  cum  est  riuntiatus  L  M. 

Maximin,  iun,  2,  10:  quod  iddrco  indidi,  ne  qui  Cordum 
legeret  me  praet£rmisisse  crederet  aliquid  quod  ad  rem  pertinereU 
Das  in  BP  überlieferte  quis  ist  nicht  einfach  als  Verschreibung 
für  qui  zu  betrachten,  sondern  es  ist  zu  emendiren:  ne  qxtis, 
st  Cordum  legeret  Vgl.  cap.  7,  4 :  quod.  ideo  testatum  posui,  ne 
quis  .  .  .  crederet 

Gord.  21,  3:  Haec  de  Oordiano  iuniore  digna  memoratus 
comperimus.  B  hat  memoratus,  in  P  ist  s  wegradirt.  Bekannt- 
lieh findet  sich  dignus  nicht  selten  mit  dem  Genetiv  verbunden. 
Besieht  man  jedoch  die  übrigen  Stellen  der  Scriptores,  an 
denen  sich  dieselbe  Wendung  findet,  so  wird  man  memoratus 
ebensowenig  für  richtig  halten  als  Prob.  24,  6  den  Dativ 
wmoratui.  Es  erscheint  nämlich  sonst  überall  nur  die  Form 
memoratu:  dignum  memaratu  Trig,  2,  4;  memoratu  dignum  Trig. 
4,  2;  memoratu  digna  Macrin.  1,  1;  digna  memoratu  Diadum. 
6,  1,  Heliog.  18,  4,  AureL  1,  9,  Tac.  16,  5,  Firm.  6,  1,  Procul. 
13,  6.  Fasst  man  nun  Stellen  in's  Auge  wie  Valer.  5,  1  digna 
cognitu,  oder  Gallien.  20,  5  digna  et  memoratu  uidebantwr  et 
cognitUf  so  kann  man  sich  der  Erkenntniss  nicht  verschliessen, 
dasB  memoratu   und  cognitu  nicht  Substantiva,   sondern  Supina 


408  Petscbenig. 

sind.  Wird  nun  dignus  an  diesen  zwei  Stellen  mit  dem  Sapinum 
verbunden^  so  ist  nicht  einzusehen,  warum  anderswo  dieselbe 
Form  anders  aufzufassen  sein  sollte;  warum  diese  Schriftsteller 
in  einer  ganz  feststehenden  Phrase  einmal  das  Supinum,  ein 
zweites  Mal  den  Ablativ  eines  problematischen  Substantivums, 
ein  drittes  Mal  den  Genetiv,  ein  viertes  Mal  den  Dativ  dieses 
Substantivums  gesetzt  haben  sollten. 

Qord.  26,  5:  illic  frequentibus  proeliis  pugnauit  et  uicit 
Sapore  Persarum  rege  summoto.  In  BP  steht  aesaporej  wonach 
a  86  Sapore  zu  emendiren  ist. 

Gard.  30,  8:  iterum  cum  secum  ipse  (Phüippus)  cogüaret 
amorem  popuK  22.  et  senatua  circa  Gordianum  et  totius  Africae 
ac  Syriae  totmsque  orbis  Romani,  cum  et  nobilis  esset  et  nepos 
ac  ßlius  %mperatoi*um  et  bellis  grauibus  totam  rem  p,  liberasset, 
posse  fierif  ut  flexa  guandocumque  militum  uobmtate  Gordiano 
redderetur  Imperium  repetenti,  cum  in  Gordianum  irae  militum 
famis  causa  ueh^entes  essent,  clamantem  e  cofispectu  dud  iussii 
ac  dispoliari  et  ocddi.  Diese  Stelle  leidet  an  mehreren  Ge- 
brechen. Zunächst  fällt  die  kleine  Inconcinnität  auf,  dass  von 
cogitaret  zuerst  amorem,  dann  posse  fieri  abhängt,  wo  man 
posseque  oder  eine  andere  Wendung  erwartet.   Es  dürfte  daher 

zu    schreiben    sein:   cogitaret,   amore  populi posse  fieri, 

—  flexa  ist  Peter's  Conjectur  statt  des  in  BP  überlieferten 
ficta,  wofür  Salmasius  reficta  schreiben  wollte.  Wenn  man 
ficta  =  fida  setzt  und  den  Ausfall  von  in  nach  ut  annimmt 
(infida),  so  ist  dem  Sinne  wie  der  Ueberlieferung  Genüge 
geleistet,  quandocumque  ist  natürlich  mit  infida  zu  verbinden: 
,es  könne  der  Fall  sein,  dass  bei  irgend  einmal  eintretender 
UnZuverlässigkeit  der  Soldaten  Gordianus  wieder  zum  Throne 
gelanget  Endlich  ist  noch  Peter's  Vermuthung  repetend  als 
verfehlt  zu  bezeichnen.  Denn  da  in  iJ*  ganz  deutlich  rerecenti 
steht,  während  in  P  recenti,  aber  mit  einer  Rasur  vor  dem 
Worte,  überliefert  ist,  so  kann  kein  Zweifel  obwalten,  dass 
re  recenti  (:=  statim)  zu  schreiben  ist. 

Gord,  31,  1:  Imperauit  Gordianus  annis  sex.  Atque  dum 
haec  agerentur,  Argunt  Scytha^'um  rex  finitimorum  regna  uastahai. 
Statt  atquf.  bieten  BP  asne;  ich  vermuthe  Asiae.  Wie  auf 
die  Frage  wohin?  Ländernamen  im  blossen  Accusativ  stehen 
(Plew  p.  37),  so  kommt,  auf  die  Frage  wo?  auch  der  Genetiv 


Beitrif«  mr  Textkritik  der  Scriptoret  hietorise  Angnstae.  409 

vor;  AureL  48y  2:  Etruriae  per  AureUam  uaque  ad  Alpes  mari- 
timas  ingentis  agri  sunt. 

Max.  et  Balb.  4,  4:  praefeetura  urbi  in  Sabinum  canlata 
est,  uirutn  grauem  et  Maximi  moribus  congntentem.  In  BP^  ist 
maxmum  überliefert,  was  sich  allerdings  auch  aus  der  Ditto- 
graphie  des  tn  erklären  lässt,  eben  so  gut  aber  aus  einem 
arsprünglichen  Maximo  in  moribus  entstanden  sein  kann. 

Max.  et  Balh,  5, 10:  post  haec  (Maximus)  praefectus  urbi 
prudentissimus  ingeniosissimus  et  seuerissimus  adprobatus  est 
^lare  f  ueluii  senatus  ei,  homini,  quod  non  licebat,  noutte  famiUae 
imperinm  tarnen  detuLit,  Casaubonus  vermuthete  uelut  dixiy 
Peter  uel  cunctus,  Eyssenhardt  gar  rei  p.  salutL  Ansprechender 
ist  Madvig's  Aenderung:  quare  uitanti  senatus  ei  omne,  guod 
non  licAat  nouae  familiae.  Ich  möchte  am  ehesten  uel  iure 
für  passend  halten. 

Max.  et  Balb.  12,5 — 6:  ex  quo  quidem  Balbinus  subb'atus 
estj  dicenSy  Maximum  minibs  quam  se  laborcusey  cum  ipse  domi 
tanta  bella  compressisset  ^  ille  autem  otiosus  apud  Rauennam 
sedisset  sed  tantum  ualuit  uelle^  t^  Maximo,  quia  pi-ofectus  est 
contra  Maximinumj  etiam  utctoria  decerneretur,  quam  impletam 
lue  nesciuit.  Der  Sinn  der  Stelle  ist  klar:  der  blosse  Zug  des 
Maximus  gegen  Maximinus,  der  schon  zu  Ravenna  in's  Stocken 
kam,  genügte,  um  dem  Maximus  den  Sieg  zuzuerkennen,  an 
dem  er  keinen  Antheil  hatte.  Aber  nesciuit  lässt  sich  schwer- 
lich halten,  da  ja  bekanntlich  Maximus  durch  einen  Eilboten 
von  dem  Tode  Maximin's  und  der  Unterwerfung  seines  Heeres 
in  EenntnisB  gesetzt  wurde;  vgl.  Maximin.  25,  2.  Berück- 
sichtigt man  ferner  cap.  16,  7 :  cum  . . .  ne  Maximus  quidem  contra 
Maximinum  puf/nasse  doceatur,  sed  resedisse  apud  Rauennam 
atque  illic  patratam  audisse  uictoi^am,  so  bleibt  kein  Zweifel 
mehr,  dass  entsprechend  den  Worten  illic  patratam  audisse 
uictoriam  zu  schreiben  ist:  quam  impletam  illic  resciuity  d.  h. 
von  dessen  Zustandekommen  er  erst  nachträglich  in  Ravenna 
Eenntniss  erhielt. 

Gallien.  5,  6:  occupatis  Thracüs  Maeedoniam  uastauerunt, 
ThessaUmicam  obsederunty  neque  usquam  spes  mediocriter  salutis 
ostentata  est.  In  BP  ist  überliefert:  neque  usquam  quies  medio- 
criter salutem  ostentare  est.  Hiernach  ist  wahrscheinlich  zu 
schreiben:  ne  qua  tuquam  quies  m.  s.  ostentaret. 


410  Petfchfnig. 

OaUien,  13^  4:  Oallienus  sane  ubi  ei  nuntiat um^  Odenatnm 
interemptum ,  bellum  Persis  ad  seram  nimis  uindictam  patris 
parauit  B  hat  gallienos  and  ei,  P  gallieno  und  ubi  enuntiatum. 
Da  gallienos  in  B  ohne  Zweifel  aus  gaüienofs]  sane  entstanden 
ist;  ist  an  der  Schreibung  von  P  festzuhalten,  nach  welcher 
es  heissen  muss:  QalUeno  sane  ubi  est  nuntiatum. 

Trig,  22,  2:  saepe  illic  ob  neglectaa  salutatioties,  locum  in 
balneis  non  conceseuniy  eamem  et  olera  sequestrata,  ccdeimnenta 
seruüia  et  cetera  talia  usque  ad  stimmum  rei  p.  periadum  sedi- 
tionesy  ita  ut  armarentur  contra  eas  exercitus,  peruenerunt.  Wenn 
man  nicht  peruenerunt  in  dem  Sinne  von  euenerunt  fasst,  ergibt 
diese  Schreibung  den  schiefen  Sinn:  ,Die  Aufstände  in  Aegypten 
erreichten  aus  geringfügigen  Ursachen  den  höchsten  Orad  von 
G-efährlichkeit',  während  offenbar  gesagt  werden  sollte:  ,In 
Aegypten  brachen  oft  aus  geringfügigen  Ursachen  die  gefähr- 
lichsten Aufstände  aus^  Peter  hätte  daher  auch  pemenerunf 
in  prouenerunt  ändern  sollen.  Es  ist  aber  yielmehr  das  hand- 
schriftliche Uli  sowie  eos  festzuhalten  und  nur  in  nach  pericu- 
lum  einzuschieben :  snepe  Uli  . . .  usque  ad  svmmum  rei  p,  peri- 
culum  (in)  seditiones  .  .  .  peruenerunt 

Trig.  22,  11—12.  Pollio  berührt  die  merkwürdige  That- 
sache,  dass  den  römischen  Fasces  der  Eintritt  in  Aegypten 
verwehrt  war,  und  fährt  fort:  cuius  rei  etiam  Ciceronem,  cum 
contra  Gabinium  loquitur,  meminisse  satis  nouimus.  denique  non 
extat  memoria  rei  frequentata^,  quare  seire  oportet  Herennium 
Celsum,  uestrum  parentem,  cum  consulatum  cupit,  hoc  quod  de- 
siderat  non  licere.  Der  Satz  denique  .  .  .  frequentatae  ist  nicht 
verständlich.  Wenn  man  mit  Closs  übersetzt:  ,Ueberhaupt 
findet  sich  kein  Beispiel  in  der  G-eschichte,  dass  solches  (d.  i. 
das  Betreten  Aegyptens  mit  Fasces)  jemals  geschehen  wäre^, 
so  thut  man  dem  Wortlaute  Gewalt  an.  frequentare  ist  nicht 
facere,  sondern  sa^e  facere.  Ferner  hätte  in  diesem  Falle 
res  jedesmal  eine  andere  Bedeutung.  Das  erste  Mal  heisst  es: 
,der  Umstand,  dass  den  Fasces  der  Eintritt  in  Aegypten  ver- 
boten war'  (§.  10:  fasces  consulares  ingredi  Alexnndriam  non 
licere) ;  an  der  zweiten  Stelle  aber  müsste  es  den  Sinn  haben : 
,das  Betreten  Aegyptens  mit  Fasces'.  Allen  diesen  Schwierig- 
keiten wird  durch  Verwandlung  von  non  in  nunc  ein  Ende 
gemacht,     denique  nunc   extat  memoi'ia  rei  frequentatae  heisst 


Bditrftge  snr  Textkritik  der  Scriptores  hiatoriae  AngnatM.  411 

nämlich:  ^Demgemäss  hat  sich  die  Erinnerung  an  eine  so 
vielfach  besprochene  und  allgemein  bekannte  Sache  bis  zur 
Gegenwart  erhaltend  Und  eben  deshalb,  f&hrt  Pollio  fort, 
sollte  flerennius  Celsus  wissen,  dass  er  Unstatthaftes  verlange, 
wenn  er  als  Statthalter  Aegyptens  das  Consulat  und  somit  die 
Fasces  zu  erhalten  wünsche.  Zu  frequentatae  vgl.  Trig.  33,  5: 
exiat  eins  familia^  Censorinorum  nomine  frequentata,  d.  h.:  ,all- 
gemein  bekannt  unter  dem  Namen  der  Censorini^ 

Trig,  32,  7:  Longius  mihi  mdeor  processisse  quam  res 
posttäabat.  sed  quid  faciam  f  adentia  natvrae  facilitate  tterbosa 
est  Was  hier  unter  naturae  facilitate  zu  verstehen  sei,  vermag 
ich  nicht  zu  erkennen.  Vielleicht  lässt  sich  durch  die  Schreibung 
vatura  etfacultate  ein  befriedigender  Sinn  herstellen.  Das  Wissen 
ist  wortreich  vermöge  seiner  Natur,  indem  es  eine  UeberfüUe 
von  Gedanken  zum  Ausdrucke  zu  bringen  hat,  dann  auch  ver- 
möge seiner  Fähigkeit,  sich  über  alle  Materien  leicht  und  un- 
§[ezwungen  auszudrücken  (facultas  =  dicendi  facultas), 

Claud.  4,  4:  ,Claudi  Auguste,  tu  nos  ah  Aureolo  uindica^. 
dictum  quinquies,  ,Claudi  Auguste,  tu  nos  a  Palmyrenis  uindica^, 
dictum  quinquies.  yClaudi  Auguste^  tu  nos  a  Zenobia  et  a  üitruuia 
lihera^,  dictum  septies,  ,Claudi  Auguste,  Tetiicus  nihil  fecit^,  dictum 
septies.  Nach  des  Salmasius  Vorgang  erklärt  man  nihil  fecit  mit 
nihil  commisit  und  erblickt  darin  eine  leise  Mahnung  des  Senates, 
den  Tetricus  auch  fernerhin  in  der  Regierung  seiner  Provinzen 
zu  belassen.  Doch  hievon  kann  in  diesem  Zusammenhange  nicht 
entfernt  die  Rede  sein.  Der  Senat  musste  vielmehr  schon  der 
Natur  der  Sache  nach  die  Wiedervereinigung  aller  getrennten 
Glieder  des  Reiches  wünschen  und  konnte  ausserdem  den  Kaiser, 
der  eben  den  Thron  bestiegen,  nicht  dadurch  vor  den  Kopf 
stOBsen,  dass  er  ihm  einen  Nebenbuhler  geradezu  zu  erhalten 
wünschte.  Ohne  Zweifel  muss  daher  der  Schluss  der  Adclamatio 
ursprünglich  einen  ähnlichen  Sinn  gehabt  haben,  wie  die  voran- 
gehenden Zurufe.  Dies  hat  auch  Mommsen  eingesehen  und  dem- 
nach nihil  egit  vermuthet.  Ich  möchte  schreiben :  Claudi  Auguste, 
T^Hcus  nihil  faciet,  d.  h.  Tetricus  wird  Nichts  ausrichten,  dir 
nicht  Stand  halten. 

Claud,  12,  1:  Fuerunt  per  ea  tempora  et  apud  Oretam 
Scythae  et  Cyprum  uastare  temptabant,  sed  ubique  morbo  atque 
fame  exercitu  laborante  superati  sunt.  Das  in  den  Handschriften 


1 


412  Petsebenig. 

fehlende  fam/R  ist  von  Salmasias  ergänzt.  Aber  cap.  11,  3,  wo 
davon  die  Rede  ist^  dass  eine  Barbarenschaar  in  Tkracien  jam 
ac  pestilentia  lahorauity  ist  noch  kein  Beweis,  dass  anch  hier 
fame  ausgefallen  ist.  Ich  schreib^:  sed  ubique  morbo  utique 
exercitu  laborante  superati  sunt. 

Aurel.  1,  9.  Nachdem  Vopiscus  sein  G-espräch  mit  Junios 
Tiberianus  und  dessen  Aufforderung,  die  Geschichte  Aurelians 
zu  schreiben,  erzählt  hat,  fährt  er  nach  BP  fort :  parrumipiane 
praeceptiSf  accepi  libros  Graecos  et  omnia  mihi  necessaria  in 
manum  sumpsi.  Das  monströse  Anfangswort  suchte  man  auf 
verschiedene  Weise  zu  emendiren.  Die  älteren  Ausgaben  lesen 
parui  ipse  quidem,  Salmasius  wollte  parui  Valeriani  oder  parni, 
mi  Piane;  Eyssenhardt  schrieb  pai^i  eis  sane,  Peter  parui 
Tiberiani  nach  einem  Laurentianus  sec.  XV,  in  welchem  panti 
tiberiane  steht.  Wahrscheinlich  ist  einfach  zu  schreiben:  parui 
plane  praeceptis.  Vgl.  Trig.  15,  7:  ille  plane  cum  uxore  Zenohia 
non  solum  arientem  .  .  .  sed  et  omnes  omnino  totius  orbis  partes 
reformasset 

Aurel.  11, 1 — 2:  Si  esset,  Aureliane  iucundissime,  qui  Ulpii 
Criniti  uicem  passet  implere,   tecum  de  eius  uirtute  ac  sedulitate 

conferrem,  hunc  tecum  requirere  potuissem susdpe  bellum 

a  parte  NicopoliSy  ne  nobis  aegritudo  Criniti  obsit.  Die  Ansichten 
über  diese  Stelle  gehen  weit  auseinander.  Während  nämlich 
Casaubonus  bemerkt:  ^locus  est  mutilus^  erwidert  Gruterus: 
^Locus  minime  defectuosus.  Dicit  emm,  qu^muis  Kcuisset  confeire 
cum  Aureliano  de  su,ccessore  digno  uirtutibus  Criniti,  nullum 
tarnen  inueniundum  qui  ei  praeferretur^.  Wir  wären  in  der  That 
sehr  dankbar,  wenn  das,  was  Gruterus  will,  hier  wirklich  gesagt 
wäre.  Allein  wo  steht  etwas  davon,  dass  es  dem  Valerianus 
möglich  gewesen  wäre,  den  Aurelianus  zu  Rathe  zu  ziehen? 
Wo  ist  ferner  der  vor  Allem  nothwendige  Uebergang  zwischen 
potuissem  und  susdpe  zu  suchen?  —  Auch  Salmasius  hält  das 
Verderbniss  nicht  für  sehr  arg  und  will  schreiben :  jSi  esset 
cdius  (so  vulgo),  A.  i,,  q.  U.  C.  u.  possit  (?)  implere,  tecum  . . . 
conferrem :  hunc  tecum  requirere  potuissem.  Aber  auch  bei  dieser 
Lesung  ist  der  Uebergang  zu  susdpe  ein  ganz  unvermittelter, 
da  Salmasius  selbst  folgenden  Gedanken  ergänzen  muss:  ^non 
est  autem  alius  qui  possit.  igitur  ipse  susdpe^.  Madvig  vermuthete, 
ansprechend  wie  immer,   aber  mit  zu  gewaltsamer  Aenderang 


Beitrige  sar  Textkritik  der  Scriptore«  hiitorifte  Augutae.  413 

der  UeberlieferuDg  conferre  nee  te  requirere  potuissem.  Viel- 
leicht läsBt  sich  die  Stelle  dadurch  emendiren^  dass  man  nach 
cmiferrem  stark  interpungirt  und  dann  fortf&hi*t:  nunc  tu,  cuvi 
requirere  {non)  poiuüsemy  suscipe  bellum.  Der  Gedankengang 
ist  folgender :  , Wenn  ich  Jemanden  wüsste^  der  den  Posten  des 
ülpiuB  CrinituB  übernehmen  könnte  ^  so  würde  ich  dich  über 
seine  Befähigung  und  Thatkraft  zu  Rathe  ziehen.  Nun  aber, 
da  ich  keine  Erkundigungen  hinsichtlich  eines  solchen  Mannes 
einziehen  konnte,  übernimm  du  den  Oberbefehl  bei  Nicopolis'. 

Aurel.  14,  6:  hoc  igitur^  quod  Cocceiua  Nerua  in  Traiano 
adoptandoy  quod  Ulpius  Traianua  in  HadrianOf  quod  Hadrianus 
in  Antonino  et  ceteri  deinceps  proposita  suggestione  fecerunt,  in 
adrogando  Aureliano,  quem  mihi  uicarium  iudicii  tui  auctoritate 
fecistij  censui  esse  referendum.     Ich  vermuthe  repetendum. 

Aurel.  32,  3:  nam  Aegyptum  atatim  recepit  atque,  ut  erat 
ferox  animiy  cogitatione  multv^j  uehementer  iraecena  .  .  .  ocdden- 
Um  petit  atque  ipso  Tetrico  exercitum  auum  prodente  .  •  •  legiones 
optinuit.  Salmasius  suchte  in  der  Note  z.  d.  St.  zu  beweisen, 
dass  multus  hier  synonym  sei  mit  seuerue  und  tetricus;  allein 
die  Stellen,  die  er  beibringt,  sind  ganz  anderer  Art  und  nicht 
im  entferntesten  beweiskräftig.  Die  Phi*ase  cogitatione  multus 
könnte  vielmehr  weder  für  sich  allein,  noch  in  diesem  Zu- 
sammenhange anders  gefasst  werden  als  in  dem  Sinne  ,viel 
und  gerne  nachdenkend^  Dass  dies  weder  zu  ferox  animi 
und  uehementer  irascens,  noch  zum  Charakter  Aurelians  über- 
haupt passt,  ist  einleuchtend.  Daher  wollte  Oberdick  cogita- 
tione non  muUua  schreiben;  Eyssenhardt  setzte  cogitationem 
vltu8  in  den  Text  und  nahm  eine  Lücke  an.  Ich  glaube 
jedoch,  dass  cogitatione  aus  concitatione  verderbt  ist;  concita- 
Hone  multus  aber  heisst  ,heftig,  aufbrausend,  leicht  erregbar^ 
Vgl.  Gallien.  14,  8,  wo  Bährens  treffend  concitatis  militibus 
statt  des  überlieferten  cogitatis  m.  schrieb. 

Aurel,  41,  8 :  ille  nobis  Gallias  dedit,  ille  Italiam  liberauit, 
iUe  Uindelicis  iugum  barbaricae  seruitutis  amouit.  Da  in  BP 
ille  inde  Uindelicis  steht,  ist  wohl  ille  de  Uindelicis  zu  schreiben. 

Tacit  16, 1 :  Tacitus  congianum  p,  22.  intra  sex  menses  uix 
dedit,  Eyssenhardt  schrieb  sexies  (VI);  vermuthlich  ist  aber 
das  handschriftliche  uix  aus  bis  entstanden,  indem  u  für  b 
geschrieben  und  dann  uis  als  uix  gelesen  wurde. 


414  Petioheoig. 

Numerian.  11,  2:  nam  et  cum  Olympio  Nemesiano  ccn- 
tendit,  qui  iXieuTixa  )wviQY€Tixa  et  vauTtxdi  scripsit  inque  omnt6iM 
colonia  inlustratua  emicuit.  Ich  halte  das  handschriftliche  colonis 
mit  Casaubonus  für  verderbt  Denn  was  soll  hier  der  Hinweis 
auf  die  Colonien?  War  Nemesianus  blos  in  diesen  berühmt? 
Ich  glaube  aber  nicht,  dass  des  Casaubonus  Vermuthung  caroni$ 
das  Richtige  trifft,  sondern  dass  hier  coloHhus  am  Platze  ist 
Vopiscus  will  sagen,  dass  Nemesianus  sich  in  allen  Gattungen 
des  poetischen  Stiles  auszeichnete.  Endlich  muss  mit  den 
Handschriften  (quinque  BP,  quique  P^)  und  den  früheren  Aus- 
gaben quique  statt  inque  gelesen  werden. 


Beitrige  snr  Textkritik  dtx  Scriptoreu  historiae  Angustae. 


415 


Verzeichniss  der  behandelten  Stellen. 


Seite 

Hadriannfl  2,  10 356 

4,     6 367 

6,     1     .......   374 

„  6,    6 361 

„        11,     1     . 390 

.        11,    3 - 

,        12,     4 362 

,        13,     5 367 

21,     9 374 

,        22,     6     .......  391 

,        22,     6 364 

HeUufl  4,  6 374 

Pias  2,  10 386 

,     6,    6  .    . 374 

,      7,     3 376 

.     8,    9 — 

„10,    4 362 

,12,    6 375 

Marcus  1,    2 391 

1,    6 380 

,      11,    7 387 

,      13,    4 391 

n      16,    2 393 

,      16,    3—4 392 

,      18,    4 393 

,      19,    9 372 

»      26,    1 393 

j,      26,  12 362 

„      28,  10 372 

Veras  3,  2 380 

„      7,  3 - 

Avidias  Cassias  1,1 393 

«  2,  1 380 

2,  6 - 

„  14,  3 396 

Commodns  2,   9 376 

»  9,    6 396 

10,  4 - 

„         11,    6 363 

11,  13 367 

„         14,    1 395 


Pertinax   1,  1 

3,  l 

.        6,3 

n  7,    1 


Seite 

376 
868 
396 
375 


Didius  Julianus  2,  3 396 

,               6,  9 381 

i    Severas  4,  6—6 388 

i         „        6,  3 376 

7,  3 - 

9,  4 373 

9,  6 389 

„       14,  4 397 

„       14,  6 376 

„       16,  1 397 

n       19,  8 .  - 

„       21,  7 376 

Niger  3,    9 381 

„      3,10 - 

n      3,  11 397 

r,      4,    1 376 

,      5,    3 381 

„    11,    6 382 

Albinas  2,  6 398 

r,         13,    1 - 

„       13,  6—6 — 

Caracallas  1,  1 382 

2,  6 400 

„  3,  6 383 

5»  6 - 

„  6,  8 400 

8,  8 - 

Geta  1,  1-2 386 

„     6,  1 400 

Macrinus  3,  9 — 

4    4  

„         5,  9 401 

n           8,   1 - 

„       14,  1 377 

Diadamenus  6,  6 383 

n            7,  4 363 

7,  7 402 


416 


Petichenig. 


Diadumenus   8 
Heliogabalu«  3 

5 
6 

10 

17 

18 

19 

19 
26 

26 

29 

29 

30 


4 
2 
1 
7 
1 
2 
5 
4 
2 
7 
7 
6 
7 
9 
4 


Alezander  Sevenis  5 

6 
9 
9 


« 
n 

n 


MaximiDi  duo 


n 

n 

« 
11 


2 

6 

6 

8 

13 

14 

14 

24 

24 

25 

27 

28 


10 
14 
lö 
15 
28 
37 
41 
42 
45 
50 
51 
55 

2.  . 
2—3 
4.  . 


1. 
1. 
4. 
5. 
5. 
4. 
3. 
5. 
7. 
10, 
7. 
3. 
3. 
5. 
4. 
1. 


5 
1 
1 
4 
3 
4 
1. 
7 
10. 


Seite 
402 

374 
403 


377 

383 
403 


404 

378 

404 
384 
404 
405 
378 
368 
390 
378 
371 
378 
405 


406 

389 
406 

367 
362 
406 
384 
368 
407 
367 
407 
384 
407 


Gordiani  tres  2,  4 362 

-  11,  1 384 


Seite 

Gordiani  tres  21,  3 407 

24,  2 379 

26,  5 408 

30,  8 - 

31,  1 - 

Maximufl  et  Balbinns  4,   4.   .   .409 

n  n  I»  ö,  10.     .    .      — 

r  „  „  7,     6.     .     .    368 

12,    5-6  .  409 

Gallieni  duo  1,  1 362 

„  2,  3 373 

„  2,  5 384 

„  3,  1 358 

ö,  6 409 

11,  3 389 

12,  6 384 

„  13,  4 410 

Triginta  tjranni   1,    2 368 

11.    6 - 

18, 10 359 

„              22,   2 410 

„              22,11  —  12  .    .   .  - 

30, 13 373 

„              30, 19 379 

„              30,  20 385 

32,    7 411 

„              33,    2 386 

Claudius  4,  4 411 

5,  2 373 

7,  4 385 

»        12,  1 411 

„        17,  3 379 

Aurelianus  1,  9 41*2 

6,  3 369 

9,  6 379 

«  11,  1 374 

11,  1-2 ili 

14.  6 413 

23,  5 379 

,  24,  3 369 

26,  5 - 

27,  1 359 

„  28,  5 379 

„  29,  2-3 359 

32,  3 413 


Beiträge  xnr  Textkritik  der  Scriptorei  historiae  Augustae. 


417 


Seite 

Anrelianüfl  41,  7 376 

41,  8 413 

Tacittts  16,  1 — 

Satnrninus  7,  4—0 385 

Carus  2,  6 379 

,      8,  o 360 

NnmerianuR  11,  2 414 


Seite 

NumerianuB  13,  3 385 

13,  6 - 

Porphyrion  ad  Horat.  Od.  I,  5,1  371 

£p.  1,8,41  361 

Ep.  1,8,61  — 

„       „       Ep.  II,  1,59  - 

Noniiw  37,  7 377 


if 


9 

n 


Grammatischer  Index. 


Seite 

adfabncari,  verb.  act 392 

ad  id  =  usque  eo 385 

Älexandrea 362 

allen  =  alterius  (?) 405 

alUnUrum,  adv.,  steht  für  alter — 

altefiu»  n.  s.  w.  (aXXi]Xa>v)  .    .  360 

Anakolntb 389 

„  d.  attrib.  Participiums  369 

Anaphora 372 

a  9e  uocare  aliquem 378 

.4*1*0«  =  in  Asia 408 

euseqwn»  in  liUeria 400 

belva,  Maximinos 406 

Oalchida  =  CaUhia 362 

eoneilatione  muÜua 413 

ccntudere  gladiatortbu» 375 

coiueeror,  kein  Deponens.    .    .    .  364 

comtitU  =  eonstat 358 

cum  tempor.  mit  dem  Ind.  Praes.  367 

de  =  Abi.  instrum 395 

deambulare  rosa 403 

dentgue  dient    zur  blossen   Ver- 
knüpfung der  Sätze     ....  357 
digntu  mit  dem  Supinnm  auf  -u  .  407 

diligentia  uindiee 391 

ecQHid 376 

Ellipse  des  Hubstantivums   .    .    .  386 

Sitningsber.  d.  phil.-biRt.  Cl.  XCIII.  Bd.  II 


Seite 
Ellipse  einer  attrib.  Bestimmung 
vor   einem    Temporal- 
sätze    384 

f,      eines  verbum  dicendi .    .  399 

„       von  erat 368 

„       von  est — 

„       von  /actus 386 

„       von  imperator  bei  creatua  387 

ff       yonimperatorheX f actus {^)  386 

„       von  magis 381 

emerere  poenam 376 

e  more 373 

e  re 381 

eoctitit  =  extat 358 

fmstra  =  temere 372 

Genitivus  von  Ländernamen  auf 

die  Frage  wo? 408 

genitus  =  oriundus 394 

Qigantam  =   Oiganta 362 

hie,  steht  häufig  für  is 365 

idem^    ist  tonlos   und  dient  zur 
blossen  Andeutung  des  Sub- 

jects 376 

impendere  operam 374 

in  mit  dem  Aceusativ  =  in  mit 

dem  Ablativ 381 

in  morihus  congruens 409 

nft.  27 


418  Petächenig.   B«itr&ge  siir  Textkritik  der  ScriptorM  hintoriae  AnguBtM. 


Seite 

IndicativnB  in  indlrecter  Frage.  381 

inempto 376 

inituao  =  iniwnt 361 

malta  —  (xoXoxtf^ 377 

mirtis  5=  magnu» — 

nam  =»  «ed,  autem 359 

nimiu9  =  magnua 374 

Nominativus  absolataB 371 

obtunsione  ori» 395 

orbis  terrarum  =   iniperium  Ro- 

mamum 358 

per  =  ad  (£?) 368 

Peraida  ==  Perm 362 

pertrcidMcere 407 

plurimi  ^=  multi 373 

pollutua,  steht  nicht  für  poüuU  .  363 

poa  =  poat 362 

potiua  —  non 380 

priuaHmy  adjectivisch 369 

qtianhim  =  quam 358 

quidam  =  quüibet 359 


Seile 

quidem  =  ef  quidem 358 

^tn^ttin  K2ttttiti  Auguat.  dient  .    .  367 
quod  c.  Ind.  fat.  =  Acc.  c.  Inf.  fat.  368 

re  recenti  =  atatim 408 

aanCf  dient  znr  blossen  Anknüpfung  393 

aanequam 396 

Sdronam  =  Sdrona 36*2 

aedere,  verb.  trans 364 

ataUm  =  mox,  paulo  poat    .    .    .357 

at^ieciua  Ulla 389 

aumme  defendere 406 

auper,  ausser,  nebst 3S4 

auperfouua  fama 375 

auacipere  apparatum 40'J 

tantwn  =  tarn 358 

Tarracona  ■=  Tarr€iCo 362 

terra  Peraia 406 

tertium  =  ter 391 

Ty/anam  =  Tyfona Ut 

vehementer  inimici 379 

iicr«,  adjectivisch 360 


Die  Sitzungsberichte  dieser  Ciasse  der  kais.  Akademie 
der  Wissenschaften  bilden  jährlich  10  Hefte,  von  wel- 
chen nach  Maassgabe  ihrer  Stärke  zwei  oder  mehrere 
einen  Band  bilden,  so  dass  jährlich  nach  Bedürfhiss 
2  oder  3  Bände  Sitzungsberichte  mit  besonderen  Titeln 
erscheinen. 

Von  allen  grösseren,  sowohl  in  den  Sitzungsberich- 
ten als  in  den  Denkschriften  enthaltenen  Aufsätzen 
befinden  sich  Separatabdrücke  im  Buchhandel. 


^o€S)(5^o- 


WIEN,  1879. 


DRUCK  VON  ADOLF  H0LZHAU8EK 

K.   K.   UNIVRKffITÄTS.RUCifDRUOKKRKI. 


6 


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AuBgeg^eben  am  14.  Mai  1870. 


-vO^QtÖäC^ 


SITZUNGSBERICHTE 


DEK  KAISERLICHEN 


4H4DENIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


XCIII.  BAND.    HEFT  III— IV. 


JAHRGANG  1879.    —    MÄRZ,    APRIL. 


^ 


^     WIEN,  1879. 


IN    COMMISSION    BEI    KARL    GEROLD'S    SOHN 

BCCHHÄin>LER  DER  KAIS.   AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


® 
? 


INHALT. 


Seite 

VI.  Sitzung  vom  5.  März  1879 421 

Uorawitz:  Briefe  des  Claudius  Cantinncula  und  Ulrich  Zasins. 

Von  1521—1533       , 425 

VIL  Sitznn?  vom  12.  März  1879 4G3 

VIII.  Sitzung  vom  19.  März  1879 4G5 

Werner:  Die  Psychologie,  Erkenntniss-  und  Wissenschaftslehre 

des  Roger  Baco 467 

IX.  Sitzung  vom  2.  April  1879 579 

Kremer:  Ihn  Chaldun  und  seine  Culturgeschichte  der  islamischen 

Reiche 581 

Sickel:  Beiträge  zur  Diplomatik  VII 641 

X.  Sitzung  vom  16.  April  1879 739 


SITZUNGSBERICHTE 


DRR 


KAISERLICHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN. 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


XCIII.  BAND  III.  HEFT. 


JAHRGANG  1879.  —  MÄRZ. 


«tniigsber.  d.  pMI.-hiat.  Cl.  XCIII.  Bd.  Ul.  Hfl.  28 


Ans^geben  am  26.  Juni  1879. 


VI.  SITZUNG  VOM  5.  MÄRZ  1879. 


Das  k.  k.  Ministerium  für  Cultus  und  Unterricht  über- 
mittelt die  von  der  spanischen  Regierung  herausgegebenen  und 
der  kais.  Akademie  gewidmeten  ,Cartas  de  Indias^ 

Von  dem  Bürgermeister  der  Haupt-  und  Residenzstadt 
Wien  wird  ein  Exemplar  des  zweiten  Bandes  der  im  Auftrage 
des  Gemeinderathes  herausgegebenen  ^Wiener  Geschichtsquellen' 
übersendet  3  endlich  schickt 

Herr  Dr.  Friedländer  in  Eanitz  ein  Exemplar  seines 
Werkes:  ^Geschichtsbilder  aus  der  Zeit  der  Tannaiten  und 
Amoräer'  für  die  akademische  Bibliothek  ein. 


Herr  Dr.  E  o  h  u  t  in  Fünf kirchen  erstattet  den  Dank  für 
die  ihm  bewilligte  Subvention  zur  Drucklegung  des  zweiten 
Bandes  des  ,Aruch-Lexikons'. 


28* 


422 

Die  Central- Direction  des  kais.  deutschen  archäologischen 
Institutes  zeigt  das  am  21.  April  d.  J.  in  Rom  stattfindende 
Jubiläum  der  Anstalt  an. 


Das  w.  M.  Dr.  Pfizmaier  legt  eine  für  die  Denkschriften 
bestimmte  Abhandlung:  ^Darlegung  der  chinesischen  Aemter'  vor. 


Das  c.  M.  Herr  Prof.  Dr.  Krön  es  in  Oraz  übersendet 
eine  Abhandlung  des  Herrn  Gymnasialprofessor  Dr.  Arthur 
Steinwenter  zu  Oraz,  welche  betitelt  ist:  ^Beiträge  zur 
Geschichte  der  Leopoldiner'  und  um  deren  Aufnahme  in  das 
Archiv  der  Verfasser  ersucht. 


Herr  Gymnasial-Professor  Dr.  K.  F.  Kummer  in  Wien 
hält  einen  Vortrag  über  ,das  Ministerialengescblecht  von  Wil- 
donie'  und  ersucht  um  Aufnahme  der  Abhandlung  in  das  Archiv. 


Das  Preisgericht  der  Grillparzerstiftung  für  das  Triennioin 
1878 — 1881  besteht  aus  den  Herren:  Moriz  Carriere  in 
München,  Franz  Freih.  v.  Dingelstedt  in  Wien,  Hermann 
Hettner  in  Dresden,  Johannes  Nordmann  und  Kobert 
Zimmermann  in  Wien. 


423 


An  Druckschriften  wurden  vorgelegt: 


Akademie    der   Wissenschaften,    königl.    Preussische,    zu    Berlin:    Monats- 
bericht.    November  1878.     Berlin,  1879;  80. 
—  der  Wissenschaften,   königl.  Bayerische,    zu   München:   Sitzungsberichte 
der  philosophisch-philologischen  und  historischen  Classe.    1878.   Band  II. 
Heft  1.  Mfinchen,  1878;  8«. 

Akademija,  Jugoslavenska  znanosti  i  umjetnosÜ:  Rad.  Knjiga  XLY.  U  Za- 
grebu,  1878;  8«.  —  Starine.  Knjiga  X.  U  Zagrebii,  1878;  8«.  —  Stari 
pisci  hrvatski.    Knjiga  X.    U  Zagrebu,  1878;  8^. 

Ateneo  dl  Brescia:  Commentari  per  Tanno  1878.    Brescia,  1878;  8^. 

Friedlander,  M.  H.  Dr.:  Geschichtsbilder  aus  der  Zeit  der  Tanaiten  und 
Amoräer.     Brunn,  1879;  80. 

Gesellschaft,  k.  k.  geographische,  in  Wien:  Mittheilungen.  Band.  XXII. 
(N.  F.  XII.)    Nr.  1.  Wien,  1879;  4«. 

Ministe rio  de  Fomento:  Cartas  de  Indias.  Madrid,  1877;  Fol. 

Observatory  Dudley:  Annual  Report  of  the  Director  for  1878.  Albany, 
1879;' 80.  —  Bemarks  on  the  Dudley  Observatory,  observations  of  the 
Transit  of  Mercury,  May  6,  1878.    Albany,  1878;  8^. 

,ReYue  politique  et  litt^raire*  et  ,Revue  seien tifique  de  la  France  et  de 
TEtranger*.  VIII«  Ann^e,  2«  Serie.    Nros.  33,  34  et  35.  Paris,  1879;  40. 

3ociet&  italiana  di  Antropologia,  Etnologia  et  Psicologia  comparata:  Archivio. 
VIIIo  Volume,  fascicolo  3  e  4.    Firenze,  1878;  8«. 

Verein  von  Alterthumsfreunden  im  Rheinlande:  Jahrbücher.  I. — LIX.  Heft. 
Bonn,  1842 — 1876;  8^  und  4^.  —  Das  Siegeskreuz  der  byzantinischen 
Kaiser  Constantinus  VII.,  Porphyrogenitus  und  Romanus  II.  und  der 
Hirtenstab  des  Apostels  Petrus,  von  Ernst  aus'm  Weerth.  Bonn,  1866; 
fol.  —  Die  römische  Villa  zu  Mennig  und  ihr  Mosaik,  von  Domcapitular 
von  Wilmowsky.  Bonn,  1865;  fol.  —  Der  Mosaikboden  in  St.  Gereon 
zu  Cöln,  von  Ernst  aus*m  Weerth.  Bonn,  1873;  fol.  —  Kunstarchaeo' 
logische  Betrachtungen  über  das  Portal  zu  Remagem,  Festprogramm  zu 
Winkelmann*s  Geburtstage,  9.  December  1859.  Bonn,  1859;  ^^.  —  Das 
Portal  zu  Remagem.  Programm  zu  F.  G.  Welcker's  fünfzigjährigem 
Jubelfeste,  am  16.  October  1859.  Bonn,  1859;  49,  —  Zur  Geschichte  der 
Thebaischen  Legion,  von  J.  W.  J.  Braun.  Bonn,  1855;  4^.  —  ApoUon, 
der  Heilspender.  Bonn,  1848 ;  4^.  —  Der  Hildesheimer  Silbeirfund.  Bonn, 
1868;    40.   —   Der  Grabfund  von  Wald- Algesheim.     Bonn,   1870;   4».   — 


424 


Vicus  Ayrelii  oder  Oehring^en  zur  Zeit  der  Römer.  Bonn,  1871 ;  4^  — 
Das  Medusenhaupt  von  Blariacum.  Bonn,  1874;  4^.  —  Die  mittelalter- 
liche Kunst  in  Soest.  Bonn,  1875;  4<^.  —  Die  Burg-Kapelle  zu  Ibeo. 
Bonn,  1869;  4^.  —  Der  Wüstenroder  Leopard,  ein  römisches  Cohort«o- 
zeichen.  Bonn,  1857;  4^.  ~  Erklärung  eines  antiken  Sarkophags  zn 
Trier.  Bonn,  1850;  4«.  —  Jupiter  Dolichenus.  Bonn,  1852;  4<'  -  Das 
Judenbad  zu  Andernach.  Bonn,  1853;  4^  —  Die  Ezternsteine.  Bono, 
1858;  4*^.  —  Die  Trojaner  am  Rheine.  Bonn,  1856;  4^  —  Die  Grips- 
walder  Matronen-  und  Mercuriussteine.  Bonn,  1863;  4^.  —  Die  Lanen- 
forter  Phalerae.  Bonn,  1860;  4^.  —  Das  Bad  der  römischen  Villa  bei 
Allenz.     Bonn,  1861;  40, 


Horawitz.  Briefe  des  Claudias  Cantiancala  und  Ulrich  Zaeias.  Yon  1521 — 1533.     425 


Briefe  des  Claudius  Cantiuncula  und  Ulrich  Zasius. 

Von  1521—1533. 


Von 

Adalbert  Horawitz. 


Juristenbriefe  sind  es,  die  ich  im  Folgenden  mittheile. 
Durch  A.  Ki  vi  er 's  Claude  Chansonette  (Jurisconsulte  Messin 
et  ses  lettres  in^dites,  Bruxelles  1878.  Extrait  du  tome  XXIX 
des  M^moires  couronn^s  et  autres  Memoires  publies  par 
l'Acadämie  royale  de  Belgique)  neuerdings  auf  Claudius  Can- 
tiuncula aufmerksam  gemacht,  fand  ich  in  meinen  Excerpten 
über  J.  Faber,  J.  A.  Brassicanus,  Camers  und  Cantiuncula 
auch  Briefe  des  genannten  Juristen  und  drei  Schreiben  des 
Ulrich  Zasius  verzeichnet,  die  ich  nach  der  Durchsicht  voll- 
ständig zu  ediren  beschloss.  ^ 

Denn  nicht  blos  die  Schreiber  dieser  Briefe  sind  berühmt 
^enug,  um  ihrem  Nachlass  Beachtung  zu  sichern,  auch  der 
Inhalt  des  Vorliegenden  schien  meist  so  bedeutend,  dass  er  als 
Ergänzung  für  Rivier's  Werk  und  Riegger*s  Sammlung  der 
ZasiuB-Briefe  wohl  eine  Edition  verlohnen  mag. 

Im  Oanzen  sind  es  sechszehn  Stücke,  die  hier  mit- 
getheilt  werden;  dreizehn  Briefe  des  Cantiuncula  an 
J.  A.  Brassicanus,  Joh.  Faber,  Heinrich  von  Idstetten,  Joh. 
BrotephuB,  den  Seci'etär  von  Strassburg,  drei  von  Ulrich 
Zasius  an  J.  Faber. 

Die  Briefe  sind  aus  den  Jahren  1521  — 1533  und  stammen 
also  aus  einer  Zeit  voll  der  grössten  Wandlungen  und  Er- 
schütterungen ;  jene  Epoche  war  es  ja,  in  der  sich  Humanisten 


'  Die  Originale  befinden   sich   in   den  Codices  9735,   9737  g  und  8987  der 
k.  k.  Hofbibliothek  zu  Wien. 


426  Horawiti. 

und  Reformatoren  schieden^  die  im  Anfange  der  gewaltigen 
geistigen  Bewegungen  zusammengingen.  Jene  Epoche  war  es 
ja,  die  Erasmus  und  seinen  Kreis  den  Wittenbergern  entfremdete; 
das  Jahr  1525  wird  gewöhnlich  als  das  Scheidejahr  beider  früher 
geeinten  Richtungen  angenommen.  Ueber  dem  Dräuen  der 
,Schwarm-  und  Rottengeister',  dem  ,höllischen  Wüthen'  der 
Bauern,  den  Wiedertäufer-Gräueln  und  alle  dem  zogen  sich 
die  Aengstlicheren,  Weicheren,  Feineren  unter  den  Männern 
der  neuen  Bildung  zurück ;  tief  verstimmt  war  vornehmlich  der 
Basler  Gelehrtenkreis,  begann  ja  daselbst  eine  formliche  Aus- 
wanderung vor  dem  Eindringen  reformatorischer  Gedanken,  als 
dieselben  in  die  Wirklichkeit  übersetzt  wurden. 

In  mehreren  früheren  Schriften  habe  ich  auf  den  psycho- 
logischen Prozess  in  der  Entwicklung  unserer  grossen  Philo- 
logen hingewiesen,  Manchem  kostete  es  schwere  Mühe,  ihn 
durchzumachen,  keiner  wohl  hat  mehr  davon  zu  leiden  gehabt 
als  der  Grösste  unter  ihnen  —  Erasmus.  Andere  fanden  sich 
leichter  mit  ihm  ab,  sie  blickteh  einfach  auf  ihr  grosses  Vor- 
bild und  ahmten  es  nach,  so  z.  B.  Michael  Hummelberger.  In 
den  vorliegenden  Briefen  der  zwei  grossen  Juristen  gewahrt 
man  keine  Anstrengung  Seelenbewegungen  zu  meistern,  in  dem 
Bildungsgange  und  den  persönlichen  Verhältnissen  —  ich  will 
nicht  sagen,  in  der  Betrachtungsweise  des  Rechtsgelehrten  —  lag 
es  wohl,  dass  sie  conservativ  wie  sie  waren,  lieber  beim  Alten, 
bei  den  seit  Jahrhunderten  anerkannten  festen  Gewalten  in 
Kirche  und  Staat  verblieben.  Die  Auffassung  des  Romanen 
—  denn  als  solchen  müssen  wir  Oantiuncula  fassen,  auch  sein 
Latein  trägt  Spuren  davon  ^  —  wie  des  Schweizers  ist  in  dem 
Einen  gleich:  sie  stehen  noch  vielfach  auf  mittelalterlichem 
Boden,  der  Humanismus  ist  für  sie  nur  ein  wissenschaftliches 
Element,  dem  sie  nicht  allzu  viel  Einfluss  auf  das  Leben,  nur 
den  formalen  auf  die  Sprache  und  Anlage  ihrer*  Briefe  und 
Schriften  gestatten.  So  zeigt  sich  denn  auch  in  diesen  Briefen 
festes  Halten  an  eben  angegriffenen  Institutionen,  ein  vor- 
sichtiges Vermeiden  jener  Gesprächsstoffe,  die  doch  alle  Welt 
beschäftigten  und  selbst  in  Klosterzellen  und  Gelehrtenstuben 
Aufregung,  Begeisterung  oder  Zorn  erzeugten. 

1  betae  z.  B.  ist  doch  gewiss  kein  guter  lateinischer  Ausdruck. 


Briefe  dee  Claadios  G»ntiancnla  and  Ulrich  Zuins.  Yen  1581—1533.  427 

Doch  bevor  der  Inhalt  des  Mitgetheilten  einer  kurzen 
Besprechung  unterzogen  wird,  einige  Worte  über  den  ersten 
der  genannten  Juristen;  über  Claudius  Cantiuncula.  Ich 
kann  mich  dabei  um  so  kürzer  fassen,  als  sich  das  oben  ge- 
nannte neue  Werk  über  ihn  ausführlich  und  mit  dankeswerther 
Genauigkeit  verbreitet. 

Freilich  mehr  Hess  sich  über  seine  Geburt  auch  dort  nicht 
feststellen^  als  dass  Cantiuncula  in  den  letzten  Jahren  des  fünf- 
zehnten Jahrhunderts  zu  Metz  geboren  ward,  wo  sein  Vater 
Notar  gewesen.  Er  studirte  in  Löwen,  kam  dann  1517  nach 
Basel,  wo  er  1521  Professor  (Ordinarius  legum)  wurde.  Aus 
den  Biographien  des  Erasmus,  Beatus  Rhenanus  u.  A.  weiss 
man,  was  Basel  damals  für  die  Pflege  der  gelehrten  Studien 
bedeutete,  die  berühmtesten  Gelehrten  trafen  sich  hier,  die 
Officinen  Amerbach's  und  Froben's  versorgten  die  gelehrte  Welt 
mit  zahlreichen  und  werthvoUen  Novitäten.  Begreiflich,  dass 
sich  Cantiuncula's  Talent  hier  bald  entfaltete,  dass  der  junge 
Jurist  in  rege  Beziehungen  zu  L.  Bär,  Glarean,  Bonifacius 
Amerbach  u.  A.,  ja  selbst  zu  dem  grossen  Erasmus  trat.  Das 
UrtheU  des  Erasmus  ist  für  ihn  ausserordentlich  ehrenvoll.  In 
seinem  ,Ciceronianus^  sagt  er:  ^  Nosti  Claudium  Cantiunculam 

Metensem Cantiuncula  ut  est  ingenio  festiuo,  in  quouis 

argumento  tractando  suauissime  canit,  praesertim  oratione  prosa, 
quantum  ualeat  carmine  nescio,  nee  infeliciter  properat  ad 
exemplar  Ciceronis.  Fluxum,  perspicuitatem ,  copiam  ac 
iucunditatem  M.  TuIIii  propemodum  assequutus  est,  sed  iam- 
pridem  in  Principum  legationibus  fabulam  agit  motoriam,  quum 
hoc  negocium  altissimam  quietem  desideret  et  tamen  ita  quo- 
tidie  seipsum  uincit,  quasi  per  terras  mariaque  uolitans,  Musas 
omnes  secum  ducat  comites.  Habet  hoc  eximium,  quod  Juris 
prudentiam  ac  Philosophiae  cognitionem  eloquentiae  conciliauit. 
In  der  Vorrede  zu  J.  Chrysostomus  Enarratio  in  epistolam  ad 
Galatas  (1527),  die  dem  Cardinal  Johann  von  Lothringen  ge- 
widmet ist,  '^  erwähnt  er,  dass  ihn  Cantiuncula  zu  dieser  Ueber- 
setzung  gebracht  habe:  Ut  tale  quid  anderem,  crebro  mecum 
egit  Claudius  Cantiuncula,  minimumque  abfuit,  quin  perpulerit. 


'  Opera  I,  1012  A. 
2  Opera  VIII,  266. 


42S  Horftwitz. 

Quid  enim  est  omninO;  qüod  ille  non  facile  cuiuis  persuadeat, 
uir  tali  praeditus  ingenio,  tarn  non  uulgari  tum  philosophiae 
cognitione,  tum  utriusque  iuris  prudentia,  tum  bonarum  etiam 
iitterarum  peritia  praeditus:  adde  bis  omnibus,  praeter  eam 
dicendi  facultatem,  quam  rhetorüm  praeceptiones  confenint, 
naturalem  quandem  facundiam,  ut  optimo  iure^  si  non  unicum 
(nam  id  fortasse  dictu  inuidiosum)  certe  rarissimum  uestrae 
Lotharingiae  exemplum  et  ornamentum  dici  possit,  nee  sine 
causa  tibi  talium  dotium  perspicacissimo  iudici  praecipue  carum 
habeaturJ 

Aber  auch  zu  Ferneren  trat  er  in  Beziehungen,  so  zu 
Wilhelm  Bud^^  der  ihn  einen  ,Homo  eximius'  nennt,  zu  Ulrich 
Zasius,  dessen  Beistand  und  werthvoller  Rath  ihn  bei  seinen 
1520  erschienenen  ^Topica'  unterstützten,  der  dem  jüngeren 
Freunde  einen  Theil  seiner  Lucubrationes  widmete  und  ihm 
stets  gewogen  blieb.-  Eben  die  ,Topica'  waren  es  aber,  die 
Cantiuncula  einen  Namen  gaben  und  ihm  den  Ruf  des  be- 
deutenden Juristen  verschafften.  In  dieser  Zeit  wohl  knüpfte 
sich  seine  Verbindung  mit  dem  Tübinger  Humanisten  Johannes 
Alexander  Brassicanus,  von  der  die  anliegenden  Briefe 
(Nr.  I,  II,  III,  IV,  V,  VI,  IX,  X)  Zeugniss  geben.  So  viele 
Erfolge  er  aber  auch  aufzuweisen  hatte,  so  viel  Glück  er  genoss, 
es  litt  ihn  doch  nicht  länger  in  Basel,  wo  die  Sache  der  Re- 
formation solche  Fortschritte  machte.  Er  war  nur  noch  bemüht, 
seinem  Freunde  Bonifacius  Amerbach  ^  seine  Stelle  als  Professor 
zu  verschaffen  und  begab  sich  sodann  in  die  Dienste  Ferdinand  I. 
In  den  Jahren  1525 — 1531  hielt  er  sich  zumeist  in  Vic  auf, 
jedoch  brachte  es  sein  Beruf  mit  sich,  dass  er  viel  auf  Am- 
bassaden  auswärts  war.  In  den  Jahren  1535 — 1541  fungirt  er 
dem  Namen  nach  als  Professor  an  der  juridischen  Facultät  in 
Wien,  war  aber  auch  von  hier  aus  in  Gesandtschaften  ver- 
wendet. Im  Elsass,  in  Tirol,  in  Sachsen  und  Preussen,  in 
Böhmen,  Frankreich  und  in  Spanien  erscheint  der  überaus  thä- 
tige  Mann,  der  trotz  aller  Oesandtschaften,  Sitzungen  und  Rechts- 
gutachten  noch  Zeit  genug   fand,   die  Bibliotheken  zu  durch- 


»  Vgl.  auch  in  den  Briefen  III,  332  B,  C.  962,  A.  D.  963  A. 

2  Cf.  darüber  Stintzing  a.  a.  O.  202  ff.  Urtheil  über  die  Topica  205  f. 

3  Die  Correspondenz  mit  diesem  theilt  Rivier  1.  c.  p.  32  ff.  mit. 


Briefe  des  CUndina  Cantinncalft  and  ülrieh  Zasim.  Von  1521—1638.  429 

forBcben^  eine  Reihe  von  Werken  *  herauszugeben  und  mit  seinen 
Fanden  den  Gelehrten  zu  dienen. 

Seine  Paraphrasen  der  Institutionen  (1533  ff.)  machten 
aufs  Neue  Aufsehen  in  der  gelehrten  Welt;  um  1542  gewahren 
wir  ihn  an  der  Spitze  der  k.  Kanzlei  zu  Ensisheim,  1543  auf 
dem  Tage  zu  Speier^  1546  auf  dem  zu  Regensburg,  1547  auf 
dem  zu  Augsburg;  über  seinen  Ausgang  ist  Nichts  überliefert, 
auch  sein  Todesjahr  lässt  sich  nur  annähernd  bestimmen  — 
Rivier  setzt  es  vor  1561  oder  1562  an.  —  Jedesfalls  war 
Cantiuncula  ein  Mann  von  grosser  Vielseitigkeit  des  Wissens 
und  ausgezeichneter  Formvollendung  —  man  vergleicht  ihn  in 
dieser  Hinsicht  mit  Muretus — es  gereicht  wohl  zu  seinem  Ruhme, 
dass  ihn  so  grosse  Männer  hochhielten  und  von  ihm  nur  lobend 
sprachen.  Die  von  Rivier,  sowie  die  von  mir  mitgetheilten 
Schreiben,  zeigen  ihn  aber  auch  als  einen  sehr  artigen  und 
urbanen  Mann,  der  im  Umgange  mit  den  Grossen  sich  an 
entgegenkommenden  Meinungsausdruck  gewöhnt  hatte. 


Der  Codex  Pal.  Vindob.  8987  enthält  eine  Reihe  von 
Aufschreibungen,  die  sich  auf  Cantiuncula  beziehen.  Es  sind 
diess :  von  Fol.  1  a  —  6  a  ein  mit  C.  Cantiuncula  Juris  consultus 
unterzeichnetes  ,Responsum  ad  quaestionem,  in  qua  specie  flo- 
renorum  facienda  sit  redemtio  arcis  et  oppidi  Kulsen  quam 
Theodoricus  archiepiscopus  Moguntinus  cum  pacto  reluitioni« 
Johanni  a  Witstat  uendiderat  et  archiepiscopus  Albertus  a.  1533 
redimere  cupiebat.^^  Diesem  Responsum  folgen  dann  verschiedene 
Aufzeichnungen,  ein  Brieffragment  (fol.  6  b)  das  sub  XIV  er- 
scheint, und  endlich  ein  Gutachten  über  den  Friedensbruch 
Franz  von  Sickingen  (Sicinius)  (von  fol.  7  —  18  a),  der  dem 
Kurfürsten  absagte.  In  diesem  weitläufigen,  frisch  geschriebenen, 
reichlich  mit  Allegationen  versehenen  Rechtsgutachten,  ^  das 
nach  Sickingens  Tod  verfasst  ward,  erklärt  sich  Cantiuncula 
für  die  Rechte  und  Forderungen  der  Kinder  jenes  Ritters  und 

*  Rivier  gibt  ein  Verzeichniss  derselben  S.  28. 
>  Tabalae  Codicnm  Mss.  Bibl.  Pal.  Vindob.  V,  317. 

'  Ulmann,  Franz   von  Sickingen,  Leipzig,   Hirzel,   kennt  das  Schriftstück 
nicht,  das  wohl  edirt  werden  sollte. 


430  Horawitx. 

kommt  zu  dem  Schlüsse:  ,Cum  itaque  Siciniiis  neque  contra 
rempublicam  Romanam  neque  contra  principem  Romanum 
hostili  fuerit  animo,  certum  est^  eum  non  recte  neque  iure  per- 
duellionis  insimulari/  Ganz  am  Ende  rechtfertigt  er  den  Land- 
friedensbruch  gewissermassen  aus  dem  Usus,  der  in  Deutschland 
bestehe.  ^Alioqui',  sagt  er,  ^quis  recensere  possit  numerum  hos- 
tium  et  perduellionum  inter  Germanos  atque  adeo  in  ipsis  Ger- 
maniae  uisceribus  ?  Nam  ut  late  Germania  patet,  sie  complureis 
habet,  quos  palam  est  etiam  iniussu  Principis  Romani  fiiisse 
in  quasdam  Germaniae  ciuitates  o£Penso  ac  plane  hostili  animo.' 

Fol.  19  —  20  enthält  eine  Aeusserung,  die  mit  den  Worten: 
Quaesitum  est  a  me,  ubi  in  iure  probetur  eum,  cui*  quotidie 
honor  sit  exhibendus,  non  postulare  debere,  ut  tanta  diligentia  ei 
honor  exhibeätur  quanta  cui  raro  impenditur  ^  überschrieben  ist 

Fol.  22 — 30  folgt  Claudii  Cantiunculae  Interpretatio  Tituli 
de  Regulis  Juris.  Am  Rande  findet  sich  von  anderer  Hand  — 
vielleicht  von  der  des  Brassicanus  —  folgende  interessante 
Notiz,  die  von  seiner  Thätigkeit  in  Vic  Zeugniss  gibt:  Hanc 
interpretationem  legit  ipse  Cantiuncula  in  Vico  Austrasiae  qui- 
busdam  sacerdotibus  uti  ab  ipso  audiui  idiotis  et  ignauis,  sie 
tandem  etiam  ipsis  fore  desperantibus  et  plus  uentri  et  potatio- 
nibus  inuigilantibus,  tandem  deseruit  lectionem,  et  aliam  scri- 
bendi  materiam  incepit  iu  Titulum  de  officio  Judicis,  quam 
etiam  in  lucem  uti  Paraphrases  dabit.'*^ 

Auf  fol.  32a— 35b  folgen  die  Epistolae  aliquot  seu 
Missiuae  Cl.  Cantiunculae,  von  denen  die  erste  an  Bonifacius 
Amerbach  bei  Rivier  S.  35  abgedruckt  ist:^  die  anderen  vier 
werden  unter  Nr.  VIII,  XI,  XII,  XIII  mitgetheiit. 

Fol.  35  b  —  37  a  enthält  einen  bisher  ungedruckten  Brief 
des  Erasmus  an  König  Franz  I.  von  Frankreich,  —  den  ich 
mit  anderen  Erasmianis  später  publiciren  werde  —  samnit 
der  französischen  Uebersetzung  desselben  durch  Claudius 
Cantiuncula. 

*  Unterschrieben:  Haec  obiter  et  celeriter  iu  grAtiam  optimi  uiri  Magistri 
Johannis  leser  conscripsit  Cl.  Cantiuncula. 

a  Krschien  1543  in  Basel,  1584  in  Venedig. 

5  Der  Wiener  Codex  variirt  von  dem  Basler  im  Einzelnen  z.  B.  statt  doc- 
tissime  W.C.  optime,  de  quo  saue  nihil  ambigo;  statt  hanc  uacationem  W.C: 
nunc,  statt  alterius  W.  C :  alterum,  statt  exscribatur  W.  C.  excubatur  u.  a. 


Briefe  des  Claadiiu  CantinacaUt  nad  Ulrich  Zäsium.  Von  1591—1533.  431 

Auf  fol.  38a — 56b  folgen  verBchiedene  juridische  Excerpte, 
z.  B.  ad  Institutiones,  ad  Topica  Cantiunculac,  Zusammen- 
stellungen von  Worten  und  Phrasen,  die  sich  keiner  guten  La- 
tinität  erfreuen;  von  den  Juristen  aber  doch  gebraucht  werden, 
wie  pistrinarius,  teque  certiorauero,  ad  ratiunculam  meam  proue- 
nisse,  inaedificare,  regimentum,  praebitio  u.  A.,  sodann  die  Folge 
der  in  den  Pandekten  vorkommenden  Kaiser  u.  s.  w.  Dass 
die  fiinf  Gedichte  auf  Karl  von  Bourbon  (fol.  57  a  —  58  a)  und 
die  Conuentiones  Pacis  sanctissimae  promulgatae  inter  inuictissi- 
mum  Caesarem  Carolum  et  Franciscum  Christianissimum  Galliae 
R^em  auch  aus  Cantiuncula's  Feder  herrühren,  kann  man  wohl 
nicht  annehmen. 


Die  folgenden  Briefe  Cantiuncula's  richten  sich  in  ihrer 
grossen  Mehrzahl  an  den  Tübinger  Humanisten  Johannes  Ale- 
xander B  ras  sicanus  (geboren  1500),  den  Sohn  des  bekannten 
Philologen  J.  Brassicanus,  der  sich  später  ganz  der  Jurisprudenz 
widmete  und  zu  Wien  1524  Lehrer  derselben  wurde,  ^  wo  er 
auch  1539  (27.  November)  starb. 

£r  schrieb  eine  Reihe  von  Originalwerken,  von  denen 
die  Commentare  zu  Politians  Lamia,  der  Dialog  in  diuum 
Carolum  (Aug.  Vind.  1519),  die  Epigrammata  in  obitum  Casp. 
Ursini  Velii  (Vienn.  Panon.  1539),  Üiv-Omnis  (Francof.  ad 
Moenum  1519),  de  re  rustica  (1539),  Proverbiorum  . . .  symmicta 
(Viennae  1529),  In  Gallum  nuper  profligatum  (Viennae  1525), 
Hymnus  in  ApoUinem,  Argentorati  (1523),  de  uanis  mortalium 
studiis  (Norimb.  1523),  Caesar  Augustus  (1519)  genannt  werden 
mögen.  Ausserdem  veranstaltete  er  Ausgaben  von  Calpumius 
ludi  literarii  (Hagenoae  1519),  Eucherius:  Lucubrationes  (Basileae 
1531),  Gennadius  Scholar.  Dialogus  de  uia  salutis  humanae 
(Viennae  1530),  Lucianus,  libellus  de  longaeuis  (Tubingae  1525) 
desselben  aliquot  lucubrationes  (Viennae  1527)  und  Tragoediae : 
Podagra  et  Ocypes  (Viennae  1527),  Potho  de  statu  domus  dei 
(Hagenoae  1532)  Saluianus  de  uero  iudicio  dei  (Basileae  1530 
auch  Paris  1575),  Salonii  dialogi  duo  (Hagenoae  1532).     Juri- 


1  Er  hätte  auch  die  Lehrkanzel  der  Bhetorik  erhalten  sollen.     Cf.  Kink, 
Geschichte  der  Wiener  Universität.    Beilage  II,  1S9. 


432  Horftwits. 

dische  Werke  hatte  Brassicanus  ebenfalls  im  Sinne;  um  1522 
schrieb  er  an  Michael  Hummelberger :  ,H&^^l>is  olim  e  iureperitis 
non  infimum  professorem  tuum  Brassicanum.  Sic  enim  subinde 
cristas  erigit,  tametsi  nihil  tale  merito  Cl.  mens  Cantiuncula  noatri 
saeculi  iure  consultorum  primas.  Ad  quem  nuper  gustum  ali- 
quem  dedi  mearum  epiphyllidum  in  quosdam  PandectaFum  locos, 
incitatuB  huc  et  a  Budaeo  et  ab  Alciato  nostris  Papinianis;  aut 
si  qnod  magis  excelsum  ac  aeque  honorificum  in  illos  dici 
potest.  Hierum  si  non  exprimo,  tarnen  uestigia  semper  adoro.'  * 
Brassicanus  galt  bei  Cantiuncula  sehr  viel,  dagegen  wünschte 
Brassicanus  sehr,  dass  Cantiuncula  ein  Compendium  abfassen 
sollC;  eine  Bitte,  die  derselbe  auf  mannigfache  Weise  ablehnt 
Er  möge  —  meint  er  wohl  (in  unserem  Briefe  I)  —  das  lieber 
von  Zasius  oder  Alciat,  den  Papinianen  des  Zeitalters,  erwarten, 
seit  Cicero  könnte  dies  ja  Kiemand  leisten  als  die  Genannten. 
Cantiuncula  weigert  sich  übrigens  nicht  zu  jener  Arbeit  bei- 
zutragen, doch  habe  er  weder  Zeit  noch  Kraft,  jene  Aufgabe 
zu  leisten,  für  die  Zasius  die  richtige  Persönlichkeit  sei.  Auch 
in  anderen  der  mitgetheilten  Briefe  wehrt  sich  Cantiuncula  auf 
das  Entschiedenste  gegen  Brassicanus  wiederholte  Bitten,  sich 
an  die  Abfassung  des  Compendiums  zu  machen,  er  entschuldigt 
sich  mit  seiner  geringen  Kenntniss  der  lateinischen  Sprache  — 
was  gewiss  allzu  bescheiden  ist  —  und  dem  Mangel  einer 
Kenntniss  des  Griechischen,  klagt  über  seine  Ueberbürdung, 
schildert  die  Schwierigkeit  der  Aufgabe  und  geht  so  weit  zu 
sagen:  Desine  rogare  et  si  me  amas  hac  de  re  deinceps  ne 
uerbum  quidem  ad  me  scripserisl  Dagegen  will  Cantiuncula 
durch  Brassicanus  ,Nachlesen'  (racemationes  nennt  er  sie,  Brassi- 
canus spricht  von  epiphyllides)  zu  den  Pandekten,  von  denen 
er  gehört,  belehrt  werden,  auf  die  langweiligen  Buchhändler 
will  er  nicht  warten,  dringlich  erbittet  er  die  üebersendung 
jener,  für  deren  Sicherheit  er  sich  verbürgt  (Nr.  ÜI). 
Diese  Bitte  wiederholt  er  auch  an  anderen  Orten  (Nr.  IV),  wo 
er  von  literarischen  Erscheinungen,  dem  Briefe  des  Erasmus 
an  Brassicanus  und  der  Erkrankung  des  ersteren  spricht,  wo 
er  Frobenius  lobt  und  die  ,Paraphrasis  in  Matthaeum'  ,Christiano 


*  Cf.  meine  Analecten  zur  Geschichte  der  Reformation  and  des  HamaniBmos 
in  Schwaben.  Wien  1878,  S.  69  (161). 


Briefe  des  Claadiaa  Caotiancala  nod  Ulrich  Zasia«.  Von  1581—1533.  433 

spiritu  plenissimam^  nennt.  Endlich  erhielt  Cantiuncula  das 
erste  Capitel  der  ersehnten  Racemationes,  ,dici  non  potest,  sagt 
er,  quam  arrideat  (sc.  primum  caput)',  er  wünscht  Brassicanus 
ganz  und  gar  bei  der  Jurisprudenz  zu  sehen,  denn  er  ver- 
spricht  sich  sehr  viel  von  ihm.  In  dem  früheren  Schreiben 
frug  Cantiuncula  auch  um  Privatverhältnisse  des  Brassicanus, 
ob  nemlich  dieser  verheirathet  sei,  in  diesem  Briefe  gratulirt 
er  ihm  zur  neuen  Ehe,  wodurch  wir  über  Brassicanus  Familien- 
beziehungen eine  bisher  nicht  bekannte  Notiz  erhalten.  — 
Cantiuncula  äussert  in  diesem  Schreiben  die  grösste  Anhäng- 
lichkeit an  den  jungen  Freund  und  malt  in  heiterer  Phantasie 
das  Glück  eines  innigen  Zusammenlebens  und  Zusammen- 
wirkens aus.  Nach  der  Fortsetzung  der  Raccmationen  begehrt 
er  auch  jetzt  wieder.  Damals  (1522)  scheint  sich  Cantiuncula 
der  Hoffnung  hingegeben  zu  haben,  Brassicanus  in  Basel  sehen 
zu  können,  wohin  er  dann  zum  Verdrusse  des  Zasius,  Bonifaz 
Amerbach  brachte.  Die  gelehrten  Anmerkungen  lobt  er  auch 
in  einem  anderen  Briefe  (Nr.  VI) :  quae  tales  sunt,  ut  umbram 
esse  cognoscam  quicquid  conati  sumus,  si  ad  tua  conferatur. 
£r  muntei-t  ihn  auch  neuerdings  auf,  bei  der  Jurisprudenz  zu 
verbleiben,  um  die  er  sich  so  verdient  gemacht,  in  eingehen- 
der Weise  bespricht  er  die  zwei  Capitel,  die  ihm  Brassicanus 
geschickt.  Viel  habe  er  sich  von  ihm  versprochen,  aber  er 
habe  alle  seine  Erwartungen  weitaus  übertroffen,  was  ihn  , 
sowohl  in  seinem,  als  im  Interesse  der  Gesammtheit  innig  freue. 
Er  bittet  ihn  endlich,  in  Tübingen  zu  bleiben,  damit  sie  sich 
näher  seien.  Fort  und  fort  feuert  er  den  Freund  an,  sich  nicht 
länger  mehr  bei  den  Vorspielen  aufzuhalten,  sondern  adgredere 
nunc  iustam,  quae  tibi  dudum  in  legibus  decreta  est,  prouin- 
ciam.  Er  billigt  allerdings  des  Brassicanus  Adagien,  doch 
wünscht  er  nicht,  dass  diese  Beschäftigungen  das  eigentliche 
Hauptwerk  verzögern  (ep.  IX).  Und  stets  mahnt  er  dazu,  die 
Schrifterklärung  den  Theologen,  die  Grammatik  und  Rhetorik 
den  dazu  angestellten  Lehrern  zu  überlassen  und  sich  ganz 
der  Rechtsgelehrsamkeit  zu  widmen.  Diess  sei  sein  Gebiet, 
viel  Rühmenswerthes  finde  er  an  den  Adagien,  aber  seine 
Scholien  seien  ihm  doch  viel  angenehmer,  ihnen  sehe  er  es  an, 
dass  die  Jurisprudenz  dem  Brassicanus  einst  so  viel  verdanken 
werde,  wie  jetzt  dem  Budaeus,  Alciat  oder  Zasius. 


434  Horawitc. 

Bemerkenswerth  ist  es,  dass  der  Briefwechsel  zwischen 
Brassicanus  und  Cantiuncula  durch  einige  Jahre  völlig  unter- 
brochen war,  1531  wurde  er  wieder  aufgenommen ;  leider  aber 
konnte  ich  keine  weiteren  Beweise  für  den  brieflichen  Verkehr 
beider  Männer  vorfinden. 

Die  übrigen  hier  mitgetheilten  Briefe  an  Johannes  Faber 
(VII);  Ludwig  Bär,  der  ihm  ein  Geschenk  gemacht,  an  seinen 
Verwandten  Heinrich  von  Jetstetten,  dem  er  vieles  über 
seine  Familie  mittheilt  und  dem  gegenüber  er  sich  treffend 
über  das  Hof  leben  ausspricht,  sowie  endlich  die  Briefe  an  den 
Metzer  Brotephus,  den  er  mit  Lobsprüchen  überhäuft,  und  den 
Stadtschreiber  von  Strassburg,  enthalten  über  Cantiuncnla's  Ver- 
hältniss  zu  Brassicanus  nichts  mehr. 


A. 


Briefe  Cantiuncula's. 

I.  Claiidins  Cantiuncnla  au  J.  Alex.  Brassicanus.    Basel,  23.  Mai  1521. 
II.  Claudius  Cantiuncnla  an  J.  Alex.  Brassicanus.    Basel,   11.  Juni  1521. 

III.  Claudius  Cantiuncnla  an  J.  Alex.  Brassicanus.  Basel,  11.  November  1521. 

IV.  Claudius  Cantiuncula  an  J.  Alex.  Brassicanus.  Basel,  Noyember  1521. 
V.  Claudius  Cantiuncula  an  J.  Alex.  Brassicanus.  Basel,  24.  Januar  1522. 

VI.  Claudius  Cantiuncula  an  J.  Alex.  Brassicanus.     Basel,  28.  Juni  1522. 
VII.  Claudius  Cantiuncula  an  Joh.  Faber.  Basel,  27.  Januar  1524. 
VIII.  Claudius  Cantiuncula  an  Ludovicus  Berns.  Vic,  31.  Mai  1526  (?). 
IX.  Claudius  Cantiuncula  an  J.  Alex.  Brassicanus.     Homburg,  11.  Januar 

1531. 
X.  Claudius  Cantiuncula  an  J.  Alex.  Brassicanus.    (?)  20.  Juni  1531. 
XI.  Claudius  Cantiuncula  an  Heinrich  von  ledstettcn.  Nikolashafen,  12.  Ja- 
nuar 1532. 
XII.  Claudius  Cantiuncula  an  Johannes  Brotephus.  (?)  7.  Januar  1533. 
XIII,  Claudius  Cantiuncula  an  den  Secretär  von  Strassburg.  Vic,  12.  April  1533, 


Briefe  des  Clandias  CantranenU  und  Ulrich  Zasins.  Von  1521— 15S3.  435 


Basel.  I.  23.  Mai  1521. 

Claudius  Cantdunoula  Joanni  Alex«  Brassicano  S.  D. 

Crede  mihi  roi  Brassicane  (iam  enim  nos  amicitia  alterum 
alterius  facere  coepit)  non  uulgariter  iucundae  grataeque  fuerunt 
literae,  quas  ad  me  (quae  tua  est  singularis  comitas)  etiam  ultro 
misisti.  Quo  uno  symbolo  ita  me  tibi  auctoratum  reddidisti,  ut 
totus  esse  tuus  gestiam.  Porro  quas  in  me  laudes  tarn  libera- 
liter  congeris,  a  te  uel  in  Zäsium  uel  quemlibet  alium  summae 
doctrinae  uirum  conferri  potuissent;  nihil  ego  herum  in  me 
agnosco;  quae  tu  admiraris.  Et  ut  uoluntas  mea  pro  communi 
utilitate  prona  sit^  ingenii  certe  doctrinaeque  uiribus  destituitur. 
Quapropter  de  scribendo  iurisprudentiae  compendio  per  omnem 
amicitiam  rogatus,  ne  me  admoneas;  equidem  ei  prouinciae 
nimis  quam  sum  impar  etiamsi  belle  omnem  excusandi  ansam 
praecipere  pares  sie  enim  scribis:  Scio^  dices:  in  hoc  campo 
dudum  sudarunt  alii.  Dico  sane^  idque  me  tanto  magis  ab 
omni  talis  aleae  conatu  deiicit.  Egone  quod  tanti  uiri  prae- 
stare  nequiuerunt  praesertim  docta  hac  aetate,  exhibere  qaeam? 
Non  ita  me  parum  noui  doctissime  Brassicane;  haec  prouincia 
Zasios  uel  Alciatos  ^  nostrae  tempestatis  Papinianos  ^  postulat. 
Istiusmodi  enim  quippiam  Cicero  cogitabat  olim,  uidelicet  ut 
iuris  ciailis  disciplinam  in  artis  rationem  formamque  redigeret; 
quod  quidem  si  per  turbulentissimae  reipublicae  fata  licuisset^ 
Don  dubito  quin  effecisset.  Quid  enim  (ut  ille  ait)  non  expli- 
care  potuisset  illa  uis  ingenii  ?  Quid  non  illustrare  ille  orationis 
splendor?  Quid  denique  non  enarrare  exuberans  illa  rerum 
omnium  praesertim  politicarum  copia?  Caeterum  Cicerone 
mortuo  a  nomine  id  officii  iure  sperabitur;  nisi  ab  iis^  quos 
paulo   ante   dicebam.     Non   ignoro   quam  Zasio   nostro  sis  in- 


'  Ueber  Alciat,  den  grossen  Rechtslehrer,  cf.  Stintzing  U.  Zasius  211. 

^  Nabeliegender  Vergleich,  cf.  GrjnSus  an  Fichard  S.  363  in  Stintzing^s 
oben  genanntem  Werke.  Erasmus  vergleicht  Zasins  mit  Politian.  Erasmi 
Epp.  familiäres.    Bas.  1779,  p.  7  und  im  ersten  Briefe  an  Zasios. 

SiteuigtbOT.  d.  phiL-bift.  Cl.  ZCIII.  Bd.  m.  Hft  29 


436  Horawitz. 

sinuatuSy  tantum  satagito,  ut  eum  ad  honestissimam  illam  pro- 
uinciam  alacriter  sabeundam  permoueas.  Si  uelit,  poterit,  nolet 
autem,  ut  spero,  si  tu  caeterique  amici  rogauerint.  Ego  si  quid 
succenturiari  potero,  non  suffuratas  (quod  petis)  sed  legitiinas 
Studiorum  horas  conferam ;  nisi  id  iure  uereamur^  ut  quod  alio- 
qui  futurum  erat  opus  aureum  totum  admixtione  mearum  oper- 
ularum  aes  Corinthium  reddatur.  Atque  adeo  longe  satias 
est,  uni  Zasio  negotium  mandari.  Is  enim  hanc  curam  honeste 
sortiri  potest,  quando  nee  humerorum  meorum  tantum  onus  est, 
nee  otii.  Sed  quando  nugarum  satis  habes!  Vale,  tibique  per- 
suade,  Claudium  sie  esse  tuum,  ut  ab  eo  nihil  frustra  sis  postula- 
turuS;  quod  ex  bono  et  aequo  praestare  ualeat.  Iterum  uale 
eruditissime  Brassicane.  Basileae  (sed  ut  uides  percelere)  X. 
Eal.  Junias.  Ann.  MDXXI.  Rogo  inter  nos  firma  sponsio 
interueniat  ultro  citroque  mittendarum  epistolarum ;  nam  candor 
ille  tuus  in  literis  tuis  relucens  mihi  uehementissime  placet  et 
indicat  ingenuitatem  animi  singularem. 

Eximio    bonarum    literarum    adsertori,    domino    Joanni 
Alexand.  Brassicano  suo  candidissimo  Tubingae. 

Von  TengnageFs  Hand :  Claud.  Cantiuncula  ic  (iur.  cons.) 
celeberrimus  Basil.  1521. 

Ans  dem  Cod.  pal.  Vindob.  9735,  fol.  1. 


Basel.  II.  11.  Jnni  1521. 

Claudius  Cantiuncula  an  J.  A.  Brassicanus. 

S.  Video  sane  Alexander  humanissime  quo  artificio,  quo 
ductU;  quibus  etiam  cuniculis  me  petas  adgrediarisque,  dum 
id  quod  musicorum  est  in  me  torquere  uideris.  li  enim  ut 
ille  ait  nunquam  indueunt  animum  cantare  rogati.  ^  Simile  quod- 
dam  tibi  persuades,  ut  scilicet  diu  rogatus  facturus  sim  tandem 
quod  primum  tantopere  detrectauerim.  Nam  ut  epistolae  tuae 
uerba  referam:  hunc  campum  (inquis)  tibi  subeundum  etiamnum 
censeo;  nisi  tu  credas  occultam  musicam  plus  prodesse  quam 
apertam.     Sed  uides,  quam  toto  coelo  erres.     Prioribus  literis 


i  Hor^  8at.  I.  3.  2. 


Briefe  des  Claadias  Cantianenla  und  Ulrich  Zasina.  Von  1521—1533.  437 

respondi,  id  oneris  non  esse  meorum  humerorum.  Eius  responsi 
tantum  abest  ut  me  poeniteat  ut  si  etiam  poenituisset,  grauem 
et  meritam  essem  acturus  poenitentiam  poenitentis.  Die  mihi 
per  amicitiam  nostram^  si  ,nauem  agere  ignarus  nauis  timet; 
Äbrotanum  *  aegro  non  audet  nisi  qui  didicit  dare^  tune  mihi 
auctor,  tune  suasor  sis,  ut  ingens  hoc  saxum  uiribus  destitutus 
Qoluere  moliar  ?  Egone  tarn  sinuoBas  legum  Banctiones^  senatus 
coDsulta,  edictorum  interpretamenta,  homo  parum  latine,  graeee 
nihil  doctus  compendio  explicare  ualeam?  Egon'  omnia  nune 
naga  et  sparsa  ac  nulla  certae  artis  ratione  circumscripta  ratis 
fixisque  iustae  artis  praeceptis,  praesertim  tanta  mole  negotiorum 
obratus;  concludere  possim  ?  Desine  rogare  et  si  me  amas  hac 
de  re  deinceps  ne  uerbum  quidem  ad  me  scripseris;  nisi  tibi 
eo  numero  sum^  quem  libere  citraque  personam  ridere  consti- 
tueris  nonnihil  tale  etiam  fortasse  meritum,  qui  Topicorum^ 
simias  inauspicatius  docta  hac  aetate  emiserim.  Quid  enim 
aliud  suspicari  licebit,  si  isthac  in  re  nos  denuo  urgere  pergas? 
qoi  id  genus  negotii  ei  mandes^  cui  deest  praestandi  facultas, 
quique  obeundae  prouinciae  neutiquam  idoneus  est,  perinde  ac 
si  excubias  nudo  mandares. 

Memineris  mi  Brassicane,  eam  quoque  amicitiae  legem  esse, 
ne  quid  petamus,  quod  ex  bono  et  aequo  negari  ualeat.  Caeterum 
elegantissimi  tui  Elegi^  dici  non  potest  ut  me  delectarint. 
Habeo  et  ago  ingentem  gratiam,  nam  pari  moneta  referre  non 
est  in  meis  facultatibus.  Dn.  Symlerum  Tubingae  uestrae 
columen^   maximumque    ornamentum   etiam   atque   etiam   meo 


*  Abrotannm  =  aßp^tovov,  Stabworz  (Artemisia  Abrot.),  Kraut  von  ange- 
nehmem Gerüche  als  Gewürz  und  Arznei  gebraucht.  Cf.  Hör.  ep.  2. 1. 114. 

'  Es   sind  die  Topica    Glaudii   Cantiunculae  juris    consnlti   in   Basiliensi 

Academia  legnm  professoris.     Ex  inclyta  Basileae  Academia  127  S.  fol. 

Am  Ende  Basileae  apud  Andream  Cratandmm  Mense  Junio  anno  MDXX. 

Das  Vorbild  dazu  waren  Cicero*s  Topica,  deren  Eintheilung  beibehalten 

ist  Cf.  Stintzing  Ulrich  Zasius  S.  205. 
'  Sind  damit  die  Gedichte  in  divum  Carolum  gemeint? 

*  Georg  Simler  aus  Pforzheim,  Philolog  und  Jurist,  Lehrer  Melanchthon*s, 
Franz  Irenicus  u.  y.  A.,  wurde  nach  den  Universitätsacten  von  Tübingen 
1522  als  Professor  auf  Lebenszeit  in  der  juridischen  Facnltät  angestellt, 
seine  Kenntnisse  im  Griechischen  standen  in  besonders  gutem  Rufe,  cf. 
Geige  r*8  Reuchlin,  S.  185;  Melanchthon  bei  Kr  äfft,  Docnmente  177. 
Gesner  Bibliotheca  u.  A.     Ausführliches  über  seine  Werke,  besonders 

29* 


438  Horawits. 

nomine  salutabis.  Uale  et  saepius  scribe;  nee  te  uiliB  papjri 
iactura  uellicet.     Basileae  III.  eid.  Junias  MDXXI. 

£x  animo  tuus  Claudius  Cantiuncula. 

Eminentis  Doctrinae  uiro  Dn.  Joanni  Alex.  Brassicano 
Musarum  (sacerdo)  ti  atque  amico  suo  antesignano.    Tubingae. 

TengnageVs  Hand:  Claud.  Cantiuncula  J.  C.  celeb. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  nr.  9735,  fol.  2. 


Basel.  III.  11.  November  1521. 

Claudius  Cantiuncula  Brassicano  S. 

Si  quid  loci  meis  precibus  apud  te  est  Brassicane  dnl* 
cissime  rogo  unum  a  te  impetrem.  Est  enim  quod  bona  fide 
mihi  credere  possis  et  ego  pari  uelim  accipere.  Quid  autem 
rei  est  inquam?  Vidi  quae  ad  Cratandrum  Bcripsisti,  inter 
caetera  parasse  te  quasdam  racemationes  seu  annotameota  in 
quosdam  Pandectarum  locos. '  Qua  de  re  dici  non  potest  quam 
sim  gauisus,  quam  tibi  gratulatuS;  qui  rem  te  dignam  egregie 
meditaris;  tantum  id  dolui  quod  ea  de  re  nihil  in  tuis  ad  me 
literis  erat.  Rogo  des  ad  me  proximo  tabellario  exemplum 
earundem  annotationum  tuarum.  Equidem  calcographorum 
moras  praestolari,  mors  quaedam  mihi  foret.  Proinde,  si  me 
amas^  amas  autem  fac,  ut  quamprimum  habeam.  Integra  fide 
spondeo  me  nuUi  ^  e  meis  manibus  traditurum  ^  sed  curaturaro, 
ne  quid  in  ea  re  detrimenti  patiaris.  Si  id  apud  te  impetro 
(impetrare  uero  plane  confido),  tu  tuo  quodam  in  me  iure  non- 
nihil  audentius  exigere  poteris.  Bene  uale  animae  meae  plas 
quam  semis  et  cura  ne  hae  meae  preces  repulsam  apud  te 
patiantur.  Basileae  sed  ut  uides  celerrime.  Die  Martini  festo 
anno  1521.    Rescribe  ocius  ac  soles.    Farce  literis! 

Tengnagel :  Cantiuncula. 


über   seine   Stellung^   znm   griechischen  Unterricht   habe   ich  in  meinen 
«griechischen  Studien*  gebracht,  die  in  einiger  Zeit  erscheinen  werden. 
>  Wohl  nur  handschriftliche  Notizen,    eine    Ausgabe   dieser  Annotamento 
konnte  ich  nicht  erhalten.     Sie  sind  wahrscheinlich  nicht  gedruckt,  TgL 
die  Stelle  in  meinen  Analecten.  S.  69; 

*  Ein  Wort  gestrichen. 

*  Ein  Buchstabe  gestrichen. 


Briefe  des  Claadins  CantiancnU  nnd  Ulrich  Zeaiiif.  Von  1591—1533.  439 

Legalis  prudentiae  omniumque  bonarain  diBciplinarum 
studiosiBsimo  Dd.  Joanni  Alexandro  Brassicano  (am)ico  buo 
incomparabili  Tubingae. 

Ans  dem  Cod.  pal.  Vindob.  9735,  fol.  3. 

Basel.  IV.  November  1521. 

Claudius  Cantiuncula  Dn«   Joanni  Alexandro   Braasicano   in- 
comparabili amico  suo. 

Quando  in  id  genus  asistati  >  incidimus  y  Brassicane 
doctissime  (quod  rhetorea  aequale  nominant)  ut  paribus  locis 
et  accaset  alter  et  alter  se  tueatur  missa  controuersia,  eam  inter 
nos  amicitiam  agnoscamuS;  quae  nee  uerboram  accessione  ful- 
ciatur,  nee  eisdem  deficientibus  minuatur,  sed  airtute  coepta^ 
animorum  coniunctione  firmata^  quibus  initiis,  quo  progressu 
constiterit,  ita  maneat.  Asperiusculas  a  me  literas  (id  quod 
ingenue  fateor)  accepisti^  at  humanissime  rescripsisti  nihilque 
in  tais  literis  est,  quod  non  prudentiairi,  doctrinam  et  modestiam 
prae  se  ferat.  Verum  bene  habuit  mea  qualiscunque  obiurga- 
tiuncula.  Primum  quae  elegantem  illam  tuam  epistolam  exten- 
siorem  solito  extorsit;  quippe  tuis  literis  dum  sunt  uel  foliatae 
nimium  quam  delector;  deinde  quod  eum  comperior  amicum, 
quicum  uel  in  tenebris  micem  ^,  ut  qui  tantopere  te  in  re  modi- 
cula  expurgesy  tantopere  uerearis  te  quasi  lineam  transiisse. 
Noli  noli  amicissime  Brassicane  angi,  noli  laborare;  nihil  in 
te  uel  umbrae  inuenio  quo  in  amicitiae  leges  peccasse  uideare ! 
Tantum  id  postulabam  atque  etiamnum  postulo,  ne  rogare 
pergas,  quae  me  negare  oporteat.  Consultius  huiusmodi  conatum 
in  dominum  Symlerum  Tubingensis  Aeademiae  primum  decus 
reiiceretur.  Is  enim  securus  opinionum  uariantium  sensa  ueriora, 
doctrinas  fundatiores  egregie  posset  exhibere.  Quod  si  factum 
intellexerimus,  nos  ut  succedanei  qua  licebit  opella  sequemur. 
Tua  etiam  apud  me  obtinebit  humanitas,  bona  quidem  ex  parte, 
quod  rhetorico  lenocinio  impetrare  nequisti.  At  uide,  ut  magis 
sis  mutuB    quam   piscis.     Dominum    Sjmlerum    meo    nomine 

^  asiBtati  vom  Griechischen  dauaiaio;,  nicht  zu  einem  Ganzen  vereinigt 
oder  sieb  vereinigend.  Rhetorischer  Terminns ;  vgl.  Fortunatiani  art.  rhet. 
I.  2.  (Bhetores  latini  minores  ed.  C.  Halm,  p.  82.) 

2  cf.  Cicero  de  oflf.  lU.  19.  77. 


440  Horawits. 

saluam  esse  jubebis,  cui  etiam  nisi  defuisset  argumentam 
scripsissemus.  Caeteram  qua  de  re  ad  me  scripseras^  sie 
habet.  Tumultus  ii  bellici  hactenus  omnia  uersarunt  atque 
adeo  de  studiis  instaurandis  nihildum  apud  nos  consuli  potuit. 
Video  autem  futurum  propediem  ut  ad  gymnasia  et  nostra  et 
alia  conquisitis  undique  angulis  uiros  doctos  uocari  oporteat^ 
praesertim  qui  iuuentutem  melius  ac  seiet  instituant.  Haec 
censeo  coniectura  diuinationeque  non  improbabili.  Confide 
igitur  et  aliquamdiu  perge  tua  statione  contentus  esse.  Si  quid 
occurrerit  quod  tibi  commodaturum  existimem;  curabo  quam- 
primum  rescias.  Interea  significa  quo  statu  sis  reliquo^  uxorine 
an  sacris  alligatus^  an  uero  liberam  sortem  retinueris.  Non 
frustra  peto,  redde  me  certiorem.  Vale.  Basileae  nescio  quota 
Novembris.    Anno  MDXXI. 

Tengnagel:  Cantiuncula. 

Viro  moribus  ac  literis  humanissimo  Dn.  Joanni  Alexandro 

Brassicano  P(oetae)  laureato  bene  merito (amico?)  sno 

antesignano  Tubingae. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  9735  fol.  4. 


Basel.  y.  24.  Januar  1522. 

Cantiuncula  an  J.  A.  Brasaicanus. 

S.  AgnoBco  mi  Brassicane  probum  te  alieni  aeris  adser- 
uatorem,  qui  non  sortem  modo  sed  etiam  foenus  ipsum  egregie 
reponas;  adeo  tuam  hanc  morulam  (quae  tarnen  nonnihil  me 
soUicitum  reddidit)  ex  composito  tua  purgarunt  epistola,  car- 
mina,  racemationumque  prima  foetura.  Plenam  fateor  ansam 
fusius  ad  te  scribendi  praebuisti,  uerum  ita  negotiorum  procellis 
agitor,  ut  nonnisi  summatim  ad  te  scribere  ualeam  iustam 
propediem  epistolam  accepturum.  lUud  primum  quod  te  maxime 
scribis  exoptare  soluam.  Dn.  Erasmo  urbis  nostrae  summo 
decori  tuas  reddidi  literas,  aegro  sane  ac  pituita  non  uulgariter 
laboranti ;  mihi  enim  et  paucis  ad  cum  liberior  est  aditus.  Im- 
petraui  tandem  has  ad  te  atque  alium  literas '  idque  precibus 
propemodum  importunis,  quandoquidem  ea  morbi  sors  erat,  ut 


*  Leider  konnte  ich  diesen  Brief  nirgends  finden. 


Briefe  des  Clandini  CantianoaU  und  Ulrich  Zaains.  Yon  1581— 1533.  441 

fragiles  inter  digytulos  non  satis  calamus  haereret.  Iccirco 
non  ut  mihi^  sed  ut  tibi  quamquam  et  mihi  quoque  gratum 
faceret;  schedolas  istas,  hoc  est^  quantum  licuit  aut  potuit, 
BcripsitJ  Tu  boni  spero  consules,  ego  magni  facerem  rerum 
conditione  pensata.  Frobenio  redditae  sunt  literae  tuae,  Cratandro 
similiter^  an  rescribat  nescio,  neque  etiam  uacat  explorare; 
nam  senatui  studendum  est.  Farrago  quae  plurimum  aucta 
sub  prelo  est  nondum  absoluta;  Alciati  opera  nondum  impressit 
Cratander^  imo  ne  orsus  quidem  est.  Dn.  Erasmus  (ut  in  agro 
Christiano  assiduus  est  Evangelista)  paraphrasim  scripsit  in 
Mattheuni;  Christiano  spiritu  plenissimam.  Res  est  profecto, 
quae  omnem  possit  inuidiam  superare.  Videbis  propediem 
miraberisque  maturam  prudentiam;  iam  imprimitur.  Quod  ad 
me  attinet^  nihil  rei  literariae  tractO;  ita  rebus  praesentibus  hoc 
est  Martialibus  agitor.  Scis  autem,  durum  esse  Musis  inter 
gladios  sica  rios^  uersari  etc.  Expectanda  porro  est  fortuna 
prosperier  qua  liceat  se  dignum  aliquid  promere.  Utinam  fata  con- 
cessissent  aut  uero  concederent  olim  (quod  etiam  spero)  ut  una 
simus.  Magnam  de  te  in  adiuuandis  studiis  spem  concepi,  mutuis 
operis  inuicem  adiutaremur.  Racemationum  tuarum  primum  caput 
dici  non  potest  quam  arrideat^  atque  etiam  si  dici  ualeat  nolo, 
ne  amicum  et  consacraneum  incompositis  laudibus  onerare 
uelle  uidear.  Hoc  unum  aperio^  posse  me  ex  his  unguibus 
non  tenebricosum  Accur(sium)3  sed  leoneiH  ualentissimum  ,ac 
diligentissimum  aestimare,  qui  ungues  fidenter  nee  minus  pru- 
denter  ^  soleat  in  pensitandis  restituendisque  Pandectarum  ^  locis 
admouere,  neque  illarum  Scabies  aduenticia  contagium  habet. 
Vides  quae  miscellanea  scribam,  neque  enim  otium  datur^  istud 
Caput  carissime  ignis  et  aquae  obseruatione  pleno  ore  meritisque 
praeconiis  efferre.  Hoc  propediem  uel  cum  iudicio  fiet.  Hoc  tan- 
tum  rogO;  si  me  amas^  amas  autem  ^  de  bonis  praesertim  legalibus 
studiis  macte  uirtute  uir  perge  bene  mereri;  nihil  te  dignius  aut 


'  Ad  marginem :  Superscriptionem  non  scripsit  Erasmus,  sed  illios  amanuensis. 

^  Die  Hs.  hat  glad.  sie. 

'  Fr.  Accursius,  der  bekannte  Jurist  aus  Bologna. 

*  et  docte  gestrichen. 

^  Im  Codex:  Abkürzung  für  pandectarum:  II. 

^  tuum  gestrichen. 

^  Die  Hfl.  hat  aut. 


442  Horawiis. 

horum  candidatis  acceptius  potes  efficere.  Nouo  coniagio  faosta 

omnia  precor  et  auguror^   ea  tarnen  lege,  ut  si  quando  ad  nos 

eas  ^  Ulpiani  decretum  obserues,^  quod  ille  procos.  praescripsit.^ 

Quando  nobis  nihil  bis  ministeriis  (sie  enim  alio  loco  Ulpianus 

uoeat)  opus  est.    Ludere  me  putas  ?    Serio  loquof;  quod  si  mihi 

parum  habeas  fidei  quem  ad  me  tuis  numeris  obduetum  genium 

dedisti   subscribet   ipse   iudex   uel   intra   parietes   arbiter  esto. 

Tabellarium  tuum  domi  meae   non  licuit  habere,  quando 

fors  alios  obtulerat  hospites  antiqua  mihi  tessera  iuratissimos; 

at  illum  in  diuersorium  praeclarum  duci  praecepi,  idque  meis 

expensis,    ne    nihil    ex  bis,    quae   me   rogaueras,    praeterirem. 

Tuus  enim  sum,   speroque  futurum,   ut  meus   aliquando  fias  ut 

de  nobis  uel  inuidi  canant: 

Yixere  unanimes,  anis  in  aedibuB,  idem 
Census,  amor,  Stadium,  uita  duobus  erat.  * 

Sed  quando  nugarum  satis!  peluim  fortasse  (quod  aiunt) 
postulas.  Certe  mi  Brassicane  scribo,  nee  tamen  scribere  licet, 
quandoquidem  uel  aliud  agens  scribo  ^  neque  satis  scio,  quando 
nuntius  ad  te  dabitur.  Proinde  etiam  atque  etiam  oro  et  per 
nostram  amicitiam  obtestor,  ^  (uide,  ne  me  fallas)  ut  reliquorum 
capitum  in  II  exemplar  ad  me  des.  Probe  apud  me  asserua- 
buntur  nee  iniussu  tuo  nunquam  communicabuntur.  At  hoc 
impetratum  uolo,  ne  in  mensem  alterum  differas  rem,  sed  priino 
tabellario  ad  me  dato.  Brassicane  mi,  cessare  nequeo,  ita 
gestit  animus  dies  integres  et  noctes  tecum  fabularier. 

Equidem   uidere    uideor,    si    una   essemus,    studia  nostra 

unum  spectatura   scopum.     Quam  ob  rem  tuam  (oro)  mentem 

semel  aperi,  an  ad  me  uoeatus  uenturus  sis  necne;  neque  enim 

ascisci    te    uolo,   nisi   in   rem   (ut  arbitrabor)   tuam.     Vale  et 

literis  parce.    Basileae  Vigilia  Conuersionis  Pauli;  sed  ut  uides 

percelere.     Anno    MDXXII    a    partu    Virginis.     Scriptum    in 

Senatu. 

Candide  tuus  Claudius  Cantiuncula, 

Juris  consultus. 

1  P.  g.  gestrichen. 

2  L.  obsernare  ff.  de  off.  procos.  et  leg.  (ad  marginem). 
'  i.  e.  proconsuli  cf.  Digest  I.  tit.  16.  4. 

*  Ad  marginem:  non  sensus,  qoi  in  te  (dono  deorum)  maior  est. 

^  Proinde  gestrichen. 

^  Auf  diese  Worte  wird  durch  eine  Hand  ad  marginem  hingedeutet 


Briefe  dM  CUndini  CantinneiiU  und  Ulrich  ZmIhb.  Von  1581—1533.  443 

Ni&i  statim  reliqua  racemationum  capita  mittaB,  dicam 
tibi  uiolatae  amicitiae  grandem  impingam.^ 

Cam  tuas  uel  literas  uel  lucubrationes  praesertim  race- 
mationes  ad  me  dabis^  si  forte  non  sim  Basileae  (ut  frequenter 
contingit)  cura^  ut  Frobenio  reddantur  literae  et  quicquid  mi- 
seris;  est  enim  tibi  et  mihi  amicissimuS;  cui  nihil  earum  rerum 
non  credi  possit.  Cantiuncula. 

Omnium  bonarum  disciplinarum  studiosissimo  et  coadser- 
tori  candidissimoy  Dn  .  .  Alex.  BrassicanO;  poetae  (l)aureato 
amico  incomparabili  Tubingae. 

Tengnagel:  Claud.  Cantiuncolae  literae. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Yindob.  9735,  f.  5  und  6. 
Basel.  VI.  28.  Juni  1522. 

Claudius  Cantiuncula  an  J.  A.  BrassioanuB, 

Tu  qaoque  feliciter  perage,  optime  Brassicane;  si  me 
energia  numeri  tantum  permoueri  credideras,  non  quaternario 
sed  quinario  fidendum  erat.  Quamnis  enim  suo  quaternario 
Pythagorei  nihil  non  tribuerint^  proditum  tarnen  a  ueteribus 
accepimuS;  quinarii  numeri  uim  tanto  haberi  quaternario  au- 
gustiorem^  quanto  animatum  inanimato  praecellentius  creditur. 
Verum  huiusmodi  uerborum  aucupiis  inter  nos  sat  sit  usum. 
Non  est  ea  arte  uel  concilianda  uel  retinenda  uera  amicitia, 
ut  artificio  rhetorico  semper  egeat.  Causaris,  me  nihil  ad  ternas 
tuas  respondisse,  causor  ego  tabellariorum  nescio  quorum  impro- 
bitatem^  qui  sese  depositum  non  reddentes  mandataque  suscepta 
non  implentes  infamiae  alligarunt.  Scripsi  semel^  bis  atque 
iterum,  praesertim  quod  ad  tuas  eruditissimas  annotationes  ad- 
tinebat^  certe  quae  tales  sunt,  ut  umbram  esse  cognoscam  quic- 
quid conati  sumus,  si  ad  tua  conferatur.  Perge  rogo  de  legali 
prudentia  bene  mereri.  Video  equidem,  ni  fallor  iudicio,  genium 
in  hanc  rem  tibi  patrocinari  omniaque  scitu  digna  sufficere; 
ego  abs  te  tamdiu  rogatus  et  plane  exoratus  utcunque  succen- 
turiabo.  Restitutus  sum  studiis,  quae  me  relegarunt  annum 
integrum,  aut  ego  illa.  Eo  quippe  anno  multas  scripsi,  sed 
illiteratissimas  literas,  ita  ut  iam  uel  rubigo  ipsa  dictionis  (ipse 

*  Cf.  Terent.  Phormio  II.  3.  92. 


444  Horftwitz. 

iudicare  potes)  meum  faabeat  occupatum  calamuin.  Mutatam 
esse  conditionem  in  caice  literarum  intelliges;  nactus  sam  diu 
multumque  desideratam,  qua  fruar,  donec  parens  reuocarit  ad 
86  ipsum;  id  enim  nihilque  praeterea  uereor^  quamuis  esse 
molestum  non  oporteat  uolenti  secundum  naturam  parentibus 
debitum  referre  pelargycura.*  Sed  ad  tuas  annotationes  redeo. 
Duo  capita  ad  me  dedisti;  prius  ignis  et  aquae  mysteria  docet, 
in  altero  mihi  alter  es  Apelles.  Prioris  capitis  dictio  (ut 
omnes  tuae  epistolae)  prae  se  fort  beatissimam  facilitatem 
fluitque  genuina  ubertate  luxurians;  contra  alterius  character 
pressior  concinniorque  et  ex  breuitate  laconica  concludens 
astrictins.  Quae  capita  ubi  confero,  uideris  mihi  uirtute  diuersa 
laudem  parem  consecutus  fidemque  fecisti  amplissimam;  eiusdem 
artificis  esse  (quod  diuus  Erasmus  docuit)  breuiter  et  copiose 
dicere.  Vis  tamen  libere  loquar?  Nescio  illud  unde,  sed  prioris 
capitis  imitatio  mihi  magis  est  cordi.  In  altero  floridus^  breuis 
et  succulentus  sed  aliquanto  subobscurior ;  prior  dulcem,  candidam 
et  copiosam,  a  qua  tamen  demi  nihil  possit,  orationem  et  qaem- 
dam  non  iniucundum  gustum  prae  se  fert.  Verum  ego  egregie 
ineptus  sim,  dum  haec  nugor;  nempe  quod  dici  solet:  sus  Mi- 
neruam.  Res  ipsas^^  hoc  est  iudicium  illud  tuum  acerrimum^ 
nunquam  satis  laudauero.  Crede  mihi^  mi  Brassicane^  multa 
mihi  de  te  spoponderam^  sed  meam  expectationem  ualde  quam 
superas,  quo  nomine  et  mea  et  publica  causa  maxime  laetor, 
mea,  qui  te  amicum  tam  sincerum  tamque  candidum  habeani; 
publica,  quod  tantae  spei,  animi  et  diligentiae  uirum  legalis 
disciplina  meruerit  adsertorem.  Vide  ne  cesses  aut  talentum 
a  deo  creditum  in  terram  condas,  qui  sanctissimo  feruore  illud 
excolere  coeperis.  Facito  denique,  ut  cum  primum  ad  me  scribas, 
reliquas  etiam  tuas  annotationes  ad  me  des,  quicquid  miseris 
bona  fide  nee  sine  tuo  honore  seruaturum.  Dedi  Erasmo  nostro 
tuas  literas;  quid  respondeat  uidebis.  Quantum  iudico,  tibi  optima 
vult  omniaque  fausta  et  iucunda  pro  tua  uirtute  precatur  et 
nee  imprudens  augur  ominatur.  Si  preces  meae  nonnihil  apud 
te  possent,  rogarem  Tubingae  maneres,  quo  frequentiorea  tu  a 
me  et  abs  te  ego  de  mutuis  nostris  studiis  literas  acciperemus. 


^  cf.  Schol.  Aristoph.  Aves  1354.  Hesych.  n.  Saidas  u.  xsXap-jfixai  vofiot. 
3  Die  Handschrift  bat  res  ipsa. 


Briefe  dee  CUadins  Cantinncnla  und  Ulrich  Zasins.  Ton  1521—1583.  445 

Commentariolum  Buschii  in  Persium  ex  officina  Frobenii  nullum 
prodiit.  Si  quid  reliquum  sit,  quod  desideres  et  ego  praestare 
possim,  iube  et  meis  ut  labet  operis  utere.  Vale  basilice  mi 
Brassicane  tibique  persuade  Claudium  tarn  esse  tuuni;  quam 
ullius  docti  hominis.  Kursus  uale;  sed  ut  uides  percelere.  IV. 
Ealendas  Julias  Anno  MDXXII. 

•    Tabellarius  haesit  hie  dimidiam  diem. 

Rogo  frequentior  sis  apud  me  tuarum  eruditissimarum 
litterarum  ministerio. 

Claudius  Cantiuncula  legum  professor  Ordinarius  et  aduo- 
catus  ciuitatis  Basileae  tuus  ex  animo. 

Eruditissimae  doctrinae  uiro  D.  Joan.  Alexandre  Brassicano^ 
poetae  laureato  et  equiti  aurato  benemerenti  amicorum  suorum 
antesignano  Tubingae. 

Tengnagel:  Cl.  Cantiunculae  epistula. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  9735,  fol.  7  b  and  8. 

Basel.  VII.  27.  Januar  1524. 

Claudius  Cantiunoula  an  Johannes  Faber«  ^ 

Clarissime  doctor!  Habeo  gratiam^  quod  per  tot  occu- 
pationes  publicas  ac  priuatas  rescribere  libuit.  Agnosco  tui  in 
me  candorem  animi,  cui  nisi  mutuum  affectum  rependam  omnium 
fiierim  ingratissimus.  Quare  si  quid  est  in  quo  praestantiae 
tuae  ualeam  subseruire,  meis  ut  lubet  operis  utatur.  Deinceps 
non  ero  Basileae  sed  Metis  apud  patrem ;  huc  si  quid  scribere 
uoles  ad  me  literas  consignabis,  quod  quidem  pergratum  fuerit 
qui  gestiam  tanto  uirO;  quoad  licuerit,  gerere  morem.  Parce 
festinanti  calamo;  nam  eodem  fere  momento,  quo  dominus 
JodoeuB  (?)  equum  conscendebat  abiturus^  hoc  tumultuanter 
exaraui.     Boni  consules;  alias  longior  ero. 

Basileae  die  Antonii.    Anno  1524. 

Excellentiae  tuae  tuus  Claudius  Cantiuncula. 

^  Johannes  Fabri  oder  Faber  wurde  1478  in  Lentkirch  in  Schwaben  ge- 
boren, 1518  war  er  Qeneralvicar  des  Pabstes,  er  starb  als  Bischof  von 
Wien  1541.  Cf.  Kettner  dissertatio  de  J.  Fabri  nita  et  scriptis.  Leipzig 
1735  and  meine  Analecten  zar  Geschichte  der  Reformation  und  des 
Hnmanismus  in  Schwaben  S.  27. 


446  Horawits. 

ClarisBimo  uiro  domino  doctori  Joanni  Fabri,  sereniBsimi 
principis  et  domini  d.  Ferdinand!  Archidacis  Austriae  etc.  Con- 
siliario  domino  et  praeeeptori  suo  obseruantissimo. 

Tengnagel:  Gl.  Cantiuncula  J.  C. 

Faber:  D.  Claudius  Brieff. 

Aus  dem  Cod«  pal.  Vindob.  9737  g,  fol.  16. 

« 

Vic.  VIII.  31.  Mai  1526.  (?)i 

Claudius  Cantiunoula  an  LudoviouB  Berus. 

S.  Semper  ego  acceptor  ero?  nunquamne  reponam?^  Adeo 
me  frequentibus  muneribus  et  ornas  et  oneras,  ut  meae  me 
tenuitatis  admodum  pudeat.  Quando  enim  cessasti  esse  in  me 
officiosus?  ubi  unquam  apud  te  repulsam  passae  sunt  meae 
preces?  non  quoties  libitum  fuit,  tua  usus  sum  ac  prope 
dixerim  abusus  beneuolentia?  Qua  profecto  tanto  molestius 
uti  debueram,  quanto  eam  nusquam  non  plenissimam  expertus 
sum.  Et  quod  maximum  est  tuae  in  me  beneficentiae  auctarium,' 
nullum  est  quod  proferre  queam  pelargycon,  nulla  liberalitatis 
tuae  pensatio,  quanquam  hoc  sanctissime  contestari^  possim, 
nusquam  defuisse  animi  huius  in  te  mei  propensionem ;  defuisse 
uires.  Kam  quod  semel  me  patrono  usus  es,  exigua  saue  fuit 
opera,  si  ad  tam  adsidua  munificentiae  tuae  officia  conferatur. 
Ita  enim  (an  in  alios  pari  sis  animo  nescio)  ratio  liberalitatis 
demum  constare  tibi  uidetur,  si  de  me  nunquam  desinas  bene 
mereri;  quasi  Pliniana  sententia^  tibipassim  ob  oculos  obuersetur:^ 
Natura  (inquit)  comparatum  est^  ut  antiqua  beneficia  subuertas, 
nisi   illa  posterioribus   cumules  et  quamlibet  de  homine  bene 

*  Die  Datintng  dieses  Briefes  ist  nicht  genau  möglich,  er  kann  in  die  Jahre 
1525—1531  fallen,  da  in  dieser  Zeit  Vic  der  Aufenthaltsort  Cantiancula's 
ist;  an  inneren  Anhaltspunkten  Ifisst  sich  nichts  gewinnen.  Bfir,  Ordinarius 
der  Basler  theologischen  FacultKt,  starb  erst  nach  1536.  lieber  ihn 
cf.  Vischer,  Geschichte  der  Universität  Basel  S.  227  ff.  und  meine 
Analecten  zur  Geschichte  der  Reformation  und  des  Humanismus  in 
Schwaben  20.  Der  Brief  des  Erasmus  an  Cantiuncula  III,  962  f.  legt 
den  Gedanken  nahe,  dass  er  aus  dem  Jahre  1526  herrühre. 

>  Cf.  luuenal  I.  1. 

s  Hs.  auctorium. 

^  Die  Hb.  hat  constari. 

*  cf.  Plin.  epist.  UI.  4.  6. 
^  Hs.  hat  obtersetur. 


Briefe  des  Claudius  CantinncnU  und  Ulrich  Zasins.  Von  15tl— 1538.  447 

meritus,  si  quid  unum  neges^  id  solum  meminerit^  quod  negatum 
est.  Ex  quo  rerum  genere  ut  me  aliquando  eximam.  Agnosco 
ueterem  unum  in  me  candorem,  non  modo  multa  me  praeter 
meritum  accepisse.  Exosculor  amicissimi  pectoris  constantiam, 
fateor  (ut  uno  uerbo  dicam)  multa  me  tibi  debere.  De  quibus 
Omnibus  et  peculiariter  de  munere  nunc  accepto  habeo  gratiam 
deaoueoque  tibi  quidquid  id  esse  potest,  quo  domino  Ludouico 
Bero  Claudius  inseruire  queat.  Utere  jure  tuo!  Saluta  meo 
nomine  D.  Cos.  Miltinger, '  affinem  meum.  Dominum  Erasmum 
per  alias  litteras  salutaui.  Sed  quid  uetat  sexcenties  saluum 
esse  iubere?  itaque  eum  meis  uerbis  iterum  atque  iterum 
salutato.  Vale.  Ex  Vico  Austrasiae  oppido,  prid.  Calend.  Junias. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Yindob.  8987,  fol.  32  b. 
Homburjf.  X.  ll»  Januar  1531. 

Claudius  Cantiuncula  an  Johann  Alexander  Brassicanus. 

S.  Quia  uereor^  Brassicane  clarissimC;  ne  tabellarius,  cui 
Angusta  discedens  literas  meas  ad  te  fratre  tum  nusquam 
reperto  credidi,  fluxae  fidei  sit,  uolui  tibi  nunc  rursus  per 
occasionem  eorum  quae  tum  fusius  scribebam  capita  recensere. 
Agebam  gratias  tibi  ingenteis  et  de  amica  congratulatione  et  de 
munere  lepidissimo.  Rogabam  ut  qua  coepisti  pergeres  studiis 
ubiqne  resurgentibus  doctam  tuam  porrigere  manum.  Suadebam, 
ut  maiorum  gentium  theelogis  sacrarum  literarum  interpreta- 
tionem  remitteres;  rei  grammaticae  atque  etiam  rhetoricae 
tractationem  peculiaribus  professoribus  relinquereS;  teque  totum 
Ulnstrando  iuri  ciuili  adparares.  Eam  tibi  creditam  esse  spartam, 
qua  derelicta  dubitarem  an  aliena  tractans  decoro  satisfaceres. 
Quo  enim  nomine  censendum  putas  eum^  qui  ducis  sui  relictis 
castris  uersatur  atque  etiam  militat  in  alienis?  Valde  mihi 
placet  Adagiorum  tuorum  spicilegium  et  eo  libello  cum  dili- 
gentiam  tuam  singularem,  tum  in  utraque  lingua  peritiam  ac 
iudicinm  tuum  comprobasti.  Sed  mihi  (fateor)  aliquante  magis 
arridebat  scholiorum  tuorum  ad  me  ante  annos  aliquot  missorum 
speeimen  et  indicatura.  Et  ex  eorum  gustu  sperabam  atque 
etiamnum   ualde   spero   futurum^   ut   iuris   ciuilis  sapientia^  in 

*  Heinrich  Meltinger  wird  auch  um  1528  von  Cantiuncula  in  dessen  Briefe 
an  Amerbach  erwähnt  (cf.  Biyier  39). 


448  Horftwits. 

cuiuB  uerba  iuratas  es,  tuae  industriae  non  minus  olim  sit  debi- 
iura;  quam  nunc  uel  Budaeo  ^  uel  Alciato  uel  Zasio  debere 
possit.  Nihil  enim  tibi  eorum  omnium  deesse  scimus,  qnae  ad 
rei  istius  bene  et  cum  laude  gerendae  ^  sunt  necessaria.  Habes 
superioris  epistolae  argumentum.  Huius  autem  est :  ut  in  mei 
gratiam  commendatum  habeas  negotium  Joannis  ab  Helmstat, 
uiri  non  imaginibus  modo  priscis  sed  et  animi  generöse  can- 
dore  elarissimi,  quem  hac  aestate  Viennae  uidisti  et  cuiuB 
tabellarius^  has  tibi  reddidit.  Plurimum  enim  in  hunc  officii 
isthic  eonferre  potes  idque  sine  tuo  detrimento.  Äduocatum  ac 
procuratorem  illius  cohortari  in  loco  potes,  ut  pergant,  ut 
necubi  dormitent,  ut  ne  qua  in  re  uel  motu  uel  precibus  uel 
diuersae  partis  adnotatione  frangantur  neue  Demosthenico  morbo 
laborent  atque,  ut  uno  uerbo  dicam,  ut  bonam  in  rebus  omnibus 
agnoscant  fidem.  Herum  quaedam  si  ei  tuapte  uelut  sponte 
praestiteris;  (nam  si  rogatus  facias,  suspicionis  inuidiam  excitabis) 
non  dubito  eum  in  te  futurum,  qualem  esse  decet  uirum  aecepti 
beneficii  non  immemorem.  Yale  Brassicane  doctissime.  Qaum 
ad  me  scribere  uoles,  cura  ut  literae  tuae  Spirae  reddantur  in 
manus  doctoris  Friderici  Rey£fecks,  camerae  imperialis  aduocati. 
Is  ad  me  porro  perferendas  procurabit.  Ceterum  constitui  mecum, 
nisi  tu  intercesseris,  coeptam  olim  inter  nos,  nunc  autem  annos 
aliquot  intermissam  literarum  mittendarum  uicissitudinem  in 
usum  reuocare.  Tu  quid  eo  nomine  factum  uelis  scribe  ac 
rursum  uale.  Ex  arce  Homburgensi  HI.  Eid.  Januarias/Anno 
a  Christo  nato  MDXXXI.  Parce  lituris;  quas  puer  amanuensis 
annos  p.  m.  XIH  natus  admisit. 

Toto  pectore  tuus  Claudius  Cantiuncula  D. 

Clarissimo   uiro   D.  Joanni   Alexandro   Brassicano  L.  L. 
doctori,  amicorum  suorum  candidissimo.     Viennae. 

Brassicanus  Schrift:   Claudius  Cantiuncula.     Accepi  ann. 
1531,  Martii  die  22. 

Tengnagel:  Cl.  Cantiuncula  J.C  nobil. 

Ans  dem  Cod.  pal.  Vindob.  9735,  fol.  26. 


1  lieber  GuUlaume  Bud6,  den  berühmten  Philologen  und  Alterthumsforscher, 

cf.  Kebitt^,  G.  Budä  and  Egger  rHellenisme  en  France. 
'  Ein  Wort  offenbar  ausgefallen. 
>  gestrichen:  secretarius. 


Briefe  dee  Clandiu  CMtinncala  and  Ulrich  Zuios.  Von  1581—1633.  449 


?  IX.  20.  Juni  1531. 

daudius  Canünnoula  an  J.  A.  BrassioantiB. 

S.  Quam  quam  nunc  tandem  profligata  barbarie  studiisque 
melioribus  in  suam  possessionem  reuersis  magnum  est  inter  tot 
ac  tantos  rei  praeclare  gestae  gerendaeque  duces  uel  graroinea 
Corona  donari  ac  tantum  non  in  postremis  consistere,  ampliorem 
tarnen  orbis  spem  de  te  concepit  splendidiusque  ingenii  tui 
specimen  attulisti,  quam  ut  in  tertiis  aut  quartis  tibi,  quod  ais; 
coDsistendum  sit.  Qui  enim,  quod  tu  magna  cum  laude  tua 
fecisti,  transmarinae  Veneris  ornamenta  latinis  studiis  adiunxit, 
qui  iuris  ciuilis  ita  Studiosus  est,  ut  simul  poetarum  lusus  ac 
aenigmata,  superioris  aetatis  historiaS;  philosophorum  sententias 
et  paradoxa  cognita  habeat  perspectaque,  tum  in  rebus  quoque 
theologicis  haud  uulgariter  uersatus  est  atque  ita  (ut  uno  uelut 
fasce  omnia  complectar)  encyclopaediam  absoluit,  ab  hoc  certe 
nihil  non  excellens  ac  numeris  omnibus  absolutum  praesertim 
in  principe  sibi  facultate  expectari  par  est.  Itaque  uanus  est 
mi  Brassicane  metus  ille  tuus,  ne  praestare  id  quod  a  te  petitur 
possis.  Tantum  adnitare;  succedet.  Satis  diu  in  prolusoriis 
haesisti;  adgredere  nunc  iustam,  quae  tibi  dudum  in  legibus 
decreta  est,  prouinciam.  Neque  enim  aliter  tuam  nobis  fidem 
liberaueris.  Ädagiis  tarnen  tuis^  quominus  tres  illae  centuriae 
adiiciantur,  tum  de  praenominibus  antiquis  libellus  praemittatur, 
haudquaquam  intercedo,  sed  nolim  id  genus  lucubrationes, 
quantumlibet  doctas  et  elegantes,  operi  iusto  moram  adferre. 
Ego  cuius  conatus,  si  ad  studia  tua  conferantur,  umbra  sunt, 
nihil  aeque  in  uotis  habeo,  atque  olim  posse  quo  frueris  otio 
literato  frui,  hac  tantum  fini,  ut  pro  mea  uirili  symbolam  ali- 
quam  studiis  nostris  [operam]  conferre  queam,  quin  et  suffuratis 


^  Es  sind  Brassicanus  Adagien  gemeint,  die  er  unter  dem  Titel:  Pro- 
uerbiorum  sjmmicta  . . .  Pjthagorae  symbola  etc.  Viennae  1629  herausgab. 
Cf.  des  Erasmus  Urtheil  darüber  in  dessen  Briefe  an  Brassicanus  [Opera 
III,  1289],  der  wegen  seiner  Eenntniss  in  beiden  Literaturen  gerühmt 
und  zur  Nacheiferung  angeregt  wird.  1533  fSUte  Erasmus  freilich  ein 
sehr  wegwerfendes  Urtheil  über  dessen  Prouerbien  und  Briefe  deren  Aus- 
bleiben er  leicht  ertragen  könne  [cf.  Opera  III,  1767]. 


450  Horftwitx. 

ac  subsiciuis  horis  meditor  quiddam  non  omnino  aspernandi 
incoepti  et  in  eo  sum  etiam  aliquo  usque  progressus.  Verum  de 
bis  alias.  Tu  qua  nunc  coepisti  perge  et  annotationes  tuas  ut 
cumulatissime  locupletatas  propediem  habeamus  effice.  In  re 
D.  ab  Helmstat  quod  tarn  officiosus  es  habeo  tibi  gratiam 
quam  possum  maximani;  eamque  tuam  in  ilium  propensionem 
non  secus  ac  in  me  collatam  tibi  fero  acceptam.  Simul  etiam 
rogo  ac  pro  nostrae  amicitiae  iure,  si  poteris,  cxigo,  eures 
quantum  potes ;  potes  autem  plurimum,  ut  ei  quod  isthic  nego- 
tium per  procuratores  illos  agit,  saluum  atque  integrum  sit 
Nibil  mihi  unquam  usquam  gratius  facere  potes.  Caeterum 
uana  roeo  iudicio  futilisque  est  illa  super  mandato  disceptatio. 
Scio  ego  oppidum  sancti  Naboris  proprio  tum  sigillo  caruisse, 
cum  scriptum  mandatum  est;  idque  ego  fide  bona  uobis  attestor. 
Sed  etsi  proprium  sigillum  habuisset^  quid  uetat  alterius  sigilli 
usum  recipere?  praesertim  sub  comite  notioris  nominis  apud 
Germanos  quam  sit  S.  Naboris  oppidum?  *  Hoc  igitur  negotium 
non  ut  unum  quodlibet  e  muitis;  sed  diligentissime  tibi  commendo. 
Ego  uicissim  dabo  operam^  ne  in  bominem  ingratus  et  officiosus 
fuisse  uideare.  De  literarum  uicissitudine  redintegranda  quae 
adfers  perplacent;  sed  prolixiores  peto.  Nam  ut  aliae  res  sie 
epistola  bona  quo  maior  melier  est.  Et  ego  epistolas  tuas 
lubens  lectitare  consueui  atque  identidem  in  manus  quasi  nouas 
sumere.  Itaque  tu  si  gratum  mihi  facere  uis  et  fusissimas  et 
frequentissime  scribe.  Vale.  E  Vico  ad  XII.  Calendas  Julias 
MDXXXI. 

Claudius  Cantiuncula. 

Reuerendissimo  domino  praesuli  ueatro  ut  me  quam  poteris 
diligentissime  comraendes  oro,  uiro  sane  felici  atque  beato. 
Beatum  enim  Lysander  appellabat;  cuius  uirtuti  coniuncta  For- 
tuna esset  etc. 

Clarissimo  eloquentissimoque  iureconsulto  D.  Joanni  Ale- 
xandre BrassicanO;  amico  selectissimo.  (Julii  die  8  accepi  anno 
1531,  von  Brassicanus  Hand)  Viennae  Austriae. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  9736,  fol.  23. 
*  St.  Nabor  das  jetzige  St.  Avo  in  Lothringen. 


Briefe  des  Clandiof  CantianciUa  «nd  Ulrich  Zaeins.  Von  1581—1533.  451 

Nikolashafen.  XL  12.  Januar  1532. 

Claudius  Gantiunoula  an  Heinrich  von  Jetstetten. 

B.  Henrico  ab  Jetstetten, 

affin!  sno 

S.  Video  satis;  quo  praetextu  silentii  istius  diuturnitatem 
tegere  omnemque  in  me  culpam  reiicere  pares,  adfinis  longe 
omnium  charissime.  Nempe  quod  Argentorati  spem  fecerim  tibi^ 
futurum  ut  e  Christianis  castris  reuertens  ad  uos  disgrederer^ 
spem  quidem  fecisse  haud  infitior,  nam  nee  ego  diuorsum 
speraueram;  uerum  quum  stipulatio  tua  non  ultra  spei  limites 
progressa  sit^  fraudi  mihi  esse  non  debet;  si  rerum  necessitate 
adactus  nostrae  utriusque  expeetationi  respondere  nequiuerim. 
Äio  equidem  atque  affirmO;  impossibile  per  principis  mei  negotia 
fuisse  mihi;  uel  tum,  uel  ab  eo  tempore^  uel  etiamnum  ad  uos 
ire.  Cuius  modi  causam  aliquam  subesse^  quae  me  sponsionum 
alioqai  non  negligentissimum  alio  raperet  etiam  reluctantem,  cum 
diuinare  potueris^  iam  non  uideO;  quam  iustus  esse  queat  prae- 
textas  ille  fictus,  quem  ex  incerto  euentu  ceu  firmum  recepisti; 
siquidem  tarnen  ita  recepisti  ac  non  potius  amici  absentis  obli- 
uioni  imputandum  est  hoc  tuum  silentium.  Quur  enim,  quum 
ad  uos  non  ueni,  non  peculiarem  ad  me  tabeilarium  uel  im- 
pensis  meis  (ita  enim  aliquaudo  inter  nos  conuenerat)  ultro 
misisti?  Quiir^  si  non  placitis  non  satisfecisse  putabas^  non 
per  litteras  expostulabas?  Aut  numquid  non^  fuit  quo  de  me 
certiorem  facereS;  uel  rerum  tuarum  uel  aui  uel  matris  uel 
sororis?  Fuere  profecto  complura  scribendi  argumenta,  sed 
hoc  ego  pridem  infortunio  exerceri  consueui;  ut  a  selectioribus 
amicis  rarissimus  accipiam.  Itaque  decreueram  ipse  proprium 
Duncium  breui  ad  uos  transmittere,  cum  alius  affinis  hie  meuS; 
coDsobrinus  tuus  Joannes  Leo  a  Brinningen^^  peropportune  ob- 
latus  est,  qui  nostras  ad  uos  tuto  deferret,  quibus  lectis  oro 
mox  nos  de  rebus  omnibus  et  per  singula  capita  copiose  facias 
certiorem.  Tabeilarium  tuum  quanti  locaueris  scribe.  Eins  aucto- 
ramentum  ego  mea  fide  esse  iubeo.  Soror  tua  ualde  praegnana 

^  Die  Hs.  hat  nunquid  nam. 

^  Johannes  Leon,  von  ,B7nnigen*  wird  am  1629  als  Verwandter  Cantiuncola^s 
Ton  diesem  genannt  (Brief  an  Bon.  Amerbach  bei  Rivier  1.  c.  45.). 
Sitiaiigsber.  d.  phil.-1iist.  Cl.  XCIII.  Bd.  UI.  Hft.  30 


452  Horawitx. 

domi  est  et  me  has  scripsisBe  ignorat;  caeterum  bene  habet, 
et  Caspar  restituitur.  Aegrotauit  enim  peregrina  quadam  uale- 
tudine^  sed  quae  nuUum  habeat  contagium.  Satis  mirari  nequeo 
quod  neqae  ab  auo  materno;  neque  ab  auunculo  uxoris  quic- 
qoam  litterarum  acceperiiD;  saltem  de  puero  aulae  pueris  ad- 
scripto.  Huius  enim  maxime  intererat^  ut  ipse  arctioa  auito 
iussu  contineretur.  Est  in  aula  ut  alii  quamplureS;  nolli  sin- 
gulariter  inseruiens  uagatur,  cursitat^  nihil  facit  et  tarnen  nihil 
non  facit  eoruni;  quae  hi  facere  et  possunt  et  solent^  qni  ea 
aetate  nullis  habenis,  nullo  metu  cohibentur.  Haec  tu  pru- 
denter  auunculo  tuo,  Martine  Stör^  (ad  quem  etiam  ea  de  re 
scribo)  uerborum  tuorum  ornamentis  describere  potes,  meque  Uli 
et  strenuo  eins  patri,  auo  obseruantissimo  diligenter  commendare 
uelis.  Reliquum  est;  ut  priusquam  tabellarium  ad  nos  mittas, 
Spirerio  nostro,^  qui  in  Ältkirch  agit;  litteras  hasce  meas  reddi 
cureS;  ut  et  ego  responsum  qua  de  re  scribo  accipiam.  Vale  ac 
per  otium  dum  in  Altkirch  itur  et  in  Einsishejm  rescribe  Ion- 
gissimas.  E  portu  Nicolai tano  pridie  Eid.  Januarias  Anno  1532. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  8987^  foL  34  f. 

?  XII.  7.  Januar  1633. 

Claudius  Cantiunoula  an  Johannes  Brotephus, 

S.  P.  Quanquam  subuereor  ego,  uir  clarissime,  ne  de  hoc 
meo  incepto  ualde  quam  sis  initio  miraturus,  aut  etiam  fortasse 
id  quidquid  est  audaciae  uix  boni  consulturus,  qui  non  satis 
habita  ratione  ingentis  istius  publicorum  molis  negotiorum, 
quibus  tantummodo  obrueris  in  palmae  instar  contra  pondas 
resurgens,^  sustineam  tibi  meis  neniis  obstrepere.  Aeqoius  enim 
multo  fuerat,  si  quid  tibi  subsiciui  temporis  uelut  a  rebus  seriis 
ferianti  superesset,  id  ipsum  istius  animi  tui  redintegrandae  inten- 
tioni,  quam  nostris  nugis  legendis  impertiri.  ^  Attamen  si  quo 
argumento  huc  impulsus  sum  expenderis,  spero  mihi  hone  meom 
ausum  apud  te  nee  fraudi  futurum  et  te  cogitationis  istius  pro- 
pensionem  aequi  bonique  facturum.  Nullum  enim  aliud  fuit 
argumentum,  quam  ex  eo,  quod  a  graecis  sumptum  latine  dicitnr: 


^  Ueber  Jobann  Spirer  cf.  Rivier  1.  c.  35. 

'  cf.  QeU.  n.  a.  Itl.  6.  Die  H«.  hat  resurgeres. 

'  Die  Hb.  impartiri. 


Briefe  des  Cl&adii»  CantinncaU  und  Ulrich  Zasins.  Von  1521—1533.  453 

Amicorum  omnia  esse  communia.  Sed  ut  amicitiae  nexus  non 
tarn  utilitatum  gratia  quam  animorum  coniunctione  constat,  sie 
ea  rerum  omnium  communitas  non  externis  sed  ueris  illis  in- 
geniorom  atque  animi  bonis  metienda  est;  tum  uero  si  omnium 
Bocietatum  uix  ulla  firmior  quam  eorum^  qui  et  similium  stu- 
diorum  sacris  et  sanguinis  aut  adfinitatis  iure  coniuncti  sunt, 
non  uolui,  nee  si  uoluissem  potui;  nee  si  potuissem  debui  subli- 
mem istam  tamque  latissime  patentem  nominis  tui  celebri- 
tatem  non  obuiis  quod  aiunt  ulnis  suscipere.  Nam  si  gaüdere  so- 
leo,  ubiy  quod  mihi  deest;  amicis  etiam  uulgaribus  uideo  superesse; 
quem  fuisse  atque  etiamnum  esse  par  est  aurium  oculorumque 
meorum  sensum,  cum  sentio  adfinem  esse  me  ei  uiro,  qui  cum 
summa  iuris  prudentia  summam  adiunxerit  eloquentiam,  adeo 
ut  quod  de  Ser.  Sulpicio^  accepimus  id  tuo  de  te  merito  dici 
oporteat:  ^Eloquentium  est  iureconsultissimus,  iureconsultorum 
eloquentissimus'  —  uerum  hie  memet  retineo  equidem  et  satis 
intellexi  impatientem  esse  te  laudum  tuarum  auditorem.  Nam 
et  hac  esse  modestia  solent,  qui  sunt  laude  maxima  dignissimi, 
nee  meis  aut  aliorum  calculis  uiritim  corrogatis  eges,  cui 
pridem  theatrum  plaudit  uniucrsum.  Mihi  tarnen  imperare 
uequiui,  quin  effusiore  gaudio  ac  laetitia  gestiens  propemodum 
exilierim,  cum  nuper  aliquot  tibi  deuinctissimi  magno  silentio 
libentesque  referentem  audiremus,  quanta  cum  gloria  idibus 
Novembribus  ^  prox.  superioribus  in  frequentissima  amplissimi 
ordinis  totiusque  populi  Corona  de  rebus  grauissimis  horis  tribus 
continuis  copiosissime  sapientissimeque  dixisti  atque  ita  dixisti, 
ut  uno  omnium  ore  uel  eorum  etiam,  quibus  dicam  impegeras 
grandem  in  coelum  usque  laudibus  ac  uotis  tollerere.  Nee 
dubito  quin  si  suus,  ut  olim,  esset  uirtuti  bonos,  tibi  isthic  ex 
S.  C.  ob  rem  in  ciuili  militia  praeclare  gestam  statua  dicata 
esset.  Adderem  et  alia  quaedam  ex  uero,  nisi  religio  esset, 
committere  ut  quisquam  credatur  laudibus  oneratus.  In  prae- 
sentia  mearum  partium  esse  putaui,  te  isti  Mineruae,^  quo  fun- 
geris  et  illud  tibi  gratulari.  Comperio  enim  non  modo  uerum 
esse  quod  paroemia  dicitur,  ,magistratus  uirum  indicat^  quin  et 

^  lieber  Ser.  Sulpicius  cf.  Cicero  Brat.  41,  42  a.  s.  w. 
'  Die  Hs.  Nouembrifl. 

'  So  die  Hs.  sieber  mit  Unrecbt,  es  wird  entweder  mnneri  oder  niinisterio 
zn  lesen  sein. 

30* 


454  Horftwits. 

,illud'  uir  magistratum.  Macte  igitur  airtute  uir  perge  qua 
coepisti,  neque  cessato  partim  te  reipublicaC;  partim  amicis 
tuis;  quod  Plato  docuit^  esse  natum  contestari;  nominisque  istias 
toi  famam  ad  trinepotes  propagare.  Quod  ad  me  attinet,  si 
qua  in  re  tibi  subseruire  queO;  nihil  es  unquam  usquam  ^  a  me 
postulaturus,  quod  ab  addictissimo  gen  tili  clienteque  debeat 
expectari.  Vale  uir  eminentissime.  Datum  VII.  Eid.  Januarias. 
Anno  1533. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  8987,  fol.  33  f. 


Vic.  XIII.  12.  April  1533. 

Claudius  Cantiuncula  Domino  Seoretario  Argentinenai.^ 

S.  Hoc  momento  absolui,  quod  mitto,  nocturnis  horis  (cum 
per  Reuerendissimi  domini  Cardinalis  aduentum  interdiu  non 
liceret)  meditatum,  dispositum  scriptumque  responsum  in 
negotio  recusationis  ad  me  transmissae'  etc.  Tu  sicubi  lapsus 
sim  condonatum  iri  mihi  pro  nostra  amicitia  procurabis.  Equi- 
dem  subsiciuis  ac  suifuratis  horis,  qua  fieri  potuit  fide  diligen- 
tiaque  congestum  est.  Tabellarium  nuUum  uulgarem  nancisci 
potui.  Hie  ut  reuerendissimo  domino  Argentinensi  inseruiret 
ac  mihi  gratificaretur  id  oneris  equo  mutato  udus^  subiit 
Response  meo  non  subieci  nomen  meum  hac  ratione  motus 
quod  dominus  praeconsultus  suo  se  non  subscripserat.  Saluta 
clarissimum  dominum  cancellarium  atque  ex  eo  sed  uelati 
sponte  tua  percunctator,  quemadmodum  probauerit  uel  impro- 
bauerit  aliud  responsum  super  praescriptione  iuris  offerendi 
uel  ut  quidam  appellant  prothjmiseos.^  Vale  mi  frater  et  amice 
constantissime.  Si  quid  certi  habeas  de  dominis  comroissariis 
Spiram  aduenturis  an  et  quando  uenturi  sint,  fac  sciam.  E  Vico 
Austrasiae,  die  resurrectionis  dominicae.     Anno  1533. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  8087,  fol.  35. 


^  Der  Sinn  erfordert  frustra. 

3  Nach  freundlicher  Mittheilung  des  Prof.  Dr.  L.  Spach  in  Strassburg  hiess 

derselbe  Johann  Meyer  genannt  Motzbach  von  Esslingen. 
>  So  emendire  ich  den  sinnlosen  Text  ire  negotio  ....  transmisissem. 
*  Hs.  hat  udeus. 
^  Die  Hs.  hat  prothomiseos. 


Briefe  dee  Claudias  Cantinacnla  und  Ulrich  ZMios.  Yen  1521-1533.  455 


B. 

Briefe  von  Ulrich  Zasius. 

1.  (XIV.)  Ulrich  Zasius  an  J.  Faber.  Freibarg^,  22.  October  1520. 

2.  (XV.)  Ulrich  Zasius  an  J.  Faber.  Freiburg,  30.  Januar  1521. 

3.  (XVI.)  Ulrich  Zasias  an  J.  Faber.  Freiburg,  27.  October  1527. 


lieber  Zasius'  Leben  ist  nach  Stintzing's  musterhafter 
Arbeit  hier  wohl  nichts  zu  sagen  ^  nur  sein  Verhältniss  zu 
J.  Faber  mag  besprochen  werden.  Zasius'  Beziehungen  zu 
Faber  waren  sehr  rege,  er  nennt  ihn  seinen  mächtigen  Patron, 
semen  Mercur;  er  rühmt  ihn,  wie  er  1525  zu  Freiburg  vor 
zahlreicher  Versammlung  zwei  Predigten  gehalten.  Vir  est 
dignus  aetemitate!  ruft  er  da  begeistert  aus.  ^  Faber  war  auch 
sein  Vermittler  am  königlichen  Hofe  Ferdinands,  dem  er 
Zasius'  Schriften  übergeben  solP  und  bei  dem  er  viele  Gunst- 
bezeigungen für  den  Gelehrten  erlangte.^  Zasius  rühmt  Faber 
in  seiner  Dedicationsepistel  an  König  Ferdinand  zusammen  mit 
Spiegel :  Atque  adeo  meliorum  literarum  cognitione  undecunque 
doctissimus  Joannes  Faber,  Jacobus  Spiegel,  ambo  iuris  pro- 
fessores  famigerati,  quorum  hie  a  consiliis,  ille  a  libellis  tuae 
inseruiunt  Maiestati  ambo  eruditione  insignes,  rei  latinae  ele- 
gantia  inter  selectos  numerandi,  humanitate,  fide,  amicitia, 
integritate  omnibus  numeris  absolut!,  ut  Interim  alios  taceant.^ 
1532  dedicirte  er  ihm  die  zweite  Auflage  seiner  mit  Rücksicht 
auf  die  Haloandrische  Pandektenausgabe  durchgesehenen  In- 
tellectus  iuris  ciuilis  singulares  (Apud  inclytum  Germaniae 
oppidum  Friburgum  Brisgoicum  per  Joannem  Fabrum  Emmeum 
Jaliacensem  anno  MDXXXII).  Das  Dedicationsschreiben  bittet 
—  ausser  den  üblichen  Phrasen  —  den  nunmehr  zum  Bischof 
von  Wien   Gewordenen   um    seine  Verwendung  beim  Könige 


1  firiefsanunlnng  des  Zasius  ed.  Riegger  127,  128.  Er  will  durchaus  nicht, 

dass  Faber  Geld  für  ihn  auslege. 
3  Cf.  die  Briefe  127,  129,  131,  133,  144.     S.  Intellectus  singulares.    Basel 

1526,  ist  Ferdinand  gewidmet  cf.  421. 
»  Cf.  146. 
*  p.  423. 


456  Horawitz. 

(meos  hosce  labores  et  commendares  diuo  Principi — quod  et 
antehac  magna  cum  beneuolentia  fecisti)  und  rühmt  seine 
Thätigkeit  für  die  Beschirmung  des  katholischen  Bekenntnisses. 
Diese  erhebt  er  noch  mehr  in  dem  unter  Nr.  XVI  abge- 
druckten Schreiben,  in  welchem  er  Faber  mit  Paulus  vergleicht, 
weil  er  keiner  Mühsal  ausweichend,  Reisen  und  deren  Gefahren 
nicht  scheue,  um  das  wankende  katholische  Christenthum  zu 
stützen.  Gewiss,  sein  Name  sei  sinnreich  gewählt,  denn  mit 
dem  Hammer  seiner  Rede  und  seiner  Schriften  gehe  er  dem 
Wahnsinn  der  Ketzer  an  den  Leib.  Nach  ihm  sehnt  er  sich 
wie  nach  Keinem  —  nur  der  König  macht  eine  Ausnahme  — 
um  1527  spricht  er  seine  Hoffnung  aus,  ihn  und  den  Fürsten 
nochmals  vor  seinem  Ende  sehen  zu  können.  Durch  ihn  sucht 
er  Erleichterungen  für  sein  Alter  zu  gewinnen,  bei  ihm  tritt 
er  für  die  im  Villinger  Streite  arg  bedrängte  Universität  ein, 
bei  ihm  verwendet  er  sich  endlich  für  seinen  Beichtvater.  — 
Auch  ausser  dem  Verhältnisse  zwischen  Zasius  und  Faber,  fiir 
das  bisher  nur  jene  Dedicationsepistel  an  Faber  und  einige 
gelegentliche  Bemerkungen  in  verschiedenen  Briefen  vorlagen, 
bieten  die  drei  Schreiben  des  gelehrten  Romanisten  Manches 
Interessante.  Die  erste  Nummer  zeigt  ihn  uns  noch  in  jener 
halbgünstigen  Stimmung  fUr  Luther,  dessen  gerades  kerniges 
Wesen  dem  ebenfalls  oft  derb  dreinfahrenden  Zasius  so  gut 
gefiel,  wie  er  dessen  Zurückgehen  auf  die  Quellen  selbst  nur 
billigen  konnte.  So  spricht  er  denn  hier  noch  kein  verwerfendes 
Urtheil  über  den  Wittenberger  Reformator  aus.  Er  wünscht 
von  Faber  eine  Aeusserung  über  seinen  Brief  an  Luther  — 
(die  Annahme  der  Echtheit  dieses  Schriftstückes  wird  durch 
diese  Erwähnung  noch  plausibler  gemacht)  —  dessen  Einfluss 
er  hoch  anschlägt.  Freilich  fürchtet  er,  es  sei  nunmehr  von 
Luther  die  Gnade  gewichen.  —  Er  unterrichtet  uns  auch  über 
seine  Collegien,  deren  er  täglich  zwei  abhält,  und  wie  es  ihm 
schwer  falle,  Studien  und  Unterricht  zu  verbinden;  kurz  auch 
aus  diesen  drei  Briefen  gewinnen  wir  Neues,  auch  aus  ihnen 
blickt  des  Romanisten  wohlbekannte  Art.  Ich  lasse  nunmehr 
den  Text  derselben  folgen. 


Briefe  des  Clandins  Cantinocala  and  Ulrich  Zasias.  Von  1621—1533.  457 

Freiburg.  XIV.  22.  October  1520. 

IJdalricus  Zasius  Joanni  Fabri: 

sese  commendat.  Hoc  uelut  momento;  praestantissime  et 
pater  et  frater,  se  procinxit  itineri  Geruasius  Souferus^^  com- 
pater  meuS;  uir  cum  sincera  doctrina  sincerus^  istuc  profecturus, 
qui  negauit  abire,  nisi  literis  ad  te  comitibus.  Uelim  uenera- 
tissime  pater  hominem  doctum^  ut  soles  in  omneis  humaniter 
excipitO;  et  si  quid  poteris  officii  praestato.  Nostrae  uniuersi- 
tatis  a  secretis  uel  ut  uulgo  notarius  est^  uir  nobis  et  obseruatus 
et  dilectus.^  Ceterum  quid  super  epistola  mea^  ad  Lutherum 
scripta  (haue  enim  commonstrabit  Geruasius)  sentias,  pande. 
Desciui  ab  homine,  ubi  uenena  mala  miscet,  antehac  admiratus,  * 
ubi  bona  uenena  temperauit  Deum  immortalem^  quam  fragilis, 
quam  nichili  res  est  homo  sine  gratia  adiuuante!  Quid  non 
potuit  Lutherus  cum  gratia;  nunc  abeunte,  ut  uereor,  gratia, 
quid  non  confundit?  Vale!  Deum  timere,  nolle  altum  sapere 
Pauli  sententia  est  tarn  aurea  quam  uera.  Patrono  meo  Botz- 
hemo  ^  omnia  mea  plenis  o£ferto  ^  cophinis^  ei  tarnen  scribere  non 
licebat.  Iterum  uale ;  uado  ad  consulares  angustias.  Ex  Fry- 
burgo  XI.    Kalendis  Nouembris.    Anno  etc.  XX. 


'  Gervasias  Soupberns  aus  Breisach  (am  16.  November  1505  in  Freiburg 
immatrlculirt),  1521  Notar  der  Universität,  musste  der  Reaction  weichen. 

^  Tengnagel  ad  margiuem:  Epl.  Zasü  ad  Lutherum. 

^  Es  ist  der  bekannte,  vielfach  zustimmende  Brief  (bei  Biegger  S.  394  ff.) 
gemeint,  den  dieser  wohl  ohne  Grund  (cf.  Stintzing  1.  c.  320)  bezweifelt. 
Durch  die  Erwähnung  des  Briefes  in  einem  sicher  von  Zasius  herrühren- 
den Schreiben  ist  das  Factum,  dass  sogar  der  strenge  Katholik  an 
den  Wittenberger  schrieb,  zweifellos  constatirt;  freilich  bei  dem  Mangel 
an  der  Provenienz  nicht  möglich  den  Nachweis  zu  führen,  dass  Nichts 
interpolirt  worden  sei.  Vgl.  übrigens  Ranke,  Deutsche  Geschichte  im 
Zeitalter  der  Reformation  I,  443. 

^  Zwei  Worte  gestrichen. 

^  Ueber  Johann  Botzhemus  (Abstemius)  Doctor  und  Canonicus  zu  Costnitz, 
cf.  meine  Analekten  zur  Geschichte  des  Humanismus  und  der  Refor- 
mation 99,  100,  123,  134,  135,  170,  171,  176.  Luthers  Briefwechsel  von 
Burckhardt  gibt  ein  Schreiben  des  Botzheim  vom  3.  M&rz  1520  an.  Cf. 
J.  G.  Schelhorn's  kleine  Schrift  über  B.  Memmingen  (Meyer)  1769. 

^  Ein  Wort  gestrichen. 


458  Horawiti. 

Thomam  Blaurer^  *  nisi  migrauit,  meo  nomine  saluto.  Tuus 
ZasiuB  (Tengnagel:  Udalricii  Zasii  epistola  de  Luthero).  Venera- 
bili  et  praestantissimo  uiro  domino  Johanni  Fabri  J.  U.  doctori 
reuerendisBimi  domini  mei  ConBtant[ien8i8]  uicario  uiro  unde- 
cunque  doctissimo  patrono  suo  selectissimo. 

Aatograph  aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  9737  g  foL  4. 
Freiburg.  XV.  30.  Januar  1521. 

IJlrioh  Zasius  an  Joannes  Faber. 

S.  P.  D.  Qui  ad  te  patronum  et  amicum  meum  selectisBimum 
debebam  literiB  eBse  freqaentiBsimuS;  rariBsime  Bcribo  et  nee  id, 
niBi  efflagitanti  negotiO;  quod  non  leiÜB  oBse  criminiB  praestan- 
tiBBime  patrone  non  infitior^  ut  Bio  habeas  (quod  in  controuersiis 
expetitur)  confitentem  reum^  Bitque  haec  cauBa  eo  nomine  asystata, 
quod  defensionem  uel  non  reeipit  prorsus,  aei  difficile  recipit.^ 
Ergo  ad  asBumptiuam  BtatuB  Bpeciem  (si  saltem  Btatos  est, 
quod  multi  negant)  niteris  et  ueniam  precor  et  noxiam  deprecor, 
quorum  Bi  neutrum  impetrauero  ^  poenae  Bubiicio,  sed  quae  et 
temperetur  ex  uenia  et  a  noxia  recedat;  sunt  etenim^  quae 
ad  ueniam  reBpiciant:  lectionum,  quas  duaB  per  diem  obeo, 
grauis  moloB,  item  iaeiÜB  ex  labore  (ut  in  homine  sene)  defectio, 
Bi  fori  interim  negotia  tacuero.  Sed  quorsum  haec?  Nempe 
ne  te  uirum  ingenii  amoenisBimi  importunuB  adisBe  uidear  culpa 
non  excuBata.  ProficiBcitur  ad  te  homo  integer  et  ad  aBsem 
probus  JoanncB  praesentium  exhibitor,  ex  quatuor  illiS;  qui  a 
cura  Bunt  noBtrae  ecclesiae  paBtori^  confesBor  (ut  uocant)  raeus ; 
Bacerdotio  prouisuB  est  Brisaci  a  ciue^  qui  se  pro  patrono  et 
gerit  et  juste  gerit.    Verum  antebac  non  praesentauit;  quippe^ 


*  lieber  Thomas  Blaurer,  den  Bruder  des  Reformators  Ambrosius  Biaurer, 
der  bei  Zasius  studirte,  sich  dann  nach  Wittenberg  beg^b,  von  wo  er 
durch  Luthers  Schriften  seinen  Bruder  für  die  Beformation  gewann,  cf. 
Pres  sei,  Ambrosius  Biaurer  und  meine  Analekten  96,  99,  100, 136, 137, 
147,  165. 

3  cf.  Aurel.  August,  de  rhetor.  I.  16.  (Rhetores  lat.  minores  ed.  Halm  p.  146. 
24.  SS.) 

3  Ein  Wort  gestrichen. 

^  Dies  quippe  ist  Yon  Zasius  ad  marginem  geschrieben. 


Briefe  des  Clftadins  CaDtiancnla  und  Ulrich  Z«niu.  Yon  1581-15S3.  459 

homo  iuueDis,  qai  improuida  illa  minoram  aetate  iura  sua 
securabat;  id  est  non  curabat,  ut  interea^  quaedam  ut  uocant 
fraternitas  semel  praesentarit^  sed  nullo  iure^  quod  euidenter 
patet.  Cardo  in  hoc  est,  ut  confessor  meus  ad  praesentationem 
sine  proscriptione^  quam  vos  proclamationem  nominatis^  insti- 
tuator;  ut  sie  et  consequatur  posseBsionis  praerogata  et  con- 
sequatur  ex  titulo;  ne  non^  si  proscriptum  Beu  prociamatum 
faerit,  aduersarÜB  comparentibus  bonus  uir  iuris  sui  impediatUT; 
eique  praecurrat  aduersariorum  cuicuimodi  sit  possessio,  quae 
tarnen  nescio  an  sit  possessio  nominanda,  quae  euidenter  uel 
ipsis  nitro  confitentibus  titulo  caret,  sed  quando  nostrae  pro- 
fessionis  scita  etiam  praedonis  possessionem  ^  tuentur,^  vereor,  ut 
bonus  uir,  quod  abominor,  in  lite  succumbat,  si  non  iam  titulus' 
saus  institutione  ordinaria  fultus  fuerit.  Nisi  forte  cum  hac 
causa  petitorium  patroni  cum  possessorio  retinendae  concurrat,^ 
sententia  quidem  umbratilis  pro  possessore  detur,  ceterum  in 
exequendo  praeferatur  petitor,  quod  aequitatem  haberet  et 
ex  corde  meo  ^  dilectus  dominus  candidatus  prope  ^  fundari 
posse  uideretur  maxime  ubi  patroni  ius  et  patet  euidenter  et 
possessoris  ruina  sit  manifesta.  In  qua  tamen  re  obiici  mihi 
uideo,  quod  in  causa  mea(?)^  olim  ibidem  in  dorsum  pugnari 
posse  intelligitur.  Isthaec  concertationis  pericula  euitari  possent, 
si  ad  praesentationem  institutio  sequeretur,  qui  mos,  dum  prima 
ego  aetate  in  foro  tuo  uersarer,  obtinuerat.  Tu  patrone  prae- 
Btantissime,  quicquid  ofücii  cum  iustitia  conferre  in  hominem 
Optimum  possis,  ex  animo  peto,  conferas,  siquidem  mihi  ipsi 
collatum  putabo,  ne  amicus  meus  fori  insuetus  paci  et  orationi- 
bus  asBuetior  litigare  cogatur.  Me  si  unquam  tuus  fui,  nova 
domini  causa  tibi  asseres,  ut  sie  quod  mirabile  sit,  quod  nitro 
tuum  est  iam  magis  tuum  esse  incipiat.  Vale  asylum  literatorum, 
omamentum®  doctrinarum  omnisque  et  rarum  et  uerum  bene- 
ficentiae  exemplum.  Alexandrum  Brassicanum,  humanissimum 
uirum,  ex  me  saluum  ornatis  uerbis  uelis.    Ex  modicis  etiam, 


1  taemiir  gestrichen. 

'  Von  Zasins  Hand  ist  ,tnentar*  ad  marginem  geschrieben. 

'  Ans  yconcorratur*  von  Zasius  emendirt. 

*  Die  Handschrift  hat  c  m. 

^  Die  Hs.  hat  d\  cän  ^p. 

^  Utteramm  gestrichen. 


460  Horawitz. 

quae  ad  me  scripsit,  tanquam  ex  linea  ducta  pictor  melioris 
doctrinae  iustam  effingo  imaginem  et  uelut  ex  plantae  uestigio 
(ut  olim  in  Hercule)  totum  hominein  dimetior.  Vale  ex  Fri- 
burgo  3*®  Kaien.  Februarias*  anno  etc.  XXI. 

Von  Zasius  eigener  Hand: 

TuuB  Huldarhicus  Zasius  legum  et  doctor  et  Ordinarius 
Fryburgensis. 

Quae  praeterea  in  Lutheri  re  ad  te  scribenda  ueniunt 
cum  succedaneo  Episcopo,  quem  su£fraganeum  nominant,  uiro 
bumanissimo  scribam. 

Egregio  et  praestantissimo  uiro,  domino  Job.  Fabri,  utriiis- 
que  iuris  doctori^  reuerendissimi  domini  mei  Const(antiensis) 
uicario;  uiro  in  melioribus  doctrinis  et  omni  suauitate  expoli- 
tissimo^  meo  selectissimo  patrono. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  9737  g  fol.  5,  6. 


Freiburg.  XVI.  27.  October  1627. 

Udalrioua  Zasius  Joanni  Fabri 

sese  commendat.  Saluum  te  a  remotissimo  terrarum  tracta 
ad  serenissimam  regiam  maiestatem,  splendidissime  et  amplissime 
uir,  patrone  selectissime^  rediisse  merito  omnes,  qui  tibi  cupiui- 
muS;  qui  a  tua  salute  pendemus,  ex  animo  laetamur  speramus- 
que  fore,  ut  et  ad  nos  aliquando  feliciori  postliminio  sis  redi- 
turus.  Fabri  nomen  multum  in  ore,  muitum  in  praeconiis 
nostris  uersatur.  Nee  enim  in  consessu  uUo  praestantiom 
uirorum  et  uel  maxime  doctoris  Jacobi  Spiegel,^  uiri  ad  assem 
doctiy  qui  nobiscum  agit,  de  uiris  eminentibus  fit  mentio,  in 
quo  tu  non  primas  feras  et  id  quidem  iure  et  debito,  qui  unus 
labori  nullo  parcis,  uiarum  discrimina^  maris  et  terrae  pericala 
uelut  alter  Paulus  subire  non  dubitas,  ut  nutanti  propemodum 
fidei  domino  adiuuante  opem  praestes  subsidiariam.  Fabri  nomen 
fato  quodam  accepisti,  argumentoque  tam  insignis  nominis 
doces  uerum  esse,  quod  olim  Apollinaris  ex  Piatone  uel  Plato 
ipse  docuit,  nomina  non  temere  sed  fatali  indi  solere  prouidentia. 

1  Hs.  Febrnarii. 

3  Jacob  Spiegel  aus  Schlettstadt,  kaiserlicher  Ratfa,   Freund  der  meisten 
elsässischen  und  schwäbischen  Gelehrten. 


Briefe  des  Clandine  Cantiancnlft  und  Ulrich  Zaeins.  Von  1521— 15SS.  461 

Quid  enim  aliud  quam  et  uocis  et  scriptorum  tuorum  malleo 
haereticorum  pertundis  insaniam?  Dii  igitur  te  sanum  et  pro- 
sperum  uelint,  te  tueantur,  te  dirigant,  ut  nostris  adesse  rebus, 
sanctissimaeque  fidei  causam  indefecto  uigore  adfouere  possis. 
Equidem  te  tarn  desideranter  expecto,  ut  praeter  serenissim^im 
et  felicissimum  regem  et  principem  nostrum  a  deo  nobis  datum 
non  Bit  ullus  in  orbe*homo,  quem  uidere  cupidius  optem.  Senem 
Zäsium  prope  iam  septuagenarium  naturam  tum  felicius  solu- 
turum  credito,  si  et  principem  meum,  quo  meliorem  orbis  uni- 
uersus  non  gerit,  et  te  patronum  selectissimum  ante  mortem 
uidere  contigerit.  Pro  honore  magni  principis  et  commodo 
stttdiosorum  laboramus  quantum  possumuS;  ut  in  futurum  annum 
iogenii  mei  non  poenitendam  foeturam  edam  in  publicum.  Quies 
eam  in  rem  ^  necessaria  admodum  foret,  quam  diui  principis 
indulgentia  praestare  posset;  lectioni  enim  incumbere  et  studia 
adiuuare,  utraque  haec  seni  perquam  sunt  difficilia.  Ceterum 
patrone  praestantissime  nostra  uniuersitas  ab  oppido  Vilingen 
misere  affligitur,  qui  non  contenti  suis  nostra  quoque  appetere 
alimenta,  diuorum  principum  largitiones  usurpare  pergunt.^ 
Eamque  in  rem  decreta  seu  iussa  aliqua  a  serenissimo  principe 
nostro,  dum  in  tanta  festinatione  in  terras  remotas  plenam  in- 
formationem  dare  non  potuimus  obtinuerant.^  Quo  nomine  damno 
non  modico  et  tantum  non  intolerabili  affligimur  et  nisi  sere- 
nissima  regia  maiestas  reducto  duriori  hoc  calculo  urbi  solita 
subueniat  dementia  nostrique  et  necessitatum  nostrarum  rationem 
benigniorem  habeat,  de  rebus  et  commodis  nostris  studiique 
tarn  excellentis  uigore  actum  esse  ueremur.  Siquidem  non 
solum  alimenta,  quibus  uiuimus,  hoc  turbido^  negotio  pertur- 
bantur,  ^  sed  et  ceteri  confines  uicini,  a  quibus  ex  diuorum  prin- 
cipum et  fundatorum  nostrorum  largitate  decimas  percipimus, 
Vilingensium  exemplum  secuti  nostras  obuentiones,  alimentaque 
nostra  simili  machinatione  resecturi  et  diminuturi  esse  redduntur. 


^  admodnm  gesti:^chen. 

'  Ueber  die  Villinger  Streitigkeiten  hat  Riegger  in  seinen  Analecta  academiae 

Friborgensis    ein    eigenes    Capitel    ,de    rebus  Villinganis*   p.    106—144. 

Vgl.  Ferdinand's  I.  Entscheidungen  darüber  (ib.  8.  136). 
^  Von  Zasius  Hand  ad  marginem:  obtinuerant. 
*  seculo  gestrichen. 
^  Die  Handschrift  hat  perputantur. 


462     Horawits.  Briefe  des  Clftudins  CftotiaacaU  und  Ulrich  ZMins.  Yon  15X1^1533 

sicuti  haec  et  alia  in  instructione  nostra  ad  dominum  Joannem 
Maium  data  latius  cognosces.  Rogo  ego^  cliens  tuas  deuotissimus 
quam  possum  instantissime,  nos  patrone  adiuues,  nee  ulla  occa- 
sione  permittas,  ut  tarn  gloriosa  uniuersitas  (quam  et  honorificam 
tuae  praestantiae  nutritiam  fuisse  gloriamur)  laicorum  insolentiae 
exponatur  et  obuentionibus  deplumata  tandem  in  interitum  sit 
uersura,  hactenus  non  dedecori  laudatissiibae  domui  Austriae, 
dum  diuis  principibus  tot  annos  consiliis  publicis  et  prioatis 
adsumusy  totque  praestantes  uiros  in  laudem  totius  Germaniae 
peperimus.  Hanc  tarn  laudatam  Uniuersitatem  a  diuis  prio- 
cipibus  tarn  paterne  institutam  tanta  prouidentia  fundatam  et 
semper  ex  animis  complexam  Maximus  Ferdinandus  princeps 
inuictissimuB  subuerti  non  patiatur.  Vale  o  et  praesidium  et 
dulce  decuB  nostrum.  Ex  Fryburgo  sexto  Kai.  novembris 
Anno  etc.  XXVII. 

Von  Zasius  Hand: 

Tuae  R.  P.  subiectissimus  Udalricus  Zasius,  legum  et  doctor 
et  Ordinarius  Fryburgensis. 

Reuerendo  insigni  et  amplissimo  uiro,  domino  Johanoi 
Fabri,  iuris  pontific.  doctori  Basiliea(Bi)  et  Constan(tiensi),  eccle- 
siarum  canonico,  diui  regis  nostri  consiliario  inter  primos  prae- 
rogato  domino  obseruatissimo. 

Tengnagel:  Udalricus  Zasius. 

Aus  dem  Cod.  pal.  Vindob.  9737  g  fol.  23— 2i. 


/"■ 


VII.  SITZUNG  VOM  12.  MÄRZ  1879. 


Herr  Dr.  Joh.  Jarnfk,  Docent  der  rumänischen  Philo- 
logie an  der  Wiener  Universität^  ersucht  um  eine  Subvention 
zu  einer  Reise  nach  Rumänien  behufs  des  Studiums  der  dortigen 
Volkssprache  und  Volksliteratur. 


Herr  Dr.  Franz  Martin  Mayer  in  Graz  übersendet  eine 
Abhandlung  unter  dem  Titel:  ,Ueber  die  Verordnungsbücher 
der  Stadt  Eger^  (1352—1482)  und  ersucht  um  Aufnahme  der- 
selben in  die  akademischen  Schriften. 


An  Druoksohriften  wurden  vorgelegt: 

Academia  real  de  la  Historia:   Boletin.    Tomo.  I.    Gnaderno  III.    Febrero 

1879.     Madrid,  1879;  8». 
Acad^mie  imperiale  des  Sciences  de  St.-P6tersbourg:  Tome  XXY.  (Feuilles 

lö— 20).     St-P^tersbourg,  1879;  4». 

—  royale  des  Sciences,  des  Lettres  et  des  Beaux-Arts  de  Belgique.  Bulletin 
47«  Ann^e,  2«  S^rie,  Tome  46.  Nr.  12.  Bnixelles,  1878;  8^.  —  Annuaire. 
1879.    45«  Ann^e.    Bruxelles,  1879;  12». 

Accademia  Reale  delle  Scienze  di  Torino:  Atti.  Vol.  XIV.  Disp.  1*  (Noyem- 

bre-Dicembre  1878).    Torino,  1878;  8^. 
Akademie   der  Wissenschaften,    königl.    Schwedische:    Oefversigt   of  För- 

bandlingar.    35.  Jahrgang.     Nr.  6,  7  und  8.    Stockholm,  1878;  8^. 

—  der  Wissenschaften  in  Krakau:  Monumenta  Poloniae  historica.  Tom  III. 
Lw6w,  1878;  4^.  —  Acta  historica  res  gestas  Poloniae  illustrantia. 
Tomus   I.    W   Krakowin,    1878;    4^.    —    Starodawne   Prawa   Polskiego 


464 

Pomniki.  Tom  V.  czesc^  I.  Cracoviae,  1878 ;  4°.  —  Archiwom  do  Daejöw 
literatury  i  oswiatj  w  Polsce.  Tome  I.  w  Krakowie,  1878;  4^*.  —  R02- 
prawy  i  Sprawozdania  z  posiedzeu  wjdzialu  bistoriczno-filozoficznego. 
Tom.  IX.  W  Krakowie,  1878 ;  8^.  —  Bozprawy  i  Sprawozdania  z  posie- 
dzen  wydzialu  filologicznego.  Tom  VI.  W  Krakowie,  1878;  8«.  -  Po 
Ucieczce  Henryka  dzieje  bezkr6lewia  1574 — 1676  przez  Wincentego 
Zakrzewskiego.  W  Krakowie,  1878;  80. 

Central-Commiasion,  k.  k.  statistische:  Statistisches  Jahrbuch  für  das 
Jahr  1876.  V.  und  Vm.  Heft.  Wien,  1879;  40.  —  Nachrichten  über  In- 
dustrie, Handel  und  Verkehr.  XV.  Band.  IH.  Heft.  Statistik  des  öster- 
reichischen Postwesens  im  Jahre  1877.  Wien,  1878;  4^. 
—  k.  k.  zur  Erforschung  und  Erhaltung  der  Kunst-  und  historischen  Denk- 
male: Mittheilungen.    V.  Band.  1.  Heft.    Wien,  1879;  gr.  4». 

Littr^,  i:  Conservation,  Revolution  et  Positivisme.    Paris,  1879;  12^. 

Mittheilungen  aus  Jnstus  Perthes*  geographischer  Anstalt  von  Dr.  A. 
Petermann.    26.  Band,  1879.    H.  Gotha,  1879;  4^. 

OssolinskTsche  Bibliothek:  Pamietnik  Zbigniewa  Ossolinskiego  Wojewodjr 
Sandomierskiego  f  1623.    We  Lwowie,  1879;  8^^. 

Revue  politique  et  litteraire,  et  Revue  scientifique  de  la  France  et  de 
l'Etranger.  VIII«  Annee,  2«  S^rie.    Nr.  36.    Paris,  1879;  4«. 

Schuchardt  Hugo:  Limba  Romanä  Vorbitä  intre  1650—1600.  Tomnia  I. 
Bucuresci,  1878;  8«.  —  Ueber  B.  P.  Hasdeu*s  „Altrumänische  Texte  und 
Glossen.    Bukarest,  1878;  4^ 

Verein,  historischer  für  das  Grossherzogthum  Hessen:  Die  vormaligen  geist' 
liehen  Stifte  im  Grossherzogthum  Hessen,  von  G.  J.  Wilhelm  Wagner. 
II.  Band.    Provinz  Rheiuhessen.    Darmstadt,  1878;  8^ 


VIII.  SITZUNG  VOM  19.  MÄRZ  1879. 


Die  Commission   der  Teplilzer  Gewerbe-   und  Industrie- 
Ausstellung  ladet  zur  TheÜDahme  eiu. 


Herr  Regierungsrath  Dr.  Constant  Ritter  von  Wurzbach 
übersendet  den  38.  Theil  des  ^Biographischen  Lexikon  des 
Eaiserthums  Oesterreich'  mit  dem  Ersuchen  um  Bewilligung 
des  üblichen  Druckkostenbeitrages. 


Das  w.  M.  Herr  Professor  Dr.  Werner  legt  eine  fUr  die 
Sitzungsberichte  bestimmte  Abhandlung  vor,  welche  den  Titel 
fuhrt:  ,Die  Psychologie,  Erkenntniss-  und  Wissenschaftslehre 
des  Roger  Baco^ 


An  DruokBohriften  wurden  Torgelegt: 

Gesellschaft,  k.   k.  geographische,  in  Wien:  Mittheilongen.    Band  XXII. 
(N.  F.  XII.)    Nr.  2.    Wien,  1879;  40. 

Königsberg,  Universität:  Akademische  Gelegenheitsschriften.  1878/9.  Acht- 
zehn Stücke  40  und  8^. 

Mittheilangen   aus    Justns    Perthes*   geographischer  Anstalt   von    Dr.  A. 
Petermann.  Ergänznngsheft  Nr.  57.    Gotha,  1879;  4^. 

3evne   politique  et  litt^raire*   et  ,Reyue   scientifique   de  la  France   et   de 
rätrangerS  VIII«  Ann6e,  2«  S^rie.    Nr.  37.    Paris,  1879;  40. 

Society,  the  American  geographical:  Bulletin.   Nr.  2,  3  und  4.   1878.  New- 

York;  4«. 
—  the   Astatic,    of  Bengal:    Ribliotheca   indica.    Fasciculi  Y,  VI.    Calcutte, 
1878;  8«. 


466 

Society,   the  royal   geographica!:  Proceedings  and  montbly  Becord  of  Oeo- 
graphy.  Vol.  L    Nr.  3.    March  1879.    London;  8«. 

—  the  rojal,  of  Victoria:  Transactions  and  Proceedings.    VoL  XIII  and  XIV. 
Melbourne,  1878;  8^. 

Verein,  militär- wissenschaftlicher,  in  Wien:  Organ.    XVIII.  Band.  3.  Heft, 
1879,  Wien;  8«. 

—  croatisch- archäologischer:   Viestnik.    Godina  I.   —    BR.    1.  U  Zagrebo, 
1879;  80. 

Wissenschaftlicher  Clnb:  Jahresbericht  1878/79.    III.  Vereinsjabr.  Wien, 
1879;  80. 


Werner.  Die  Paycliologie,  Erkeiintnise-  n.  Wiisenicbaf talehre  d.  Boger  Bmo.        467 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  und  Wissenschafts- 


lehre des  Roger  Baco. 


Von 


Dr.  Karl  Werner, 

wirkl.  Mitgliede  der  k.  Akademie  der  Wissenschaften. 


XVoger  Baco  hat  einen  bleibenden  Namen  in  der  Ge- 
schichte der  Wissenschaften  als  ein  Mann  von  aussergewöhn- 
licher  Begabung ,  welcher  in  einem  von  Auctoritäten  und 
UeberlieferuDgen  abhängigen  Zeitalter  in  mehr  als  einer  Be- 
ziehung seine  eigenen  Wege  zu  gehen  versuchte,  und  seinen 
Zeitgenossen  namentlich  auf  dem  Gebiete  der  Naturkunde  neue 
Einblicke  zu  erschliessen  bemüht  war. 

Ohne  die  Wissenschaft  durch  Ermittelung  neuer  Methoden 
fruchtbringender  Forschung  zu  bereichern,  wendete  er  doch 
allem  erfahrungsmässigen  Wissen  das  lebhafteste  Interesse  zu, 
und  wies  mit  Energie  und  Nachdruck  auf  den  Werth  und  die 
eminente  culturelle  Bedeutung  der  experimentalen  Forschung 
hin;  von  Irrthümern  und  Vorurtheilen  nicht  frei,  griff  er 
ahnungsvoll  über  seine  Zeit  hinaus,  und  schaute  die  folgen- 
reichsten Entdeckungen  und  Erfindungen  der  neueren  Natur- 
kunde mit  prophetischem  Blicke  voraus. 

Von  dieser  Seite  betrachtet  wäre  vor  Allem  eine  Dar- 
stellung seiner  physikalischen  Weltlehre  von  Interesse.  Diese 
lässt  sich  jedoch  nicht  im  Zusammenhange  wiedergeben,  ohne 
dass  auf  seine  allgemeinen  methodologischen  Vorschläge  und 
erkenntnisstheoretischen  Anschauungen  zurückgegangen  wird, 
die  ihrerseits  wieder  mit  den  ihm  eigenthümlichen  Anschauungen 
über  Wesen,  Begabung  und  kosmische  Stellung  des  Menschen 
aufs  Engste  zusammenhängen.  Eine  geordnete  Ueberaicht  der 
kosmologisch-physikalischen  Lehren  Baco's  lässt  sich  sonach  nur 

Sitxnogeher.  d.  phil.-hist.  Ol.  XCIII.  Bd.  III.  Hft.  31 


468  Werner. 

auf  Grund  seiner  psychologischen  und  erkenntnisstheoretischen 
Lehren  und  Anschauungen  bieten.  Wir  beschränken  uns  in 
dieser  Abhandlung  vorläufig  auf  den  fundamentalen  Theil  der 
betreffenden  Aufgabe^  nämlich  auf  die  Darlegung  der  Psycho- 
logie und  Erkenntnisstheorie  Baco's^  welche  letztere,  in  eine 
encyklopädische  Skizzirung  des  Inhaltes  aller  Wissens&cher 
auslaufend;  zugleich  auch  Gelegenheit  bietet,  das  Wesentlichste 
aus  seiner  physikalischen  Weltlehre  beizubringen.  Eine  Dar- 
stellung der  Psychologie  und  Erkenntnisslehre  Baco's  hat 
nebstdem  ihre  Berechtigung  als  Aufweisung  einer  der  mannig- 
fachen speciellen  Modificationen  der  scholastischen  Behandlungs- 
art der  beiden  Disciplinen  angehörigen  Fragen  und  Probleme, 
und  fiigt  sich  der  Gesammtgeschichte  der  scholastischen  Seelen- 
und  Erkenntnisslehre  als  ergänzender  Beitrag  ein.* 

Anknüpfend  an  den  metaphysischen  Satz,  dass  dem  all- 
gemeinsten Genus  des  logischen  Denkens  ein  allgemeinstes, 
in  allem  Geschaffenen  sich  findendes  Substrat  des  determinirten 
und  formirten  geschöpf liehen  Seins  entsprechen  müsse,  ^  geht 
Baco    in    seiner    Psychologie    von    dem    Satze    aus,    dass  die 

*  Wir  benutzen  für  unsere  Darstellung  die  gedruckten  Schriften  Baco'a  in 
den  Ausgaben  yon  Jebb  und  Brewer;  das  von  Jebb  edirte  Opus  majns 
(London,  1733)  citiren  wir  nach  dem  zweiten  zu  Venedig  (1750)  ver- 
anstalteten Abdrucke  desselben.  Die  in  Brewers  Publication  (Fr.  Rogeri 
Bacon  opera  quaedäm  hactenus  inedita.  London,  1859)  aufgenommenen 
Schriften  Bacons  sind:  Opus  tertinm,  Opus  minus,  Compendium  philo- 
sophiae  sammt  einem  Wiederabdrucke  der  Epistola  de  secretis  operibos 
artis  et  natnrae.  Die  von  Brewer  unter  dem  Titel  Opus  tertiam  edirte 
Schrift  citiren  wir  unter  demselben  Titel,  obschon  der  von  Brewer  edirte 
Text  derselben  ausreichende  Indicien  dafür  bietet,  dass  er  nicht  dem 
wirklichen  Opus  tertium  Bacons  angehören  könne;  vgl.  Op.  tert,  c.  40, 
woselbst  der  Autor  mit  ausdrücklichen  Worten  auf  sein  Opus  tertiam  ver- 
weist, femer  c.  75,  woselbst  Brewer  (p.  304,  Anm.  1)  bemerkt,  dass  ron 
den  Worten:  in  hoc  tertio  opere,  in  einer  der  von  ihm  zu  Bathe  ge« 
zogenen  Handschriften  das  Wort  ,hoc*  fehle.  Umständliche  Nachweisungen 
über  das  vor  der  Hand  noch  ungedruckte  wirkliche  Opus  tertiom  bei 
Charles :  Roger  Bacon,  sa  vie,  ses  ouvrages,  ses  doctrines  (Paris,  1861), 
p.  82  sqq.,  ebenso  Auszüge  aus  demselben,  p.  358  sqq.  Eine  Abtheiinng 
des  wirklichen  Opus  tertium  bilden  die  in  einem  Pariser  Codex  (Cod. 
Nr.  127  der  Bibliotheque  Mazarine)  enthaltenen  Communia  Katarslinm 
Fratris  Rogeri  Bacon  (vgl.  Charles  p.  65,  73,  358  sqq.),  deren  Ver- 
werthung  für  die  vorliegende  Abhandlung  mir  gütigst  verstattet  worden  ist. 

2  Op.  tert.,  c.  38. 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  and  Vfistenscliaftslebre  des  Roger  Baco.  469 

Seele   ein   aus   Materie   und   Form   zuBammengesetztes   Wesen 
sei.^    Damit   soll    nicht    ihre    Geistigkeit   in    Abrede    gestellt 
werden;   im   Gegentheile   ergibt   sich   als   erste  Grundtheilung 
des   geschöpflichen    Seins    die    Unterscheidung    zwischen    un- 
körperlicher und  körperlicher  Substanz.  2    Die  körperliche  Sub- 
stanz wird  weiter  in  die  himmlische  und  in  die  elementarischen 
getheilt,    aus   welchen    letzteren    die   mannigfaltigen   irdischen 
Körper  zusammengesetzt  sind.  Die  geschaffenen  Substanzen  sind 
wesentlich  geformte   Substanzen;    das   göttliche   Wesen   allein 
ist  rein   nur  Forni^    als   das   durch    nichts   determinirte  ^    all- 
determinirende  Wesen.     Mit  diesem  letzterem  Satze  bekundet 
sich   Baco   als   ächter   Schüler   seines   vielgepriesenen   Lehrers 
Robert    von    Lincoln,    welcher    Gott    als   Forma    prima    und 
Forma  omnium  bezeichnet.^     Wir  werden  am  Schlüsse   dieser 


1  Teneo  pro  certo,  quod  anima  est  coinposita  ex  materia  et  forma  sicat 
angeli ;  eadem  enim  est  quaestio  de  angelis  et  de  animalibus  rationalibus 
....  Omne,  quod  non  est  accidens,  et  fit  Teruzn  subjectum  accidentis, 
est  substantia  vera  .  .  .  Sed  angelus  et  anima  non  sunt  accidentia  et 
substant  accidentibus  nt  scientiae  et  virtuti  et  hujnsmodi;  ergo  oportet, 
quod  sint  verae  substantiae,  et  ideo  oportet,  quod  sint  in  praedicamento 
snbstantiae.  Sed  non  sunt  in  eo  sicut  principia  ut  materia  et  forma ;  ergo 
sicut  principiata  et  species.  Quare  componuntur  ex  materia  et  forma. 
Item:  Angelus  et  anima  sunt  in  potentia  de  natura  sua  ad  multa,  et 
possunt  recipere  et  pati  multa;  et  ex  alia  parte  sunt  in  actu  multiplici 
et  operatione.  Sed  actus  et  agere  debetur  rei  ratione  formae,  et  potentia 
et  pati  et  recipere  ratione  materiae,  sicut  vult  Aristoteles  in  libro  de 
generatione  ....  Quod  autem  aliquae  auctoritates  philosophicae  ex- 
ponunt,  quod  sint  substantiae  simplices  et  separatae  a  materia,  omnes  in- 
telligendae  sunt  de  materia  sensibili  et  corporali.  Commun.  Natur.  Lib.  I., 
Pars  4,  fol.  82  et  83. 

^  Si  substantia  spiritualis  non  sit  species  substantiae,  tunc  non  fiet  divisio 
generalissimi  in  species;  nam  contra  substantiam  corporalem  non  cadit 
aliquid  in  diyisionem,  nisi  substantia  spiritualis.  Ceterum  sie  idem  esset 
substantia  in  commuui  et  corpus ;  et  tunc  corpus  est  genus  generalissimum 
in  praedicamento  substantiae,  quod  est  absurdum  et  contra  Aristotelem 
et  omnes.  1.  c.  fol.  83. 

'  Als  durch  nichts  determinirtes  Wesen  steht  Gott  ausserhalb  aller  Kate- 
gorie: Creator^non  est  subjectum  accidentis,  et  ideo  nee  substantia,  nisi 
aeqnivoce  dicatur  substantia.    Ibid. 

^  Vgl.  Roberti  Grosseteste  Epistolae  (London,  1861,  ed.  Luard)  £p.  1: 
Forma  est,  qua  res  potest  esse  id  quod  est,  velut  humanitas  qua  homo 
est  homo,  forma  hominis  est.  Deus  antem  seipso  est  id  quod  est;  seipso 
enim  Dens  est,  quia  Deltate  Deus  est  et  Deitas  Dens  est  ...  .  Item, 

31» 


470  Werner. 

Abhandlung  sehen^  wie  Baco's  höchstes  Denkideal  ganz  und  gar 
mit  dieser  Auffassung  des  göttlichen  Wesens  verwachsen  ist. 
Um  den  Unterschied  zwischen  geistigen  und  körperlichen  Sub- 
stanzen aufrecht  zu  halüsn,  muss  Baco  natürlich  die  Lehre 
von  der  Einheit  der  Materie  alles  Geschaffenen  verwerfen, 
wie  er  denn  in  der  That  diese  Lehre  als  den  schlimmsten  und 
bösesten  aller  philosophischen  Irrthümer  bezeichnet.  Wir 
wissen  sonach,  dass  wir  uns  unter  der  Seelenmaterie  etwas 
von  der  Materie  der  körperlichen  Substanzen  durchaus  Ver- 
schiedenes zu  denken  haben.  ^  Er  macht  aber  die  Unter- 
scheidung verschiedener  Materien  auch  im  Gebiete  der  Eörper- 
welt  geltend;  auf  den  Satz  sich  stützend,  dass  jede  Form  ihre 
besondere  Materie,  wie  umgekehrt  jede  besondere  Materie 
ihre  besondere  Form  haben  müsse.  ^ 

Ausser  dem  allgemeinen  metaphysischen  Grunde  für  die 
Nothwendigkeit  eines  Zusammengesetztseins  der  Seele  aus 
Materie  und  Form  fuhrt  Baco  auch  einen  anthropologischen 
Grund  an.  Die  menschliche  Seele  ist  das  höchste  Complement 
des  ihr  eignenden  Leibes;  der  Leib  ist  aber  aus  Materie  und 
Form  zusammengesetzt,  und  bedarf  desshalb  eines  Complementes 
von  gleicher  Zusammensetzung,  auf  dass  sowohl  die  Materie 
als  auch  die  Form  des  Leibes  durch  eine  höhere  Materie  und 
Form    vollkommen   gemacht   werde.  ^     Diese   Bemerkung  zielt 


quis  noD  concedet,  Dernn  formosnm  et  speciosam  esse?  Ergo  ipse  forma 
et  species  est,  cam  nihil  sit  in  ipso,  qaod  ipse  non  sit  .  .  .  .  Item,  qoid 
est  forma  nisi  completio  rei  sive  perfectio?  Dens  autem  est  completio 
incompletibilis,  perfectio  imperfeetibilis,  et  ideo  forma  non  formabilis,  quia 
penitas  sine  defectn  et  incommutabilis.  Dens  igitur  est  perfectio  per- 
fectlssima,  forma  formosissima  et  species  speciosissima. 

^  De  anima  vulgariter  loquimar  et  eam  nescimns,  quia  spiritoalis  materia 
nobis  est  occulta.    Commun.  Natur.,  fol.  83. 

^  Si  materia  est  nna  numero  et  forma  appropriat  sibi  materiam,  nt  Aristo- 
teles dieit  (et  certnm  est  qnod  materia  propria  requirit  propriam  formam 
et  e  converso,  nam  materia  asini  non  potest  capere  animam  rationalem  nee 
materia  hominis  animam  asini)  —  et  ideo,  si  materia  est  eadem  in  Omni- 
bus secundum  essen tiam,  et  forma  erit  eadem  in  omoibus.  Et  ita  omnia 
erunt  unnm  et  idem ;  et  angelus  sie  erit  lapis,  et  bomo  asinus,  et  coeliun 
terra,  et  quidlibet  erit  quidlibet.    Op.  tert,  c.  38. 

3  Subjectnm  g^enerationis  est  compositum,  et  ideo  compositum  gener&tnret 
non  forma  tantum :  itaque  subjectum  generationis  vadit  semper  per  gradas 
oppositos  acqnirendo    semper  esse  compositum  plus  et  plus   perfectam, 


Die  Psychologie,  Erkenntaiis-  ond  Wistenechaftalelire  des  Boger  Baco.  471 

offeobar  auf  die  Baco  eigenthümliche  Erklftrungsart  des  Zu- 
standekommens  des  seelischen  Erkenntnissactes  ab;  wie  wir 
weiter  unten  des  Näheren  sehen  werden;  auch  bei  Duns 
Scotus  hat  die  Unterscheidung  zwischen  Materie  und  Form 
des  Seelenwesens  eine  erkenntnisstheoretische  Bedeutung;  nur 
in  anderer  Weise  als  bei  Baco.  Beide  aber  haben  die  ihnen 
gemeinsame  Auffassung  der  metaphysischen  Beschaffenheit  des 
Seelenwesens  aus  Avicebron  geschöpft,  und  Duns  Scotus  mag 
durch  seinen  Landsmann  und  Ordensgenossen  Baco  auf  diesen 
ihnen  Beiden  gemeinsamen  Ausgangspunkt  ihrer  psychologischen 
Grundanschauungen  hingeführt  worden  sein. 

Der  Unterschied  zwischen  Baco  und  Duns  Scotus  tritt  so- 
fort in  der  verschiedenen  Art  und  Weise  hervor,  wie  Beide 
das  Verhältniss  der  drei  Beseelungsprincipien:  Anima  vege- 
tative, sensitiva,  intellectiva  zu  einander  sich  denken.  Baco 
geht  von  dem  Satze  aus,  dass  bloss  die  Anima  intellectiva 
anmittelbar  von  Gott  geschaffen,  die  Anima  vegetativa  und 
sensitiva  aber  durch  *den  Zeugungsact  der  Eltern  causirt 
werden.  1  Er  stimmt  hierin  mit  Thomas  Aquinas  und  dessen 
Schülern  überein,  welche  als  christliche  Aristoteliker  dasselbe 
lehren.^  Er  widerspricht  ihnen  aber,  wenn  sie  die  niedere 
Seele  in  der  nachfolgenden  höheren,  die  vegetative  in  der  ani- 
malischen,  und  beide  in  der  zuletzt   eintretenden  intellectiven 


nsque  oltimus  gradns  complementi  yeuiet,  qni  erit  compositum  sicut  ceteri. 
Sed  hie  Ultimos  gradus  in  aliquibus  fit  per  operationem  naturae,  in  aliis 
per  opus  super  naturam  ut  in  hominibus.  Cum  ergo  anima  rationalis  sit 
ultimum  complementum  embryonis  humani,  quod  est  compositum,  patet 
qnod  haec  anima  sit  composita,  ut  ejus  forma  perficiat  formam  embryonis 
et  ejus  materia  compleat  materiam  embryonis.    Commun.  Natur.»  fol.  83. 

*  Commun.  Natur.  I.,  Pars  4,  fol.  79. 

^  Anders  wurde  die  Sache  von  Albertus  Magnus  gefasst  (siehe  unsere  Ab- 
handlung über  den  Entwicklungsgang  der  mittelalterlichen  Psychologie 
in  den  Denkschriften  der  phil.-hist.  Cl.  XXV.  Bd.,  S.  120  und  125  f.; 
Separatabdr.  8.  62  und  67  f.).  Die  Irrung  Alberts  scheint  also  Baco  vor- 
nehmUch  im  Auge  zu  haben,  wenn  er  ausruft:  Tota  philosophia  clamat, 
quod  solus  intellectus  creetur;  et  omnes  theologi  alicujus  valoris  et  philo- 
Bopfaantes  ante  viginti  annos,  et  adhuc  omnes  Anglicani,  qul  sanctitatis 
ante  alios  homines  sunt  et  fuerunt  Studiosi.  O.  c,  fol.  80.  —  Ebenso 
foL  79 :  Omnes  ante  viginti  annos  posuerunt,  quod  sola  anima  intellectiva 
detur,  et  quod  vegetativa  et  sensitiva  in  homine  producantur  de  potentia 
matris  per  viam  naturae. 


472  Werner. 

Seele  als  einziger  Wesensform  des  sensiblen  Leibesgebildes  unter- 
gehen lassen.  Die  Thomisten  lassen  sich  hierin  durch  den  Ge- 
danken bestimmen;  dass  das  werdende  und  das  gewordene  sinn- 
liche Leibesgebilde  stets  nur  Eine  Form  habe.  Das  werdende 
Gebilde  existirt  zuerst  als  pflanzenhaftes,  dann  bei  weiter- 
schreitender Entwicklung  als  animalisches  Gebilde;  wenn  letzt- 
lich die  auf  dem  Wege  des  Naturprocesses  vor  sich  gehende 
Gestaltung  des  Körpers  so  weit  gediehen  ist,  dass  er  die 
intellective  Seele  in  sich  aufnehmen  kann^  ist  diese  unmittelbar 
durch  sich  selber  Wesensform  des  formirten  sensiblen  Leibes- 
gebildes. In  dieser  Auffassung  liegt  nun  allerdings  etwas, 
was  den  Gedanken  nicht  zur  Befriedigung  gelangen  lässt. 
Für  Thomas  Äquinas,  welcher  sich  die  terrestrischen  Lebens- 
processe  durch  die  siderischen  Einflüsse  dirigirt  dachte,  hatte 
allerdings  das  Untergehen  und  Verschwinden  der  niederen  Form 
nach  Eintritt  der  höheren  nichts  Störendes^  weil  nach  seiner 
Anschauung  der  einmal  ins  Werk  gesetzte  sinnliche  Lebens- 
process  unter  dem  Einfluss  der  siderischen  Causalitäten  auch 
nach  Verschwinden  jener  Formen  fortdauernd  gedacht  werden 
konnte.  Vom  Standpunkte  der  mittelalterlichen  Welt-  und 
Naturlehre  Hess  sich  also  gegen  diese  Anschauungsweise  im 
Wesentlichen  nichts  einwenden.  Die  Frage  war  nur^  wie  man 
sich  die  Kräfte  der  vegetativen  und  sensitiven  Seele  in  der 
nachfolgenden  intellectiven  Seele  aufgehoben  denken  sollte. 
Baco  meint,  es  würde  hiebei  angenommen,  dass  der  Menscli 
nach  dem  Untergange  der  auf  natürlichem  Wege  erzeugten 
Anima  vegetativa  und  sensitiva  zwei  neue,  zugleich  mit  der 
intellectiven  Seele  geschaffene  Seelen  erhalte;  diese  müssten 
nach  ihrer  Trennung  vom  Leibe  als  Intellectus  in  actu  gedacht 
werden  ^  und  gleich  der  Anima  intellectiva  unvergängliche  Dauer 
haben.  Diese  Folgerungen  sind,  wie  sich  unschwer  zeigen 
lässt,  nicht  zutreffend,  oder  wenigstens  nicht  denknothwendig; 
vom  thomistischen  Standpunkt  aus  liess  sich  immerhin  als 
allgemein    giltige    kosmologische    Wahrheit   der   Satz  geltend 

^  Si  separentur  com  intellectiva,  ut  diciiiit,  et  Datae  Bunt  habere  ene  seyä- 
ratam  sicut  intellectiva,  tunc  de  proprietate  earam  est,  qnod  aint  sab- 
stantiae  aeparatae  sicut  intellectiva.  £t  omnis  substantia  separata  a  materii 
est  in  actu  intellectus;  et  Aristoteles  vult  in  11  Metapfa.,  quod  habent 
necessario  virtutem  intellectivam.   O.  e.,  fol.  80. 


Die  Piychologie,  ErkenntDiss-  and  Wissenschaftslehre  des  Roger  Baco.  473 

machen;  dass  jede  höhere  Wesensform  die  Kräfte  der  ihr 
unterstellten  niederen  Formen  in  sich  aufgehoben  trage,  dass 
ferner  das  Wesen  der  intellectiven  Seele  nicht  in  ihren  intellec- 
tiven  Functionen  aufgehe,  sondern  auch  das  Vermögen  anderer 
bewusster  und  unbewusster  Acte  in  sich  schliesse,  wie  denn  in 
der  That  schon  das  natürliche  unmittelbare  Selbstbewusstsein 
des  Menschen  sich  gegen  die  Trennung  der  Seele  in  einen  in- 
tellectiven und  empfindenden  Theil  derselben  sträubt,  während 
unbewusste  Actionen  des  in  verborgenes  Dunkel  gesenkten 
Lebensgrundes  eben  um  dieser  seiner,  der  bewussten  Wahr- 
nehmung sich  entziehenden  Verborgenheit  willen  nicht  in  Ab- 
rede gestellt  werden  können. 

Das  Bewusstsein  von  der  substanziellen  Einheit  des  Seelen- 
wesens hat  denn  auch  in  der  peripatetischen  Scholastik  so 
entschieden  durchgegriffen,  dass  Duns  Scotus,  welcher  mit 
Baco  dem  Leibe  eine  von  der  intellectiven  Seele  verschiedene 
Wesensform  zutheilt,  die  sensitive  Seele  zugleich  mit  der  in* 
tellectiven  von  Gott  geschaffen,  und  erstere  zusammt  dem  vege- 
tativen Principe  wurzelhaft  in  der  intellectiven  Seele  enthalten 
sein  lässt.  1  Nebstdem  geht  er  auf  eine  ausdrückliche  Wider- 
legung der  von  Baco  vertretenen  Anschauungsweise  ein,  ^  welcher 
gemäss  die  drei  Seelen  Partes  integrantes  des  aus  ihnen  con- 
stituirten  Einen  Seelenwesens  sein  sollen.^  Ein  Totum  inte- 
grale —  bemerkt  Scotus  —  hört  auf  zu  sein,  wenn  ein  Theil 
desselben  zu  Grunde  geht.  Nun  sind  aber  der  erwähnten  An- 
sicht zufolge  die  Anima  sensitiva  und  vegetativa  generable, 
somit  auch  conuptible  Theile  des  Totum  integrale  der  Menschen- 


*  Vgl.  unsere  Abhandlung  über  die  Psychologie  und  Erkenntnisslehre  des 
Duns  Scotus  in  den  Denkschriften  der  phü.-hist.  Cl.  XXVI.  Bd.,  S.  351 
(Separatabdr.  S.  9). 

'  Ber.  princip.  qn.  11,  art  2. 

3  Si  quaeritur  cujnsmodi,  partes  sint  —  heisst  es  Commun.  Natur.,  fol.  84 
—  dicendum,  quod  yirtuales,  nt  dicit  Boetius  ....  Omnis  pars  vel  est 
subjectiya  vel  integralis,  et  haec  duplex,  quia  aut  in  corporalibus,  et  sie 
Tocantur  partes  qnantitatiyae,  aut  in  spiritualibus  et  sie  vocantur  virtuales. 
Diese  Begriffsbestimmung  berührt  sich  mit  jener  des  tou  Baco  bekämpften 
Albert,  welcher  die  Vegetativa,  Sensitiva,  Intellectiva  als  Partes  pote- 
stativas  der  menschlichen  Seele  bezeichnet;  vgl.  unsere  in  der  obigen 
Anmerkung  citirte  Abhandlung:  Denkschriften  der  phil.-hist.  Cl.  XXV.  Bd., 
S.  350  j  Separatabdr.  S.  56. 


474  Werner. 

Seele;  daraus  würde  also  folgen,  dass  mit  der  Corraption  der 
beiden  genannten  corruptiblen  Theile  die  Henschenseele  selber 
zu  sein  aufhören  müsste.  Duns  Scotus  beruft  sich  zur  Be- 
stätigung seiner  Widerlegung  auf  das  von  ihm  für  Augustins 
Werk  gehaltene  Buch  de  Spiritu  et  Anima,  dessen  Auctorität 
aber  freilich  Baco,  dem  die  Unächtheit  desselben  bereits  be- 
kannt war,  nicht  gelten  lassen  mag,  ^  und  eben  so  wenig  jene 
des  gleichfalls  nicht  von  Augustinus  herrührenden  Liber  de 
dogmatibus  ecclesiasticis.  Man  finde  in  diesen  beiden  Büchern 
allerdings  den  Satz  ausgesprochen,  dass  die  drei  Principien, 
das  Intellectiv-,  Sensations-  und  Vegetativprincip  auf  einmal  ge- 
schaffen werden;  aber  selbst  wenn  dieser  Ausspruch  von  einem 
Kirchenlehrer  herrühren  sollte  —  wer  weiss  nicht,  dass  die 
altchristlichen  Lehrer  gewisse  Gegenstände  nur  obenhin  and 
in  populärer  Sprechweise  berühren,  ohne  über  die  philoso- 
phische Natur  derselben  etwas  entscheiden  zu  wollen.  So  spricht 
Papst  Gregor  in  einer  seiner  Homilien  den  Pflanzen  die  Be- 
seelung ab,  ^  und  die  Kirche  verleiht  seinem  Ausspruche  durch 
die  feierliche  Verlesung  jener  Homilie  beim  Gottesdienste  ge- 
wisser Maassen  eine  perpetuirliche  Dauer.  ^  Und  doch  wissen 
alle  Theologen  und  Philosophen,  dass  die  Pflanzen  eine  Seele 
haben,  und  zwar  im  Unterschiede  von  den  Thieren  eine  bloss 
vegetative,  während  den  Thieren  zugleich  eine  sensitive  Seele 
zukommt.  Die  Verrichtungen  beider  Seelen  sind  im  Menschen 
dieselben,  wie  bei  Pflanze  und  Thier;  diess  spricht  dafür,  dass 
die  vegetative  und  sensitive  Seele  im  Menschen  derselben  Natur 
seien,  wie  bei  Pflanze  und  Thier,  und  dass  sie  auf  demselben 
Wege,  wie  beim  Thiere  erzeugt  werden.    Man  sieht,  Baco  weiss 


1  Auch  Thomas  wusste  bereits  um  die  Unächtheit  dieser  Schrift.  Vgl. 
Sum.  1  qu.  77,  art  8. 

3  Gregor  spricht  mit  der  Bibel  bloss  von  Seelen  der  Menschen  nnd  Thiere: 
Potest  per  animam  omnis  viventis  jumentonun  vita  signari.  Omnipotens 
Dens  jumentorum  animam  usque  ad  corporeos  sensus  vivificat,  hominum 
vero  spiritum  usque  ad  spiritualem  intellectum  tendiL  In  Job,  Lib.  XI, 
c.  6  (ad.  Job  12,  10). 

»  Baco  citirt  als  Worte  Gregors  den  Ausspruch:  Plantae  non  habest  ani- 
mam sed  viriditatem.  Den  Pflanzen  eine  Seele  abzuerkennen,  entspreche 
der  volksmfissigen  Anschauung:  Imo  vulgus  laicorum  in  multis  regionibus 
adbuc  credit,  quod  soll  homines  animas  habeant  ünde  derident  clericos, 
qui  dicunt,  canes  et  cetera  bruta  habere  animas.  Common.  Natur.,  foL  80. 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  und  Wissenscbafttlehre  des  Boger  Baco.  475 

sich  in  das  übertbierische  Wesen  des  Menschen  nicht  zu  finden, 
und  weiss  den  an  sich  richtigen  Gedanken  der  Naturiebendig- 
keit  des  sinnlich-leiblichen  Körpergebildes  des  Menschen  mit 
dem  Wesensbegriffe  der  menschlichen  Seele  nicht  zu  veimitteln. 
Auch  vermag  er  die  von  ihm  behauptete  Substanzeinheit  oder 
metaphysische  Einfachheit  der  Seele  nicht  zu  erhärten.^  Wenn 
die  beiden  generirten  Seelen  das  Product  eines  physikalischen 
Processes  sind,  so  sind  sie  etwas  dem  Wesen  nach  von  der  gott- 
geschaffenen intellectiven  Seele  Verschiedenes;^  wie  können  sie 
mit  dieser  in  Eine  Substanz  zusammengehen,  und  wie  soll 
diese  Eine  Substanz  als  eine  nicht  zusammengesetzte  gelten 
können?  Baco  behauptet,  jene  beiden  Seelen  seien  keine  Körper, 
daher  ihre  Zusammensetzung  keine  körperliche  Zusammen- 
setzung, welche  ein  räumliches  Äussereinandersein  involvire; 
somit  bleibe  die  Einfachheit  und  Geistigkeit  der  Seele  gewahrt.  ^ 
Daraus  ergibt  sich  indess  nur,  dass  Baco  vom  Wesen  des 
Geistigen  einen  rein  negativen  Begriff,  jenen  der  Unräumlich- 
keit  und  Unkörperlichkeit  hat.  Wenn  er  ferner  die  von  ihm 
angenommene  Zusammengesetztheit  der  Seele  analogisch  durch 
die  Zusammengesetztheit  des  seiner  Substanz  nach  Einen  orga- 
nischen Menschenleibes   zu   erläutern   versucht,   so   berührt   er 


*  Seine  Polemik  gegen  die  Behauptung,  dass  die  Potenzen  der  Seele  blosse 
Accidenzen  der  Seele  seien,  treibt  ihn  zur  Annahme  einer  Substanzmehrheit 
innerhalb  der  Einen  Menschenseele :  Vegetativum  et  sensitivum  indncuntur 
In  esse  per  generationem;  ergo  earum  substautiu  prius  introducitur,  quam 
snbst&ntia  cujus  intellectivum  est  potentia.  Ergo  non  sunt  potentiae  ejus- 
dem  substantiae.  Sed  propter  hoc  ponuntur  accidentia,  quia  in  eadem 
substantia  ponuntur.   O.  c,  fol.  84. 

^  Diesft  wird  Ton  Baco  auch  ausdrücklich  behauptet:  Concordat  cum  fide, 
ut  sola  imado  Dei  creetar,  et  haec  est  anima  intellectiva,    O.  c,  fol.  79. 

'  Cum  autem  arguunt,  qnod  tunc  erunt  multae  substantiae  in  anima,  cum 
tarnen  auctores  dicant,  qnod  est  una  substantia,  dicendum,  quod  est  una 
substantia  composita  ex  pluribus  partibus  sicut  corpus,  cujus  partes  sunt 
diyersae  per  essentiam  sicut  partes  corporis,  tamen  unum  per  essentiam 
ex  eis;  et  hoc  est  verum  unum.  Quia  sicut  in  corpore  resultat  una  forma 
copnlans  omnes  partes  in  unitate  essentiali,  sie  est  a  parte  animae,  cujus 
una  natura  substantialis  resultat  ex  partibus  pluribus,  in  qua  habent  uni- 
tatem  essentialem.  Et  ex  hac  unitate  patet,  quod  non  potentiae  animae 
accidentia  ejusdem  substantiae,  ut  ponit  opinio  damnabilis  Parisius;  et 
similiter  alia,  quae  ponit  medium  inter  substantiam  et  accidens,  destrultur 
per  hoc  idem.    O.  c,  fol.  84. 


476  Werner. 

zwar  eine  an  sich  richtige  und  fruchtbare  Idee,  deren  wahren 
Gehalt  er  indess  nicht  erfasst.  Das  dem  organisch  gegliederten 
Leibe  entsprechende  psychische  Gebilde  ist  der  vollentwickelte 
ausgewachsene  innere  Seelenmensch;  dessen  Gliederung  sonach 
das  Resultat  eines^  aus  einem  anfänglich  unentwickelten  Keal- 
principe  heraus  erfolgten  Entwickelungsprocesses  ist.  Dieses 
Gebilde  des  gewordenen  inneren  Seelenmenschen,  welches  sich 
in  der  entwickelten  Leibesgestalt  plastisch  abdrückt  und  aus- 
drückty  hat  mit  der  von  Baco  hervorgehobenen  Dreitheilung 
der  Seele  nichts  gemein. 

Baco  äussert  sich  wiederholt  tadelnd  über  die  Einmengung 
der  Imagination  in  die  Gedanken  von  rein  geistigen  Dingen^ 
bleibt  aber  in  Auffassung  dieser  Dinge  bei  einem  abstracten 
Spiritualismus  stehen;  weil  er  die  im  speculativen  Vernunft- 
erkennen zu  Tage  tretende  innigste  Einheit  «der  Verstandes- 
und Phantasiethätigkeit  nicht  kennt,  also  das  Wesen  der  den- 
kenden Seele  nicht  in  der  Tiefe  seiner  concreten  Lebendigkeit 
zu  fassen  vermag.  Der  abstracto  Spiritualismus  seiner  meta- 
physischen Ratiocination  hat  seinen  Grund  in  der  ungerecht- 
fertigten Abtrennung  der  intellectiven  Seele  von  demjenigen, 
was  er  mit  den  Scholastikern  die  Anima  sensitiva  und  vege- 
tativa nennt ;  er  weiss,  mit  einem  Worte,  das  Wesen  der  Seele 
nicht  voll  zu  fassen.  Diess  zeigt  sich  auch  in  seinen  Angaben 
über  den  Modus  der  Präsenz  der  intellectiven  Seele  im  mensch- 
lichen Leibe.  Er  bleibt  bei  der  Behauptung  der  Illocalität  der 
Seele  stehen,  um  daraus  zu  folgern,  dass  die  Seele  nicht  in 
einem  bestimmten  örtlichen  Punkte  des  Leibes,  sondern  im 
ganzen  Körper  substanziell  gegenwärtig  sei;  *  denn  es  gebe  kein 


^  Op.  tert.,  c.  49.  —  Vgl.  hiemit  die  in  der  oben  (S.  469,  Anm.  4)  citirten 
EpiBtola  Roberts  von  Lincoln  enthaltenen  Ausfährongen  gleichen  Inhalten: 
Anima  tota  essentialiter  ubique  est  in  corpore  quod  vivificat  ....  Q^i 
dicunt  eam  virtute  sola  per  totom  corpus  diffnsam,  imaginantnr  eam  sicnt 
punctum  lucis  situm  in  corde  yel  in  cerebro,  undique  a  se  per  totum 
corpus   radios   diffundentis.     Haec  imag^natio  vana   est;   non  enim  ipsa 

situalis  est,  cum  sit  pure  incorporea Solet  tarnen  anima  dici  esM 

vel  situm  habere  in  illa  parte  corporis,  ubi  inchoat  motiones  soas  corpo- 
reas  quibus  utitur  in  regimine  corporis,  utpote  in  corde,  quia  illinc  inchoat 
motiones  corporeas,  quibus  utitur  in  viyificando  corpore,  vel  in  cerebro, 
quia  illinc  inchoat  motiones  corporeas,  quibus  utitur  in  sentiendo  vel 
corpus  suum  localiter  movendo. 


Die  Psychologie,  Erkenntniis-  ond  Wissenschaftslebre  des  Roger  Baco.  477 

ProportionsverhältnisB  des  Geistes  zum  Körper  oder  zu  irgend 
etwas  vom  Körperlichen,  also  auch  nicht  zur  räumlichen  Loca- 
litätJ  Das  vorherrschend  mathematisch-physikalisch  geschulte 
Denken  Baco's  vermag  sich  in  das  positive  Verhältniss  des 
Geistigen  zum  Leiblichen  nicht  zu  finden.  Die  intellective 
Seele  als  Form  des  Menschenwesens  ist  wohl  dessen  Vollendung 
und  Abschluss,  aber  nicht  der  lebendige  Umschluss  desselben; 
sie  ist  wohl  über  den  vom  Leibe  ausgefüllten  Raum  hinaus- 
gerückt; aber  der  Leib  nicht  in  die  Seele  als  seinen  Locus 
proprius  hineingerückt.  So  wenig  als  Baco  im  Leibesgebilde 
eine  in  die  Seele  als  ihren  Locus  proprius  hineingenommene 
Stoffbildung  erkennt;  eben  so  wenig  erfasst  er  den  Leib  als 
ein  von  der  Seele  aus  sich  herausgestelltes  Qebilde;  daher  er 
auch  keinen  Unterschied  des  mehr  oder  weniger  Herausgestellt- 
seins der  einzidlnen  Theile  der  organischen  Bildung  erfassen 
kann,  sondern  die  Seele  gleichmässig  in  Kopf  und  Herz,  Hand 
and  Fuss  gegenwärtig  sein  lässt.  ^  Aus  der  lilocalität  der  Seele 
folgert  BacO;  dass  sie  während  ihres  Seins  im  Leibe  ohne 
örtliche  Bewegung  in  den  Himmel  entrückt  werden  könne, 
wie  die  Seele  des  Apostels  Paulus  oder  des  verzückten  Proto- 
martyrs  Stephanus;^  er  folgert  weiter,  dass  die  beim  Sterben 
vom  Leibe  sich  trennende  Seele  ohne  örtliche  Bewegung  sofort 
im  Himmel;  im  Purgatorium  oder  im  Infernus  sich  befinde.  Er 
bezeichnet  indess  das  Sein  der  Seele  in  den  nach  der  Tren- 
nung vom  Leibe  eintretenden  Zuständlichkeiten  doch  auch  als 
ein  Alibi   esse/   woraus   unbestreitbar    folgt,    dass   Seele    und 

1  Vgl.  hiezu  die  entaprechende  AensseruDg  Roberts  (siehe  vorige  Anm.): 
Si  anima  esset  situalis,  posset  a  puncto  extra  situm  ipsius  snmto  dnci 
linea  ad  ipsam,  et  meusurari  et  determinari  certis  mensuris  spatiam  inter 
ipsam  et  panctom  signatum.  Quod  magis  ünpossibile  est,  quam  lineam 
posse  daei  a  puncto  signato  in  corpore  ad  ejus  sanitatem  vel  elementorum 
commensnrationem  et  proportionem. 

2  Anima  est  nbique  in  corpore  et  in  sing^lis  partibus,  sed  tarnen  non  localiter 
. . .  non  habet  situm  in  toto  corpore,  nee  in  aliqua  parte,  nee  occupat  totum  nee 
partem  localiter.  Licet  praesens  cordi  non  abest  capiti  nee  pedi,  nee  distat 
ab  eis;  quia  nulla  est  distantia  corporalis  spiritus  annotanda.  Op.  tert.,  c.  49. 

3  Op.  tert.,  c.  60. 

*  In  morte  animam  esse  in  coelo  vel  in  purgatorio  vel  in  inferno  non  est 
per  motum  localem,  sed  absolvitur  a  nexu  corporis  quod  rezit,  et  operatur 
vel  patitur  vel  glorificatur  alibi  sine  suo  motu  locali,  quia  distantia  localis 
nulla  est  respectu  illius.    1.  c. 


478  Weroer. 

Raum  in  einem  wesentlichen  Verhältniss  zu  einander  stehen. 
Die  Seele  ist,  wenn  schon  nicht  selber  räumlich  ausgedehnt, 
doch  wesentlich  raumfassend,  und  ihre  Einrtickung  in  den 
himmlischen  Vollendungsstand  wird  wohl  nichts  anderes  als  die 
vollkommene  Actuirung  ihres  geistigen  Raumfassungsvermögens 
bedeuten^  während  umgekehrt  die  jenseitigen  Zustände  des 
Leidens  und  der  Pein  neben  der  inneren  Zerrissenheit  wohl 
auch  Coarctationen  durch  die  Macht  und  Wucht  der  kosmischen 
Wirklichkeit,  zu  welcher  der  von  der  Idee  seiner  selbst  ab- 
gefallene Mensch  in  ein  unwahres  Verhältniss  gerathen  ist,  zu 
bedeuten  haben  werden.  Aus  dem  Gesagten  ergibt  sich  die 
Nothwendigkeit  einer  Vergeistigung  des  Raumbegriffes.  Nur 
darum,  weil  Baco  bei  der  sinnlichen  Raum  an  schauung  stehen 
bleibt,  kann  er  die  Ausserräumlichkeit  der  geistigen  Existenzen 
behaupten,  während  in  Wahrheit  eben  die  geistigen  Mächte,  die 
in  der  kosmischen  Wirklichkeit  waltenden  Bildungsmächte  die 
wirklichen  realen  Raumbegriffe  und  lebendigen  Raumfassungen 
sind,  und  zwar  so,  dass  Gott  die  absolute  Fassung  der  Dinge, 
die  Geister  und  Seelen  aber  die  lebendigen  Fassungen  der  von 
ihnen  beherrschten  kosmischen  Wirklichkeit  sind,  welche  für 
sie  durch  die  derselben  immanenten  Gestaltungsmächte  fassbar 
gemacht  wird.  £s  ist  demzufolge  unrichtig,  wenn  Baco  sagt, 
dass  die  geistigen  Existenzen  weder  eines  Locus  salvans  noch 
eines  Locus  continens,  die  elementare  Natur  aber  nur  eines 
Locus  salvans  und  keines  Locus  continens  bedürfe.  Alles  Ge- 
schaffene hat  seinen  Locus  proprius  salvans  et  continens,  indem 
jedes  Niedere  nebstdem,  dass  es  in  sich  selber  befasst  ist,  auch 
in  einem  ihm  übergeordneten  Höheren,  zuhöchst  aber  in  Gott 
als  Locus  salvans  et  continens  befasst  ist. 

Da  alles  Generable  corruptibel  ist,  so  ergibt  sich  bei 
Baco  als  selbstverständlich  der  Satz,  dass  nur  die  intellective 
Seele  unsterblich  ist,  während  die  durch  Generation  entstandene 
Anima  vegetativa  und  Anima  sensitiva  ihrer  Natur  nach  sterb- 
lich sind.  Die  intellective  Seele  ist  wesentlich  eine  denkende 
und  wollende,  und  als  solche  Geist;  also  nur  die  Geister  sind 
unsterblich,  die  Seelen  als  solche  sterblich.  Baco  zieht  diese 
Consequenz  nicht  förmlich,  weil  er  das  intellective  Denk-  und 
Willensprincip  als  Wesensform  des  Menschen  nimmt;  er  unter- 
scheidet ferner  die  menschliche  Intellectivseele  wesentlich  von 


Die  Psychologie,  Erkenntmss-  und  Wissenschaftslelire  des  Roger  Baco.  479 

den  leiblosen  Geistern,  ^  wenn  er  ihr  bloss  einen  Intellectus 
possibilis  zuerkennt,  den  Intellectus  agens  aber  abspricht.^ 
Den  Grund  dessen  bat  man  wohl  in  der  Verbindung  der  in- 
tellectiven  Seele  mit  der  Sensitiva  und  Vegetativa  zu  suchen; 
da  nun  diese  Verbindung  offenbar  eine  Verkürzung  des  der 
mtellectiven  Seele  an  sich  eignenden  Intellectivvermögens  in- 
volvirt,  so  erscheint  die  Einsenkung  des  Intellectivprincipes 
oder  Geistes  in  die  sinnliche  Leiblichkeit  als  eine  Art  Degra- 
dation desselben,  woraus  aber  nur  neuerdings  diess  hervorgeht, 
dass  Baco  das  specifische  Wesen  der  Menschenseele  als  solcher 
nicht  erfasst  hat. 

In  der  Beschreibung  und  Erklärung  der  verschiedenartigen 
Seelenthätigkeiten  im  Besonderen  nnd  Einzelnen  hat  Baco 
natürlich  die  Functionen  jedes  einzelnen  der  im  dreitheiligen 
menschlichen  Seelenwesen  geeinigten  Thätigkeitsprincipien  zu 
berücksichtigen.  Der  vegetativen  Seele  theilt  er  nach  gemein- 
giltiger  peripatetischer  Lehre  die  Functionen  der  Nutrition, 
Augmentation  und  Generation  zu.  In  Bezug  auf  die  Erklärung 
der  beiden  ersteren  Vorgänge  bekämpft  Baco  die  Herbeiziehung 
der  Vorstellung  vom  Vacuum,  die  ein  leeres  Figment  sei,  so 
wie  die  Annahme  bestimmter  besonderer  Kräfte:  Virtus  attrac- 
tiva,  retentiva,  expulsiva,  zur  Erklärung  des  Alimentations- 
processes.3  Die  Zuhilfenahme  der  Vorstellung  vom  Vacuum 
zu  bekämpfen,  findet  er  sich  veranlasst,  *  weil  Aristoteles  diesen 
Punkt  genügend  zu  erledigen  sowohl  in  seinen  Büchern  über 
die  Physik,^  als   auch    in   seinen  Schriften   de   generatione  et 


^  Baco  ch&rakterisirt  das  VerhäUniss  der  menschlichen  Seele  zu  den  leib- 
losen Intelligenzen  in  folgender  Weise:  Dens  respectu  animae  est  sicut 
sol  respectu  ocuU  corporalis,  et  angeli  sicut  stellae.    Op.  tert.,  c.  23. 

'  Der  Intellectus  agens  bedeutet  nach  Baco  überhaupt  nicht  ein  Geist- 
vermögen  sondern  eine  höhere  Intelligenz,  welcher  die  menschliche  Seele 
ihre  Erleuchtungen  yerdankt:  Intellectus  agens  secundnm  majores  philo- 
sophos  non  est  pars  animae,  sed  est  substantia  intellectiva  alia  et  separata 
per  essentiam  ab  intellectu  possibili  (Op.  maj.,  p.  20).  —  Intellectus  agens 
est  Dens  principaliter,  et  secundario  Angeli,  qui  illumiuant  nos  (Op. 
tert.,  c.  23). 

^  Commun.  Natur.  I,  Pars  4,  c.  6. 

^  Op.  tert.,  cap.  43.  44. 

*  Siehe  Aristot.  Physic.  IV,  p.  213  a,  Un.  21  flf. 


480  Werner. 

corruptione^  und  de  anima^  unterlassen  habe.  Wenn  er  sclion 
durch  seine  Bemerkung,  es  lasse  sich  die  Herbeiziehung  der 
Vorstellung  vom  Vacuum  zu  einem  Argumente  gegen  die  Ver- 
theidiger  des  Vacuum  formen,  seine  Ansicht  deutlich  zu  er- 
kennen gebe,  so  hat  er  doch  nirgends  gezeigt,  dass  die  richtige 
Erklärung  des  Nutritionsprocesses  die  Annahme  eines  Vacuum 
geradezu  ausschliesse;  daher  komme  es,  dass  unter  den  La- 
teinern, d.  h.  unter  den  zeitgenössischen  Commentatoren  des 
Aristoteles,  die  verschiedensten  und  widersprechendsten  Ad* 
sichten  zu  Tage  treten.  Aristoteles  sagte:  Wenn  das  Aliment, 
weil  es  als  Körper  nicht  in  die  festen  Theile  des  zu  nährenden 
Körpers  eindringen  könne,  in  den  leeren  Poren  sich  in  Fleisch, 
Knochen,  Nerven  u.  s.  w.  soll  verwandeln  müssen,  dann  sei 
es  nicht  Nahrung  und  Mehrung  der  genannten  Theile  des 
nahrungsbedürftigen  Körpers,  sondern  Erzeugung  von  Fleisch, 
Knochen,  Nerven  ausser  den  schon  vorhandenen  bezüglichen 
festen  Körpertheilen,  während  doch  diese  die  Nahrung  und 
Mehrung  in  sich  selber  als  Ersatz  für  das  Abgegebene  und 
Verlorene  aufnehmen  sollen.  Dieser  Bemängelung  glaubten 
Einige  unter  Anschluss  an  eine  übel  verstandene  Aeusserung 
des  Avicenna  aus  dem  Wege  zu  gehen,  wenn  sie  den  leeren 
Poren,  in  welche  nach  Aristoteles  die  Nahrung  nicht  auf- 
genommen werden  kann,  mit  einer  subtilen  Flüssigkeit  gefüllte 
Poren  substituirten,  in  welchen  sich  die  Wandlung  des  Alimentes 
in  Fleisch,  Knochen,  Nerven  u.  s.  w.  vollziehe.  Aber  diesen 
gegenüber  bleibt  die  aristotelische  Forderung  einer  Nutrition  und 
Mehrung  der  lebendigen  Substanz  von  Innen  heraus  bestehen; 
nur  die  Mineralien  können  sich  durch  Anbildung  von  Aussen 
vergrössern.  Andere  sagen,  das  Aliment  werde  durch  seine  Ver- 
arbeitung entstoflft  und  dringe  als  unkörperliches  Nahrungselement 
in  die  zu  ernährenden  und  zu  augmentirenden  festen  Körper- 
theile  ein.  Aristoteles  weist  indess  eine  derartige  Umwandlung 
des  NahrungsstoflFes  entschieden  ab,  wie  schwierig  es  auch  sein 
mag,  den  wahren  Sinn  des  an  der  betreflfenden  Stelle  augen- 
scheinlich corrupten  Textes  zu  ermitteln.  Die  Nutrition  in- 
volvirt  als  Ersatz  und  Mehrung  des  verbrauchten  Körperstoffes 


1  Siehe  Arist.  Gen.  et.  Corr.  I,  p.  326,  326. 
3  Aristot.  An.  II,  p.  416. 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  und  Wissenseliaftslelire  des  Roger  ßaco.  481 

eine  quantitative  Mehrung  und  Ergänzung  desselben;  alles 
Quantitative  aber  ist  körperlich^  also  muss  die  Nahrung  sub- 
Btanziell  in  die  zu  nährenden  Theile  eindringen.  Ein  leichtes 
Spiel  ist  es  Baco^  die  Ansicht  zu  widerlegen,  dass  das  Ali- 
mente statt  substanziell  einzudringen,  als  Species  auf  die  zu 
nährenden  Theile  wirke;  Aristoteles  lehrt  und  die  Natur  der 
Sache  bringt  es  mit  sich,  dass  das  Aliment  durch  seine  Wand- 
lung in  die  zu  nährende  Substanz  seines  Speciescharakters 
beraubt  werde,  also  statt  zu  wirken  vielmehr  passiv  sich  ver- 
halte, und  eine  Aenderung  erfahre,  mittelst  welcher  es  der  zu 
nährenden  Substanz  assimilirt  wird.  Die  Assimilation  oder 
CoDversion  des  Nahrungsstoffes  in  die  Substanz  des  zu  näh- 
renden Leibes  vollzieht  sich  unter  Obmacht  der  im  Nährungs- 
processe  wirkenden  Seele,  welche  das  Aliment  durch  Verwand- 
lung desselben  in  die  Substanz  des  Leibes  an  sich  zieht.  Die 
Verwandlung  macht  aus  den  zwei  differenten  Substanzen  des 
Leibes  und  des  Alimentes  Einen  Körper,  so  dass  die  Frage, 
wie  ein  Körper  in  den  anderen  eindringen  könne,  damit  von 
selber  entfällt.  Damit  ist  nun  freilich  die  physikalische  Seite 
des  Problems,  die  den  Ausgangspunkt  der  Erörterung  bildete, 
ungelöst  bei  Seite  geschoben.  Die  an  sich  vollkommen  richtige 
Bemerkung,  dass  das  Aliment  potenziell  selber  schon  die  Sub- 
stanz des  zu  nährenden  Leibes  sei,  bezieht  sich  auf  die  phy- 
siologische Seite  der  Frage;  bezüglich  der  rein  physikalischen 
Seite  derselben  begnügt  sich  Baco  mit  der  Auskunft,  dass 
nicht  etwa  zwei  Quantitates  Eine  Quantität,  sondern  bloss  aus 
zwei  Quantis  ein  Quantum  geworden  sei.  ^  So  muss  die  ab- 
stract  formale  Katiocination  die  logische  Denkbarkeit  des  sach- 
lich nicht  Begriffenen  darthun.  An  die  Stelle  der  sogenannten 
Vires  occultae,  nämlich  der  Virtus  attractiva,  retentiva,  expul- 
siva  lässt  Baco  unmittelbar  die  Virtus  der  Anima  vegetativa 
treten;  wenn  nun  nach  seinen  ausdrücklichen  Erklärungen  die 
Anima  vegetativa  mit  den   beiden   anderen  Seelen,   der  Sensi- 


^  Nee  ideo  quantitas  potest  convertere  quantitatem  in  se,  sed  corpus  quautum 
convertit  corpas  qnantum.  Conversio  enim  ent  actio  quaedam,  quae  non 
debetur  qnantitati  nee  materiae,  sed  formae  et  composito  mediante  forma. 
Et  ideo  caro  qnanta  convertit  in  se  alimentum  qnantam;  non  tarnen 
qnantitas  convertit  qnantitatem,  sed  substantia  qnanta  convertit  snbstantiam 
qnantam.  Op.  tert.,  c.  44. 


482  Werner. 

tiva  und  Intellectiva  ein  Ganzes  constituirt  und  vom  Körper 
als  solchem  verschieden  ist,  so  ist  biemit  der  Stoff  als  etwa« 
an  sich  Todtes  erklärt  und  die  natürliche  Lebendigkeit  der 
sinnlichen  Leiblichkeit  verkannt,  in  deren  Wesen  es  liegt,  auf 
die  der  Idee  ihres  stofflichen  Gebildes  gemässe  Weise  thätig 
zu  sein.  Jene  von  Baco  verworfenen  Vires  occultae  involviren 
immerhin  eine  wenigstens  relative  Anerkennung  der  organischen 
Lebendigkeit,  und  waren  daher  nicht  schlechthin  als  wesenlose 
Figmente  zu  bezeichnen,  wenn  schon  die  Namen  dieser  Vires 
einfach  nur  bestimmte  empirisch  wahrgenommene  Vorgänge  aus- 
drücken. 

Die  Rangstufen  der  drei  in  Einem  Seelenwesen  geeinigten 
Seelen  entsprechen  der  Rangordnung  der  drei  Haupttheile  des 
menschlichen  Leibes:  Unterleib,  Brust,  Kopf,  welche  die  drei 
specifischen  Wirkungsbereiche  der  dreigetheilten  menschlichen 
Seele  sind.  Wenn  die  specifische  Wirkungssphäre  der  mensch- 
lichen Seele  der  Unterleib  als  Stätte  des  Verdauungs-  und  Ge- 
nerationssystems ist,  ^  so  hat  die  Änima  sensitiva,  deren  radi- 
cale  Basis  das  Herz  ist,  speciell  die  mittlere  Region  des  Leibes 
zu  ihrem  specifischen  Wirkungsbereiche,  obwohl  sie  ihre  co- 
gnoscitiven  Apperceptionen  mittelst  der  Gehirnnerven  empfangt, 
die  aber  gleichfalls  grundhaft  aus  der  Herzgegend  entspringen. - 
Baco  unterscheidet  niedere  und  höhere,  primäre  und  abgeleitete 
Sensationen.     Die  niederen  Sensationen  sind  die  rein  sinnlichen 


^  Bezüglich  der  generativen  Thätigkeit  bebt  Baco  einen  speciellen  Contro- 
verspunkt  seines  Zeitalters  hervor:  Propter  consangiiineitatem  et  cogna- 
tionem  voliint  multi,  quod  semen,  ex  quo  proles  producitnr,  non  sit  de 
nutrimento  sed  de  substantia  corporis.  Sed  hoc  est  penitns  contra  Aristotelem 
et  Avicennam  in  suis  libris  de  animalibns.  Nam  evidenter  et  patenter 
docent,  quod  hoc  esse  non  potest,  et  quod  semen  sit  residuum  nntrimeDti 
optime  digesti,  quo  non  indiget  corpus  ad  restaurandum  derperditnm  nee 
ad  augmentum.  Quoniain  post  conversionem  nutrinienti  in  corpus  non 
potest  separari  aliquid  a  corpore  sine  dolore  et  poena  .  .  .  sed  decisio 
seminis  non  est  cum  dolore  etc.    Commun.  Natur.  I,  Pars  4,  c.  7. 

^  Baco  behandelt  die  Lehre  von  den  Functionen  der  Anima  sensitiva  sm 
ausführlichsten  in  seiner  dem  Opus  majns  einverleibten  Perspectira, 
auf  welche  er  in  Commun.  Natur.  I,  Pars  4,  fol,  85  ausdrücklich  zurück- 
weist: Partes  vero  sensitivae  virtutis  ego  posui  cum  omni  diligentia  in 
primo  perspectivae.  Quod  caput  est  unum,  in  quo  totum  vulgus  erat  medi- 
corum,  naturalium  et  theologorum,  et  est  unum  de  difficilioribus  capitnüs, 
quia  imprimis  continens  sapientiae  potestatem. 


Die  Psychologie,  Erkenniniss-  nnd  Wissonschaftclehre  des  Roger  Baco.  483 

Sensationen^  welche  sich  mittelst  der  besonderen  Sinne  theils 
unmittelbar,  theils  unter  Hinzutritt  des  die  Aussagen  der  be- 
sonderen Sinne  ergänzenden  Sensus  communis  vollziehen.  Baco 
zählt  neunundzwanzig  primäre  oder  unmittelbare  Sensationsob- 
jecte  (Sensibilia  per  se)  der  niederen  sinnlichen  Wahrnehmung  auf, 
von  welchen  neun  den  besonderen  Sinnen  als  solchen  angehören, 
die  übrigen  zwanzig  aber  unter  Vermittelung  der  besonderen 
Sinne  durch  den  Sensus  communis  appercipirt  werden.  *  Die  speci- 
fischen  Objecte  des  Gesichtssinnes  sind  Licht  und  Farbe,  jene  des 
Getastes  das  Calidum,  Frigidum,  Siccum,  Humidum;  das  Gehör 
appercipirt  die  Töne,  das  Riechbare  und  das  Schmeckbare  ge- 
boren den  nach  ihnen  benannten  Sinnen  an.  Die  übrigen  zwanzig 
Sensibilia  sind:  Remotio,  Situs,  Corporeitas,  Figura,  Magnitudo, 
Continuatio,  Discretio,  Numerus,  Motus,  Quies,  Asperitas,  Le- 
nitas,  Diaphaneitas,  Spissitudo,  Umbra,  Obscuritas,  Pulchritudo, 
Turpitudo,  Similitudo,  Diversitas.  Die  Sensibilia  per  se  höherer 
Gattung  sind  die  Formae  insensatae,  d.  h.  diejenigen  Beschafifen- 
heiten  der  sinnlich  appercipirten  Objecte,  welche  nicht  Gegen- 
stand der  unmittelbaren  leiblichen  Sinneswahrnehmung  sind, 
sondern  durch  das  angeborne  Gefühl  der  Convenienz  oder 
Disconvenienz  des  appercipirten  Objectes  mit  dem  subjectiven 
Sein  des  Wahrnehmenden  appercipirt  werden.  So  flieht  das 
Lamm  vor  dem  Wolfe,  läuft  aber  anderen  Lämmern  zu.  Diese 
Handlungen  des  Thieres  werden  durch  unmittelbare  Empfin- 
dungen der  Furcht  und  der  Zuneigung  hervorgerufen,  welche 
in  der  Contrarietät  oder  Aehnlichkeit  der  Complexion  desselben 
mit  der  Complexion  des  schreckenden  oder  anziehenden  Objectes 
gerundet  sind.  Diese  Complexionen  oder  die  in  ihnen  sich 
darstellenden  substanziellen  Naturen  wirken  auf  ein  Vermögen 
der  Anima  sensitiva,  welches  durch  die  Apperceptionen  der 
leiblichen  Sinne  als  solcher  nicht  excitirt  wird,  und  sonach 
ein  Vermögen  höheren  Ranges  ist.  Man  nennt  es  die  Virtus 
aestimativa.  Ausser  und  über  diesen  ist  aber  der  thierischen 
Seele  noch  ein  anderes  Vermögen  eigen,  aus  welchem  die 
Kunstfertigkeiten  bestimmter  Thiere,  der  Spinne,  Biene  u.  s.  w. 
erklärt  werden  müssen.  Diess  ist  die  Virtus  cogitativa,  das 
höchste  unter  den  Vermögen  der  Anima  sensitiva,  welches  im 


^  Op.  raaj.,  p.  193. 
Sitzaogsber.  d.  phil.-hi«t.  Cl.  XCIII.  Bd.  III.  Hft.  32 


484  Werner. 

Thiere  die  Stelle  der  meDSchlichen  Ratio  vertritt.  Aber  aacb 
der  Mensch  entbehrt  dieses  Vermögen  nicht;  welchem  alle 
anderen  Vermögen  der  sensiblen  Seele  dienstbar  sind;  es  be- 
thätiget  sich  besonders  in  der  menschlichen  Traumthätigkeit. 
Die  von  Aussen  in  das  sensible  Leibesgebilde  eintretende  Anima 
intellectiva  verbindet  sich  unmittelbarst  mit  der  Cogitativa  der 
Anima  sensitiva,  und  bedient  sich  derselben  als  ihres  Instru- 
mentes; daher,  wenn  dieses  durch  Schädigung  des  Gehirnes 
verletzt  ist,  auch  die  menschliche  Denkthätigkeit  gestört  ist 
Die  Cogitativa  ist  im  mittleren  Gehirne  locirt,  während  der 
Sensus  communis  zusammt  den  Nervenendigungen  der  beson- 
deren Sinne  im  Vordergehirn e,  die  Aestimativa  aber  in  der 
hinteren  Gehimkammer  ihren  Sitz  hat.  Sowohl  dem  rein  sinn- 
liehen  Apperceptionsvermögen  als  auch  der  Aestimativa  muss 
eine  besondere  Virtus  retentiva  zur  Seite  gehen,  um  die  von 
jenen  beiden  Vermögen  appercipirten  Species  festzuhalten.  Das 
dem  rein  sinnlichen  Apperceptionsvermögen  entsprechende  Re- 
tentionsvermögen  ist  die  Imaginativa  (Einbildungskraft),  das 
der  Aestimativa  entsprechende  Retentionsvermögen  die  Virtus 
memorativa.  Die  Nothwendigkeit  der  Imaginativa  neben  dem 
Sensus  communis  begründet  Baco  physiologisch  aus  der  über 
grossen  Weichheit  desjenigen  Theiles  des  Vordergehimes,  in 
welchem  der  Sensus  communis  locirt  ist;  obschon  die  Imagina- 
tiva gleichfalls  im  Vordergehirne  locirt  ist,  hat  sie  doch  ein 
anderes  unmittelbares  materielles  Substrat,  welches  wegen  der 
richtigen  Mitte  zwischen  Weichheit  und  Härte  die  retentive 
Function  ermöglichet.  Der  Sensus  communis  und  die  Imagina- 
tiva werden  gemeinhin  unter  dem  Namen  Phantasia  (sinnliches 
Vorstellungsvermögen)  zusammengefasst.  Die  Memorativa  ist 
gleichfalls  mit  der  Aestimativa  im  Hintergehime  räumlich  ver- 
gesellschaftet; für  diese  beiden  aber  hat  Baco  keine  gemein- 
same Bezeichnung.  Die  Cogitativa  ist  im  Mittelgehirne  locirt, 
um  sowohl  die  Species  der  Phantasia  als  auch  jene  der  Aesti- 
mativa oder  Memorativa  in  ihren  Bereich  emporheben  und 
denkhaft  verarbeiten  zu  können. 

Baco  hat  seine,  die  Anima  sensitiva  betreffende  psycho« 
logische  Terminologie  aus  Avicenna  entlehnt,  welcher  ihm  als 
der  beste  Ausleger  des  Aristoteles  und  als  der  bedeutendste 
Philosoph   nach   demselben   gilt.     Er    beschwert    sich,    in  den 


Die  Psyeliolosrio,  Brkonntaiss-  nad  Wisaenscliaftsldbre  des  Roger  Baco.  485 

carsirenden  lateinischen  Uebersetzungen  des  Aristoteles  eine 
80  ungenaue  Wiedergabe  der  aristotelischen  Eintheilung  der 
Seelenvermögen  gefunden  zu  haben.  Es  sei  da  nur  von  drei 
Vermögen  die  Rede:  Sensus  communis^  Imaginativa,  Memoria. 
Auch  auf  die  Uebersetzer  der  Schriften  Avicenna's  könne  man 
sich  nicht  unbedingt  verlassen.  So  heisse  es  in  der  Ueber- 
setznng  der  Schrift  Avicenna's  de  animalibus,  dass  bei  den 
Thieren  die  Aestimativa  die  Stelle  der  menschlichen  Ratio  ver- 
trete; man  dürfe  wohl  zweifeln;  ob  Avicenna  in  dem  genannten 
Bache  sich  wirklich  so  ausgedrückt  habe.  Wenigstens  sage  er 
anders  in  seinem  Werke  de  anima,  welches  auch  die  bestüber- 
setzte seiner  Schriften  sei;  weil  es  den  Uebersetzem  weniger 
Schwierigkeiten  bot  als  seine  übrigen  Werke.  Jedenfalls  habe 
man  sich  an  diejenige  Eintheilung  und  Benennung  der  Seelen- 
vermögen zu  halten;  welche  Avicenna  in  diesem  letzteren  Werke 
feststellte;  weil  er  in  demselben  ex  professo  seine  Theorie  der 
Seelenvermögen  entwickele.  Baco  setzt  also  voraus,  dass  in 
diesem  Werke  Avicenna's  die  richtigste  und  genaueste  Wieder- 
gabe der  aristotelischen  Lehre  von  den  Seelenvermögen  zu 
finden  sei.  Ob  indess  Avicenna's  Interpretation  mit  dem  Texte 
der  aristotelischen  Schriften  sich  decke,  ist  immerhin  noch  die 
Frage.  Avicenna  brachte  die  Theorie  der  sensitiven  Seelen- 
Vermögen  mit  der  von  den  griechischen  und  arabischen  Aerzten 
ausgebildeten  Lehre  vom  dreitheiligen  Gehirn  als  Sitz  der  ein- 
zelnen sensitiven  Vermögen  in  Verbindung,  und  konnte  dem- 
nach nicht  umhin;  statt  des  Einen  Gedächtnisses  der  sensitiven 
Seele  ein  doppeltes  anzunehmen,  deren  eines  im  Vordergehirne, 
das  andere  im  Hintergehirne  locirt  sei.  Aristoteles  ^  aber  spricht 
nur  von  Einem  der  Sinnenseele  eignenden  Gedächtniss,  neben 
welchem  er  nur  sehr  bedingter  Weise,  gleichsam  accidentell, 
allenfalls  auch  noch  ein  intellectives  Gedächtniss  zulassen  will, 
sofern  nämlich  auch  intellectuelle  Dinge,  aber  freilich  nicht 
ohne  das  Mittel  sinnlicher  Vorstellung  Gegenstand  der  Er- 
innerung sein  können,  die  als  solche  ausschliesslich  der  Sinnen- 
seele angehöre.  Es  wird  wohl  dieses  zweite  von  Aristoteles 
zugelassene  Gedächtniss  gewesen  sein,  welches  Avicenna  als 
besonderes  Vermögen  fixirte   und   der  Aestimativa   coordinirte. 


^  Vgl.  Aristot.  Memor.  et  Reminisc,  p.  450. 

32* 


486  Werner. 

Mit  Recht  konnte  übrigens  BacO;  weniger  vielleicht  die  ihm 
vorliegenden  ungenügenden  Uebersetzungen  des  Aristoteles,* 
als  vielmehr  die  derselben  sich  bedienenden  Interpreten  des 
Aristoteles  tadeln,  wenn  sie  neben  der  Imaginatio  und  Memoria 
nicht  auch  die  Aestimativa  und  Cogitativa  als  Vermögen  der 
Anima  sensitiva  hervorhoben.  Denn  in  der  That  ist  in  der 
eben  zuvor  citirten  Stelle  des  Aristoteles  auch  von  einer  lil^ 
und  9psvY;aig  der  höher  begabten  Thiere  die  Rede,  und  zwar 
im  Zusammenhange  mit  der  Erörterung  über  das  accidentell 
auch  dem  Intellecte  zum  Gebrauche  dienende  Gedächtniss  der 
Anima  sensitiva.^  In  seinem  Werke  über  die  Seele ^  nennt 
Aristoteles  das  den  Thieren  (l^cdoii;)  eignende  Unterscheidungs- 
vermögen (xptTixbv)  ein  Werk  oder  Resultat  der  Biovoia  und  ai- 
a6T)ffi^,  schreibt  also  indirect  den  höher  entwickelten  sinnlichen 
Lebewesen  eine  Art  Denkvermögen  zu.  Nur  lässt  sich  nicht 
strenge  erweisen,  dass  er  dasselbe  als  besonderes  Vermögen 
vom  sinnlichen  Vorstellungsvermögen  (Phantasia)  habe  unter- 
scheiden wollen,  da  es  bei  Aristoteles  an  Aeusserungen  nicbt 
fehlt,  welche  eine  solche  Unterscheidung  geradezu  auszu- 
schliessen  scheinen.^ 


1  Dass  die  Interpreten  mitunter  mit  Unrecht  getadelt  wurden,  würde  sich 
vielleicht  durch  manches  Beispiel  belegen  lassen.  So  vermuthet  z.  B. 
Albert  d.  Gr.,  welcher  correctere  Uebersetzungen  der  aristotelischen  Schriften 
▼or  sich  hatte  als  Baco,  einen  Uebersetzungsfehler  in  der  ihm  yoriiegenden 
lateinischen  Uebertragung  der  Stelle,  Anim.  III,  p.  428  a,  lin.  10:  Videtnr 
Aristoteles  dicere  formicas  et  apes  non  habere  phantasiam,  quod  omnino 
falsum  est;  cum  talia  animalia  artificiose  operentur  casas  et  provideant  in 
futurum  sibi  et  operentur  in  commune.  Puto  autem  non  ex  vitio  esse  philo- 
sophi,  sed  ex  Titio  translationis,  quia  translator  non  intellexit,  nnllnm  ani- 
malinm  qnae  dixit  Aristoteles  phantasiam  habere,  et  loco  eomm  transtnlit 
formicas  et  apes,  et  corrumpit  veritatem  ex  mala  translatione.  Albert  de 
Anima  Lib.  III,  Tract.  1,  c.  7. 

'  'H  8k  jiv?J{jlt]  x»\  ii  Ttüv  vorjTwv  oux  fiv£u  favidtajJiaTo;  loTiv.  coffre  Tou  vooü|i^voy 
xaioc  <n>|ißEßT)xb?  5v  htj,  xaO'  auro  tk  tou  TipojTou  aloOrjTixou.  8io  xai  hipoi; 
Tiaiv  hizap-jKii  twv  I^(i)(ov,  xai  oO  [itfvov  avOpcoTCOt;  xai  touj  ^ouai  Stf^ov  JJ  !ppov»)atv. 
Mem.  et  Reminisc,  p.  460  a,  lin.  12  ff. 

3  De  anima  III,  p.  432  a,  lin.  16. 

*  Vgl.  Anim.  III,  p.  433  a,  lin.  9  ff.:  <t>a{vrr0(i  8k  yg  8uo  t*ut«  xivouvtä,  l 
^pt^ii  ?)  V0U5,  eK  Ti5  TT)v  ^aviaaiav  tiOe^t]  w?  vor^aiv  iiva  *  7n>XXa  yop  zapk  ttjv 
ijrianjjjLTjv  axoXouOouai  xai^  ^aviaaiat?,  xai  ev  toTi;  aXXoi^  ^(ooi;  oO  vorhat;  oOos 
)»0Y!au.b5  ioTiv,  ÄXa  ^avxaa/«. 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  and  Wissenschaftslehre  des  Boger  Baco.  487 

Vergleichen  wir  die  von  Baco  im  Anschlüsse  an  Avicenna 
festgestellte  Zahl  und  Denomination  der  Vermögen  der  Anima 
sensitiva  mit  jener  bei  Albert  d.  Gr.  und  Thomas  Aq.,  so  er- 
sehen wir;  dass  auch  Albert  gleich  Baco  eine  Fünfzahl  der 
Sensus  interiores  zu  gewinnen  bestrebt  ist:  Sensus  communis, 
Imaginatio,  Aestimativa,  Phantasia,  Memoria*/  zugleich  aber 
bemerken  wir,  dass  hier  die  Cogitativa  ausfallt,  und  die  von 
Baco  als  Zusammenfassung  der  besonderen  Sinne,  des  Sensus 
communis  und  der  Imaginatio  genommene  Phantasia  als  be- 
sonderes Vermögen  gezählt  wird.  Thomas  Aq.^  reproducirt 
aus  Avicenna*s  Werke  de  Anima  die  Fünfzahl:  Sensus  com- 
munis, Phantasia,  Imaginativa,  Aestimativa,  Memorativa,  er- 
klärt jedoch  die  Phantasia  als  identisch  mit  der  Imaginativa, 
daher  ihm  nur  eine  Vierzahl  innerer  Sensitivpotenzen  verbleibt, 
die  er  übrigens  ganz  in  der  von  Avicenna  und  Baco  ihnen 
gegebenen  Bedeutung  versteht;  denn  er  fasst  die  Imaginativa 
als  das  dem  Sensus  communis,  die  Memorativa  als  das  der 
Aestimativa  entsprechende  Retentions  vermögen.  Die  von  Baco 
als  fünftes  Vermögen  aufgeführte  Cogitativa  spricht  Thomas 
der  Thierseele  ab,  und  erklärt  sie  als  ein  im  Menschen  an  die 
Stelle  der  thierischen  Aestimativa  naturalis  tretendes  rationales 
Vermögen,  welches  auf  vergleichenden  Zusammenhalt  sinnlicher 
Einzel  Vorstellungen  beschränkt,  dem  Menschen  den  Instinct  des 
Thieres  ersetze  und  Ratio  particularis  heisse.^ 

Diese  Differenz  zwischen  Thomas  und  Baco  hat  eine 
tiefer  greifende  Bedeutung,  die  sich  in  der  beiderseitigen  Lehre 
vom  Intellectus  agens  vollkommen  aufschliesst.  Indem  Baco 
diesen  der  menschlichen  Seele  abspricht,  stellt  er  sich  grund- 
sätzlich auf  den  Boden  eines  psychischen  Sensismus  unter  neben- 
hergehender vollwuchtiger  Betonung  des  reflexiven  Erfahrungs- 
denkens, in  welchem  er  den  eigentlichen  Erzeuger  der  dem 
Menschen  in  dessen  irdischen  Zeitleben  erreichbaren  Erkennt- 
nisse und  Ansichten  sieht.  Als  Vertreter  des  psychischen  Sen- 
sbmus  konnte  er  sich  mit  Grund  auf  die  Auctorität  des  Pariser 


'  De  anima  III,  Tract.  1,  c.  9. 
'  1  qtu  78,  art.  4. 

'  Est  enim  collativa  intentionam   individaalinm,  sicut  ratio  intellectiva  est 
coUativa  intentionum  universalium.  L  o. 


488  Werner. 

Bischofes  Wilhelm  von  Auvergne  berufen, '  welchen  Baco  zwei- 
mal in  einer  feierlichen  Versammlung  der  Pariser  Doctoren 
die  Annahme  eines  der  menschlichen  Seele  eignenden  Intellectus 
agens  siegreich  bestreiten  hörte.  ^  Als  Vertreter  des  psychischen 
Sensismus  haben  wir  Baco  zu  .bezeichnen,  weil  er  alle  cognosd- 
tiven  Thätigkeiten  der  menschlichen  Seele  als  Apperceptionen 
des  in  der  sinnlichen  oder  übersinnlichen  Wirklichkeit  Ge- 
gebenen fasst.  Durch  die  cognoscitiven  Thätigkeiten  der  Anima 
sensitiva  appercipiren  wir  die  sichtbaren  Erscheinungen  der 
sinnlichen  Wirklichkeit,  durch  die  cognoscitive  Thätigkeit  der 
intellectiven  Seele  die  unsinnliche,  unsichtbare  Wirklichkeit, 
die  uns  im  Lichte  der  ewigen  Wahrheit  gezeigt  wird.  Daher 
leitet  Baco  alle  Philosophie  aus  Offenbarung  und  Erleuchtang 
ab;  ehe  es  Philosophen  unter  den  Heidenvölkern  gab,  hat  Gott 
alle  Weisheit  der  Philosophie  bereits  den  Patriarchen  und  Pro- 
pheten geoffenbart,  ^  und  von  diesen  haben  sie  die  heidnischen 
Philosophen  überkommen,  wie  Aristoteles,  der  grösste  unter 
ihnen,  in  seinem  Liber  Secretorum  ausdrücklich  bekenne.  *  Aber 
nicht  bloss  auf  dem  Wege  der  Ueberlieferung,  sondern  auch 
durch  besondere  Erleuchtungen  sind  dieselben  zur  Erkenntniss 
der  philosophischen  Weisheit  gelangt;  solche  Erleuchtungen 
sind  ihnen  vielleicht  noch  mehr  wegen  uns  Christen,  als  um 
ihrer  selbst  willen  zu  Theil  geworden. 

Demzufolge  muss  wohl  auch  die  richtig  verstandene  Lehre 
des  Aristoteles  vom  Intellectus  agens  auf  göttliche  Erleuchtung 
zurückgeführt  werden.  Die  richtig  verstandene  Lehre  des  Ari- 
stoteles aber,  die  zugleich  auch  vollkommen  wahr  ist,  ist  diese. 
dass   man   zwar  zwischen  Litellectus  possibilis  und  Intellectus 


1  Op.  tert.,  c.  23. 

2  Vgl.  nnsere  Abhandlang  über  die  Psychologie  des  Wilhelm  von  Anvergne. 
Sitzungsber.  LXXIII.  Bd.,  8.  305  (Separatabdr.  S.  49). 

5  Op.  tert.,  c.  24. 

*  Im  Opas  maj.  (p.  29)  ISsst  Baco  den  Avicenna  die  alttestamentliche  Bibel 
citiren  and  bemerkt  gemeinhin :  Omnes  philosophi  faerant  post  patriarcbas 
et  prophetas,  et  legenint  libros  prophetaram  et  patriarchanim  qni  rant 
in  sacro  textu,  et  similiter  alios  libros,  qnos  fecernnt  tangentes  Christi 
myateria   at  in   libro   Enoch    et  in   Testaraento   Patriarchanim,  in  libro 

Esdrae  3,  4,  5,  et   in   mnltis   alüs  libris Philosophi  coriosi  et 

diligentes  in  studio  sapientiae  peragranint  regiones  diversas  nt  sapientiun 
incjuirerent  et  libros  Sanctorum  perlegerunt  et  didicerunt  ab  Hebiieis. 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  und  WisseDBchaftslehro  des  Roger  Baco.  489 

agens  zu  unterscheiden  habe^  letzterer  aber  nicht  ein  Theil 
oder  Vermögen  der  Seele  sei^  sondern  von  Aussen  her  auf 
den  menschlichen  Intellect  wirke  und  die  Umbildung  der  sinn- 
lichen Vorstellungen  in  Intellectivgedanken  erwirke.  In  der 
That  haben  auch  —  fährt  Baco  weiter  —  bis  auf  unser  Jahr- 
hundert herab  alle  Philosophen  und  Theologen  Gott  für  den 
Intellectus  agens  genommen;  und  auch  dann^  als  bereits  die 
gegentheilige  Ansicht  um  sich  griff^  welche  den  Intellectus  agens 
zu  einem  der  menschlichen  Seele  eignenden  Vermögen  machen 
wollte;  traten  die  zwei  bedeutendsten  Oelehrten  ihrer  Zeit, 
Robert  von  Lincoln  und  Adam  de  Marisco  (Marsh)  noch  für 
die  einzig  richtige  Ansicht  ein.  ^  Dass  man  jetzt  so  hart- 
näckig das  Gegentheil  behauptet;  kann  nur  in  einer  falschen 
Interpretation  des  Aristoteles  seinen  Grund  haben,  und  wider- 
legt sich  aus  dem  Gesammtinhalte  seiner  Lehre.  ^  Der  In- 
tellectus agens  und  Intellectus  possibilis  verhalten  sich  zu 
einander,  wie  sich  gemeinhin  die  Causa  efficiens  zur  Materia 
recipiens  actionem  efficientis  verhält.  Nun  aber  lautet  eine 
der  Grundlehren  des  Aristoteles,  dass  die  Causa  efficiens  mit 
dem  Stoffe,  an  welchem  sie  sich  bethätiget,  niemals  eine  Sub- 
stanz ausmachen,  nicht  mit  dem  bearbeiteten  Stoffe  ein  Idem 
secundum  numerum  et  speciem  sein  könne.  Somit  können 
auch  der  Intellectus  agens  und  possibilis  nicht  Theile  oder  Con- 
stituenten  des  menschlichen  Intellectes  sein.  Wenn  nun  eine 
Stelle  im  dritten  Buche  des  aristotelischen  Werkes  de  Anima 
so  übersetzt  wird,  dass  es  den  Anschein  hat,  als  ob  das  Agens 
und  Patiens,  welche  beide,  wie  allenthalben,  so  auch  im  mensch- 
lichen Intellecte  vereiniget  sind,  in  ihrem  Zusammensein  gleich- 
sam die  Natur  des  menschlichen  Intellectes  ausmachen,^  so  ist 


*  Baco  erzählt  (Op.  tert.^  c.  23)  von  seinem  Ordensgenossen  Adam  von 
Marsh:  Quando  per  tentationem  et  derisionem  aliqui  Minores  praesom- 
taosi  qnaesiyernnt  a  fratre  Adam:  Quid  est  intellectus  agens?  respoudit: 
Corvna  £liae,  volens  per  hoc  dicere,  quod  fuit  Deus  vel  Angelus.  Op. 
tert,  c.  23.  Statt  ,Corvus  Eüae*  lautet  eine  andere  Leseart  oder  Version 
dieses  Spruches  Adams:  ,Curru8  Eliae',  die  yielleicht  auch  die  richtigere 
sein  dürfte. 

3  Op.  maj.,  p.  20;  Op.  tert.,  c.  24. 

3  Baco  führt  (Op.  tert.,  c.  24)  den  Wortlaut  der  nach  seiner  Ueberzeugung 
unrichtigen  Uebersetzung  an:  Quoniam  autem  in  omni  natura  est  aliquid 
quod  agaty  et  aliqnid  quod  patiatur,  ita  erit  in  anima.  Die  entsprechenden 


490  Werner. 

die  UebersetzuDg  sicher  unrichtig  oder  doch  ungenau^  obschon 
bei  näherem  Zusehen  diese  Ungenauigkeit  nicht  so  gross  er- 
scheint, dass  die  wahre  Meinung  des  Aristoteles  völlig  unkennt- 
lich gemacht  wäre.  Denn  offenbar  ist  in  der  bezüglichen  Stelle 
—  f^hrt  Baco  weiter  —  nicht  vom  Wesen  der  Seele,  sondern 
von  ihrer  Thätigkeit  die  Rede;  von  dieser  heisst  es,  dass  sie 
so  vor  sich  gehe,  wie  wenn  der  Künstler  einen  Stoff  gestaltet 
oder  die  Sonne  die  Farben  der  Objecto  sichtbar  macht.  Da 
nun  der  Künstler  gewiss  von  dem  zu  bearbeitenden  Stoffe,  und 
die  Sonne  von  den  zu  beleuchtenden  Objecten  dem  Sein  und 
der  Substanz  nach  verschieden  ist,  so  muss  auch  der  Intel- 
lectus  agens,  der  die  im  Intellectus  possibilis  vorhandenen  sinn- 
lichen Vorstellungen  in  Intellectivgedanken  umsetzt,  vom  Intel- 
lectus possibilis  oder  von  der  Seele,  welche  als  Recipientin  und 
Bewahrerin  der  in  Intellectivgedanken  umzubildenden  sinn- 
lichen Species  Intellectus  possibilis  ist,  von  diesem  dem  Sein 
und  Wesen  nach  verschieden,  ein  ausser  und  über  demselben 
Seiendes  sein.  Diess  ergibt  sich  auch  aus  dem  weiteren  Ver- 
laufe des  Contextes,  indem  der  Intellectus  agens  als  ein  vom 
Intellectus  possibilis  nach  Sein  und  Wesen  getrennter  bezeichnet 
wird,  der  immer  actu  ist,  was  von  keiner  Creatur,  sondern 
einzig  von  Gott  gilt. 

Für  zwingend  kann  man  diese  Beweisßihrung  Baco's  nicht 
erachten.  Wenn  er  sich  für  die  Erhärtung  des  Satzes,  dass 
die  Causa  efficiens  von  dem  Gegenstande,  welcher  ihr  als 
Stoff  ihrer  Bethätigung  dient,  stets  substanziell  verschieden  sei, 
auf  das  Anfangscapitel  des  zweiten  Buches  der  Physik  des 
Aristoteles  beruft,  so  muss  wohl  bemerkt  werden,  dass  daselbst 
zwischen  äusseren  und  zwischen  inneren  dem  gestalteten  und 
belebten  Stoffe  immanenten  Wirkungsprincipien  unterschieden 
werde-,  und  die  Frage  ist  dann,  ob  Aristoteles  auch  den  In- 
tellectus agens  zu  den  äusseren  auf  den  Intellectus  possibilis 
wirkenden  Agentien  rechne,   oder  ob   er  jene  Leuchtthätigkeit 

Worte  des  griechischen  Textes,  De  aniraa  III,  p.  430  a,  lin.  10  ff.,  lauten: 
'Knei  5'  MOTzip  £v  ajcacTT)  tt]  ^uaei  iazi  ti  to  piev  uXtj  Ixavxh»  y^vei  (touto  ö£ 
OTi  7:avTa  ouva(JL£i  sxstva),  Eispov  Bk  to  aaiov  x«i  7:ow}Tixbv  tä  jwieTv  jravra, 
oTov  71  ziyyyi  Tzpo^  t^v  öXi)V  ::^ovOev,  avayxT]  xai  sv  tij  <J»ux.5  ^^*p)f£W  lauT»; 
Ta;  Sia^opa^.  Man  ersieht  hieraus,  dass  die  lateinische  Uebersetzung  den 
Text  zwar  verkürzt,  jedoch  denn  Sinne  nach  richtig  wiedergibt 


Die  Psychologie,  Erkenntniss«  und  Wisscnschaftslehre  dos  Boger  Baco.  491 

und  künstlerisclie  Gestaltungsthätigkeit,  die  er  dem  lutellectus 
agens  zuerkennt,  nicht  als  ein  der  intellectiven  Seele  als  solcher 
zukommendes  Vermögen  ansehe.  Daraus,  dass  der  Künstler 
von  seinem  Stoffe,  die  Sonne  von  den  durch  sie  beleuchteten 
Gegenständen  substanziell  verschieden  ist,  folgt  noch  nicht, 
dasB  auch  die  in  der  Seele  die  Intellectivgedanken  actuirende 
Kraft  vom  Wesen  der  Seele  substanziell  verschieden  sein  müsse. 
Wenn  Aristoteles  dem  thätigen  Verstände  die  Prädicate  xwpt<7:b;, 
aTToOr;;,  0L\>.i'^(T,q  ertheilt,  so  folgt  hieraus  strenge  genommen  nur 
seine  Erhabenheit  über  die  Un Vollkommenheiten  des  in  die 
Zuständlichkeiten  der  sensitiven  Seele  mehr  oder  weniger  hin- 
eiDgezogenen  Intellectus  possibilis,  der  eben  desshalb  auch 
passibilis  heisst;  und  die  peripatetisch  geschulten  speculativen 
Scholastiker  möchten  nicht  unrecht  gehabt  haben,  wenn  sie  in 
der  von  Aristoteles  an  der  betreffenden  Stelle  vorgetragenen 
Lehre  über  den  NoO^  xo'.Y)Tix.b^  zwei  Begriffe  enthalten  fanden, 
neben  jenem  des  Intellectus  agens  als  constitutiven  Seelen- 
vermögens nämlich  auch  jenen  des  Intellectus  adeptus  als  dessen, 
wozu  die  Seele  selber  durch  die  Actuirung  ihrer  intellectiven 
Erkenntnisskraft  wird.  ^  Baco  ist  gegenüber  den  von  ihm  be- 
kämpften zeitgenössischen  christlichen  Auslegern  des  Aristoteles 
nur  so  weit  unbestritten  im  Rechte,  als  die  Aussagen  des  Ari- 
stoteles über  die  Beschaffenheit  des  Intellectus  agens  mit  der 
Idee  des  concreten  menschlichen  Seelenwesens  sich  nicht  ver- 
tragen; er  entfernt  sich  aber  von  Aristoteles  sicher  weiter  als 
seine  Gegner,  wenn  er  die  von  Aristoteles  dem  leidenlosen  In- 
tellectus agens  beigelegte  Unsterblichkeit  und  Unvergänglichkeit 
dem  Intellectus  possibilis  zuerkennt,  welchem  diese  Eigen- 
schaften in  der  vorerwähnten  Stelle  des  Werkes  de  anima  von 
Aristoteles  ausdrücklich  abgesprochen  werden.    Baco  weiss  sich 

1  Bei  Albertns  Magnus  De  anima  IIT,  tract.  3,  c.  11  heisst  es:  Intellectus 
agens  tribus  modis  conjungitur  nobis,  licet  in  se  et  secundum  essentiam 
suam  sit  separatus;  a  natura  enim  conjungitur  nt  potentia  et  virtus  quaedam 
animae,  sed  faciendo  intellecta  speculata  conjungitur  ut  efficiens;  et  ex 
his  duabus  conjunctionibus  non  est  homo  perfectus  ut  operetur  opus 
divinum.  Tandem  conjungitur  ut  forma,  et  causa  conjunctionis  ejus  est 
intellectus  speculativus,  et  ideo  oportet  esse  speculativum  ante  adeptum; 
et  tunc  bomo  perfectus  et  divinus  effectus  est  ad  suum  opus,  inquantum 
bomo  et  non  inquantum  animal  est  perficiendum.  Et  sunt  gradus  in 
intellectu  speculativo,  quibus  quasi  ascenditur  ad  intellectum  adeptum. 


492  Wernor. 

mit  dem  unzweideutigen  Wortlaute  dieser  Stelle  nur  dadurch 
abzufinden;  dass  er^  zwischen  Corruptio  secundum  substantiam 
und  Corruptio  secundum  esse  unterscheidend,  daselbst  vom  In- 
tellectus  possibilis  nur  eine  Corruptio  secundum  esse  ausgesagt 
findet,  welche  von  der  Corruptio  secundum  substantiam  sich  da- 
durch unterscheidet,  dass  sie  nicht  das  Aufhören  der  Existenz 
als  solcher,  sondern  bloss  das  Aufhören  einer  bestimmten 
Existenzweise  des  Seienden  bedeutet.  Corruptio  secundum  esse 
bedeutet  für  den  Intellectus  possibilis  das  Aufhören  jener  Seins- 
weise, welche  ihm  zufolge  seiner  Verbindung  mit  der  Anima 
sensitiva  und  vegetativa  im  sterblichen  Menschenleibe  eigen 
ist;  dem  Leibe  entrückt,  tritt  er  aus  dieser  Verbindung  heraus, 
und  existirt  als  blosser  Intellect,  während  der  Intellectus  agens 
als  immixtus  niemals  anders  denn  als  blosser  Intellect  existiren, 
demzufolge  eine  substanzielle  Einigung  mit  etwas  unter  ihm 
niemals  eingehen  kann.  Ob  wohl  Baco  je  daran  dachte,  dass 
unter  solchen  Voraussetzungen  auch  die  Incarnation  des  ewigen 
Gotteswortes  zu  etwas  Undenkbaren  gemacht  werde? 

Baco  stützte  sich  in  der  Interpretation  des  Aristoteles 
auf  die  arabische  Auslegung,  als  deren  mustergiltiger  Reprä- 
sentant ihm  Avicenna  galt.  Wir  sahen  bereits,  wie  enge  er 
sich  in  der  Darlegung  der  Functionen  der  Anima  sensitiva  an 
ihn  anschliesst;  und  auch  seine  Behauptung  von  der  Incomip- 
tibilität  des  in  der  intellectiven  Seele  sich  darstellenden  Intel- 
lectus possibilis  darf  als  eine  Entscheidung  für  die  Auetorität 
des  Avicenna  im  Gegensatze  zu  jener  de9  sonst  immerhin  auch 
von  Baco  hochgehaltenen  Averroes  angesehen  werden.  Nur 
hierin  weicht  er  entschieden  von  Avicenna  ab,  dass  er  die  in- 
tellective  Seele  nicht  als  reines  Formwesen  nimmt,  sondern 
gleich  allem  Geschaffenen  aus  Materie  und  Form  sich  zusammen- 
gesetzt denkt;  damit  steht  in  Verbindung  jene  Verwerfung  der 
metaphysischen  Bedeutung  des  logischen  AUgemeingedankens, 
welche  seinen  Gegensatz  zur  Schule  Alberts  begründet,  und 
darin  ihren  Grund  hat,  dass  er  das  mathematisch  gebildete 
Denken  fiir  das  einzige  dem  Zeitmenschen  zu  Gebote  stehende 
Vehikel  einer  wissenschaftlichen  Bewältigung  des  sinnlich-irdi- 
schen Erfahrungswissens  des  Menschen  ansieht.  Ihm  ist  es 
eben  nicht  um  eine  Bewältigung  des  in  der  sinnlichen  Erfahrung 
Gegebenen  durch  Allgeraeinbegriffe,   sondern   vielmehr  um  die 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  und  Wiieensohaftslelire  dea  Roger  Baeo.  493 

Erkenntniss  des  in  der  Erfahrung  Gegebenen  als  solchen  zu 
thun;  er  ist^  soweit  es  sich  um  die  Erkenntniss  der  Natur- 
dinge handelt;  physikalischer  Empirist,  und  nicht  die  allge- 
meinen Formen,  welchen  sich  die  stofflichen  Dinge  einordnen,- 
sondern  vielmehr  die  Gesetze,  nach  welchen  die  dem  geformten 
Stoffe  immanenten  Kräfte  wirken,  sind  der  Gegenstand  seiner 
wissenschaftlichen  Aufmerksamkeit.  Nun  hat  er  aber  das  Be- 
wusstsein,  dass  in  das  Wechselspiel  der  Kräfte,  welche  in  der 
sichtbaren  Wirklichkeit  walten,  auch  die  sinnliche  Leiblichkeit 
des  Menschen  hineingezogen,  und  durch  diese  letztere  das 
Wirken  der  Änima  sensitiva  des  Menschen  bedingt  sei,  welche 
ihrerseits  wieder  die  Thätigkeit  der  Anima  intellectiva  als  deren 
Instrument  und  Thätigkeitsmedium  beeinflusst  und  bedingt; 
damit  geräth  nun  das  rationale  Denken  gegenüber  der  sinn- 
lich-natürlichen Erfahrungswirklichkeit  in  ein  ähnliches  Ab- 
hängigkeitsverhältniss,  wie  es  oben  gegenüber  der  auf  göttliche 
Offenbarung  zurückzuführenden  metaphysischen  Erkenntniss  auf- 
gewiesen worden  ist.  Baco  ist  durch  und  durch  Empirist,  und 
bewährt  diesen  Charakter  auch  noch  dadurch,  dass  er  das 
ganz  und  gar  an  die  natürliche  Erfahrung  und  geschichtliche 
Ueberlieferung  hingegebene  Denken  nur  durch  die  unmittelbare 
göttliche  Einwirkung,  durch  den  Intellectus  agens  über  sich 
selbst  erhoben  werden  lässt.  Die  geistige  Selbstständigkeit 
des  rationalen  Denkens  bestätiget  sich  nach  seiner  Auffassung 
nur  in  der  kritischen  Sichtung  und  Reinigung  der  überlieferten 
geistigen  Wahrheit  ohne  Versehrung  des  substanziellen  Inhaltes 
derselben,  sowie  in  der  auf  experimentale  Forschung  gegrün- 
deten Sichtung  und  Erweiterung  der  überlieferten  Natur- 
erkenntniss.  Er  ist  übrigens  kein  vulgärer  Empirist,  sondern 
ein  religiös  gläubiger  Empirist,  der  sich  allenthalben,  auf  dem 
Boden  der  sinnlich-natürlichen,  der  geschichtlichen,  und  der 
psychisch-innerlichen  Erfahrung  einer  göttlichen  Offenbarung 
gegenüber  gestellt  sieht,  welche  sich  ihm  in  den  Wundern  der 
Natur,  in  der  überlieferten  Weisheit  der  Vorzeit,  in  der  ge- 
heimnissvollen göttlichen  Erleuchtung  der  Seelen  offenbart. 
Dass  er  ganz  innerhalb  des  kirchlichen  Bewusstseins  seiner 
Zeit  steht,  bekunden  schon  seine  Ergebenheitsbetheuerungcn 
gegen  seinen  Gönner  Papst  Clemens  IV.,  in  welchem  er  ein- 
fach den  Hort  der  gesammten  kirchlichen  Ordnung  sieht;   die 


494  Werner. 

gesittigte  Gesellschaft  geht  ihm  fast  schlechthin  in  der  Kirche 
auf.  Auch  verschafft  er  seinem  christlichen  Bewusstsein  Ge- 
nugthuung  durch  entschiedene  Zurückweisung  der  Irrthümer, 
•  welche  er  an  den  von  ihm  nach  Aristoteles  zuhöchst  gestellten 
Auctoritäten  eines  Averroes  und  Avicenna  zu  bemängeln  hati 
obschon  er  bezüglich  des  letzteren  im  Zweifel  ist,  ob  die  im 
christlichen  Abendlande  bekannt  gewordenen  Schriften  des- 
selben,  in  welchen  der  äusseren  Lebensstellung  und  Umgebung 
ihres  Verfassers  Rechnung  getragen  wurde,  seine  wahre  Meinung 
aussprechen,  die  nach  Baco*s  Dafürhalten  eine  viel  geläutertere 
gewesen  sein  möchte.  * 

So  weit  man  sich  indess  an  jene  Schriften  halte,  sei 
nicht  Weniges  an  Avicenna  strenge  zu  tadeln.  Baco  bemängelt 
den  Emanatianismus  desselben  und  dessen  eigenthümUche 
Fassung,  welche  den  Intellectus  agens  zu  einem  höchsten  Engel 
und  obersten  Schöpfer  aller  übrigen  Weltdinge  macht ;2  für 
Baco  kann  der  Intellectus  agens  selbstverständlich  nur  mit 
dem  göttlichen  Logos  der  christlichen  Theologie,  dem  schöpfe- 
rischen Gottesworte  und  Erleuchter  der  Seelen  identisch  sein. 
Nicht  minder  verwirft  er  die  an  die  origenistische  Apokata- 
stasis  erinnernde  Eschatologie  Avicenna's,^  sowie  die  damit 
zusammenhängende  Verwerfung  der  christlichen  Auferstehungs- 
lehre,  welche  letztere  Baco  schon  zufolge  seiner  empiristischen 
Denkrichtung  aus  erkenntnisstheoretischen  Gründen  nicht  preis- 


^  Avicenna  praecipuuB  Imitator  et  expositor  Aristotelis  et  complens  philo- 
sopbiam    secandom   qnod    ei    fuerit  possibile,    triplex    volamen  condidit 

philosophiae unum   vuigatum  juxta   commanea   sententias  philo- 

sophorum  peripateticorum,  qui  sunt  de  secta  Aristotelis,  aliud  vero  se- 
cundum  puram  veritatem  philosophiae,  qnae  non  timet  ictus  lancearum 
contradicentiam  ut  ipse  asserit;  tertium  vero  fuit  cum  termino  vitae  soae, 
in  quo  exposuit  secretiora  naturae.  Sed  de  his  voluminibus  duo  non  sunt 
translata;  primum  autem  secundum  aliquas  partes  habent  Latini,  qnod 
vocatur  Assephae  i.  e.  Über  sufficientiae.  Op.  maj.,  p.  28. 

3  Procul  dubio  in  libro  de  philosophia  vulgata  (vgl.  vor.  Anm.)  errores  et 
falsa  continentur,  ut  in  undecimo  Metaphysicae  ponitur  error  de  mundi 
productione,  in  quo  dicitur  Dens  propter  infinitam  unitatem,  quam  habet, 
et  ne  recipiat  varietatem  dispositionum,  non  potest  creare  nisi  onum,  seil, 
ang^lum  primum,  qui  creavit  secundum  cum  coelo  primo,  et  secnndas 
tertium  cum  coelo  secundo  et  ultra.  Op.  maj.,  p.  7. 

3  Cum  in  undecimo  ponit  omne  peccatum  habere  fines  suae  pargationis  in 
alia  vita  et  animas  peccatrices  redire  ad   gloriam,  manifeste  errat  L  c 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  and  WiBsenseliaftalehre  des  Roger  Baco.  495 

geben  kann.  Er  lehrt  in  der  That  mit  ausdrücklichen  Worten, 
dass  selbst  die  bereits  im  Himmel  beseligten  Menschenseelen 
erst  nach  der  allgemeinen  Auferstehung  zufolge  ihrer  Wieder- 
vereinigung mit  ihren  Leibern  in  das  Licht  der  vollkommenen 
Erkenntniss  eintreten  können.  ^ 

Diese  Aeusseruug  stimmt  nun  freilich  nicht  zu  Baco's 
Ansicht,  dass  die  intellective  Seele  von  Aussen  in  das  von 
der  vegetativen  und  sensitiven  Seele  belebte  Leibesgebilde  des 
Menschen  eintrete  und  im  Tode  von  jenen  beiden  Seelen  sich 
trenne.  Nun  aber  denkt  er  sich  die  intellective  Menschenseele 
jedenfalls  tiefer  locirt  als  den  Engelgeist,  und  ihre  gesammte 
Entwicklung  und  Lebensthätigkeit  ist  durch  ihr  Zusammensein 
mit  dem  sinnbegabten  Leibe  bedingt,  so  dass  schliesslich  auch 
ihr  höchster  Vollendungsstand  nicht  ohne  Zusammensein  mit 
dem  Leibe  gedacht  werden  kann.  Baco  mag  sich  den  Spruch 
seines  Ordensgenossen  Bonaventura  angeeignet  haben,  dass  die 
Seele  mit  einem  doppelten  Angesichte  begabt  sei;  das  eine 
dieser  beiden  Angesichter  sei  Gott  und  den  göttlichen  Dingen 
zugewendet,  das  andere  der  Welt  und  den  irdischen  Dingen. 
Die  zur  Anschauung  Gottes  gelangte  körperlose  Seele  entbehrt 
des  Instrumentes,  mittelst  dessen  sie  ihren  Blick  in  die  sicht- 
bare Wirklichkeit  versenken  könnte,  um  in  dieser  die  un- 
begränzt  vielen  variirten  Reflexe  der  göttlichen  Vollkommenheit 
und  Herrlichkeit  zu  appercipiren;  somit  muss  sie  wieder  in  den 
Besitz  des  Leibes,  der  ihr  einst  eignete,  gelangen,  um  mit  dessen 
lebendigen  Sinnen  und  Sensationskräften  die  Grösse  und  Voll- 
kommenheit Gottes  auch  in  den  sichtbaren  Werken  seiner 
schöpferischen  Macht  und  Weisheit  appercipiren  zu  können. 
Ist  es  dem  Menschen  überhaupt  wesentlich,  die  geistigen  Dinge 
im  reflexiven  Lichte  wie  in  einem  Spiegel  zu  schauen,  so 
wird  diese  Erkenntnissweise,  zu  der  ihr  möglichen  höchsten 
Erkonntnissstufe  erhoben,  auch  im  zukünftigen  vollendeten 
Menschensein  statthaben  müssen.     Alles  geistige  Erkennen   ist 


*  Homo  habet  triplicem  visionem:  unam  perfectam,  qnae  erit  in  statu  gloriae 
post  resnrrectioDem;  aliam  in  anima  separata  a  corpore  in  coelo  usque 
ad  resurrectionem,  quae  debilior  est ;  tertiam  in  hac  Tita,  qnae  debilissima 
est  ...  .  Non  complebitnr  anima  plenitndine  visionis,  anteqnam  nniatur 
•tio  corpori  ....  Appetitus  qnidam  naturalis  inest  animae  ad  suum 
corpus,  qui  perfici  non  potest  nisi  resurrectione.  Op.  maj.,  p.  268. 


496  Werner. 

wesentlich  ein  SeheO;  und  dieses  geistig^e  Sehen  nach  Analogie 
des  sinnlichen  Sehens  zu  verstehen.  Wie  wir  nun  das  sinnliche 
Sehen  mit  Rücksicht  auf  seine  Helligkeitsgrade  dreifach  ab- 
stufen^  je  nachdem  der  Sehstrahl  geradlinig,  gebrochen  oder 
reflectirt  in's  Auge  gelangt,  so  haben  wir  auch  ein  dreifaches 
geistiges  Sehen  im  geradlinigen,  gebeugten  und  reflectirten  Lichte 
zu  unterscheiden.  Das  erste  vollkommenste  Sehen  kommt  spe- 
cifisch  Gott,  das  zweite  minder  vollkommene  den  Engelgeistem, 
das  letzte  specifisch  dem  Menschen  zu,  womit  aber  nicht  aus- 
geschlossen ist,  dass,  wie  der  Engelgeist  in  seiner  Weise  auch 
an  der  specifischen  Art  des  göttlichen  Sehens,  so  der  Mensch 
an  jener  des  göttlichen  Sehens  sowohl  als  auch  des  englischen 
participirt.  Wir  wissen  aber  bereits,  in  welcher  Weise  diese 
beiden  anderen  Arten  des  Sehens  dem  Menschen  zukommen; 
das  ihm  mit  den  Engeln  gemeinsame  Sehen  oder  das  meta- 
physische Erkennen  hat  er  nur  zufolge  seines  geistigen  An- 
theiles  an  der  auf  göttlicher  Offenbarung  beruhenden  tradi- 
tionellen Erbweisheit  des  menschlichen  Geschlechtes,  die  in 
den  überlieferten  Lehren  der  Theologie  und  Philosophie  hinter- 
legt und  unter  die  Obhut  der  Kirche  gestellt  ist.  Das  dem 
Menschen  unmittelbar  mit  Gott  gemeinsame  Erkennen  setzt 
sich  eigentlich  in  einen  unmittelbar  durch  Gott  in  der  mensch- 
lichen Seele  gewirkten  Erkenntnissact  um,  der  nur  insofern  ein 
Act  des  Menschen  genannt  werden  kann,  als  ihn  die  mensch- 
liche Seele  in  sich  recipirt.  Das  menschliche  Selbstdenken 
beschränkt  sich,  wie  schon  bemerkt,  auf  kritische  Analyse  des 
dem  Menschen  von  Aussen  suppeditirten  Erkenntnissstoffes; 
von  einer  Umsetzung  desselben  in  die  dem  Wesen  der  den- 
kenden Seele  entsprechende  Form  und  Gestaltung  kann  bei 
Baco  zufolge  seines  grundsätzlichen  Empirismus  keine  Rede 
sein.  Die  Idealform  des  Objectes  wird  in  Gott  geschaut,  braucht 
sonach  nicht  durch  den  menschlichen  Intellect  produciri  zu 
werden,  der  sich  einzig  auf  Subsumtion  des  kritisch  analysirten 
Erfahrungswissens  unter  die  im  Lichte  der  göttlichen  Wahrheit 
geschauten  Ideen  der  Dinge  zu  beschränken,  oder  vielmehr 
sich  zur  rechten  Empfänglichkeit  für  die  zur  Vergeistigung  und 
Ergänzung  des  an  sich  durchaus  unzureichenden  menschlichen 
Erfahrungswissens  nothwendigen  Gnaden  und  Erleuchtungen 
zu  disponiren  hat.    Diese  Gnaden  und  Erleuchtungen  begründen 


Die  Psycliologie,  Erkenntniss-  und  WistensebafUlehre  dei  Roger  Baco.  497 

und  Termitteln  aber  nur  eine  zweite  höhere  Erfahrung,  welche 
ergänzend  zu  der  ersten  auf  den  sinnlichen  Augenschein  ge- 
gründeten Erfahrung  hinzutritt,  und  die  an  sich  höchst  be- 
scliränkte  natürliche  menschliche  Erkenntniss&higkeit  über  sich 
selbst  emporhebt,  um  die  Seele  dasjenige  schauen  zu  lassen, 
was  sie  durch  sich  selbst  niemals  zu  schauen  vermöchte J 
Baco  spricht  von  Graden  der  inneren  Erleuchtung  bis  zu  einem 
höchsten  hinan,  bis  zur  Verzückung,  und  glaubt,  dass  die  auf 
diesen  Wegen  erlangten  Erfahrungen  nicht  bloss  der  Theologie, 
sondern  auch  den  weltlichen  Wissenschaften  sehr  zu  Gute 
kommen  müssten.^ 

In  diesen  inneren  Erfahrungen,  welche  dem  Einzelnen 
durch  unmittelbare  göttliche  Hilfe  zu  tieferen  und  geläuteteren 
Einsichten  verhelfen,  findet  nun  Baco  auch  den  Rückhalt  für 
das  von  ihm  in  Anspruch  genommene  Recht  einer  kritischen 
Berichtigung  der  schulmässigen  Ueberliefernng  der  traditionellen 
Erbweisheit    der     gesittigten    Menschheit.      Dieselben    in    der 


^  Duplex  est  experientia.  Una  est  per  sensns  exteriores,  et  sie  experimur 
ea,  qnae  in  coelo  snnt,  per  instrumenta  ad  hoc  facta,  et  haec  inferiora 
per  Opera  certificata  ad  visum  experimur,  et  quae  non  sunt  pervenientia 
in  locis,  in  quibus  sumus,  scimos  per  alios  sapientes,  qni  experti  sunt 
....  et  haec  est  experientia  humana  et  philosophica.  Sed  haec  non 
snfBcit  homini,  quia  non  plene  certificat  de  corporalibns  propter  sui 
difficultatem  et  de  spiritualibus  nihil  attingit.  Ergo  oportet,  qnod  intellec- 
tns  hominis  aliter  juTotnr,  ed  ideo  sancti  patriarchae  et  prophetae,  qui 
primo  dederunt  scientias  mundo,  receperunt  illuminationes  interiores  et 
non  solum  stabant  in  sensu.  Et  similiter  multi  post  Christum  fideles. 
Nam  gratia  fidei  illumiuat  multum,  et  divinae  inspirationes  non  solum  in 
spiritualibus,  sed  corporalibus  et  scientiis  philosophiae,  secundnm  quod 
Ptolomaeus  dicit  in  centiloquio,  quod  duplex  est  yia  deveniendi  ad  noti- 
tiam  remm,  una  per  experientiam  philosophiae,  alia  per  divinam  inspira- 
tionem,  quae  longe  melior  est,  ut  dicit.  Op.  maj.,  p.  337. 

^  Sunt  Septem  gradus  hujus  scientiae  interioris.  Unus  per  illuminationes 
vere  scientiales.  Alius  gradus  consistit  in  virtutibus.  Tertius  gradus  est 
in  Septem  donis  Spiritus  Sancti,  quae  enumerat  Jesaias.  Quartus  est  in 
beatitndinibus  spiritualibus,  quas  dominus  in  evangeliis  determinat.  Quin- 
tus  est  in  sensibus  spiritualibus.  Sextus  est  in  fructibus,  de  quibus  est 
pax  Domini  quae  exsuperat  omnem  sensum.  Septimus  consistit  in  capti- 
bns  et  modis  eorum,  secundnm  quod  diversi  diversimode  capiuntur,  ut 
videant  multa,  quo  non  licet  homini  loqui.  Qui  in  his  experientiis  vel  in 
pluribus  eorum  diligenter  est  exercitatus,  ipse  potest  certificare  se  et  alios 
non  solum  de  spiritualibus,  sed  omnibus  scientiis  humanis.  1.  c. 


498  Werner. 

Unvollkommenheit^  Schwäche  und  Sündhaftigkeit  des  gefallenen 
Menschen  gelegenen  Ursachen^  welche  die  normative  Geltung 
dieser  auf  göttliche  Offenbarung  gegründeten  Erbweisheit  zur 
Nothwendigkeit  machen,  ^  erklären  auch  die  mancherlei  Mängel 
und  Gebrechen^  welche  der  menschlichen  Vermittelung  derselben 
an  die  nachfolgenden  Geschlechter  anhaften.  Diese  Mängel 
sind  allbekannt  und  allwärts  zugestanden  in  Bezug  auf  die 
Lehren  der  Naturkunde,  allgemeinen  Weltlehre  und  Metaphysik. 
Baco  beruft  sich  auf  Aeusserungen  Seneca's^  über  die  Rohheit 
und  Unvollkommenheit  der  Vorstellungen  der  ältesten  Physiker, 
über  die  successiven  Fortschritte  der  Physik,  über  die  künftigen 
Generationen  vorbehaltenen  Erkenntnisse  und  Einsichten,  von 
welchen  die  gegenwärtig  lebende  Generation  noch  gar  keine 
Ahnung  habe.  Von  Aristoteles  ist  es  bekannt,  dass  er  die 
Ansichten  der  ihm  vorausgegangenen  Physiker  und  Welt- 
weisen einer  umständlichen  Prüfung  unterworfen  und  Viele» 
an  ihnen  berichtiget  habe,  sowie  umgekehrt  nicht  wenige  seiner 
Behauptungen  durch  Avicenna  und  Averroes  berichtiget  wurden. 
Dass  auch  diese  bedeutenden  Männer  in  nicht  wenigen  Dingen 
irrten,  wurde  schon  bemerkt;  um  so  weniger  darf  man  sich 
wundern,  auf  Irrthümer  der  mannigfachsten  Art  bei  anderen 
Philosophen  und  Naturkundigen  zu  stossen,  welche  mit  jenen 
Männern  nicht  verglichen  werden  können.  Die  Ungewissheit 
und  Unsicherheit  des  menschlichen  Erkennens  ist  so  gross  und 
weitgehend,  dass  fast  nirgends  zwei  Philosophen  mit  einander 
vollkommen  eins  werden  können,  dass  über  die  unbedeutendsten 
Fragen  Streitigkeiten  und  Meinungsdifferenzen  sich  laut  machen^ 
nicht  minder  herrscht  auf  den  Gebieten  der  Medicin,  Chirurgie 
und  anderer  weltlicher  Berufs-  und  Studienzweige  Uneinigkeit 


1  Baco  bezeichnet  die  aus  der  menschlichen  Sündhaftigkeit  entsprnogenen 
vier  Hanptnrsachen  der  menschlichen  Irrthümer:  Indignae  et  fragiUs 
anctoritatis  exempla,  sensiis  imperiti  vulgas,  diuturnitas  consnetndinis, 
obstinatio  animi  humani  in  solatium  snae  ignorantiae  reprobans  omnnia 
quae  ignorat.  Compend.  stud.  philos.,  c.  3.  —  Mnnimen  ad  defensionem 
contra  hoc  —  heisst  es  Op.  maj.,  p.  6,  mit  Beziehung  auf  diese  vier  Ur- 
sachen —  habere  non  possumns,  nisi  mandata  et  consilia  Dei  ac  sriptnrae 
suae  et  Juris  canonici,  Sanctorum  et  Philosophorum  et  omnium  Sapientam 
antiqnorum  seqnamur.  Et  si  bis  mandatis  es  consiliis  adhaereamns,  non 
possumus  errare,  nee  dcbemus  in  aliquo  reprobari. 

2  Quaest.  natur.  Lib.  III  u.  IV. 


Die  Psychologie,  Grlconiitniss-  nnd  Wiisenscbaftslehre  dos  Roger  Baco.  499 

und  Streit  der  Meinungen.  Aber  auch  den  Männern,  welche 
wir  als  die  Väter  der  theologischen  Wissenschaft  verehren,  ist 
nicht  selten  Menschh'ches  begegnet.  Augustinus  sah  sich  ver- 
anlasst, Retractationen  zu  schreiben,  Hieronymus  entschuldigte 
gelegentlich  die  Verstösse,  welche  ihm  bei  der  raschen  Eile 
einiger  seiner  biblischen  Interpretationsarbeiten  begegnet  waren; 
er  wendete  sich  aber  auch  berichtigend  gegen  eine  grosse 
Zahl  ihm  vorausgegangener  berühmter  christlicher  Lehrer, 
welchen  er  nachwies,  dass  sie  sämmtlich  die  richtige  Etymologie 
des  Wortes  Israel  nicht  gekannt  hätten.  *  Dass  die  Lehr- 
anschauungen der  alten  christlichen  Lehrer  nicht  durchgängig 
Tdr  zuverlässig  und  correct  gelten  dürfen,  geht  schon  daraus 
hervor,  dass  sie,  wie  z.  B.  Hieronymus  und  Augustinus,  sich  be- 
kämpften. Und  wenn  ein  so  ausgezeichneter  Mann  wie  Origenes 
sich  von  vielen  und  bedeutenden  Irrthümern  nicht  frei  zu  er- 
halten vermochte,  wie  sollte  man  Aehnliches  nicht  auch  bei 
allen  anderen,  welche  ihm  an  Qeist  und  Erudition  nachstanden, 
voraussetzen  dürfen?  In  der  That  haben  die  christlichen  Lehrer 
unserer  heutigen  öffentlichen  Schulen  Vieles  von  den  altchrist- 
Hchen  Lehrern  Gesagte  modificirt,  und  unter  pflichtschuldiger 
Wahrung  pietätsvoller  Rücksicht  von  jenem  Rechte  Gebrauch 
gemacht,  welches  ihnen  durch  die  Bekenntnisse  und  Aussprüche 
der  Weisen  und  Heiligen  der  Vorzeit  über  die  Fehlbarkeit 
aller  menschlichen  Auctoritäten  eingeräumt  war. 

Auch  Baco  glaubt  Von  diesem  Rechte  angesichts  der  zeit- 
genössischen Vertretung  der  theologischen  Schulwissen  schaffe 
Gebrauch  machen  zu  sollen.  Seit  vierzig  Jahren  —  klagt  er 
a.  12712  —  ist  das  theologische  Lehramt  Männern  anheim- 
gegeben, welche  als  unreife  Jünglinge  in  einen  der  beiden  Lehr- 
orden der  Dominicaner  und  Franciscaner  einzutreten  pflegen, 
und  ohne  die  nöthige  Vorbildung  in  den  weltlichen  Wissen- 
schaften, welche  sie  weder  vor  ihrem  Eintritt  in  den  Orden 
sich  erwerben  konnten,  noch  innerhalb  des  Ordens  sich  an- 
zueignen Gelegenheit  haben,  an  die  Theologie  herantreten,  um 


^  Im  Compend.  stnd.  philos.  c.  6  sncht  Baco  die  von  Hieronymns  gej^ebcne 
Uebersetznng  des  Namens  Israel:  Princeps  cum  Deo,  umständlich  zu 
rechtfertigen.  Siehe  Baconi  Op.  ed.  Brewer  p.  435 — 437. 

^  In  dieses  Jahr  wird  die  Abfassung  des  Compendium  studii  philosophiae 
(c  o)  gesetzt.  Vgl.  die  Preface  zu  Brewers  Edition  p,  LV. 

Sitzuogsber.  d.  phil.-hiit.  Cl.  XCIII.  Bd.  III.  Hffe.  33 


500  Werner. 

sich  in  das  Lehramt  derselben  einzuüben.  Baco  will  den 
Gliedern  dieser  beiden  Orden,  unter  welchen  er  jedoch  speciell 
und  vorzugsweise  den  Dominicanerorden  im  Auge  hat/  weder 
den  wohlbegründeten  Ruf  musterhafter  Disciplin,  noch  auch 
das  Geschick  volksthümlicher  erbaulicher  Beredtsamkeit  ab- 
sprechen. Damit  ist  aber  nicht  auch  schon  die  Befähigung  zu 
einer  erfolgreichen  Vertretung  der  theologischen  Wissenschaft 
gegeben,  deren  methodischer  Betrieb  die  in  jenen  beiden  Ordens- 
genossenschaften vernachlässigten  Grunddisciplinen  aller  welt- 
lichen und  geistlichen  Bildung  zu  seiner  Unterlage  hat.  Als 
diese  Grunddisciplinen,  in  welchen  der  Theolog  eben  so  sehr 
wie  der  Philosoph  geschult  sein  müsse,  bezeichnet  Baco  die 
gelehrten  Sprachen  (linguae  sapientiales),  Mathematik,  Perspec- 
tive, Alchymie,  Experimentalwissenschaft.  Baco  beklagt  die  Ver- 
nachlässigung derartiger  Studien  in  den  Schulen  beider  Orden 
um  so  mehr,  da  ihren  Lehrern  auch  die  Unterweisung  der  Säcular- 
geistlichkeit  anheimgefallen  sei;  die  Säculargeistlichkeit  habe 
sich  leider  seit  vierzig  Jahren  von  der  Pflege  der  wissenschaft- 
lichen Theologie  ganz   zurückgezogen,  ^  oder  betreibe  dieselbe 

^  Hi  sant  pneri  duorum  ordinum  studentium,  ut  Albertus  et  Thomas  et 
alii^  qui  ut  in  pluribus  in^ediantur  ordines,  quum  sint  viginti  annoram 
et  infra.  Coinpend.  stnd.  philos.,  c.  5.  —  Dass  aber  Baco  nebstdem  anch 
den  Franciscanerorden  im  Auge  hat,  geht  ans  seinen  Aeusserungeu  im 
Opus  minus  (Baconi  Op.  ed.  Brewer,  p.  325  f.)  liber  die  theologische 
Summa  des  Alexander  Halesius  hervor,  rücksichtlich  welcher  er  indess 
zweifelhaft  IKsst,  und  in  wie  weit  sie  als  Werk  des  nach  seinem  persön- 
lichen Charakter  von  ihm  hochgehaltenen  Alexander  gelten  dürfe:  Et  si 
eam  fecisset  vel  magnam  partem,  tamen  non  legit  naturalia  nee  meta- 
physica,  nee  audivit  ea,  quia  non  fuerunt  libri  principales  harum  scien- 
tiarum  nee  commentarii  translati,  quando  rexit  in  artibus.  Alexander  sei 
nämlich  bei  seinem  Eintritt  in  den  Orden  schon  ein  bejahrter  Mano 
gewesen.  Unter  dem  anderen  noch  lebenden  Lehrer,  von  welchem  Baco 
sagt,  dass  er  noch  als  Knabe  in  den  Franciscanerorden  getreten  und  der 
erste  aus  dem  Orden  selber  hervorgegangene  Lehrer  der  Philosophie 
gewesen  sei  (Op.  c,  p.  327),  kann  nur  Johann  von  Rochelle  (f  1271) 
gemeint  sein.  Baco  lobt  seinen  unermesslichen  Lerneifer,  spricht  ihm  aber 
die  für  einen  erfolgreichen  Betrieb  der  Theologie  nothwendigen  Kenntnisse 
ans  den  weltlichen  Wissenschaften  ab,  und  bedauert  den  ungenügenden 
Unterricht,  der  ihm  im  Orden  zu  Theil  wurde. 

3  Saeculares  a  quadraginta  annis  neglexerunt  Studium  theologiae  et  philo- 
sophiae  secundum  veras  vias  illorum  stndiorum,  occupati  appetitu  deli- 
ciarum,   divitiarum  et  bonorum,  et  corrupti  causis  ignorantiae  praedictiS] 


Die  Fuycliologte,  Erkenntniss-  aud  WitsenschaftsleHre  des  Bogor  Baco.  501 

einzig  nach  Anleitung  ihrer  nunmehrigen  Lehrmeister.  Die 
schöne  Zeit^  in  welcher  ein  Robert  von  Lincoln,  Thomas  von 
St.  David;  Adam  de  Marisco  und  Robert  de  Marisco,  ein  Wil- 
helmus  Lupus  und  Willielmus  Shyrwood  lehrten^  sei  dahin,  und 
seither  sei  kaum  mehr  irgend  eine  theologische  Leistung  aus 
den  Kreisen  der  Säculargeistlichkeit  zu  Tage  getreten. 

Der  von  Baco  so  hoch  gepriesene  Bischof  Robert  von 
Lincoln  (Robeii  Capito,  Grosshead,  Grosse-Teste,  Grosset^te) 
war  gleich  Adam  de  Marisco  einer  der  Lehrer  Baco's  an  der 
Oxforder  Schule  gewesen ;  ^  Beide  waren  durch  sprachliche  und 
mathematische  Kenntnisse  ausgezeichnet,  und  hatten  dazu  bei- 
getragen, dem  Geiste  Baco's  die  von  ihm  zeitlebens  verfolgte 
Richtung  zu  ertheilen.  Adam,  der  bereits  bejahrt  in  den  Fran- 
ciscanerorden  eintrat,  und  durch  sein  Beispiel  vielleicht  auf 
den  gleichen  Schritt  seines  Schülers  Einfluss  hatte,  ist  auch  Ver- 
fasser eines  Commentars  zu  den  pseudo-dionysischen  Schriften, 
deren  Einfluss  auf  Baco  in  seinen  oben  beigebrachten  Aeusse- 
rungen  über  den  specifischen  Modus  des  englischen  und  mensch- 
lichen Erkennens,  so  wie  über  den  Einfluss  der  göttlichen  Er- 
leuchtung auf  das  menschliche  Erkennen  unschwer  zu  erkennen 
ist.  Wilhelm  von  Shyreswood,  welcher  in  Oxford  studirt  hatte, 
wirkte  als  Lehrer  in  Paris,  und  starb  als  Kanzler  der  Kirche 
in  Lincoln.  Ob  und  wo  Baco  zu  ihm  in  nähere  Beziehungen 
trat,  lässt  sich  aus  Baco's  Aeusserungen  nicht  ermitteln;  im 
Opus  tertium  wird  er  noch  als  lebend  vorausgesetzt,^  und  mit 

ita  qnod  totaliter  dimiseruut  vias  aatiquoram  sapientam.  Comp.  stud. 
theo!.,  5.  —  Unter  dem  Terminus  a  qao  der  erwähnten  vierzig  Jahre 
yersteht  ßaco  augenscheinlich  jene  Zeit,  zu  welcher  die  Mendicanten  in 
den  Besitz  von  Lehrstühlen  der  Theologie  an  der  Pariser  Universität 
gelangen.  Vgl.  meine  Schrift  über  Thomas  v.  Aquino  I,  S.  106. 

'  Baco  stellt  diese  seine  beiden  Lehrer  den  berühmtesten  Weisen  aller 
Zeiten  zur  Seite :  Pauci  sapientissimi  fnerunt  in  perfectione  philosophiae, 
nt  primi  compositores  et  Salomon  et  deinde  Aristoteles  pro  tempore  suo; 
et  postea  Avicenna  et  in  diebus  nostris  dominus  Bobertus  episcopns  nuper 
Lincolnensis  et  frater  Adam  de  Marisco^  quia  hi  fuerunt  perfecti  in  omni 
sapientia  et  nunqnam  fuerunt  plnres  perfecti  in  philosophia.  Op.  tert., 
c.  22. 

^  Daraus  erhellt,  dass  a.  1249  nicht,  wie  es  herkömmlich  geschieht  und  bei 
Prantl  Gesch.  d.  Logik  lü,  S.  10,  Anm.  29  reproducirt  wird,  Wilhelms 
Todesjahr  sein  könne.  Scribat  sapientia  vestra  —  schreibt  Baco  Op. 
tert.  c.  2  an   Papst  Clemens  IV.    —   eis   (d.  i.  den   unmittelbar  voraus- 

33* 


502  Werner. 

Albertus  Magnus  zusammengenannt,  jedoch  so,  dasa  er  über 
diesen  gestellt,  ja  sogar  als  der  bedeutendste  unter  den  cbrist- 
lichen  Philosophen  der  Gegenwart  bezeichnet  wird.  ^ 

Einer  der  Gründe,  aus  welchen  Baco  Albert  dem  Grossen 
keine  voUgiltige  wissenschaftliche  Auctorität  zuerkennen  wollte, 
war  wohl  dieser,  dass  Albert  kein  Sprachenkundiger,  und  dem- 
zufolge in  seinen  philosophischen  und  naturwissenschaftlichen 
Arbeiten  auf  die  Benützung  der  nach  Baco's  Dafürhalten  un- 
genügenden Uebersetzungen  der  aristotelischen  Schriften  an- 
gewiesen war.  Nach  Baco  kann  es  weder  dem  Philosophen  noch 
dem  Theologen  erlassen  werden,  die  Quellenschriften  'seiner 
Wissenschaft  im  Urtexte  zu  lesen  und  zu  verstehen.^  Er  nennt 
die  Sprachen,  deren  Kenntniss  für  den  Betrieb  theologischer  und 
philosophischer  Studien  nothwendig  ist,  die  Gelehrtensprachen, 
deren  er  vier  aufzählt:  Griechisch,  Hebräisch,  Arabisch,  Chal- 
däisch.  ^  Wie  ohne  Kenntniss  des  Hebräischen  und  Chaldäischen 
kein  correctes  und  erudites  Verständniss  der  Bibel  möglich  ist, 
so  ohne  Kenntniss  des  Griechischen  und  Arabischen  kein  cor- 
rectes und  irrthumsfreies  Verständniss  der  Autoren,  welche  in 
jenen  Sprachen  schreibend  Leuchten  und  Auctoritäten  gött- 
licher Wissenschaft  für  alle  nachfolgenden  Zeiten  geworden 
sind.  Baco  nennt  die  erwähnten  vier  Sprachen  Linguas  sapien- 
tiales;  denn  alle  Weisheit,  in  welcher  unmittelbar  oder  mittelbar 
göttliche  Wahrheit  niedergelegt  ist,  hat  ihre  schriftlichen  Zeug- 


erwähnten beiden  Gelehrten  Albertus  Magnus  und  Wilhelm  Shyreswood) 
articuloB  opemm  quae  misi  et  quae  tangam  in  hac  tertia  acriptura,  et 
videbitis,  quod  transibnnt  decem  anni,  quam  ipsi  mittant  vobis  ea,  quae 
scripsi. 

^  Non  est  mirum,  si  distuli  in  tractando.  Quod  probare  potestis  (siehe  Torlge 
Anm.)  per  sapientes  famosiores  inter  christianos,  quorum  nnus  est  frater 
Albertus  de  ordine  Praedicatorum,  altus  est  magister  Gulielmns  de 
ShTTWode,  thesaurarins  Lincolniensis  ecclesiae  in  Anglia,  longe  sapientior 
Alberto.  Nam  in  philosophia  commnni  nuUus  major  est  eo.  1.  c. 

^  Vocabula  infinita  ponuntur  in  textibus  theologiae  et  philosophiae  de 
alienis  Unguis,  quae  non  possunt  scribi  nee  proferri  nee  intelligi  nisi  per 
eoSf  qui  linguas  sciunt.  Et  necesse  fuit  hoc  fieri  propter  hoc,  quod 
scientiae  fuerunt  compositae  in  lingua  propria,  et  translatores  neu  inre- 
nerunt  in  lingua  latina  sufBcientia  Tocabula.  Op.  tert.,  c.  25. 

'  Prima  igitur  est  scientia  linguamm  sapientialium,  a  quibus  tota  Latinornm 
sapientia  translata  est,  cujnsmodi  sunt  Graecum,  Hebraeum,  Arabicnm 
et  Chaldaeum.  Comp.  stud.  philos.  c.  C. 


Die  Psychologie,  ErkenntnisB-  und  Witsenccliaftslehre  des  Roger  Baco.  503 

nisse  und  Bekundungen  in  jenen  vier  Sprachen  erhalten.  ^  Die 
Lateiner  haben  aus  sich  nur  die  geistliche  und  weltliche  Juris- 
prudenz hervorgebracht.  Das  geistliche  Recht  ist  jedoch  einfach 
aus  der  Bibel  des  Ä.  T.  und  N.  T.  und  aus  Aussprüchen  heiliger 
Lehrer  geschöpft;  bietet  somit  nichts,  was  nicht  aus  den  Quellen 
des  geistlichen  Rechtes  ohnehin  schon  bekannt  wäre.  Die 
weltliche  Jurisprudenz  aber^  unter  welcher  Baco  das  zu  Bo- 
logna gelehrte  römische  Recht  meint,  ist  eine  entgeistete,  ihrer 
philosophischen  Quelle  völlig  unbewusste  Unterweisung  in  der 
Fertigkeit,  die  Verhältnisse  des  bürgerlichen  Lebens  zu  ordnen 
und  zu  regeln.^  Die  natürliche  Folgerung  aus  dem  Gesagten 
ist,  dass  der  lateinische  oder  occidentalische  Geist  nur  insoweit 
als  er  in  jenen  des  Orients  eingeht,  sich  Weisheit  aneignen 
könne;  das  nothwendige  Mittel  hiezu  aber  ist  die  Erlernung 
der  orientalischen  Sprachen  und  des  Griechischen,  welches  in 
der  Bibel  sowohl  und  in  den  griechischen  Kirchenvätern  als 
auch  in  Aristoteles  ^  ganz  von  der  Weisheit  des  Orients  durch- 
tränkt ist. 

Diese  Aeusserungen  Baco's  stehen  in  vollkommenem  Ein- 
klänge mit  seiner  schon  oben  erwähnten  Anschauung,  dass  alle 
Weisheit  auf  Offenbarung  beruhe,  und  die  Wissenschaft  der 
Gegenwart  auf  dem  Grunde  der  aus  der  grauen  Vorzeit  auf 
die  nachfolgenden  Geschlechter  vererbten  Weisheitsüberlieferung 


^  Latini  nulluni  textum  composuerunt,  seil,  neque  theologiae  neque  philo- 
flophiae.  Omnes  textus  facti  sunt  primo  in  Hebraeo  bis,  tertio  in  Graeco, 
quarto  in  Arabico.  Op.  c,  c.  8. 

3  Omnia,  quae  sunt  in  usu  laicorum,  sunt  mecbanica  respectu  philosophiae 
....  Qaapropter  ars  juris  civilis  laicorum  est  mecbanica  respectu  juris 
civilis  philosophiae  et  non  est  pars  philosophiae  ....  Cum  mechanici 
omnes  procedunt  et  negotiantur  sicut  bruta  et  sicut  inanimata  et  sine 
causarum  et  rationum  cognitione,  ut  Aristoteles  dicit,  manifestum  est, 
quod  juristae  civiles  laici,  cum  sint  mechanici  respectu  philosophantium, 
sunt  respectu  eorum  bruta  animalia  et  sicut  inanimata,  cansas  et  rationes 
legum  radicales  ignorantes.  Op.  c,  c.  4. 

'  Aristoteles  in  omni  re  constituit  principium,  medium  et  finem,  sed  in 
Creatore  patrem  et  paternam  mentem  et  amorem  utriusque  mutuum  unam 
substantiam,  deitatem  indivisam  in  essentia,  sed  trinam  in  personis,  sicut 
a  Piatone  magistro  suo  didicit,  sed  perfectius  a  libris  Hebraeorum  et  ab 
Hebraeis  sui  temporis,  apud  quos  viguit  lex  Dei,  et  a  quibus  omnem 
sapientiam  habuit,  sicut  ipsemet  in  libro  de  regimine  regnorum  asserit 
evidenter.  Op.  c,  c.  4. 


504  Werner. 

stehe.  Zugleich  nimmt  er  aber  hievon  Anlass,  Stellung  zu 
nehmen  gegenüber  dem  allgemeinen  Bildungsstande  der  abend- 
ländischen Kirche,  seiner  Zeit,  von  welchem  er  ein  höchst  un- 
günstiges Bild  entwirft.  Dass  hieran  sein  Widersatz  gegen 
den  in  der  Theologie  zur  Herrschaft  gelangten  logistischen 
Peripatetismus  sehr  grossen  Antheil  hat,  ist  nicht  zu  verkennen; 
dieser  Widersatz  ist  aber  nicht  zum  geringsten  Theile  Ausfiuss 
des  Unabhängigkeitsgeistes  der  englischen  Kirche,  als  deren 
preiswürdigsten  Repräsentanten  Baco  Robert  von  Lincoln  ver- 
ehrt. Das  diesem  Manne  gezollte  liob  schliesst  schon  an  sieb 
die  Kritik  der  Zustände  des  Zeitalters  Baco's  in  sich,  und  ist 
mit  derselben  bei  ihm  aufs  Engste  verwoben,  so  dass  wir  aus 
dem,  was  er  zum  Lobe  Roberts  sagt,  zugleich  auch  schon  ent- 
nehmen können,  was  er  an  den  Zuständen  der  abendländischen 
Kirche  seiner  Zeit  als  Mangel  und  Gebrechen  zu  rügen  hat.  Er 
preist  Robert  als  einen  moralisch  vollkommen  selbstständigen 
Mann  heiligmässigen  Andenkens,^  als  mustergiltigen  Typus 
eines  christlichen  Weisen,  als  Repräsentanten  einer  leider  unter 
gegangenen  besseren  Zeit.  Er  steht  nicht  an,  ihn  den  ersten 
Gelehrten  seiner  Zeit  zu  nennen  ;2  Robert  habe  alle  Kenntnisse 
vereiniget,  deren  Besitz  nothwendig  ist,  um  sowohl  die  alten 
Weisen  verstehen,  als  auch  mit  Erfolg  die  überlieferte  Weisheit 
der  Alten  weiterbilden  zu  können.^  Allerdings  gelangte  er 
erst  in  vorgerückten  Lebensjahren  dazu,  selbstständig  grie- 
chische Bücher  ins  Lateinische  übertragen  zu  können;  indess 
wusste  er  der  Wissenschaft  auch  in  der  früheren  Periode  seines 
Lebens  zu  nützen.  Da  ihn  nämlich  die  schlechten  Ueber- 
setzungen  des  Ai'istoteles  an  der  Möglichkeit  denselben  richtig 
zu  verstehen  verzweifeln  Hessen,    wusste  er  durch  selbsteigene 


1  Possnmus  exemplnm  ponere  in  domino  Roberto  episcopo  Liucolnensi  et 
BanctiBsimae  memoriae,  cujus  vitam  pauci  praelati  imitantur,  et  cnjns 
Stadium  ordines  studentes  et  saeculares  penitus  neglexerunt.  Compend.  stud. 
philos.,  c.  5. 

2  Solus  UDUS  sciyit  scientias,  ut  Lincolnensis  episcopus.  Op.  tert.,  c.  10.  — 
Nullus  scivit  scientias  sicut  dominus  Robertus  episcopus  Lincolnensis  per 
longitudinem  vitae  et  experientiae,  et  stndiositatem  ac  diligentiam.  Op.  tert, 
c.  25.  Aehnlich  lautende  Stellen  aus  anderen  Werken  Baco*s  weiter  ant«n. 

3  Quia  scivit  mathematicam  et  perspectivam,  et  potuit  omnia  scire;  simul 
cum  hoc,  quod  tantura  scivit  de  unguis,  quod  potuit  intelligcre  sanctos 
et  philoaophos  et  antiquos  sapicntes.  Op.  c,  c.  -'5. 


Die  Psychologie,  Erkenntnis«-  and  Wissenschaftslehre  des  lioger  Baco.  505 

Forschung  und  durch  Benützung  anderer  Autoren  mehr  als 
hinlänglich  das  zu  ersetzen,  was  aus  Aristoteles  zu  gewinnen 
war.  ^  In  den  letzteren  Jahren  seines  Lebens  berief  er  des 
Griechischen  kundige  Männer  aus  Süd-Italien  nach  England, 
und  liess  Werke  über  die  griechische  Grammatik  allwärts  auf- 
kaufen; er  veranstaltete  Uebersetzungen  der  Schriften  des  Dio- 
Djsius,  Johannes  von  Damask  und  anderer  griechischer  Lehrer. 
Damit  war  freilich  nur  ein  geringer  Theil  dessen  geleistet,  was 
die  Lateiner  bis  jetzt  zu  leisten  versäumten;^  denn  unzählige 
Schriften  der  griechischen  Lehrer  und  Exegeten  harren  noch 
ihres  Uebersetzers.  Aehnlich  steht  es  um  die  Schiiften  des 
Aristoteles,  von  welchen  der  weitaus  grösste  Theil  bisher  noch 
unübersetzt  geblieben  ist. 

Diese  letztere  Bemerkung  lässt  wohl  erkennen,  dass  Baco 
in  seinen  Klagen  über  die  verderbten  Zustände  der  abend- 
ländischen Kirche  seiner  Zeit  sich  von  Uebertreibungen  nicht 
ferne  zu  halten  weiss,  welche  zum  Theile  auch  auf  Rechnung 
einer  unrichtigen  und  entstellenden  Auffassung  der  gegebenen 
Sachlage  gehen.  Aus  der  Lebensbeschreibung  des  Aristoteles  ^ 
wissen  wir  —  bemerkt  Baco*  —  dass  Aristoteles  gegen  tausend 
Schriften  (Volumina)  verfasst  habe;  wir  aber  besitzen  nur  drei 
Volumina  von  erklecklichem  Umfange,  nämlich  die  Logicalia, 
Naturalia  und  Metaphysicalia.  Nun  lag  es  nicht  allzuferne,  zu 
vermuthen,  dass  die  ungefähr  tausend  Volumina  etwa  dann 
sich  ergäben,  wenn  bei  den  von  Diogenes  Laertius  und 
Anderen   aufgezähltQn   Schriften   des  Aristoteles   die   einzelnen 

*  Dominus  Robertus  ....  per  propriam  experientiam  et  anctores  alios  et 
per  alias  scientias  neg^tiatus  est  in  sapientialibas  Aristotelis;  et  melius 
centies  miUesies  scivit  et  seripsit  illa,  de  qiiibus  libri  Aristotelis  loquuntur, 
quam  in  ipsius  perversis  translationibus  capipossunt.  Comp.  stud.  phil.,  c.  8. 

^  Mirum  est  de  negligentia  ecclesiae;  quia  a  tempore  Damasi  papae  non 
fait  aliquis  summus  pontifex,  nee  aliquis  alius  inferior,  qui  sollicitns  fuit 
de  promotione  acclesiao  per  translationes  nisi  dominus  praefactus  epis- 
copus  gloriosns.  1.  c.  Diese  Klage  gilt  namentlich  auch  dem  Umstände, 
dass  seit  Papst  Damasus  die  Uebersetzung  der  Bibel  aus  dem  hebräischen 
und  griechischen  Urtexte  völlig  Ternachlässiget  worden  sei. 

'  Diese  hat  zu  ihrem  Verfasser  einen  vom  Verfasser  des  Almagest  ver- 
schiedenen Philosophen  Ptolomäus,  der  seine  Angabe  über  die  Zahl  der 
Aristotelischen  Schriften  aus  Andronicus  schöpfte.  Vgl.  über  ihn  die  Notizen 
in  der  Berliner  Ausgabe  der  Opp.  Aristot.,  Tom.  V,  p.  1469, 

*  Comp.  stud.  phil.,  c.  8. 


506  Werner. 

Bücher  oder  Theile  verschiedener  Schriften  als  besondere 
Volumina  gezählt  werden;  demgemäss  konnte  der  bereits  er- 
rungene Besitz  der  Logicalia,  Naturalia  und  Metaphysicalia 
schon  in  quantitativer  Beziehung  in  keinem  so  nachtheiligen 
Verhältniss  zu  den  übrigen  noch  nicht  erworbenen  Schriften  des 
Aristoteles  stehen^  als  Baco  es  scheinen  machen  will.  *  Freilich 
vermisst  Baco  unter  den  Logicalien  die  zwei  nach  seiner  An- 
sicht wichtigsten  Werke  des  Aristoteles^  die  Poetik  und  Rhe- 
torik, von  welchen  Hermannus  Alemannus,  der  beide  im  ara- 
bischen Texte  kannte,  das  eine  wegen  der  ihm  entgegentretenden 
unübei-windlichen  Schwierigkeiten  gar  nicht  zu  übersetzen  wagte,* 
das  andere  aber  so  schlecht  übersetzte,  dass  seine  Arbeit  völlig 
unbrauchbar  ist.  Auch  die  Metaphysik  des  Aristoteles  besitzen 
die  Lateiner  nur  unvollständig  in  zehn  Büchern,  da  deren  doch 
weit  mehr  seien.  ^  Die  Thiergeschichte  des  Aristoteles  besteht, 
wie  Baco  aus  Flinius  ^  zu  erhärten  sucht,  aus  fünfzig  Büchern, 
welche  Baco  in  der  That  im  griechischen  Texte  gesehen  haben 
will,  während  die  Lateiner  deren  nur  neunzehn,  und  diese  in 
elender  Uebertragung  besässen.  Da  der  heutige  Text  des  Ari- 
stoteles nur  zehn  Bücher  Thiergeschichte  aufweist,  so  ist  die 
Zahl  von  neunzehn  Büchern  wohl  nur  aus  Theilungen  der 
einzelnen  Bücher  entstanden;  wenn  Aehnliches  mit  den  übrigen 
zoologischen  Schriften  des  Aristoteles  geschah,  so  mag  die  Zahl 
von  fünfzig  Büchern  sich  ergeben  haben,  welche  aber  nicht 
ausschliesslich  Bücher  der  Thiergeschichte  sein  konnten.    Auch 

>  Gemässigter  drückt  sich  Baco  im  Opus  majus  p.  14  aus:  Nee  adhuc 
medietatem,  nee  partem  meliorem  (seil,  librorum  Aristotelis)  habemus. 

'  Librum  Aristotelis  de  poetico  argumento  non  ausus  fuit  ioterpres  Her- 
mauua  transferre  in  latinum  propter  metrorum  difficultatem,  quam  non 
intellexit,  ut  ipso  dieit  in  prologo  commeutarii  Averroi»  super  illnm 
librum.  Op.  maj.,  p.  4-4. 

3  De  metaphystea  non  legunt  Latini,  nisi  quod  habent  de  decem  libellis, 
cum  multi  alii  sint,  et  de  Ulis  decem  deficiunt  in  tranalatione,  quam 
legunt,  multa  cai*itttla,   et  quasi  liueae   infinitae.   Comp.  stud.  pbil|  «.  ö. 

*  Siehe  Plin.  Hist.  Natur.  VUI,  17:  Alexandro  Magno  rege  inöammato 
cupidine  animalium  naturas  noscendi  delegataque  hac  coDMuentotione 
Aristoteli  summo  in  omni  doctrina  viro,  aliquot  millia  hominum  in  toliua 
AsLae  Graeciaeque  tractu  parere  jussa,  omnium  quos  venatos,  aucnpia 
piscatusque  alebant  quibusquo  vivaria,  armenta,  alvearia,  piscinae,  amna 
in  cura  erant,  ne  quid  usquam  genitum  ignoraretur  ab  eo;  quos  percunctando 
quinquaginta  ferme  Volumina  illa  praeclara  de  animalibus  composuit. 


Die  Psychologie,  Erkcnntniss-  und  WisseDScbaftslehre  des  Roger  Baco.  507 

in  Bezug  auf  die  Zahl  der  ßüeher  der  Metaphysik  zeigt  sich 
Baco  unrichtig  informirt,  wenn  er  neben  den  bereits  vorhandenen 
zehn  noch  ^multos  alios^  voraussetzt.  ^  Auch  fällt  einigermassen 
auf,  dass  Baco  die  im  Opus  majus  ausgesprochenen  Klagen 
noch  in  seinen  darauf  folgenden  Werken  wiederholt,  da  er 
dock  mittlerweile  zur  Kenntniss  dessen  hätte  gelangen  können, 
was  in  der  That  sowohl  für  die  Erweiterung  und  relative  Ver- 
vollständigung der  Kenntniss  der  aristotelischen  Schriften  als 
auch  für  die  Verbesserung  des  lateinischen  Textes  derselben, 
und  endlich,  namentlich  durch  Thomas  Aq.  für  die  Erklärung 
des  Aristoteles  geschehen  war.  Wii'  müssen  die  Einschränkungen, 
die  seinem  literarischen  Verkehre  durch  die  ihm  missgünstigen 
Ordensoberen  sowie  durch  die  nachfolgende  zehnjährige  Haft 
auferlegt  wurden,  als  Erklärungs-  und  Entschuldigungsgrund 
gleiten  lassen. 

Baco  bemängelt  nicht  bloss  die  ungenügende  Kenntniss 
der  aristotelischen  Schriften  in  der  Gegenwart,  sondern  be- 
klagt, dass  sie  von  jeher  in  der  lateinischen  Kirche  unbeachtet 
geblieben  und  vernachlässiget  worden  wären.  ^  Einen  Haupt- 
grund dessen  will  er  darin  finden,  dass  sie  in  Ermangelung 
einer  lateinischen  Uebersetzung  den  lateinischen  Lehrern  fremd 
bleiben  mussten,  während  die  Schriften  Plato's,  weil  sie  über- 
setzt vorlagen,  in  den  Händen  Aller  gewesen  wären.  Er  kann 
sich  indess  doch  nicht  verhehlen,  dass  auch  die  griechischen 
Lehrer  der  altchristlichen  Zeit,  welchen  kein  sprachliches  Hin- 
derniss  das  Studium  des  Aristoteles  wehrte,  denselben  mit  ent- 
scliiedener  Ungunst  behandelten,  während  umgekehrt  Plato 
sichtlich  der  Gunst  derselben  sich  erfreute.  Er  erkjärt  sich 
diese  unverkennbare  Thatsache  daraus,  dass  die  Polemik  des 
Aristoteles  gegen  Plato  sie  im  voraus  gegen  ersteren  einnahm 
und  vom  Studium   seiner  Schriften   abhielt;  ^   hätten   sie   diese 

^  Wie  Baco  die  Zahl  der  bis  dabin  bekannt  gewordenen  Schriften  des 
Aristoteles  bei  weitem  nicht  genügte,  so  schien  er  selbst  die  Zahl  der 
kanonischen  biblischen  Bücher  einer  Mehrung  fähig  zuhalten:  Vidi  duos 
libros  Machabaeorum  in  graeco,  vldeiicet  tertium  et  quartum,  et  Scriptura 
facit  mentionem  de  libris  Samuel  et  Nathan  et  Gad  Yidentis  et  aliorum, 
quos  non  habemus.  Op.  maj.,  p.  34. 

^  Op.  maj.,  p.  14. 

3  Qnia  intellcxerunt,  quod  Aristoteles  persecutus  est  sententias  Platonicas, 
Aristctelem  in  mnltis  reprobant  et  dicunt  rationem  haereses  congregasse, 


508  Werner. 

gekannt;  so  hätten  sie  auch  ersehen  müssen^  um  wie  viel  Ari- 
stoteles den  Plato  überrage^  ^  und  würden  nicht  um  des  Wenigen 
willen^  was  aus  Plato  zu  gewinnen  war,  den  unermesslichen 
Ueichthum  der  geistigen  Schätze,  welche  die  aristotelischen 
Schriften  in  sich  bergen,  bei  Seite  haben  liegen  lassen.  Baco 
hält  die  pseudoaugustinische  Schrift  de  Categoriis  für  eine  Arbeit 
Augustins  und  fragt,  wie  Augustinus,  der  schon  dieser  kleinen 
Schrift  des  Aristoteles  so  hohes  Lob  zollte,  über  denselben 
hätte  urtheilen  müssen,  wenn  er  seine  Leistungen  in  dem  Um- 
fange, wie  die  gegenwärtige  Zeit  sie  überschaut,  kennen  ge- 
lernt hätte!  Indess  beschränkten  sich  die  altchristlichen  Lehrer 
mit  einer  gewissen  Absichtlichkeit  auf  die  das  Denken  und  die 
Sprache  bildenden  Seiten  des  philosophischen  Studiums,^  und 
Hessen  die  eigentliche  Realphilosophie  bei  Seite  liegen,  oder 
mahnten  direct  von  der  Pflege  derselben  ab,  wie  Ambrosius^ 
und  HieronymuB  ^  an  gewissen  Stellen  ihrer  Schriftcommentare. 


sicut  Augastinas  dicit  in  libro  de  civit&te  Dei  (VIII,  12)  ipsum  adhae 
magistro  sao  Piatone  vivente  multos  in  haeresln  snam  cong^egasse.  Op. 
maj.,  p.  14. 

^  Omnium  philosophantium  testimonio  Plato  nullam  comparationem  respectu 
Aristotelis  noscitur  habuisse.  1.  c. 

3  Sancti  grammaticalia,  logica  et  rhetorica  et  communia  metaphysicae 
multum  effernnt  et  abundanter  in  sacris  ntuntur  ....  sed  de  aliis  paroin 
et  raro  loqunntur,  imo  multum  negligunt  et  negligi  docent  aliqnando.  1.  c 

3  Baco  verweist  auf  einen  der  fKlschlich  dem  Ambrosios  zugeBcbriebenen 
Commentare  über  die  Paulinischen  Briefe,  und  hat  hier  die  Glosse  des 
Pseudo-Ambrosius  zu  Eol.  1,  3  im  Auge:  Omnem  incredulum  latet,  in 
Christo  esse  omnem  sapientiam  et  scientiam,  quia  non  legunt  in  Evan- 
geliis  astrologiam,  non  in  Apostolo  geometriam,  non  in  Prophetis  arithme 
ticam  nee  musicam ;  quae  idcirco  despecta  sunt  a  nostris,  quia  ad  salatem 
non  pertinent,  sed  magis  mittunt  in  errorem  et  avocant  a  Deo,  ut  dorn 
bis  Student  ratiocinationum  disputationibus,  animae  suae  curam  non  agant. 
Quae  enim  tam  vera  sapientia,  quam  cognovisse  quod  prosit,  et  despexisse 
quod  obsit? 

^  In  dem  von  Baco  citirten  Commentar  des  Hieronymus  zum  Pauliniscben 
Briefe  an  Titus  finden  sich  ein  paar  Stellen,  die  sich  hieher  beziehen 
lassen.  Baco,  welcher  Divination  und  Magie  hoch  hielt,  konnte  sich  durch 
die  Bemerkungen  des  Hieronymus  zu  Tit.  1,  12  über  Epimenides  und  den 
ihm  zugeschriebenen  Liber  oraculorum  nicht  wohl  angemuthet  fühlen,  Die 
Glosse  des  Hieronymus  zu  Tit.  3,  9  betrifft  den  Aristoteles  als  Dia- 
lektiker: Dialcctici,  quorum  princeps  Aristoteles  est,  solent  argomen- 
tationum  rctia  tcndcre,    et  vagam  rhetoricae  libertatem  in  syllogismoruni 


Die  Psychologie,  ErkenntDiss-  nnd  WisseoschaftiileUre  des  Roger  Baco.  509 

Der  Grund  der  Abneigung  war  der  Widerstand,  welchen  das 
Heidenthum  eben  mit  seiner  natürlichen  Vernunft-  und  Welt- 
weisheit dem  neuerstandonen  Christenthum  allenthalben  ent- 
gegenstellte. So  kam  es,  dass  die  Kirche  von  der  Welt-  und 
Katurkunde  einzig  nur  für  unumgänglich  nothwendige  praktisch- 
kirchliche Zwecke  Gebrauch  machte;  die  Regelung  des  Kirchen- 
k&lenders  machte  die  Pflege  astronomischer  Studien  nothwendig, 
zur  Begelung  und  Ausbildung  des  Kirchengesanges  bedurfte 
man  der  Musikkunde. 

Obschon  Baco  unverhohlen  zu  verstehen  gibt,  dass  die  alt- 
christlichen Lehrer  die  Philosophie  nur  von  ihrer  mindest  wesent- 
lichen Seite  gekannt  hätten  und  in  ihren  eigentlichen  Geistgehalt 
gar  nicht  eingedrungen  wären,  so  will  er  doch  nicht,  dass  man 
ihn  des  Mangels  schuldiger  Verehrung  gegen  sie',  oder  un- 
gebührlicher Unterschätzung  ihrer  preiswürdigen  Leistungen 
zeihe.  1  Er  gibt  ihnen  vielmehr  das  Zeugniss,  dass  sie  von 
dem,  was  sie  aus  der  Philosophie  sich  aneigneten,  den  treff- 
lichsten Gebrauch  machten,  und  dass  sie,  wenn  sie  heute  lebten, 
die  seither  erschlossene  Kenntniss  der  aristotelischen  Philosophie 
ganz  anders  zu  fördern  und  zu  verwerthen  bestrebt  sein  würden, 
als  das  gegenwärtige  Geschlecht.  Es  war  providentielle  gött- 
liche Fügung,  dass  sie  die  Scientias  majores  der  Philosophie 
nicht  kannten;  denn  die  Ueberzeugung  von  der  heiligen  Wahr- 
heit des  Christenthums  sollte  sich  nicht  durch  die  Mittel  mensch- 
licher Einsicht  und  Wissenschaft,  sondern  durch  die  Macht 
des  Glaubens  begründen.  Die  vom  ungläubigen  Heidenthum 
im  Bunde  mit  der  Philosophie  gegen  das  Christenthum  auf- 
gebotene Macht  magischer  Künste  sollte  durch  göttliche  Wunder- 


spiueta  concludere.  Hi  ergo,  qui  in  eo  totas  dies  et  noctes  terunt,  at  vel 
interrogent  vel  respondeant,  vel  dent  propositionem,.  vel  accipiant,  assu- 
mant,  confirmcnt  atque  concludant,  qaosdam  contentiosos  vocant,  qui  ut 
Übet  non  ratione  sed  stomacho  disputent  litigantinm.  Si  igitur  illi  hoc 
faciunt,  quid  debet  faeere  christianus,  nisi  omnium  fugere  conteotionem? 
*  Si  sancti  habuissent  usnm  scientiarum  philosophiae  magnarum,  nunquam 
cinerea  pbilosopliicos  in  tantum  extulissent  et  ad  sacros  usus  convertissent ; 
quanto  enim  sancti  meliores  sunt  et  majores,  tanto  ad  sacros  usus  aptiores. 
Sed  quia  ad  manus  eorum  non  devenerunt  libri  nisi  grammatici,  logici, 
rhetorici  et  de  communibus  philosophiae,  ideo  bis  se  juverunt  secundum 
gratiam  eis  datam;  et  quicquid  poterant  de  his  laudabiliter  extrahere 
converterunt  copiosius  ad  luudcm  Dei.  Op.  maj.,  p.  15. 


510  Wtrner. 

thaten  bewältiget;  die  der  göttlichen  Wahrheit  widerstrebende 
natürliche  menschliche  Weisheit  durch  die  Zeugnisse  und  Offen- 
barungen der  göttlichen  Weisheit  überwunden  werden.  Sie 
widerstrebt  aber  nicht  ihrer  Natur  nach  Gott,  gleichwie  auch 
die  natürliche  Magie  nicht  ihrer  Natur  nach  etwas  Gottwidriges 
ist;  Philosophie  und  Magie  sind  vielmehr  ihrer  Natur  und  Be- 
stimmung gemäss  höchsten,  heiligsten  Zwecken  dienstbar,  und 
hatten  demnach  nach  Ueberwindung  des  gottwidrigen  Heiden- 
thums  zum  Heile  der  menschlichen  Gesellschaft  und  zur  För- 
derung der  göttlichen  Ehre  in  ihre  angestammten  Rechte  ein- 
zutreten. Die  Einsetzung  der  Philosophie  in  ihre  natürlichen 
Rechte  wurde  indess  durch  die  Saumseligkeit  in  der  lieber- 
tragung  ihrer  Quellenschriften  nur  allzusehr  verzögert.  Die 
späteren  Lehrer,  ein  Gratianus,  ein  Petrus  Lombardus,  ein 
Hugo  und  Richard  a  Sancto  Victore  hatten  eben  so  wenig  als 
die  altchristlichen  Lehrer  von  jenen  QueUenschriften  Kenntniss, 
und  vernachlässigten  daher  die  Realphilosophie,  legten  sogar 
die  vorurtheilsvollste  Eingenommenheit  gegen  dieselbe  an  den 
Tag.  Mit  Recht  hat  man  sich  darüber  zu  wundern,  dass  das 
Widerstreben  gegen  sie  auch  jetzt  noch  fortdauert,  wo  von 
einem  Nichtwissen  um  das  Vorhandensein  ihrer  classischen  Ur- 
kunden und  Quellenschriften  nicht  mehr  die  Rede  sein  kann. 
An  diesem  Umstände  tragen  zum  nicht  geringsten  Theile 
unstreitig  die  schlechten  Uebersetzungen  Schuld,  die  in  der 
ungebührlichen  Vernachlässigung  solider  grammatischer  Studien 
oder  sonstiger  Unzulänglichkeit  der  Uebersetzer  ihren  Grund 
haben.  *  Zwar  haben  Gerard  von  Cremona,  Michael  Scotus, 
Alfred  der  Engländer,  Hermann  der  Deutsche,  Wilhelm  der 
Vlamländer^  eine  Masse  Uebersetzungen  von  Werken  aus  allen 


1  Op.  tert.,  c.  25;  Comp.  stud.  phiL^  c.  8. 

3  Gulielmufl  Flemingus.  Dieser  Benennang  wird  Op.  tert.,  c.  25  die  Be- 
zeichnung substituirt:  Translator  Meinfredi  nuper  a  domino  rege  Carolo 
devicti.  Beidemale  ist  der  Dominicaner  Wilhelm  von  Moerbeka  gemeint, 
der  sich  lange  im  Orient  aufhielt  und  a.  1280  Erzbischof  von  Korinth 
wurde.  Er  gilt  gemeinhin  als  der  Verfasser  der  auf  den  Wunsch  des 
Thomas  Aq.  angefertigten  Uebersetzungen  des  Aristoteles  aus  dem  grie- 
chischen Texte,  übertrug  aber  auch  sonst  Vieles,  Schriften  des  Galenns  and 
Hippokrates,  den  Commentar  des  Simplicius  über  die  Bücher  de  Coelo, 
und  mehrere  Werke  des  ProkluS|  deren  Urtext  seitdem  verloren  gingi 
ins  Lateinische. 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  and  Wissenschaftslehre  des  Roger  Baco.  511 

Wissenscliaften  geliefert;  den  Wertli  derselben  glaubt  jedoch 
Baco  nicht  tief  genug  stellen  zu  können.  Schon  der  Umstand^ 
dass  die  genannten  Männer  mehr  oder  weniger  der  Gegenwart 
angehören,  ist  für  Baco  ein  Grund,  über  sie  den  Stab  zu 
brechen.  Er  hält  diese  Zeitangehörigkeit  auch  bezüglich  Ger- 
bards.von  Cremona  fest,  welcher  laut  Angabe  des  italienischen 
Chronisten  Pipini  a.  1187  starb,  nach  Baco  jedoch  noch  von 
einigen  seiner  Zeitgenossen  in  deren  Jugend  gekannt  worden 
sein  soll.  Dem  Gerhard  war  der  noch  lebende  Hermannus 
Alemannus  befreundet,  welcher  Baco  gestanden  haben  soll,  dass 
er  gewisse  Bücher  über  die  Logik  aus  dem  Arabischen  zu 
übersetzen  nicht  wagte,  weil  er  sich  auf  Logik  nicht  verstehe.  * 
Hermannus  habe  aber,  fügt  Baco  bei,  auch  das  Arabische  nicht 
verstanden,  und  sei  seinem  eigenen  Bekenntniss  zufolge  mehr 
Gehilfe  beim  Uebersetzungsgeschäfte,  als  wirklicher  Uebersetzer 
gewesen.  An  den  Uebersetzungen,  deren  Verdienst  Michael 
Scotus  sich  zuschrieb,  gebühre,  wie  allbekannt,  der  Hauptantheil 
dem  Juden  Andreas.  Wilhelm  der  Vlamländer  will  Ueber- 
setzungen aus  dem  Griechischen  liefern;  alle  Pariser  Gelehrten 
wissen,  dass  ihm  jene  Eenntniss  des  Griechischen,  welche  er 
sich  selber  beilegt,  abgeht,  daher  er  Alles  falsch  übersetzt  und 
die  Ursache  unzähliger  Missverständnisse  wird.  Allerdings  hat 
er  versprochen,  seine  Uebersetzungsarbeiten  zu  verbessern  und 
neue  zu  veranstalten;  Baco  will  sich  aber  durch  Besichtigung 
der  verbesserten  und  neuen  Arbeiten  überzeugt  haben,  dass 
Wilhelm  sein  Versprechen  schlecht  gehalten  habe,  und  dasselbe 
zn  erfüllen  überhaupt  nicht  im  Stande  sei.  Es  fehle  ihm  an 
zureichenden  Sprach-  und  Sachkenntnissen.  ^  Dieser  Vorwurf 
gilt  allgemein  der  gesammten  zeitgenössischen  lateinischen 
Gelehrtenwelt.  Das  lateinische  Abendland  hat  nur  einen  einzigen 
sprachkundigen   Uebersetzer  aufzuweisen,    den   Boethius;    und 


'  Comp.  stnd.  phil.,  c.  8.  Uebcr  die  etwas  anders  lautende  Version  dieser 
Erzählung  im  Opns  majns  p.  44  siehe  Oben  S.  506,  Anm.  2.  —  Hermann 
der  Deutsche  ist  eine  noch  nicht  hinlänglich  aufgeklärte  Persönlichkeit. 
In  der  eben  angezeigten  Stelle  des  Comp.  stud.  phil.  wird  er  znm  Bischöfe 
gemacht:  Hereroannus  Alemannus  adhuc  vivit  episcopns. 

'  Dieses  Urtheil  ist  relativ  noch  immerhin  milder,  als  jenes  über  Wilhelms 
Vorgänger,  von  deren  jedem  es  bei  Baco  einfach  heisst:  Nee  scivit 
scientias,  neqne  linguas. 


512  Werner. 

nur  einen  einzigen  wahrhaft  tüchtigen  sachkundigen  Gelehrten, 
den  Robert  von  Lincoln.  ^ 

Baco  macht  zur  Erhärtung  des  Urtheiles^  welches  er  auch 
noch  über  die  letzten  Uebersetzungsarbeiten  des  Vlamländers 
Wilhelm  aussprechen  zu  müssen  glaubte,  den  Umstand  geltend, 
dasB  es  für  die  Lateiner  ungemein  schwierig  sei,  von  Arabern, 
Juden  und  Griechen  als  Feinden  der  Christen  oder  des  latei- 
nischen Kirchenthums  correcte  und  unverfälschte  Texte  zu  er- 
hahen;  und  wer  zudem  auch  wegen  Mangel  an  sprachlichen 
Kenntnissen  von  ihnen  abhängig  sei,  sei  überdiess  noch  der 
Gefahr  ausgesetzt,  in  der  Interpretation  correcter  Texte  durch 
falsche  Erklärungen  getäuscht  zu  werden.  Hier  fallt  Baco 
sichtlich  wieder  in  den  Ton  der  Uebertreibung.  Man  sieht 
nicht  ein,  welches  Interesse  die  Griechen  haben  konnten, 
Wilhelm  durch  gefälschte  Texte  oder  unrichtige  Interpreta- 
tionen des  Aristoteles  zu  täuschen;  auch  lässt  sich  an  dem 
einen  oder  anderem  von  Baco  angeführten  Beispiele  von  Text- 
corruption  oder  ungeschickter  Uebersetzung  zeigen,  dass  er 
eine  Textcorruption  irrig  voraussetzt,  oder  dem  Uebersetzer 
unbilligen  Tadel  widerfahren  lässt. ^  Richtig  ist,  dass,  so 
lange  nur  arabische  Texte  benützt  werden  konnten,  die  lateini- 


>  Bolus  Boethiiis  prinius  interpres  novit  plenarie  potestatem  lingnarum.  Et 
Bolus  dominus  Robertus  novit  scientias.  Op.  maj.,  p.  34.  —  Aehnlich  Comp, 
stud.  phil.,  c.  8. 

2  Baco  glaubt  (Op.  tert.,  c.  8),  die  Aeusserung  des  Aristoteles  in  Meteor, 
lib.  III  (p.  372.  a,  lin.  26),  dass  eine  Iris  in  den  Mondstrahlen  nur  etwa 
zweimal  in  fünfzig  Jahren  erscheinen  möge,  aus  einer  Entstellung  durch 
Textcorruption  erklären  zu  müssen ;  und  doch  steht  diese  Aeusserung  auch 
in  dem  heutigen,  durch  genaueste  Prüfung  der  Textüberlieferung  fest« 
gestellten  Texte.  In  der  aristotelischen  Schrift  de  Plantis  lib.  II  (p.  821.  a, 
lin.  32  ff.)  ist  vom  ßsX^viov  die  Rede.  Die  in  Spanien  aus  einem  arabischen 
Texte  angefertigte  Uebersetzung  setzte  für  das  angeführte  griechisclie 
Wort  das  Wort  belenum  (spanisch:  beleiio).  Baco  (1.  c.)  bemerkt  dazu: 
Belenus  est  hispanicum,  et  nullus  Parisius  aut  in  Anglia  potest  per 
illam  translationem  scire,  quid  est  belenum;  cum  tarnen  diligenter  quae- 
sivi,  inveni,  quod  est  jusquiamus  (französ.  jusquiame  =  hyoscyamos)  seu 
semeu  cassilaginis.  In  Op.  maj.,  p.  34,  woselbst  er  dieselbe  Bemängeinng 
beibringt,  fügt  er  weiter  noch  bei:  Quae  sicut  multa  alia  prius  ab  Hispanis 
scholaribus  derlsus,  cum  non  Intel ligebam,  quod  legebam,  ipsis  vocabula 
linguae  maternae  scientibus,  tandem  didici  ab  eisdem. 


Die  Psychologie,  ErVenntnias-  und  Wiiisenschaftslelire  des  Boger  Baco.  513 

sehen  Uebersetzungen  derselben  viele  Wortcorruptionen,  Corrup- 
tionen  der  Personennamen  und  völlig  unverständliche  Be- 
zeichnungen sachlicher  Objecte  aufwiesen.  Die  Schwierigkeiten 
der  Arbeit  und  die  Gefahren  des  Irrens  in  derselben  waren 
eben  für  diejenigen,  welche  sie  zuerst  in  Angriff  nahmen, 
zu  gross,  als  dass  das  zweifelsohne  mit  vielem  Aufwand  von 
Mühe  und  Anstrengung  unternommene  Werk  sofort  hätte 
gelingen  können.  Den  auf  stoffliche  Mehrung  der  Erfahrungs- 
kenntniss  gerichteten  Sinn  des  Baco  mussten  allerdings  die 
in  jenen  Uebersetzungen  enthalteneu  Verstösse  und  Irrungen 
auf  das  Unangenehmste  und  Peinlichste  berühren;  daneben 
war  aber  nicht  zu  übersehen,  dass  das  Verstau dniss  der 
philosophischen  Gedanken  des  Aristoteles,  sofern  sich  dieses 
durch  eigenes  Nachdenken  ermitteln  liess,  von  der  Beschaffenheit 
jener  Uebersetzungen  nicht  abhängig  war,  und  zudem  nicht 
die  Ermittelung  der  richtigen  Meinung  des  Aristoteles,  sondern 
die  Anregung  des  selbsteigencn  Denkens  durch  seine  Schriften, 
und  insgemein  die  Erweiterung  des  geistigen  Gesichtskreises 
durch  die  in  seinen  Werken  dargebotene  Encyklopädie  des 
menschlichen  Gesammtwissens  die  Hauptsache  war.  Uebrigens 
wurde  auch  im  Laufe  des  dreizehnten  Jahrhunderts  für  die 
Sammlung  und  Mehrung  des  stofflichen  Wissens  sachlich  so  viel 
geleistet,  dass  es  einigermassen  befremdet,  Baco  von  der  im  Laufe 
eben  dieses  Jahrhunderts  eingerissenen  Verschlechterung  der 
literarischen  Zustände  des  lateinischen  Abendlandes  reden  zu 
hören.  Die  Herabdrückung  Alberts  d.  Gr.  auf  Kosten  Roberts  von 
Lincoln  und  anderer  demselben  näherstehender  Männer  beruht 
auf  einseitiger  Voreingenommenheit,  die  man  nur  dadurch  ent- 
schuldigen kann,  dass  Baco  etwas  suchte  und  anstrebte,  was 
weit  über  sein  Zeitalter  hinausgreifend  von  ihm  selber  nur  unklar 
und  dunkel,  nicht  so  sehr  gedacht  als  vielmehr  geahnt  wurde.  Es 
muss  ausdrücklich  gesagt  werden,  dass  Baco  im  Irrthum  war, 
wenn  er  glaubte,  dass  das  ihm  vorschwebende  Ideal  tiefer  Natur- 
weisheit durch  eine  möglichst  erschöpfende  Ausbeutung  der 
£rkenntnissquellen  der  alten  Weisheit  des  Orients  verwirklicht 
werden  könne.  Wir  begreifen  übrigens,  dass  ihn  bei  einer 
derartigen  Richtung  seines  Denkens  die  zeitgenössische  Gegen- 
wart unbefriediget  lassen  musste,  und  der  in  schwunghafte 
Aufnahme  gekommene  logistische  Peripatetismus  ihm  als  eine 


514  Werner. 

bedauerliche  Ablenkung  von  den  Wegen  und  Zielen  wahrer  und 
ächter  Weisheit  erschien. 

Baco  besteht  darauf;  dass  Philologie  und  Sprachenkunde 
der  Schlüssel  zur  Eröffnung  der  Erkenntnissquellen  der  wahren 
Weisheit  sei.  Die  unentbehrliche  Unterlage  philologischer  Ge- 
lehrsamkeit und  aller  gründlichen  wissenschaftlichen  Bildung 
insgemein  ist  eine  solide  Kenntniss  der  lateinischen  Grammatik/ 
welche  indess,  wie  aus  Donat  und  Priscian  zu  ersehen,  ohne 
Kenntniss  des  Griechischen  gar  nicht  denkbar  ist.^  Baco  hat 
keine  klare  Vorstellung  über  das  genealogische  Verhältniss  der 
Linguae  sapientiales  zu  einander,  in  welchen  die  gesammte 
Culturtradition  der  Menschheit  hinterlegt  ist;  er  ist  aber  jeden- 
falls der  Meinung;  dass  der  tiefere  Einblick  in  den  Zusammen- 
hang der  Linguae  sapientiales  zur  Aufdeckung  von  Erkennt- 
nissen und  Wahrheiten  führen  müsse,  welche  dem  auf  die  blosse 
Kenntniss  der  lateinischen  Sprache  Beschränkten  abgehen.  Er 
entwirft  kein  schmeichelhaftes  Bild  von  den  zu  seiner  Zeit 
geltenden  Auctoritäten  auf  dem  Gebiete  der  lateinischen  Gram- 
matik: PapiaS;  Hugutio,  Alexander  Neckam,  Brito;  er  wirft 
ihnen  vor,  und  weist  an  einer  Reihe  von  Beispielen  nach,  dass 
sie  in  der  etymologischen  Ableitung  und  Erklärung  verschie- 
dener häufigst  vorkommender  Wörter,  über  deren  Abkunft  jeder 
wissenschaftlich  Gebildete  sollte  Rechenschaft  geben  können, 
die  crassesten  Irrthümer  sich  zu  Schulden  kommen  lassen,  dass 
sie  urlateinische  Wörter  aus  dem  Griechischen  oder  gar  He- 
bräischen herleiten,  umgekehrt  aber  an  anderen  Wörtern  die 
griechische  Abkunft  oder  Herübernahme  aus  dem  Hebräischen 
nicht  erkennen.  Allerdings  ist  auch  Baco  selber  über  das  Ver- 
hältniss  des  Lateinischen   zum  Griechischen   nicht   im  Klaren, 


1  Nam  illa  est  mater  omnium  »cientiarum,  cujus  potestaa  descendit  in  omnes 
scientias.  Comp.  stud.  phil.,  c.  8. 

*  Baco  versuchte  sich  in  Abfassung  einer  griechischen  Grammatik,  von 
welcher  ein  Bruchstück  sich  in  Brewers  Edition  des  Compend.  stud.  phil. 
(cap.  9—11  und  Fragment  des  cap.  12)  mitgetheilt  findet.  Nach  Charte« 
(Roger  Bacon  p.  358)  hefasste  das  Opus  tertium  als  ersten  Theil  einen 
Tratactus  de  grammatica,  welchem  als  besonderer  Abschnitt  eine  grie- 
chische Grammatik  angeliört^-;  ein  Bruchstück  derselben  fand  Charles 
an  drei  Orten,  in  Douai,  London  und  Oxford  auf.  Vgl.  die  Notizen  über 
diese  drei  Codices  bei  Charles  p.  66,  68,  76,  sowie  die  Angaben  über  den 
Inhalt  derselben,  p.  358—361). 


Die  PfycHologie,  Erkenntniis-  und  Wisienscbaftslelire  des  Roger  Baeo.  51 0 

da  er  von  der  für  beide  Sprachen  vorauszusetzenden  Ursprache 
noch  keine  Ahnung  hat;  er  missbilliget  dalier  z.  B.  nicht  die 
Ableitung  des  lateinischen  Dens  vom  griechischen  Oec^,  sondern 
nur  die  verfehlte  Erklärung  der  ursprünglichen  Bedeutung  des 
griechischen  Wortes^  ^  welcher  er  die  bessere  durch  Johannes 
Damascenus^  überlieferte  zur  Seite  stellt. 

Der  Mangel  an  gründlicher  philologischer  Bildung  übt, 
wie  Baco  des  Weitern  nachzuweisen  sich  bemüht^  auch  eine 
nachtheilige  Rückwirkung  auf  das  Verständniss  der  Bibel.  Ab- 
gesehen davou;  dass  die  lateinische  Bibelübersetzung  manche 
hebräische  Worte  enthält,  deren  einige  selbst  in  die  liturgischen 
Formeln  der  Kirche  übergegangen  sind,  und  natürlich  nur  von 
den  des  Hebräischen  Kundigen  nach  ihrer  etymologischen  Be- 
deutung verstanden  werden  können,  abgesehen  forner  davon, 
dass,  wo  der  Text  der  lateinischen  Uebersetzung  an  Corrup- 
tionen  leidet,  auf  den  Urtext  zurückgegangen  werden  muss,  um 
die  richtige  £mendation  corrupter  Stellen  zu  ermitteln^  kommen 
in  der  lateinischen  Bibelübersetzung  Benennungen  sachlicher 
Objecto  vor,  deren  richtiger  Sinn  nur  ermittelt  werden  kann, 
wenn  man  Sinn  und  Bedeutung  des  entsprechenden  hebräischen 
Ausdruckes  kennt.  So  verhält  es  sich  insbesondere  mit  den 
biblischen  Pflanzen-  und  Thiernamen.  Es  werden  z.  B.  unter  den 
unreinen  Thieren  aufgezählt:  Chirogryllus,  Nycticorax,  Pelli- 
canus,  Porphyrie,  Onocrotalus.  Bei  dem  Worte  Chirogryllus^ 
bemängelt  Baco,  dass  dem  des  Griechischen  unkundigen  Vulgus 
theologorum  sowohl  die  richtige  Schreibung  des  Wortes,  als 
auch  der  damit  zu  verbindende  RealbegriflF  unbekannt  sei.  Das 
dem  Griechischen  entlehnte  Wort  bestehe  aus  fünf  Sylben  und 
beginne  nicht  mit  c  (man  schrieb  cirogryllus),  sondern  mit  ch; 
bei  den  Griechen   bedeute   aber   dieses  Wort   das   Kaninchen, 


^  Brito  errat  in  prhicipali  expositione  vocabuli  Theos,  cum  dicat  illud 
significare  metum ;  et  sie  dicit  Ilugutio  et  Papias,  et  quod  doleo,  Isidorus 
libro  septimo  (Etym.  VII,  1).  1.  c. 

^  JoaDn.  Damasc.  De  S.  Trin.  I,  5. 

'  XoipoYpuXXio;,  die  ans  LXX  in  die  Vulgata  herübergenoramene  Ueber- 
setzung des  hebräischen  {Cl^  in  3  Mos.  11,  5;  5  Mos.  30,  2G.  In  Psalm 
103,  18  übersetzt  die  Vulgata  dasselbe  Wort  durch  Erinaceus,  in  Sprichw. 
30,  26  durch  Lepus.    Heute  wird  das  hebräische  \t't  gemeinhin  auf  den 

Hjrax  Syriacus,  Klippdachs,  bezogen. 
Sitzangsber.  d.  phil.-hint.  Ci.  XCIII.  Bd.  III.  Hft.  3i 


516  Werner. 

und  auch  die  Hebräer  haben  es  in  den  biblischen  Stellen^ 
welche  von  den  unreinen  Thieren  handeln,  so  verstanden.  Da 
das  entsprechende  hebräische  Wort  mehrdeutig  ist,  so  konnten 
in  die  Glossas  interlineares  der  Bibel  andere  Thiemamen  ein- 
dringen, welche  jedoch  ungehörig  sind;^  in  Sprichw.  30,  26 
aber  hat  bereits  der  älteste  lateinische  Uebersetzer  geirrt,  wenn 
er  statt  Cuniculus  das  Wort  Erinaceus  setzte.  Eher  Hesse  sich 
an  der  genannten  Stelle  die  gleichfalls  unpassende  Uebersetzung 
der  LXX,  welche  dem  Hieronymus  zufolge  einen  den  Hasen 
bezeichnenden  Ausdruck  setzte,  entschuldigen.^  In  Bezug  anf 
die  Deutung  der  vier  übrigen  Thiemamen  muss,  da  die  übrigen 
Baco  zu  Gebote  stehenden  Auetori  täten  und  exegetischen  Mittel 
nicht  vollkommen  ausreichen,  Plinius  den  entscheidenden  Aus- 
schlag geben,  und  Baco's  Deutung  gegen  jene  des  vielgetadelten 
Brito  erhärten.  Dem  Nycticorax  der  LXX  hat  im  Lateini- 
schen Bubo  zu  entsprechen,*  nicht  Noctua,  wie  Brito  will;  der 
biblische  Text  nenne  ausdrücklich  die  Noctua  neben  dem  Nycti- 
corax, und  Plinius^  kenne  nur  zwei  Nachtvögel:  Bubo  und 
Noctua,  daher  Nycticorax  mit  Bubo  indentisch  sein  müsse.  In 
Bezug  auf  den  Pelicanus  wird  Brito  von  Baco  beschuldiget, 
denselben  unter  fälschlicher  Berufung  auf  die  LXX  mit  dem 
Porphyrie  zu  identificiren,  während  die  LXX  ausdrücklich  beide 
Vögel  neben  einander  nennen ;  ^  richtig  sei  nur  die  Identification 
beider  in  den  Interlinearglossen.  Wohl  aber  müsse  der  Peli- 
canus als  identisch  mit  dem  Onocrotalus  genommen  werden, 
weil  die  Vulgata  dort,  wo  im  Griechischen  der  Porphyrie  und 


1  Als  solche  ungehörige  BezeichniiDgeii  macht  Baco  namhaft:  Erinaceas 
und  die  Glosse:  Animal  spinosnm  majus  erluaceo.  Dieses  Thier  wire, 
bemerkt  Baco,  eigentlich  das  Stachelschwein  (6triz,  soll  heissen  Hjstrix)« 
Er  gibt  von  demselben  folgende  Beschreibung:  Animal  mediocris  qoanti- 
tatis,  habens  spinas  longas  aliquantulum,  et  cum  irascitur,  emittit  e&s  et 
sagittat  hominem  infestantem.  Comp.  stud.  phil.,  c.  8. 

2  Secundnm  Plintum  (H.  N.  VIII,  81)  nomen  leporis  est  commune  et  habet 
diversa  g«nera,  quorum  cuniculus  unua  est  I.  c. 

>  In  der  That  weist  der  revidirte  Vulgatatext  3  Mos.  11,  17  Babo  auf. 
Das  entsprechende  hebrfiische  D^S  ist  von  den  neueren  Ezegeten  nnd 
Lexikographen  auf  mehrfache  Art  übersetzt  worden. 

*  Plin.  Eist.  Nat  X,  16. 

5  ö  Mos.  14,  17. 


Die  Psyohologie,  Brkenntniss-  und  Wiuensebafislehre  des  Boger  Baco.  517 

Pelicanus  zusammen  genannt  werden,  ^  letzterem  den  Ono- 
crotalas  snbstituirt.  Damit  steht  in  Uebereinstimmung,  dass 
Plinius,^  welchen  gewiss  niemand  der  Un Vollständigkeit  in  der 
Aufzählung  der  Thierspecies  zeihen  wird  wollen;  den  Pelicanus 
unerwähnt  lässt,  wohl  aber  den  Porphyrie  und  Onocrotalus 
nennt  und  beschreibt^ 

Wenn  Baco  die  Nothwendigkeit  einer  sprachgelehrten 
Bildung  als  des  unerlässlichen  Vehikels  einer  richtigen  und 
sachgetreuen  Deutung  der  überlieferten  kirchlichen  und  welt- 
lichen Weisheitslehre  und  Wissenschaft  urgirte,  so  nicht  minder 
die  Nothwendigkeit  der  Mathematik,  die  ihm  das  zweite  Haupt-> 
instrument  aller  wissenschaftlichen  Erkenntniss  ist.  Er  be- 
gründet diese  Bedeutung  der  Mathematik  durch  eine  Reihe 
von  Argumenten,  welche  darauf  ausgehen  zu  erweisen,  dass 
die  Mathematik  in  allen  anderen  wissenschaftlichen  Erkennt-^ 
nissen  enthalten  ist,  und  zu  denselben  als  denknothwendiges 
Prius  sich  verhält.  Die  philosophischen  Realdisciplinen  beleuchten 
und  erläutern  ihre  Sätze  durch  mathematische  Exemplificationen, 
weil  die  mathematische  Wahrheit  evidenter  ist,  als  z.  B.  die 
physikalische;  so  vermag  Aristoteles  den  Begriff  der  Augmen- 
tation als  solcher  nur  durch  ein  mathematisches  Beispiel  zu  er- 
läutern, weil  in  der  natürlichen  Wirklichkeit  die  Augmentation 
niemals  rein  d.  h.  ohne  Beimischung  von  Alteration  erscheint.  ^ 
Die  Erkenntniss  der  mathematischen  Wahrheiten  ist  der  Seele 
gleichsam  angeboren;  dem  Sokrates  antwortete  ein  Knabe, 
welchem  er  durch  seine  Fragekunst  mathematische  Sätze  ent- 
lockte, so  als  ob  er  die  Mathematik  schon  einmal  erlernt  hätte.  ^ 


1  5  Mos.  14,  17,  18. 

2  Plin.  Hiflt  Nat  X,  66. 

'  Baco  sagt  hier  nichts  von  den  entsprechenden  hehräischen  Benennungen 
DIJ^  und  rn^pn  (avis  pia),  unter  deren  ersterem  die  heutigen  Lexiko- 
graphen den  ägyptischen  Erdgeier  (yultur  percnoptems),  unter  letzterer 
den  Storch  verstehen.  Der  Erdgeier  wird  von  Plinins  (Hist  Nat.  X,  3) 
8U  den  Adlerarten  gerechnet;  bei  Aristoteles  (Hist.  animal.  IX,  32)  heisst 
er  6pci7:Aapyoc  (Bergstorch). 

*  Baco  bezieht  sich  hiebei  auf  die  Arist  Categor.  p.  15  a,  lin.  29  ff. :  "Dort 
Tivi  auSavo{jLEva ,  S  oöx  oXXoiouTai,  oTov  to  TSTpoYwvov  y^u>[t.o^o^  TiBpiTEÖ^vro; 
rfi^ai  {isv,  aXXoiOTSpov  8k  oO$lv  •>(iyivrizai, 

^  Diess  ist  entlehnt  ans  Cicero  Quaest.  Tnsc.  I,  24,  woselbst  das  oben 
Erwähnte  ans  Plato,  Menon  p.  82  ff.  initgetheilt  ist. 

34» 


518  Werner. 

Darum  ist  die  Mathematik  in  allen  ihren  einzelnen  Theilen: 
Geometrie,  Arithmetik,  Musik,  Astronomie  die  älteste  aller 
Wissenschaften,  deren  Ursprung  bis  auf  Noe  und  Adam  zu- 
rückreicht. Sie  ist  die  am  leichtesten  zu  erlernende  Wissen- 
schaft, und  bahnt  als  solche  den  Weg  zur  Erlernung  der  übrigen 
schwierigeren  Wissenschaften,  daher  es  vom  grössten  Nachtheile, 
und  zugleich  auch  eine  grosse  Unehre  wäre,  sie  zu  vernach- 
lässigen, da  ungebildete  Laien  in  ihr  nicht  unerfahren  sindJ 
Wir  sollen  von  demjenigen,  was  ein  Nobis  notum  ist,  zur  £r- 
kenntniss  der  Nota  naturae  gelangen;^  die  Mathematik  ist,  wie 
Averroes  sagt,  das  einzige  Gebiet,  innerhalb  dessen  die  Nobi^ 
nota  und  Nota  naturae  in  Eins  zusammenfallen,  somit  bildet 
sie  das  erste  und  grundhafte  Band  unserer  Gedanken  mit  der 
Wirklichkeit  ausser  uns,  und  ist  die  Grundlage  unserer  Er- 
kenn tniss  von  derselben.  Die  Mathematik  ist  die  gewisseste 
aller  Wissenschaften,  weil  sie  ex  causis  propriis  et  necessariis 
beweist,  und  die  Wahrheit  ihrer  Erkenntnisse  auf  sinnlich  an- 
schauliche Art  durch  Zählen  und  Messen  erproben  kann.  In 
der  Physik  fallt  die  der  Mathematik  eigene  Gewissheit  ex 
causis  necessariis  hinweg  wegen  der  Wandclbarkeit  der  im  be- 
ständigen Werden  und  Vergehen  begriflfenen  Dinge.  Die  Meta- 
physik kann  überhaupt  nicht  ex  causis,  sondern  nur  ex  effec- 
tibus  beweisen;  denn  das  Geistige  wird  nur  aus  seinen  sinnlichen 
Wirkungen,  der  Schöpfer  nur  aus  seinem  Werke  erkannt  Die 
Moral  kann,  wie  Aristoteles  lehrt,  nicht  ex  causis  propriis  be- 
weisen; und  Logik  und  Grammatik  lassen  wegen  mangelhafter 
Realität  ihres  Erkenntnissobjectes  ^  keine  eigentlichen  Demon- 
strationen zu.  Eine  zweifellose  Gewissheit  können  also  alle 
anderen  Wissenschaften  ausserhalb  der  Mathematik  nur  insoweit 
erlangen,   als   sie   auf  Mathematik  sich  zurückführen  oder  mit 


>  Laici  enim  et  omnino  illiterati  figiirare  et  compntare  scinnt,  et  cantare, 
et  haec  sunt  opera  mathematicae.  I.  c. 

^  Nota  natnrae  sant  male  et  imperfecte  nobis  cognita,  qnia  intellectus  noster 
se  habet  ad  ea,  qnae  sunt  nianifesta  naturae,  sicut  oculus  vespertilionis 
ad  Incem  solis  nt  vnlt  Aristoteles  2  Metaph.,  sicut  sunt  mazime  Dens  et 
angeli  et  vita  futura  et  coelestia  et  aliae  creaturae  nobiliores  aliis,  qai* 
qnanto  sunt  nobiliores,  tanto  sunt  nobis  minus  notae.  Et  haec  vocantrzr 
nota  naturae  et  simpliciter.  Ergo  per  oppositnra,  nbi  eadem  sunt  not* 
nobis  et  natnrae,  multum  proficimus  circa  nota  naturae.  1.  c.     . 

'  Propter  dcbilitatem  materiae,  de  qua  sunt  iUae  scientiae.  1.  c. 


Die  Fsjchologie,  Erkenntntss-  und  Wissentcbaftslelire  des  Boger  Baco.  519 

derselben  sich  in  Verbindung  setzen  lassen.  Das  Object  der 
Mathematik  ist  die  Quantität  als  solche;  welche  sowohl  vom 
Sensus  communis^  als  auch  von  jedem  der  besonderen  Sinne 
appercipirt  wird,  so  dass  sie  als  das  Sensibile  per  eminentiam 
angesehen  werden  kann.  Wenn  nun  alle  Wissenschaft  vom 
Sinnlichen  anhebt,  so  muss  die  Erkenntniss  des  Quantum  und 
der  Quantität  als  solcher  die  Unterlage  der  wissenschaftlichen 
Erkenntniss  darbieten.  Die  Species  der  Sinnendinge  werden 
nach  ihrem  quantitativen  Charakter  im  menschlichen  Intellecte 
recipirt,  ^  dessen  Erkenn tnissact  sich  selber,  wie  Aristoteles  be- 
merkt, nicht  ohne  eine  Quantitas  continua  vollzieht,  indem  er, 
wie  an  die  Zeit,  so  auch  an  die  Continuität  gebunden  ist.^ 
Die  Quanta  als  solche,  und  die  Körper  als  Quanta  sind  das 
dem  zeitlichen  Menschenintellecte  specifisch  appropriirte  Object 
der  Erkenntniss.  Wir  haben  sonach  nur  vom  Sinnlichen  eine 
unmittelbare  natürliche  Erkenntniss ;  zur  Erkenntniss  des  Ueber- 
sinnlichen,  welches  allerdings  auch  Gegenstand  der  unmittel- 
baren Erfahrung  werden  kann,  erheben  wir  uns  durch  Schlüsse 
vom  Sinnlichen  auf  das  Uebersinnliche  und  Geistige,  welches 
wir  uns  nur  nach  Analogie  des  Sinnlichen  vorstellen  können.^ 
Baco  konnte  selbstverständlich  kein  volles  Genügen  finden 
in  den  Ergebnissen  der  Functionen  des  theoretischen  Intellectes, 
welche  nach  seiner  Auffassung  doch  wesentlich  nur  apprehen- 
siver  Natur  sind,  während  der  substanzielle  Inhalt  der  Erkennt- 
niss rein  von  Aussen  geschöpft  wird.  Wir  wissen  bereits,  dass  er 
alle  Erkenntniss  hauptsächlich  nach  ihrem  praktischen  Werthe 
schätzt;  das  praktische  Interesse  ist  ihm  aber  zuhöchst  kein 
anderes  als  jenes  des  sittlich  gestimmten  Willens,  der  auf  die 
ewige  Vollendung  des  Menschen  in  Gott  gerichtet  ist.  Dabei 
will  er  aber  den  Willen  in  innigster  Einheit  mit  dem  Intellecte 


^  Vgl.  Anstot.  Memor.  et  Reminisc.  I,  p.  449  b,  lin.  31  ffi:  Noetv  oOx  soxiv 
dcvEü  ^avxaapiaTo;  •  au[i.ßa{vei  yotp  ib  autb  äöcOo«  iv  tä  voetv  oKip  xai  ev  Tt|> 
hia.ypd^ii'*  ....  x«^  b  vooSv  waauTw?,  xSv  jirj  7:oabv  voi),  TfÖExai  npo^  o\k\L«na>t 
7:oaov,  vost  B'  ouy^  i)  Tzo<y6>i, 

2  Oüx  ivB^/^eiai  voeTv  ouSkv  «veu  tou  auvE^ou?,  o05'  dtveu  xp^vou  x«  jjlIv  ev  XP^^H* 
ovTo.     1.  c.  p.  450  a,  lin.  8. 

'  Per  viam  argnmentationis  et  admirationis  corporalium  et  quantonun 
mvestigamos  rerum  incorporalinm  notitiam,  sicut  dielt  Aristoteles  in 
2  Metaph.  Op.  maj.,  p.  47. 


520  Werner. 

gefasst  wissen,  und  erklärt  sich  im  Geiste  des  psychischen  Sen- 
sismus, der  eine  Abscheidung  der  Seelenkräfte  vom  Wesen  der 
Seele  verwirft,  für  ein  innigstes  Ineinandersein  aller  Kräfte  der 
cognoscitiven  Seele,  der  Imagination,  des  Intellectes  und  Willens.^ 
Demnach  ist  der  Zweck  aller  Erkenntniss  wesentlich  ein  ope- 
rativer Zweck,  und  zielt  auf  die  Bethätigung  des  dem  Menschen 
von  Gott  verliehenen  Machtvermögens  ab.  Das  höchste  Macht- 
vermögen des  Menschen  ruht  in  seinem  Worte,  ^  welches  aas 
der  Tiefe  der  Seele  geschöpft  und  mit  weihevoller  Intention 
gesprochen,  Wirkungen  zu  setzen  vermag,  welche  den  Wir- 
kungen der  Seele  auf  den  ihr  eignenden  Leib  analog  sind,  und 
das  menschliche  Wort  dem  göttlichen  Schöpferworte  verähn- 
lichen. ^  Wie  in  der  Seele,  liegt  auch  in  dem  aus  der  Tiefe 
der  Seele  geschöpften  Worte  eine  magische  Kraft,  die  dem 
Weisen  zu  Gebote  steht.  Der  Weise  ist  wesentlich  ein  Magus, 
ein  Könnender;^  im  engeren  Sinne  schliesst  der  Begriff  des 
Magus  jenen  des  Naturkundigen  in  sich.  Wir  ersehen  hier 
nun,  wie  sich  die  beiden  von  Baco  empfohlenen  und  urgirten 
Hauptinstrumente  der  menschlichen  Erkenntniss  und  Wissen- 
schaft: Sprachkunde  und  Mathematik  aus  seinem  Weisheits- 
ideale erklären,  welches  in  die  graue  Vorzeit  des  Orients,  nach 
Chaldäa  und  Babylon  zurückweist,   und  ihn  als  eine  Art  Neu- 


1  Una  est  sabstantia,  habens  dWersaa  operationes  et  divena  nominal 
qnoniam  primo  cognoscit  et  eadem  appetit  cognita,  sicat  Aristoteles  vrilt^ 
quod  intellectas  specnlativns  per  extensionem  fit  practicas;  qnis  qnod 
theologi   vocant    rationem   et   volantatem    vel    intellectom    et    affeetain, 

philosophns  vocat  iDtellectum   specolativum  et  practicnm Omnes 

operationes  qoicunqne  vel  quantamcanque  divisae  finnt  ab  eadem  potenÜA 
agente,  dnmmodo  bae  operationes  sint  ad  invicem  ordinatae,  nt  Incere 
et  calefacere.  ...  In  vannm  potentia  animae  cognosceret  veritatenii  nisi 
posset  eam  amare.  Commnn.  Natur.  I,  Pars  4,  fol.  85. 

2  Opas  animae  rationalis  praecipuom  est  Yerbom,  et  in  quo  maxime  delec- 
tatur.  Et  ideo  cum  verba  proferuntnr  profunda  cogitatione  et  magno 
desiderio  et  recta  intentione  et  cum  forti  confidentia,  habent  magnam 
Yirtutem.  Kam  cum  haec  quatuor  contingunt,  excitatur  substantia  animae 
rationalis  ad  faciendam  suam  speciem  et  virtutem  a  se  in  corpus  aanm 
et  res  extra  et  in  opera  sua  et  maxime  in  verba,  qnae  ab  intrinaecns 
formantur,  et  ideo  plus  de  virtute  recipiunt.  Op.  tert.,  c  26. 

3  Verba  babent  maximam  potestatem;  et  omnia  miracula  facta  a  prindpio 
mundi  fere  facta  sunt  per  verba.  1.  c 

*  Per  verba  potest  sapiens  sapienter  operari,  et  magicus  magice.  1.  c 


Die  Piyebologie,  ErkenntniBt-  und  Wictenschaftilehre  des  Roger  Baeo.  521 

pythagoräer  neben  den  mit  Plato  und  Aristoteles  sich  ausein- 
andersetzenden peripatetiscben  Scholastikern  erscheinen  lässt. 
In  dem  Weisheitsideale  Baco's  spricht  sich  o£fenbar  auch  ein 
UDgenügen  an  den  durch  seine  Zeit  ihm  dargebotenen  Bildungs- 
elementen aus;  ein  unruhiger  Drang  erfüllt  sein  ganzes  Wesen^ 
er  ist  voll  Klagen  über  die  degenerirten  Zustände  der  Gegenwart, 
ohne  dass  ihm,  der  doch  selbst  ganz  innerhalb  seiner  Zeit  stand, 
der  tiefste  innere  Grund  seiner  Unzufriedenheit  hätte  klar  werden 
können.  Wir  fühlen  im  Lichte  der  neuzeitlichen  Weltbildung 
den  Bann  von  uns  hinweggenommen,  dessen  Druck  auf  Baco's 
unklarem  Sehnen  lastete.  Wir  haben  als  den  wunderthätigen 
MaguB  den  Zauberstab  der  Poesie  kennen  gelernt^  welche  als 
nationale  Dichtung  an  die  Stelle  der  in  den  mittelalterlichen 
Schulen  als  versificatorische  Sprachkunst  betriebenen  latei- 
nischen Poesie  trat,  und  der  antiken  Ueberlieferung  den  leben- 
digen Springborn  der  in  heimisches  Denken  und  Empfinden 
getauchten,  in  den  Lauten  der  ureigenen  heimischen  Sprache 
sich  austönenden  poetischen  Erfindung  substituirte.  Aus  den 
wechselreichen  Phasen  der  nachscholastischen  neueuropäischen 
Philosophie  hat  sich  der  speculative  Gedanke  als  das  die 
gegebene  Wirklichkeit  in  deren  innerem  verborgenem  Wesen 
ergreifende  und  geistig  beherrschende  Weisheitswort  der  Seele 
herausgesetzt,  welches  in  der  Erfassung  der  im  Bereiche 
des  gegebenen  Wirklichen  sich  offenbarenden  göttlichen  Ideen 
dieselben  schöpferisch  reproducirt,  und  das  menschliche  Denken 
den  weltschöpferischen  göttlichen  Gedanken  conformirt.  Was 
Baco  von  der  Macht  des  mit  der  Imagination  geeinigten 
rationalen  Gedankens  sagte,  ^  war  eine  ins  physiologische 
Gebiet  abirrende  Ahnung  von  der  Macht  des  geistigen  Ver- 
nunftgedankens, in  dessen  Macht  sich  der  Mensch  als  gei- 
stiger Beherrscher  der  Welt,  in  die  er  gesetzt  ist,  bekundet. 
Baco  kannte  das  vernunftbegabte  menschliche  Seelen wesen 
nicht  als  die  lebendige  Macht  der   tiefsten  geistigen  Innerung, 


1  Secnndom  qiiod  Ayicenna  docet  octavo  de  animsUbus,  natura  obedit 
cogitationibus  animae;  ut  docet  in  exemplo  de  gallina,  cui  ex  gloria 
Yictoriae  galli  crevit  cornn  ex  cmre.  Ex  hoc  igitur  cognovimos,  qaod 
natura  obedit  cogitationibns  animae  sensitiyae,  nt  ait;  aed  ionge  mag^  ' 
obedit  cogitationibas  animae  intellectivae,  qnae  est  dignior  creatoramm 
praeter  angeips.  1.  c 


522  Werner. 

und  wusste  die  ideal  durchgeistete  Phantasie  nicht  von  der 
sinnlichen  Einbildungskraft  zu  unterscheiden,  weil  er  zu 
seinem  eigenen  Schaden  sich  von  Flato  völlig  lostrennend 
wesentlich  Empirist  war.  Daher  kam  es,  dass  er  der  Magie 
des  phantasievollen  Geistdenkens  die  magische  Praxis  einer 
mystischen  Naturweisheit  substituirte,  und  in  dem  wahrhaft 
Naturkundigon  eine  Art  Zauberkünstler  sah,  der  mit  den  durch 
seine  Einsicht  ihm  dienstbar  gewordenen  geheimnissvollen  Natur- 
kräften operirt. 

Das  specifische  Object  des  menschlichen  Erkennens  ist 
nach  Baco  das  körperliche  Quantum  als  solches,  dessen  Dimen- 
sionen und  Gestaltungen  specifisch  durch  den  Gesichtssinn 
appercipirt  werden.  Demzufolge  bildet  die  Theorie  des  sinn- 
lichen Sehens  die  Unterlage  seiner  Erkenntnisstheorie,  und  diess 
um  so  mehr,  da  er  das  geistige  Sehen  und  dessen  verschie- 
dene Arten  ganz  nach  Analogie  des  sinnlichen  Sehens  erläutert. 
Er  nennt  die  zur  Unterlage  seiner  Erkenntnisslehre  gewählte 
Theorie  des  sinnlichen  Sehens  die  Scientia  perspectiva,  als  deren 
classische  Gewährsmänner  ihm  Claudius  Ptolomäus,  der  Spanier 
Alhazen,  1  in  Bezug  auf  die  anatomisch -physiologische  Be- 
schreibung des  Auges  auch  der  Mönch  Constantinus  und  end- 
lich Avicenna  gelten.  Der  Mittler  der  Apperceptionen  des 
Gesichtsinnes  ist  der  Sehnerv,  der  aus  beiden  Abtheilungen 
des  Vordergehirns,  der  rechten  und  der  linken,  von  der  die- 
selben bedeckenden  Pia  mater  in  zwei  Strängen  ausgeht,  und 
zwar  so,  dass  der  von  der  rechten  Höhlung  des  Vordergehims 
herkommende  Nerv  ins  linke  Auge,  der  von  der  linken  Höhlung 
kommende  Nerv  ins  rechte  Auge  gelangt.  Baco  lässt  die  beiden 
Nerven  sich  im  sogenannten  Sehnervenloche  des  Schädelbeines 
kreuzen,  weil  die  auf  Thierkörper  beschränkte  Anatomie  seiner 
Zeit  den  wahren,  noch  innerhalb  der  Hirnschale  gelegenen  Ort 
der  Kreuzung    nicht   kannte.*-^    Den   Grund   der   Leitung   des 


'  Alhazen  (c.  a.  1100),  Verfasser  einer  Optik  in  «ieben  Bfichem  und  einer 
Schrift  über  die  Strahlenbrechung,  in  welcher  er  das  nach  ihm  benannte 
Problem:  ,Auf  welche  Stelle  bei  krummen  Linien  der  Strahl  von  einem 
Gegenstande  fallen  müsse,  um  zu  dem  an  einem  bestimmten  Orte  locirten 
Auge  reflectirt  zu  werden*  zu  losen  versuchte. 

2  Baco  weiss  überhaupt  nicht  um  die  Unterschiede  zwischen  dem  Menschen- 
auge  und  jenem  gewisser  Säugethiere,  an  deren  ausgeschnittenen  Augen 


Die  Pbychologie,  Erkenotniss-  and  Wissenscbaftslehre  des  Roger  Baco.  523 

rechten  Nervs  ins  linke  Auge^  des  linken  Nervs  ins  rechte 
Auge  findet  Baco  darin,  dass  die  Linie  des  Sehens  eine  gerade 
sein  muss;  desshalb  dürfen  die  an  ihrem  Kreuzungspunkte  zu- 
sammentreffenden Nerven  nicht  von  der  ursprünglichen  Richtung 
abbeugen.  *  Der  Sehnerv  besteht  aus  drei  übereinander  ge- 
legten concaven  Hüllen,  deren  innerste  von  der  Mater  pia,  die 
mittlere  von  der  Mater  dura  ausgeht,  während  die  dritte  äussere 
Umhüllung  von  der  Cutis  cranii  herrührt.  Aus  diesen  drei 
Hüllen  bilden  sich  die  drei  Hüllen  des  Auges,  deren  man  auch 
sechs  zählen  kann,  wenn  der  rückseitige  und  der  nach  der 
Vorderseite  sich  erstreckende  Theil  derselben  Hülle  von  ein- 
ander unterschieden  werden.  Von  der  äusseren  Hülle  des  Auges 
verbindet  sich  der  rückseitige  Theil  mit  dem  Augenbein,  und 
heisst  wegen  seiner  Härte  die  Sclerotica;  der  andere  Theil,  die 
Conjunctiva  oder  Consolidativa  (Bindehaut)  dehnt  sich  nach 
vorne  bis  zur  Cornea  oder  der  durchsichtigen  Vorderseite  der 
mittleren  Hülle  aus.  Die  Cornea  ist  der  zweite  vordere  Theil 
der  mittleren  Hülle,  deren .  rückseitiger  Theil,  Seeundina  ge- 
nannt, aus  Venen,  Nerven  und  Arterien  zusammengesetzt  ist 
(Aderhaut,  Choroidea).  Mit  Venen,  Arterien  und  feinen  Nerven 
ist  auch  der  rückseitige  Theil  der  inneren  Hülle  versehen,  der 
sich  wie  ein  Hohlnetz  ausbreitet  (Retina),  während  der  andere 
dichtere  Theil  sich  sphärisch  bis  zur  Vorderseite  des  Auges 
ausbreitet,  aber  in  der  Mitte  der  Vorderseite  das  Sehloch  offen 
lässt.  Er  erlangt  damit  die  Gestalt  einer  von  ihrem  Stengel 
abgerissenen  Traubenbeere,  woher  sie  auch  den  Namen  Uvea 
hat.  Von  der  Vorderseite  der  Uvea  geht  ein  kleines  zartes 
Netz  einem  Spinnengewebe  ähnlich  aus,  in  welches  der  Krystall- 
körper  gefasst  ist  (corpus  glaciale,  crystallinum  vel  grandino- 
Bum).  Dieser  besteht  aus  zwei  Theilen;  der  innere  rückseitige 
Theil,    mit  dem  Nervenende  sich  berührend,   gleicht  geschmol- 


er  Beine  Stadien  über  die  Beschaffenheit  des  Auges  machte.  Vgl.  Op. 
maj.,  p.  202:  Completa  ostensio  esset  in  corpore  figfurato  ad  modam 
oculi  ....  Ezemplnm  ad  hoc  potest  esse  ocnlus  bovis  et  aliomm  ani- 
malionii  si  quis  vnlt  experiri. 
^  Si  ille  nerrus,  qni  venit  a  dextera  parte  anterioris  cerebri,  iret  ad  dexterum 
ocnlum,  jam  fieret  aogalus  in  nervo  communi,  nbi  concurrunti  et  fieret 
nervus  cnrvas  et  non  recte  extensns  ad  ocalnm.*  Sed  hoc  impediret  visum, 
qnia  Visus  semper  eligit  lineas  rectas,  quantnm  potest.    Op.  maj.,  p.  197. 


524  Werner. 

zenem  Glase,  und  heisst  desshalb  Humor  vitreus.  Der  vordere 
Theil,  dem  Eise,  Krystalle  oder  Hagelkorne  an  Farbe  gleichend, 
heisst  Anterior  glacialis;  ohne  besonderen  Eigennamen.  Ausser- 
halb der  Spinnwebhaut  erfüllt  eine  dem  Albumen  ovi  ähnliche 
Flüssigkeit  die  vordere  Concavhöhlung  der  Uvea,  und  berührt 
nach  der  einen  Seite  die  Anterior  glacialis,  nach  der  anderen 
Seite  in  convexer  Rundung  die  durchsichtige  Cornea;  diese 
Flüssigkeit  heisst  Humor  albugineus.  Das  Auge  hat  sonach, 
wie  drei  Hüllen,  so  auch  drei  Humores,  und  die  Bilder  der 
Aussendinge  werden  durch  diese  drei  Medien  zur  Endigung 
des  Sehnervs,  durch  diesen  aber  dem  Gehirne  zugeleitet.  Der 
Humor  albugineus  und  Anterior  glacialis  sind  heute  als  Ein 
Körper  erkannt^  welcher  die  Glasfeuchtigkeit  heisst;^  die  von 
Baco's  Gewährsmännern  vorgenommene  Dreitheilung  der  Hu- 
mores ist  wohl  aus  den  Bestreben  einer  harmonisirenden  Gleich- 
ordnung der  Dreizahl  der  Humores  und  der  Hüllen  des  Auges 
zu  erklären.  2  Der  Humor  crystallinus  heisst  Pupille^  in  welcher 
die  Virtus  visiva  zwar  nicht  grundhaft,  aber  doch  initialiter 
enthalten  ist;  das  Organum  radicale  ist  der  Nervus  communis, 
d.  h.  der  schon  erwähnte  Knotenpunkt  der  beiden  vom  Vorder- 
gehirne ausgehenden  Sehnerven. 

Das  Auge  ist  gemäss  seiner  Bestimmung,  das  Weltbild 
in  sich  aufzunehmen,  ^  ein  sphärisch  geformter  Körper,  dessen 
Gestaltung  auch  die  Hüllen  und  Humores  des  Auges  sich  con- 
formiren.     Der  Humor  vitreus  und   der  Glacialis  anterior  sind 


1  Der  zwUcben  die  Iris  nnd  die  Cornea  g^efasste  Humor  aqneuB  wird  in 
der  yon  Baco  g^egebenen  Beschreibnng  des  Aages  Dicht  als  besonderer 
Hnmor  erwähnt,  sondern  als  der  die  Cornea  berührende  Theil  des  Humor 
albugineus  genommen.  Vgl.  die  mit  der  Beschreibung  Baco's  grossten- 
theils  zusammenstimmende  Abbildung  des  Auges  nach  Alhasen  in  den 
historischen  Tafeln  zur  Anatomie  des  Auges  Ton  Dr.  Hugo  Magnus 
(Rostock,  1877),  Tafel  IV. 

3  Der  Humor  vitreus  wird  nach  Avicenna  durch  das  Blut  ernährt,  der 
Humor  crjstallinus  durch  den  Humor  vitreus,  der  Humor  albugineus  ist 
ein  Ueberschuss  des  Humor  crystallinus.  Op.  maj.,  p.  199. 

3  Cum  oculus  videt  magna  corpora  ut  fere  quartam  coeli  nno  aspectn, 
manifestum  est,  quod  non  potest  esse  planae  figurae,  nee  alicujas  nisi 
sphaericae,  quoniam  super  sphaeram  parvam  possunt  cadere  perpendi- 
culares  infinitae,  quae  a  magno  corpore  veniunt  et  tendunt  in  centmm 
sphaerae,  et  sie  magnum  corpus  potest  ab  oculo  parvo  videri.  Op.  maj.. 
p.  206. 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  und  Witsenschaftslehre  des  Boger  Baco.  525 

blosse  Sphärensegmente,  und  zwar  Segmente  zweier  von  ein- 
ander verschiedener  Sphären,  wie  sie  auch  zwei  von  einander 
verschiedene  Körper  sind.  Die  Convexität  des  Vitreus  ist  gegen 
den  Qlacialis  anterior  gekehrt,  daher  das  Centrum  seiner  Sphäre 
gegen  die  Vorderseite  des  Auges  fällt,  während  das  Centrum 
der  Sphäre  des  Anterior  glacialis  nach  rückwärts  in  den  Mittel- 
punkt des  Augenkörpers  flällt,  welcher  auch  der  Mittelpunkt 
der  Cornea  und  des  Humor  albugineus  ist.  Das  Centrum  der 
Uvea  fällt  zwischen  jenes  des  Humor  vitreus  und  des  Auges. 
Alle  diese  Centra  liegen  jedoch  in  derselben  geraden  Linie, 
welche  von  der  Oeffnung  der  Uvea  bis  zu  dem  Punkte  reicht, 
wo  das  Auge  des  Sehnervs  sich  in  die  Retina  entfaltet;  der 
Endpunkt  des  hohlen  Sehnervs  wird  von  Alhazen  als  das  dem 
Sehloche  entsprechende  rückseitige  Foramen  bezeichnet,  durch 
welches  der  in's  Auge  eingedrungene  Strahl  bis  zum  Gehirne 
geleitet  werden  soll.  Der  Anterior  glacialis  muss  wie  die  Cornea 
und  der  Humor  albugineus  den  Mittelpunkt  des  Auges  zu  seinem 
eigenen  Mittelpunkte  haben,  weil  er  so  zu  sagen  das  Auge  im 
Augenkörper  ist^  und  die  Cornea  und  der  Humor  albugineus  zu- 
folge ihrer  Diaphaneität  die  ihm  unmittelbar  dienenden  Mittler 
der  Licht-  und  Farbenapperception  sind.  In  das  Centrum  des 
Auges  kann  aber  nur  der  perpendiculär  eindringende  Licht- 
und  Farbenstrahl  gelangen,  d.  h.  derjenige  Strahl,  welcher  die 
Axe  des  Kegels  constituirt,  der  durch  die  von  den  Endpunkten 
des  Anschauungsobjectes  ausgehenden  und  convergirend  ins 
Auge  einfallenden  Strahlen,  d,  h.  durch  den  kubischen  Sehwinkel, 
gebildet  wird.  Alle  übrigen  vom  Objecte  ausgehenden  Strahlen 
fallen  schief  ein,  und  müssten  sich  im  Centrum  des  Auges 
kreuzen,  so  dass  der  von  der  linken  und  von  der  unteren  Seite 
des  Gegenstandes  ausgehende  Strahl  im  Auge  nach  rechts  und 
nach  oben  die  Richtung  nähme,  und  umgekehrt  der  von  der 
oberen  und  von  der  rechten  Seite  des  Objectes  kommende  Strahl 
die  Richtung  nach  links  und  nach  unten,  wenn  nicht  alle  diese 
seitlich  kommenden  Strahlen  im  Humor  vitreus  derart  gebrochen 
würden,  so  dass  sie  von  ihrer  ursprünglichen  Richtung  abgelenkt 
mit  dem  perpendiculären  Hauptstrahle  erst  im  Nervus  communis 
zusammentreffen.  ^    Daraus  erklärt  sich  nunmehr  auch,  wesshalb 


^  Op.  maj.,  p.  215. 


526  Werner. 

der  Humor  vitreus  dichter  sein,  und  die  sphärische  Krümmung 
desselben  eine  andere  als  jene  des  Glacialis  anterior  sein  muBs^ 
weil  er  nur  unter  diesen  Bedingungen  den  bis  zum  Anterior 
glacialis  vorgedrungenen  schief  einfallenden  Strahl  brechen,' 
und  zwar  so  brechen  kann,  2  dass  derselbe  an  dem  bezeichneten  • 
Punkte  mit  der  Axe  des  vorerwähnten  Kegels  zusammentrifft 
Baco  hält  die  durch  den  Eintritt  des  Strahles  in  den  Humor 
vitreus  veranlasste  Brechung  des  Strahles  für  die  einzige, 
welche  der  zum  Auge  gelangte  Strahl  erleidet,  und  fügt  weiter 
noch  bei;  dass  er  keine  andere  als  diese  einzige  erleiden  könne, 
weil  der  hohle  Sehnerv  ganz  vom  Humor  vitreus  erfüllt  sei, 
also  das  dem  Auge  zugemittelte  Bild  des  Dinges  in  dem- 
selben Medium  bis  dorthin  bewegt  werde,  wo  es  Gegenstand 
der  Apperception  für  die  Seele  wird.  ^ 

Das  Auge  verhält  sich  im  Sehacte  zugleich  activ  und 
passiv;*  passiv  in  der  Reception  der  Farben-  und  Lichtein- 
drücke, activ  in  der  Ausstrahlung  seiner  Sehkraft,  wodurch 
die  ans  Auge  herandringenden  Licht-  und  Farbenbilder  zur 
Reception  in  dasselbe  zubereitet  werden  sollen.  Denn  das  Auge 
ist  ein  edlerer  JBLörper  als  die  sinnlichen  Objecte,  deren  Species 
es   in    sich   aufnehmen   soll;   von   der  Seele  durchwirkt  hat  ee 


^  Humor  vitreufl  est  spissior  anteriori  glacialis,  qaoniam  oportet,  qnod 
species,  quae  non  est  perpendicularis,  frangattir  in  eo  inter  perpeodi- 
cularem  dncendam  a  loco  fractionis  et  inter  incessum  rectum.  Op.  maj., 
p.  205. 

3  Est  portio  minoris  sphaerae,  quatenus  centnim  sphaerae  ejus  sit  diversum 
a  centro  anterioris  glacialis,  quoniam  hoc  necesse  est  propter  fractionem 
praenotatam.  1.  c. 

3  Et  in  hoc  est  miranda  potestas  virtutis  animae  —  fügt  Baco  bei  —  qnod 
facit  speciem  sequi  tortuositatem  nervi,  ut  secundum  lineam  fluat  tortno- 
sam,  non  secundum*  rectam,  sicut  facit  in  corporibus  animatis.  Dum  enim 
est  in  medio  inanimato,  semper  vadit  secundum  vias  rectas;  sed  propter 
necessitatem  et  nobilitatem  operum  animae  species  in  medio  animato  tenet 
incessum  medii,  et  derelinquit  leges  communes  multiplicationum  natnralium, 
gaudens  privilegio  animae  speciali.  Op.  c,  p.  215. 

^  Aristoteles,  qui  voluit  certificare  de  singulis  secundum  possibilitatem  so! 
temporis,  reprobavit  utramque  opinionem  de  visu,  seil.  Stoicorum,  qni 
posuerunt  enm  esse  tantum  passivum,  et  Platonicorum,  qui  volaenmt 
esse  tantum  vel  principaliter  activum  et  erronee.  Sed  unam  seil.  Stoicorom 
libro  de  animalibus  destruit,  aliam  Platonicorum  libro  de  anima.  Op. 
maj.,  p.  216. 


Die  Psyebologio,  Erkenntaiss-  and  Wiuenschafttilehre  des  Roger  Baco.  527 

gewisser  Massen  auch  etwas  von  der  Natur  der  Seele  an  sich, 
es  ist  nicht  ein  roher,  sondern  ein  seelenhaft  durchgeisteter 
Körper.  Licht  und  Farbe  sind  zwar  nothwendige  Bedingungen 
der  Sichtbarkeit  der  zu  sehenden  Körper,  stehen  aber  zum 
eigentlichen  Ziele  des  Sehactes,  welches  in  der  Äpperception 
der  Formumrisse  und  der  Gestaltung  des  quantitativen  Objectes 
besteht,  in  einem  rein  werkzeuglichen  Verhältnisse.  Daher  hat 
denn  auch  der  Humor  glacialis,  obschon  der  Farbe  und  des 
Lichtes  nicht  entbehrend,  von  beiden  nicht  mehr  eigen,  als  dem 
Gesichtssinne  zur  Äpperception  der  durch  das  Licht  sichtbar 
gemachten  Körper  nothwendig  ist,  ^  und  würde  im  entgegen- 
gesetzten Falle  von  Licht  und  Farbe  überwältiget  gar  nichts 
appercipiren.  ^  Er  muss  vielmehr  durch  die  von  ihm  ausgestrahlte 
Sehkraft  die  an  das  Auge  von  allen  Punkten  des  gesehenen 
Objectes  herandringenden  Licht-  und  Farbestrahlen  so  weit 
durchgeisten,  dass  sie  eine  Äpperception  der  Formen  des  durch 
sie  dem  Auge  nahegebrachten  Objectes  zulassen.  Wie  von  jedem 
Punkte  des  beleuchteten  Objectes  Farbenstrahlen  ausgehen,  unter 
welchen  diejenigen,  die  in  der  Richtung  zum  Auge  hin  sich 
bewegen,  von  diesem  recipirt  werden,  so  gehen  umgekehrt  von 
der  Oberfläche  des  Humor  glacialis  unzählige  Sehstrahlen  aus, 
80  dass  dem  in  das  Auge  von  Aussen  eindringenden  Strahlen- 
kegel    ein    vom    Auge    ausgestrahlter    Strahlenkegel    begegnet. 


^  Mediam  et  senenfl  non  debent  habere  naturas  sensibilium,  qnorum  species 
debent  suscipere,  nt  judicent  de  sensibilibus  per  eas;  nnde  hamor  gla- 
cialis non  habet  nataram  aliquam  lucis  yel  coloris  sab  illo  gradn,  quem 
babent  res  visibiles  extra.  Nam  licet  oculus  habet  Incenif  hoc  est  respectu 
coloris  yidendi,  non  respecta  lucis,  quia  patiens  non  habet  actu,  sed  in 
potentia,  quo  assimilatnr  agenti;  nee  habet  glacialis  anterior  aliquem 
gradnm  coloris,  quo  assimiletur  vere  coloratis  extra,  de  quibus  habet 
judicare,  licet  habeat  oculns  in  suis  hnmoribus  et  tunicis  quoddam  esse 

coloris  debile,   per  quod  colores  phantastici  aliquando  appareant 

sed  bene  habet  figuram  et  quantitatem  et  corporettatem  et  alia  sensibilia 
communia,  qnae  ei  competunt,  et  ideo  nee  est  natum  recipere  species 
homm,  nee  ipsa  sunt  activa.  Op.  c,  p.  228.  229. 

^  Quamvis  Aristoteles  dicat  in  secundo  de  anima,  quod  ultima  perfectio 
omnis  sensus  est,  quod  ejus  instrumentum  est  medium  sensibilium,  tarnen 
ille  gradus  medietatis  non  invenitur  in  rebus  sensibllibus,  quia  si  inveni- 
retur  et  fieret  ejus  species  in  sensum,  non  judicaret  sensus  de  illa  medie- 
täte;  et  ideo  visus  non  potest  species  rerum  recipere,  ut  judicet  per  eas 
de  rebus,  quarum  naturae  similes  sunt  in  visu.  Op.  c,  p.  229. 


528  Werner. 

welcher  jene  zubereitende  Vergeistigung  der  ins  Äuge  ein- 
dringenden  Licht-  und  Farbestrahlen  bewirkte  Baco  nennt  diese 
vom  Auge  ausgehende  Strahlung  die  Species  visuS;  und  lässt 
von  jedem  Punkte  der  Oberfläche  des  Humor  glacialis  unzählige 
Strahlen  ausgehen;  jedoch  so,  dass  derjenige  Strahlenkegel, 
dessen  Axe  in  der  Hauptlinie  des  AugeS;  d.  h.  der  Centra  der 
sphärischen  Krümmungen  des  Augenkörpers  und  seiner  Haupt- 
bestandtheile  liegt;  die  Hauptstrahlung  ist,  mittelst  deren  die 
Action  des  Sehens  eigentlich  zu  Stande  kommt.  ^ 

Das  Sehen  ist  ein  judicativer  Act,  welcher  aber  Art-  und 
Gradunterschiede  seiner  Vollkommenheit  zulässt.  Das  Sehen 
ist  entweder  ein  Erkennen  solo  sensu,  oder  ein  Erkennen  per 
scientiam,  oder  endlich  ein  Erkennen  per  sollogismum. '  Bei 
der  Cognitio  solo  sensu  handelt  es  sich  lediglich  um  ein  rich- 
tiges Sehen  und  Erkennen  des  Dass  oder  des  thatsächlichen 
Vorhandenseins  oder  Statthabens  von  irgend  etwas ;  die  C(^itio 
per  scientiam  lehrt  uns  das  Was  eines  Dinges  oder  das  Sein 
desselben  im  Unterschiede  von  anderen  Dingen  erkennen;  die 
Cognitio  per  syllogismum  endlich  ist  die  allseitig  vermittelte 
Erkenntniss  des  Dinges.  Alle  diese  Arten  des  Erkennens  können 
beim  physischen  Sehacte  statthaben,  weil  physisches  und  geistiges 
Sehen  beim  Menschen  aufs  innigste  ineinander  verschlungen 
sind;  und  das  eine  aus  der  Idee  des  anderen  sich  verdeutlichet^ 
und  umgekehrt.  Bezüglich  des  physischen  Sehens  ist  der  Unter- 
schied jener  drei  Arten  der  Erkenntniss  von  der  Art  und  Form 


^  Species  remm  mnndi  non  sunt  notae  statim  de  se  agiere  ad  plentm 
actionem  in  visü  propter  ejus  ignobüitatem.  Unde  oportet  qnod  jaTeotor 
et  excitentnr  per  speciem  ocali,  quae  incedat  in  loco  pjramidis  TisiuIiSi 
et  alteret  medium  ac  nobilitet,  et  reddat  ipsum  proportionale  visni,  et  sie 
praeparat  incessnm  speciei  ipains  rei  yisibilia,  et  insaper  eam  nobflitat, 
nt  omnino  sit  conformis  et  proportionalis  nobilitati  corporis  animati,  qnod 
est  oculus.  Op.  maj.,  p.  217. 

'  Quamvis  species  ocali  jaceat  in  forma  pyramidis,  cnjos  conof  est  in 
oculo,  et  basis  stat  super  omnes  partes  rei  risae,  tarnen  a  saperficie 
glacialis  fiant  pjramides  infinitae,  qusram  omninm  ana  basis  est,  et 
earum  coni  cadunt  in  siog^la  puncta  rei  visae,  nt  sie  Tideantar  omnes 
partes  visibilis  in  ea  fortitndine,  qna  fieri  potest.  Et  tanien  nna  pjrsmif 
est  principalis,  seil,  illa,  cujus  axis  est  linea  transiens  per  centnim  omninm 
partium  oculi»  quae  est  axis  totins  oculi;  nam  illa  certificat  omnia.  l  c. 

'  Op.  mAJ.,  p.  329  ff. 


Die  Psyabologie,  Erkeantniss-  and  Wistenscliaftfllelire  des  Boger  Baco.  529 

der  mit  dem  Sehacte  verbundenen  judicativen  Thätigkeit  ab- 
hängig, welche  entweder  eine  blosse  Thätigkeit  des  Sinnes,  ^ 
oder  ein  Act  der  den  Sinneseindruck  verdeutlichenden  und  er- 
klärenden Denkthätigkeit  ist.  Eine  Cognitio  per  scientiam  und 
per  syllogismum  kann  nach  Baco  auch  dem  Thiere  nicht  ab- 
gesprochen werden,  und  ist  demselben  zufolge  der  Yirtus  cogi- 
tativa  eigen,  von  welcher  wir  oben  vernahmen,  dass  sie  der 
Anima  sensitiva  als  solcher  zukomme.  Allerdings  bemerkt  Baco 
ausdrücklich,  dass  nur  jene  Cognitio  per  scientiam  et  syllo- 
gismum, welche  beim  judicativen  Acte  des  Sehens  statthabe, 
dem  Thiere  zugeschrieben  werden  könne,  nicht  aber  diejenige, 
welche  in  den  Functionen  des  logischen  und  mathematischen 
Denkens  oder  des  physikalischen  Erkennens  sich  bethätige,^ 
80  dass  also  das  rationale  Erkennen  als  solches  doch  immer 
ausschliesslich  dem  Menschen  allein  vorbehalten  bleibt.  Wenn 
aber  dieses  durch  Urtheil  und  Schluss  vermittelt  wird,  so  sucht 
Baco  zu  erhärten,  dass  auch  bei  den  Thieren  eine  den  Thätig- 
keiten  des  menschlichen  Urtheilens  und  Schliessens  auffallend 
ähnliche  Thätigkeit  hervortrete,  welche  von  jener  des  Menschen 
sich  dadurch  unterscheide,  dass  sie  nicht  aus  freier  Deliberation, 
sondern  aus  der  natürlichen  Strebethätigkeit  des  Thieres  her- 
vorgehe. ^  Der  Unterschied  zwischen  Mensch  und  Thier  be- 
steht also  wesentlich  nur  darin,   dass  der  Mensch  die   geistige 


^  Der  Sinn  orientirt  sich  an  den  perpendicnl&r  einfallenden  Licht-  usd 
Farbenstrahlen:  Nam  ocnlus  ant  non  judicat  ant  male  per  solas  lineas 
non  perpendiculares  propter  debilitatem  speciei  yenientis  per  illas,  qnamyis 
tarnen  illae  concorentes  cum  particnlaribns  abtindantins  operentur  ad  Cogni- 
tionen! Yisibilis.  Op.  maj.y  p.  209. 

*  Op.  maj.,  p.  262. 

'  In  Bezng  auf  das  dem  Thiere  eigene  Analogon  des  menschlichen  Ratioci- 
nations-  und  Schlussyermögens  bemerkt  Baco:  Videmns  simias  offensas 
parare  insidias  hominibns,  et  mnlta  ordinäre  ad  hoc,  ut  seqnantnr  yin- 
dictam,  et  ideo  collignnt  nnnm,  quod  intendnnt,  ex  ronltis.  Videmns  etiam 
araneas  ordinäre  telam,  et  non  quocnnque  modo,  sed  per  yarias  textaras 
geometricas,  nt  muscae  inyolyantnr  de  facili.  Et  lapus  deyorat  terram  nt 
Sit  ponderosior,  quando  capit  equum  yel  taurum  yel  ceryum  per  nares, 
nt  yi  ponderis  terrestris  facilius  deprimat  animal  atque  detineat.  Atqae 
yidi  rnnrilegum,  qui  desiderayit  pisces  natantes  in  magno  yase  lapideo, 
et  cum  non  potnit  propter  aqnam  deprehendere  eoB,  abstraxit  clepsjdram 
et  dednxit  aqnam,  don^c  yas  siccabatnr,  nt  sie  in  sicco  pisces  caperet; 
plnra  ergo  opera  hie  concepit,  ut  finem  intentum  haberet.  Op.  c,  p.  253,' 


530  Werner. 

Realität  sieht,  welche  das  mit  einer  blossen  Sinnenseele  begabte 
Thier  nicht  zu  appercipiren  vermag.  Aber  wie  appercipirt  der 
Mensch  die  geistige  Realität?  Wir  hörten  schon  oben,  dass 
Baco  die  Unterschiede  zwischen  Visio  recta,  fracta  und  reflexa 
des  Sinnenauges  auch  auf  das  geistige  Erkennen  überträgt, 
und  dem  Menschen  im  Unterschiede  von  Gott  und  den  Engeln 
bloss  eine  Visio  reflexa  der  geistigen  Dinge  zuerkennt.  Die 
durch  die  Visio  reflexa  vermittelte  Intellectiverkenntniss  ist  aber 
keine  andere  als  die  durch  die  sinnliche  Erfahrung  vermittelte 
Erkenntniss,  *  rücksichtlich  deren  nur  zu  fragen  wäre,  welche 
Bedeutung  den  aus  der  sinnlichen  Erfahrung  geschöpften  All- 
gemeinbegriffen  beizulegen  sei.  Denn  Baco  spricht  auch  den 
Thieren  die  Apperception  von  AUgemeinbegriffen  nicht  ab^' 
welchen  also  nur,  wie  wir  ergänzend  beizufügen  haben,  das 
Bewusstsein  um  das  Innehaben  solcher  Allgemeinbegriffe  ab- 
gehen würde.  Hierauf  indess  reflectirte  Baco  nicht,  und  so 
konnte  er  nur  bei  der  vorerwähnten  Frage  stehen  bleiben, 
auf  die  er  uns  schon  die  Antwort  andeutet,  wenn  er  bemerkt, 
dass  auch  beim  geistigen  Sehen  das  durch  die  sinnliche  Em- 
pirie ermittelte  Resultat  des  Sehens  ein  sehr  geringes  sei,  und 
menschlicher  Unterricht  und  göttliche  Erleuchtung  nachhelfen 
müsse,  um  die  auf  dem  Wege  der  Erfahrung  angebahnte  In- 
tellectiverkenntniss zu  dem  für  den  Zeitmenschen  erreichbaren 
Vollkommenheitsgrade  zu  erheben.'^  Gehen  die  Modi  des  gei- 
stigen Sehens  jenen   des  physischen  Sehens    parallel,   so  muss 


^  Sicat  speculnm  cooperatur  ad  visionem  propter  sttam  aptitudinem,  et  dat 
speciei  occasionem  multiplicandi  se  in  oculum,  ut  fiat  viaio,  sie  corpus 
animatuiD  anima  sensitiva  ex  sua  proprietate  et  idoneitate  adjuvat  animain 
intellectivam  in  sna  cog^itione,  et  dat  ei  cognitionem  a  parte  ista,  quam 
intellectus  ex  sensu  corporali  deprehendet,  et  ideo  coguitio  hominis, 
quantacunqne  sit  perfecta,  est  debilior  angelica  ex  hac  cansa,  et  merito 
potest  dici  specularis  propter  dictam  similitudinem.  Op.  c,  p.  268. 

^  Bestiae  multae  ....  cognoscunt  nnum  nniversale  ab  alio,  ut  homineni 
a  cane  yel  ligno,  et  individua  ejusdem  speciei  distinguunt.  Op.  c,  p.  252. 

3  Cum  triplex  est  visio,  seil,  solo  sensu,  scientia  et  syllogismo,  necesse  e9t 
homint,  ut  triplicem  habeat  visionem.  Nam  solo  sensu  pauca  cognoscimiis 
et  parum  ....  Similiter  accidit  in  visione  spirituali;  nam  qnod  homo 
seit  solo  sensa,  modicum  est,  quoniam  indiget  duplici  cognitione  praeter 
istam,  seil,  per  doctores  a  juventute  usque*  ad  Senium  ....  et  tertia 
cognitione  indigemus,  quae  est  per  divinam  illuminationem.  Op.  c,  p.  268. 


Die  Psychologie,  Erkenntnisi-  und  WiesenseliAftslelire  des  Boger  Bseo.  531 

der  mit  dem  physischen  Sehen  verbundenen  Cognitio  per  seien- 
tiam  die  göttliche  Erleuchtung^  der  in  der  Cognitio  per  syllo- 
gismum  vennittelten  Sehapperception  der  allseitig  orientirende 
menschliche  Unterricht  entsprechen.  Ist  der  menschliche  Geist- 
gedanke des  Dinges  ein  Werk  der  göttlichen  Erleuchtung,  so 
gehört  er  nicht  der  Seele  als  solcher  an;  er  ist  nur  ein  durch 
das  Sinnesobject  vermittelter  Reflex  des  göttlichen  Gedankens 
von  dem  Dinge  in  unserer  Seele^  aber  ein  Keflex,  zu  dessen 
Erzeugung  in  uns  unmittelbar  Gott  selber  concurrirt^  und  uns 
so  den  in  ihm  präsenten  Wahrgedanken  des  Dinges  schauen 
macht.  Diese  Anschauung  geht  dem  Thiere  ab;  das  Thier 
appercipirt  wohl  die  Gleichartigkeit  der  unter  eine  bestimmte 
Species  fallenden  Sonderobjecte,  es  fehlt  ihm  aber  das  Organ 
für  die  Wahrnehmung  dieser  Gleichartigkeit  als  solcher  und 
unabhängig  von  der  individuirten  sinnlichen  Erscheinung  — 
es  fehlt  ihm  mit  anderen  Worten  das  geistige  Auge^  dessen 
Sehstrahlen  das  im  individuellen  Sonderdinge  ausgedrückte  spe- 
cifische  Wesen  aufzugreifen  haben,  so  wie  in  ihm'auch  der  Ort 
fehlt,  in  welchem  das  geistig  aufgegriffene  Wesen  des  Sonder- 
dinges hinterlegt  werden  könnte.  Dieser  Ort  ist  der  Intellectus 
possibilis;  die  aus  dem  menschlichen  Intellecte  auf  das  speci- 
fische  Wesen  des  Dinges  fallende  Geiststrahlung  aber  ist  die 
Lichtstrahlung  des  Intellectus  agens  oder  des  göttlichen  Logos, 
der,  wie  er  das  Ding  wirkt,  so  auch  den  Gedanken  desselben 
in  unserem  Geiste  hervorbringt. 

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  haben  wir  nunmehr  die 
von  Baco  gegebene  Kritik  der  conceptualistischen  Universalien- 
lehre zu  verstehen,  auf  welche  die  speculative  Scholastik  sich 
stützte.  Baco  verwirft  nicht  die  metaphysische  Wahrheit  des 
Ällgemeingedankens,  *  die  ja  selbst  von  der  thierischen  Seele 
dunkel  appercipirt  wird ;  aber  die  wesenhafte  Realität  desselben 
fallt  ihm  mit  jener  des  göttlichen  Denkens  zusammen,  so  dass  für 
sie  ausserhalb  dieses  kein  Ort  bleibt.    Die  Gleichartigkeit  eines 


^  FaUa  est  propositio:  Quicqnid  est  in  singulari,  est  singulare.  Nam  Aristo- 
teles in  quarto  Physicorum  distingoit  modos  octo  essendi  in,  et  unus  est, 
sicQt  singulare  in  universalis  et  alius  sicut  universale  in  singulari;  ergo 
contradicunt  Aristoteli  ....  Item  secundum  hoc  essent  sola  individua 
sab  genere  et  nuUa  species,  ergo  toUeretur  unum  de  universalibns  famosis, 
quod  esse  non  potest.  Commun.  Natur.  I,  Pars  2,  Dist.  2,  c.  10. 

SiUnngabar.  d.  phU.-hiit.  Cl.  XCUl.  Bd.  III.  Uft.  35 


532  Werner. 

bestimmten  Individuums  mit  einem  anderen,  zufolge  welcher 
das  letztere  als  eine  modificirte  Wiederholung  des  ersteren  er- 
scheint, drückt  einen  bloss  beziehungsweisen  Charakter  des 
Dinges  aus,  welcher  im  rationalen  Denken  des  Menschen  auf- 
gefasst  wird,  und  seine  letzte  Erklärung  in  der  Metaphysik 
findet.  Diese  lehrt  nun,  dass  alles  Geschaffene  aus  Materie 
und  Form  zusammengesetzt,  die  Materie  aber  ihrem  Begriffe 
zufolge  als  das  an  sich  Unbestimmte  nicht  absolut  in  der  Be- 
stimmtheit einer  numerisch  singulären  Form  aufgehen  kann, 
also  durch  sich  selber  eine  Mehrheit  von  Individuationen  des- 
selben Stoffes  involvirt,  und  diess  um  so  mehr,  da  in  keiner 
einzelnen  Individuation  der  individuirte  Gedanke  absolut  dar- 
gestellt ist.  Desshalb  ist  in  den  göttlichen  Gedanken  des  Einzel- 
dinges auch  schon  eine  bestimmte  Mehrheit  seiner  Individua- 
tionen aufgenommen,  aber  nicht  um  dieser  Mehrheit  willeD, 
sondern  wegen  der  durch  diese  Mehrheit  zu  erzielenden  voll- 
kommeneren Darstellung  des  Gedankens  vom  Einzeldinge,  so- 
weit nämlich  die  demselben  im  Schöpfungsplane  zugewiesene 
Action  nur  durch  eine  numerische  Vervielfältigung  desselben 
zu  erzielen  ist.  So  ist  also  die  individuelle  Mehrheit  innerhalb 
derselben  Art  keineswegs  etwas  Unwesentliches  und  Zufalliges, 
immerhin  jedoch  etwas  Secundäres  im  Verhältniss  zu  der 
Bedeutung  des  Individuellen  an  sich,  indem  die  Absicht  des 
göttlichen  Schöpfungsgedankens  auf  das  individuirte  Sein  als 
solches  geht,  und  in  der  That  der  Charakter  des  geschöpflichen 
Seins  dieser  ist,  dass  es  im  Unterschiede  vom  absolut  all- 
gemeinen göttlichen  Sein  individuirtes  Sein  sei.  *  Wir  sehen 
also  Baco  innerhalb  der  Schranken  des  mittelalterlichen  Peri- 
patetismus  die  Richtung  jenes  philosophischen  Individualismus 
einschlagen,  welcher  sich  später  nach  Abwerfung  der  peripate- 
tischen  Schuldoctrin  in  mannigfaltiger  Weise  je  nach  den  philo- 
sophischen Denkzielen  und  Denkstandpunkten  mathematisch  ge- 
schulter Denker  ausgestaltete,  und  schon  innerhalb  des  Francis- 
canerordens  selber  im  Gegensatze  zur  Albertisch-Tho mistischen 
Doctrin  sich  regte.  Zur  vollkommenen  Ausgestaltung  konnte 
dieser  Individualismus  nur  nach  Abwerfung  des  peripatetischen 

1  Compositnm  habet  rationem  per  se  existendi  in  ordine  entiam;   non  sie 
materia  et  foruia.  Commun.  Natur.  I,  Pars  2,  dist.  1,  c.  1. 


Die  Payebologie,  Erkenntoiss-  nad  Wisaenscb  iftslehre  das  Roger  Bftco.  533 

Begriffes  der  Materie  gelangen;  Baco  und  Duns  Scotus  ermög- 
lichen sich  die  theilweise  Annäherung  an  ihn  durch  die  von 
ihnen  vorgenommenen  Modificationen  am  peripatetischen  Be- 
griffe der  Materie,  obschon  Duns  Scotus  als  Conceptualist  das 
von  Baco  fast  ganz  bei  Seite  gesetzte  Moment  der  abstractiven 
Allgemeinheit  wieder  zu  höherer  Geltung  bringt,  wenn  er  dem- 
selben auch  nicht  mehr  jenen  speculativen  Gehalt  wie  die 
Thomistenschule  zuzuerkennen  vermag. 

Für  Baco  hat  der  Allgemeinbegriff  nur  die  Bedeutung 
eines  abgeblassten  schwachen  Wiederscheines  des  im  Reflex- 
Btrahle  dem^  menschlichen  Intellecte  zugemittelten  göttlichen 
Gedankens  eines  bestimmten  Dinges J  Schon  die  Zusammen- 
setzung des  geschaffenen  Dinges  aus  Materie  und  Form  gleicht 
einer  trübenden  Zersetzung  des  einfachen  reinen  Lichtes  des 
göttlichen  Gedankens  vom  Dinge;  demzufolge  kann  dieser  durch 
das  geschaffene  Ding  dem  menschlichen  Intellecte  nur  unvoll- 
kommen und  in  getrübtem  Wiederscheine  vermittelt  werden. 
Die  dem  diessseitigen  menschlichen  Erkennen  erreichbare  Klar- 
heit und  Helle  ergibt  sich  durch  distincte  Auseinanderhaltung 
der  constitutiven  Elemente  des  besonderen  Dinges  und  durch  Er- 
forschung des  Zusammenhanges  seiner  Existenz  und  Wirkungs- 
weise mit  jener  der  übrigen  Dinge  ausser  und  neben  ihm; 
Baco  verweist  uns  hiemit  auf  die  analytische  Zergliederung 
und  pragmatische  Erforschung  des  in  der  sinnlich-irdischen 
Erfahrung  gegebenen  Erkenntnissstoffes,  ohne  indess  auf  die 
in  der  peripatetischen  Metaphysik  dargebotenen  Elemente  syn- 
thetischer Verknüpfung  förmlich  verzichten  zu  wollen,  wie  sehr 
er  auch  diese  seinem  Individualismus  zu  Liebe  beschränkt. 
Die  wahrhafte  vollkommene  Verknüpfung  der  verschiedenen 
Elemente  und  Beziehungen  der  in  der  sinnlichen  Erfahrung 
gegebenen  Singularitäten  liegt  in  den  göttlichen  Gedanken  der- 
selben, und  ist  Gegenstand  dereinstiger  geistiger  Anschauung 
in  einer  zukünftigen  vollendeten  Welt  und  Wirklichkeit,  welche 
wir  gegenwärtig  im  Glauben  festhalten.  Baco  weist  hierin  ganz 
und  vollkommen  auf  seinen  von  ihm  so  hoch  verehrten  Lehrer 


^  Intellectas  est  debilis;  propter  eam  debilitatem  magis  conformatur  rei 
debUi,  qnae  est  universale,  quam  rei,  quae  multum  habet  de  esse,  nt 
singulare.  Commun.  Natur.  I,  Pars  2,  dist.  2,  c.  10. 

36* 


534  Werner. 

Robert  QrossetSte  zurück,  welcher  sich  die  Anschauungen  des 
christlichen  Glaubensbewusstseins  von  der  zukünftigen  himm- 
lischen Welt  im  Sinne  platonischer  Denkweise  zurechtlegt^ 
während  er  den  durch  die  Sünde  vordunkelten  Verstand  des 
Zeitmenschen  an  die  empiristische  Erforschung  der  diessseitigen 
Welt  und  Wirklichkeit  verweist,  die  auf  eine  für  uns  unergründ- 
bare  Weise  von  der  verborgenen  Macht  des  Göttlichen  durch- 
wirkt ist.  Der  menschliche  Intellect  kann  sich  nach  Robert 
im  irdischen  Zeitleben  nicht  zur  Anschauung  der  schaffenden 
göttlichen  Ideen  erheben,  und  muss  sich  mit  Erfassung  des 
Ausdruckes  derselben  in  den  geschaffenen  Dingen  begnügen, 
der  ihm  zum  Anhaltspunkte  einer  rationalen  Erkenntniss  der- 
selben wird;  sofern  diese  im  Allgemeinbegriffe  sich  vermittelt. 
Baco  geht  um  einen  Schritt  weiter,  wenn  er  dem  in  der  logischen 
Allgemeinheit  gesuchten  Haltpunkte  der  rationalen  Erkenntniss 
die  active  Wesensproprietät  als  Erreger  derselben  substituirt, 
und  die  Aufgabe  der  rationalen  Erkenntniss  in  die  analytische 
Zergliederung  und  pragmatische  Aufhellung  der  Facta  und  Data 
der  menschlichen  Erfahrungskenntniss  setzt.  Baco  kann  sich 
indess  trotz  aller  grundsätzlichen  Beschränkung  auf  das  er- 
fahrungsmässig  Gegebene  der  Metaphysik  nicht  entschlagen^ 
weil  in  der  peripatetischen  Anschauungsweise  Wesen  und  Er- 
scheinung des  Dinges  sich  von  einander  nicht  abtrennen  lassen; 
das  sinnliche  Einzelding  muss  als  Individuation  eines  unsinn- 
lichen  Gedankens  gefasst  werden,  der  als  göttlicher  Gedanke 
eben  so  durch  seine  individuirte  geschöpfliche  Darstellung  auf 
den  menschlichen  Intellect  wirkt,  wie  er  unmittelbar  in  dem- 
selben hineinleuchtet.  Es  begegnen  sich  hier  die  sichtbare 
Abschattung  und  das  verborgene  Leuchten  desselben  göttlichen 
Gedankens  in  der  Camera  obscura  der  zeitlichen  Erdenwelt, 
in  deren  Dämmerschein  der  Mensch  wie  in  eine  Region  räthsel- 
voUen  Zaubers  sich  hineingestellt  sieht;  die  Mysterien  dieses 
Zaubers  aufzudecken  ist  die  in  das  Licht  der  gläubigen  Er- 
kenntniss gerückte  Naturkunde  berufen,  die  nach  der  einen 
Seite,  sofern  sie  dem  geheimnissvollen  Wirken  der  lebendigen 
Kräfte  der  Natur  forschend  nachgeht,  wahrhaft  eine  Arcan- 
wissenschaft  ist,  während  andererseits  eben  sie  berufen  ist, 
Licht  zu  schaffen  und  nicht  bloss  die  natürlichen  Geheimnisse 
der  sichtbaren  Schöpfung  aufzuhellen,  sondern  ihre  Lichtreflexe 


Dia  Psychologie,  Erkanntnias-  und  Wissenscliaftslelire  des  Roger  Baco.  535 

auch  in  die  höhere  Kegion  der  übernatürlichen  Glaubenswelt 
zu  werfen.  Diese  letzteren  Aufschlüsse  sind  nun  allerdings 
nicht  so  belangreich,  als  Baco  sie  hinstellt;^  sie  beschränken 
sich  in  den  von  Baco  gegebenen  Proben  auf  einige  analogische 
Erläuterungen  der  höheren  übernatürlichen  Glaubenswelt  und 
der  allgemeinen  kosmischen  Ordnung ,  so  weit  diese  das  Ver- 
hältniss  der  sichtbaren  natürlichen  Wirklichkeit  zur  unsicht- 
baren geistigen  Welt^  und  alles  Gescha£Fenen  insgemein  zum 
göttlichen  Sein  und  Wirken  betrifft.  Die  wesentlichsten^  aus 
der  mathematisch-physikalischen  Optik  Baco's  geschöpften  Er- 
läuterungen dieser  höheren  allgemeinen  Verhältnisse  sind  schon 
im  Vorausgehenden  beigebracht  worden;  sie  beweisen^  dass 
Baco  dem  Piatonismus,  welchen  er  auf  erkenntnisstheoretischem 
Gebiete  abwies,  gleich  seinem  Lehrer  Robert  auf  dem  Gebiete 
der  philosophischen  Weltlehre  die  volle  Berechtigung  einräumte; 
freilich  ist  es  nicht  der  von  Aristoteles  bekämpfte  Plato,  sondern 
der  Neuplatonismus  in  der  theils  von  Augustinus,  theils  von 
den  Arabern  adoptirten  Fassung,  an  welchen  er  sich  anlehnt. 
Die  ihm  mit  Robert  von  Lincoln  gemeinsame  Anschauung  vom 
Intellectus  agens  als  Erleuchter  der  Seelen  bringt  ihn  auch  in 
ein  näheres  Verhältniss  zu  Wilhelm  von  Auvergne,  welchem 
er  aber  freilich  wieder  nach  einer  anderen  Beziehung  zufolge 
seiner  exclusiven  Bevorzugung  der  Mathematik  fast  antithetisch 
gegenübersteht.  2  Die  ihm  mit  Robert  und  Wilhelm  gemein- 
samen Aeusserungen  über  die  Schwäche  des  menschlichen  In- 
tellectes,  welche  der  speculativen  Logik  des  Conceptualismus 
gelten,  zielen  bei  ihm  auf  die  Empfehlung  der  Mathematik  als 
des  wahrhaften,  eigentlichen  Denkinstrumentes  ab,  und  dienen 
nebstbei  seiner  Betonung  der  Bedeutung  der  individuellen  Sin- 
gularität als  des  eigentlich  Seienden.  In  beiderlei  Beziehungen 
steht   er   auch   seinem  Ordensgenossen    Johannes  Bonaventura 


1  In  scriptura  nihil  tantam  miiltiplicatnr  sicnt  ea,  qnae  pertinent  ad  ocnlum 
et  visionenii  ut  manifestam  est  perlegenti ;  et  ideo  nihil  magis  necessarium 
est  sensui  naturali  et  spiritnali,  sicut  scientiae  perspectiTae  certitudo. 
Op.  maj.,  p.  266. 

2  Vgl.  uns.  Abhandlung  über  Wilhelms  ▼.  Auvergne  Verhältniss  zu  den 
Platonikem  des  zwölften  Jahrhunderts.  Sitzungsber.  LXXIV.  Bd.,  S.  124  ff. 
(Separatabdr.  S.  6.  ff.) 


536  Werner. 

nicht  allzufeme, '  sofern  dieser  unter  Verwerfung  einer  Plura- 
lität  der  Ideen  in  Gott  dem  göttlichen  Denken  eine  directe 
und  unmittelbare  Beziehung  auf  das  Einzelne  als  Solches  gibt, 
und  die  rhythmisch-musikalischen  Verhältnisse  des  Weltganzen 
als  eines  polysjmphonischen  Nachhalles  der  absoluten  Harmonie 
des  Einen  und  Einigen  göttlichen  Seins  zum  Inhalte  des  gött- 
lichen Weltgedankens  macht.  Duns  Scotus,  der  seine  Abkunft 
aus  der  Oxforder  Schule  deutlich  zu  erkennen  gibt,  weist  eben 
desshalb,  wie  wir  bereits  mehrfach  hervorhoben,  unverkennbar 
auf  Baco  zurück;  significante  Kennzeichen  der  gemeinsamen 
Schule  sind  das  Interesse  des  Duns  Scotus  an  der  Grammatik 
und  seine  mathematische  Schulung;  nur  steht  bei  ihm  das 
Interesse  an  der  Grammatik  im  engsten  Zusammenhange  mit 
jenem  an  der  Logik,  und  das  Interesse  an  der  Mathematik 
ordnet  sich  jenem  an  der  Ontologie  und  Metaphysik  unter. 
Für  ihn  ist  nicht,  wie  für  Baco,  das  quantitative  Sein  oder 
die  Quantität  als  solche,  sondern  das  Sein  als  solches  das  dem 
menschlichen  Intellecte  adäquate  Denkobject;  wohl  aber  tritt 
in  seinen  Eintheilungen  des  Seienden  die  Quantität  als  die 
erste  aller  Äccidenzkategorien  und  als  die  Mensur  derselben 
in  den  Vordergrund.  ^  Daneben  hebt  nun  freilich  Duns  Scotus 
auch  den  relativen  Vorzug  der  Qualitätskategorie  vor  der  Quan- 
titätskategorie hervor,  3  während  Baco  die  Qualitätskategorie 
in  den  beiden  Kategorien  der  Substanzialität  und  Quantität 
aufgehen  zu  lassen  sich  gewillt  zeigt. 

*  Vg-l.  uns.  Abhandlung^  über  die  Psychologie  nnd  Erkenntnisslebre  des 
Joh.  Bonaventura.  Sitzungsber.  LXXXII.  Bd.,  S.  152  ff.  (Separatabdr. 
8.  48  ff.). 

2  Ens  dividitur  prima  sui  divisione  in  ens,  quod  non  est  nisi  esse  purum, 
et  in  ens,  cui  convenit  esse  seu  quod  habet  esse  ....  Sicut  autem  ens, 
cui  convenit  esse,  est  unum  genus  metaphjsicum  ad  decem  praedicamenta, 
sie  accidens  universaliter  acceptum  est  genus  roetapbjsicnm  ad  novezn 
praedicamenta  accidentium;  et  hoc  genus  dividitur  sicut  alia  duo  jam 
dicta  in  accidens,  quod  est  alicujus  simpliciter  absque  alio  addito,  et  hoc 
est  quantitas,  et  in  accidens,  quod  est  alicujus  per  aliud  et  sie  per  ad- 
ditum,  ut  sunt  omnia  alia  accidentia  a  quantitate,  quae  non  insunt  snb- 
stantiae  nisi  per  quantitatem.  Rer.  princip.  qu.  19,  art.  1. 

3  Substantia  et  est  subjectum  accidentium,  et  est  perfectius  eis,  quia  causa 
efficiens.  Quoad  primum  est  in  potentia,  quoad  secnndum  actu.  Secun- 
dum  primum  quantitas  est  immediatior,  et  secundum  secundum  qoalitas. 
Theorem.  7. 


Dia  Paychologifl,  Erkenntniss-  nnd  Wisienschaftslehre  des  Boger  Baco.  537 

Die  absolute  Bevorzugung  der  Quantitätskategorie  vor 
allen  übrigen  Äccidenzkategorien  hängt  bei  Baco  mit  seinem 
Bestreben  zusammen^  die  mathematische  Schulung  als  die  Fun- 
damentalbedingung aller  wissenschaftlichen  Bildung  zu  erhärten. 
Zu  dem  Ende  sucht  er  alle  übrigen  Äccidenzkategorien  auf 
die  Quantitätskategorie  zurückzuführen;^  da  nun  letztere  ohne 
Mathematik  nicht  verstanden  werden  kann,  so  folgt  hieraus,  dass 
auch  alles  unter  die  übrigen  Äccidenzkategorien  Fallende  ohne 
Mathematik  nicht  verstanden  werden  könne.  *  Der  grössere  Theil 
der  unter  die  Qualitätskategorie  fallenden  Aussagen  gehört  der 
Quantitätskategorie  an;^  die  Kategorien  der  Zeit  und  des  Ortes 
sind  Annexe  der  Quantitätskategorie,  nicht  minder  tragen  alle 
nennenswerthen  Relationsaussagen  den  Charakter  von  Quan- 
titätsbestimmungen an  sich.  3  In  unserem  natürlichen  zeitlichen 
Erkennen  muss  die  Quantitätskategorie  sogar  das  Medium  für 
die  geistige  Erfassung  des  der  Substanzkategorie  angehörigen 
Seins  darbieten;  denn  wir  erkennen  die  geistigen  Substanzen 
nur  nach  Analogie  der  körperlichen,  letztere  aber  fallen  als 
solche  unter  das  Grundmaass  der  quantitativen  Bestimmtheit.^ 

Hieraus  ergeben  sich  nun  eigenthümliche  Folgerungen 
betreffs  der  Werthbestimmung  der  Logik,  in  deren  Bereich 
die  Kategorienlehre  gehört.  Die  ganze  aristotelische  Logik  ist 
auf  die  Kategorienlehre   als   deren   ontologische  Voraussetzung 

1  Op.  maj.,  p.  45. 

^  Major  pars  praedicamenti  qnalitatis  continet  passiones  et  proprietates 
quantitatum,  quia  omnia,  qaae  sunt  in  qnarto  genere  qualitatis,  vocantor 
qnalitates  in  quantitatibus,  et  omnes  passiones  earum,  qaae  absolute 
debentur  eis,  sunt  qualitates,  de  quibus  magna  pars  geometriae  et  arith- 
meticae  constitnuntur,  sicut  sunt  rectum  et  cnrvum  et  cetera  quae  lineae 
debentur,  et  triangulatio  et  omnis  reliqua  figuratio,  quae  superficiei  et 
corpori  assignantur,  et  primum  incompositnm  in  numeris,  ut  docet 
Aristoteles  5  Metaph.  et  ceterae  passiones  numerorum  absolutae.  1.  c 
'  '  Quicquid  dignum  est  consideratione  in  praedicamento  relationis,  est  pro- 
prietas  quantitatis,  ut  sunt  proportiones  et  proportionalitates  et  medietates 
geometricae  et  arithmeticae  et  musicae,  et  species  majoris  inaequalitatis 
et  minoris.  1.  c. 

*  Snbstantiae  spirituales  non  cognoscuntur  per  philosophiam  nisi  per  corpo- 
rales,  et  maxime  supercoelesteSf  secnndum  quod  docet  Aristoteles  11  Metaph., 
nee  inferiora  cognoscuntur  nisi  per  superiora,  quia  coelestia  sunt  causae 
inferiorum,  sed  coelestia  non  cognoscuntur  nisi  per  quantitatem,  sicut 
patet  ex  astronomia.  1.  c. 


538  Werner. 

gebaut  und  mit  Rücksicht  auf  die  Bestimmungen  derselben  ent- 
wickelt und  ausgeführt;  wenn  nun  die  Eategorienlehre  ohne 
Mathematik  nicht  verstanden  werden  kann,  so  ergibt  sich  hieraus 
mit  unabweislicher  Nothwendigkeit,  dass  die  Logik  ohne  Mathe- 
matik nicht  verstanden  werden  könne  und  die  Beweiskraft 
des  logischen  Verfahrens  von  der  Evidenz  und  Beweiskraft 
des  mathematischen  Denkverfahrens  abhängig  seiJ  In  ein  ähn- 
liches Verhältniss  wie  die  Logik,  wird  von  Baco  auch  die 
Grammatik  zur  Mathematik  gestellt.  Denn  die  Sprache  weist 
sowohl  in  der  gebundenen  als  auch  in  der  ungebundenen  Rede, 
in  Vers  und  Prosa,  in  Wort  und  Ton,  Rede  und  Geberden 
lauter  musikalische  Verhältnisse  auf,  ^  deren  Verständniss  mathe- 
matische Bildung  voraussetzt.  Da  der  Eindruck  und  die  Ueber- 
zeugungskraft  der  menschlichen  Rede  von  den  durch  die  Poetik 
und  Rhetorik  ihr  gelieferten  Mitteln  abhängt,  so  steht  auch  die 
Logik,  welche  ihren  Jüngern  das  Geschick  überzeugender  Rede 
zuwenden  soll,  in  einem  teleologischen  Verhältniss  zur  Musik- 
kunst als  Vollenderin  der  Logik.  ^ 

Obschon    Baco    Grammatik    und   Logik    zur    Philosophie 
rechnet,  bezeichnet  er  sie  dennoch  nur  als  Partes  accidentales 


1  Virtas  tota  logicae  pendet  ex  mathematica.  1.  c. 

>  Orammatica  pueris  ministrat  ea,  quae  vocis  sunt,  et  proprietates  ejas  in 
proBa  et  metro  et  rhythmo  ....  per  viam  narrationis,  non  per  caasaa, 
nee  per  rationes.  Nam  alterius  scientiae  est  dare  causas  honim,  seil, 
illios,  qaae  vocnm  naturam  plenarie  habet  considerare,  et  haec  est  sola 
mnsica,  cnjas  species  et  partes  maltae  sunt  Nam  ona  est  prosaica  et 
altera  est  metrica,  et  tertia  est  rhythmica  et  qnarta  est  melica  in  cantn. 
Et  praeter  haec  habet  plures.  Et  prosaica  docet  cansas  omninm  elera- 
tionam  vocnm  in  prosa  secnndum  accentunm  differentias  et  secundnm 
cola  et  commata  et  periodos  et  hnjusmodi.  Et  metrica  docet  omnes 
rationes  et  causas  pedum  et  metrorum.  Et  rhythmica  de  omni  modulatioDe 
et  proportione  suavi  rhythmorum  docet,  quia  omnia  ista  sunt  quaedum 
genera  cantus,  licet  non  sie  ut  in  cantu  usnali.  Op.  maj.,  p.  44. 

'  Finis  logicae  est  compositio  argumentomm,  quae  movent  intellectom 
practicnm  ad  fidem  et  amorem  virtutis  et  felicitatis  futnrae.  .  .  .  S«d 
haec  argumenta  debent  esse  in  fine  pulchritndinis,  ut  rapiatnr  aaimiu 
hominis  ad  salutiferas  veritates  subito  et  sine  praevisione  ....  Etideo 
tota  utilitas  logicae  nascitur  ex  comparatione  logicalium  omnium  ad  hujn*- 
modi  argumenta,  et  ideo,  cum  dependeant  ex  musicalibns,  neeesse  est, 
logicam  mendicare  potestatem  musicae.  Op.  maj.,  p.  44. 


Di«  Psjchologi«,  ErkenntniM-  und  WisMnsehaflslehre  d«a  Soger  Baeo.  539 

derselben;  wesentliche  Tfaeile  der  Philosophie  sind  nur  die 
philosophischen  Realdisciplinen.  Er  fasst  dieselben  unter  die 
drei  Hauptkategorien  der  Mathematica,  Phjsicalia;  Moralia. 
Die  Metaphysik  wird  von  ihm  als  allgemeine  Wissenschaft 
gefasst,  welche  die  Principien  aller  übrigen  Wissenschaften  in 
sich  schliessCy  aber  doch  zugleich  wieder  in  ein  näheres  Ver- 
hältniss  zu  den  physikalischen  Wissenschaften  gesetzt^  sofern 
sie  speciell  die  Principien  in  sich  schliesst. '  Das  Gebiet  der 
Metaphysik  verengert  sich  schon  dadurch,  dass  sie  bloss  theo- 
retische Wissenschaft  ist,  und  demzufolge  einer  bestimmten 
Häuptclasse  der  Wissenschaften ,  nämlich  der  theoretischen, 
sich  eingliedert,  während  dieser  Hauptclasse  eine  andere,  jene 
der  praktischen  Wissenschaften  nicht  bloss  gleichberechtiget 
gegenübersteht,  sondern  zufolge  des  Vorranges  der  operativen 
Tbätigkeit  vor  der  rein  theoretischen  sogar  übergeordnet  ist. 
Uebrigens  unterscheidet  Baco  weiter  noch  zwischen  rein  prak- 
tischen Wissenschaften,  und  zwischen  anderen,  welche  nach 
der  einen  Seite  theoretische,  nach  der  anderen  aber  praktische 
Wissensfacher  sind.  Solche  doppelseitige  Fächer  sind  die  vier 
mathematischen  Disciplinen:  Geometrie,  Arithmetik,  Astronomie 
and  Musik,  welche  in  ihrer  Doppelseitigkeit  acht  Disciplinen 
ergeben.  Unter  den  Naturwissenschaften  erscheinen  die  Al- 
chymie  und  Medizin  unter  diesem  doppelseitigen  Charakter. 
In  höchstem  und  vornehmstem  Sinne  praktische  Wissenschaften 
sind  die  Moralphilosophie  mit  Einschluss  des  Civilrechtes  und 
die  Theologie  mit  Einschluss  des  kanonischen  Rechtes,  welche 
beide  auf  die  höchsten,  absoluten  Zwecke  unseres  Erdendaseins 
sich  beziehen.^ 


^  ExpoBni  grosso  modo  scientias  octo  naturales,  de  quarum  natura  et  pro- 
prietatibus  et  aliarnm  scientiaram  composui  tractatum  de  metaphjsica, 
cujus  proprium  est  distinguere  omnes  scientias,  et  dare  rationem  univer- 
salem de  Omnibus,  quia  est  communis  omnibus  rebus  et  seien tiis  specia- 
libus,  et  in  omnes  suam  influit  potestatem.  Commun.  Natur.  I,  Pars  1. 
dist.  1,  c.  2. 

^  Specialiter  et  autonomatice  vocantur  practicae,  quae  considerant  opera 
Tirtutnm  et  vitü,  poenam  et  gloriam,  cnjusmodi  sunt  theologia  cum  jure 
canonico  et  moralis  philosophia  cum  suo  jure  civili.  Omnes  aliae  dicuntur 
speculativae  in  comparatione  istarum,  quia  opera  principalia,  quae  valent 
bominj,  sunt  ista  quae  ipsum  ordinant  in  vitam  aetemam  et  retrahunt  ab 
infemo.  Comp.  stud.  phil.,  c.  1. 


540  Werner. 

Den  tragenden  Unterbau  des  gesammten  Oebäades  der 
menschlichen  Realerkenntniss  constituiren  die  mathematischen 
Disciplinen,  welche  nicht  bloss  eine  unentbehrliche  Vorschule 
für  die  physikalischen  Wissenschaften  und  für  die  Metaphysik 
sind,  sondern  ein  Guttheil  derselben  bereits  in  sich  fassen,  und 
bestimmend  und  ergänzend  in  dieselben  hinübergreifen.  Baco 
arbeitete  ein  Volumen  verae  mathematicae  in  sechs  Büchern 
aus, '  von  welchen  vorläufig  das  erste  Buch,  die  Communia 
Mathematicae  enthaltend,  handschriftlich  aufgefunden  worden 
ist,^  und  manche  erwünschte  Ergänzung  zu  den  in  den  ge- 
druckten Werken  Baco's  enthaltenen  Bemerkungen  über  die 
mathematischen  Disciplinen  enthält.  Der  von  Baco  gewählte 
Titel  seines  Werkes  über  die  Mathematik  zeigt  eine  apologe- 
tische Tendenz  seiner  Arbeit  an;  sie  hat  die  Bestimmung,  die 
Würde  und  Unentbehrlichkeit  der  Mathematik  gegen  ihre  Ver- 
ächter zu  erhärten.  Denn  der  Teufel,  der  Urheber  der  schwarzen 
Kunst,  die  gleichfalls  eine  Mathematik,  aber  schlechtester  Art 
in  sich  fasst,^   hat  es  zu  Stande   gebracht,    dass   auch  die  den 

^  Charles  (Roger  Baco  p.  84  f.)  sieht  es  als  ein  Bestandstuck  des  au 
einer  Sammlong  mehrerer  Werke  bestehenden  Opus  tertinm  an.  Sowohl 
Charles  als  auch  Brewer  kennen  bloss  das  erste  Buch  jenes  Volainen 
verae  mathematicae.  Brewer  stiess  auf  dasselbe  erst  nach  VoUendang 
seiner  Druckausgabe  Baconischer  Werke,  und  hält  es  für  ein  Bestand- 
stück eines  von  Baco  unter  dem  Titel  Compendium  Philosophiae  geplanten 
encyklopädischen  Werkes  (siehe  Brewer  p.  L  sqq.).  Er  theilt  am  Schlntse 
der  Prolegomena  seiner  Textpublication  den  Eingang  jenes  Bestandstückes 
mit  (p.  C) ;  Charles  gibt  Textstücke  und  Auszüge  aus  dem  ersten  Bache 
des  Volumen  verae  mathematicae  (p.  361 — 368). 

3  Die  übrigen  fünf  Bücher  behandeln  laut  den  im  ersten  Buche  enthaltenen 
Angaben  (siehe  Charles  p.  363)  die  vier  mathematischen  Wissenschaften 
in  der  oben  schon  angegebenen  Aufeinanderfolge,  und  zwar  so,  da»  je 
ein  Buch  eine  der  vier  Disciplinen  umfasst,  mit  Ausnahme  der  Astronomie, 
welcher  zwei  Bücher,  das  vierte  und  fünfte,  gewidmet  sind. 

3  Mathematica  est  duplex  ....  Una  derivatur  a  {laOeat,  et  haec  est  pars 
philosophiae,  quae  in  nullo  potest  reprehendi.  Alia  derivatur  a  [lorrjsei 
vel  a  {iavxt;  vel  a  [lavTEta  secundum  Hieronjmum.  Et  haec  est  secnnd« 
species  artis  magicae,  quae  sunt  hae:  p-aviuij,  {laOrjjxaTtxiJ,  maleficinm, 
praestigfium,  sortilegium,  quarum  quaelibet  habet  species  multas.  Et  haec 
sola  damnatur  a  sanctis  et  philosophis  similiter,  non  alia  mathematica. 
Nam  haec  sola  in^ponit  necessitatem  libero  arbitrio  et  docet  homineni 
fingere  mores  suos  in  coelo,  et  de  omnibus  nititur  certum  dare  judidiun; 
et  haec  est  maledicta.  Op.  tert.,  c.  65. 


Di«  Pijohologie,  Erkenntniss-  and  Wiaseascbaftslehre  des  Roger  fiaeo.  541 

höchsten  und  edelsten  Zwecken  der  Wissenschaft  und  mensch- 
lichen Wohlfahrt  hilfreichst  dienende  ächte  Mathematik  in  ihrem 
Werthe  verkannt  und  mit  Missachtung  bei  Seite  geschoben  wird. 
Unter  den  vier  Disciplinen  der  mathematischen  Wissenschaft 
ist  die  Geometrie  zwar  die  mindeste;  allein  bereits  an  dieser 
lässt  sich  die  hohe  Bedeutung  der  mathematischen  Erkenntniss 
fiir  die  Lösung  der  höchsten  und  wichtigsten  Fragen  aller  gött- 
lichen und  menschlichen  Wissenschaft,  für  die  Förderung  der 
Cultur,  Wohlfahrt  und  Wohlordnung  der  menschlichen  Gesell- 
schaft schlagendst  aufzeigen.  Freilich  mischt  sich  in  Baco's 
Ueberzeugung  von  dem  hohen  Werthe  der  Geometrie  als  gei- 
stigen Bildungsmittels  das  Bedauern,  dass  zunächst  die  theore- 
tische Geometrie  unter  den  Lateinern  von  jeher  so  sehr  vernach- 
lässiget worden  sei.  Aber  er  hofft  von  der  Zukunft  Besseres, 
und  hat  aus  selbsteigener  Erfahrung  die  wirksame  Hilfe  er- 
probt, welche  ihm  das  geometrisch  geschulte  Denken  für  die 
Lösung  der  schwierigsten  kosmologischen  und  metaphysischen 
Fragen  leistete.  Mit  Hilfe  der  Geometrie  wurde  ihm  klar, 
dass  die  Actionskraft  eines  wirkenden  Dinges  aus  der  Materie 
desselben  educirt  werde ,  ^  dass  sie  von  einem  bestimmten 
Punkte  aus  geradlinig  nach  allen  Richtungen  ausstrahle,^  und 
ihre  intensivste  Wirkung  in  den  nicht  durch  Brechung  oder 
Reflexion  abgeschwächten  Strahlen  entfalte;  ^  mit  Hilfe  der  Geo- 
metrie vermochte  er  die  Falschheit  der  Annahme  einer  nume- 
rischen Einheit  der  Materie  alles  Geschaffenen  aufzuzeigen.^ 
Mit  Hilfe  der  Geometrie  machte  er  sich  die  potenziell  ins 
Unendliche  gehende  Theilbarkeit  des  Körperlichen^  und  die 
denknoth wendigen  Grundgestaltungen  desselben^  klar,  nicht 
minder  die  Lehren  von  der  Einheit  und  Begrenztheit  der  Welt;'' 
mit  Hilfe  der  Geometrie  ergab  sich  ihm  die  Unmöglichkeit 
eines    Vacuum    in    der    Natur  ^    und    die    Nothwendigkeit    des 

'  Probavi  certitudinaliter,  qaod  haec  virtus  educitar  de  potentia  materiae, 

sicut  aliae  res  natnraUter  generatae.  Op.  tert.,  c.  31. 
2  Op.  c,  c.  32. 
»  Op.  c,  c.  36. 

*  Op.  c,  c.  38. 

*  Op.  c,  c.  39. 

*  Op.  c,  c.  40. 
"  Op.  c,  c.  41. 

*  Op.  c,  c,  43. 


542  Werner. 

GebundenseinB  der  Bewegung  alles  Körperlichen  an  die  Zeit.  ^ 
Auch  die  Beantwortung  rein  metaphysischer  Fragen^  welche 
dem  Gebiete  der  Pneumatologie  angehören,  wie  jene  über  das 
Verhältniss  der  leiblosen  Geister  zu  Zeit  und  Raum,  fordert  ein 
mathematisch  gebildetes,  an  der  Geometrie  orientirtes  Denken. 
Nur  dieses  ist  weiter  befähiget,  die  in  der  Bibel  dargelegten 
Maassverhältnisse  der  Arche  Noä,  der  Stiftshütte,  des  Salomo- 
nischen,  Ezechielischen  und  nachexili sehen  Tempels  und  ins- 
gemein die  Symbolik  der  biblischen  Maass-  und  Zahlenver- 
hältnisse nach  ihrer  wahren  Bedeutung  zu  würdigen.^  Der 
Werth  und  Nutzen  der  praktischen  Geometrie  beweist  sich 
durch  ihre  Leistungen,  deren  Mehrung  und  Steigerung  von 
der  eifrigen  Pflege  dieses  Wissensfaches  abhängt  Sie  zer&Ut 
in  zwei  Theile,  deren  ersterem  Baco  alles  auf  die  geordnete 
Leitung  und  den  rationellen  Betrieb  privater  und  öffentlicher 
Gesellschaftsinteressen  Bezügliche  einordnet,  während  er  dem 
zweiten  Theile  die  Anfertigung  der  verschiedenen  mathema- 
tischen Instrumente  und  Geräthschaften  zuweist.  £r  nennt  den 
ersten  Theil  die  Lehre  von  der  Agricultur,  ^  wohin  er  die  Feld- 
messkunst, das  Planzeichnen  aller  Art,  die  Construction  von 
Modellen,  die  Anleitung  zur  Anfertigung  kunstreicher  Instru- 
mente und  Maschinen  behufs  Erzielung  ganz  aussergewöhnlicher 
Wirkungen  rechnet.  Baco  spricht  von  Fluginstrumenten,  von 
Vorrichtungen,  mittelst  welcher  Wagen  ohne  Zugthiere  mit 
unglaublicher  Schnelligkeit  fortgetrieben,  und  Schiffe  schneller 
als  mittelst  der  Ruder  fortbewegt  werden  können.  Um  nicht 
als  Phantast  oder  Grosssprecher  zu  erscheinen,  beruft  er  sich 
auf  thatsächliche  mit  Erfolg  ins  Werk  gesetzte  Versuche  solcher 
Art.^  Baco  sagt  uns  nicht,  ob  diese  Erfolge  ausschliesslich 
durch  mechanische  Constructionen,  oder  etwa  unter  nebenher- 
gehender Anwendung   des  Druckes   comprimirter  Luft  oder  in 


*  Op.  c,  c.  42. 

'  Nähere  Ausftihning  dessen  im  Op.  maj,,  p.  98  —  102. 

3  Geometriae  practicae  plarima  pars  pertinet  ad  scientiam  re^ndi  famili« 

et  civitates,  quae  vocatur  Ag^ricultnra Licet  Agricultura  deoo- 

minetur  ab  una  particulari  occupatione,  extendit  se  ad  ordinandum,  qw« 
pertinent  ad  regimen  doronum  et  civitatitm,  et  in  bis  mnlta  de  practicis 
Geometriae  requirit,  Ver.  Mathem.  I,  dist.  3.  Siehe  Charles  p.  366  f. 

*  Haec  facta  sunt  in  diebus  nostris,  ne  aliquis  subrideat  aut  obstnpescat  l.  c 


Di«  Psychologie,  Erkeantniss-  und  Wiisensehafkslehro  des  Boger  Baco.  543 

Dunst  verwandelten  Wassers  erzielt  worden  seien;  auch  lässt 
er  uns  im  Ungewissen  darüber,  ob  er  nicht  etwa  bloss  embryo- 
nische Versuche  im  Kleinen  meine,  welche  in  ihm  und  seinen 
Freunden  die  freudige  Hoffnung  erweckten,  dass  dergleichen 
dereinst  auch  im  Grossen  gelingen  werde.  Er  spricht  femer 
von  Vorrichtungen,  mittelst  welcher  schwerste  Insten  durch 
eine  geringste  Kraftanwendung  in  die  Höhe  gehoben  werden 
könnten;  diess  würde  eben  nicht  überraschen,  wenn  er  nicht 
zugleich  auch  beifügte,  dass  der  Mensch  mittelst  solcher  Vor- 
kehrungen sich  selbst  in  die  Höhe  heben,  aus  einem  Kerker 
befreien,  aus  Höhen  beliebig  sich  herablassen  könne.  ^  Dass 
Baco  auch  an  Kriegsmaschinen  denkt,  ist  selbstverständlich; 
er  bleibt  indess  hier  nicht  bei  Werken  der  mechanischen  Kunst 
stehen,  sondern  zieht  auch  die  von  der  Ars  perspectiva  ge- 
botenen Mittel  herbei.^  Durch  Sti*ahlenbrechung  und  Strahlen- 
reflexion kann  das  Bild  eines  Gegenstandes  vervielfältiget 
werden;  dieses  Mittels  könne  man  sich  zur  Täuschung  und 
Erschreckung  des  Feindes  bedienen;  dasselbe  Mittel  könne 
zur  Ausforschung  des  fremden  Kriegslagers,  der  Bewegungen 
und  Unternehmungen  des  Feindes  verwendet  werden,  wie  Julius 
Cäsar  an  der  gallischen  Küste  mittelst  riesiger  Spiegel  die 
Lage  der  Städte  und  die  kriegerischen  Dispositionen  seiner 
Feinde  auf  der  britischen  Küste  beobachtet  haben  soU.^ 


^  Cetenun  —  fOgt  er  bei  —  docet  artem  trahendi  omne  resistens  ad  quem- 
cnnqae  locam  volumus  in  piano,  ita  quod  nnus  homo  trahit  mlUe  contra 
sensam  eoram  et  consimiliai  quae  etiam  nostris  temporibus  sunt  peracta. 
Fast  wörtlich  dasselbe,  wie  das  im  Vorausgehenden  aus  dem  Vol.  ver. 
Matbem.  Ausgehobene  findet  sich  in  der  von  Baco  dem  Pariser  Bischof 
Wilhelm  yon  Auvergne  gewidmeten  Schrift  de  secretis  operibus  artis  et 
naturae  c.  4,  woselbst  auch  von  der  Möglichkeit,  auf  dem  Wasser  zu 
gehen  und  sich  ungefährdet  auf  den  Grund  des  Meeres  hinabzulassen,  die 
Rede  ist.  Alezander  der  Grosse  habe  durch  Leute,  welche  mit  den  nöthigen 
Vorrichtungen  hiezu  versehen  waren,  den  Meeresgrund  erforschen  lassen; 
auch  heute  zu  Tage  werde  dergleichen  versucht,  wie  er  sicher  erfahren 
habe.  Nur  die  Flugmaschine  habe  er  nicht  gesehen,  und  kenne  auch 
niemand,  der  sie  gesehen  hätte,  wohl  aber  einen  Naturkundigen,  der  ihre 
Construction  ausgedacht  habe. 

^  Op.  maj.,  p.  269;  8ecret.  op.  nat,  c.  5. 

3  Baco  vergisst  natürlich  niclit  auf  die  Brennspiegel  des  Archimedes.  Von 
Socrates  weiss  er  nach  glaubhaften  Erzählungen,   dass  derselbe  mittelst 


544  W«rn«r. 

Wie  die  Geometrie  die  unterste,  so  ist  die  Astronomie 
die  oberste  der  mathematischen  Disciplinen.  In  die  Astronomie 
als  Himmelskunde  wird  von  Baco  auch  die  astronomische  Erd- 
kunde und  die  Zeitkunde  einbezogen;  er  unterscheidet  ferner 
zwischen  mathematischer  und  physikalischer  Astronomie^  so 
dass  die  Astronomie  ein  integrirendes  Glied  sowohl  der  mathe- 
matischen als  auch  der  physikalischen  Wissenschaften  bildet 
Die  mathematische  Astronomie  zerfällt  ihm  in  die  theoretische 
und  praktische  Astronomie ;  die  physikalische  Astronomie  fuhrt 
er  unter  dem  Titel  Astronomia  judiciaria  ein.  Die  Aufgabe 
der  theoretischen  Astronomie  *  ist,  die  Zahl  und  Gestalt  der 
Himmelskreise  und  Sterne  festzustellen,  ihre  Grössen,  Ent- 
fernungen von  der  Erde  und  Dichtigkeiten  zu  bestimmen,  Auf- 
und  Niedergang,  Bewegungen  und  Eklipsen  der  Gestirne  genau 
anzugeben,  die  Grösse  und  Gestaltung  der  Erde  zu  bestimmen, 
die  durch  ihr  Verhältniss  zur  Himmelswelt  bedingten  klima- 
tischen Unterschiede  der  Erdoberfläche,  und  die  durch  dasselbe 
Verhältniss  bedingten  irdischen  Zeiten  auseinander  zu  setzen. 
Der  praktischen  Astronomie  gehört  die  Anleitung  zur  Ver- 
fertigung der  für  die  Functionen  der  theoretischen  Astronomie 
nöthigen  Instrumente,  die  Anfertigung  der  astronomischen  Tafeln 
und  Verzeichnisse,  die  Kenntniss  der  Regeln  der  astronomischen 
Praxis  an.  Die  Astronomia  judiciaria^  erforscht  die  natürlichen 
Kräfte  der  Himmelskreise  und  Gestirne,  und  deren  Einwirkungen 
auf  die  tellurische  Welt;  soweit  sie  zu  einer  praktischen  Ver- 
werthung  der  Kenntniss  dieser  Einflüsse  anleitet,  heisst  sie 
Astronomia  operativa,  die  in  ihrer  Weise  eben  so  hochbedeut- 
sam ist,  als  die  praktische  Geometrie  in  ihrer  Anleitung  zu 
sinnreichen  und  Staunen  erregenden  Erfindungen.  Baco  hebt 
zuvörderst  die  Würde  und  Hoheit  der  astronomischen  Wissen- 
schaft im  Allgemeinen  hervor,  und  sucht  sodann  die  Noth- 
wendigkeit  und  hohe  Wichtigkeit  ihrer  einzelnen  Abtheilungen 
zu  erweisen.  Er  fordert  die  Werthschätzung  der  Astronomie 
im  Namen  der  christlichen  Religiosität,  welche  die  menschlichen 


optischer  Vorkehmngen  eiDen  in  Klüften  yerborgenen  DracheOi  deMen 
Pesthaiich  Thiere  und  Menschen  tödtete,  entdeckt  habe. 

»  Op.  tert,  c.  30. 

2  Commun.  Natur.  I,  Pars  1,  dist.  1,  c.  2. 


Die  PsTChologie,  ErkenntaiM-  und  Wiisenscliaftolehre  des  Boger  Baco.  545 

Gedanken  himmelwärts  zu  erheben  gebietet,  *  und  die  himmli- 
schen Regionen  als  die  wahre  Heimat  der  Seele  ansehen  lehrt. 
Er  fordert  sie  ferner  im  Interesse  der  philosophischen  und  der 
christlichen  ErkenntnisS;  da  die  irdischen  Dinge  aus  dem  himm- 
lischen verstanden  werden  müssen;^  und  die  Qrösse  Gottes 
erst  in  der  Erkenntniss  des  Sternhimmels  sich  unseren  Ge- 
danken vollkommen  erschliesst.  Mit  Recht  sage  Avicenna; 
dass  dasjenige,  was  unter  der  Mondsphäre  sich  befindet,  im 
Vergleiche  mit  dem,  was  oberhalb  derselben  ist,  wie  zu  einem 
Nichts  zusammenschwinde.  Die  Erde  ist  das  Centrum,  der 
Himmel  die  Peripherie ;  die  vom  Centrum  nach  der  Peripherie 
gezogenen  Linien  gehen  um  so  weiter  auseinander,  je  weiter 
die  Peripherie  vom  Centrum  entfernt  ist;  daraus  mag  auf  die 
Weite  des  unermesslich  hohen  Himmels,  dessen  Umkreis  von 
einem  Fixsterne  trotz  dessen  unglaublicher  Schnelligkeit  erst 
in  sechsunddreissigtausend  Jahren  durchmessen  wird,  so  wie 
auf  das  Verhältniss  des  Raumumfanges  der  aus  den  Himmel  s- 
sphären  uns  leuchtenden  Sterne  zu  jenem  der  Erde  geschlossen 
werden.  ^  Ohne  astronomische  Kenntniss  muss  das  Verständniss 
der  Bibel  mangelhaft  bleiben,  welche  so  vielfach  Gegenstände 
der  Himmelskunde  und  der  mit  ihr  aufs  engste  zusammen- 
hängenden astronomischen  Erd-  und  Ortskunde  berührt.  ^    Die 


*  Op.  maj.,  p.  84. 

'  Bnplex  enim  allatio  solis  sub  obLiquo  circuLo  cum  aspectibns  planetamm 
est  caasa  omninmi  quae  fiunt  bic  inferius.  1.  c. 

'  Minima  stellaram  visu  notabilium,  ut  dicit  Alfraganns  in  principio  Libri 
sai,  est  major  terra  ....  Et  cum  ex  8  ALmag.  et  ex  Alfragano  pateant 
sex  Stellarum  fixarum  mag^itudines,  quaelibet  iLlamm,  quae  sunt  in  prima 
magnitudine,  est  aequalis  terrae  circiter  centies  et  septles.  Et  iUarum 
quaelibet,  quae  sunt  in  sexta  magnitudine,  est  aequalis  terrae  decies  octies. 
Et  sol  est  centies  septuagies  fere  major  tota  terra,  sicut  probat  Ptolo- 

» 

maeus  qninto  Almagesti.  1.  c. 
^  Auf  die  astronomische  Erdkunde  legt  Baco  das  allergrösste  Gewicht: 
Forte  nihil  utilius  de  philosophia  poterit  inveniri,  quoniam  qui  ignorat 
loca  mundi,  ei  multoties  non  sapit  cortex  bistoriae  per  infinita  loca 
et  mazime  propter  falsitatem  multiplicem  bibliarum  novarum;  atqne  per 
consequens  ad  intellectus  spirituales  impeditnr  ascendere  et  nonnisi  im- 
perfecte  poterit  eos  explicare.  Qai  vero  imaginationem  bonam  locorum 
habuerit,  et  situm  eorum  et  distantiam  et  altitudiuem  et  longitudinem, 
latitudinem  et  profundum  cognoverit,  nee  non  diversitatem  eorum  in  cali- 
ditate   et  siccitate,   frigiditate   et  humiditate,   calore  et  sapore,  odore  et 


546  Warner. 

biblische  Zeitenkunde  und  der  kirchliche  Festkalender  ist  ganz 
und  gar  auf  mathematische  Astronomie  gegründet  Die  mit 
der  astronomischen  Erdkunde  aufs  engste  zusammenhängende 
Länder-  und  Völkerkunde  dient  den  allerwichtigsten  praktischeo 
Interessen  der  Kirche.  *  Nicht  minder  aber  als  Religion,  Theo- 
logie und  Kirche  sind  die  weltlichen  Wissenschaften  an  der 
Pflege  der  Astronomie  interessirt,  und  von  derselben  abhängig; 
es  gibt  keine  Naturwissenschaft  ohne  astronomische  Begründung. 
Diess  gilt  speciell  von  der  Medizin,  welche  die  mathematische 
und  physikalische  Astronomie  zu  ihrer  unentbehrlichen  Voraus- 
setzung und  Unterlage  hat,^  so  dass,  wie  die  geistige  Wohl- 
fahrt der  menschlichen  Gesellschaft  und  das  Heil  der  Kirche, 
so  auch  das  Heil  der  Leiber  durch  den  Betrieb  der  Astronomie 
bedingt  ist. 

Die  innige  Verwachsenheit  der  Astronomie  mit  der  Ge- 
sammtheit  der  physikalischen  Wissenschaften  leitet  uub  von 
selber  auf  das  Gebiet  der  letzteren  hinüber,  welche  Baco  in 
Gemässheit  des  von  ihm  aufgefassten  Zusammenhanges  der- 
selben also  aufeinander  folgen  lässt:^  Perspectiva,  Astronomia 
judiciaria  et  operativa,  Scientia  ponderum,  Alchymia,  Agricultunu 
Medicina,  Scientia  experimentalis.  Baco  beklagt,  dass  in  den 
gemeinhin  benützten  naturwissenschaftlichen  Werken  des  Aristo- 
teles sich  so  Weniges  über  die  speciellen  Zweige  der  Naturwissen- 
schaft finde.^   Von  den  physikalischen  Special  Schriften  seien  nur 


pulchritndine,  turpitudine,  amoenitate,  fertilitate,  sterilitato  et  aliis  con- 
ditionibus  expertus  fuerit,  et  optiine  placebit  ei  historia  literalis,  et  de 
faciLi  atque  magnifice  potent  ingredi  ad  intelLigentiam  senBUum  spiritualimn. 
Non  enim  est  dubium,  quin  viae  corporales  significent  vias  spiritoales,  et 
loca  corporalia  significent  terminoB  viarum  spiritualium  et  convenientiain 
locomm  spiritnalium,  quoniam  locus  habet  proprietatem  terminaiidl  motom 
localem  et  rationem  continentiae.  Op.  c,  p.  85. 

^  Und  zwar:  Propter  infidelium  conversionem  et  propter  negotta  diversa 
cum  diversitate  gentium  tractanda  ac  propter  ntilitates  ecclesiae  contra 
furorem  Antichrlsti  et  eorum,  qui  tempora  ejus  prae venire  creduntur. 
Op.  maj.,  p.  14d. 

3  Medici  hujus  temporis  pauci'  sciunt  astronomiam,  et  ideo  nee  aoctores 
suos  multi  intelligunt  nee  possunt  intelligere,  et  ideo  negligunt  meliorem 
partem  medicinae.  Op.  c,  p.  118. 

3  Commun.  Natur.  I,  Pars  1,  dist.  1,  c.  2. 

*  Omnia  sunt  communia,  quae  determinat  in  libris  naturalibus  Tnlgatla, 
quum  ul  notuDi  est  omnibus,  de  communibus  naturalium  tractat  in  libro 


Die  Psychologie,  ErkenntuisB-  nnd  WissenBchafUlehre  des  Roger  Baco.  547 

einzelne  im  lateinischen  Abendlande  bekannt^  und  eine  der- 
selben, nämlich  jene  de  impressionibus/  bloss  dem  Namen  nach; 
die  uns  überlieferten  Schriften  des  Aristoteles  lassen  somit  eine 
empfindliche  Lücke  in  Bezug  auf  den  wichtigsten  Theil  der 
speciellen  Naturlehre  fühlen,  als  welchen  Baco,  wie  wir  bereits 
wissen,  die  Astronomia  judiciaria  ansieht.  ^  Dieser  muss  jedoch 
als  erste  Abtheilung  der  speciellen  Physik  die  Perspectiva  vor- 
ausgehen, weil  wir  die  Unterschiede  der  Dinge  durch  den 
Gesichtssinn  wahrnehmen,  imd  auf  die  durch  das  Gesicht  wahr- 
genommenen Unterscheidungen  der  Dinge  alle  weiteren  spe- 
ciellen Erkenntnisse  der  Natur  gebaut  sind.  Da  die  ersten 
Differenzen  der  sichtbaren  Dinge  in  der  Gestirnwelt  sich  aufthun, 
und  durch  die  Gestirnwelt  alle  Mannigfaltigkeiten  der  irdischen 
Dinge  causirt  sind,  so  hat  auf  die  Perspectiva  selbstverständlich 
die  physikalische  Astronomie  zu  folgen,  auf  diese  aber  die  Lehre 
von  den  Elementen,  in  welcher  sich  die  Grunddifferenzen  der 
sublunarischen  Welt  aufthun,  und  welche  zufolge  der  in  den 
Elementen  grundhaft  hervortretenden  Unterschiede  des  Schweren 
und   des  Leichten   zur  Scientia   de   ponderibus  sich  gestaltet.  ^ 


Physlcomm,  et  de  principüs  et  motu,  et  infinito  et  loco  et  vacno  et 
tempore  et  de  aliis  similibus;  atque  in  aliis  omnibiis  libris  fere  in  sua 
philosophia  vnlgata  tradit  et  commnnia  ....  Et  praeterea  etiam  adhuc 
qnaedam  necessaria,  quae  communia  sunt,  tractantur  imperfecte.  1.  c. 

^  Baco  weiss  von  dieser  Schrift  nur  aus  Averroes  (2^°  rerum  mundi)  so  wie  aus 
dem  Liber  novem  judiciorum  und  ein  paar  anderen  Gewährsmännern.  1.  c. 

^  Ueber  diese  sei  in  den  libris  vulgatis  des  Aristoteles  nichts  zu  finden: 
Nihil  docet  in  particulari  de  naturis  substantialibus  coelorum  et  stellarum, 
neque  de  Tirtutibus,  quibus  agunt  in  haec  inferiora.  Wir  seien  indess  für 
diesen  Mangel  entschädiget  durch  andere  Schriften,  unter  welchen  Baco 
den  Liber  pulchromm  judiciorum  rühmend  hervorhebt. 

'  Unter  den  Gewährsmännern  für  diese  Abtheilung  der  speciellen  Physik 
hebt  Baco  den  Euklid  und  Thebit,  einen  zum  Christenthum  bekehrten  Juden 
des  zwölften  Jahrhunderts  hervor,  der  ihm  im  Opus  maj.  p.  186  auch  als 
classischer  Vertreter  der  Astronomia  judiciaria  gilt,  und  daselbst  als  der 
bedeutendste  christliche  Gelehrte  (inter  omnes  christianos  summus  philo- 
sophus)  gepriesen  wird.  Als  Schriften  desselben  werden  angeführt:  De 
significatione  planetarum.  De  capite  et  cauda  Draconis.  De  motu  octavae 
sphaerae.  Demonstrationes  in  Almagestum.  Additiones  in  sphaeram  Me- 
nelai.  De  difinitionibus.  De  imaginibus.  De  magia  natural!.  Schon  die 
Titel  dieser  Schriften  zeigen  an,  dass  er  unter  die  von  Baco  vorzugs- 
weise benützten  Autoren  gehörte. 
SitEungsber.  d.  phil.-hist.  Ol.  XCIII.  Bd.  IH.  Hft.  36 


548  Werner. 

An  die  Lehre  von  den  Elementarkörpem  schliesst  sich  die 
Lehre  von  den  aus  ihnen  zusammengesetzten  unbeseelten  und 
beseelten  tellurischen  Gebilden  an.  Die  Lehre  von  den  on- 
beseelten  tellurischen  Gebilden  heisst  Älchymie;  Au%sbe  der- 
selben ist^  alle  denkbaren  elementaren  Zusammensetzungen  der 
tellurischen  Stofflichkeit  kennen  zu  lernen,  deren  es  hundert- 
funfund vierzig  gibt;  femer  die  Erzeugung  der  Humores,  Spi- 
ritus und  festen  Gebilde^  auch  jene  der  pflanzlichen  und  ani- 
malischen Körper  miteingerechnet.  >  Aristoteles  behandelt  die 
Älchymie  zwar  nicht  in  den  libris  vulgatis  seiner  Naturlehre; 
er  hat  ihr  aber  mehrere  Specialschriften  gewidmet,  unter  welche 
seine  Schrift  de  rebus  inanimalis  und  sein  Liber  secretorum 
gehören.  Der  Älchymie  reiht  Baco  die  Agricultura  als  physi- 
kalische Speciallehre  vom  Irdisch-Lebendigen:  Pflanzen  und 
Thieren  an;  er  glaubt  nämlich  den  gesammten  Specialinfaalt 
der  Botanik  und  Zoologie  mit  Beziehung  auf  die  vierfache  £in- 
theilung  des  Erdreiches  in  Feldgründe,  Waldgründe,  Weide-  and 
Wüstenland,  Gartengründe  erschöpfend  behandeln  zu  können, 
und  setzt  die  specielle  Botanik  und  Zoologie  als  praktische 
Wissenschaft  der  generellen  Behandlung  beider  entgegen.  Die 
generelle  Lehre  sei  in  dem  im  lateinischen  Abendlande  be- 
kannten aristotelischen  Werke  de  plantis  et  animalibus  enthal- 
ten, sei  aber  jedenfalls  ungenügend;  das  aristotelische  Special- 
werk über  die  Thierkunde  in  fünfzig  Büchern  fehle  gegen^värtig. 
auf  die  specielle  Botanik  scheine  er  sich  überhaupt  nicht  ein- 
gelassen zu  haben.  Wir  seien  indess  in  dieser  Hinsicht  durch 
die  Naturgeschichte  des  Plinius  und  das  Werk  des  Palladius 
de  Agricultura  entschädiget.  Wie  die  specielle  Biologie  ins- 
gemein, so  wird  im  Besonderen  auch  die  anthropologische  Bio- 
logie von  Baco  als  vornehmlich  praktische  Disciplin  und  Wissen- 
schaft aufgefasst  und  behandelt;  diess  ist  die  Medicin.^ 


1  MediciniL  mirabilis,  quae  docet  mandare  metalla  viliora,  ut  fiat  »uram, 
argentam,  extrahitor  de  spiritn  occultato  in  parttboa  animalinm  et  plan- 
tarum,  praecipue  hominam,  sicnt  Aristoteles  et  Avicenna  edocent  vehe- 
menter. Commun.  Natur.  I,  Pars  1,  dist  1,  c.  2.  —  Ein  Bruchstück  der 
alchymistischen  Lehre  Baco's  in  seinem  unvollständig  edirten  Op.  minns: 
Bacon.  Op.  ed.  Brewer  p.  375-389. 

2  Septima  scientia  est  de  anima  rationali,  seil,  de  homine,  et  praecipue  de 
sanitate   et  infirmitate  ejus,   et  ideo  de  ejus  compositione  et  generatione 


Die  Psfchologief  Erkenntniss-  und  VfissenBchaftolehre  des  Roger  Baco.  549 

Die  letzte  der  naturwissenschaftlichen  Specialdisciplinen  ist 
die  Scientia  experimentalis;  in  welcher  die  gesanimte  Naturweisheit 
gipfelt^  indem  sie  nicht  nur  die  Wahrheit  aller  übrigen  Disciplinen 
der  Naturwissenschaft  auf  die  für  den  Verstand  des  Zeitmenschen 
überzeugendste  Art  nachweist  und  erhärtet,  sondern  auch  die 
höchsten  praktischen  Erfolge  derselben  erzielen  lehrt.  <  Sie  wird 
in  ihren  höchsten  Strebungen  und  Erfolgen  gleich  der  Astronomia 
judiciaria  durch  sich  selber  zur  Oeheimwissenschaft,  da  der  ge- 
meine Haufen  sie  nur  anzustaunen,  aber  nicht  zu  fassen  ver- 
mag, 2  und  sie  entweder  aus  Vorurtheil  anfeindet  oder  umgekehrt 
hin  und  wider  auch  in  verruchter  Gottlosigkeit  zu  missbrauchen 
geneigt  sein  dürfte. 

Die  dem  Vorurtheile  des  Unverstandes  so  wie  der  Gefahr 
eines  gottlosen  Missbrauches  ausgesetzten  Qeheimwissenschaften 
sind  die  Astrologie  als  Astronomia  operativa  und  die  Magie. 
Den  Verächtern  der  Magie  gibt  Baco  zunächst  zu  bedenken, 
dass  eine  geschickte  Benützung  der  Kräfte  und  Eigenschaften 
bestimmter  Stoffe  und  Körper  Wirkungen  zu  erzielen  vermöge, 
die  allbekannt  sind,  und  von  niemand  in  Zweifel  gezogen 
werden;  sie  werden  freilich  nicht  durch  Magie  zu  Stande  ge- 
bracht, sondern  verdanken  einem  glücklichen  oder  ingeniösen 
Finden  ihr  Dasein,  sind  aber  in  ihrer  Art  so  überraschend, 
dass  sie  demjenigen,  der  nie  von  ihnen  hörte,  unglaublich 
dünken  möchten.  Baco  führt  das  griechische  Feuer,  den  Pulver- 
knall und  anderes  Aehnliche  als  Beispiel  an,  und  meint,  dass 
bereits  Gedeon^  in  seinem  Kampfe  gegen  die  Midianiter  explo- 
dirende  Angriffswaffen  verwendet  haben  möge.  ^   Er  weist  weiter 


illins,  sine  quibos  sanitas  et  infinnitas  ejas  non  possnnt  intelUgi  nee  do- 
ceri.  Constat  vero  qnod  homo  est  res  naturalis,  et  ideo  scientia  de  ejus 
natural!  bus  constituta  inter  naturales  erit  comprehensa.  1.  c. 

^  Abriss  der  Scientia  experimentalis  in  Op.  maj.,  p.  336 — 360. 

3  Specnlativae  scientiae  tradi  possunt  cnilibet,  ut  grammatica  secundum 
quatuor  artes  ...  et  log^ca  et  naturalis  philosophia  vulgata  et  metha^ 
physica  et  scientia  alchymiae  speculativa  et  quatuor  mathematicae  specn- 
lativae et  perspectiva  speculativa  et  naturalis  philosophia  et  multae  aliae ; 
sed  ubi  sunt  arcana  naturae  et  artium  magnalia,  non  deberent  tradi  multi- 
tudini,  quae  nescit  uti  talibus,  sed  magis  omnia  pervertit.  Op.  tert.,  c.  17. 
VgL  auch  Secret.  op.  nat.,  c.  8. 

3  Vgl.  Rieht.  7,  19. 

*  Secr.  op.  nat.,  c.  6. 

36» 


550  Werner. 

auf  verschiedene   Analoga   magischer  Wirkungen  hin^   welche 
sich   in   den  Eigenschaften   und  Wirkungsweisen  von  Pflanzen 
und  Thiereu;  ja  auch  des  Menschenkörpers  finden.     Aristoteles 
erwähne,  dass  die  Früchte   weiblicher  Palmen  durch  den  Duft 
der  männlichen  Palmen  zur  Reife  gebracht  würden;  nach  Solinus 
sei  der  Hund,  auf  welchen  der  Schatten  einer  Hyäne  fallt,  am 
Bellen  verhindert;   ein  Basilisk  vermöge   durch  seinen  blossen 
Blick  zu  tödten  u.  s.  w.   Vieles  Andere  ungleich  Wunderbarere 
werde  im  Liber  Secretorum  mitgetheilt.     In  seinem  Buche  de 
Somno  et  vigilia  sage  Aristoteles,  dass  ein  menstruirendes  Weib 
durch  seinen  Blick  den  Spiegel  inficire  imd  in  demselben  eine 
blutigrothe  Wolke  erscheinen  mache;  in  Scythien  gibt  es  nach 
Solinus  Frauen,  welche  in  einem  Auge  zwei  Pupillen  haben,  und 
im  Zorne  tödtende  Blicke  versenden.  Wir  wissen  aus  Erfahrung, 
dass  gewisse  Krankheiten  contagiös   sind,   und   umgekehrt  ge- 
sunde wohlcomplexionirte  Menschen  jüngeren  Alters  auf  andere 
Menschen  einen  nicht  bloss  seelisch  erquickenden  sondern  auch 
leiblich   stärkenden  Eindruck  machen.     Schlechtcomplexionirte 
oder   mit  gewissen  Krankheiten  behaftete  Menschen  vermögen 
durch  die  Energie  eines  boshaften  Willens  die  von  ihnen  gehassten 
Menschen  zu  inficiren.    Es  gibt  also  verborgene  Ausströmungen 
des   Körpers,   deren    Wirkung   durch   die   Macht  des   Willens 
gesteigert  werden  kann.    Damit  werden  nun  auch  gewisse  durch 
das  menschliche  Wort   erzeugte  Machtwirkungen  denkbar  und 
glaublich,  welche  aber,   wie  Baco  ausdrücklich  hervorhebt,  als 
rein  natürliche  Wirkungen  anzusehen  sind.  *     Wie  der  Mensch 
zufolge  der  Unterordnung  der  natürlichen  Wirkungskräfte  seines 
Wesens  unter  den  Willen  seiner  Seele  durch  die  Macht  seines 
Wortes  geheimnissvolle  Wirkungen  zu  setzen  vermag,  die  aber 
ganz  natürlicher  Art  sind,    so  vermag  der  Kundige,    der  einen 
tieferen   Blick   in   die   verborgenen   Kräfte  der  Natur   gethan^ 
dieselben  zu  Wirkungsweisen  zu  veranlassen,   welche   der  ge- 
meine Haufen  als  Zauberei  verschreit  und   ungläubige  Spötter 
als  Trug  und  Täuschung  beargwöhnen.  Der  Magnet  beweist,  dass 
es   sympathische  Wechselbeziehungen   der  Kräfte   und  Körper 
gebe;  wer  diese  erforscht  hat,  dürfte  wohl  auch  die  Verwandlung 

^  Non  immerito  dicitnr,  qnod  tox  magnam  habet  virtutem  (siehe  oben 
S.  620);  non  quia  Ulam  habeat  virtutem,  quam  magici  fing^nnt  .  .  .  .  sed 
secandum  quod  natura  ordinavit.  Op.  c,  c.  3. 


Die  Psychologie,  Erkenntnies-  and  WissenBchaftolebre  de«  Roger  Baco.  551 

unedler  Metalle  in  edle  zu  Stande  bringen.  Hirsche,  Adler, 
Schlangen  und  andere  Thiere  vermögen  durch  die  Kräfte  ge> 
wisser  Kräuter  und  Steine  sich  zu  verjüngen;  was  im  Vermögen 
der  ihrer  nach  sterblichen  Thiere  liegt,  kann  dem  Menschen, 
welchem  in  seinem  Anfangsstadium  das  Posse  non  mori  zukam, 
nicht  versagt  sein.  Es  handelt  sich  eben  nur  darum,  die  verbor- 
genen Heilskräfte  der  Natur  kennen  zu  lernen,  aus  welchen  das 
Lebensverlängerungselixir  zu  bereiten  wäre;  Arteiius,  welcher 
die  verborgenen  Kräfte  der  Thiere,  Pflanzen  und  Steine  erforscht 
hatte,  brauchte  es  zu  einem  Alter  über  tausend  Jahre.  Baco 
spricht  von  einer  Lebenstinctur, '  deren  Bereitung  schon  im 
Alterthum  angestrebt  wurde, '^  und  seither  wirklich  entdeckt 
worden  zu  sein  scheine.^ 

Die  verborgenen  Kräfte  der  Erdstoffe  werden  durch  die 
Einflüsse  der  Gestirne  auf  die  Erdwelt  erzeugt;  demzufolge  leitet 
die  Magie  durch  sich  selbst  auf  die  physikalische  Astronomie 
zurück,  deren  fundamentale  Bedeutung  für  die  physikalische 
Wissenschaft  wir  Baco  schon  oben  hervorheben  hörten.  Wie 
die  Gestirne  jene  verborgenen  Kräfte  des  Erdstoffes  erzeugen, 
deren  Wirksamkeiten  den  Operationen  des  Alchymisten  dienstbar 
werden  und  der  Ars  medica  die  heilskräftigsten  Media  darbieten, 
so  wirken  sie  auch  unmittelbar  auf  den  Menschen  selber  ein,  und 
beeinflussen  die  physische  und  psychische  Constitution  desselben, 
daher  die  Kenntniss  und  Beurtheilung  der  siderischen  Einflüsse 
auf  den  Menschen  nicht  bloss  für  die  Arzneikunde  sondern  für 
die  Menschenkunde  in  universellstem  Sinne  von  höchstem  und 


^  Vgl.  über  das  Lebenselixir  und  die  Goldmacherkunst  Op.  minus  (Op. 
ed.  Brewer)  p.  313  ff. 

^  Er  reproducirt  (Secr.  op.  nat.,  c.  7)  die  ErzShlung  des  Plinius  Hist. 
Nat.  XXII,  24  (53)  über  PoLIio  Bomilus,  der  gleich  Anderen  durch  den  Ge- 
brauch gewisser  Mittel  sein  Leben  aussergewöhnlich  verlfingert  haben  soll. 

3  Rusticus  effodiens  in  campis  cum  aratro  invenit  vas  aurum  cum  liquore, 
et  existimans  rorem  coeli  lavit  faciem  et  bibit;  et  spiritu  et  corpore  et 
bonitate  sapientiae  renoyatus  de  bubulco  factns  est  bajulus  regis  Siciliae, 
quod  accidit  tempore  regis  Wilhelmi.  Et  probatum  est  testimonio  literarum 
papalium,  quod  Almannus  quidam  captivus  inter  Saracenos  recepit  medi- 
cinam,  qua  nsqne  ad  quingentos  annos  yitam  suam  prolongarit.  Domina 
de  Nemore  in  Britania  majori  quaerens  cervam  albam  invenit  ungueutum, 
quo  custos  nemoris  se  perunxerat  in  toto  corpore  praeterquam  in  plantis ; 
yixit  trecentis  annis  sine  corruptione  exceptis  pedum  passionibus.  1,  c. 


552  Werner. 

umfassendsten  Belange  ist.  Aus  der  richtig  aufgefassten  und  be- 
urtheilten  Wirkung  der  siderischen  Einflüsse  auf  den  Menschen 
lässt  sich  mit  psychologischer  Wahrscheinlichkeit  die  Handlungs- 
weise des  Menschen  wenigstens  im  Ganzen  und  Allgemeinen 
vorausbestimmen.  Sofern  die  solcher  Art  vorausbestimmten 
Handlungsweisen  gewisser  Menschen  zufolge  der  einflussreichen 
und  hervorragenden  Stellung  derselben  von  weitergreifender 
Bedeutung  sind,  lassen  sich  weiter  auch  Schlüsse  auf  muth- 
maasslich  bevorstehende  Ereignisse  in  der  Geschichte  der  Völker, 
Länder  und  Reiche  ziehen;  ja  die  Gesammtgestaltung  des  mensch- 
lichen Zeitdaseins  kann  unter  das  Richtmaass  einer  derartigen, 
auf  höchste  kosmische  Influenzen  recurrirenden  Betrachtungs- 
weise gestellt  werden.  ^  Man  hat  diese  als  irreligiösen  und  frei- 
heitsmörderischen Fatalismus  zu  brandmarken  versucht;  dieses 
Verdammungsurtheil  beruht  indess  auf  Missverstand  und  Un- 
kunde  der  wahren  Beschaffenheit  der  Astronomia  judiciai*ia. 
Schon  Augustinus  hat  der  Gestirnkunde  das  Vermögen,  über 
Gegenwärtiges,  Vergangenes  und  Zukünftiges  zu  informiren, 
zuerkannt.^  Die  classischen  Vertreter  der  Astronomia  judiciana 
aber  verwahren  sich  ausdrücklich  dagegen,  dass  sie  mit  unfehl- 
barer Gewissheit  alle  irdischen  Vorgänge  im  Besonderen  und 
Einzelnen  aus  ihrer  Wissenschaft  zu  erklären  gedächten.  Ptolo- 
mäus  sagt  im  Eingange  seines  Centilogiums  ausdrücklich,  dass 
die  Judicia  astronomica  in  dieser  Richtung  nur  in  ganz  all- 
gemeiner Weise  zu  verstehen  seien,  und  die  Mitte  zwischen 
dem  Nothwendigen  und  Unmöglichen  einhalten.    Sein  Commen- 


»  Op.  maj.,  p.  112—126. 

2  Vgl.  Augufltin.  doctr.  christ.  II,  c.  29,  n.  46.  Die  bezüglichen  Worte 
Angüstins  lassen  indess  nicht  zn,  ihren  Sinn  in  der  von  Baco  versuchten 
Art  zu  erweitem  und  zu  verallgemeinern.  Augustinus  spricht  bloss  von 
der  Sicherheit  der  astronomischen  Daten,  aus  welchen  sich  einstmals 
gewesene  und  zukünftige  Facta  rein  astronomischer  Natur  durch  Berechnnog 
eruiren  lassen:  Siderum  cognoscendorum  non  narratio  sed  demonstratio 
est  ...  .  Habet  autem  praeter  demonstrntionem  praesentium  etiam  prae- 
teritorum  narrationi  simile  aliquid,  quod  a  praesenti  positione  motuque 
siderum  et  in  praeterita  eorum  vestigia  regulariter  liefet  recurrere.  Habet 
etiam  futnrorum  reguläres  conjecturas,  non  suspiciosas  et  ominosas,  sed 
ratas  et  certas ;  non  ut  ex  eis  aliquid  trahere  in  nostra  facta  et  eventa 
tentemus,  qualia  genethliacorum  deliramenta  sunt,  sed  quantum  ad  ipsa 
pertinet  sidera.  - 


Die  Psychologie,  ErkenntnisB-  vod  WiMensehafteVBhre  des  Roger  Baco.  553 

tator  Hali  <  erläutert  an  einem  Beispiel  e^  wie  das  in  seiner  All> 
gemeinheit  richtige  Judicium  astronomicum  durch  zufällige 
irdische  Sonderursachen,  unter  welche  auch  der  freie  mensch- 
liche Wille  gehöre^  seiner  Anwendbarkeit  auf  einen  bestimmten 
concreten  Fall  beraubt  werden  könne.  ^  Avicenna^  der  Er- 
gänzer der  Arbeiten  des  Ptolomäus,  hebt  hervor^  dass  das 
anstäte  Wesen  der  den  Processen  eines  stetigen  Werdens  und 
Veilchens  unterworfenen  irdischen  Körperlichkeit  eine  durch- 
greifende absolut  bestimmende  Wirksamkeit  der  siderischen 
Potenzen  nicht  zulasse.    Messehalak^  beleuchtet  die  Bedeutung 

^  Aboazen  Hali,  ein  spanischer  Astrolog,  dem  dreizehnten  Jahrhnndert  an- 
g'ehörig,  classischer  Repräsentant  der  Astrologie,  Verfasser  des  Werkes 
de  judiciis  astrormn.  —  Ausser  diesem  Hali  gab  es  mehrere  arabische 
Aerzte  mit  dem  Namen  Hali  oder  Aii,  deren  zwei  Baco  gekannt  haben 
konnte.  Der  eine  derselben,  Ali  £bn  Abbas  (f  994),  Leibarzt  des  Chalifen 
von  Bagdad,  ist  der  Verfasser  eines  Almaleci  betitelten  Werkes,  welches 
von  Stephanus  Antiochenus  ins  Lateinische  übersetzt  wurde,  und  unter 
dem  Titel:  Regalis  dispositionis  theoroticae  et  practicae  libri  XX,  auch 
gedruckt  erschien  (Venedig;  1492  fol.,  Leyden  1523,  4.).  Ein  zweiter,  nach 
seiner  Vaterstadt  Tripolis  benannter  Hali:  Hali  al  Tarabulsi  (c.  a.  1219), 
hinterliess  ein  medicinisch-chemisches  Werk:  Zinal  al  hachim  (Zierde 
des  Weisen),  welches  in  vier  Abtbeilungen  von  den  Mineralien  und  deren 
Zubereitung  für  Zwecke  der  Heilkunde,  vom  Nutzen  der  Theile  des 
Körpers  nach  den  Ansichten  des  Galenus,  vom  Steine  der  Weisen  und 
ähnlichen  Dingen  handelt.  Von  daher  möchte  Baco  Secret.  op.  nat., 
capp.  10  n.  11  entlehnt  sein,  die  sich  offen  als  Entlehnungen  aus  den 
Schriften  eines  moslimischen  Verfassers  zu  erkennen  geben. 

3  Hali  ....  addit  exemplum,  quod  patre  suo  se  abscondente  cum  aliis  a 
facie  imperatoris  astrologus  visitans  eiun  quotidie  praecepit  poni  concham 
maximam  aeneam  plenam  aqua,  supra  quam  poneretur  scabellum,  consu- 
luitque  ei,  ut  desuper  sederet  in  majore  parte  diei;  et  hoc  ideo  praecepit, 
ut  faceret  errare  astrologos  imperatoris  in  existentia  absconditorum.  Dixerunt 
enim,  quod  esset  in  medio  maris  propter  similitudinem  aquae  conchae,  cui 
superiusederat.  Distinguere  enim  inter  hoc  et  iliud  non  poterant  propter 
continentis  et  content!  similitudinem.  Aqua  enim  nndique  continebatur, 
et  vasis  concavitas  alvei  marini  concavitatem  expressit.    Op.  maj.,  p.  114. 

^  Messehala  oder  Macha- Allah,  jüdischer  Astrolog,  der  zweiten  Hälfte  des 
neunten  Jahrhunderts  angehörig.  Von  seinen  Schriften  wurden  im  fünf- 
zehnten und  sechzehnten  Jahrhundert  gedruckt:  De  receptionibus  plane- 
tarum  i.  e.  de  interpretationibus.  De  revolntionibus  annorum  mundi.  De 
sdentia  orbis  motus.  De  elementis  et  orbibus  coeli.  Ausserdem  sind 
handschriftlich  vorhanden:  Astrolabium.  De  natura  orbium.  De  judiciis 
astrorum.  Problemata  astrologica.  Themata  ^enethliaca.  Planetarum  con- 
junctiones  etc. 


554  Werner. 

dieses  Umstandes  durch  das  Beispiel  vom  Magnet,  welcher 
seine  Anziehungskraft  nur  in  der  gehörigen  Distanz  und  unter 
anderen  nicht  jederzeit  zutreffenden  Bedingungen  ausüben  könne. 
Im  Uebrigen  sprechen  diese  classischen  Vertreter  der  Astro- 
nomia  judiciaria  ausdrücklich  aus,  dass  die  Wirksamkeit  der 
siderischen  Potenzen  absolut  dem  göttlichen  Willen  unterthan 
sei,  ^  und  nebstdem  auch  durch  den  Menschen  selber  modificirt 
und  paralysirt  werden  könne.  Die  Aufgabe  der  Heilkunde 
besteht  ja,  wie  der  Arzt  Isaak  in  seiner  Schrift  de  Febribas 
hervorhebt,  unter  Anderem  auch  darin,  den  durch  siderisebe 
Einflüsse  verursachten  Seuchen  zu  begegnen. 

Damit  glaubt  Baco  die  Astronomia  judiciaria  von  dem 
Vorwurfe  eines  irreligiösen  und  widersittlichen  Fatalismus  ent- 
lastet zu  haben.  Es  handelt  sich  nun  aber  weiter  auch  um  den 
Nachweis  der  Wahrheit  und  Berechtigung  dieser  hochwichtigen 
Disciplin.  Diese  ergibt  sich  zunächst  schon  daraus,  dass  die 
nach  Verschiedenheit  der  Breitengrade  verschiedene  körperliche 
und  psychische  Artung  der  Menschen  einzig  aus  dem  Ver- 
hältniss  des  Erdkörpers  zur  siderischen  Welt  erklärt  werden 
kann.^  Auch  der  Unterschied  der  Längengrade  kommt  in 
Betracht,  obschon  er  sich  wegen  seines  mehr  verborgenen  Ein- 
flusses nicht  so  leicht  ersichtlich  machen  lässt.  Die  nach  Ver- 
schiedenheit der  Breiten-  und  Längengrade  diversificirten  side- 
rischen Einflüsse  sind  freilich  nur  generelle  Wirkungen,  und 
reichen  demnach  auch  nur  zur  Beurtheilung  und  Erkenntniss 
genereller  Unterschiede  aus,  durch  welche  Menschencomplexe 
ganzer  Länder,  Provinzen  und  grösserer  Städte  sich  von  ein- 
ander unterscheiden;  iudess  gibt  auch  schon  eine  solche  gene- 
relle Erkenntniss  bedeutsame  Momente  fiir  die  Beurtheilung  der 

^  Sciunt,  quod  ordinatio  divina  potest  omnia  mutare  secuDdum  Bui  yolun- 
tatem,  et  propter  hoc  adjuDg-ant  semper  in  sais  sententiis  in  fine,  qnod 
sie  erit,  äi  Den»  voluerit.  Op.  maj.,  p.  115. 

-  Ad  omue  punctum  terrae  incidit  conus  unios  pyramidis  a  toto  coelo,  et 
coui  iäti  suot  diversi  in  natura,  et  pyramides  similiter,  quia  diyersM 
habent  base»  propter  diversitatem  horizontum;  quoniam  quilibet  punctas 
terrae  est  centrum  proprii  horisontis.  Et  ideo  oportet  omnium  reruin 
diversitatem  ma^nam  es  hac  causa  oriri,  etiam  quantnmcunqae  propiuqui 
aint,  ut  ^raelli  in  eodem  utero;  et  sie  de  omnibus  prout  videmna,  qnod 
a  duobus  puuctis  terrae  proximis  oriuntur  herbae  dlversae  secundum 
speciem.  Op.  maj.,  p.  118. 


Die  Psychologie,  Erkenntniss-  nnd  WissenAchftftolehre  des  Roger  Bmco.  5öö 

Volkscharaktere,  sowie  fiir  die  Prognosticirung  wichtiger  Er- 
eignisse, politischer  Entwickelungen,  Kämpfe  und  Kriege  an 
die  Hand.  Es  würde  aber  bei  sorgfältiger  Beobachtung  der 
in  Betracht  kommenden  Momente  auch  möglich  sein,  Einzel- 
personen in  ihrem  individuellen  psychisch-physischen  Wesen 
grundhaft  zu  fassen  und  ihnen  Zukunftsprognostika  zu  stellen.  ^ 
Am  schönsten  aber  und  in  wahrhaft  erhebender  Weise  bewahr- 
heitet sich  der  Werth  und  die  Würde  der  Astronomia  judiciaria 
in  ihrem  Verhältniss  zu  Religion  und  Theologie.  Es  mag  über- 
raschen zu  vernehmen,  dass  sie  berufen  ist,  ein  hochbedeutsames 
Zeugniss  für  die  Wahrheit  des  Christenthums  zu  liefern;  dem 
Kundigen  erscheint  dieses  Zeugniss  als  selbstverständlich  und 
in  der  Natur  gelegen,  da  die  gesammte  kosmische  Ordnung 
auf  den  Nachweis  unserer  heiligsten  Ueberzeugungen  angelegt 
sein,  und  derselbe  primär  in  dem  höheren,  vornehmeren,  das 
gesammte  zeitliche  Erdendasein  normirenden  Theile  der  sicht- 
baren Schöpfung  hervortreten  muss.  Der  Sternhimmel  wird 
durch  den  Meridiankreis  und  durch  fünf  andere  in  Abständen 
von  je  30  Graden  den  Aequator  schneidende  Längenkreise  in 
zwölf  Abschnitte  getheilt,  welche  die  zwölf  Häuser^  des  Himmels 
heissen.  In  diesen  Häusern  herrschen  die  sieben  Planeten,  und 
zwar  so,  dass  im  ersten  Hause  der  höchststehende  der  Planeten 
Satumus,  im  zweiten  der  nächstfolgende  Planet  Jupiter,  im 
dritten  Mars  u.  s.  w.  herrschen,  und  im  achten  Hause  abermals 
Saturn,  im  neunten  wieder  Jupiter  der  Herrscher  ist.  Wie 
Saturn  und  Mars  schlimme  unheilbringende  Planeten  sind,  so 
Jupiter  und  Venus  wohlwollende,  glückspendende' Planeten,  mit 

*  Si  velit  considerare  diligenter  et  sine  errore  horas  conceptionam  et  nati- 
▼itatum  singtüariam  personarum,  ut  sciatur  dominiam  coelestiB  virtutis 
ad  horas  illas,  et  diligenter  consideret  quaudo  ad  eas  dispositiones  venient 
coelestia  secundam  singnlas  partes  aetatis  cujuslibet,  potest  de  omnibus 
naturalibns,  sicut  de  infirmitatibas  et  sanitate  et  hnjosmodi  jadicare 
snfficlenter,  quandocnnque  debent  occidere  et  qualiter  terminari,  secondum 
quod  anctores  non  solum  astronomiae,  sed  medicinae  ut  Hippocratea, 
Qalenns,  Hau,  laaac  et  omnes  auctores  determinant  1.  c. 

^  Und  zwar  Domus  accidentales  (im  Unterschiede  von  den  Domna  essen- 
tiales,  auf  welche  im  Folgenden  die  Rede  kommen  wird).  Dicuntur  acci- 
dentales, quia  divisio  earum  est  accidentalis ,  et  non  manent  sectiones 
in  eodem  loco  coeli,  quia  non  sequuntur  motum  coeli,  et  ideo  mutantur 
eorum  loca  in  circulo  seu  coelo  in  omni  hora.  Op.  maj.,  p.  122. 


556  W«rn«r. 

dem  Unterschiede;  dass  die  Gaben  der  Venus  eich  auf  irdisches 
zeitliches  Glück^  jene  des  Jupiter  hingegen  auf  die  geistigen 
ewigen  Güter  beziehen.  Jedes  Haus  hat  seinen  eigenen  Namen 
und  seine  eigene  Bedeutung.  Das  erste  Haus  heisst  Domos 
vitae^  das  zweite  Domus  substantiae  u.  s.  w.,  das  neunte  Haus 
ist  die  Domus  peregrinationum  atque  itinerum,  fi.dei  et  digni- 
tatis  et  religionis;  ac  domus  culturae  Dei,  sapientiae,  librorom. 
epistolarum  et  legatorum,  narrationum  ac  rumorum  ac  som- 
niorum  —  also  alles  dessen,  was  auf  die  Religion  sich  bezieht 
oder  mit  ihr  in  Verbindung  steht.  Wie  jeder  Planet^  tritt  auch 
Jupiter  in  seinem  Hause  in  Conjunction  mit  den  übrigen  Pla- 
neten. Die  sechs  möglichen  Conjunctionen  des  im  neunten 
Hause  herrschenden  Jupiter  mit  den  sechs  übrigen  Planeten 
erschöpfen  die  sechs  möglichen  Formen  und  Gestaltungen  des 
religiösen  Gedankens  in  der  zeitlich-irdischen  Menschenwelt 
Die  Conjunction  des  Jupiter  mit  dem  Saturn,  dem  obersten  und 
gleichsam  ältesten  der  Planeten  bedeutet  die  jüdische  Religion, 
die  älteste  der  Völkerreligionen,  auf  welche  sich  alle  anderen 
Religionen  in  irgend  einer  Weise  zurückbeziehen.  Die  Con- 
junction des  Jupiter  mit  Mars  bedeutet  die  Religion  der  fener- 
anbetenden  Chaldäer,  die  Conjunction  mit  der  Sonne  die  Re- 
ligion der  Aegypter,  welche  das  von  der  Sonne  beherrschte 
Himmelsheer  adorirten,  die  Conjunction  mit  der  Venus  den 
Muhamedanismus ,  der  übrigens  der  Sache  nach  schon  vor 
Mtthamed  bestand,  ^  die  Conjunction  mit  dem  Mercur  die  christ- 
liche Religion,  die  Conjunction  mit  dem  Monde  aber  die  Be- 
ligion  des  Antichrist.^    Die  Lex  Mercurialis  gilt  Baco  als  das 


*  Unde  in  libro,  qui  adscribitur  Ovidio  de  vitae  suae  matatioiie,  cum 
loqueretnr  de  secta  venerea,  quam  hominibuB  sui  temporis  legrem  diiit 
esse,  dicit  in  metro  suo: 

In  qua,  si  libeat,  quodcunque  licere  putatur, 
Scripta  licet  super  hoc  nondam  lex  inveniator. 

Op.  maj.,  p.  121. 
3  Si  Jupiter  complectatnr  Lunae,  dicunt  domini  astronomiae,  erit  lex  Lanae 
et  ultima,  quia  circulns  Lunae  est  ultimus,  et  haec  erit  lex  cormptionb 
et  foeda,  quae  violabit  omnes  alias  leges  et  suspendet  eas,  etiam  Mer- 
curialem  ad  tempus.  Lnna  enim,  ut  dicunt,  significat  super  nigromantiam 
et  mendacium,  et  ideo  lex  Lunae  erit  nigromantica  et  magica  et  mendo». 
Et  propter  corruptionem  lunaris  motus  et  figurationum  lunarimn  ngni- 
ficat  super  corruptionem   istius  legis,   quae  erit  in  se  corrupta  et  a}i*? 


Die  Fsychologi«,  ErkenntnisB-  and  Wisaenschftftslelm  dM  Boger  Bmo.  557 

christliche  Religionsgesetz^  weil  der  mythologische  Charakter 
des  Mercur  auf  ProphetiO;  Glaube  und  Gebet  Bezug  hat,  so 
nie  die  verschlungene  schwer  zu  entwirrende  Bewegung  des 
Plaoeten  Mercur  auf  die  den  menschlichen  Intellect  transscen- 
dirende  Tiefe  des  Lehrgehaltes  der  christlichen  Religion;  als 
Bringer  der  Schrift  und  der  durch  die  Schrift  vermittelten 
Weislieit  deutet  er  auf  den  in  der  heiligen  Schrift  und  in  der 
Philosophie  hinterlegten  Weisheitsgehalt  hin,  an  welchem  zu- 
samrat  den  erleuchteten  Christen  alle  Weisen  der  Völker  vor 
Christus  participirt  haben,  und  auch  nach  Christus  unter  den 
noch  nicht  zum  christlichen  Glauben  bekehrten  Völkern  parti- 
cipiren.  Denn  sie  stehen  innerhalb  des  Bereiches  der  göttlichen 
Offenbarung,  weil  sie  auf  dem  Grunde  der  in  den  alttestament- 
lichen  Büchern  niedergelegten  Zeugnisse  des  göttlichen  Wahr- 
heitsgeistes stehen,  der  die  Hiramelskundigen  erleuchtet  hat, 
dass  sie  sogar  das  Mysterium  der  Geburt  des  Gottessohnes  aus 
der  Jungfrau  in  den  Sternen  ausgedrückt  fanden,  ^  und  die  Zeit 
seiner  Geburt  in  den  Sternen  lasen.  Der  Hervorgang  des 
grossen  Propheten  aus  der  Jungfrau  steht  in  einer  inneren  Be- 
ziehung zur  Lex  Mercurialis,  entsprechend  der  Mythologie  und 
der  Beziehung  des  Mercurplaneten  zum  Sternbild  der  Jung- 
frau. 2  Denn  der  Mercur  hat  alle  seine  wesentlichen  und 
principalen  Potestates  im  Sternbild  der  Jungfrau,  welches  seine 
Domus    essentialis    oder    naturalis, ^    und    zwar    seine    Domus 


comiiDpenB.  Non  tarnen  multum  durabit,  ut  dicunt,  qaia  luna  velociter 
mntatur  ....  Et  hoc,  ut  dicunt,  statuetnr  ab  aliqao  magno  et  potente, 
qiil  praevalebit  aliis,  et  aeatimant  astronomi  fideles  tarn  moderni  quam 
antiqni,  quod  baec  est  lex  Anticbruti,  quia  iUe  ultimo  in  fine  mondi 
adveniet  etc.  Op.  c,  p.  123. 

1  Omnes  antiqui  Indi,  Chaldaei,  Babylonii  docuerant,  quod  in  prima  facie 
Virginia  aacendit  virgo  mondisaima  nutritora  puerum  in  terrae  Hebraeo- 
rum,  cui  nomen  Jesus  Christus,  ut  dicit  Albumasar  in  majori  intro- 
ductorio  Astronomiae.  Op.  c,  p.  121. 

2  CreatuB  enim  fuit  in  Virgine,  et  dignitates  seu  potestates  seu  virtutes  seu  for- 
titudines  quinque,  qnae  debentur  plaoetis  ratione  signorum,  habet  Mercurius 
in  Yirgrine,  ut  sunt  seil,  domus,  exaltatio,  triplicitas,  terminus,  facies.  1.  c. 

^  Easentiales  et  naturales  domus  sunt  duodecim  signa,  quorum  divisio 
naturalis  est  (siehe  Oben  S.  ö5ö,  Anm.  2),  quia  sectiones  Zodiaci  et 
coeU  manent  in  suis  locis  de  circulo  coeleati  h.  e.  de  firmamento,  quam 
divisionem  signorum  faciunt  sex  circuli  sese  interaecantes  in  polis  Zodiaci 
et  dividunt  totnm  coelum  et  mundum  in  duodecim  partes  aequales.  1.  c. 


558  Werner. 

principalis>  constituirt,  den  Ort  seiner  Aufsteigung,  ^  seine  Tri- 
plicitas,^  seinen  Terminus^  und  seine  Facies*  in  sich  fasst  Abu- 
masar  lehrt  mit  allen  übrigen  Astronomen,  dass  es  drei  Con- 
junctionen  des  Jupiter  mit  Saturn  gebe,  die  Conjunction  magna, 
major  und  maxima.  Die  Conjunctio  magna  tritt  in  jedem 
zwanzigsten  Jahre  ein,  weil  Jupiter,  der  seinen  Umlauf  in  zwölf 
Jahren  vollendet,  mit  dem  Saturn^  der  denselben  in  dreissig 
Jahren  vollendet,  innerhalb  der  Periode  von  sechzig  Jahren  drei- 
mal in  irgend  einem  Zeichen  zusammentrifft.    Nach  viermaliger 

^  Principalis  domas  planetae  est,  in  qna  creatus  füit,  ut  Leo  est  domos 
Solls,  Cancer  Lunae,  Virgo  Mercurii,  Libra  Veneris,  Aries  Martis  secandom 
quosdam,  secundom  alios  Scorpius,  Sagittarius  Jovis,  Capricomns  Sa- 
tami. Op.  c,  p.  122. 

2  Exaltationes  sunt  hae:  Sol  exaltatur  in  A  riete,  Luna  in  Tanro,  Satoniiu 
in  Libra,  Jupiter  in  Cancro,  Mars  in  Capricorno,  Venus  in  Piscibns, 
Mercnrius  in  Virgine.  1.  c. 

3  Triplicitas  planetae  dicitur,  cum  sit  in  signo,  in  quo  creatus  est,  vel  in 
aliqno  ejnsdem  naturae  cum  signo,  in  quo  creatus  est.  ünde  sciendom, 
qnod  qnatuor  sunt  triplicitates  signorum.  Una  est  calida  et  sicca,  qoae 
continet  tria  signa  calida  et  sicca,  cujusmodi  sunt  Aries,  Leo,  Sagittarius. 
Unde  cum  sol  est  in  aliquo  eorum,  dicitur  esse  in  sua  triplicitate.  Et 
alia  est  triplicitas  secunda  ex  Tauro,  Virgine  et  Capricorno,  et  haec  est 
frigida  et  sicca;  et  Mercurius,  quando  est  in  aliquo  istomm,  est  in  tripli- 
citate sua.  Quia  licet  domioa  istius  triplicitatis  in  die  primo  sit  Venus, 
deinde  Luna  et  in  nocte  primo  Luna,  postea  Venus,  et  eorum  particep« 
in  nocte  et  die  sit  Mars,  tameu  Mercurius  participatur  eis  in  Virgine 
proprie,  ut  dicunt  Astronomi,  et  ideo  triplicitatem  habet  in  Virgine  proprie 
sicut  exaltationem  et  domum.  Tertia  triplicitas  est  ex  Oeminis,  Libn, 
Aquario,  quae  est  calida  et  humida.  Et  quarta  est  in  Cancro,  Seorpiooe 
et  Pisce,  quae  est  frigida  et  humida.  1.  c. 

*  Famosiores  termini  sunt  Aegyptiorum.  Jupiter  habet  sex  primos  gndos 
Arietis,  Venus  sex  sequentes,  Mercurius  octo,  Mars  quinque,  Satamos 
quinque,  Venus  adfauc  octo  primos  Tanri,  Mercurius  sex  sequenter,  ita 
quod  Mercurius  habeat  Septem  primos  gradus  Virginis  pro  termino,  non 
solum  secundom  Aegyptios,  sed  secundum  Ptolomaeum,  et  hoc  est  qnod 
nunc  quaecimns.  1.  c. 

^  Facies  signorum  accipiuntur  per  diyisionem  cujuslibet  signi  in  tres  partes 
aeqnales,  et  unaquaeque  constat  ex  decem  gradibus,  quae  vocantur  facies 
et  alio  modo  decani.  Quamm  facierum  initium  est  a  primo  gradu  Arietis 
et  terminatnr  in  decimo  gradu  ejusdem  et  dicitur  facies  Martis.  Secnnda 
usque  in  vicesimum,  et  dicitur  facies  Solls,  quia  Sol  succedit  ei  in  ordine 
circulorum.  Tertia  est  in  finem  Arietis  et  dicitur  facies  Veneris,  et  sie 
de  ceteris  secundum  ordinem,  ut  patet  in  tabula  facierum,  ita  quod 
Mercurius  habeat  decem  gradus  Virginus  Ultimos  pro  facie.  1.  c. 


Di«  Psycliologie,  Erkenntnias-  und  Wiisenschaftslehr«  des  Rog«r  Bmo.  559 

Wiederholung  dieser  sechzigjährigen  Epoche  tritt  die  Conjunctio 
major,  nach  deren  abermaliger  Vervierfachung  die  Conjunctio 
maxima  ein.  Jede  dieser  Conjunctionen  kündiget  inhaltsschwere 
Ereignisse  an,  ^  die  Conjunctio  maxima  die  allerbedeutungs- 
vollsten.  Eine  solche  (maxima  oder  major)  hatte  statt  im  vier- 
undzwanzigsten  Jahre  des  Kaisers  Augustus,  welche  zugleich  den 
Eintritt  des  Lex  Mercurialis  verkündete.  Von  dieser  Conjunctio 
maxima  spricht  Ovidius  in  seinem  Carmen  de  Vetula,  und  gibt 
an,  dass  sechs  Jahre  nach  derselben  der  Prophet  aus  der  Jung- 
frau geboren  werden  sollte.  ^  Hienach  wäre  das  dreissigste 
Regierungsjahr  des  Kaisers  Augustus  das  Geburtsjahr  Christi. 
Während  der  sechs  Jahre  vor  Christi  Geburt  hatte  eine  Con- 
junetion  des  Jupiter  und  Saturn  im  Zeichen  des  Jupiter  statt; 
wenn  sie  ganz  nahe  am  Kopfe  desselben  stattgehabt  haben  sollte, 
so  war  es  eine  Conjunctio  maxima.  Die  Bedeutsamkeit  der  mit 
Christus  beginnenden  Aera  lernen  wir  aus  Abumasar  kennen, 
welcher  lehrt,  dass  die  Vollendung  in  zehn  Satumumläufen 
mit  dem  Untergange  von  Reichen  und  mit  der  Entstehung  und 
dem  Untergange  von  Religionen  zusammenhänge.  Eine  solche 
kritische  Epoche  fiel  in  die  Tage  des  von  Alexander  des 
Grossen  besiegten  Perserkönigs  Darius.  Nach  zehn  weiteren 
Satumumläufen  erschien  Christus;  von  Christus  bis  Mani,  und 
von  Mani  bis  Mahomed  verliefen  gleichfalls  solche  Epochen 
von   zehn   Saturnusjahren.     Aus   Abumasar   schöpft    Baco    die 


'  Magna  conjunctio  dicitur  significare  plnries  saper  sublimationem  regum 
et  potentnm  et  super  gravitatem  annonae  et  super  ortus  prophetarum 
....  Conjunctio  major  significat  super  sectam  et  mutationem  ejus  in 
quibusdam  regionibus  ....  Conjunctio  maxima  significat  super  muta- 
tiones  imperiorum  et  regnorum  et  super  impressiones  igpiitas  in  aere  et 
super  diluvium  et  super  terrae  motum  et  gravitatem  annonae.  Op.  c.,  p.  124. 

^  Loquens  Ovidius  de  conjunctione  majore  et  fere  maxima  dicit  in  metro 
suo  hoc  modo: 

Una  quidem  talis  fatali  tempore  nuper 
Caesaris  Augusti  fuit  anno  bis  duodeno 
A  regni  novitate  sui,  quae  significavit 
Post  annum  sextum  nasci  debere  Prophetam 
Absque  maris  coitu  de  virgine,  cujus  habetur 
Typus,  uti  plus  Mercurii  vis  multiplicatur, 
Cujus  erat  Concors  complexio  prima  futurae 
Sectae  .... 


560  Werner. 

beruhigende  Zuversicht,  dass  der  Untergang  des  Muhamedanis- 
mus  nahe  sei;  Abumasar  sage  im  zweiten  Buche  seines  Werkes 
über  die  ConjunctioneU;  dass  die  Lex  Mahometi  nicht  länger 
als  693  Jahre  dauern  könne,  von  welchen  gegenwärtig  665  Jahre 
schon  abgelaufen  seien.  Von  da  aus  eröffnen  sich  Baco  auch 
Aussichten  auf  die  Möglichkeit  einer  genaueren  Bestimmung  der 
Zeit  des  Antichrist;  denn  vorausgesetzt,  dass  es  den  bereits  aus 
den  Caspischen  Thoren  hervorgebrochenen  Tartaren  beschieden 
sein  sollte,  das  Gesetz  Muhameds  zu  stürzen,  so  möchte  wohl 
aus  ihnen  jener  Mächtige  hervorgehen,  welcher  nach  biblischer 
und  astronomischer  Vorhersagung  jenen  schändlichen  Cult  voll 
verruchter  Zauberei,  die  Religion  des  Antichrist  aufrichten  wird. 
Ethicus^  sagt  in  seiner  Kosmographie  ausdrücklich,  dass  der 
Antichrist  einem  aus  den  Caspischen  Thoren  hervorbrechenden 
Volke  sich  beigesellen  und  von  demselben  sich  als  Gott  der 
Götter  ehren  lassen  werde.  Es  wäre  zu  wünschen,  dass  die 
Kirche  eine  Nachforschung  in  der  Bibel  und  in  den  Weissagungen 
der  Sibylle,  des  Aquila,  ^  des  Merlin,  Sestio,  Joachim  und  vieler 
Anderer,  so  wie  in  den  Historien  und  in  den  Büchern  der 
Philosophen  veranlassen,  und  mit  den  Ergebnissen  dieser  Nach- 
forschungen auch  die  astronomischen  Indicien  vergleichen  lassen 
möchte,  um  zur  Gewissheit  oder  doch  zu  zuverlässigen  Muth- 
masBungen  über  die  Zeit  des  Antichrist  zu  gelangen. 

An  diese  Desiderien,  deren  Inhalt  uns  zufolge  der  oben  aus- 
einandergesetzten erkenntnisstheoretischen  Anschauungen  Baco's 
nicht  überraschen  darf,  aber  auch,  wie  z.  B.  bei  Albumasar, 
auf  christliche  Alterationen  des  übersetzten  Textee  arabischer 
Schriften   aufmerksam    macht,    schliessen    sich   Baco's  Klagen 


1  Die  nnter  dem  Namen  des  Ethicus  Ister  gehende  Kosmographie  wurde 
bereits  von  Isidorns  Hispalensis  benützt.  Der  in  ihr  citirte  Bischof  Avitns 
Alcimufl  wird  anch  von  Baco  (Op.  maj.,  p.  125)  mit  Ethicus  in  Verbindung 
gebracht  als  Zenge  für  die  astronomische  Yorauskündigxing  der  Geburt 
des  Gottessohnes  aus  der  Jungfrau. 

2  Damit  ist  der  jüdische  Proselyt  und  griechische  Uebersetzer  der  hebräischen 
Bibel  Aquila  aus  Sinope  gemeint,  welcher  nach  einer  apokrypblscheD 
Nachricht  bei  Epiphanius  (Pond.  et  mensur.  c.  14)  früher  Christ  gewesen, 
aber  wegen  Neigung  zur  Nativitätsstellerei  und  anderen  ähnlichen  Künsteo 
aus  der  Christengemeinschaft  ausgestossen  worden  sein  solL  In  Baco's 
Auffassung  tritt  an  Aquila  der  Charakter  eines  abtrünnigen  Christen 
nicht  mehr  hervor. 


Die  Psychologie,  Erkenntiiiss-  und  Wissenicbäftslehre  des  Bogfer  Baco.  561 

Über  die  Mängel  und  Fehler  des  üblichen  Kalenders  an.  ^  Ein 
erster  Fehler  ist,  dass  die  Dauer  des  Jahres  zu  36574  Tagen 
angenommen  wird,  während  sie  in  Wahrheit  kürzer  sei,  so 
dass  in  130  Jahren  bereits  um  einen  ganzen  Tag  geirrt  wird.  ^ 
Ein  zweites  damit  zusammenhängendes  Gebrechen  ist  das  Ueber- 
sehen  des  Vorrückens  der  Nachtgleichen,  und  die  falsche  An- 
gabe der  Zeit  der  Nachtgleichen  und  Solstitien.  In  der  alt- 
christlichen Zeit  hat  man  auf  die  Auctorität  des  Hippokrates 
hin  die  beiden  Solstitien  des  Sonnenjahres  auf  VIII  Kai.  Jan. 
und  Vni  Kai.  Jul.,  die  beiden  Aequinoctien  auf  VIII  Kai.  April, 
und  VIII  Kai.  Octobr.  verlegt;  seit  Beda  aber  hält  man  con- 
stant  XII  Kai.  April,  als  Zeitpunkt  des  Frühlingsäquinoctiums 
fest.  Diese  Angabe  ist  eben  so  unrichtig,  als  die  altchristliche 
Annahme,  an  deren  Stelle  sie  trat.  Ptolomäus  hat  in  seinem 
Almagest  für  das  Jahr  140  p.  Chr.  XI  Kai.  April,  als  Zeit- 
punkt des  Frühlingsäquinoctiums  und  XI  Kai.  Jan.  als  Zeit  des 
Wintersolstitiums  aufgewiesen;  seit  Ptolomäus  sind  eilf  Jahr- 
hunderte verflossen,  in  deren  Verlaufe  das  Frühlingsäquinoctium 
alle  125  Jahre  um  je  einen  Tag  rückwärts  gegangen  ist,  so  dass 
es  gegenwärtig  3  auf  III  Idus  Hart,  föllt,  das  Wintersolstitium 
mit  Idus  Dec,  das  Sommeraolstitium  mit  XVII  Kai.  Jul.,  die 
Herbstnachtgleiche  mit  XVI  Kai.  Oct.  zusammenföUt.  Aus  der 
Ptolomäischen  Angabe  über  das  Wintersolstiz  folgt  aber  weiter, 
dass  der  Geburtstag  Christi,  als  welchen  die  Kirche  VIII  Kai. 
Jan.  festhält,  nicht  mit  dem  Wintersolstiz  zusammengefallen 
sein  könne,  da  dieses  140  Jahre  vor  dem  durch  Ptolomäus 
astronomisch  normirten  Jahre  mit  X  Kai.  Jan.  zusamnien- 
gefallen  sein  muss.  Aus  dem  Gesagten  lässt  sich  ein  dritter 
Uebelstand  des  kirchlichen  Kalenders  ersichtlich  machen.  Da 
das  Frühlingsäquinoctium  gegenwärtig  auf  III  Idus  Hart,  fallt, 
und  dieser  Tag  im  vierzehnten  Jahre  des  neunzehnjährigen 
Mondzirkels  mit  dem  Vollmonde  der  Frühlingsnachtgleiche  zu- 
sammenfallen kann,  so  musste  der  Ostersonntag  auf  XIII  Kai. 
April,  fallen  können,  während  der  gegenwärtige  Kalender 
XI  Kai.  April,  als  frühesten  Ostertag  gestattet.    Dasselbe   gilt 

»  Op.  maj.,  p.  126—134;  Op.  tert  cap.  67—71. 

2  Bekanntlich  ist  der  Irrthum  etwas  geringer,  da  er  in  400  Jahren  noch 

nicht  ganz  drei  Tage  (2.980  Tage)  betrfigt 
'  NSmUch  a.  1267  als  Abfassungszeit  des  Opus  majus. 


562  Werner. 

vom  dritten  Jahre  desselben  Zeitzirkels,  wie  die  auf  die  Ea- 
lendas  des  März  fallende  goldene  Zahl  anzeigt ;  ^  in  diesem 
Jahre  muss  Ostern  längstens  XII  Kai.  April,  gefeiert  werden, 
kann  aber  auch  früher  fallen.  In  künftigen  Jahrhunderten  muss 
aber;  wenn  an  der  Julianischen  Bestimmung  der  Jahresdaaer 
festgehalten  wird^  die  Osterfeier  noch  weiter  sich  rückwärts 
schieben,  woraus  natürlich  schliesslich  die  heilloseste  Ver- 
kehrung des  ganzen  Eirchenkalenders  resultiren  würde.  Der 
neunzehnjährige  Mondeszirkel,  die  Unterlage  der  ganzen  Oster- 
berechnung  ist  gleichfalls  falsch  construirt,  wovon  Jeder  sich 
überzeugen  kann,  der  die  in  demselben  enthaltenen  Neumonds- 
angaben mit  den  jedem  Bauer  bemerkbaren  Mondesphasen  ver- 
gleicht; jetzt  schon  tritt  der  Neumond  constant  um  drei  oder 
vier  Tage  früher  ein,  als  im  Kalender  verzeichnet  ist  Der 
Zeitunterschied  zwischen  der  im  Kalender  fixirten  und  der 
thatsächlich  statthabenden  Neumondsphase  beträgt  in  76  Jahren 
beinahe  einen  Dritteltag;  in  4256  Jahren  ist  die  Differenz 
schon  so  gross,  dass  der  Kalender  Neumond  anzeigt,  während 
in  Wirklichkeit  Vollmond  statt  hat.  Der  gemeinhin  recipirten 
Construction  des  neunzehnjährigen  Mondzirkels  liegt  die  Vor- 
aussetzung zu  Grunde,  das  jeder  neue  Monat  mit  dem  Sichtbar- 
werden des  verdunkelt  gewesenen  Mondes  beginne;  diese  An- 
nahme ist  aber  für  die  calculatorischen  Zwecke  der  astronomischen 
Mondesphasenbestimmung  völlig  unbrauchbar,  weil  das  abermalige 
Sichtbarwerden  des  Mondes  an  keine  stetige  stets  gleiche  Zeit  ge- 
bunden ist,  sondern  bald  früher,  bald  später  eintritt.  Die  astro- 
nomisch correcte  Angabe  der  Zeitdauer  des  Monats  findet  sich  im 
Almagest,  und  ist  von  Arzachel  unter  Beseitelassung  kleinster 
nicht  ins  Gewicht  fallender  Bruchtheile  adoptirt  worden.  Unter 
Voraussetzung  der  von  Arzachel  angenommenen  Dauer  des 
Monats  fkllt  der  Monatsanfang  nach  Ablauf  30  arabischer  Jahre 
genau  wieder  in  denselben  Zeitpunkt,  wie  am  Beginne  derselben; 
30  arabische  Jahre  umfassen  360  volle  Lunationen  =  10631  Tage.- 
Wenn  erst  nach  Ablauf  dieser  Epoche  der  Anfang  des  Monates 

1  Siehe  die  TabeUe  des  immerwfihrenden  Jnlianiichen  Kalenders  bei  Ideler, 
Lehrbuch  der  Chronologie,  S.  514. 

>  Baco's  Vorschlag,  den  nennzehnjfihrigen  Mondencyclos  durch  den  drefssig- 
j&hrigen  arabischen  Cyclus  zu  ersetzen,  rührt  von  Robert  Ton  Lincolo 
her,  wie  Kaltenbmnner  (Sitsungsber.  LXXXH,  S.  333  f.)  aas  der  tod 


Di«  Psychologi«,  ErkenntniM-  and  WuMiisehftftslehre  des  Boger  Baco  563 

wieder  in  denselben  Zeitpunkt  fällt,  wie  am  Beginne  derselben, 
BD  kann  der  neunzehnjährige  Mondeszirkel  der  Lateiner  keine 
geschlossene  Mondenepoche  bilden.  Das  Wahre  ist  vielmehr, 
dass  dieser  neunzehnjährige  Zirkel,  wenn  er  bloss  vier  Schalt- 
jahre in  sich  fasst,  um  mehr  als  zwei  Dritteltage  hinter  dem 
vollkommenen  Abschlüsse  seiner  letzten  Lunation  zurück- 
bleibt, in  drei  darauf  folgenden  Zyklen  aber,  welche  fünf 
Schalttage  in  sich  fassen,  jedesmal  um  mehr  als  einen  Viertel- 
tag die  Zahl  der  von  ihm  umschlossenen  Lunationen  über- 
schreitet. Die  Berufung  auf  die  ehrwürdige  Auctorität  der 
Nicänischen  Synode,  welche  den  neunzehnjährigen  Mondes- 
zirkel adoptirte,  ist  nicht  stichhältig.  Die  Synode  konnte  ihn 
adoptiren,  weil  dazumal  seine  Angaben  mit  den  thatsächlichen 
Zeiten  der  Lunationen  zusammenstimmten;  selbst  zu  Beda's 
Zeit,  der  Alles  aufbot,  ihn  zu  rechtfertigen,  waren  die  Discre- 
panzen  zwischen  den  wirklichen  Mondzeiten  und  den  Angaben 
des  Circulus  decemnovalis  noch  nicht  allzusehr  fühlbar ;  anders 
liegt  die  Sache  jetzt,  wo  es  im  Interesse  der  Ehre  des  christ- 
lichen Namens  geradezu  geboten  ist,  an  die  nicht  länger  mehr 
zu  verschiebende  Reform  des  Kirchenkalenders  zu  gehen,  *  und 
auch  an  hiezu  befähigten  Männern  kein  Mangel  ist.  ^ 

Wie  Baco  seinem  päpstlichen  Oönner  gegenüber  die  da- 
malige Beschaffenheit  des  Eirchenkalenders  als  ein  Aergerniss 
bezeichnete,  so  sprachen  sich  nach  ihm  auf  gleiche  Weise  Pierre 
d'Ailly  auf  dem  Constanzer  Concil,  Nikolaus  Cusanus  auf  dem 
Basler  Concil  aus.  Wir  erwähnen  diese  bekannte  Thatsache 
wegen  gewisser  denkverwandtschaftlicher  Bezüge  dieser  beiden 

Pierre  d'Ailly  dem  Constanzer  Concil  vorgelegen  Schrift  über  Reform  des 
kirchlichen  Kalenders  nachgewiesen  hat 

^  Debet  aatem  nunc  temporis  remedinm  apponi  propter  istos  errores  mani- 
festos  et  palpabiles  atque  propter  scandalom  multiplex  in  ecclesia.  Nam 
omnes  literati  in  compnto  et  astronomi  sciunt  haec,  et  derident  igno- 
rantiam  praelatorum,  qui  haec  sustinent.  Atqne  philosophi  infideles  Arabes, 
Hebraei  et  Graeci)  qni  habitant  inter  christianos  ut  in  Hispania  et 
Aegypto  et  in  partibns  Orientis  et  in  mnltis  aliis  mundi  regionibus, 
abborrent  stultitiam  qoam  conspiciunt  in  ordinatione  temporum,  qnibus 
atnntnr  christiani  in  suis  solennitatibas.  Et  jam  christiani  habent  peritiam 
astronomiae,  per  quam  potest  fieri  certificatio.  Op.  c,  p.  134. 

2  Auch  Baco  hatte  vier  Jahre  vor  Zusammenstellung  seines  Opus  majus  einen 
handschriftlich  noch  existirenden  Liber  de  computo  abgefasst,  in  welchem 
er  auf  eine  noch  frühere  Schrift  de  termino  paschali  sich  zurückbezieht. 
Sitrangtber.  d.  phil.-hiit.  Ol.  Xail.  Bd.  III.  Hfk.  37 


564  Werner. 

MänDer  zu  Baco.  D'Ailly  hegte  eine  ausgesprochene  Vorliebe 
fiir  astronomische  und  kosmographische  Studien^  und  trat  gleich 
Baco  für  die  Astronomia  judiciaria  ein.  Als  Nominalist  war 
er  selbstverständlich  Individualist^  wenn  auch  nicht  in  jenem 
Sinne,  wie  Baco,  der  in  dieser  Hinsicht  eine  mittlere  Stelle 
zwischen  logistischen  Empirismus  D'Aillj's  und  dem  specula- 
tiven  Individualismus  des  Cusaners  einnimmt,  sofern  er  näm- 
lich an  der  durch  den  Nominalisrous  zersetzten  Realität  des 
metaphysischen  Gedankens  festhält,  der  ihm  ja  in  den  Begriffen 
von  Materie  und  Form  die  allgemeinen  Unterlagen  seiner  meta- 
physischen Weltconstruction  darbieten  muss  und  auch  in  die 
Physik  hinein  seine  Rechte  geltend  macht.  Freilich  nennt  Baco 
die  der  sogenannten  allgemeinen  Physik  zugewiesenen  rationalen 
Grundbegriffe  nicht  mehr  metaphysische  Begriffe,  da  ihm  das 
Gebiet  der  Metaphysik  sich  auf  den  Bereich  der  spirituellen 
Existenzen  beschränkt,  und  die  rationalen  Grundbegriffe  der 
Physik  sich  auf  etwas  beziehen,  was  an  sich  unsinnlich  doch 
mit  dem  sinnlich  Erscheinenden  unzertrennlich  verknüpft  ist, 
wie  Zeit,  Raum,  Bewegung,  Eraftäusserung.  Er  nennt  aber 
seine  Gedanken  über  diese  Erörterungsobjecte  der  allgemeinen 
Physik  nur  darum  nicht  metaphysische  Gedanken,  weil  jene 
Objecto  keine  spirituellen  Realitäten,  und  demzufolge  für  ihn 
keine  Objecto  geistiger  Intuition,  sondern  einzig  ratiocinativer 
Zergliederung  sind.  Wären  sie  Objecto  geistiger  Intuition,  so 
müssten  sie  in  Gott  urhaft  aufgehoben  sein,  was  aber  nach 
Baco  zufolge  der  absoluten  Geistigkeit  oder  Unsinnlichkeit 
Gottes  unmöglich  ist.  In  Gott  sind  nur  die  Gedanken  der 
Dinge  aufgehoben,  an  welchen  die  von  der  allgemeinen  Physik 
zergliederten  Modalitäten  derselben  als  denknothwendige  Be- 
stimmtheiten derselben  erscheinen;  wir  denken  aber  diese  Be- 
stimmtheiten nur  darum,  weil  sie  sich  zugleich  mit  den  Objecten 
der  sinnlichen  Erfahrungswelt  uns  unabweislich  aufdringen. 
Von  einer  metaphysischen  Deduction  jener  Bestimmtheiten  ist 
bei  Baco  schlechthin  keine  Rede,  sondern  bloss  von  einer  ratio- 
cinativen  Feststellung  des  mit  ihnen  zu  verbindenden  richtigen 
Begriffes.  Dagegen  macht  aber  das  metaphysische  Denken, 
ohne  dass  es  Baco  zugestehen  will,  bei  seinen  Erörterungen 
über  das  Einzelne  und  Individuelle  als  solches  seine  Rechte 
geltend.     Es  ist  nicht  Verwerfung  einer  metaphysischen  Natur- 


Die  Psycholoffie,  Erkenntniis-  und  WiBMnichftftslfthre  des  Boger  Baco.         565 

erklfirong,  sondern  nur  eine  anders  modificirte  Art  derselben^ 
wenn  er  unter  kritischer  Abthuung  der  von  ihm  verworfenen 
metaphysischen  Bedeutung  der  Universalien  das  Singulare  als 
Solches  als  das  wahrhaft  Seiende  und  desshalb  Wirkungs&hige 
erklärt  Die  Materie  ist  ihm  nicht  reine  Passivität,  sondern  Strebe- 
verlangen (Conatus),  welches  durch  die  Formation  der  Materie 
activ  gemacht  und  seiner  ursprünglichen  Unbestimmtheit  entrissen 
zu  einem  Streben  bestimmter  Art  gemacht  wird.  Dieses  Streben 
bestimmter  Art  entspricht  der  bestimmten  Natur  des  Individuums 
d«  h.  des  Compositums  aus  einer  bestimmten  Form  und  aus  einer 
bestimmten  Art  der  Materie,  welche  letztere  nirgends  in  ihrer 
unbestimmten  Allgemeinheit,  sondern  allüberall  als  eine  indi- 
viduell bestimmte  existirt,  obschon  man  wegen  des  Zusammen- 
treffens vieler  Individuen  in  einer  gemeinsamen  Form  auch  be- 
stimmte Arten  der  den  verschiedenen  Formen  entsprechenden 
Materien  anzunehmen  hat.  Der  Denkzusammenhang  der  Welt^ 
lehre  Baco's  nöthiget  uns,  zwischen  ursprünglichen  und  abge- 
leiteten Arten  der  Materie  zu  unterscheiden,  d.  h.  zwischen 
solchen  Arten,  die  zugleich  mit  den  Formen,  in  welche  jede 
derselben  hineingebildet  ist,  durch  einen  ursprünglichen  Crea- 
tionsact  gesetzt  sind,  und  zwischen  Materien,  welche,  wie  jene 
der  irdischen  Sonderwesen  durch  Superformationen  der  schon 
vorhandenen  sublunaren  und  irdischen  Stofflichkeit  gebildet 
worden  sind.  Denn  wir  wissen  bereits,  dass  für  jede  besondere 
Wesensspecies  auch  eine  besondere  Art  der  Materie  vorhanden 
sein  muss.  Aus  dem  Gesagten  folgt,  dass  die  Engel,  die  himm- 
lischen Körper  und  die  Elementarkörper  der  sublunaren  Welt  un- 
mittelbar durch  Gott  geschaffen  sein  müssen,  während  bezüglich 
der  verschiedenen  Arten  der  tellurischen  Sonderdinge  ange- 
nommen werden  könnte,  dass  sie  durch  die  Einwirkungen  der 
siderischen  Welt  aus  der  elementarischen  sublunarischen  Stofflich- 
keit educirt  worden  seien,  wenn  nicht  die  Bedeutung,  welche  Baco 
der  Singularität  als  solcher  beilegt,  es  nothwendig  machen  würde, 
fiir  alles  Individuelle  und  Singulare,  was  die  tellurische  Sphäre 
in  sich  fasst,  gleichfalls  eine  primitive  Creation  durch  Gott 
anzunehmen,  ^  und  nur  die  Propagation  der  durch  den  göttlichen 
Willen    primitiv  gesetzten  Typen   der  verschiedenen   Wesens- 

*  Prima  individna  animaliam   et  plantarnm  non  fuerunt  generata  sed  vel 
creata  vel  plasmata.  Op.  maj.,  p.  292. 

37* 


566  Werner. 

species  den  Einwirkungen  der  siderischen  Potenzen  anheim- 
zugeben. Baco  steht,  soweit  er  an  diesem  Verhältniss  zwischen 
himmlischer  und  sublunarischer  Welt  festhält,  unter  dem  Ein- 
flüsse der  antiken  Kosmologie  und  Physik,  während  sich  in 
seiner  Betonung  der  Bedeutung  des  Individuellen  und  Singa- 
lären  der  christliche  Gedanke  geltend  macht.  Dieses  Ge- 
dankenmotiv scheidet  seinen  Individualismus  von  dem  empi- 
ristischen Singularismus  der  Nominalisten  ab,  welcher  auf  die 
Verwerfung  der  von  Baco  wenigstens  relativ  anerkannten  meta- 
physischen Bedeutung  des  Allgemeingedankens  gegründet  war. 
Aber  sowohl  Baco  als  auch  die  mittelalterlichen  Nominalisten 
halten  an  der  antiken  Auffassung  des  Verhältnisses  zwischen 
himmlischer  und  irdischer  Welt  fest,  und  stehen  daher  in  ebem 
ihnen  Beiden  gemeinsamen  Qegensatze  zu  Nikolaus  von  Cusa, 
welcher  durch  die  speculative  Begründung,  die  er  seinem  In- 
dividualismus gab,  die  Schranken  der  antiken  Kosmologie  durch- 
brach, und  bereits  auch  die  physikalische  Unrichtigkeit  des 
geocentrischen  Weltsystems  andeutete.  Baco  blieb  durch  sein 
Festhalten  am  Geocentrismus  innerhalb  die  Qränzen  der  mittel- 
alterlichen Weltanschauung  gebannt,  während  der  Cusaner  durch 
seinen  speculativen  Individualismus  den  ersten  Schritt  über 
dieselbe  hinausthat.  Baco's  Individualismus  ist  nicht  jener  des 
speculativen  Gedankens,  sondern  einfach  nur  jener  des  christ- 
lich-religiösen  Creationsgedankens  unter  Verzicht  auf  den  noch 
ausserhalb  seines  Denkbereiches  liegenden  Versuch  einer  Ver- 
mittelung  der  generischen  Allgemeinheit  mit  der  individuellen 
Besonderheit  in  einem  über  beide  hinausliegenden  höheren 
Denkelemente,  in  welches  sich  Nikolaus  von  Cusa  durch  seinen 
speculativen  Individualismus  aufschwang,  ohne  freilich  über 
eine  ontologisch  abstracto  Fassung  und  Lösung  des  von  ihm 
aufgegriffenen  philosophischen  Denkproblems  hinauszugelangen. 
Baco  begnügte  sich  zufolge  seines  grundsätzlichen  Empirismus 
mit  einem  physikalischen  Dynamismus^  der  ihm  die  unmittelbare 
Gewährschaft  für  die  Richtigkeit  seines  Individualismus  bot; 
und  ihm  auch  die  orientirenden  Gesichtspunkte  für  die  Er- 
mittelung des  richtigen  Verhältnisses  zwischen  Stoff  und  Form 
als  den  grundhaften  Componenten  alles  geschöpflichen  Daseins 
darbot.  Denn  alle  Kraftwirkung  geht  von  einem  bestimmten 
Centrum   aus,    welches   als   solches   einen  bestimmten  Ort  ein- 


Die  pNycboIogie,  Erkenntniss-  nnd  Wissenscliaftslehre  des  Roger  fiaco.  567 

nimmt;  und  ein  individuelles  Dasein  als  Sitz  und  Hort  der 
Kraftwirkung  involvirt.  Eben  hieraus  folgt  aber  zugleich  auch, 
dass  nur  innerräumliche  oder  physische  Existenzen  Gegenstand 
unserer  geistigen  Erforschung  sein  können,  während  die  über- 
räumlichen, illocalen  geistigen  Existenzen  nur  in  dem  Qrade,  als 
sie  sich  durch  ihre  Wirksamkeiten  vemehmbar  machen,  und  nach 
den  denknothwendigen  Analogien  ihres  Seins  und  Wesens  mit 
jenem  der  sinnlichen  Existenzen  erkennbar  sind.  Dass  wir  diess 
von  ihnen  wissen,  verdanken  wir  nach  Baco  schliesslich  nur  der 
Offenbarung  in  der  oben  schon  auseinandergesetzten  Weise. 

Gleichwohl  stehen  wir  als  willensfreie  moralische  Wesen 
ganz  und  gar  im  Bereiche  jener  übersinnlichen  Ordnung,  deren 
Organisation  und  Gesetze  wir  im  Lichte  der  inneren  und  der 
historischen  äusseren  Offenbarung,  so  wie  der  aus  dem  Alter- 
thum  überlieferten  Weisheitslehren  zu  erkennen  haben.  Die 
Erkenntniss.  dieser  Ordnung  ruht,  soweit  sie  rationale  Er- 
kenntniss  ist,  auf  der  Metaphysik;  diese  geht  für  Baco,  soweit 
sie  über  die  Metaphysik  der  Körperwelt  hinausreicht,  ganz  und 
gar  in  Theologie  und  Moral  auf.  ^  Baco  gibt  in  einem  Tractate 
über  Moralphilosophie,  welcher  die  Schlusspartie  seines  Opus 
tertium  bilden  sollte,  ^  die  der  Moral  mit  der  Metaphysik  ge- 
meinsamen Lehren  an,^  welche  die  Unterlage  der  Moralphilo- 
sophie als  Rechts-  und  Pflichtenlehre  zu  bilden  haben.  Diese 
Lehren  sind  lauter  Lehren  derjenigen  Wissenschaft,  welche 
man  heute  zu  Tage  die  natürliche  Theologie  nennen  würde, 
nämlich  die  Lehren  von  Gottes  Wesen,  von  Gott  als  Welturheber 
und  Weltregenten,  von  den  Engeln  und  Menschenseelen,  von 
der  sittlichen  Ordnung  im  menschlichen  Zeitdasein  und  von 
der  ewigen  Vergeltung  in  einem  zukünftigen  Leben,  von  den 
pflichtgemässen  sittlichen  Beziehungen  des  Menschen  zu  Gott, 
zu  sich  und  zum  Nächsten,  von  der  Nothwendigkeit  eines  öffent- 
lichen und  gemeinsamen  Cultes.  Wie  dieser  Cult  beschaffen 
sein  müsse,    kann   man   nach  Baco   nur   aus   der  Offenbarung 


^  VgL  bieza  die  oben  S.  519  ff.  angegebenen,  hierüber  orientirenden  Bemer- 
kungen Baco^s  über  das  Verhältniss  zwischen  Vernunft  und  Wille,  Intel- 
lectus  speculativufl  und  Intellectus  practicus. 

'  In  Baco*s  handschriftlich  vorhandenem  Werke  de  phUosophia  morali. 
Siehe  Charles  p.  69  und  246—260. 

3  De  philosophia  morali,  c.  1.  Aushebung  dieser  SStze  bei  Charles  p.  260. 


568  Wern«r. 

wissen;  Mittler  der  wahren  und  richtigen  Erkenntniss  des  In- 
haltes der  Offenbarung  ist  der  Papst  als  Oberhaupt  der  Kirche 
und  unmittelbarer  Stellvertreter  Gottes  auf  Erden.  <  Baco  spricht 
in  diesem  Satze  aus  dem  unmittelbaren  Bewusstsein  seiner 
Zeit  herauS;  deren  Anschauungen,  weil  und  soweit  er  in  ihnen 
lebt,  für  ihn  die  Geltung  unmittelbarer  rationaler  Evidenz  haben; 
es  ist  ihm  undenkbar,  wie  die  nun  einmal  factisch  bestehende 
sittliche  Ordnung  auf  Erden,  die  in  der  christlichen  Gesellschaft 
repräsentirt  ist,  ohne  ihre  centrale  Zusammenfassung  in  einem 
höchsten  menschlichen  Haupte  Bestand  haben  könnte.  Auch 
hier  berührt  sich  Baco  merkwürdiger  Weise  mit  einem  Ge- 
danken, welchen  Nikolaus  Cusanus  in  seiner  späteren,  auf  das 
Basier  Concil  folgenden  Entwickelungsepoche  seiner  kirchlichen 
Anschauungen  entwickelte.  In  einer  während  des  Frankfurter 
Fürstentages  a.  1442  abgefassten  Schrift^  fasst  er  das  Verhaltniss 
des  Papstes  zur  Kirche  nach  Analogie  des  Verhältnisses  Adams 
zum  menschlichen  Geschlechte,  Gottes  zur  Welt.  Wie  die 
Kraft  der  Einheit  der  menschlichen  Natur  aus  dem  das  ganze 
Menschengeschlecht  umfassenden  Adam  sich  auswickelte,  and 
Gottes  Schöpferkraft  in  den  Geschöpfen  sich  entfaltet,  so  die 
verschiedenen  Abstufungen  der  kirchlichen  Gewalt  aus  ihrer 
ursprünglichen  ungeschiedenen  Einigung  in  Petrus,  dem  gott- 
bestellten  Haupte  der  Kirche,  welches  aber,  indem  es  die  ver- 
schieden abgestuften  besonderen  Gewalten  aus  sich  entlässt, 
die  höchste  und  universale  Gewalt  ungeschwächt  zu  behaupten 
fortfährt,  und  die  aus  ihm  emittirten  besonderen,  ihrer  Natur 
nach  beschränkteren  Gewalten  der  Patriarchen,  Metropoliten, 
Bischöfe  und  Priester  umschliessend  in  sich  fasst,  so  dass  es 
im  Grunde  keine  Gewalt  ausser  jener  dieses  Ersten  (des  Petrus 
und  seiner  Nachfolger)  gibt. 


^  Der  letzte  der  siebzehiii  ans  der  Metaphysik  zam  Unterhan  der  Moni 
entlehnten  Sätze  lantet:  Qaod  uni  tantum  fieri  debet  revelatio,  qnod  iste 
debeat  esse  mediator  Dei  et  hominnm  et  Ticarias  Dei  in  terra,  cni  snb- 
jiciatar  totnm  genus  hominnm,  et  cui  credere  debeat  sine  contradictiooe 
....  et  iste  est  legislator  et  summos  sacerdosi  qui  in  spuritaalibns  et 
temporalibns  habet  plenitndinem  potestatis  tanquam  Dens  hnmanns,  nt 
dicit  Avicenna  in  10  Metaph.,  qnem  licet  adorare  post  Denm.  De  philos. 
mor.,  c.  1. 

2  Ad  Rodericnm  de  Trevino  Archidiaconnm. 


Die  Psychologie«  Erkcnntniss-  and  Wissenschaftalehre  de«  Boger  Baco.  569 

Baco  gliedert  die  PhiloBophia  moralis  in  sechs  Theile^ 
von  welchen  indess  bis  jetzt  nur  die  drei  ersten  handschriftlich 
aufgefunden  worden  sind.  In  diesen  behandelt  der  erste  Theii 
die  Principienlehre,  der  zweite  die  Gesellschaftslehre^  der  dritte 
die  moralischen  Verpflichtungen  jedes  Einzelnen  als  solchen.  ^ 
Nach  seiner  eigenen  Angabe  verhalten  sich  diese  drei  Theile 
zu  einander,  wie  Cultus  Dei,  Bonum  commune;  Bonum  privatum; 
hiedurch  ist  auch  die  Rangordnung  in  ihrer  Aufeinanderfolge 
bestimmt.  In  der  Gesellschaftslehre  ^  entwickelt  Baco  unter 
häufiger  Verweisung  auf  Avicenna  seine  Theorie  vom  Staate  und 
dessen  fundamentalen  Einrichtungen,  von  den  Gesetzen,  durch 
welche  die  eheliche  Gemeinschaft,  das  Verhältniss  zwischen 
Obrigkeiten  und  Untergebenen,  Herren  und  Dienern,  Haus- 
vätern und  Familiengenossen,  Lehrern  und  Schülern  zu  regeln 
ist  Als  die  drei  nothwendigen  Factoren  zur  Feststellung  und 
Herhaltung  der  rechtlichen  Ordnung  im  bürgerlichen  Gemein- 
wesen bezeichnet  er  die  Lenker,  die  Hilfsorgane  der  Leitgewalt 
und  die  Gesetzeskundigen.  Unnütze,  arbeitsscheue  Glieder  der 
bürgerlichen  Gesellschaft  sollen  nicht  geduldet,  sondern  aus- 
gewiesen und  unter  besondere  Aufsicht  gestellt  werden.  Der 
Staatsschatz,  dessen  Einkünfte  in  gesetzlich  festgestellten  Ab- 
gaben, Strafgeldern  und  Kriegsbeute  bestehen,  soll  neben  der 
Bestreitung  der  übrigen  für  das  Gemeinwohl  nöthigen  Ausgaben 
auch  den  Alten  und  Gebrechlichen  zu  Gute  kommen;  auch 
die  Lehrer  des  Gesetzes  müssen  durch  denselben  sustentirt 
werden.  Baco  verbreitet  sich  weiter  über  Erbschaftsrecht  und 
Testamente,  Verträge  und  Processsachen;  keine  Art  unsolider 
Schwindelei  soll  geduldet,  Glückspiele  und  andere  auf  Aus- 
beutung und  Corrumpirung  der  bürgerlichen  Gesellschaft  ab- 
zielende Unternehmungen  sollen  verpönt  sein.  Auch  auf  die  Straf- 
justiz und  das  Kriegswesen  wirft  er  einen  flüchtigen  Blick. 
Für  die  Succession  in  der  Herrschaft  soll  Sorge  getragen  sein; 
Baco  erklärt  sich  für  die  durch  Wahl  zu  bestimmende  Suc- 
cession.    Der  Staatslenker  heisst   bei   ihm  stets  Legislator;   er 

^  Aach  im  Opus  tertium  (c.  14)  scheidet  Baco  die  Moralphilosophie  in  sechs 
Theile.  Der  Inhalt  des  yierten  und  fünften  Theiles  bezieht  sich  auf  die 
Ekklesiastik ;  der  sechste  Theil  handelt  de  causis  ventilandis  coram  judice 
inter  partes,  at  fiat  jastitia. 

3  Philos.  mor.,  c.  7.  Vgl.  die  Auszüge  bei  Charles  p.  S44 — 347. 


5?Ö  Werne*. 

fasst  also  die  Herrscher  der  Staaten  in  einer  seiner  Auffassung 
der  päpstlichen  Würde  analogen  Weise  auf.  Die  Freiheit  der 
Untergebenen  wird  bei  dieser  Auffassungsart  durch  das  ihnen 
eingeräumte  Wahlrecht  gewahrt,  dessen  Entscheidung  er  als 
Gottes  Urtheil  ansieht;  er  räumt  überdiess  dem  Volke  das 
Recht  eiU;  einen  als  unfähig  und  unwürdig  Erkannten  abzu- 
setzen und  anstatt  desselben  einen  Anderen  zu  wählen.  Die 
bürgerlichen  Einrichtungen  der  Staaten  und  Reiche  können 
durch  natürliche  Ursachen,  durch  die  Philosophie  und  endlich 
unmittelbar  durch  das  christliche  Gesetz  normirt  seinJ  Als 
natürliche  Ursachen  bezeichnet  Baco  die  durch  die  siderischen 
Einflüsse  bedingten  klimatologischen  Zustände  und  psychisch- 
physischen Dispositionen  der  Völker;  die  philosophische  Ge- 
setzesweisheit sucht  Baco  vornehmlich  bei  den  alten  Griechen, 
unter  welchen  Plato  und  Aristoteles  als  philosophische  Gesetzes- 
lehrer hervorragen.  Aristoteles  habe  ^  die  sechs  möglichen  Formen 
der  socialen  Ordnung  vom  ethischen  Standpunkte  eruirt.  Es 
komme  nämlich  darauf  an,  was  als  oberster  Zweck  und  höchstes 
Gut  der  Societät  angesehen  werde.  Ist  es  die  zukünftige  jen- 
seitige Seligkeit,  so  ergibt  sich  hieraus  die  Idee  der  christlichen 
Societät,  welche  auch  von  Aristoteles  und  anderen  richtig 
Philosophirenden,  wenn  schon  nur  unvollkommen,  erfasst  worden 
ist.  Gilt  zeitlich -irdische  Wohlfahrt  als  höchster  Zweck,  so 
können  Wohlleben,  Reichthum,  Herrschaft,  Unterjochung  der 
Völker,  Ruhm  als  Objecte  des  Begehrens  des  Volksgeistes  die 
mannigfaltigen  Formen  des  bürgerlichen  Gemein-  und  Staats- 
wesens bestimmen.  Indem  Aristoteles  die  Verderblichkeit  dieser 
Formen  zeige  und  zugleich  die  Wege  zur  Abwendung  derselben 
und  der  mit  ihnen  verbundenen  Schäden  des  Gemeinwohles 
aufweise,  habe  er  sich  als  einen  ächten  Gesetzes  weisen  bekundet,^ 
und  biete  auf  wenigen  Blättern  mehr  als  das  gesammte  Corpus 


^  Comp.  8tud.  phil.,  c.  4. 

2  Baco  bezieht  sich  hier  anf  Aristot  Pol.  VII,  c.  1  ff. 

^  Aristoteles  et  ejus  discipulus  Theophrastus  omnia  compleyenint,  ut  dicit 
M.  Tullius  qninto  Acaderoieornm  libro  (vielleicht  Versehen  statt  Fin.  V,  4), 
et  ab  his  habnerant  omnes  Latini  omnes  leges  principaliter;  qnamqaam 
Leges  XII  Tab.  faemnt  transscriptae  ex  dictis  Sölonia  Atheniensis.  Sed 
dolendam,  qaod  haec  pars  philosophiae  non  est  apnd  Latinos  nsn  nisi  lai- 
caliter,   secandnm  qnod  imperatores  et  reg«8  statuemnt.   Op.  tert,  c.  14. 


Die  Psychologie,  ErkenntniM-  and  WisBenseliAftelehre  doe  BogAr  Baeo.  57 1 

Juris  Romani.  Auch  im  dritten  Theile  der  Philosophia  moralis, 
in  der  Lehre  von  der  Privatmoral,  ist  Baco's  Hauptführer  Ari- 
stoteles, welchem  die  Lehre  von  den  Tugenden  entlehnt  ist; 
neben  Aristoteles  werden  vornehmlich  die  moralischen  Schriften 
Cicero's  und  Seneca's  als  unerschöpflich  reich  an  moralischer 
Belehrung  empfohlen.  ^  Die  aristotelischen  Schriften  über  Ethik, 
Politik  und  Rhetorik  unter  Hinzunahme  eines  dem  Aristoteles 
beigelegten  Liber  de  regimine  regnorum  gelten  Baco  als  der 
vollständige  Inbegri£F  aller  sechs  Theile  der  Philosophia  Moralis; 
er  findet  bei  Aristoteles  die  christlich-theologische  B^ründung 
der  Philosophia  moralis  durch  die  Lehre  vom  dreieinigen  Gotte, 
welche  Aristoteles  theils  von  seinem  Lehrer  Plato,  nach  Aussage 
des  Liber  de  regimine  regnorum  noch  vollkommener  aus  he- 
bräischen Schriften  und  in  persönlichem  Verkehre  mit  den  He- 
bräern kennen  gelernt  habe.  Seinen  Charakter  als  Lehrer  er- 
habener Weisheit  habe  er  nicht  bloss  durch  Wort  und  Schrift, 
sondern  auch  durch  die  That  bewährt,  indem  er  am  Abend 
seines  Lebens  mit  seinen  erlesensten  Schülern  Besitz  und  Heimath 
verliess,  um  ausschliesslich  der  meditativen  Beschauung,  der  Er- 
wägung der  göttlichen,  ewigen  Dinge  und  der  jenseitigen  zu- 
künftigen Welt  zu  leben. 

Baco  denkt,  wie  wir  oben^  hörten,  nichts  weniger  als 
vortheilhaft  vom  römischen  Rechte;  er  bezeichnet  es  gleich 
den  in  den  meisten  Ländern  und  Reichen  bestehenden  beson- 
deren Gesetzgebungen  als  ein  unphilosophisches  Laienrecht, 
welches  rein  natürlichen,  und  so  weit  es  in  den  Erlässen  der 
Regenten  begründet  ist,  zufälligen  Ursprunges  sei,  und  auch  in 
seiner  Exsequirung  auf  eine  rein  mechanische,  d.  i.  handwerks- 
mässige  Weise  gehandhabt  werde.  Er  stösst  sich  desshalb'  an 
dem  Umstände,  dass  das  römische  Recht  durch  Kleriker  gelehrt 


^  Legantnr  decem  libri  Etbicoruin  Aristotelis  et  inuumerabiles  Senecae  et 
Xallü  et  aliorum,  et  iiiTeniemus,  quod  somiis  in  abyase  yitiorum,  nt 
dicamns:  Gratia  Dei  salvavit  nos.  Summns  enim  zeloa  castitatis  et  man- 
anetadinia  et  patientiae  et  conatantiae  et  omniam  virtutam  fait  apnd 
philoaophoa.  Nam  non  eat  homo  in  aliqao  vitio  ita  abaorptua,  quin  ai 
legeret  diligenter  libroa  hoa,  illnd  vitinm  dimitteret;  qnoniam  ita  potenter 
alle^ant  pro  qualibet  virtate,  et  contra  quodlibet  yitiiim  quod  non  eat 
finia.  Op.  tert.,  e.  14. 

3  Siehe  oben  S.  508,  Anm.  2. 

>  Comp.  atad.  phil.,  c.  14. 


572  Werner. 

werde^  oder  dass  die  völlig  weltlich  lebenden  Lehrer  desselben 
als  Kleriker  gelten  wollen.  Den  Klerikern  zieme  es,  sich  dem 
allgemein  giltigen  kirchlichen  Rechte  zu  widmen,  über  dessen 
Verhältniss  zum  weltlichen  Rechte  uns  Baco  freilich  einiger- 
maassen  im  Unklaren  lässt.  Wenn  er  <  sagt,  dass  ein  Reich, 
welches  gute  Qesetze  habe,  nach  Erkenntniss  des  besten  Rechtes, 
welches  eben  das  christliche  Recht  ist,  schuldig  sei,  dasselbe  mit 
Aufgebung  des  bisherigen  anzunehmen,  so  möchte  man  daraus 
folgern,  dass  den  weltlichen  Gesetzgebungen  schlechthin  das  geist- 
liche Recht  der  Kirche  substituirt  werden  solle,  oder  wenigstens 
erstere  in  absoluter  Unterordnung  unter  das  allgemeine  kirchliche 
Qesetz  nur  so  weit  fortbestehen  dürfen,  als  die  besonderen  Landes* 
Verhältnisse  eine  speciell  modificirte  Application  desselben  noth- 
wendig  erscheinen  lassen.  Baco  scheint  hier  seinem  philosophischen 
Individualismus  untreu  werden  zu  wollen,  und  hat  jedenfalls 
noch  keine  Ahnung  von  der  Herausbildung  der  besonderen 
Staaten  und  Reiche  als  selbstständiger  Individualitäten  aus  der 
allgemeinen  christlichen  Völkerfamilie.  Ihm  ist,  wie  seiner  Zeit, 
die  Idee  des  Culturstaates  noch  völlig  fremd,  weil  alle  Cultur 
dazumal  wesentlich  noch  die  ausschliesslich  kirchliche  war;  er 
kennt  noch  keine  Ablösung  der  Rechtsidee  von  der  Sittlich- 
keitsidee und  beider  von  der  religiösen  Idee,  und  hat  also  auch 
noch  keine  Ahnung  von  der  weltgeschichtlichen  Bewegung^ 
deren  Verlauf  ein  relatives  Auseinandertreten  der  von  jenen 
drei  Ideen  umfassten  Qebiete  herbeiführen  sollte,  um  eine  in 
der  Idee  des  Menschenwesens  vermittelte  Einigung  derselben 
anzubahnen.  Daher  seine  Glorification  des  allerdings  in  seinem 
Jahrhundert  im  Zenith  seiner  Machthoheit  stehenden  Papst- 
thums;  das  Papstthum  ist  ihm  nicht  nur  wie  jedem  Katholiken 
für  immer  und  alle  Zeit  die  höchste  Würde  auf  Erden,  sondern 
der  Papst  zugleich  auch  der  oberste  Weltherrscher  und  Regent 
der  Reiche.* 


1  Pilos.  mor.|  c.  7 :  Si  aliqua  civitas  vel  regnum  bonaram  ait  consütatioDam 
et  legis,  hoc  uon  adyersator  ei,  quin  debeat  recipere  aliam  legem,  cajas 
institntio  quam  optima  est,  quare  dilatanda  est  per  totam  orbem,  et  in 
hoc  yerbo  lex  christiana  innaitur. 

'  Sapientia  humana  ordinat  hominem  in  yitam  aeternam  secundam  posribili- 
tatem  philosophiae,  et  probat,  qnod  lex  debet  a  solo  Deo  revelari,  et  uni 
legislatori  perfecto,  qui  est  Ticarius  ejus  in  terra,  et  qni  habet  toti  mando 


Die  Psychologie,  Erkenntnist-  und  Wittensebaftelehre  dee  Roger  Baeo.  573 

Die  dem  Papsttbum  dargebrachte  Huldigung  steht  bei 
Baco  in  engster  Verbindung  mit  seinen  Plänen  und  Bemühungen 
um  Verwirklichung  seines  Wissenschaftsideales^  die  er  einzig 
mit  Hilfe  des  weltmächtigen  allgebietenden  Papstthum  durch- 
fuhrbar erachtete.  Er  spricht  diess  in  dem  Uebersichtsplane  der 
vierten  Abtheilung  seiner  Philosophia  moralis  aus.  ^  Sein  Wissen- 
schaftsideal  ist  die  Aufnahme  der  gesammten  Menschenweisheit 
in  die  christliche  Theologie,  welche  hiedurch  zu  einem  Tempel 
der  gotterleuchteten  Gesammtwissenschaft  werden,  und  auf  das 
Fundament  einer  allumfassenden  Weltkunde  gestellt  werden 
soll.  Da  nämlich  die  geistigen  Dinge  nach  Analogie  der  sinn- 
lichen, die  himmlischen  nach  Analogie  der  irdischen  zu  ver- 
stehen sind,  so  muss  ein  in  successiver  Erweiterung  und  Ver- 
tiefung begriffener  Betrieb  der  Weltkunde  durch  sich  selbst  zu 
einer  stets  vollkommeneren  Aufhellung  der  christlichen  Er- 
kenntniss  und  ihrer  Mysterien  führen,  und  damit  der  Sieg  des 
Christenthums  auf  Erden  über  alle  von  ihm  abweichenden 
Völkerreligionen  angebahnt  werden.  Baco  muthete  der  Kirche 
die  Aufgabe  zu,  das  von  ihr  im  Beginne  des  Mittelalters  über- 
nommene grundlegende  Werk  des  Unterrichtes  und  der  geisti- 
gen Bildung  der  Nationen  durch  sich  allein  mit  den  ihr  un- 
mittelbar zu  Gebote  stehenden  geistlichen  Kräften  fortzuführen 
und  zu  vollenden.  Die  Geschichte  hat  gelehrt,  dass  die  Ange- 
legenheiten des  Unterrichtes  und  der  Bildung,  wenn  die  Völker 
durch  den  erziehenden  Einfluss  der  Religion  bis  zu  einer  ge- 
wissen Stufe  emporgehoben  worden  sind,  selbsteigene  Ange- 
legenheit der  christlichen  Gesellschaft  werden  und  das  Laien- 
thum  die  specifische  Vertretung  aller  weltlichen  Wissenszweige 
zu  übernehmen  hat.  Und  diess  rausste  allüberall  da  eintreten, 
wo  an  die  Stelle  und  auf  Grund  der  von  der  Kirche  über- 
lieferten antiken  Bildung  eine  nationale  Bildung  trat,  deren 
Entwickelung  mit  der  Erstarkung  des  Selbstbewusstseins  des 
Laienthums,  und  des  mit  dem  geistig  geweckten  Nationalbe- 
wusstsein  engst  verwachsenen  Staatsgedankens  zusammenhing. 


domioari  et  omnia  regna  dUponere;   et  hie  habet  legem  promalgare  et 
ordioare  de  sno  snecessore,  quem  philosophi  vocant  summiini  aacerdotem. 
Op.  tert,  c.  14. 
»  L.  c. 


574  Werner. 

Die  fünfte  AbtheiluDg  der  Pbilosophia  Moralis  hat  es  mit 
der  geistigen  Einfiassnahme  der  Kirche  auf  das  gläubige  Laien- 
thum  zu  thuD.  Auch  hier  zeigt  sich  wieder,  dass  Baco  nur 
das  geistig  noch  unentwickelte  Laienthum  seines  Zeitalters  im 
Auge  hat,  welches  die  Kirche  nach  seiner  Ansicht  durch  die 
mündliche  Predigt  zu  leiten  und  geistig  zu  beherrschen  hat^ 
Baco  hatte  noch  keine  Ahnung  von  der  durch  die  Erfindung 
der  Buchdruckerkunst  zu  bewirkenden  geistigen  Umwälzung 
in  der  civilisirten  Gesellschaft;  er  konnte  also  auch  nicht  von 
ferne  daran  denken^  wie  viele  andere  Mittel  geistiger  Beein- 
flussung und  Leitung  der  religiös-sittlichen  Ueberzeugungen 
der  kirchlichen  Predigt  an  die  Seite  zu  treten  hätten,  um  der 
kirchlichen  Predigt  den  von  ihm  beabsichtigten  Einfluss  zu 
sichern  und  denselben  zu  unterstützen.  Er  zeigt  sich  übrigens 
von  der  Predigtweise  seiner  Zeit  durchaus  nicht  befriedigte^ 
nennt  sie  unphilosophisch,  geziert,  der  Erkenntniss  des  wahren 
Wesens  der  ächten  Rhetorik  entbehrend,  und  demzufolge  aach 
ohne  Kenntniss  der  Mittel,  den  Menschen  innerlich  zu  fassen 
und  durch  die  Macht  des  lebendigen  Wortes  zu  beherrschen. 
Er  macht  nur  zu  Gunsten  einzelner  geistlicher  Redner  eine 
Ausnahme,  unter  welcher  er  den  Berthold  von  Regensburg 
mit  Namen  hervorhebt. 

Baco  unterscheidet  zwischen  der  Rhetorica  docens  und 
utens;  die  erstere  weist  er  der  Logik,  letztere  der  Musik  zu, 
und  sieht  in  der  Musikkunst,  diese  im  weitesten  Sinne  ver- 
standen, ein  Hauptmittel  der  Kirche  in  ihrer  Wirksamkeit  auf 
Sinn,  Gemüth  und  Ueberzengung  der  Gläubigen.^  Baco  gibt 
sich  den  weitestgehenden  und  höchstgesteigerten  Erwartungen 
über  die  Macht  und  Wirkung  einer  vollkommen  ausgebildeten 
Musikkunst  hin,    und   scheint   die   poetisiFenden    Erzählungen 


^  Op.  tert.,  cap.  15  et  75. 

'  Principalis  intentio  ecclesiae  et  ultimus  finis  est  opns  praedicationis,  ut 
infideles  ad  fidem  couyertaDtor  et  fideles  in  fide  et  moribus  conserventor. 
Sed  qoia  utrumque  modom  valgtu  ignorat,  convertit  se  ad  summam  et 
infinitam  curiositatem,  seil,  per  divisiones  Porphyrianaa  et  per  conso- 
nantiaa  ineptas  verbomni  et  claosularum,  et  per  concordantias  rocales,  in 
quibuB  est  sola  yanitas  yerbosa,  omni  carens  omata  rbetorico  et  virtate 
persnadendi.  Op.  c.,  c.  75. 

>  Op.  tert,  cap.  72—74. 


Di«  Piyehologie,  ErkenntniM-  and  WisMnsckaftsklure  des  £oger  Bmo.  575 

des  Alterthums  hierüber  als  beglaubigte  Qeschichte  nehmen  zu 
wollen;  er  traut  der  Musik  die  Eigenschaft  zu^  nicht  bloss  die 
Leidenschaften  der  Menschen  zu  besänftigen,  sondern  auch  die 
Bestien  zu  zähmen;  sie  soll  ein  Mittel  sein,  lasterhaften  Hand- 
lungen Einhalt  zu  thim,  die  Uebung  des  Qesanges  eines  der 
vorzüglichsten  Gesundheitsmittel  sein.  Er  ho£Ft  von  einem  zu- 
künftigen tiefsten  Eindringen  in  die  Geheimnisse  der  Musik- 
kunde und  von  der  Erfindung  der  solchen  Einblicken  ent- 
sprechenden Musikinstrumente  Erfolge,  in  welchen  geradezu  die 
Zustände  der  verlorenen  Paradieseswelt  wiederhergestellt  er- 
scheinen würden.  ^  Baco  fasst  übrigens  Poesie  tmd  Musik  in 
unzertrennlicher  Einheit,  und  erkennt  nur  in  demjenigen  einen 
wahrhaften  Musiker,  welcher  sich  zugleich  exact  auf  die  Gesetze 
der  Metrik  und  Rhythmik  versteht.  Daneben  verlauten  wieder 
die  üblichen  Klagen  über  den  in  letzterer  Zeit  eingerissenen 
Verfall  der  kirchlichen  Poesie  und  Musik;  die  Kenntniss  der 
Gesetze  der  Metrik  und  Rhythmik  sei  den  heutigen  Hymnologen 
und  kirchlichen  Dichtern  unbekannt,  an  die  Stelle  der  aus  der 
Kirche  überkommenen  Harmonia  enharmonica,  welche  die  schöne 
Mitte  zwischen  der  rauhen,  abgerissenen  Harmonia  diatonica 
und  der  verweichlichten  schnörkelhaften  Harmonia  chromatica 
einhalte,  sei  das  ungeordnete  Gefallen  an  letzterer  getreten,  der 
Gesang  werde  durch  geschmacklose  Künsteleien  zur  Unnatur 
verzerrt,  man  vernehme  widerliche  Falsetstimmen.  Auch  hierin 
sei  also  der  kirchlichen  Reformarbeit  reichlicher  Sto£F  geboten. 
Baco  lässt  alle  höheren  geistigen  Bestrebungen  in  der  Musik 
als  schlechthin  Höchstem  gipfeln,  welches  über  alles  mensch- 
liche Denken  und  Selbstthun  hinausgreifend  ^  den  Menschen 
mit  göttlicher  Gewalt  ergreife  und  über  sich  selbst  erhebe,  um 
ihn  der  Macht  des  Göttlichen  vollkommen  dienstbar  zu  machen.  ^ 


^  Gerte  raperentar  bmta  in  omnem  volontatem  nostram  .  . .  simUiter  animi 
in  quemlibet  gradum  devotionis  raperentar,  et  in  plenom  cnjoBlibet  vir- 
tntis  amorem  ezcitarentur  et  in  omnem  sanitatem  et  vigorem.  Op.  tert.,  c.  73. 

2  Mira  musicae  super  omnes  scientias  spectanda  potestas.  Kam,  nt  ait 
Boetina,  aliae  scientiae  veritatis  investigatione  laborant;  haec  vero  non 
Bolnmmodo  specnlationi  sed  moralitati  coxgancta  est,  et  naturam  permntat 
universam.  l.  c. 

3  Sic  beatos  Fanciscus  jussit  fratri  cytharistae  at  dolcius  personaret,  qoa- 
teuus  mens  excitaretur  ad  harmonias  coelestes,  quas  planes  audivit.  1.  c. 


576      Werner.  Die  Fsjchologie,  ISrkenntoiss-  a.  WiMenscliAftslehre  d.  Koger  Baeo. 

DieBO  Auffassung  steht  in  vollkommenem  Einklänge  mit  Baco's 
philosophischer  Gesammtanschau ung^  mit  seiner  Vorliebe  fiir 
die  Mathematik;  mit  seiner  Betonung  der  moralisch-praktischen 
Zwecke  aller  Bildung  und  Cultur^  mit  seiner  Ansicht  von  der 
gleichsam  theoleptischen  Natur  alles  höheren  Denkens  und 
ErkennenS;  und  seiner  Abneigung  gegen  die  auf  die  meta- 
physische Wahrheit  und  Geltung  des  AUgemeingedankens  ge- 
gründete Vernunftwissenschaft  der  Scholastik.  An  die  Stelle 
der  geistigen  Apprehension  der  göttlichen  Allgemeingedanken 
als  des  wesenhaften  Geistgehaltes  der  Dinge,  tritt  bei  ihm  die 
Apperception  von  Harmonien,  deren  tönende  Componenten  die 
singulären  Dinge  als  solche  sind,  und  gemäss  der  göttlichen 
Weltconception  zu  einem  planvoll  gedachten  Ganzen  sich  zu- 
sammenfügend eine  wundervolle  Tonschöpfung,  ein  Gedicht 
ewiger  göttlicher  Gedanken  darstellen.  Baco  entdeckte  jedoch 
nicht  den  Zauberstab,  der  die  wirklichen  Dinge  geistig  berührend 
in  Offenbarungen  schöpferischer  göttlicher  Gedanken  sich  ver- 
wandeln macht;  fiir  ihn,  den  grundsätzlichen  Empiristen  blieb 
jene  wundervolle  Harmonie  ein  blosses  Postulat,  eine  blosse 
Denkahnung,  die  erst  dem  ideal  durchgeisteten  Vernunftdenken 
sich  in  eine  lebendige  Denkerfahrung,  in  eine  wirkliche  Appre- 
hension der  dem  sichtbaren  Weltganzen  und  der  gesammten 
Schöpfung  eingegeisteten  göttlichen  Harmonien  umzusetzen  ver- 
mag. Ihm  fallen  göttliche  Inspiration  und  menschliche  tsxvt; 
unvermittelt  auseinander;  und  so  kam  es  gewissermaassen  von 
selbst,  dass  sein  geistiges  Beginnen,  so  gross  es  angelegt  war, 
von  der  auf  die  Selbstmacht  des  scholastischen  Vernunftdenkens 
sich  stützenden  Albert'schen  Schule  zurückgedrängt  wurde,  in 
einem  späteren  Jahrhundert  aber,  wo  die  von  ihm  anticipirten 
Gedanken  mächtig  wieder  auflebten,  bereits  von  der  vorge- 
schrittenen Zeitrichtung  überholt  erschien.  An  Bewunderem 
und  an  Gläubigen  hat  es  ihm  in  den  auf  das  Mittelalter  nächst- 
folgenden Jahrhunderten  nicht  gefehlt;  das  wahrhafte  und 
bleibende  Interesse  an  ihm  kann  jedoch  nur  das  historische 
sein,  welchem  gemäss  seine  geschichtliche  Erscheinung  aus  den 
Zuständen  des  Zeitlebens  seines  Jahrhunderts  verstanden  wird. 


SITZimGSBERICHTE 


DBB 


KAISERLICHEN  AKADEMIE  DER  WISSENSCHAFTEN 


PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE  CLASSE. 


XCIII.  BAND.  IV.  HEFT. 


JAHRGANG  1879.  —  APRIL. 


IX.  SITZUNG  VOM  2.  APRIL  1879. 


Von  der  k.  prenssischen  Akademie  der  Wissenschaften  in 
Berlin  wird  der  erste  Band  des  Werkes:  ^Politische  Correspon- 
denz  Friedrichs  des  Grossen'^ 

von  Herrn  Hofrath  M.  A.  Ritter  von  Becker  in  Wien 
das  fünfte  Heft  des  zweiten  Bandes  der  »Topographie  von 
Niederösterreich'  übersendet. 


Die  k.  bayrische  Akademie  der  Wissenschaften  in  München 
macht  Mittheilung  von  den  beiden  Aufgaben^  welche  zur  Be- 
werbung um  den  von  Herrn  Christakis  Zographos  in  Konstanti- 
nopel gestifteten  Preis  ausgeschrieben  wurden. 

Ferner  zeigt  dieselbe  an,  dass  sie  die  ihr  zur  Verfügung 
gestellte  Zinsenmasse  der  Savigny-Stiftung  für  die  Jahre  1877 
und  1878  als  Preis  ausgesetzt  habe  für  die  Lösung  einer  Auf- 
gabe, deren  Thema  lautet:  ,Die  Formeln  des  Edictum  perpetuum 
(Hadrianum)  in  ihrem  Wortlaute  und  ihrem  Zusammenhanget 


Der  Obmann  der  Grabreliefs-Commission  Herr  Hofrath 
Ritter  von  Birk  legt  einen  Bericht  des  c.  M.  Herrn  Directors 
Dr.  Conze  in  Berlin  über  den  Stand  des  Grabreliefunter- 
nehmens mit  dem  Ersuchen  um  seine  Veröffentlichung  in  dem 
Anzeiger  vor.  

Das  w.  M.  Herr  Hofrath  A.  Ritter  von  Krem  er  in  Cairo 
übersendet  eine  für  die  Sitzungsberichte  bestimmte  Abhandlung 
welche  den  Titel  führt:  ,Ibn  Chaldun  und  seine  Culturgeschichte 
der  islamischen  Reichet 

Von  Herrn  Dr.  Adolf  Bachmann,  Privatdocenten  der 
Geschichte  an  der  Prager  Universität,  werden  ,Urkunden  und 
Actenstücke  zur  österreichischen  Geschichte  im  Zeitalter  Fried- 
richs ni.  und  König  Georgs  von  Böhmen  1440 — 1471'  mit  dem 
Ersuchen  um  ihre  Aufnahme  in  die  ,Fonte8  rerum  Austriaca- 
rum'  eingesendet. 

Sitrangsber.  d.  phil.-Utt  Gl.  XCm.  Bd.  lY.  Hft.  38 


680 

Das  w.  M.  Herr  Hofrath  Dr.  Sickel  le^  eine  für  die 
Sitzungsberichte  bestimmte  Abhandlang  anter  dem  Titel:  ,Bei- 
träge  zur  Diplomatik  VU;  Kanzler  und  Recognoscenten  bis 
zom  Jahre  953*  vor. 

Das  w.  M.  Herr  Professor  Dr.  Hartel  legt  eine  für  die 
Denkschriften  bestimmte  Abhandlung  des  c.  M.  Herrn  Professor 
Kviöala  in  Prag  vor,  welche  betitelt  ist:  ^Studien  zu  Euripides 
mit  einem  Anhang  Sophokleischer  Analecta'. 


An  Druoksohriften  wurden  vorgelegt: 

Acad^mie  royale  des  Sciences,  dea  Lettres  et  dea  Beanx-Aris  de  Belgiqne: 
Bnlletin.  48«  Ann^e,  2*  S^rie,  Tome  47.   Nros.  1  et  2.  Bnizelles,  1879;  8^ 

—  des  InscriptioDS  et  Belles-Lettres :  Comptes  rendiis  des  Seances  de 
TAnn^e  1878.  IV*  S^rie.  Tome  VI.  Balletin  d*Octobre  k  D^cembre. 
Paris,  1879;  8». 

Akademie,  königl.  Prenssische,  der  Wissenschaften  zn  Berlin:  Monatsbericht 
December  1878.  Berlin  1879;  8«.  —  Politische  Correspondenz  Friedrichs 
des  Grossen.  I.  Band.  Berlin  1879;  4».  —  Ueber  die  Anfänge  des  Axami- 
tischen  Reiches;  von  A.  Dillmann.  Berlin,  1879;  A^  —  Eim'ges  cur 
Japanischen    Dicht-  und  Versknnst  Ton  W.  Schott.    Berlin,   1878;  4^. 

Becker,  M.  A.:  Topographie  von  Niederosterreich.  II.  Band.  5.  Heft. 
Wien,  1879;  40. 

Bnrean,  k.  statistisch -topographisches:  Beschreibnng  des  Oberamts  Tutt- 
lingen.   Stuttgart,  1879;  8«. 

Geschichts-  nnd  Alterthnms- Verein  sni  Leisnig:  Mittheilnngcn.  V.  Heft 
Leisnig,  1878;  8». 

Gesellschaft,  Deutsche  morgenl2mdische :  Abhandlungen  für  die  Kunde  des 
Morgenlandes.    VII.  Band.  Nr.  1.    Leipzig,  1879;  8^ 

—  historische,  in  Basel:  Finanzverhältnisse  der  Stadt  Basel  im  XIV.  und 
XV.  Jahrhundert  von  Dr.  Gustav  Schönberg.    Tübingen,  1879;  8"». 

—  fQr  Salzbnrger  Landeskunde:  Mittheilungen.  XVIII.  Vereinsjahr  1878. 
Salzburg;  8«. 

Mittheilungen   aus  Jnstus   Perthes*    geographischer    Anstalt   von   Dr.  A. 

Petermann.    XXV.  Band,  1879.  IIL  Gotha;  4^ 
Oppert,  Gustav,  Ph.  D.:  On  the  Classification  of  Langnages.  Madras,  London, 

1879 ;  8«. 
,Revuo    politique  et  litt^raire*  et  ,Revue   scientifique   de   U   France   et  de 

FEtranger*.    VIII«  Annie,  2«  S4rie.    Nros.  38  et  39.  Paris,  1879;  4*. 


Kren  er.    Ibn  Chaldnii  und  seine  Cnltorgescbiclite  der  ielamiseb«!!  Reiche.         581 


Ibn  Chaldun  und  seine  Culturgeschichte  der 

islamischen  Reiche. 

Ton 

A.  von  Kremer, 

wirkliebem  Uitgliede  der  k.  Akademie  der  Wistenschafteii. 


I. 

Leben  und  Werke. 

JJbs  ist  eine  beachtenswerthe  Erscheinung  im  orientalischen 
Mittelalter^  zu  einer  Zeit,  wo  die  grosse  Geistesthätigkeit  des 
arabischen  Volkes  schon  ihren  Gipfelpunkt  überschritten  hatte 
and  von  allen  Seiten  die  Anzeichen  des  Verfalles  sich  be- 
merkbar machen^  einen  kühnen,  selbstständigen  Denker  auf- 
treten zu  sehen,  der,  den  Entwicklungsgang  der  Civilisation 
beobachtend,  eine  fär  jene  Zeit  ebenso  originelle  als  grossartige 
Geschichtsauffassung  sich  zu  bilden  verstand. 

Ibn  Chaldun  ist  der  Name  des  hervorragenden  Mannes, 
der  unter  den  Historikern  des  Morgenlandes  unbestritten  die 
erste  Stelle  behauptet,  weil  er  nicht  nur  die  Geschichte  der 
islamischen  Völker  nach  einem  ganz  neuen  und  selbstständigen 
Plane  schrieb,  sondern  auch  der  Culturgeschichte  seine  be- 
sondere Aufmerksamkeit  widmete,  und,  wie  er  nicht  ohne 
Selbstgefühl  hervorhebt,  sie  eigentlich  erfand  und  begründete. 

Die  bewegte  Zeit,  in  der  er  lebte,  die  einflussreiche  j^olle, 
welche  er  als  Staatsmann  und  Gelehrter  spielte,  mögen  viel 
dazu  beigetragen  haben,  seinem  Geiste  diese  Richtung  zu  geben. 

Geboren  in  Tunis  im  Jahre  1332  und  einer  der  ange- 
sehensten Familien  von  Sevilla  entsprossen,  nahm  er  schon  in 
seinem  zwanzigsten  Lebensjahre  die  Stelle  eines  Secretärs  bei 
dem  über  Tunis  damals  wenigstens  dem  Namen  nach  die 
Herrschaft  ausübenden  Sultan  Abu  Ish^^  II.  aus  der  Dynastie 
der  Haf^iden  ein.  Bald  aber  verliess  er  diese  Stellung  iind 
begab   sich   nach   Fez,   der  Hauptstadt   der  Sultane   aus   dem 

38» 


582  '  Kremer. 

GescUechte  der  Meryniden.  Hier  erhielt  er  eine  Stelle  im 
Secretariate  des  Sultans  Abu  'Inän,  fiel  aber  bald  in  Ungnade, 
ward  in  den  Kerker  geworfen  und  erlangte  die  Freiheit  erst 
nach  dem  Tode  des  Sultans  im  Jahre  1358,  worauf  er  wieder 
eine  nicht  unwichtige  politische  Rolle  spielte  und  schliesslich 
von  dem  neuen  Herrscher  zu  seinem  Geheimsecretär  ernannt 
ward.  Ein  Aufstand  stürzte  den  Sultan  und  unter  dem  neuen 
Gewalthaber  gerieth  Ihn  Chaldun  in  eine  schwierige  Stellang. 
Er  wandte  sich  (1362)  nach  Spanien,  wo  Ibn  Ali^mar,  der 
König  von  Granada,  dem  er  früher  wichtige  Dienste  geleistet 
hatte;  ihn  mit  offenen  Armen  empfing.  Ein  Jahr  später  begab 
er  sich  als  Gesandter  seines  neuen  Herrn  nach  Sevilla,  der 
Stadt  seiner  Ahnen,  zu  Peter  dem  Grausamen,  König  von 
Castilien,  bei  dem  er  die  zuvorkommendste  Aufnahme  fand. 
Der  König  machte  ihm  den  Antrag,  an  seinem  Hofe  zu  bleiben 
und  wollte  ihm  sogar  die  in  Sevilla  gelegenen  früheren  Besitz- 
thümer  seiner  Familie  zurückerstatten. 

Nach  Granada  zurückgekehrt,  lebte  er  in  den  angenehm- 
sten Verhältnissen,  bis  eine  Verstimmung  zwischen  ihm  und 
dem  Wezyr  Ibn  Chatyb  ihn  veranlasste,  wieder  nach  Afrika 
zurückzukehren  (1365).  Er  Hess  sich  in  Bigäja  (Bougie)  nieder, 
wohin  ihn  der  Haf^iden-Prinz  Abu  Abdallah  eingeladen  hatte. 

Doch  auch  hier  währte  seine  Ruhe  nicht  lange,  denn  ein 
benachbarter  Machthaber,  der  Fürst  von  Constantine,  eroberte 
die  Stadt.  Nur  kurz  verblieb  Ibn  Chaldun  unter  dem  neuen 
Fürsten  und  wandte  seine  Schritte  nun  nach  Telmesan  (Tlemsen), 
wo  er  von  dem  Gebieter  dieser  Stadt,  dem  Prinzen  Abu  Hammu, 
aus  der  Familie  der  Abd-alwäd,  zum  Secretär  gewählt  ward. 
Im  Jahre  1370,  als  sich  eben  ein  Krieg  zwischen  seinem  Herrn 
und,  dem  Sultan  von  Westafrika  aus  der  Dynastie  der  Mery- 
niden vorbereitete,  erbat  er  sich  die  Erlaubniss,  nach  Spanien 
zu  reisen  und  erhielt  sie  auch.  Aber  im  Augenblicke  seiner  Ein- 
schiffung ward  er  auf  Befehl  des  Meryniden-Sultans  Abdal'azjz 
verhaftet,  erlangte  nach  kurzem  Verhöre  die  Freiheit,  kam 
schnell  in  Gnaden  und  trat  nun  in  die  Dienste  dieses  Fürsten, 
der  sich  des  grossen  Einflusses  gerne  versicherte,  den  Ibn 
Chaldun  auf  die  arabischen  Nomadenstämme  ausübte,  die  da- 
mals ein  sehr  wichtiges  politisches  Element  bildeten.  Als  der 
Sultan  AbdaPazyz   starb,   blieb    er   im   Dienste   seines  Sohnes 


Ibn  Chaldun  und  seine  CaltnrgeBchichte  der  isUmlBchen  Reiche.  583 

Abu   Bakr   Sa*yd;   der  jedoch   nur  unter   Bevormundung   des 
GroBBwezyrs  die  Herrschaft;  führte. 

Unterdessen  erfolgte  seitens  des  Königs  von  Granada  eine 
Einmischung  in  die  innern  Angelegenheiten  des  Meryniden- 
Staates,  indem  er  gegen  den  unmündigen  Sultan  sich  erklärte 
und  einen  Kronprätendenten  aufstellte;  es  entbrannte  der  Krieg 
zwischen  Granada  und  den  Meryniden.  Der  Kampf  endete 
damit,  dass  Abu  Bakr  Sa*yd  der  Herrschaft  entsetzt  ward  und 
an  seiner  Stelle  ein  anderer  Prinz  desselben  Hauses  den  Thron 
bestieg. 

Unter  diesen  Verhältnissen  erbat  sich  Ibn  Chaldun  die 
£rlaubniss  zur  Rückkehr  nach  Spanien  (1374),  erlitt  aber  das 
Missgeschick,  auf  Befehl  seines  früheren  Gönners,  des  Königs 
von  Granada,  ausgewiesen  zu  werden.  In  Afrika  angekommen, 
befand  er  sich  in  einer  misslichen  Lage.  Die  Staaten  der 
Meryniden  wollte  er  nicht  betreten  und  im  Gebiete  des  Sultans 
von  Telmes&n,  den  er  früher  ziemlich  schnöde  verlassen  hatte, 
fühlte  er  sich  nicht  ganz  sicher.  Zwar  fügte  er  sich  dem  Rufe 
des  Sultans  und  begab  sich  nach  Telmesan,  suchte  aber  dort 
in  einem  Derwischkloster  Sicherheit  und  benützte  die  erste 
Gelegenheit,  sich  dem  Machtbereiche  des  Sultans  zu  entziehen. 
Er  liess  sich  mit  seiner  Familie  in  l^aPat  Ibn  Saläma  nieder, 
einem  abgelegenen  Städtchen  der  heutigen  Provinz  Oran.  Hier 
blieb  er  vier  Jahre  in  dem  alten  Schlosse,  dessen  Ruinen  noch 
jetzt  sichtbar  sind,  und  hier  vollendete  er  seine  Culturgeschichte. 

Um  Quellenstudien  für  seine  allgemeine  Geschichte  zu 
machen,  begab  er  sich  gegen  Ende  1378  nach  Tunis,  wo  damals 
unter  der  Herrschaft  der  Haf^iden  ein  reges  wissenschaftliches 
Leben  herrschte  und  in  den  Moscheen  und  Lehranstalten 
reiche  Büchersammlungen  angehäuft  waren.  Der  Sultan  Abul- 
*Abbas  selbst  nahm  lebhaften  Antheil  an  dem  Zustandekommen 
seines  Geschichts Werkes.  Er  vollendete  hier  auch  den  Theil 
desselben^  welcher  die  Berberen  und  die  Zenäta-Stämme,  dann 
die  beiden  Dynastien  der  Omajjaden  und  Abbasiden,  die  vor- 
islamische Geschichte  behandelt  und  überreichte  ein  Exemplar 
der  Bibliothek  des  Sultans.  Nach  vierjährigem  Aufenthalte 
musste  er  aber  wieder  scheiden:  um  einer  bei  dem  Sultan 
gegen  ihn  eingeleiteten  Intrigue  auszuweichen,  erbat  er  sich 
die  Erlaubniss  zur  Pilgerfahrt  nach  Mekka  und  segelte,   seine 


584  Kremer. 

Angehörigen  zurücklasBend,  auf  einem  gerade  im  Hafen  zur 
Abfahrt  sich  bereit  machenden  Schiffe  nach  Alexandrien  (1382), 
von  wo  er  nach  Kairo  ging  und  bald  zum  Oberrichter  (l^&dy) 
nach  malikitischem  Ritus  daselbst  ernannt  ward  (1384).  Er 
entwickelte  in  dieser  Stellung  grosse  Strenge  in  Beseitigung 
zahlloser  Missbräuche,  ging  gegen  die  Dywansbeamten^  sowie 
gegen  die  Rechtsgelehrten  und  professionellen  Juristen^  g^g^n 
die  Bewohner  der  Derwischzellen,  die  sich  unter  dem  Scheine 
der  grössten  Frömmigkeit  in  alle  weltlichen  Geschäfte  ein- 
mengten, mit  grÖBster  Energie  zu  Werke.  Aber  er  machte 
sich  auf  di^se  Art  zahllose  Feinde,  die  ihn  bei  dem  Sultan 
anschwärzten ;  dazu  traf  ihn  ein  schweres  Unglück,  indem  seine 
Familie,  die  er  zu  Schiffe  von  Tunis  kommen  Hess,  in  einem 
Sturme  unterging.  In  dieser  Lage  sehnte  er  sich  nach  Erlösung 
und  erhielt  endlich  die  erbetene  Enthebung  von  seinem  Posten. 
Seine  ganze  Zeit  widmete  er  nun  wieder  dem  Studium  und  der 
wissenschaftlichen  Arbeit,  die  nur  durch  die  Pilgerfahrt  nach 
Mekka  unterbrochen  ward. 

Im  Jahre  1400  begleitete  er  den  Beherrscher  Aegyptens 
nach  Syrien  auf  seinem  Feldzuge  gegen  Tamerlan  (Tymurlenk), 
gerieth  hiebei  in  dessen  Gefangenschaft,  erlangte  aber  bald  die 
Freiheit,  kehi*te  nach  Kairo  zurück,  wo  er  noch  mehrmals  das 
Richteramt  bekleidete  und  am  15.  März  1406  im  Alter  von 
74  Jahren  starb.  — 

Den  wechselvollen  Lebenslauf  des  Mannes  muss  man 
kennen,  um  seine  Geistesrichtung  und  seine  wissenschaftliche 
Thätigkeit  zu  verstehen.  Er  lebte  in  der  Zeit  des  allgemeinen 
Zusammenbruches  der  alten  arabischen  Welt.  An  die  Stelle 
des  Chalifenreiches  waren  schon  geraume  Zeit  vorher  zahl- 
reiche Sultanate  und  Feudalherrschaften  getreten,  die  fast  fort- 
während mit  einander  in  Fehde  lagen  und  die  allgemeine 
Zersetzung  des  Bestehenden  beförderten.  Die  Nationalitätsidee 
trat  schon  stark  in  den  Kämpfen  der  Berberen  gegen  die 
Araber  hervor  und  machte  ihre  Kraft  als  staatenbildender 
Factor  ziemlich  deutlich  bemerkbar. 

Auf  die  Beobachtung  solcher  Vorgänge  sich  stützend, 
stellte  Ibn  Chaldun  seine  Ansichten  auf  von  dem  Entstehen 
und  dem  Verfalle  der  Staaten  und  von  dem  Einflüsse  des 
nomadischen  oder  sesshaften  Volkselementes;  hierauf  begründete 


Ibn  Chaldnn  und  seine  Calturgeschichte  der  iBlamisrhen  Reiche.  585 

er  seine  Auffassung  der  Geschichte,  nicht  als  Darstellung  des 
Äufeinanderfolgens  der  politischen  Ereignisse  und  des  Lebens- 
laufes der  sich  ablösenden  Dynastien,  sondern  der  geistigen 
und  materiellen  Entwicklung  der  Völker. 

,Die  Geschichte  hat  den  Zweck,  Nachricht  zu  geben  von 
der  socialen  Gruppirung  der  Menschheit,  das  ist:  der  Gesell- 
schaft^ sowie  von  den  verschiedenen  Zuständen,  welchen  im 
naturgemässen  Wege  die  Gesellschaft  ausgesetzt  ist,  als:  dem 
wilden  Leben,  der  Verfeinerung  der  Sitten,  dem  Gemeinsinn 
der  Familie  und  des  Stammes,  den  verschiedenen  Arten  von 
Ueberlegenheit,  welche  die  Völker  gegen  einander  erwerben 
und  woraus  die  Reiche  und  Dynastien  entstehen  u.  s.  w.  end- 
lich aber  von  allen  Veränderungen,  welche  die  Natur  der  Dinge 
im  Charakter  dieser  Gesellschaft  bewirken  kann.^  ^ 

An  diese  Definition  dessen,  was  er  füi*  die  Hauptaufgabe 
der  Geschichte  hält,  knüpft  er  seine  Ansichten  über  die  histo- 
rische Kritik.  Er  bezeichnet  als  die  letzte,  aber  nicht  un- 
wichtigste Ursache  der  vielfachen  Irrthümer  der  Geschichts- 
schreiber das  mangelhafte  Verständniss  der  Geschichte,  die 
Unkenntniss  der  Natur  der  durch  die  Gesellschaft  geschaffenen 
Verhältnisse.  ^ 

Denselben  Gedanken  entwickelt  er  weiter,  wie  folgt: 
, Unter  so  be wandten  Umständen  ist  die  Regel,  welche  man 
anwenden  muss,  um  in  den  Erzählungen  die  Wahrheit  von  dem 
Irrthum  zu  unterscheiden  und  die  sich  auf  die  Unterscheidung 
des  an  und  für  sich  Möglichen  von  dem  an  und  für  sich  Un- 
möglichen gründet,  das  Studium  der  menschlichen  Gesellschaft, 
das  ist  der  Civilisation ;  dann  die  Unterscheidung  einerseits 
dessen,  was  in  ihrem  Wesen  und  in  ihrer  Natur  begründet  ist, 
anderseits  aber  dessen,  was  accidentell  und  nicht  weiter  zu  be- 
rücksichtigen ist;  endlich  die  Erkenntniss  dessen,  was  von 
vorne  her  ausgeschlossen  ist.^^ 

Mit  einer  allerdings  etwas  kindlichen  Zuversicht,  die  je- 
doch in  der  lebendigen  Einbildung  des  Arabers  ihre  Erklärung 


My  71  (56).  Die  erste  Zahl  bezeichnet  Band  und  Seite  der  in  den  Notices 
et  Extraits  erschienenen  französischen  Uebersetzung  von  de  Slane,  die 
zweite  gibt  die  Seite  des  arabischen  Textes. 

2  I,  73  (57). 

3  I,  77  (61). 


586  Kremer. 

und  Entschuldigung  findet^  meint  Ibn  Chaldun  hiemit  einen 
unfehlbaren  Probirstein  der  Wahrheit  entdeckt  zu  haben:  ,In- 
dem  wir  auf  diese  Art  vorgehen^  haben  wir  eine  sichere  Regel, 
um  bei  den  überlieferten  Erzählungen  die  Wahrheit  von  der 
Lüge  zu  unterscheiden^  das  Echte  von  dem  Falschen^  und  dies 
durch  eine  demonstrative  Methode,  die  keinen  Zweifel  zulässt 
Hören  wir  also  von  einem  Ereignisse,  das  in  der  menschlichen 
Qesellschaft  sich  zugetragen  haben  soll,  so  sind  wir  in  der 
Lage,  sofort  zu  erkennen,  was  wir  als  wahr  annehmen  oder 
als  falsch  zurückweisen  sollen.  Wir  besitzen  einen  untrüglichen 
Probirstein,  mittelst  dessen  die  Historiker  die  Thatsachen  mit 
Genauigkeit  zu  prüfen  sich  unterfangen  können/  > 

Man  sieht,  dass  auch  hier  der  Orientale  und  besonders  der 
unter  der  strengen  Schuldisciplin  der  scholastisch-dialektischen 
Methode  stehende  Araber  zum  Nachtheile  des  unbefangenen 
Philosophen  sich  geltend  macht;  er  stellt  eine  ziemlich  allge- 
mein gehaltene  Regel  auf  und  will  a  priori  die  Ereignisse 
nach  ihr  beurtheilen,  ohne  zu  bedenken,  wie  schwer  es  in 
jedem  gegebenen  Falle  ist,  die  Wahrheit  zu  erkennen,  wie  un- 
möglich aber,  die  allgemeinen  Kriterien  derselben  fäv  alle  Fälle 
im  Voraus  zu  bestimmen  und  dieselben  in  eine  untrügliche 
Formel  zu  fassen.  Allein  sehen  wir  von  diesen  Schwächen  ab, 
so  werden  wir  doch  in  diesem  Streben  des  arabischen  Staats- 
mannes nach  Erkenntniss  des  Gesetzes  der  Geschichte  eine 
seltene  Selbstständigkeit  des  Forschens  und  Denkens  aner- 
kennen müssen,  die  allein  schon  genügen,  ihm  eine  hervor- 
ragende Stelle  imter  den  Geschichtsphilosophen  des  Mittelalters 
anzuweisen,  deren  Reihe  zu  eröffnen  sein  unbestrittenes  Ver- 
dienst bleibt. 

Auch  darf  nicht  übersehen  werden,  dass  trotz  des  Weges 
der  Deduction,  welchen  Ibn  Chaldun  mit  Aufstellung  der  obigen 
Regel  zu  betreten  scheint,  er  sorgfältig  die  Thatsachen  anzu- 
führen bedacht  ist,  aus  welchen  seine  Lehren  ihre  Bestätigung 
erhalten.  Er  geht  daher,  im  ganzen  betrachtet,  vorzüglich 
inductiv  vor,  wie  schon  allein  daraus  erhellt,  dass  er,  um  seine 
allgemeinen  Ideen  über  Philosophie  der  Geschichte  zu  be- 
gründen, umfassende  Geschichtsstudien  machte,  deren  Ergebnisse 

1  I,  77  (61). 


Ibn  Chaldnn  und  feine  Caltorgeeehichte  der  ielamisehen  Reiche.  ö87 

in  seiner  allgemeinen  Geschichte  vorliegen.  Dem  vergleichenden 
Ueberblicke  der  Thatsachen  legte  er  den  höchsten  Werth  bei; 
was  ihn  jedoch  nicht  behinderte^  auch  auf  speculativem  Wege 
die  Theorien  begründen  zu  wollen,  die  er  auf  empirischem 
Wege  gefunden  hatte. 

Es  ist  also  ein  berechtigtes  Selbstgefühl,  wenn  er  von 
seiner  Arbeit  sagt:  ;Es  ist  dies  eine  Wissenschaft  für  sich, 
denn  sie  hat  vor  allem  ein  ganz  bestimmtes  Object,  nämlich 
die  Civilisation  und  die  menschliche  Gesellschaft,  dann  handelt 
sie  ferne  rs  von  den  verschiedenen  Fragen,  die  dazu  dienen, 
allmälig  Thatsachen  zu  erklären,  welche  mit  dem  Wesen  der 
Civilisation  selbst  zusammenhängen.  —  Die  Abschnitte,  in  welchen 
wir  diesen  Gegenstand  behandeln,  enthalten  eine  neue  Wissen- 
schaft, die  ebenso  merkwürdig  ist  durch  die  Originalität  ihrer 
Ansichten  als  durch  die  Grösse  ihres  Nutzens.  Ich  entdeckte 
sie  durch  mühevolle  Forschungen  und  tiefe  Betrachtungen.' ' 

Es  darf  uns  nicht  überraschen  und  wir  dürfen  es  auch 
nicht  für  etwas  anders  als  eine  mohammedanische  Redensart 
ansehen,  wenn  Ibn  Chaldun  die  neue  Richtung  der  Geschichts- 
forschung, welche  er  einschlägt,  einer  göttlichen  Inspiration  und 
höheren  Leitung  zuschreibt,  und  mit  dem  Koran verse  schliesst: 
,Denn  Gott  leitet  mit  seiner  Erleuchtung  den,  an  welchem  er 
Gefallen  findet'.  (Sur.  XXIV  v.  35.) 

Der  Selbstständigkeit  seiner  Geschichtsauffassung  ent- 
spricht übrigens  auch  vollkommen  der  Plan  des  Werkes,  den 
er  folgendermassen  entwickelt:  ,Der  Mensch  unterscheidet  sich 
von  den  übrigen  lebenden  Geschöpfen  durch  Eigenschaften, 
die  ihm  eigenthümlich  sind  und  hiezu  gehören  besonders  die 
folgenden :  1.  die  Wissenschaften  imd  Künste,  welche  ein  Pro- 
duct  der  Reflexion  sind,  wodurch  sich  der  Mensch  von  den 
Thieren  unterscheidet;  2.  das  Bedürfniss  einer  Autorität,  welche 
Uebergriffe  zurückhält,  einer  Regierung,  die  im  Stande  ist  ihn 
zu  bändigen.  Von  allen  lebenden  Wesen  ist  der  Mensch  das 
einzige,  welches  ohne  dem  nicht  bestehen  kann,  denn  wenn 
auch  die  Bienen  und  Heuschrecken^  etwas  einer  Regierung 
ähnliches   zeigen,    so    ist   dies    doch    nur    das   Ergebniss    des 


i  I,  77  (61,  62). 

2  Vgl.  Sprüche  30,  27. 


588  Kremer. 

Instinktes  und  nicht  der  Reflexion  und  Ueberlegung;  3.  die 
Erwerbthätigkeit  und  die  Arbeit;  welche  die  verschiedenartigsten 
Lebenserfordernisse  liefern ;  4.  der  Associationstrieb,  das  ist  das 
Gefühl;  welches  die  Menschen  anregt;  zusammen  zu  wohnen, 
sei  es  nun  in  Städten,  sei  es  unter  Zelten.  Es  veranlasst  sie 
hiezu  der  Hang  für  die  Gesellschaft  und  der  Drang  ihrer  Be- 
dürfnisse; denn  die  Natur  drängt  sie,  gegenseitig  sich  zu  unter- 
stützen in  der  Verfolgung  des  Lebensunterhaltes ;  5.  und  6.  der 
Zustand  der  Association  in  seiner  doppelten  Form;  nämlich 
a)  dem  Nomadenleben  und  b)  dem  sesshaften  Leben.  In  beiden 
Fällen  erfahrt  der  Zustand  der  Gesellschaft  Veränderungen  von 
grosser  Bedeutung.^ 

;Diesem  Plane  entsprechend  theilt  sich  dieses  erste  Buch 
(unseres  Geschichtswerkes)  in  sechs  Abschnitte:  L  über  die 
menschliche  Association  im  Allgemeinen;  über  die  Verschieden- 
heit der  Menschenrassen  und  der  von  ihnen  bewohnten  Länder; 
2.  über  die  Association  bei  den  Nomaden,  unter  Besprechung 
der  halbwilden  Stämme  und  Völker;  3.  über  die  Regierungs- 
formen; das  Chalifat;  das  Königthum  und  die  in  jedem  Reiche 
nothwendiger  Weise  bestehenden  Staatsämter;  4.  über  die  cha- 
rakteristischen Merkmale  der  Civilisation  des  sesshaften  Lebens 
und  über  die  Bedeutung  der  Städte  und  Provinzen  hiefür; 
5.  über  die  Gewerbe  und  die  verschiedenen  Mittel  den  Lebens- 
bedarf zu  erwerben  und  Reichthum  zu  gewinnen;  6.  über  die 
Wissenschaften  und  die  Mittel  sie  zu  erlernen  und  sich  zu 
unterrichten.'  * 

Es  kann  nicht  der  Zweck  dieser  Abhandlung  sein;  Ihn 
Chalduns  oben  skizzirten  Plan  hier  weiter  zu  verfolgen;  es 
genügt;  seinen  Gedankengang  wiedergegeben  zu  haben  und  im 
Folgenden  das  Bild  seiner  Geschichtsauffassung  hieraus  zu 
entwerfen. 

Jedenfalls  ist  schon  aus  dieser  Anlage  des  Werkes  ersicht- 
lich; dass  er;  ganz  in  demselben  Sinne  wie  die  moderne  euro- 
päische Wissenschaft;  unter  Culturgeschichte  die  Darstellung  der 
gesammten  Thätigkeit  eines  Volkes  auf  dem  grossen  Gebiete 
des  geistigen  und  materiellen  Schaffens  versteht.  Und;  wenn 
uns    etwas    befremdet;    so   ist   es   der   Umstand;    dass   er  als 

1  I,  85  (68). 


Ihn  Chaldan  nad  seine  CnltnrKesehicbte  der  islamischen  R«icbe.  589 

Mohammedaner  der  Religion,  als  wichtigem  culturgeschicht- 
lichem  Elemente,  in  seinem  Plane  keinen  Platz  einräumt  und 
im  Verlaufe  des  Werkes  zwar  deren  Bedeutung  als  politisches 
Element  anerkennt,  aber  die  metaphysische,  transcendentale 
Seite  gänzlich  unberücksichtigt  lässt.  Auch  in  diesem  Punkte 
ist  Ibn  Chaldun  der  erste  Vertreter  einer  Geistesrichtung,  die 
im  Abendlande  erst  ein  halbes  Jahrtausend  später  sich  Geltung 
errungen  hat. 


II. 

Einwirkung  yon  Klima  and  Ernährung  auf  die  körperliche 

und  geistige  Entwicklung. 

Nach  den  Ausführungen  des  arabischen  Culturhistorikers 
ist  mit  Sicherheit  zu  erkennen,  dass  er  den  materiellen 
Vorbedingungen  des  Lebens  einen  grossen  und  nachhaltigen 
Einfluss  auf  die  Ausbildung  des  Rassentypus,  der  geistigen 
und  körperlichen  Bef&higung  der  Völker  zuschreibt.  Diese  in 
unserer  Zeit  neuestens  vielseitig  beleuchtete  Frage  ist  also 
schon  vor  fünfhundert  Jahren  von  Ibn  Chaldun  besprochen 
worden. 

Allerdings  ward  derselbe  Gedanke  noch  früher,  aber 
auch  in  unbeholfenerer  Weise  von  dem  bekannten  Schriftsteller 
Gahiz  zum  Ausdrucke  gebracht,  der  in  einer  seiner  Schriften, 
gelegentlich  der  im  Koran  erwähnten  plötzlichen  Verwandlung 
von  Menschen  in  Thiere,  sich  hierüber  in  längere  Erörterungen 
einlässt.  Er  fasst  die  Meinungen  der  Philosophen  (dohrijjah) 
zusammen,  wovon  besonders  die  hervorzuheben  ist,  dass,  wenn 
auch  eine  plötzliche  Umwandlung  (mash)  unmöglich  erscheine, 
doch  eine  allmälige  Umgestaltung  durch  analoge  Erscheinungen 
in  der  Natur  sich  erklären  lasse.  Es  wird  darauf  hingewiesen, 
dass  Luft  und  Wasser  in  der  Länge  der  Zeiten  in  der  That 
einen  bedeutenden  Einäuss  auf  die  Entwicklung  der  Menschen 
ausüben  müssen,  wie  man  dies  am  besten  an  den  Negern  (zing) 
und  den  Slaven  (§a]j:alibah),  sowie  an  den  Bewohnern  der 
Länder  von  Jägug  und  Mägug  (der  Tartarei)  beobachten  könne. 
—  Wir  sehen,  fügt  derselbe  Autor  hinzu,  ähnliche  Erscheinungen 
an  den  arabischen  Colonisten,  die  sich  in  Chorasan  ansiedelten. 


590  Kremer. 

ebenso  beobachten  wir  die  eigen thümlichen  Verhältnisse  der 
hochasiatischen  Länder  und  wie  die  Eameele^  die  Saomthiere 
und  air  ihre  zahmen  oder  wilden  Thiere  sich  in  ihrer  Natur 
jenen  Verhältnissen  anpassen;  so  sehen  wir  alle  auf  Gemüsen 
oder  Blumen  lebenden  Insecten  grün  gefärbt^  obgleich  sie  unter 
andern  Verhältnissen  diese  Farbe  nicht  haben;  so  sehen  wir 
in  dem  vulkanischen  Landstriche  (^arrah)  des  Stammes  Solaim 
alles  schwarz  gefärbt,  sowohl  Menschen  als  Thiere.  Von  vielen 
Personen  hören  wir  erzählen,  dass  sie  Menschen  von  den  naba- 
täischen  Bewohnern  der  Landschaft  Mesene  (maisan)  gesehen 
hätten,  die  geschwänzt  gewesen  seien :  wenn  auch  nicht  gerade 
so  wie  das  Krokodil  oder  wie  das  Pferd,  noch  wie  die  Schild- 
kröte und  der  Maulwurf  (gardän),  so  hätten  sie  doch  so  ent- 
wickelte Steissknochen  gehabt,  dass  sie  wie  Schwänze  aussahen. 
—  Oft  sahen  wir  auch,  fugt  Gä^iz  hinzu,  nabatäische  Matrosen 
auf  den  Tigrisschiffen,  die  wahre  Affen  schienen,  und  nicht 
selten  kann  man  Leute  aus  Westafrika  zu  Gesicht  bekommen, 
zwischen  denen  und  den  Thieren  nur  ein  geringer  Unterschied 
bemerkbar  ist.  Es  ist  natürlich  dies  den  Einwirkungen  der 
verdorbenen  Luft  und  des  schlechten  Wassers,  sowie  des  un- 
gesunden Bodens  zuzuschreiben,  wo  denn  die  Bewohner  eines 
solchen  Landstriches,  welche  aus  Anhänglichkeit  an  ihre  Wohn- 
sitze den  Ort  nicht  verlassen,  unter  dem  langjährigen  Einflasse 
dieser  äusseren  Ursachen  so  sich  umgestalten,  dass  sie  solchen 
Haarwuchs,  solche  rothbraune  Färbung  und  solche  affenähnliche 
Gestalten  bekommen.  ^ 

Ibn  Chalduns  Ansicht  von  dem  Einflüsse  der  localen 
Verhältnisse  auf  die  Menschen  und  ihre  Cultur  ist  zwar  nicht 
ganz  so  kindlich,  stimmt  aber  im  Grunde  vollständig  hiemit 
überein.  Er  folgt  den  arabischen  Geographen,  welche  die 
bewohnte  Erde  vom  Aequator  gegen  den  Nordpol  hinauf  in 
sieben  aufeinander  folgende  Zonen  eintheilen,  von  welchen 
die  zwei  ersten  vom  Aequator  nordwärts  liegenden  den  Ein- 
wirkungen der  Sonnenstrahlen  und  der  Hitze  in  hohem  Grade 
ausgesetzt  sind,  und  deren  Bewohner  sich  durch  dunkle  Haut- 
farbe auszeichnen,  während  die  zwei  letzten,  dem  Pole  zunächst 


»  Ga^iatKitÄb  alhaiwAn  fol.  196—196   der  Handschrift  der  Wiener  Hof- 
bibUothek.    Der  Text  dieser  Stellen  folgt  im  Anhange  L 


rbn  Chaldnn  vnd  Mine  Caltnrgeachichte  der  iiUniBchen  Reiche.  591 

liegenden  sich  durch  ihre  Kälte  und  die  weisse  Hautfarbe 
der  Bewohner  unterscheiden.  Die  Bewohner  der  mittleren 
ZoneU;  der  dritten,  vierten  und  fünften  zeichnen  sich  sowohl 
in  ihren  körperlichen  als  geistigen  Anlagen  durch  das  richtige 
Maass  aus.  Dies  zeigt  sich  auch  in  ihrer  Civilisation,  ihrer 
Lebensweise,  ihren  Wohnungen,  den  Künsten,  Wissenschaften 
und  Staatseinrichtungen.  Sie  haben  Propheten  gehabt,  bei 
ihnen  hat  sich  das  Königthum  entwickelt,  sowie  Dynastien, 
Gesetze,  Wissenschaften,  Städte  u.  s.  w.  —  Die  Völker,  welche 
diesen  Himmelsstrich  inne  haben,  sind  die  Araber,  die  Römer, 
Perser,  Israeliten  und  Griechen^  sowie  die  Bewohner  Indiens 
und  Chinas.  ^ 

Um  diese  Ansicht  zu  rechtfertigen,-  führt  Ibn  Chaldun 
den  heiteren,  sorglosen,  zum  Uebermuthe  geneigten  Charakter 
der  Neger  an,  den  er  aus  der  heissen  Temperatur  ihres  Landes 
erklärt.  Der  Charakter  der  Bewohner  der  Küste  Nordafrikas 
nähere  sich  deshalb  auffallend  dem  der  Neger,  namentlich  finde 
man  ganz  ähnliche  Charakterzüge  in  dem  Landstriche  Biledul- 
gerid  (Biläd  algaryd),  der  bekanntlich  ausserordentlich  heiss 
ist,  und  auch  bei  den  Aegyptern,  deren  Heimat  in  derselben 
Breite  mit  der  eben  genannten  Gegend  liege,  könne  man  diese 
heitere  Gemüthsstimmung,  dieselbe  Leichtlebigkeit  und  Sorg- 
losigkeit beobachten.  Hingegen  haben  die  Bewohner  von  Fez 
in  Westafrika  (Marokko)  ganz  entgegengesetzte  Eigenschaften ; 
umgeben  von  rauhen  Hochebenen,  sind  die  Einwohner  von 
Fez  das  gerade  Gegentheil  der  Aegypter:  sie  sind  ernst,  voll 
Vorsicht  und  Fürsorge;  während  in  Aegypten  Niemand  daran 
denkt,  für  längere  Zeit  Vorräthe  einzulegen,  sondern  Jeder  für 
seine  täglichen  Lebensbedürfnisse  sich '  einfach  auf  den  Markt 
verlässt,  gehen  die  Fezaner  so  weit,  oft  für  ein  Jahr  Vorräthe 
aufzuspeichern.  ^ 

Wer  in  der  Lage  war,  die  genannten  Länder  und  deren 
Bewohner  näher  kennen  zu  lernen,  wird  Ibn  Chalduns  Beobach- 
tungen nur  bestätigen  können,  denn  hinsichtlich  des  Volks- 
charakters der  Aegypter,  die  ich  durch  langjährigen  Aufenthalt 
kennen  gelernt  habe,  miiss  ich  vollständig  dem  oben  Gesagten 


t  I,  173  (163). 
5  I,  176  (156). 


592  Kremer. 

beistimmen.  So  elend  stets  dieses  Volk  regiert  worden  ist,  so 
schwer  der  Steuerdruck  auch  ist,  der  von  jeher  auf  ihm  lastet, 
so  besitzt  es  doch  einen  unverwüstlichen  Vorrath  von  gutem 
Humor  und  heiterer  Lebenslust,  die  über  alle  Bedrängnisse  des 
Lebens  obsiegen.  Die  Leichtigkeit  der  Befriedigung  der  unent- 
behrlichsten Lebensbedürfnisse  und  das  milde  Klima  tragen 
hiezu  gewiss  das  Meiste  bei.  Wie  lange  aber  solche  Verhält- 
nisse fortwirken,  zeigt  der  Vergleich  der  heutigen  Zustände 
mit  jenen  der  Zeit  Ibn  Chalduns:  obgleich  zwischen  beiden 
Zeitpunkten  ein  halbes  Jahrtausend  liegt,  hat  sich  hierin  keine 
wesentliche  Aenderung  vollzogen.  * 

Die  Nahrungsfrage  ist  die  nächste,  mit  welcher  sich  Ibn 
Chaldun  befasst.  Vor  allem  hebt  er  die  Thatsache  heiTor, 
dass  die  Wanderstämme,  welche  für  ihren  Lebensunterhalt  fast 
nur  auf  die  Milch  ihrer  Heerden  und  das  Fleisch  derselben 
angewiesen  sind,  die  fast  gar  keine  Cerealien  gemessen,  in 
ihren  körperlichen  und  geistigen  Eigenschaften  weit  überlegen 
seien  den  Bewohnern  des  Culturlandes,  die  in  verhältnissmässig 
viel  günstigeren  Bedingungen  leben.  Erstere  zeichnen  sich 
durch  gesündere  äussere  Erscheinung,  durch  kräftigere  und 
besser  geformte  Körper  aus,  sie  haben  einen  festeren  Charakter 
und  besitzen  eine  raschere  Auffassung.^ 

An  einer  anderen  Stelle  sagt  er  im  Gegensatze  hieza 
von  den  Städtern:  ,Sie  tragen  die  Schamlosigkeit  offen  znr 
Schau  und  führen  unanständige  Reden,  ohne  sich  durch  die 
Gegenwart  ihrer  Verwandten  oder  ihrer  Frauen  abhalten  zu 
lassen.  Ganz  anders  ist  es  im  Nomadenleben,  wo  die  den 
Frauen  entgegengebrachte  Achtung  es  verhindert,  dass  auch 
nur  ein  unanständiges  Wort  vor  ihnen  ausgesprochen  werdet  ^ 

Aehnliche  Gegensätze  zeigen  sich  auch  zwischen  den 
freien  Thieren  der  Wüste  und  den  zahmen  Hausthieren,  welche 
die  fetten  Weidegründe  bewohnen.  Welcher  Unterschied  zwischen 
Gazellen,  Antilopen,  Straussen,  Giraffen,  wilden  Eseln  und  den 

'  Der  in  den  ersten  Jahrhunderten  in  Aegypten  stark  herrortretende  Hang 
für  ascetiflche  Lebensweise,  ist  nach  meiner  Ansicht  eine  Folge  der  da- 
mals durch  das  Christenthum  besonders  empfohlenen  Enthaltung  von 
dem  Familienleben. 

»  I,  178  (158). 

*  II,  303  (268).  Vgl.  meine  Culturgeschichte  des  Orien»  II,  269. 


Ibn  Cbaldiin  vvd  seine  Cnltnrgeschichte  der  iBtamischen  Reiche.  593 

zahmen  Thieren,  die  ihnen  am  nächsten  verwandt  sind!  Die 
Gazelle  ist  die  Schwester  der  Ziege,  die  Giraffe  des  Rameeles^ 
der  wilde  Esel  und  die  wilde  Kuh  entsprechen  den  zahmen 
Thieren  desselben  Namens,  aber  wie  gänzlich  anders  sind  nicht 
beide,  sei  es  hinsichtlich  der  Glätte  des  Felles,  des  Glanzes 
der  Haarbekleidung,  der  Körperformen,  der  Intelligenz  ?i 

Denn  die  Art  der  Ernährung  wirkt  auch  auf  die  physischen 
und  moralischen  Eigenschaften.  In  den  Gegenden,  wo  üeber- 
fluss  herrscht,  empfinden  das  religiöse  GefUhl  und  die  Frömmig- 
keit die  Einwirkung  dieser  äusseren  Verhältnisse.  Unter  den 
Landleuten,  sowie  den  Städtern  sind  Jene,  die  ein  frugales 
Leben  führen,  die  gewohnt  sind  den  Hunger  zu  ertragen  und 
der  Genüsse  sich  zu  enthalten,  viel  religiöser  gestimmt  und 
geneigter,  sich  einem  frommen  Leben  zu  ergeben,  als  die 
Reichen  und  an  den  Luxus  Gewöhnten.  Deshalb  enthalten  die 
grossen  Städte  wenig  religiöse  Leute,  weil  man  daselbst  zu 
üppig  lebt^  sich  dem  Genüsse  des  Fleisches,  der  Fette  und  des 
Mehles  ergibt,  während  auf  dem  Lande,  wo  man  sich  auf 
frugalste  Art  ernährt,  das  Gegentheil  der  Fall  ist.  ^ 

Dieser  Gegensatz  der  Einfachheit  des  nomadischen  Lebens 
und  der  Verfeinerung,  der  Genusssucht,  die  unter  den  Ver- 
hältnissen des  Lebens  in  festen  Wohnsitzen,  namentlich  in  den 
Städten  sich  zeigt,  ist  nach  Ibn  Chalduns  Auffassung  die 
treibende  Kraft  im  allgemeinen  geschichtlichen  Entwicklungs- 
gange der  Menschheit.  Auf  der  einfachen  Lebensweise  der 
Hirtenvölker  beruhen  der  kriegerische  Sinn,  die  Unternehmungs- 
lust, während  im  sesshaften  Leben,  namentlich  in  den  Städten, 
diese  Eigenschaften  verloren  gehen.  Die  Nomadenstämme  aber 
schreiten  allmälig  von  ihrem  primitiven  Zustande  der  Sitten- 
einfalt zu  grösserer  Verfeinerung  vor,  sie  werden  sesshaft  und 
bilden  nun  für  sich  selbst  eine  staatliche  Gemeinschaft,  oder 
sie  bemächtigen  sich  durch  die  Gewalt  einer  solchen  schon 
bestehenden  und  werfen  sich  zu  Herrschern  über  dieselbe  auf, 
indem  sie  hiemit   auch    dem  Nomadenleben   entsagen.  ^    Unter 


«  r,  178  (159). 

»  I,  180  (160). 

3  Von  den  zahlreichen  orientalischen  Dynastien,  welche  auf  diese  Art  ge- 
gründet wurden,  genügt  es  hier  auf  die  jüngste,  nSmlich  die  der  Kat- 
scharen zu  weisen,  die  Persien  beherrscht. 


594  Krener. 

der  Einwirkung  der  sesshaften  Lebensweise,  des  Loxus  und 
der  hieraus  entspringenden  Sitten  verderbniss  verlieren  sie  die 
Eigenschaften,  durch  welche  sie  zur  Eroberung  und  Herrschaft 
befähigt  wurden,  und  fallen  selbst  nun  demselben  Processe 
zum  Opfer. 

Diese  Auffassung  des  Verlaufes  der  Geschichte  ist  offenbar 
einseitig,  denn  nur  in  den  besonderen  Verhältnissen  des  Orients^ 
bei  gering  entwickelten  Culturzuatänden  findet  sie  ihre  An- 
wendung, wenngleich  wir  nicht  werden  umhin  können,  Ibn 
Chalduns  Princip  mit  solchen  Einschränkungen  als  richtig 
anzuerkennen. 


m. 

Die  idealen  Ornndlagen  des  Tolkslebens. 

Es  gehört  zu  den  Eigenthümlichkeiten  der  Geschichts- 
auffassung Ibn  Chalduns,  dass  er  den  moralischen  Kräften, 
den  idealen  Grundlagen  des  Volkslebens  eine  nicht  geringere 
Wichtigkeit  zuerkennt,  als  den  materiellen.  Unter  dem  alles 
nivellirenden  Einfluss  der  mohammedanischen  Weltanschauung, 
welche  sprachliche  und  intellectuelle  Verschiedenheit  der  unter 
das  Joch  des  Islams  geschmiedeten  Völker  so  vollkonounen  zu 
missachten  geeignet  ist,  muss  es  um  so  mehr  überraschen,  dass 
er  das  trennende  und  abstossende  Element,  welches  in  der 
Rassenverschiedenheit  liegt,  so  scharf  aufzufassen  und  so  klar 
zu  beurtheilen  verstand. 

Ausser  allen  materiellen  Gegensätzen,  wie  sie  sich  schon 
aus  der  Gliederung  der  Gesellschaft  in  das  sesshafte,  städtische 
und  das  ländliche,  dem  Ackerbau  obliegende  oder  das  noma- 
dische Element  ei^eben,  findet  er  eine  rein  ideale  Kraft,  welche 
die  einzelnen  Menschengruppen  zusammenhält  und  diese  be- 
zeichnet er  mit  einem  Ausdrucke,  der  am  besten  durch 
Gemeinsinn  übersetzt  wird  und  diesen  lässt  er  aus  dem 
Nomadenleben  hervorgehen,  in  welchem  er  am  wirksamsten 
und  deutlichsten  zum  Ausdrucke  kommt. ' 


1  Das  Wort  'a^abijjah,  welches  hier  durch  Qem einsinn  übersetzt  wird,  gibt 
de  Slane  durch  esprit  de  corps  wieder  und  es  entspricht  in  vielen  Fillen 
fast  ganz  dem  modernen  Ausdrucke  ,Nationalitätsidee^    Das  Wort  selbst, 


Ibn  Chaldan  nnd  seine  CalturKeäChiclite  der  itlamtscben  Beiohe.  595 

Versetzen  wir  uns  in  die  primitive  Epoche  des  Nomaden- 
lebens, wo  die  einzelnen  Menschengi^uppen;  jede  für  sich,  ihr 
unstätes  Leben  führten,  stets  besorgend  angegriffen  zu  werden 
und  desshalb  auch  stets  bereit  Gut  und  Habe,  Weiber  und 
Kinder,  die  Heerden  und  das  Gesinde  gegen  feindliche  Ueber- 
f&Ue  zu  vertheidigen.  Das  Bewusstsein  der  Zusammengehörig- 
keit wirkt  unter  solchen  Umständen  um  so  stärker  und  um  so 
kräftiger,  da  die  meisten  Mitglieder  eines  Stammes  von  Nomaden 
in  verwandtschaftlichen  Beziehungen  stehen.  Jeder  fühlt  sich 
als  Theil  des  Ganzen  und  für  einen  stehen  alle  ein.  Solche 
Gefühle  bilden  sich  am  kräftigsten  bei  den  Wanderstämmen 
der  Wüste  aus  und  desshalb  sind  diese  auch  so  stark  und  so 
furchtbar,  denn  jeder  einzelne  Krieger  eines  Stammes  hat  nur 
einen  Gedanken,  nämlich  den,  seinen  Stamm  und  seine  Ange- 
hörigen zu  schützen  und  zu  vertheidigen;  wer  ohne  verläss- 
liche  Helfer  und  Gefährten  dasteht,  muss  unterliegen  im  Kampfe 
des  Lebens !  * 

Da  der  Gemeinsinn,  die  Bereitwilligkeit  zu  gegenseitiger 
Hilfeleistung  und  Unterstützung  wesentlich  eine  Wirkung  der 
Familienbande,  der  Verwandtschaft  und  des  Bewusstseins  der 
gemeinsamen  Abstammung  sind,  so  ergibt  es  sich  von  selbst, 
dass  die  Heiligkeit  der  verwandtschaftlichen  Beziehungen  hoch 
gehalten  ward,  dass  man  dieselben  bis  in  die  entferntesten  Ver- 
zweigungen verfolgte,  denn  hiedurch  gewann  ja  der  Stamm, 
dem  man  angehörte.  Ansehen,  Einfluss  und  Macht  dienten 
und  Sclaven  galten  als  Familienglieder  und  betrachteten  sich 
selbst  als  solche^  indem  sie  an  allen  diesbezüglichen  Rechten 
und  Pflichten  theilnahmen.  In  diesem  Sinne  wird  man  nun 
wohl  auch  den  Ausspruch  des  Propheten  zu  würdigen  verstehen, 
welcher  lautet:  ,Lernet  eure  Genealogien,  um  zu  wissen,  wer 
eure  nächsten  Verwandten  sind^ 


obwohl  von  Ibn  Chaldtm  zuerst  in  dieser  Bedeutung  gebraucht,  findet 
sich  bei  Ibn  Fftris  (f  390  H.)  dem  Verfasser  des  Mogmal,  noch  nicht. 
Hingegen  hat  es  Oauhary  im  Sa|^&^  in  der  Bedeutung  von :  Parteinahme. 
Es  ist  von  'a^abah  abgeleitet,  das  die  Verwandten  von  vfiterlicher  Seite 
beeeichnet  nnd  dieses  Wort  g«ht  auf  'a^ab  zurück,  das  die  Muskelbänder 
bezeichnet.  Die  Grundbedeutung  der  Wurzel  'a^b  ist:  binden,  zusammen- 
halten. 

1  I,  269  (234). 

SitsvngBber.  d.  phih-hist.  CL  XCIII.  Bd.  IT.  Hft  39 


596  Kremer. 

Die  grosse  Bedeutung,  die  man  im  arabischeo  Alterthume 
nach  übereinstimmenden  Berichten  der  Kenntniss  der  Genea- 
logien beilegte,  wird  hiedurch  begreiflich;  der  Nachweis  der 
gleichen  Abstammung  konnte  dem  Stamme,  so  wie  dem  Ein- 
zelnen Verbündete  und  Helfer  in  der  Stunde  der  Gefahr  ver- 
schaffen. < 

Eine  andere  Folge  der  vom  Verkehr  mit  den  Fremden 
gänzlich  abgeschnittenen  Lebensweise  der  Wüstenstamme  ist 
es,  dass  sie  meist  nur  unter  sich  heirathen  und  daher  die  Rein- 
heit der  Rasse  bewahren ;  nimmt  die  Vermischung  mit  Fremden 
überhand,  so  verliert  der  Stamm  dadurch  die  Eigenart,  den 
Sinn  für  die  verwandtschaftlichen  Beziehungen,  es  schwächt 
sich  der  Gemeinsinn  (das  Nationalitätsgefühl)  ab  und  allmälig 
geht  der  Stamm  seinem  Verfalle  entgegen.  ^ 

Auf  dieser  durch  die  Schilderung  der  Stammesorganisation 
gewonnenen  Grundlage  entwickelt  Ibn  Chaldun  seine  Theorie 
über  das  Entstehen,  die  Ausbildung  und  den  Verfall  der  Reiche 
und  Nationen. 

Der  wichtigste  Factor  ist  hier,  wie  bereits  bei  dem  Stamme 
nachgewiesen  wurde,  der  Gemeinsinn  oder  wie  wir  in  der 
modernen  Ausdrucksweise  sagen  würden,  die  Nationalitätsidee. 
Keine  Herrschaft  oder  Dynastie,  sagt  Ibn  Chaldun,  kann  be- 
gründet werden  ohne  Unterstützung  der  Stammesangehörigen 
(des  Volkes)  und  des  Gemeinsinnes  (d.  i.  ohne  einen  starken 
nationalen  Gedanken).  ^ 

Dieser  Gemeinsinn  ist  es,  der  allein  über  die  Lebens- 
kraft und  Dauer  der  Reiche  entscheidet,  denn  er  bildet  ge- 
Wissermassen  den  belebenden  Geist  des  Staates,  je  stärker  er 
ist,  desto  stärker  ist  der  Staat  und  desto  länger  ist  sein  Bestand 
gesichert.  Am  besten  aber  entwickelt  sich  dieser  Gemeiosinn 
unter  den  grossen  Massen.^ 

Der  nächste  ebenso  wichtige  staatenbildende  Factor  ist 
nach  Ibn  Chaldun,  der  hierin  getreulich  die  Erfahrungen  der 
morgenländischen  Geschichte  seit  dem  Auftreten  des  Islams 
sich  gegenwärtig  hält,  die  Religion. 

»  I,  270  (234). 
2  I,  273  (238). 
=»  1,  818  (277). 
♦  I,  386  (294). 


Ibn  Clialdnn  und  seine  Cnltarj^escbichte  der  iBlamlsehen  Reiche.  597 

Durch  die  Eroberung,  sagt  er,  werden  die  Reiche  ge- 
gründet 5  um  Eroberungen  zu  machen,  braucht  der  Führer  der 
Unternehmung  eine  starke  Stütze  und  eine  ergebene,  von  dem- 
selben Gemeinsinne  belebte  Masse  von  Anhängern.  Nun  ist 
aber  die  Religion  das  kräftigste  Mittel,  die  Einstimmigkeit  der 
Gefühle  und  Ueberzeugungen  herzustellen,  besonders  die  Eifer- 
süchteleien zwischen  den  einzelnen  Stämmen  eines  von  einem 
starken  Gemeinsinn  belebten  Volkes  verschwinden  zu  machen. 
Bekommt  ein  solches  Volk,  geeinigt  durch  eine  religiöse  üeber- 
zeugung  den  Anstoss  nach  einer  bestimmten  Richtung  hin,  so  kann 
ihm  nichts  widerstehen.  Die  Bevölkerung  des  Reichs,  dessen 
Eroberung  bezweckt  wird,  mag  noch  so  zahlreich  sein,  getrennt 
durch  ihre  Interessen,  ohne  einigende  Idee,  muss  sie  jenem 
unterliegen.  An  einer  andern  Stelle  sagt  er :  ,Bei  den  Kriegen 
hängt .  der  Erfolg  gewöhnlich  von  moralischen  Ursachen  ab, 
die  auf  den  Geist  und  die  Einbildung  wirken;  die  grössere 
Truppenzahl,  die  Vorzüglichkeit  der  Waffen  und  die  Uner- 
schrockenheit  des  Angriffes  genügen  zwar  manchmal,  um  den 
Sieg  zu  sichern,  aber  diese  Hebel  sind  minder  wirksam  als 
die  moralischen  Eindrücket  * 

Besiegt,  verschwindet  das  unterworfene  Volk  ausserordent- 
lich rasch  in  Folge  der  verweichlichten  Sitten  und  der  Ent- 
artung. ^ 

Es  wird  zu  dieser  Darstellung  allerdings  nicht  unbemerkt 
bleiben  dürfen,  dass,  wenn  er  den  Gemeinsinn  und  die  Religion 
als  die  maassgebendsten  und  die  wirkungsvollsten  Elemente 
der  Staatenbildung  kennzeichnet,  er  doch  sieb  vollkommen 
Rechenschaft  davon  gab,  dass  zwischen  beiden  ein  grosser 
Unterschied  hinsichtlich  der  zeitlichen  Reihenfolge  ihres  Auf- 
tretens und  Einwirkens  besteht.  Denn  während  er  die  Ent- 
stehung des  primitivsten  Staatswesens  ausschliesslich  aus  dem 
Gemeinsinne  der  Stammesmitglieder  und  dem  Bedüriiiisse  des 
gegenseitigen  Schutzes  ableitet  und  den  Gemeinsinn  als  den 
ersten  Kitt  dieser  ältesten  Gesellschaft  anerkennt,  weiss  er 
sehr  wohl,  dass  in  jener  Urzeit  von  Religion  keine  Rede  sein 
konnte,  dass  also  die  Wirkung  der  Religion,  als  staatenbildenden 


»  II,  133  (120). 
*  I,  307  (268). 

39* 


598  Kremer. 

Elementes,  zeitlich  weit  später  eintritt.  Er  bemerkt  deshalb 
auch  an  einer  anderen  Stelle  seines  Werkes : ,  Diejenigen  Völker, 
welche  eine  Offenbarung  besitzen  und  den  Vorschriften  der 
verschiedenen  Propheten  folgen,  sind  wenig  zahlreich  im  Ver- 
gleiche zu  den  Heiden,  die  keine  Offenbarung  besitzen.  Diese 
bilden  den  überwiegenden  Theil  der  Bevölkerung  der  Erde 
und  trotzdem  hatten  sie  ihre  Dynastien  und  haben  Denkmäler 
ihrer  Macht  zurückgelassen^  ^ 

Er  zeigt  hiemit,  dass,  so  wichtig  auch  ihm  als  gläubigem 
Muselmann  und  als  Kenner  der  Geschichte  der  mohammedani- 
schen Staaten  die  Religion  für  die  Entstehung  und  den  Bestand 
der  Staaten  erscheinen  musste,  er  doch  vollkommen  von  deren 
untergeordneter  Bedeutung  als  staatenbildendes  Element  gegen- 
über der  Nationalitätsidee  überzeugt  war.  • 


IV. 
Die  Formen  der  Gesellschaft. 

Unter  den  im  Oriente  gegebenen  geographischen  Ver- 
hältnissen, die  auch  in  den  der,  arabischen  Herrschaft  unter- 
worfenen Landstrichen  Nordafrikas  dieselben  sind  wie  in  Asien, 
zeigt  sich  uns  die  Gesellschaft  in  zwei  wesentlich  verschiedenen 
Erscheinungsformen:  in  dem  nomadischen  Zustande  und  im 
sesshaften  Leben.  Beide  sind  die  nothwendige  Folge  der  äusseren 
Bedingungen,  unter  welchen  dort  die  Gesellschaft  sich  ausbildete. 

Ein  Blick  auf  jenes  Ländergebiet,  welches  der  Herrschaft 
des  Islams  unterworfen  ist,  überzeugt  uns,  dass  überall  grosse 
Strecken  wüsten  und  culturunfähigen  Bodens  sich  zwischen 
das  bebaute  Land  jeinschieben.  Ganz  abgesehen  von  Arabien, 
dessen  Cultui^ebiete  fast  wie  Oasen  in  der  sie  umgebenden 
Wüste  erscheinen,  zieht  sich  eine  nicht  minder  ausgedehnte, 
dem  grössten  Theile  nach  nur  für  Viehzucht  verwendbare 
Hochebene  zwischen  Syrien  und  dem  Euphratgebiete  hin. 
Aegypten  ist  zu  beiden  Seiten  des  Nilthals  von  weiten,  dem 
Ackerbau  unzugänglichen,   theils  steinigen,  theils  sanderfiillten 

»  I,  90  (72). 


Ibn  Chaldnn  nnd  seine  Gultargeeebicbte  der  isUmiseben  Beicbe.  599 

Einöden  eingeschlossen.  Selbst  Persien  wird,  trotzdem  es  im 
Alterthume  nächst  Babylonien  zu  den  bestcultivirten  Ländern 
gehörte,  von  weiten  unbewohnten  und  dürren  Landstrichen 
durchzogen. 

Seit  den  ältesten  Zeiten  der  geschichtlichen  Ueberlieferung 
ist  daher  dieses  vorderasiatische  Ländergebiet,  ebenso  wie  das 
nordafrikanische  Küstenland,  der  Sitz  eines  eigenthümlichen 
Nomadenlebens  gewesen,  das  sich  von  den  Tagen  der  biblischen 
Patriarchen,  durch  alle  Jahrhunderte  hindurch  bis  in  die  Gegen- 
wart mehr  oder  weniger  unverändert  erhalten  hat,  während 
auf  dem  culturfahigen  Gebiete,  oft  in  unmittelbarer  Berührung 
mit  dem  Nomadenthum  und  theils  aus  demselben  hervorge- 
gangen, uralte  Städte  und  bürgerliche  Gemeinwesen  sich  bil- 
deten, die  in  ihrem  Gebiete  und  so  weit  sie  Schutz  gegen  die 
Eingriffe  der  Nomaden  gewähren  konnten,  auch  sesshafte  Land- 
bebauer  beherbergten. 

Dieser  in  das  höchste  Alterthum  zurückreichende  Zu- 
sammenhang und  Wechselverkehr  zwischen  dem  Nomaden- 
element und  den  grossen  Städten,  sowie  den  sesshaften  Gemein- 
wesen, hatte  auch  die  Folge,  dass  sich  die  höhere  Cultur  dieser 
den  wandernden  Hirtenstämmen  in  gewissem  Grade  mittheilte 
und  unter  ihnen  ein  regeres  Culturleben  sich  zu  entwickeln 
begann,  das  schon  in  den  ältesten  Urkunden  des  hebräischen 
Volkes  deutlich  zu  erkennen  ist  und  später  bei  den  Arabern 
einen  ziemlich  hohen  Grad  der  Verfeinerung  erreichte. 

Es  ist  nach  dem  Gesagten  leicht  zu  begreifen,  wie  es 
kommt,  dass  der  arabische  Culturhistoriker  die  Erscheinungs- 
formen des  Volkslebens  in  die  zwei  grossen  Classen  des  No- 
madenthums  und  des  sesshaften  Lebens  scheidet,  ^  von  denen  er 
ersteres  natürlich  als  die  ältere  bezeichnet. 

Er  macht  hiebei  einen  Unterschied  zwischen  den  ver- 
schiedenen, der  ersten  Classe  angehörigen  Völkerstämmen  und 
stützt  sich  auf  seine  eigenen  Wahrnehmungen,  denn  zu  seiner 
Zeit  bestand,  sowie .  noch  heutzutage,  das  Nomadenthum  in 
Nordafrika  und  Vorderasien  unverändert  fort. 

Die  einen  züchten  Schafe,  Rinder  oder  Ziegen  und  brauchen 
für  ihre  Weideplätze  saftige  Gründe,  aus  welcher  Ursache  sie 


I,  264  (220). 


600  Krem  er. 

nicht  weit  in  die  Wüste  vordringen.  Unter  diese  Classe  rechnet 
Ihn  Chaldun  die  Berberen,  die  Slaven^  Türken  und  die  diesen 
verwandten  Turkomanen.  Ganz  anders  aber  verhält  es  sich 
mit  jenen  Stämmen,  die  sich  vorzüglich  der  Zucht  der  Kameele 
widmen.  Diese  sind  gezwungen,  tief  hinein  in  die  Wüsten 
sich  zu  begeben,  denn  das  Kameel  bedarf  der  Wüstenpflanzen 
zur  Nahrung,  es  muss  das  brackige  Wasser  der  Wüste  trinken 
und  sich  in  diesen  Strichen  im  Winter  aufhalten,  wo  es  nicht 
nur  eine  laue,  trockene  Luft  findet,  sondern  auch  jene  mit 
feinem  Sande  bedeckten  Stellen  benützen  kann,  um  die  Jungen 
zu  werfen. 

Man  weiss,  dass  das  junge  Kameel  von  der  Geburt  an 
bis  zum  Augenblicke  seiner  Entwöhnung  ausserordentlich  schwer 
zu  erziehen  ist  und  vor  allem  der  Wärme  bedarf.  Diese  mit 
der  Kameelzucht  beschäftigten  Nomadenstämme  halten  sich 
also  vorzüglich  in  der  Wüste  auf,  welche  sie  nach  allen  Rich- 
tungen durchwandern.  Von  den  Grenzen  des  Culturlandes 
zurückgewiesen,  wo  man  sie  fürchtet  und  hasst,  sind  sie  fast 
gänzlich  auf  das  Leben  in  der  Wüste  beschränkt  und  gelten 
deshalb  bei  den  Städtern  als  wild,  unbezähmbar  und  raub- 
süchtig. Zu  dieser  Classe  gehören  die  arabischen  Nomaden- 
stämme, dann  die  nomadischen  Berberen  in  Afrika,  die  Kurden 
und  einige  turkomanische  und  türkische  Stämme  im  Oriente. 
Am  meisten  aber  von  allen  sind  die  Araber  an  das  Wander- 
leben der  Wüste  gewöhnt,  weil  sie  fast  ganz  der  Kameelzucht 
obliegen,  während  jene  ausserdem  auch  Schafe  und  Rinder 
züchten.  < 

Diese  Scheidung  des  Volkslebens  in  das  nomadische  und 
das  sesshafte  ist  von  grosser  Wichtigkeit  für  die  Erkenntniss 
jener  Länder  und  es  darf  hiebei  nicht  vergessen  werden,  der 
Unterabtheilung  in  Ganznomaden  und  Halbnomaden  Rechnung 
zu  tragen,  welch  letztere  die  Uebergangsstufe  zur  sesshaften 
Bevölkerung  bilden,  aus  welcher  das  Städtewesen  hervorge- 
gangen ist.  Es  wird  sich  nämlich  später  zeigen,  von  welchem 
Einflüsse  auf  die  politische  Geschichte  der  einzelnen  Länder 
des  Orients  es  war,  welches  von  diesen  verschiedenen  Volks- 
elementen in  jedem  derselben  die  Oberhand  hatte.  Die  Stab^^ 

>  I,  257  (223). 


Ibn  Cbibldaii  and  sftine  CnllargMobiehte  dftr  islamiMhen  Reiche.  601 

lität  der  politischen  Einrichtungen  des  Orients  stand  nämlich 
in  directem  Verhältnisse  zu  dem  Ueberwiegen  des  Ackerbau 
treibenden  und  städtischen  Elementes  über  das  nomadische. 


V. 
Entstehung  und  Terfall  der  Staaten. 

Haben  wir  im  Vorhergehenden  gesehen,  dass  der  arabische 
Geschichtsphilosoph  den  Bestand  der  Reiche  auf  den  Gemein- 
sinn  und  die  Religion  gründet,  so  kann  es  uns  nicht  überraschen 
und  wir  werden  es  nur  als  logische  Folge  dieses  Vordersatzes 
erkennen,  wenn  er  weiters  die  Ansicht  vertritt,  dass  in  Ländern, 
die  von  zahlreichen  Stämmen  und  verschiedenen  Völkerschaften 
bewohnt  sind,  schwer  ein  Reich  entstehen  könne.  Er  begründet 
diese  Behauptung  auch  damit,  dass  eben  in  einem  solchen 
Lande  eine  Menge  verschiedener  Bestrebungen  und  Denkarten 
herrschen,  deren  jede  ihre  Anhänger  und  Vertheidiger  besitze, 
aus  diesem  Grunde  seien  Aufstände  gegen  die  bestehenden 
Behörden  äusserst  häufig  und  wenn  auch  die  Regierung  sich 
auf  die  Ergebenheit  ihrer  Partei  stütze,  so  sei  es  doch  vergeblich, 
denn  die  unter  ihrer  Herrschaft  stehenden  Stämme  besitzen  jeder 
für  sich  seinen  besonderen  Gemeinsinn  (Nationalität)  und  jeder 
hält  sich  für  stark  genug,  um  selbstständig  sein  zu  wollen. 

Als  Beleg  für  diese  Behauptung  werden  die  Ereignisse 
angeführt,  die  in  Nordafrika  vom  Beginne  des  Islams  bis  in 
die  Zeiten  Ibn  Chalduns  sich  abspielten.  ,Die  Bevölkerung 
jener  Gegenden  besteht  aus  Berberen,  die  in  zahlreiche  Stämme 
sich  scheiden,  wovon  jeder  von  einem  lebhaften  Gemeinsinne 
beseelt  ist.  Als  die  Araber  sie  mit  dem  Schwerte  unterworfen 
und  zum  Islam  bekehrt  hatten,  benützten  sie  jeden  Anlass 
sich  zu  erheben  und  den  aufgedrungenen  Glauben  abzuschwören. 
Nicht  wenig  trug  hiezu  der  Umstand  bei,  dass  die  Berberen 
nomadisch  lebten  und  in  Stämmen  organisirt  waren,  wodurch 
sich  der  Gemeinsinn  der  Familie  und  des  Stammes  äusserst 
lebhaft  erhielt.' » 


»  I,  337  (296). 


602  Kremer. 

,Ganz  anders  verhält  es  sich  hingegen  in  jenen  Ländern, 
wo  der  Qemeinsinn  und  die  Stammesverbrüdernng  nicht  be- 
steht; dort  hat  der  Machthaber  keinen  Aufstand  zu  besorgen, 
denn  Erhebungen  sind  dort  äusserst  selten.  So  ist  es',  fährt 
Ihn  Chaldun  fort,  ,in  unseren  Tagen  in  Syrien  und  Aegypten, 
denn  daselbst  ist  das  Volk  nicht  in  Stämme  gegliedert.  Vor- 
züglich gilt  dies  aber  von  Aegypten:  der  Beherrscher  dieses 
Landes  ist  vollkommen  sicher  gegen  Aufstände  und  Unbot- 
mässigkeit.  Es  gibt  daselbst  nur  zwei  Parteien:  den  Macht- 
haber (mit  seinem  Anhange)  und  an  blinden  Gehorsam  gewöhnte 
Unterthanen.  Die  Regierung,  geleitet  von  einem  Fürsten  tür- 
kischer Abkunft  und  von  Schaaren  von  verlässlichen  Anhängern 
derselben  Nationalität  unterstützt,  geht  von  einem  Machthaber 
auf  den  andern  über.'^  —  ,Ein  ähnlicher  Zustand  der  Dinge 
besteht  jetzt  in  Spanien,  wo  gegenwärtig  Ibn  Abmar  herrscht. 
Als  die  Dynastie  dieses  Fürsten  zuerst  auftrat^  war  sie  ziem- 
lich schwach  und  hatte  wenig  Truppen.  Sie  entsprang  aus  einer 
arabischen  Familie,  die  im  Dienste  der  Ommajjaden  gestanden 
war  und  von  der  nur  mehr  eine  kleine  Anzahl  sich  erhalten  hatte. 
Als  die  arabische  Oberherrschaft  gestürzt  und  durch  die  ber- 
berischen Dynastien  der  Almoraviden  und  der  Almohaden  ver^ 
drängt  ward,  wurde  die  arabische  Bevölkerung  Spaniens  durch 
die  siegreichen  Berberen  so  hart  und  gewaltthätig  behandelt, 
dass  sie  gegen  ihre  neuen  Beherrscher  bald  von  Ingrimm  und 
Erbitterung  erfüllt  war.  Als  nun  die  Almohaden-Macht  allmälig 
ihrem  Ende  sich  näherte,  traten  die  Prinzen  dieses  Hauses 
dem  christlichen  Könige  von  Castilien  eine  grosse  Anzahl  von 
festen  Plätzen  ab  in  der  Hoffnung  von  ihm  Unterstützung  zu 
erhalten,  um  Marocco  (die  Hauptstadt  des  Almohaden-Reiches) 
zurückerobern  zu  können  (welche  Stadt  seitdem  in  die  Qewalt 
der  Meryniden  gekommen  war).  Diesen  Anlass  benützten  alle 
alten  arabischen  Familien,  die  noch  in  Spanien  geblieben  waren 
und  ihren  nationalen  Qeist  bewahrt  hatten,  um  sich  zu  ver- 
einigen. Ihrem  Ursprünge  getreu  hatten  sie  wenig  Neigung 
sich  in  den  Städten  niederzulassen  und  feste  Wohnsitze  zu 
wählen,  sondern  blieben  dem  Kriegshandwerke  zugethan.  Ibn 
Hud  (der  Fürst  von  Saragossa),  Ibn  A^mar  (Fürst  von  Qranada) 


*  I,  338  (297). 


Ibn  Clialdan  nnd  seine  Cnllargeeehlelite  der  ialMnitchen  Beielie.  603 

und  Ibn  Mardanjeh  (Herrscher  von  Ostandalosien)  entstammten 
solchen  arabischen  Familien.  Der  erste  riss  die  Führung  an 
sich^  Hess  in  Spanien  die  geistliche  Oberhoheit  der  Abbasiden- 
Chalifen  proclamiren,  rief  das  Volk  zum  Kampfe  gegen  die 
Almohaden  auf  und  trieb  sie  aus  dem  Lande.  Bald  aber 
suchte  der  Fürst  von  Granada  sich  der  höchsten  Gewalt  zu 
bemächtigen  und  da  er  die  geistliche  Oberhoheit  der  Chalifen 
nicht  anerkennen  wollte^  so  Hess  er  Ibn  Aby  ^af§f,  den  Führer 
der  Almohaden  in  Afrika^  König  von  Tunis,  als  Souverän 
proclamiren  und  für  ihn,  als  solchen,  das  Öffentliche  Gebet 
verrichten.  Es  genügte  ihm,  um  sich  der  Herrschaft  zu  be- 
mächtigen, ein  ziemlich  schwacher  Anhang  grösstentheils  aus 
den  Mitgliedern  seiner  eigenen  Verwandtschaft  bestehend;  er 
brauchte  keine  stärkere  Macht,  da  der  Stammgeist  kaum  mehr 
unter  der  Bevölkerung  dieses  Landes  bestand.  Es  gab  daselbst 
nur  Herrscher  und  Unterthanen.'  ^ 

r 

Diese  Bemerkungen  über  den  Unterschied  zwischen 
Ländern,  wo  der  Stammgeist  fortbesteht  und  solchen,  wo  er 
bereits  geschwunden  ist,  lassen  sich  noch  in  anderer  Richtung 
vervollständigen.  Vor  aUem  müsste  auf  Arabien  selbst  hin- 
gewiesen werden,  wo  die  Stammesorganisation  in  voller  Kraft 
sich  erhalten  hat,  und  aus  diesem  Grunde  auch  nie  eine  feste 
Regierung  sich  für  längere  Zeit  behaupten  konnte.  Aber  selbst 
auf  andere  Gebiete  lässt  sich  derselbe  Grundsatz  anwenden, 
denn  worin  sonst  als  in  der  Zersplitterung  in  einzelne  mit 
starkem  Selbstgefühl  ausgestattete  Stämme,  deren* jeder  seine 
Eigenart  wahrte,  liegt  die  Ursache  der  politischen  und  kriegeri- 
schen Ohnmacht  Griechenlands  gegenüber  den  Römern?  Und 
derselbe  Grund  findet  im  vollstem  Maasse  auf  die  ganze  mittel- 
alterliche Geschichte  Deutschlands  im  Vergleiche  mit  jener 
Frankreichs  seine  Anwendung:  hier  starke  Königsmacht  und 
eine  geeignete  Nation,  denn  in  Gallien  hatten  schon  die  Römer 
alle  Stammesunterschiede  verwischt  und  mit  Blut  und  Eisen 
die  Nation  zu  einer  compacten  Masse  zusammengeknetet, 
während  in  Deutschland  die  uralte  Staramesgliederung  mit 
mehr  oder  weniger  stark  ausgeprägter  Individualität  sich  fast 
bis  in  die  Gegenwart  erhalten  hat  und  erst  jetzt  zu  schwinden 


I,  340  (298). 


604  Kremer. 

beginnt,  nachdem  die  kriegerischen  und  politisohen  £rfolge 
der  neuesten  Zeit  die  Nationalitätsidee  zur  stärkeren  Geltung 
gebracht  haben. 

Es  ist  gut  von  Zeit  zu  Zeit  sich  solche  Bücklicke  zu 
gestatten  und  hiedurch  die  Ueberzeugung  aufzufrischen,  dass 
Verhältnisse,  die  vor  tausenden  von  Jahren  bestanden,  auf  die 
Gestaltung  der  Gegenwart  noch  die  entschiedenste  Nachwukung 
ausüben  und  dass  die  ganze  Culturentwicklung  der  Völker 
das  Ergebniss  eines  nach  unendlichen  Jahresreihen  zahlenden 
Processes  ist,  dessen  Anfang  wir  nur  errathen,  über  dessen 
Schluss  aber  wir  in  vollster  Unwissenheit  sind  und  auch  bleiben. 

Kehren  wir  nach  diesen  Bemerkungen  wieder  zurück  za 
unserem  Geschichtsphilosophen  und  folgen  wir  ihm  weiter  in 
der  Entwicklung  seiner  Ideen,  so  ist  seine  Ansicht  über  den 
Verlauf  der  Geschichte  zunächst  der  Gegenstand,  welcher 
unsere  Aufmerksamkeit  in  Anspruch  nehmen  muss. 

Der  natürliche  Entwicklungsgang  ist  nach  Ibn  Chaldun 
folgender:  ,Entstehung  der  Gesellschaft  in  Folge  des  dem 
Menschen  angebornen  Geselligkeitstriebes  —  Stammesbildong 
—  vorherrschender  Einfluss  eines  Stammes  und  Entstehung 
des.  Eönigthums  >—  Ausbildung  des  Eönigthums,  Uebergang 
vom  nomadischen  Leben  zum  sesshaften  —  Entstehung  der 
Städte  —  Zunahme  des  Luxus  mit  zunehmender  Civilisa- 
tion  —  Verfall  der  Macht  und  endlich  üntei^ang  des  Reiche«, 
an  dessen  Stelle  ein  jüngeres,  deshalb  aber  kräftigeres  und 
lebensfähigeres  tritt.  —  Dieser  Process  wiederholt  sich  ins 
Unendliche^ 

An  verschiedenen  Stellen  spricht  sich  Ibn  Chaldun  in 
diesem  Sinne  aus  und  deren  Inhalt  fasse  ich  hier  zusammen: 
,Die  natürliche  Lebensdauer  des  Menschen  ist  nach  den  Aerzten 
und  Astronomen  von  hundert  und  zwanzig  Jahren  und  zwar 
von  jenen,  welche  die  Astronomen  grosse  Mondjahre  nennen. 
Aber  diese  Lebensdauer  ist  nicht  gleich  bei  den  verschiedenen 
Kassen,  indem  deren  Länge  bestimmt  wird  durch  die  Gestirn- 
conjuncturen.  Oefters  überschreitet  sie  diese  Jahreszahl  und 
manchmal  erreicht  sie  dieselbe  nicht.  So  leben  manche,  die 
unter  besonderen  Gestirnconjuncturen  geboren  sind,  bis  hundert 
Jahre,  andere  bis  fünfzig  und  wieder  andere  bis  achtzig  oder 
neunzig.    Für  die  gegenwärtige  Menschenrasse  ist  die  Lebens- 


Iba  Chaldun  nnd  seine  Culiargeschichte  der  iiUmischeo  Beiche.  605 

(lauer  von  sechzig  bis  siebzig  Jahren^  wie  dies  auch  in  einem 
Ausspruche  des  Propheten  bestätigt  wird^ 

yAuch  die  Dauer  der  Reiche  wechselt  nach  den  Conjunc- 
turen  der  Gestirne,  überschreitet  aber  in  der  Regel  nicht  drei 
Generationen.  Das  Leben  einer  Generation  hat  die  Länge  der 
mittleren  Lebensdauer  des  Menschen,  nämlich  vierzig  Jahre.^ 

,Die  Dauer  eines  Reiches  erstreckt  sich  nun  gewöhnlich 
nicht  über  drei  Generationen.  In  der  That,  die  erste  Gene- 
ration bewahrt  ihren  Charakter  als  Nomadenvolk,  die  rauhen 
Gewohnheiten  des  wilden  Lebens,  die  Massigkeit,  Tapferkeit, 
Raublust  und  die  Gewohnheit  der  Theilung  der  obersten  Gewalt. 
Auf  diese  Ai*t  bleibt  der  Stammessinn  dieser  Generation  in 
voller  Kraft,  ihr  Schwert  ist  immer  schneidig,  die  Nachbar- 
schaft eines  solchen  Stammes  ist  gefurchtet  und  die  fremden 
Stämme  lassen  sich  von  ihm  besiegen.  Der  Besitz  der  Herr- 
schaft Und  das  daraus  entspringende  Wohlbefinden  wirken  auf 
den  Charakter  der  zweiten  Generation :  bei  ihr  werden  die 
Sitten  und  Gewohnheiten  des  nomadischen  Lebens  verdrängt 
durch  die  des  sesshaften  Lebens,  die  Noth  hat  sich  in  Wohl- 
stand verwandelt  und  die  Theilung  der  Herrschaft  in  Auto- 
kratie. £in  Einziger  übt  alle  Autorität  aus,  das  Volk,  zu 
lässig  um  den  Versuch  zu  machen  dieselbe  wieder  zu  erobern, 
tauscht  die  Herrschlust  aus  gegen  die  Erniedrigung  und  die 
Unterwürfigkeit.  Der  Gemeinsinn,  der  es  belebte,  schwächt 
sich  in  gewissem  Maasse,  aber  immer  bemerkt  man,  dass  diese 
Generation,  ungeachtet  ihrer  Erniedrigung,  noch  ein  gut  Theil 
der  Eigenschaften  sich  erhalten  hat,  die  sie  von  der  vorher- 
gegangenen Generation  überliefert  bekam.  Sie  hat  deren  Sitten, 
deren  Stolz,  ihre  Ruhmsucht,  die .  Kampf lust  gegen  den  Feind 
gekannt;  aus  diesem  Grunde  kann  sie  den  ursprünglichen  Geist 
nicht  ganz  einbüssen.  Sie  hofft  sogar  eines  Tages  alle  diese 
Vorzüge  der  ersten  Generation  wieder  zu  erlangen,  vielleicht 
schmeichelt  sie  sich  sogar  dieselben  noch  zu  besitzen.^ 

,Die  dritte  Generation  hat  vollständig  das  Nomadenleben 
und  die  einfachen  Sitten  der  Wüste  vergessen ;  sie  kennt  nicht 
mehr  den  Reiz  des  Ruhmes  und  des  Gemeinsinnes,  indem  sie 
gewohnt  ist  dem  Gebote  eines  Meisters  sich  zu  fügen;  der 
Luxus  erreicht  unter  ihr  die  höchste  Stufe,  indem  sie  sich  in 
alle  Genüsse   des  Lebens   stürzt.     Eine  solche  Volksmenge  ist 


606  Krener. 

eine  Last  fUr  das  Reich;  wie  die  Fraaen  und  Kinder  brauchen 
sie  einen  Schutzherrn;  der  Oemeinsinn  ist  bei  ihnen  gänzlich 
erloschen,  der  Muth,  sei  es  um  die  Ihrigen  zu  vertheidigen, 
sei  es  um  den  Feind  anzugreifen,  fehlt  ihnen  gänzlich  und 
dessenungeachtet  suchen  sie  die  Masse  zu  täuschen  durch 
ihre  kriegerische  Ausrüstung,  ihre  Gewänder,  schönen  Pferde 
und  ihre  ritterliche  Gewandtheit.  Alles  das  ist  Spiegelfechterei, 
denn  sie  sind  gewöhnlich  feiger  als  die  Frauen;  werden  sie 
angegriffen,  so  sind  sie  unfähig  zum  Widerstände  und  der 
Fürst  stützt  sich  nothgedrungen  dann  auf  Fremde  von  aner- 
kannter Kriegstüchtigkeit;  er  umgibt  sich  mit  Freigelassenen 
und  Clienten  in  einer  Zahl,  die  zur  Vertheidigung  der  Herr- 
schaft genügend  scheint/ 

,Dies  sind  also  die  drei  Generationen,  im  Verlaufe  welcher 
die  Reiche  altem  und  verfallen/ 

,In  der  vierten  Generation  schwinden  die  Macht  und  der 
Glanz  gänzlich/ 

,Die  Dauer  der  drei  Generationen  ist  hundertzwanzig  Jahre 
und  gilt  gewöhnlich  für  eine  Dynastie,  es  sei  denn,  dass  ans* 
nahmsweise  Zustände  einwirken.  Verlängert  sich  die  Dauer  des 
Reiches  noch  mehr,  so  geschieht  dies,  weil  Niemand  daran  denkt 
es  anzugreifen;  aber  es  ist  dies  ein  ganz  zufälliger  Umstand;  der 
Verfall  erreicht  es  immer,  wenn  es  auch  von  Niemand  bedroht 
wird.  Hätte  sich  früher  ein  Feind  eingestellt,  so  würde  er 
keinen  Widerstand  gefunden  haben.  Zuletzt  kommt  doch  der 
Zeitpunkt  des  Sturzes  (des  Reiches),  den  Niemand  um  eine 
Stunde  beschleunigen  oder  hinausschieben  kann.' 

,Die  Reiche  haben  also,  wie  die  Individuen  eine  Existenz, 
ein  Leben,  das  ihnen  eigen  ist,  sie  wachsen,  erreichen  die 
Reife  und  beginnen  dann  zu  verfallen.'  ^ 

,Die  Entwicklungsphasen,  die  jedes  Reich  durchzumachen 
hat,  sind  mehrere.  Dieselben  üben  auf  den  Charakter  jener, 
die  das  Reich  stützen  (der  herrschenden  Partei),  einen  Einfluss 
aus  und  theilen  ihnen  Eindrücke  mit,  die  ihnen  früher  fremd 
waren,  denn  der  Charakter  der  Menschen  hängt  von  der  Lage 
ab,  in  der  sie  sich  befinden.  Diese  Entwicklungsphasen  im  Leben 
der  Staaten  können  gewöhnlich  auf  fünf  beschränkt  werden/ 


1  I,  347  (306). 


Ibn  Chaldnn  and  seine  Cnltnrgeschichte  der  isUmischen  Beiehe.  607 

yDie  erste  Phase  ist  der  Zustand  des  Sieges,  der  Nieder- 
werfung des  Widerstandes^  des  Vollbesitzes  der  Herrschermacht, 
nach  Entreissung  derselben  aus  den  Händen  der  früheren  Herr- 
schaft. Während  dieser  Periode  theilt  der  Fürst  die  höchste 
Gewalt  mit  den  Mitgliedern  seines  Stammes:  er  lässt  sie  an 
der  Regierung  und  Steuereinhebung,  sowie  an  der  Vertheidigung 
des  Staates  theilnehmen ;  er  misst  sich  durchaus  keinen  beson- 
deren Vorrang  bei,  denn  der  Gemeinsinn,  welcher  das  Volk 
zum  Siege  geführt  hatte  und  der  noch  in  alter  Kraft  besteht, 
zwingt  ihn  hiezu/ 

,In  der  zweiten  Phase  bemächtigt  sich  der  Fürst  aus- 
ßchliesslich  der  Herrschaft,  schliesst  jene  (d.  i.  seine  alten 
Stammgenossen)  von  der  Theilnahme  aus  und  schlägt  die  Ver- 
suche jener  zurück,  welche  die  Macht  mit  ihm  zu  theilen 
beabsichtigen.  So  lange  diese  Periode  andauert,  bemüht  er 
sich,  durch  Gunstbezeugungen  der  Unterstützung  einflussreicher 
Männer  sich  zu  versichern,  Clienten  und  Parteigänger  in 
grosser  Menge  an  sich  zu  ziehen,  um  jeden  Versuch  der  Wider- 
setzlichkeit seines  Stammes  oder  seiner  Verwandten,  die  mit 
ihm  die  Herrschaft  theilen  möchten,  zu  unterdrücken.  Er  sucht 
sie  allmälig  von  jeder  Theilnahme  an  der  Regierung  auszu- 
schliessen,  bis  die  oberste  Gewalt  ihm  allein  gesichert  ist,  und 
nur  seine  nächsten  Familienmitglieder  allein  im  Genüsse  der 
Herrlichkeit  bleiben,  die  er  für  sie  begründet.  Er  reibt  seine 
Kräfte  auf  in  der  Abwehr  eben  so  sehr  und  noch  mehr  als 
seine  Vorgänger,  welche  das  Reich  eroberten.  Diese  hatten 
nur  ein  fremdes  Volk  zu  bekämpfen  und  hatten  hiezu  der 
Beihilfe  eines  ganzen  Stammes,  der  von  demselben  Gemein- 
sinne durchdrungen  war,  sich  versichert,  während  jetzt  der 
Sultan  seine  nahen  Verwandten  zu  bekämpfen  hat,  ohne  andere 
Helfer  als  eine  kleine  Anzahl  von  Fremden  (Soldtruppen).' 

,Die  dritte  Phase  ist  die  der  Vollendung  und  der  Er- 
holung. Der  Sultan  erfreut  sich  nun  der  Früchte  seiner  Be- 
mühungen, als  Gebieter  über  das  Reich  kann  er  sich  dem 
Hange  hingeben,  der  die  Menschen  antreibt,  Reichthümer  zu 
erstreben  oder  dauernde  Denkmäler  ihres  Ruhmes  zu  hinter- 
lassen, oder  sich  einen  hohen  Namen  zu  erwerben;  er  thut 
sein  Möglichstes  in  Einhebung  der  Steuern,  in '  der  Controle 
der  Einnahmen  und  Ausgaben,  in  der  Bemessung  der  Rationen 


608  Krem  er. 

(und  Gehalte),  sowie  der  Oekonomie  hierin,  er  baut  prächtige 
Palläste,  feste  Bargen  und  ausgedehnte  Städte,  hehre  Tempel ; 
er  beschenkt  königlich  die  an  seinem  Hoflager  erscheinenden 
Grossen  der  fremden  Völker  und  Häuptlinge  der  Stämme;  er 
spendet  Wohlthaten  an  seine  Verwandten,  schenkt  Geld  und 
Ehren  seinen  Anhängern  und  Dienern,  er  inspicirt  selbst  die 
Soldtruppen,  weist  ihnen  regelmässig  ihre  Rationen  zu  und 
zahlt  ihnen  ihre  Löhnung  Monat  für  Monat,  so  dass  sich 
die  Wirkung  davon  selbst  in  ihrer  Kleidung,  Ausrüstung  and 
Bewaffnung  an  den  Festtagen  zeigt;  er  überbietet  hiedurch 
die  befreundeten  Mächte  und  flösst  den  feindlichen  Schrecken 
ein'  u.  s.  w. 

,Die  vierte  Phase  ist  eine  Periode  der  Genügsamkeit  und 
der  Friedensliebe:  der  Fürst,  befriedigt  mit  dem  von  seinen 
Vorfahren  ihm  übertragenen  Ruhme^  lebt  im  Frieden  mit  den 
andern  Fürsten  und  ahmt  sorgfältig  das  Verhalten  seiner  Vor- 
fahren nach;  durchdrungen  von  der  Ueberzeugung  ihrer  Weis- 
heit hielte  er  sich  für  verloren,  wenn  er  von  dem  durch  sie 
ihm  gegebenen  Beispiele  abwiche.' 

,Die  fünfte  Phase  hat  die  Misswirthschaft  und  Verschwen- 
dung zur  Begleitung,  der  Fürst  gibt  in  Genusssucht  und  Schwel- 
gereien die  von  seinen  Vorfahren  angesammelten  Schätze  aus, 
verschwendet  reiche  Geschenke  an  seine  Günstlinge  und  Ge- 
halte an  die  Werkzeuge  seiner  Lüste,  denen  er  hohe  Aemter 
überträgt,  die  auszufüllen  sie  unfähig  sind.  Er  verletzt  hiemit 
das  Selbstgefühl  der  leitenden  Männer  seines  Volkes  und  jener, 
die  ihr  Vermögen  der  Grossmuth  seiner  Vorfahren  verdanken, 
bis  sie  es  ihm  nachtragen  und  sich  von  ihm  zurückziehen;  bis 
die  Soldtruppen  von  ihm  abfallen,  weil  er  ihre  Löhnung  auf 
seine  Gelüste  ausgegeben  hat  ohne  sich  je  um  sie  zu  bekümmern. 
So  zerstört  er  was  von  seinen  Vorfahren  gegründet  worden 
und  reisst  er  nieder,  was  sie  gebaut/  ' 

Der  Verlauf  der  Geschichte  ist  also,  wie  sich  aus  obigen 
Stellen  mit  Sicherheit  erkennen  lässt,  ein  Kreislauf  und  wieder- 
holt sich  fort  und  fort.  Dass  diese  Ansicht  nicht  erst  von 
Ibn  Chaldun  aufgestellt  ward,  sondern  schon  früher  von  den 
Denkern  des  Orients  ersonnen  worden  sei,  können  wir  daraus 


1  I,  366  (.^14  ff.). 


Ibn  Chaldnn  und  seine  Caltnrgesebielite  der  islamischen  Reiche.  609 

entnehmen,  dass  auch  Ibn  Sab'yn,  der  seiner  Zeit  hoch- 
berühmte  Philosoph,  an  welchen  Kaiser  Friedrich  11.  eine  An- 
zahl philosophischer  Fragen  richtete,  in  einem  seiner  Werke, 
welches  vorwiegend  die  Ansichten  des  unter  dem  Namen  des 
Sufismus  bekannten  morgenländischen  Mjsticismus  zu  vertreten 
scheint,  sich  in  ähnlichem  Sinne  geäussert  haben  soll.  Auch 
ist  uns  eine  Stelle  aus  dem  Werke  eines  seiner  Schüler  er- 
halten, die  besagt,  dass  durch  Vermittlung  der  Prophetie  die 
Wahrheit  und  die  Wegeleitung  nach  der  Blindheit  und  der 
Verirrung  sich  offenbare,  auf  sie  folge  das  Chalifat  (die  ver- 
einigte geistliche  und  weltliche  Souveränität),  dann  das  weltliche 
Königthum,  das  in  Despotismus,  in  Stolz  und  Selbstüberhebung 
ausartet. 

In  übereinstimmender  Weise  behaupten  die  Suiys,  dass 
es  im  Plane  Gottes  liege,  alles  wieder  zum  Anbeginne  zurück- 
zufuhren, so  müssten  die  Prophetie  und  Wahrheit  wieder  auf- 
leben durch  Vermittlung  der  Walys  (der  Heiligen),  hierauf 
folge  das  Chalifat,  darauf  die  Herrschaft  des  Antichrists  (Dag- 
g41),  statt  des  Königthums  und  der  Souveränität.  Nach  Ab- 
lauf dieses  Cjklus  kehre  alles  wieder  zum  Unglauben  zurück, 
wie  vor  der  Prophetie.  ^ 

Man  wird  jedoch  bei  dieser  Lehre  der  Mystiker  wohl 
darauf  achten,  dass  darin  das  religiöse  Element,  nämlich  die 
Wiederkehr  des  Propheten thums^,  allerdings  nur  in  der  abge- 
schwächten Form  der  Wiläjah,  d.  i.  der  Führung  der  Mensch- 
heit durch  die  Heiligen,  eine  Hauptrolle  spielt,  während  Ibn 
Chaldun  die  religiöse  Frage  gänzlich  bei  Seite  lässt  und  aus- 
schliesslich seine  Theorie  auf  den  politischen  und  socialen 
Entwicklungsprocess  gründet.  Einen  gewissen  Einfluss  auf 
seine  Theorie  scheint  aber  die  Lehre  des  orientalischen  Mysti- 
cismus  über  die  Rückkehr  zum  Anbeginn  (alma'lldo  'ilä-lmabda') 
immerhin  ausgeübt  zu  haben,  obgleich  in  dem  Gedankengange 
der  Sufys  es  sich  hiebei  um  den  Ursprung  und  die  Wieder- 
auflösung aller  Dinge  aus  und  in  der  Gottheit  handelt. 

Die  Civilisation,  oder  richtiger  die  städtische  Civilisation, 
ist  in  der  Ansicht  Ibn  Chalduns  die  höchste  Entwicklungsstufe 
der  Gesellschaft,   welche,   sobald  sie   bis   zu   derselben  vorge- 


»  II,  192  (165). 


610  Kraner. 

« 

schritten  ist^  zurückzuschreiten  und  zu  entarten  beginnt,  wie 
dies  mit  dem  animalischen  Leben  bei  Erreichung  einer  gewissen 
Altersstufe  der  Fall  ist.  < 

Der  Verfall  der  Reiche  ist  ein  natürlicher  Process,  der 
vollständige  Analogie  mit  dem  Verfall  aus  Altersschwäche 
bietet.  ^  Allerdings  entwickelt  manchmal  ein  Staat,  der  schon 
in  der  letzten  Periode  des  Verfalles  steht,  noch  hinreichende 
Kraft  um  glauben  zu  machen,  dass  sein  Verfall  zum  Stillstand 
gekommen  sei:  es  ist  dies  aber  wie  das  letzte  Aufflackern 
einer  Lampe.  ^ 

Es  sind  gewisse  Anzeichen,  die  nach  Ihn  Chaldun  den 
Verfall  begleiten  und  kennzeichnen;  wir  lassen  ihm  selbst  das 
Wort :  ,Wisse,  dass  der  Bau  des  Staates  auf  zwei  Fundamenten 
beruht,  die  durchaus  nicht  zu  entbehren  sind:  das  erste  ist: 
die  materielle  Gewalt  und  der  Gemeinsinn  und  dies 
findet  seinen  Ausdruck  in  der  Kriegsmacht  —  das  zweite 
ist  die  Finanzwirthschaft,  durch  welche  das  Heer  besteht 
und  die  Bedürfnisse  des  Reichs  in  den  verschiedenen  Lagen 
bestritten  werden.  Beginnt  nun  für  den  Staat  der  Verfall,  so 
macht  er  sich  in  diesen  beiden  Fundamenten  (zuerst)  bemerkbar. 
Wir  wollen  zuerst  den  Eintritt  des  Verfalles  in  der  materiellen 
Macht  und  dem  Gemeinsinne  besprechen,  dann  aber  denselben 
in  Bezug  auf  die  Finanzen  und  die  Steuereinhebung.  So  wisse 
denn,  dass  die  Befestigung  des  Reiches  und  dessen  Begründung, 
wie  wir  sagten,  in  dem  Gemeinsinne  beruht  und  dass  unbedingt 
ein  höherer  Gemeinsinn  unentbehrlich  ist,  der  die  einzelnen 
(niedereren)  Gemeinbestrebungen  in  eine  einzige  zusammenfasst: 
dies  ist  der  Gedanke  der  Parteinahme  für  den  Besitzer  der 
höchsten  Gewalt  seitens  seiner  Anhänger  und  Stammesange* 
hörigen.  Stellt  sich  nun  bei  der  Regierung  die  Gewohnheit 
der  (unumschränkten)  Gewalt,  der  Verweichlichung,  der  Nieder- 
werfung der  einzelnen  Parteien  ein,  so  sind  die  Ersten,  welche 
niedergeworfen  werden,  die  Parteigänger  und  Stammesver^ 
wandten  des  Herrschers,  welche  mit  ihm  die  Herrschaft  theilen 
wollen.     Er   wirft   sie   stärker   nieder  als   die  Fremden,  aber 


»  II,  306  (260). 
2  II,  120  (106). 
»  II,  121  (108). 


Ibn  Cbaldnn  und  seine  Cultiir^ecbichte  der  isUniechen  Reicbe.  611 

auch   die  Verweichlichung  (der  Lnxus)   beherrscht  sie  stärker 

als    Andere;    wegen    ihrer    nahen    Beziehungen    zum    Throne, 

w^en   ihres   Stolzes   und  ihrer  hervorragenden  Stellung.     So 

stehen  sie  unter  dem  Einfluss  zweier  Elemente  der  Zerstörung: 

und   diese   sind:    die   Verweichlichung    (der   Luxus)    und    die 

Gewalt.    Zuletzt  kommt  es  in  der  Anwendung  der  Gewalt  zur 

Hinrichtung,    indem    ihre   Stimmung   gegen    den   Inhaber   der 

höchsten   Gewalt   sich   immer   mehr  verbittert,   je   mehr   sich 

seine  Herrschaft  befestigt.     Es  verwandelt  sich  die  Eifersucht 

des  Herrschers  gegen  sie  allmälig  in  Furcht  für  seinen  Thron : 

er  geht  mit  Hinrichtungen,  mit  Demüthigungen,  mit  Entziehung 

der  Habe  und   des   Luxus,   an   den   sie   sich   gewöhnt   haben, 

gegen   sie  vor.     Sie   gehen   zu  Grunde   oder  werden   getödtet 

und  ihre  Ergebenheit  für  den  Machthaber  schwindet;   dies  ist 

aber   die   einigende  Idee,   welche  die  einzelnen  Gemeinbestre- 

bungen   zusammenhielt  und   leitete.     Es  löst  sich  nun   dieses 

Band,    es    schwächt    sich    dieser   Halt.     Der   Heri*scher   aber 

wählt  statt  ihrer  Knechte  seiner  Gnaden  und  Creaturen  seiner 

Gunst:   aus  ihnen  bildet  er  sich  eine  neue  Partei,  nur  ist  sie 

nicht  so  stark  wie  jene,  weil   das  Band   der  Verwandtschaft 

und   die   von-  Gott   hineingelegte   Kraft  fehlt.     Der   Herrscher 

verliert  auf  diese   Art  seine   Parteigänger   und   Hilfsgenossen 

sammt  ihrem  naturgemässen  Opfermuthe.    Dies  bleibt  von  den 

andern  Parteien   nicht   unbemerkt,   sie   werden   kühner   gegen 

ihn  und  seine  Günstlinge.    Der  Sultan  vernichtet  sie,  verfolgt 

sie  von  Fall  zu  Fall  mit  der  Todesstrafe  und  ernennt  an  ihrer 

Stelle  andere  in  Amt  und  Würden,  ausserdem  aber  macht  die 

Verweichlichung  auf  sie  ihre  Einwirkung  geltend,  wie  wir  schon 

oben   bemerkten.     So   überwältigt  sie   die   Vernichtung   theils 

durch   die  Verweichlichung,   theils  durch  das  Schwert,   bis  sie 

das  Gefiihl  der  Parteinahme  (für  ihren  Fürsten)  gänzlich  ein- 

gebüsst,  deren  Kraft  und   Schwung  gänzlich  vergessen  haben. 

Sie  werden  nun  einfach  Söldlinge  zum  Schutze   (des  Staates), 

ihre  Zahl  nimmt  ab  und  es  vermindert  sich  also  die  Zahl  der 

Vertheidiger  der  Provinzen  und  Grenzlandschaften.    Die  unter* 

worfenen    Stämme    fassen   Muth,    um    sich   in   den   Provinzen 

gegen  die  Regierung  zu  erheben,  Kronprätendenten  und  andere 

Aufrührer  eilen  herbei,  in  der  Hoffnung  das  Ziel  ihrer  Wünsche 

zu  erreichen,   indem   sich   die  Bewohner   der  Gegenden  ihnen 

SitiuDgaber.  d.  pbil.-liiet.  Cl.  XCUI.  Bd.  lY.  Hft.  40 


612  Kremer. 

anschliessen  und  Bie  sicher  sind  von  den  Truppen  nicht  erreicht 
zu  werden.  Ununterbrochen  dauert  dieser  Zustand  fort,  wäh- 
rend die  Machtsphäre  der  Regierung  sich  verengt,  bis  die 
Aufständischen  selbst  in  der  nächsten  Nähe  der  Hauptstadt 
sich  festsetzen.  Oft  zerfilUt  in  solchen  Umständen  der  Staat 
in  zwei  Staaten  oder  in  drei  nach  Maassgabe  seiner  ursprüng- 
lichen Kraft,  wie  wir  schon  gesagt  haben,  und  es  übernimmt 
deren  Führung  eine  andere  Partei,  die  aber  doch  immer  sich 
der  früher   allein  herrschenden  Partei   und   ihrem  natürlichen 

Einflüsse  fügen  muss.' ^ 

,Hinsichtlich  des  Verfalles  in  finanzieller  Beziehung  aber, 
sei  dir  kundgethan,  dass  jeder  Staat  im  Anfange  dem  Nomaden- 
zustande  entspringt,  wie  schon  früher  bemerkt;  der  Charakter 
der  Regierung  ist  daher  milde  Behandlung  der  Unterthanen, 
Maasshalten  in  den  Ausgaben,  Achtung  vor  dem  Privateigen* 
thum.  Eine  solche  Regierung  enthält  sich  der  Strenge  in  der 
Steuereintreibung,  der  Erpressung  und  Gewaltmaassregeln  bei 
Einhebung  der  Gelder  und  bei  der  Abrechnung  mit  den  Be- 
gierungsbeamten. Es  besteht  kein  Anlass  zu  (grossen)  Aus- 
gaben und  die  Regierung  braucht  kein  grosses  Einkommen. 
Aber  später  kommt  die  Vergewaltigung,  das  Königthum  wird 
gross  und  mächtig  und  verleitet  zur  Verweichlichung;  hiedurch 
▼ermehren  sich  die  Ausgaben;  die  Ausgaben  des  Sultans  und 
der  Staatsbeamten  im  Allgemeinen  wachsen  an  und  auch  aof 
die  Bewohner  der  Hauptstadt  erstreckt  sich  dies:  hiedurch 
stellt  sich  die  Nothwendigkeit  ein,  die  Löhnung  der  Truppen, 
die  Gehalte  der  Beamten  zu  erhöhen,  denn  das  Volk  folgt  der 
Regierung  im  Glauben  und  in  den  Sitten.  Der  Sultan  mass 
also  Marktsteuem  von  den  Verkaufspreisen  auf  den  Bazaren  ein- 
führen, um  die  Einnahmsquellen  reichlicher  fliessen  zu  machen, 
indem  er  einerseits  hiebei  die  Verweichlichung  der  Stadt,  die 
den  Beweis  ihrer  Wohlhabenheit  liefert,  im  Auge  hat,  ander- 
seits aber  die  Nothwendigkeit  fUr  die  Auslagen  der  Regierung 
und  der  Truppen  Vorsorge  zu  treffen.  AUmälig  nehmen  aber 
die.  Gewohnheiten  der  Verweichlichung  immer  mehr  zu,  die 
Marktsteuern  reichen  nicht  mehr  aus;  die  Regierung  wird  nun 
gewaltthätig  gegen  ihre  Unterthanen,  sie  treibt  Gelder  ein  von 


»  II,  123  (110). 


Ibn  Chaldun  und  seine  Ciiltar(irc8chiehte  der  islftmischen  Reiche.  613 

dem  Vermögen  der  Unterthanen^  sei  es  durch  Marktsteaern  oder 
Monopole  ^  oder  in  gewissen  Fällen  auch  durch  Uebergriffe 
mit  oder  ohne  (berechtigten)  Vorwand.  Die  Soldtruppen  über- 
nehmen sich,  da  sie  die  Regierung  so  geschwächt  und  des 
nationalen  Gedankens  beraubt  sehen;  indem  man  dies  von 
ihnen  befürchtet,  sucht  man  diese  Gefahr  zu  bekämpfen  durch 
Löhnungserhöhung  und  Vermehrung  der  Auslagen  für  sie  und 
man  findet  kein  Mittel  sich  anders  zu  helfen.  Die  Steuer- 
einnehmer unter  einer  solchen  Regierung  werden  in  dieser 
Periode  sehr  reich  in  Folge  der  Grösse  der  Steuereinnahmen 
und  der  Verfügung  über  die  Gelder  in  ihren  Händen,  oft  über- 
schreitet deshalb  ihr  Glanz  das  Maass  und  sie  werden  der 
Gegenstand  von  Verdächtigungen  wegen  Unterschlagung  von 
Steaergeldern;  aus  Eifersucht  und  Neid  verleumden  sie  sich 
gegenseitig;  die  Folge  davon  ist;  dass  sie  einer  nach  dem 
andern  (vom  Sultan)  mit  Strafe  und  Vermögen sconfiscationen 
heimgesucht  werden ,  bis  ihr  Reichthum  erschöpft  und  ihre 
Lage  gänzlich  zum  Nachtheil  geändert  ist.  Aber  auch  die 
Regierung  büsst  den  Pomp  und  die  Herrlichkeit  ein,  welche 
jene  ihr  verliehen.  Nachdem  die  Hilfsquellen  dieser  Classe 
erschöpft  sind,  geht  die  Regierung  auf  die  anderen  wohlhabenden 
Privaten  über.  Aber  in  dieser  Periode  hat  gewöhnlich  schon 
der  Verfall  auch  auf  die  materielle  Macht  seine  Wirkung  aus- 
geübt. Die  Regierung  hat  nicht  mehr  die  Kraft  für  Ueber- 
griffe und  Gewaltmaassregeln.  Die  Politik  des  Sultans  be- 
steht nun  in  der  Einäussnahme  durch  das  Geld,  er  hält  dies 
fär  nützlicher  als  die  Anwendung  des  Schwertes,  dessen  un- 
zureichende Wirkung  er  kennt.  Es  steigert  sich  denn  sein  Be- 
darf an  Geld,  ausser  dem  was  er  für  die  regelmässigen  Ausgaben 
und  die  Löhnung  der  Truppen  braucht  und  es  reichen  seine 
Mittel  nicht  aus.  Die  Altersschwäche  des  Staates  nimmt  nun 
zu,  es  treten  die  Bewohner  der  Provinzen  kühner  (der  Regierung) 
entgegen.  Die  Bande  des  Staatswesens  lösen  sich  in  jeder 
dieser  Perioden  mehr  und  mehr  bis  zum  schliesslichen  Unter- 
gange, bis  sich  jeder  der  Prätendenten  bereit  macht  der  obersten 


'  Es  ist  hieza  die  Bemerkung  zu  machen,  dass  nach  den  Theorien  der 
mohammedanischen  Theologen  und  Juristen  Marktsteuern  und  Monopole 
für  ungesetzlich  erklfirt  wurden. 

40* 


614  Kreffier. 

Gewalt  sich  zu  bemächtigen.  Macht  sich  einer  aber  ernstlich 
daran,  so  entreisst  er  die  Regierung  den  früheren  Machthabern, 
wo  nicht;  so  bleibt  sie  im  Zustande  der  Auflösung,  bis  sie 
von  selbst  zu  Grunde  geht,  wie  der  Docht  in  der  Lampe, 
wenn  das  Oel  zu  Ende  ging  und  die  Flamme  erlischt  Gott 
dessen  Name  gepriesen  sei,  ist  der  Inhaber  der  Dinge  und 
der    Ordner    der    Ersqheinungen ;     keine    Gottheit    ist    ausser 

ihm!'» 

Jedes  Reich  muss  eine  gewisse  Anzahl  von  Provinzen 
haben,  aber  auch  nicht  mehr  als  bis  zu  einer  gewissen  Grenze. 
Für  diese  muss  es  eine  genügende  Anzahl  von  Truppen  be- 
sitzen, um  sie  besetzen  zu  können.  Hat  die  Regierung  auf  diese 
Art  über  ihre  Truppen  verfügt,  so  bildet  die  von  ihnen  besetzte 
Linie  die  Grenze.  Dies  gilt  aber  nur  so  lange  das  Reich 
noch  die  urwüchsige  Kraft  des  Nomadenthums  bewahrt.  All- 
mälig  erreicht  es  aber  den  Gipfelpunkt  des  Glanzes,  die 
Einkünfte  fliessen  reichlich,  der  Luxus  nimmt  zu  und  die 
städtische  Civilisation  macht  grosse  Fortschritte,  die  Sitten  der 
Krieger  verweichlichen,  sie  geniessen  das  Leben  und  gerathen 
hiedurch  in  Verweichlichung,  das  städtische  Leben  entnervt 
sie.  Die  weitere  Folge  ist  das  Erwachen  des  Ehrgeizes,  der  sie 
anspornt,  um  den  Vorrang  zu  streiten.  Der  Sultan  macht  dem 
ein  Ende  durch  Anwendung  von  Gewaltmaassregeln,  die  Emire 
und  Grossen  gehen  zu  Grunde,  es  vermehrt  sich  die  Zahl  der 
Untergebenen  und  Unselbsts tändigen.  Diese  Ereignisse  aber 
schwächen  die  Widerslandskraft  des  Staates.  So  erhält  er 
seine  erste  Schwächung  in  seiner  Kriegsmacht.  Hiezu  kommen 
noch  die  maasslosen  Ausgaben  des  Sultans,  die  Einnahmen 
des  Landes  genügen  nicht  mehr  für  die  Ausgaben  und  so  er- 
leidet das  Reich  eine  zweite  Schwächung  in  den  Finanzen; 
dies  zusammen  mit  der  ersten  fuhrt  Entkräftung  und  Verfall 
herbei.  Manchmal  entsteht  auch  zwischen  den  hervorragenden 
Anführern  Streit,  obgleich  sie  bereits  unfähig  sind  gegen  die 
benachbarten  Völker,  die  auf  den  Verfall  des  Reiches  sinnen, 
anzukämpfen;  auch  die  Bewohner  der  Grenzlandschaften  be- 
nützen die  Schwäche  der  Regierung,  um  sich  in  ihren  Gebieten 
unabhängig  zu  machen.     Der  Sultan  aber   hat  nicht  mehr  die 

*  II,   127  (113). 


Ibn  Cbftldnn  und  seine  Cnltnrgetchicbte  der  isIftmiBeben  Reiche.  615 

Macht  sie  zurecht  zu  weisen.  In  diesem  Zeitpunkte  beginnt 
die  allmälige  Einengung  der  Grenzen^  die  das  Reich  in  seiner 
ersten  Machtperiode  erreicht  hatte.  Man  zieht  eine  neue  Grenze 
innerhalb  der  alten,  aber  die  Schwäche  der  Truppen,  ihre 
Fahrlässigkeit,  der  Geldmangel  und  der  Rückgang  der  Ein- 
nahmen haben  auf  diese  neue  Grenze  dieselbe  Einwirkung, 
welche  schon  das  erste  Mal  die  Reichsgrenze  eingeengt  hat. 
Der  Sultan  beginnt  die  bisher  für  die  Heeresverwaltung,  sowie 
für  die  Finanzen  und  Provinzialverwaltung  bestehenden  Gesetze 
zu  ändern,  um  das  Gleichgewicht  zwischen  Einnahmen  und 
Ausgaben  herzustellen,  die  Kosten  für  das  Heer  und  die 
Provinzen  zu  bestreiten,  die  Steuern  zur  Bezahlung  der  Gehalte 
zu  verth eilen  und  in  allem  sich  genau  nach  dem  zu  richten, 
was  in  der  ersten  Periode  des  Staates  Geltung  hatte.  Aber 
ungeachtet  dieser  Aenderungen  bestehen  die  Ursachen  des  Ver- 
derbens fort.  In  dieser  Periode  wiederfährt  dem  Reiche  dasselbe, 
was  ihm  schon  in  der  ersten  Periode  zugestossen  war  und  der 
Fürst  ist  gezwungen  gegen  dieselben  Schwierigkeiten  anzu- 
kämpfen, die  schon  früher  sich  gezeigt  haben.  •  Er  wendet  die 
schon  früher  gebrauchten  Mittel  an  und  hofft  so  ein  Uebel 
bezwingen  zu  können,  das  immer  wieder  erscheint.  Er  zieht 
eine  neue,  engere  Grenze  hinter  der  ersten,  aber  dieselben 
Erscheinungen,  die  früher  schon  zur  Verengung  der  Grenzen 
geführt  hatten,  zeigen  sich  auch  diesmal.  ^ 

Gewöhnlich  bezeichnet  Uebervölkerung  die  letzte  Periode 
der  Existenz  eines  Reiches,  es  treten  Hungersnoth  und  Epi- 
demien sehr  häußg  auf.  ^ 

Neuentstandene  Regierungen  müssen  nothwendiger  Weise 
mit  Milde  und  Mässigung  vorgehen.  Ist  das  Reich  aus  religiösen 
Gefühlen  hervorgegangen,  so  verdankt  es  diese  Eigenschaften 
der  Religion,  sonst  leitet  es  diese  edlen  Gesinnungen  aus  dem 
Nomadenleben  ab.  Unter  einer  milden  und  gerechten  Regierung 
verbreitet  sich  Zufriedenheit  und  Wohlbehagen;  das  Volk  geht 
mit  Eifer  seiner  Arbeit  nach,  die  Bevölkerung  vermehrt  sich 
aber  es  macht  sich  diese  Zunahme  nur  nach  einer  Generation 
oder  mindestens  nach  zweien  bemerkbar.  Mit  Beginn  der  dritten 


t  11,  127  ff.  (114). 
2  II,  138  (124). 


616  Kleiner. 

Generation  nähert   sieh   das  Reich   seiner  Vollendung  und  die 
Bevölkerung  erreicht  ihre  höchste  Zahl. 

Hungersnoth .  und  Epidemien  treten  häufiger  auf,  wenn 
das  Reich  in  der  letzten  Periode  sich  befindet,  denn  Hungers- 
noth ist  die  noth wendige  Folge  des  Unterbleibens  der  Ackerbau- 
arbeiten. Das  Volk  will  aber  nicht  mehr  den  Boden  bebauen, 
weil  die  Steuern  und  Auflagen  zu  drückend  geworden  sind,  oder 
wegen  der  Ruhestörungen  und  Aufstände,  die  sich  dann  häufig 
zeigen  in  Folge  der  (zunehmenden)  Schwäche  der  Regierung.' 


VI. 
Bttckblick. 

Kaum  hat  ein  Religionssystem  auf  die  Denkart,  den 
bürgerlichen  Charakter,  die  politische  und  geschichtliche  Ent- 
wicklung der  Völker  einen  so  gewaltigen  und  dauernden  Ein- 
fluss  ausgeübt,  wie  der  Islam. 

Er  drückte  allen  Völkern,  die  ihm  sich  ergaben,  seinen 
Stempel  auf  und  die  Jahrhunderte  zogen  wirkungslos  darüber 
hin/  Es  konnte  deshalb  auch  eine  vom  religiösen  Standpunkte 
unabhängige  Geschichtsauffassung  sich  nur  schwer  Geltung 
verschaffen.  Beherrschte  ja  doch  in  Europa  der  theologische 
Gedanken  die  geschichtlichen  Arbeiten  bis  in  das  spätere 
Mittelalter  herauf. 

Dennoch  macht  sich  zwischen  dem  Entwicklungsgange 
des  von  den  Fesseln  des  religiösen  Systems  mehr  und  mehr 
sich  losringenden  Denkens  im  Abendlande  und  im  Morgen- 
lande ein  sehr  wesentlicher  Unterschied  bemerkbar.  Während 
hier  rasch  und  ganz  besonders  in  den  Ländern  arabischer 
Zunge  eine  überaus  reiche  und  mannigfaltige  weltliche  Lite- 
ratur sich  entfaltete,  die  in  der  grossen  Masse  der  gebildeten 
Classen  der  Nation  eifrige  Aufnahme  fand,  blieb  im  Abend- 
lande die  Schriftstellerei  durch  die  erste  Hälfte  des  Mittelalters 
fast  ganz  das  Eigenthum  der  Klöster  und  ihrer  düsteren  In- 
wohner. Im  Reiche  der  Chalifen  ward  die  Literatur  Gemeingut 
aller  Gebildeten,  wozu  Jeder,   der  Beruf  und  Lust  hatte,  sein 


^  II,  139  (126). 


Ibn  Chaldan  und  seine  CvUarg«8cbiehle  der  islamischen  Reiche.  617 

Schärflein  beisteuerte.  Im  Occidente  blieb  sie  das  Vorrecht 
einer  Kaste,  welche  die  ihr  anerzogenen  Vorurtheile  und  Lehr- 
meinungen in  die  schriftstellerische  Arbeit  hineintrug  und  gegen 
jede  neue,  selbstständige  Geistesrichtung  von  vorne  her  abweh- 
rend und  feindlich  sich  verhielt.  Das  arabische  Volk  hatte  daher 
schon  sehr  früh  sein  eigenes  weltliches  Schriftthum;  während 
in  Europa  noch  lange  die  ausschliesslich  religiöse  Richtung 
vorherrschend  blieb.  Erst  das  grosse  Völkerdrama  der  Ereuz- 
züge,  das  im  Orient  eine  allgemeine  Keaction  des  Fanatismus 
und  der  Intoleranz  hervorrief,  bewirkte  in  Europa  durch  die 
hiedurch  gegebene  Anregung  eine  lebhaftere  geistige  Arbeits- 
lust auch  in  weltlicher  Richtung. 

So  kam  es,  dass  lange  bevor  in  den  Klöstern  der  euro- 
päischen Länder  man  daran  dachte  sich  Rechenschaft  zu  geben 
über  den  allgemeinen  Verlauf  des  Stromes  der  Völkergeschichte, 
schon  von  verschiedenen  Denkern  des  Islams  das  grosse  Räthsel 
des  Lebens  und  des  Menschendaseins  zum  Gegenstande  ernster 
und  selbstständiger  Betrachtung  gewählt  worden  war.  Die 
Entwicklung  der  arabischen  Geschichtschreibung  trug  viel  hiezu 
bei,  erhielt  aber  gleichzeitig  auch  ihrerseits  durch  die  philo- 
sophische Geistesrichtung  nachhaltige  Förderung;  denn  schon 
im  dritten  Jahrhunderte  der  Hegira  schrieb  man  in  arabischer 
Sprache  universalhistorische  Werke,  worin  man  nicht  nur  die 
Geschichte  der  mohammedanischen  Völker,  sondern  auch  die 
der  wichtigeren  fremden,  wie  der  Hebräer,  der  Griechen,  Perser, 
Indier  und  Byzantiner  behandelte.  Das  Studium  der  in  üeber- 
setzungen  schnell  verbreiteten  griechischen,  persischen  und 
indischen  Schriften  brachte,  trotz  der  Exclusivität  des  Islams, 
den  Arabern  die  Ueberzeugung  von  der  hohen  Cultur  auch 
der  fremden,  nichtmohammedanischen  Völker.  Und  je  mehr 
man  fremde  Gesittung  und  fremde  Cultur  schätzen  und  achten 
lernte,  desto  lebhafter  griff  der  Drang  um  sich,  das  Getriebe 
des  Völkerlebens  in  seinem  Zusammenhange  kennen  zu  lernen 
und  desto  tiefer  empfand  man  die  Sehnsucht  in  dem  anscheinend 
planlos  und  verworren  von  Jahrhundert  zu  Jahrhundert  sich 
fortschleppenden  Laufe  der  Geschichte  den  Plan,  den  Zweck, 
das  Gesetz  und  das  Endziel  erfassen  und  verstehen  zu  lernen. 

Der  Islam  hatte  zwar  auf  dieses,  wie  auf  alles  andere, 
seine   entscheidende  Antwort:   ,Was  Gott  will,   geschieht,   die 


618  Kremer. 

einen  macht  er  selig  und  die  andern  verdammt  er,  das  irdische 
Leben  ist  eitel  und  vergänglich,  nur  das  jenseitige  hat  Werth 
und  ist  von  ewiger  Dauert 

So  lange  der  Islam  noch  in  seinem  Heroenzeitalter  sich 
befand,  beschäftigte  die  Eroberung  und  Verwaltung  der  Länder 
das  herrschende  Volk  in  solchem  Maasse,  dass  man  weoig 
Müsse  und  auch  wenig  Lust  hfttte,  über  ernstere  Fragen  nach- 
zusinnen. Man  lebte  frisch  mitten  in  dem  Thatendrange  einer 
Zeit  voll  nationalen  Schwunges  und  bekümmerte  sich  nicht  um 
die  Zukunft,  denn  die  Beobachtung  der  äusserlichen  Religions- 
pflichten,  des  Gebetes,  des  Fastens  u.  s.  w.,  sowie  die  Bekenntnis« 
des  mohammedanischen  Glaubens  genügte  den  Eintritt  in  das 
Paradies  zu  sichern. 

Allein  kaum  war  die  Zeit  der  ersten  Heldenkämpfe  vor- 
über und  kaum  war  der  Stillstand  der  Entwicklung  eingetreten, 
so  machte  der  Islam  seine  durch  die  Ausnahmszustande  des 
ersten  Jahrhunderts  nicht  allgemein  zur  Wirkung  gekommenen 
Rechte  auf  die  Geraüther  geltend.  Die  Lebensanschauung,  die 
er  in  normalen  Verhältnissen  hervorrufen  muss,  ist  eine  düstere, 
unbefriedigende,  denn  er  legt  alles  Gewicht  auf  das  Ausser- 
weltliche,  Ueberirdistshe  und  man  findet  bei  ihm  keine  wie 
immer  genügende  Antwort  auf  die  Frage  nach  Werth  und  Ziel 
des  irdischen  Lebens  in  seinem  Gesamratverlaufe.  Denn  dies 
alles  erscheint  als  etwas  ganz  nebensächliches  und  werthloses. 
So  ist  denn  der  Einfluss  der  islamischen  Lebensanschauuog 
ein  düsterer  und  leitet  in  letzter  Folge  zur  ascetischen  Ver- 
achtung der  irdischen  Dinge. 

Daher  kommt  es,  dass  in  den  Werken  mohammedanischer 
Theologen  und,  unter  ihrer  Einwirkung,  auch  bei  den  Poeten 
und  Literaten  durch  alle  Jahrhunderte  das  Thema  von  der 
Verächtlichkeit  der  Welt,  der  Nichtigkeit  des  Erdenlebens 
wiederkehrt.  Es  ist  in  den  arabischen  Gedichtsammlungen 
nicht  selten  einer  eigenen  Classe  von  Gedichten  zu  be- 
gegnen, die  unter  der  Aufschrift:  ,Zum  Tadel  der  Welt' 
(fy  dämm  ildonjä)  zusammen gefasst  werden.  Je  trostloser  sich 
die  politischen  Zustände  des  arabischen  Weltreiches  gestal- 
teten, desto  mehr  Berechtigung  fand  diese  pessimistische  Welt- 
auffassung. 


Ibn  Chaldnn  und  seine  Cultnr^scbichte  der  flämischen  Beiehe.  619 

Mit  dem  Verlaufe  der  Jahrhunderte  befand  man  sich  aber 
auf  einer  aolchen  Höhe  der  Zeiten,  dass  man  einen  weiteren 
üeberblick  des  bisher  zurückgelegten  Stück  Weges  auf  der 
Bahn  der  Geschichte  gewonnen  hatte.  Es  waren  historisch 
gesicherte  Zeiten,  über  die  man  sich  ein  Urtheil  bilden  konnte, 
aber  das  Ergebniss  war  selbst  für  die  ersten  zwei  Jahrhunderte 
der  arabischen  Weltherrschaft  nicht  besonders  tröstlich  oder 
befriedigend.  Allerdings  hatte  sich  eine  hohe,  bewundernswerthe 
Cultur  in  vollster  Eigenthümlichkeit  des  orientalischen  Volks- 
lebens entwickelt;  weit  hinaus  nach  Ost  und  West,  nach  Süd 
und  Nord  hatte  das  siegreiche  Araberthum  seine  Eroberungen 
ausgedehnt;  von  den  Säulen  des  Herkules  und  dem  grossen 
Ocean  des  Westens  bis  zu  dem  fabelhaften  Meere  der  Finster- 
niss  im  fernsten  Osten,  wie  die  Araber  den  indischen  Ocean 
nannten,  dehnte  sich  der  von  ihnen  theils  unterjochte,  theils 
doch  erforschte  Theil  der  Erde  aus,  aber  trotzdem  war  der 
geschichtliche  Üeberblick  nicht  erfreulich.  Das,  was  fehlte, 
war  die  politische  Stabilität.  Das  Chalifenreich  war  schon  im 
zweiten  Jahrhunderte  seines  Bestandes  in  langsamer,  aber  un- 
aufhaltbarer Zersetzung  begriffen,  aus  den  Provinzialstatthaltern 
bildeten  sich  rasch  halbsouveräne,  zum  Theil  auch  ganz  unab- 
hängige Dynastien.  Die  Aljiden  bemächtigten  sich  in  ein- 
zelnen Landestheilen  der  Herrschaft,  kühne  Empörer,  Secten- 
streite,  selbst  communistische  Bewegungen  erschütterten  das 
Reich  und  rissen  hie  und  da  Stücke  ab.  Auch  die  unterjochten 
Nationalitäten  fingen  an  sich  zu  regen  und  aus  ihnen  gingen 
allmälig  verschiedene  herrschende  Familien  hervor  (Türken, 
Perser,  Berberen).  Solche  Fremdherrschaft,  die  der  Araber 
sehr  schwer  empfand,  blieb  seitdem  im  arabischen  Oriente 
mit  wenigen  Ausnahmen  (Arabien)  der  normale  Zustand.  So 
ist,  um  nur  ein  Beispiel  anzuführen,  Aegypten  seit  868  Ch. 
(Ernennung  des  A^med  Ibn  Tulun  zum  Statthalter),  und  mit 
alleinigem  Ausschlüsse  der  Periode  der  Fatimiden  (969 — 
1171),  bis  heute  unter  der  Herrschaft  türkischer  Familien  ge- 
blieben. 

Eine  flüchtige  Rundschau  über  diese  Verhältnisse  zeigt, 
dass  der  Verfall  des  alten  arabischen  Reiches  unaufhaltsam 
sich  vollzog  und  das,  was  an  dessen  Stelle  trat,  war  weder 
dauerhafter  noch  für  das  arabische  Volksgefühl  genugthuender. 


620  Kremer. 

Kann  es  uns  überraschen,  dass  bei  solcher  Sachlage  schon 
in  dem  ersten  arabischen  Denker  von  Bedeutung,  der  über 
die  grosse  Frage  des  Menschgeschickes,  des  Lebenszweckes 
und  Geschichtsverlaufes  nachsann,  der  Pessimismus  in  seiner 
schwärzesten  Form  auftritt,  dass  seine  Philosophie  nichts  anderes 
ist,  als  eine  Philosophie  der  Verzweiflung,  die  mit  dem  Ende 
auch  die  ersehnte  Erlösung  zu  finden  hofft?  Für  ihn  ist  das 
Wirrsal  des  Lebens  ein  grosses  Räthsel,  das  kein  Weiser  zu  lösen 
gewagt  hat. 

Den  theologischen  Standpunkt  des  Islams  hat  er  längst 
verlassen,  aber  er  fand  keinen  Ersatz  dafür,  der  ihn  nur  an- 
nähernd befriedigt  hätte.  Nichts  hat  Bestand,  alles  ist  bestimmt 
zu  vergehen,  auch  selbst  die  Religion  des  Islams:  ,£s  lehrte 
Moses  und  ging  dahin,  worauf  Christus  erstund  —  dann  kam 
Mohammed  und  machte  die  fünf  Gebete  kund  —  ein  neuer 
Glauben  soll  später  kommen,  der  diesen  ersetzt  —  die  Menschheit 
wird  so  zwischen  Gestern  und  Morgen  zu  Tode  gehetzt'.  * 

Allerdings  scheint  er  auch  der  Lehre  von  der  Ruckkehr 
des  All  zum  Urzustände  gehuldigt  zu  haben,  denn  an  einer 
andei'n  Stelle  desselben  Gedichtes  sagt  er  von  der  irdischen 
Welt:  ,Was  immer  dir  in  der  Welt  für  ein  Schicksal  tagt,  — 
es  bleiben  dir  Sonne  und  Mond  doch  immerhin  unversagt  — 
ihr  Ende  soll  dem  Anfang  gleichen,  so  ist  es  beschieden,  —  denn 
Morgen  und  Abend  bringen  der  Wunder  viele  hienieden.'^ 

Auch  glaubte  er  an  eine  gewisse  aufsteigende  Veredlung 
des  Menschen,  die  ihn  zu  einem  höheren  Wesen  umgestaltet^ 
wenigstens  finden  wir  eine  Stelle,  welche  diese  Vermuthung 
bestätigt:  ,Drei  sind  die  Stufen  der  Creaturen:  erhabene  Geister, 
Menschen  und  unverständig  Gethier,  —  übt  der  Mensch  die 
Tugend,  so  steigt  er  empor  zur  Natur  der  reinen  Geister 
(Engel),  zieht  ihn  aber  die  Leidenschaft  herab,  so  sinkt  er  zur 
Stufe  des  Viehes  hernieder  und  das  ist  wahrlich  die  tiefste 
Stufe!'« 

Das  grosse  Drama  der  Weltgeschichte  sieht  schon  er 
als    ein    endloses   an,    worin    aber   stets   neue   CombinationeD 


1  MaWry:  LozumijjAt. 

2  Der  Text  des  ganzen  Gedichtes  samrat  Uebersetzung  folgt  im  Anhange  IL 

3  Der  Text  folgt  im  Anhang  III. 


Il>n  Chaldon  und  seine  Cnltargeschichte  der  isUmischeii  Beiche.  621 

eintreten  und  nie  das  einmal  Dagewesene  in  identischen 
Formen  sich  wiederholt.  So  wenigstens  fasse  ich  die  folgende 
Stelle  auf: 

Die  Zeit,  die  ewig  dahin  rollt, 

ist  wie  ein  Gedicht, 
Aber  denselben  Keim  wiederholt 

der  Dichter  nicht.  ^ 

Wenn  es  gestattet  ist  aus  solchen  Stellen;  die  eben 
dadurch;  dass  er  ausschliesslich  der  poetischen  Form  sich  be- 
dient;  immer  etwas  unbestimmt  bleiben;  einen  Schluss  zu  ziehen, 
so  kann  man  daraus  entnehmen;  dass  Ma*arry's  Weltauffassung 
die  folgende  war:  die  Frdenwelt  ist  vergänglich  und  ihr  Ende 
wird  dem  Anfange  gleichen;  dem  Gesetze  des  Entstehens  und 
Vergehens  ist  alles  unterworfen;  endlos  strömt  die  Zeit  dahin ; 
stets  neues  bringend;  aber  der  Mensch  kann  durch  Uebung 
der  Tugend  sich  veredeln  und  auf  die  Stufe  höherer  geistiger 
Wesen  sich  emporschwingen. 

Diese  Anschauung  ist  mehr  poetisch  als  philosophisch 
und  sie  verdient  nur  deshalb  besonders  hervorgehoben  zu 
werden,  weil  der  theologische  Standpunkt  hiemit  gänzlich  ver- 
lassen ist.  Es  erhellt  übrigens  aus  vielen  anderen  Stellen  der 
philosophischen  Gedichte  Ma'arry's,  dass  er  einen  Cultus  der 
Sittenreinheit  mit  the'istischer  Grundlage  lehrte,  der  deutliche 
Einwirkungen  des  Buddhismus  mit  seiner  reinen  Moral  und 
seiner  Sehnsucht  nach  dem  Nirväna  aufweist.  Die  folgende 
Stelle  eines  längeren  Gedichtes,  worin  er  sein  religions-philo- 
sophisches  Glaubensbekenntniss  niederlegt;  ist  hiefür  ent- 
scheidend : 

,Siech  bin  ich  an  Verstand  und  Glauben,  doch  höre  von 
mir  die  Kunde  der  Wahrheit!  —  Verzehre  nicht  in  Rohheit, 
was  das  Wasser  ausgeworfen,  und  wähle  nicht  zur  Kost  das, 
was  geschlachtet  worden,  —  auch  nicht  die  Eier  der  Brut- 
henne, deren  Dotter  ihr  soll  die  Küchlein  nähren,  nicht  aber 
die  schönen  Frauen;  —  überliste  nicht  die  Vögel,  die  nicht 
hüten  können  ihre  Brut,  denn  die  Gewaltthat  ist  die  ärgste 
der  Missethaten ;  —  lass  auch  unberührt  die  Waben  der  Bienen, 

1  Den  Text  des  Gedichtes  sammt  Uebersetzang  habe  ich  in  der  Zeitschrift 
der  Deutschen  Morgenläudischen  Gesellschaft  B.  XXX  S.  47  ver- 
Öffentlicht. 


622  Krener. 

die  sie  emsig  füllten  aus  duftigem  Blumenseim;  —  nicht  haben 
sie  dies  aufgespart  für  Fremde  und  nicht  sammelten  sie  es 
für  Geschenke  und  Freundschaftsgaben.  —  Von  air  dem  wasche 
ich  meine  Hand,  ach!  hätte  ich  doch  früher  mich  besonnen, 
bevor  die  Schläfen  erbleichten!  —  O  Zeitgenossen,  kennt  ihr 
die  Gehjeimnisse,  die  ich  weiss?  aber  ich  gebe  sie  nicht  kund!  — 
Ihr  wandelt  im  Irrthume,  ach  warum  lasset  ihr  euch  nicht 
leiten  durch  die  Verkündungen  der  erleuchteten  Männer!  —  So 
oft  der  Herold  der  Verblendung  ruft,  wie  kommt  es,  dass  ihr 
willig  folget  in  dem,  was  sie  da  vorspiegelt,  jedem  Rufer!  — 
Würden  euch  enthüllt  die  Wahrheiten  eurer  Religion,  so 
würdet  ihr  entdecken  den  schmählichsten  Missbrauch.  —  Seid 
ihr  wohlberathen,  so  färbt  nicht  die  Schwerter  mit  Blut  und 
senkt  nicht  die  Sonden  (d.  i.  die  Lanzen)  in  die  Tiefe  der 
Wunden.  —  Wohl  gefällt  mir  die  Sitte  jener,  die  als  Mönche 
leben,  nur  nicht  dass  sie  verzehren,  was  andere  mit  Mühsal 
erwerben.  —  Besser  fristen  jene  ihr  Leben,  die  redlichem 
Erwerbe  nachgehen  zu  allen  Stunden'.  ^  — 

Zeigt  sich,  wie  aus  obigem  Bruchstücke  erhellt,  der 
Dichter  als  unabhängig  von  der  theologischen  Denkart  des 
Islams,  so  bleibt  er  ihr  doch  darin  treu,  dass  er  dem  irdischen 
Leben  keinen  Wcrth  zuerkennt  und  die  Erlösung  daraus  als 
eine  Befreiung  begrüsst,  zu  deren  Herbeiführung  er  selbst 
das  heroische  Mittel  der  Nichtfortpflanzung  anempfiehlt.  Auch 
hierin  kann  man  buddhistischen  Einfluss  erblicken. 

Einsam  steht  Ma*arry  mitten  im  grossen  Kreise  seiner 
Zeitgenossen,  wenige  waren  die  Männer,  welche  solche  Ueber- 
zeugungen  hegten  und  keiner  ausser  ihm  wagte  sie  so  unum- 
wunden zu  bekennen.  Er  mag  jene  Verse  zwischen  403 — 413  H., 
also  1012 — 1022  Gh.,  geschrieben  haben,  und  starb  ungeachtet 
seiner  entschieden  freigeisterischen  Richtung  unbehelligt,  während 
zur  selben  Zeit  in  Europa  der  blutige  Vernichtungskrieg  gegen 
die  Albigenser  sich  vollzog. 

Jedenfalls  liefern  Ma'arry's  Schriften  den  Beweis,  wie 
wenig  die  altislamische  Weltauffassung  dem  Drange  nach  Er- 
kenntniss   des   grossen  Räthsels   entsprach,    wie  wenig  sie  die 


*  Den  Text  des  Gedichtes,  dessen  Schluss  zum  richtigen  Verst&ndniss  eines 
Commentars  bedarf}  lasse  ich  im  Anhange  IV  folgen. 


Ibn  Chaldnn  nnd  Mine  Cvltnrge^ehicbte  der  ialainisehen  Reich«.  633 

Zweifel  za  lösen  vermochte,  sobald  einmal  der  blinde  Glauben 
geschwunden  war.  So  pessimistisch  nun  auch  seine  Philosophie 
ist,  so  hatte  er  doch  noch  lange  nicht  die  schlechtesten  Zeiten 
erlebt.  Der  Verfall  der  mohammedanischen  Staaten  führte  noch 
weit  grössere  Erschütterungen  herbei  und  für  den  frommen^ 
seinem  Glauben  ergebenen  Moslim  musste  jene  Zeit  noch '  weit 
unglücklicher  sein,  wo  der  Islam  durch  die  erstarkende 
Macht  der  christlichen  Völker  langsaili,  aber  unaufhaltsam  zu- 
rückgedrängt ward. 

Allmälig  machte  sich  dies  immer  deutlicher  bemerkbar 
und  besonders  in  Spanien:  eine  Stadt  nach  der  andern  ward 
den  Mauren  entrissen,  Toledo  (1085),  Huesca  (1096),  Tudela 
(1114),  Saragossa  (1118),  Cordova  (1236),  Sevilla  (1248); 
Sicilien,  Sardinien,  die  Balearen  gingen  für  sie  verloren,  während 
im  Osten  die  Heere  der  Kreuzfahrer  im  Herzen  des  Orients 
selbst  die  christliche  Herrschaft  begründeten. 

Diese  Vorgänge  mussten  auf  die  denkenden  Männer  den 
grössten  Eindruck  hervorbringen,  denn  trotz  aller  inneren 
Zerrüttung  hatte  man  sich  daran  gewöhnt  die  Araber  und  den 
Islam  als  unter  der  besonderen  Huld  und  Fürsorge  Gottes 
stehend  zu  betrachten;  man  wiegte  sich  gerne  in  der  Ueber- 
zeugung  von  dem  Vorrange  und  der  höheren  Cultur  der 
mohammedanischen  Völker,  man  hatte  sich  nie  ernst  mit  dem 
Gedanken  befasst,  dass  der  Augenblick  nahen  könnte,  wo  die 
fremden  Völker,  die  nach  dem  Wortlaut  des  Korans  unter  dem 
Schwerte  der  Rechtgläubigen  gedemüthigt  werden  sollten,  die 
Stärkeren  sein  und  ihrerseits  den  Islam  demüthigen  würden. 
Um  so   grösser  war   der  Eindruck,   als   dies  wirklich  geschah. 

In  demselben  Maasse  als  das  Christenthum  in  Spanien 
das  ihm  so  lange  entrissene  Gebiet  wieder  zurückgewann, 
wichen  die  Araber  zurück  und  wer  konnte,  wanderte  aus, 
entweder  nach  den  südlichen  Theilen  der  Halbinsel  oder,  als 
man  auch  dort  sich  nicht  mehr  sicher  fühlte,  nach  der  gegen- 
über liegenden  afrikanischen  Küste.  In  den  grösseren  Städten 
Nordafrikas  entstanden  auf  diese  Art  zahlreiche  Ansammlungen 
maurischer  Flüchtlinge,  welche  noch  lange  hier  die  Erinnerung 
an  die  schöne  andalusische  Heimath  bewahrten  und  den  Verfall 
der  maurischen  Herrschaft  in  Spanien,  der  sie  in  die  Fremde 
getrieben  hatte,  tief  beklagten. 


624.  Krem  er. 

Einer  solchen  spanischen  Flüchtlingsfamilie  gehört  Ibu 
Chaldun  an  und  wenn  auch  schon  ungefähr  achtzig  Jahre  vor 
seiner  Geburt  Sevilla,  die  Vaterstadt  seiner  Familie,  von  den 
Christen  eingenommen  worden  war,  so  hatte  sich  die  Fami- 
lientradition doch  noch  in  recht  frischer  Erinnerung  erhalten 
und  die  aus  Spanien  nach  Afrika  gelangenden  Nachrichten, 
welche  stets  neue  Erfolge  der  christlichen  Waffen  meldeten, 
waren  wohl  geeignet  stdts  aufs  neue  die  Aufmerksamkeit  dSr 
mohammedanischen  Welt,  besonders  in  Nordafrika,  auf  jene 
Vorgänge  zu  lenken. 

Unter  solchen  Umständen  ward  Ibn  Chaldun  geboren 
und  unter  solchen  Eindrücken  wuchs  er  auf.  Früh  in  das  Ge- 
triebe des  politischen  Lebens  gezogen,  hatte  er  Gelegenheit  das 
Hofleben  und  die  Politik  aus  eigener  Erfahrung  kennen  zu 
lernen.  Durch  seine  Beziehungen  zu  den  Herrschern  der  ver- 
schiedenen Sultanate  und  Fürstenthümer  des  arabischen  Theiles 
von  Spanien  und  Nordafrika  lernte  er  die  tiefen  Gebrechen 
kennen,  an  denen  das  mohammedanische  Staatswesen  schon 
damals  dahinsiechte,  während  er  andererseits  durch  seine  uni- 
versalhistorischen Studien  den  Blick  sich  genügend  schärfte, 
um  einen  Vergleich  anzustellen  zwischen  Einst  und  Jetzt  Die 
Schlüsse,  welche  er  hieraus  ziehen  musste,  führten  ihn  zur 
Aufstellung  seiner  Theorie  von  dem  Verfalle  der  Staaten  nach 
ihren  Altersstufen. 

Andererseits  aber  musste  ihn  die  Wahrnehmung,  wie 
rasch  'überall  neue,  allerdings  meistens  nicht  dauerhaftere^ 
politische  Gebilde  entstanden,  zur  weiteren  Annahme  von  dem 
steten  und  regelmässig  erfolgenden  Wechsel  zwischen  dem 
Verfall  und  der  Neubildung  der  Staaten  zwingen.  Aus  solchen 
Beobachtungen  und  überall  auf  die  Vorgänge  der  Wirklichkeit 
sich  stützend,  entstand  Ibn  Chalduns  Theorie  des  geschichtlichen 
Processes.  Sie  ist  also  rein  auf  realer  Grundlage  emporge- 
wachsen. 

Zur  Uebersicht  fassen  wir  hier  die  charakteristischen 
Sätze  zusammen. 

I.  Der  Geselligkeitstrieb  ist  die  erste  Ursache 
der  Vereinigung  der  Menschen. 

II.  Daraus  entwickelt  sich  die  Familie  und  aus 
dieser  die  Gemeinde  und  der  Stamm. 


Ibn  ChaldDn  nnd  leine  Cnltvrpcschiclite  der  islamischen  Reiche.  625 

III.  Der  Stamm  bildet  die  Grundlage  des  politi- 
schen Gemeinwesens. 

Seiner  vorwiegend  empirischen  Methode  getreu,  befasst 
sich  Ibn  Chaldun  nur  ganz  vorübergehend  mit  der  Genesis 
des  Staates  im  allgemeinen  und  zieht  es  vor,  jene  Periode  zu 
studiren,  wo  schon  der  Schritt  von  der  Familie  zum  Stamme 
und  von  diesem  zum  politischen  Gemeinwesen  vollzogen  ist, 
diese  beiden  neben  einander  bestehen  und  im  Kampfe  um  das 
Dasein  begriffen  gedacht  werden.  Er  liebt  es  nicht  grübelnd 
in  die  Tiefen  der  Vorzeit  hinabzusteigen,  um  auf  speculativem 
Wege  eine  Theorie  von  dem  Ursprung  der  Gesellschaft  anzu- 
stellen. Er  sucht  lieber  mit  positiven  Thatsachen  zu  rechnen 
und  aus  diesen  seine  Schlüsse  abzuleiten.  Nur  in  Betreff  des 
Eönigthums,  der  Einzelnherrschaft,  des  monarchischen  Prin- 
cipes,  wenn  man  sich  einer  modernen  Ausdrucksweise  bedienen 
will,  geht  er  auf  eine  theoretische  Begründung  ein,  die  sich 
übrigens  schon  bei  früheren  arabischen  Schriftstellern  (Tor- 
tushy,  Mä.wardy  und  Ghaz&ly)  findet.  Dieselbe  ist  wie  folgt: 
Das  Königthum  ist  in  der  menschlichen  Natur  begründet;  denn 
es  ist  einleuchtend,  dass  die  Vereinigung  der  Menschen  in  die 
Gesellschaft  allein  ihnen  das  Leben  und  den  Fortbestand  sichert. 
Um  sich  die  Lebensmittel  und  andere  Bedüi*fnis8e  von  allge- 
meiner Nothwendigkeit  zu  verschaffen,  sind  sie  gezwungen 
sich  gegenseitig  zu  unterstützen.  Andererseits  hat  aber  im 
Naturzustande  jeder  den  Trieb,  das  was  er  braucht  zu  nehmen 
und  seinem  Nebenmenschen  selbst  zu  entreissen;  die  Gewalt- 
that  und  die  Feindschaft  sind  Eigenschaften,  die  zu  den  natür- 
lichen Trieben  aller  Thiere  gehören.  Indem  dem  Angriffe 
Widerstand  entgegengesetzt  wird  —  denn  der  Begriff  des 
Eigenthums  ist  den  Menschen  angeboren  —  muss  Streit  und 
Kampf  die  Folge  sein.  Es  könnte  also,  wenn  dieser  Zustand 
unbeschränkt  fortbestände,  die  Ausrottung  der  menschlichen 
Rasse  daraus  folgen.  Aus  diesem  Grunde  ist  ein  Gebieter, 
ein  Ordner  unbedingt  nothwendig,  der  die  Masse  in  Schranken 
zu  halten  vermag.  Dieser  Gebieter  hätte  keinen  Einfluss,  wenn 
ihn  nicht  eine  hinreichend  starke  Partei  unterstützte.  Dies  ist 
das  Königthum  und  es  ist  in  der  That  ,eine  erhabene  Würde, 
welche  allen  Ehrgeiz  entfesseln  und  deshalb,  um  dem  Zwecke 


626  K  reiner. 

ZU  entsprechen,  von  einem  starken  Anhange  gehalten  and 
gestützt  werden  muss.'  ^ 

Dieses  Königthum,  und  Ibn  Chaldun  unterlässt  es  nicht, 
es  strenge  zu  scheiden  von  dem  Chalifate,  das  einen  über- 
wiegend religiösen  Charakter  hat,  besitzt  den  Drang,  und  er 
ist  in  seiner  Natur  selbst  begründet,  sich  der  obersten  Gewalt 
ausschliesslich  zu  bemächtigen.  Es  tritt  dies  ebensowohl  bei 
dem  Gebieter  über  ein  aus  vielen  Stämmen  gebildetes  Volk 
hervor,  wie  auch  bei  den  zu  einem  Stamme  vereinigten  Familien: 
nur  eine  allein  kann  die  erste  Stelle  einnehmen  und  ihr 
Führer  kann  allein  die  höchste  Gewalt  ausfüllen.  Bei  meh- 
reren gleichberechtigten  Anführern  wäre  Streit  und  Hader  un- 
vermeidlich. 

Sehr  passend  führt  Ibn  Chaldun  hiezu  den  Koranvers  an : 
,Gäbe  es  im  Himmel  und  auf  Erden  mehrere  Götter, 
so  wären  (jene  zwei)  schon  zu  Grunde  gegangen'  (Kor. 
XXI.  V.  22).'  2 

IV.  Im  Stamme  ist  das  erhaltende  Element  der 
Gemeinsinn  der  Stammesmitglieder,  der  bei  grösserer 
Entwicklung  und  namentlich  bei  der  Ausdehnung  über 
grosse  Menschenmassen  höhere  Kraft  gewinnt  (Natio- 
nalitätsidee). 

Da  der  Gemeinsinn,  das  Gefühl  der  Zusammengehörigkeit, 
besonders  bei  den  Wüstenbewohnern,  den  Nomaden,  am  kräf- 
tigsten sich  erhält,  so  ist  es  klar,  warum  Ibn  Chaldun,  der 
eben  hierauf  besonderes  Gewicht  legt,  zu  wiederholten  Malen 
die  moralische  und  intellectuelle  Ueberlegenheit  der  Nomaden 
gegenüber  der  sesshaften  Bevölkerung,  namentlich  den  Städtern, 
hochpreist  ^ 

Stets  im  Kampfe  mit  der  Noth,  immer  bereit  Angriffe 
zurückzuweisen,  gewöhnt  an  das  einfache,  entbehrungsreiche 
Hirtenleben,  bildet  sich  in  den  Wanderstämmen  der  Wüste 
der  muthige,  ausdauernde  und  kräftige  Charakter,  der  sie  zur 
Herrschaft  über  die  durch  den  Luxus  und  den  Einfluss  despoti- 
scher Regierungen  verkommenen  Städter  befähigt.  Denn  diese, 
wenngleich   ursprünglich   vielleicht    selbst  aus  dem  Nomaden- 


»  I,  380  (338). 
2  r,  341  (300). 
>  I,  263,  264  (229). 


Ibn  Chaldttn  und  seine  CnllargeBCliichte  der  ieUmischen  Reiche.  627 

leben  hervorgegangenen,  entarten  äusserst  schnell;  sobald  sie 
unter  festen  Begierungsformen  leben.  Eine  despotische  Regierung 
entnervt  das  Volk  und  bricht  dessen  Energie. '  Nicht  wenig 
trägt  hiezu  auch  das  System  der  Erziehung  bei,  die  Unter- 
wüi*figkeit  und  UnSelbstständigkeit  wird  förmlich  anerzogen.^  Aus 
ähnlichen  Gründen  geht  auch  ein  besiegtes  Volk  schnell  seinem 
Verfalle  entgegen.'' 

Den  Zustand  eines  solchen  schildert  er  uns  mit  ergreifender 
Wahrheit.  Allerdings  passt  sei^e  Schilderung  nur  auf  das 
orientalische  Mittelalter,  aber  man  sieht,  dass  er  als  genauer 
Beobachter  spricht,  der  noch  lebendig  den  Eindruck  vor  den 
Augen  hat. 

,Wenn  ein  Volk',  sagt  er,  ,seine  Unabhängigkeit  verloren 
hat,  so  geht  es  schnell  zu  Grunde.  Die  Ursache  hierfür  liegt 
in  der  Niedergeschlagenheit,  welche  sich  der  Geister  bemächtigt, 
wenn  es  besiegt  worden,  durch  die  Knechtung  ein  Werkzeug 
in  der  Hand  eines  anderen  Volkes  und  von  diesem  abhängig 
geworden  ist;  die  Hoffnung  schwindet  und  ermattet,  ebenso  die 
Fortpflanzung  und  das  Wachsthum  der  Bevölkerung.  Denn 
diese  hängen  von  der  Schwungkraft  der  Hoffnung  und  der 
hiedurch  hervorgerufenen  Lebensfrische  der  körperlichen  Kräfte 
ab.  Schwindet  nun  die  Hoffnung  in  Folge  der  Niedergeschlagen- 
heit, und  schwinden  die  hiedurch  bedingten  Anlagen,  ebenso 
wie  der  Gemeinsinn  in  Folge  der  über  sie  ergangenen  Macht 
der  Sieger  erstirbt,  so  nimmt  auch  die  Lebensdauer  des  be- 
siegten Volkes  ab,  seine  Erwerbsquellen  versiegen  ebenso  wie 
die  Erwerbslust;  es  kann  sich  nicht  mehr  vertheidigen,  nachdem 
seine  Kraft  durch  die  Niederlage  gebrochen  worden  ist,  es 
unterliegt  jedem  Feinde,  es  ist  eine  Beute  für  jeden  der  danach 
begehrt.  Es  ändert  nichts  daran,  ob  nun  dieses  Volk  früher 
seine  Herrschaft  (einen  Staat)  gegründet  hatte  oder  nicht.  Es 
ist  aber  hiebei  noch  ein  anderes  Princip  zu  beachten  und 
dies  ist  folgendes:  Der  Mensch  ist  in  Folge  seiner  Natur  be- 
rufen Herr  seiner  Handlungen  zu  sein,  indem  er  gewissermaassen 
zum  Regenten  über  die  Natur  (von  Gott)  bestellt  worden  ist. 
Der  Gebieter  aber,    der  seiner  Herrschaft  beraubt,   und  seines 

»  I,  265  (230). 
2  I,  267  (232). 
5  I,  307  (268). 
SiUangsber.  d.  phil.-hist.  Cl.  XCIU.  Bd.  IT.  Hft.  41 


628  Kromar. 

Ansehens  entkleidet  wird,  ermattet,  so  dass  er  selbst  den 
Hunger  und  Durst  zu  befriedigen  vernachlässigt.  Dies  ist  in 
der  Natur  der  Menschen  begründet.  Und  selbst  bei  den  Raub- 
thieren  soll  etwas  ähnliches  sich  beobachten  lassen,  indem  sie 
in  der  Gefangenschaft  sich  nicht  begatten.  Dergestalt  tritt 
bei  dem  besiegten  Volk  eine  Abnahme  der  Kräfte  und  Auf- 
lösung ein,  bis  es  der  Vernichtung  anheim  fällt.^ ' 

Nicht  minder  zutreffend  sind  die  Bemerkungen  über  die 
allgemein  bei  unterworfenen  Völkern  hervortretende  Neigung 
die  Sieger  in  Haltung  und  Tracht,  ja  selbst  in  den  Meinungen 
und  Gewohnheiten  nachzuahmen.  Er  hebt  hervor,  dass  dieses 
Streben  der  Besiegten  sich  den  Siegern  anzuschmiegen  überall 
sich  beobachten  lässt.  Aber  selbst  bei  den  nur  benachbarten 
(von  einander  ganz  unabhängigen)  Völkern  zeigt  es  sich,  dass 
jenes  Volk,  welches  die  Ueberlegenheit  des  andern  gefühlt 
hat,  dessen  Sitten  und  Gebräuche  nachzuahmen  sich  bestrebt 
Ihn  Chaldun  fuhrt  hiezu  ein  sehr  merkwürdiges  Beispiel  an. 
Er  spricht  nämlich  von  der  arabischen  Bevölkerung  Spaniens 
und  ihren  Beziehungen  zu  den  christlichen  Bewohnern  der 
Königreiche  Leon  und  Castilien  (galälilj:ah)  und  fügt  bei:  ,Du 
wirst  in  der  That  finden,  dass  jene  diesen  in  Kleidung  und 
äusserer  Erscheinung  zu  ähneln  suchen,  und  auch  in  Sitten 
und  Verhalten,  selbst  in  der  Gewohnheit  die  Wände  mit 
Menschengestalten  zu  bemalen,  in  den  Schlössern  und  Wohn- 
häusern. Wer  mit  denkendem  Blicke  diese  Erscheinungen  be- 
obachtet, der  sieht  hierin  das  Zeichen  der  Ueberwältigung 
(der  im  Verfalle  begriffenen  Nation)^-^ 

Es  ist  eine  natürliche  Folge  der  empirischen  Methode 
Ibn  Chalduns,  dass  er  auch  Sätze  aufstellt,  wie  die  folgenden: 
Halbcivilisirte  Völker  sind  zu  Eroberungen  mehr  geeignet 
als  solche,  die  bereits  eine  höhere  Stufe  der  Gesittung  ein- 
nehmen. 3 

Denn  eben  hiefiir  bietet  die  *  Geschichte  des  Orients 
mehrere  Beispiele,  deren  verschiedene  Ibn  Chaldun  besonders 
nahe  lagen  (Eroberungen  der  Araber,  der  Berberen,  der  Karden, 
Turkomanen  u.  s.  w.). 

1  I,  307,  308  (268). 

2  I,  307  (267). 

3  I,  290  (251),  303  (263). 


Ihn  Chaldan  und  leine  ünltnrgeschiohte  der  islUDiMhen  Reiche.  629 

V.  Als  zweites  Bindemittel  auch  verschiedener 
Stämme  und  deshalb  als  wesentlicher  Factor  bei  der 
Bildung  und  dem  Fortbestande  der  Staaten  ist  die 
Religion  anzuerkennen. 

Bei  Aufstellung  dieser  Maxime  war  für  Ibn  Chaldun  der 
historische  Vorgang  der  Begründung  des  arabischen  Weltreichs 
durch  die  unter  dem  Banner  des  Islams  und  durch  die  Religion 
geeinigten  arabischen  Stämme  maassgebend.  Dieses  Princip 
formulirt  er  sogar  noch  weit  schärfer  in  der  Art,  dass  die 
arabischen  Wanderstämme  unfähig  seien  ein  Reich  zu  gründen^ 
es  sei  denn  unter  der  Leitung  eines  Propheten  oder  eines 
religiösen  Anführers.  ^ 

Diese  Bemerkung  entspricht  vollkommen  dem  geschicht- 
lichen Verlaufe;  denn,  nachdem  die  Araber  das  Chalifat  ge- 
gründet hatten  und  sich  die  Scheidung  des  arabischen  Volkes 
in  das  städtische,  nunmehr  zur  Herrschaft  gelangte  und  das 
nomadische  Element  vollzogen  iiatte,  kehrte  letzteres  sehr  rasch 
in  die  alte  Ungebundenheit  des  Beduinenlebens  zurück  und 
wirkte  nur  mehr  zerstörend  und  zersetzend.'^ 

Wenn  weiters  Ibn  Chaldun  behauptet,  jedes  von  den 
arabischen  Wanderstämmen  eroberte  Land  sei  in  kürzester 
Zeit  verwüstet,  -^  sie  seien  deshalb  unter  allen  Völkern  am 
wenigsten  befähigt  ein  Reich  zu  beherrschen,^  so  wird  man 
keinen  Augenblick  zögern  dieses  Urtheil  dem  noch  frischen 
Eindrucke  zuzuschreiben,  den  die  Verwüstungen  der  arabischen 
Beduinen  in  Nordafrika  daselbst  zurückgelassen  hatten.  Es 
handelt  sich  um  den  Einbruch  arabischer  Horden,  der  von 
Aegypten  her  im  Anbeginn  des  fünften  Jahrhunderts  der  Hegira 
stattfand  und  eine  furchtbare  Verwüstung  jener  Landstriche 
zur  Folge  hatte.  ^ 

VL  Im  Nomadenleben  erhält  sich  die  staaten- 
bildende Kraft  des  Volksgeistes;  im  städtischen  Leben 
und  bei  zunehmender  Cultur  schwindet  sie;  die  Dauer 


»  I,  313  (273). 

2  Näheres  hierüber  in  meiner  Geschichte  der  herrschenden  Ideen  des  Islams 
p.  401  flf. 

3  I,  310  (270). 
*  I.  313  (273). 

^  I,  312  (272).  Vgl.  Geschichte  der  herrschenden  Ideen  p.  404. 

41* 


630  Kromer. 

und  der  Bestand  der  politischen  Gemeinwesen  hängt, 
abgesehen  von  sonstigen  Umständen^  von  der  Kraft 
des  Gemeinsinnes  ab. 

Diese  Maxime  erfordert  nach  dem  bereits  Angeführten 
keine  besondere  Begründung;  der  rasch  sich  vollziehende  Um- 
sturz der  kleinen  nordafrikanischen  Dynastien  durch  einzelne 
berberische  oder  arabische  Stammeshäuptlinge  und  der  schnell 
eintretende  Verfall  solcher  Neubildungen  liefert  hierfür  den 
besten  Beleg. 

VII.  Der  höchste  Punkt  der  Civilisation  ist  auch 
der  Wendepunkt,  von  dem  angefangen  der  Rückschritt 
und  der  Verfall  der  Reiche  eintritt. 

VIII.  Die  Staaten  haben  ihre  bestimmten  räum- 
lichen und  zeitlichen  Grenzen,  welche  sie  nicht  über- 
schreiten können. 

IX.  Zerrüttung  der  Kriegsmacht  und  der  Finanzen 
sind  die  beiden  Symptome  des  Verfalles. 

Der  nationalökonomische  Verfall  der  orientalischen  Staaten 
äussert  sich  durch  gewisse  Erscheinungen,  die  Ibn  Chaldun 
eingehend  darzulegen  sich  bemüht.  Er  stellt  dafür  gewisse 
Kriterien  auf.  Eine  oppressive  Regierung  führt  den  Verfall 
des  allgemeinen  Wohlstandes  herbei;  denn  sobald  die  Steuern 
und  Abgaben  so  hoch  sind,  dass  sie  dem  Steuerträger  keinen 
entsprechenden  Gewinn  seiner  Arbeit  lassen,  besteht  für  ihn 
kein  Anlass  mehr  zu  arbeiten,  es  sinkt  die  Erwerbslust  und 
tritt  die  Verarmung  ein.  *  Gewöhnlich  haben  demnach,  wenn 
ein  Staat  reif  ist  zu  fallen,  auch  die  Steuern  eine  unverhältniss- 
mässige  Höhe  erreicht.  ^ 

Kommt  noch  hinzu,  dass  der  Fürst  selbst  für  eigene 
Rechnung  Handelsgeschäfte  mit  einzelnen  Artikeln  macht 
(indem  er  sie  monopolisirt),  so  werden  hiedurch  die  Interessen 
der  Unterthanen  eben  so  sehr  geschädigt,  als  die  Einkünfte 
des  Staates  geschmälert,  ^  denn  der  Reichthum  der  Regierung 
steht  in  directem  Verhältnisse  mit  dem  der  Unterthanen.  * 
Neuentstandene  Reiche  zeichnen  sich    gewöhnlich  durch  Milde 


»  II,  .93  (81),  106  (93). 
2  II,  95  (83). 
»  n,  95,  96,  (82,  83). 
«  II,  300  (255). 


Ibn  Chaldnn  und  seine  CnltorgetoUehte  der  islanisclien  Beiehe.  631 

und  MäsBigung  aus^  alternde  durch  das  GegentheiU  Die 
Civilisation  aber  ist  um  so  vollständiger  und  dauerhafter  je 
länger  die  Herrschaft  einer  und  derselben  Dynastie  sich  erhält,^ 
indem  durch  den  Umsturz  und  den  Dynastienwechsel  der 
regelmässige  Fortschritt  gehindert  wird.  Ist  aber  einmal  der 
Verfall  eines  Reiches  eingetreten^  so  kann  nichts  mehr  ihn 
aufhalten.  ^ 

Von  dem  Standpunkte,  den  wir  durch  die  vorhergehende 
Untersuchung  gewonnen  haben,  lässt  sich  nun  der  geschichts- 
philosophische  Gedanke  Ibn  Chalduns  in  allen  seinen  wesent- 
lichen Zügen  erfassen.  Er  sieht  in  dem  steten  Wechsel  der 
Ereignisse,  in  dem  fortschreitenden  Verlaufe  der  Geschichte 
die  Aeusserung  allgemeiner  Gesetze,  unter  deren  Herrschaft 
das  bürgerliche  und  politische  Leben  steht.  Diese  Gesetze 
zu  erkennen,  ihren  Zusammenhang  zu  erklären,  indem  er  die 
Gesammtheit  der  Erscheinungen  des  politischen  und  socialen 
Ijcbens  der  Menschheit  zu  überblicken  sich  bestrebt,  betrachtet 
er  als  die  höchste  Aufgabe  der  Geschichtswissenschaft.  Viele 
jener  Gesetze,  die  noch  jetzt  die  Gesellschaft  eben  so  gut  be- 
herrschen wie  damals,  erkannte  er,  andere,  namentlich  jene 
des  wirthschafüichen  Verkehres,  ahnte  er  wenigstens.  Er  hat 
also  ans  diesem  Grunde  volles  Anrecht  darauf,  als  der  erste 
kritische  Culturhistoriker  anerkannt  zu  werden.  Dabei  ist 
seine  Methode  durchaus  auf  Induction  beruhend:  er  studirt 
erst  die  wirklichen  Vorgänge,  leitet  daraus  die  Gesetze  ab  und 
nur  selten  erlaubt  er  sich  in  dieser  Richtung  eine  kleine  Ab- 
weichung von  der  Bahn  der  unbefangenen  Beobachtung  auf 
das  Gebiet  der  Hypothese  und  der  Speculation.  Aber  eben 
diese  empirische  Richtung,  verbunden  mit  den  unmittelbaren 
Eindrücken  seiner  Zeit  haben  die  Folge,  dass  seine  Geschichts- 
philosophie eine  fortschreitende  Entwicklung  der  Menschheit 
nicht  anerkennt.  Der  geschichtliche  Process  vollzieht  sich 
nach  seiner  Ansicht  nach  festen  Gesetzen  immer  in  denselben 
Bahnen  des  Entstehens  und  Vergehens,  mit  derselben  Regel- 
mässigkeit  wie  der  Wechsel  zwischen  Tag  und  Nacht;  zwischen 


1  II,  138  (124). 

2  II,  29Ö  (2Ö1). 
9  II,  120  (106). 


632  Kremor. 

Geburt  und  Tod  fliesst  das  Leben  dabin,  eben  so  gut  für  die 
Völker  wie  für  jeden  Einzelnen.  Ma*arry's  Philosophie  igt 
poetischer,  Ibn  Chaldun  ist  wissenschaftlicher  und  positiver. 

Die  grosse  Frage,  ob  die  Entwicklung  des  Menschen- 
geschlechtes im  Ganzen  und  Grossen  in  aufsteigender  oder  in 
ebener  Bahn  sich  vollziehe,  wird  kaum  gelöst  w^erden.  Jeder 
wird  hierüber  sich  seine  besondere  Ueberzeugung  bilden  oder 
mit  dem  Zweifel  sich  bescheiden  müssen. 

Ueberhaupt  ist  ja  die  Fortschrittsidee  zwar  vielfach  be- 
handelt, aber  nie  begrifflich  genau  bestimmt  worden.  Ibn 
Chaldun  versteht  unter  dem  culturgeschichtlichen  Fortschritt 
in  allgemeinster  Bedeutung  das  Emporateigen  der  Völker  von 
einer  niedrigeren  Stufe  der  Gesittung  zu  einer  höheren,  die 
Steigerung  des  Wissens  und  Könnens  auf  materiellem  und 
geistigem  Gebiete,  aber  nicht  den  moralischen  Fortschritt  zam 
Besseren,  denn  er  vertritt  die  Ansicht,  dass  mit  fortschreitender 
Civilisation  die  Sitteneinfalt  und  Unverdorbenheit  dem  Genuas- 
leben  und  der  Verweichlichung  unterliegen. 

Aber  solchen  Ansichten  gegenüber  ist  wohl  die  Frage 
gestattet,  ob  wir  denn  überhaupt  bei  dem  heutigen  Stande 
unseres  Wissens  die  Culturbewegung  in  einem  gegebenen  Zeit- 
räume bei  der  Gcsammtheit  der  Cultur Völker  überblicken 
können?  Kann  bei  dem  lückenhaften  Stande  unseres  Wissens 
von  einer  allgemeinen  Culturgeschichte  die  Rede  sein?  Es  ist 
nicht  schwer  hierauf  verneinend  zu  antworten. 

Es  wird  jedenfalls  noch  lange  und  gewissenhafte  Foi*schang, 
besonders  auf  dem  so  wichtigen  und  dennoch  so  arg  vernach- 
lässigten Gebiete  der  Geschichte  der  Völker  des  Orients  noth- 
wendig  sein,  bis  man  genügend  Einsicht  in  den  Entwicklungs- 
gang der  Völker  und  in  die  Ursachen  ihres  Verfalles  gewonnen 
haben  wird,  um  sich  über  so  gewichtige  Fragen  bessere  Rechen- 
schaft geben  zu  können  als  jetzt.  Man  wird  der  vergleichenden 
Völkergeschichte  niohr  und  mehr  sich  zuwenden  müssen,  die 
analogen  Erscheinungen  des  Völkerlebens  im  Abendlande  und 
im  Oriente  prüfen  imd  die  dieser  Gleichmässigkeit  zu  Grande 
liegenden  Ursachen  zu  erforschen  haben.  Das  Studium  der 
herrschenden  Ideen  auf  religiösem  und  politischem  Gebiete  ist 
hiezu  vor  allem  uneriässlich.  Dies  richtig  erkannt  zu  haben, 
ist  Ibn  Chalduns  grosses  und  bleibendes  Verdienst. 


Ibn  Chaldtin  und  seine  Cnltnrgescliichte  der  islamischen  Reiche.  633 

Wir  werden  deshalb  auch  nicht'  mit  ihm  rechten  über 
den  negativen  Charakter  seiner  Philosophie;  wie  sollte  er  an 
einen  bleibenden  Fortschritt  glauben,  der  mitten  in  dem  offen- 
baren Verfalle  des  alten  mohammedanischen  Staatswesens  lebte, 
der  deutlich  die  ünhaltbarkeit  der  Zustände  seiner  Zeit  und 
seines  Volkes  erkannte.  Leider  reichte  sein  Blick  nicht  über 
die  Grenzen  des  arabischen  Cidturkreises  hinaus  und  über 
das,  was  jenseits  der  Grenzen  des  Islams  vorging,  hatte  er  nur 
ungenügende  Kenntnisse.  Dennoch  scheint  er  auch  in  dieser 
Hinsicht  durch  keine  Vorurtheile  seines  Volkes  und  Glaubens 
beschränkt  gewesen  zu  sein,  denn  er  hebt  es  besonders  hervor, 
dass  in  den  Ländern  der  Franken,  soweit  er  davon  Nachricht 
erhalten  habe,  die  Wissenschaften  und  Studien  in  voller  Blüthe 
stünden.  ^ 

Auch  darf  es  nicht  unbeachtet  bleiben,  dass  er  die  Mög- 
lichkeit des  Fortschrittes  nicht  in  Abrede  stellt,  jedoch  den- 
selben von  der  Stabilität  der  politischen  Verhältnisse  abhängig 
macht.  2  Und  mit  dieser  Bemerkung  trifft  er  das  Richtige, 
denn  an  dem  Mangel  von  politischer  Stabilität  ging  die  orien- 
talische Cultur  zu  Grunde.  Hätten  die  mohammedanischen 
Völker  eine  geregelte  Erbfolgeordnung  ihrer  Dynastien  be- 
sessen, so  hätte  die  Cultur  des  Orients  sich  ganz  anders  dauer- 
haft gezeigt  und  gewiss  würde  dann  auch  der  civilisatorische 
Fortschritt  weit   nachdrücklicher   sich   geltend  gemacht  haben. 

Die  zersetzende  Einwirkung  der  orientalischen  Polygamie 
hingegen  blieb  von  Ibn  Chaldun  unerkannt. 

Aber  gewiss  ist  er  einer  der  bedeutendsten  Geister  seines 
Volkes  und  seiner  Zeit  und  verdiente  aus  dieöem  Grunde  auch 
bei  uns  mehr  Beachtung  zu  finden,  als  ihm  bisher  zu  Theil 
geworden,  denn  mit  Ausnahme  Machiavelli's  und  Vico's  ist  er 
allen  älteren  europäischen  Politikern  weit  überlegen.^ 

Im  Oriente  ist  ihm  schon  längst  die  höchste  Anerkennung 
gespendet  worden.  Schon  unter  Sultan  Mahmud  I.  wurden 
seine  Prolegomenen  (Mo%:addamah)  ins  Türkische  übersetzt  und 

>  JII,  128  (92). 
2  II,  296  (251). 
^  Rocholl,   in   seiner  Philosophie  der  Geschichte   (Göttingen,  1878),  nennt 

nicht  einmal  Ibn  Chaldun  nnd  weiss  über  die  Leistungen  der  orientalischen 

Denker  so  g^t  wie  nichts  zu  sagen. 


634  Kremer. 

blieben  seitdem  das  angesehenste  Handbuch  der  Staatsweisheit^ 
welches  kein  türkischer  Staatsmann  ungelesen  lassen  darfte. 
Dass  sie  aber  keinen  Nutzen  daraus  zu  ziehen  verstanden, 
beweisen  am  besten  die  Regierungen  der  letzten  Sultane,  unter 
welchen  alle  von  Ibn  Chaldun  als  Symptome  des  Verfalles  be- 
zeichneten Erscheinungen  in  der  unverkennbarsten  Weise  in 
Stambul  zu  Tage  traten,  allein  vergeblich :  denn  es  war  wie 
im  Koran  geschrieben  steht :  Jhr  Qleichniss  ist  das  desjenigen, 
,der  ein  Feuer  anzündete  und  als  es  erleuchtete  die  Umgebung, 
,da  nahm  Gott  ihr  Feuer  hinweg  und  Hess  sie  in  der  Finsternis», 
,so  dass  sie  nichts  sehen :  taub,  stumm  und  blind  sind  sie  und 
,kehren  nicht  wieder  zurück  (zum  Heile)*.  ^ 

1  Koran  II,  16  (17). 


Ibn  Chaldvzi  and  seine  Cnltaiyeecbichte  der  islmnischen  Reiche.  635 


ANHANG. 
I. 

Gat>?:  Buch  der  Thiere  Fol.  195  v". 

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636 


Kremer. 


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II. 


Ma'an'y:  Philosophische  Gedichte  —  ks^lLe^ü. 


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Ibn  Chaldnn  und  seine  Caltatgtichickte  der  iilanilclien  Reiche.  637 


Uebersetzung: 

Blind  scheint  mir  der  Sterndeuter 

diever  C^emeinde  zu  sein, 
Denn  er  liest  die  beschriebeneu  Rollen 

durch  Betastung  allein. 
Lang^  wfihrt  seine  Muhe, 

ach  wie  langte  müht  er  sich  ab! 
Mit  Zügen  der  Schrift,  deren  Schreiber 

längst  schon  ruhet  im  Grab! 
Es  lehrte  Moses  und  ging, 

worauf  Christus  erstund, 
Dann  kam  Mohammed,  der  machte 

die  fünf  Gebete  kund. 
Ein  neuer  Glauben  soll  später 

kommen,  der  diesen  ersetzt: 
Die  Menschheit  wird  so  zwischen  gestern 

und  morgen  zu  Tode  gehetzt. 
Ach  dass  doch  aufs  neue  der  Glauben 

seine  Verjüngung  erlange 
Und  der  Büsser  vom  Durste  sich  labe, 

nachdem  er  gedurstet  so  lange  I 
Was  immer  in  dieser  Welt 

für  ein  Schicksal  dir  tagt, 
Dir  lässt  es  Sonne  und  Mond 

immerdar  unversagt. 
Dir  Ende  soll  ihrem  Anfang 

gleichen,  so  ist  es  beschieden: 
Morgen  und  Abend  bringen 

der  Wunder  viele  hienieden: 
Der  Kinder  fröhliche  Ankunft, 

das  letzte  .Scheiden  der  Greise, 
Der  Abschied  vom  häuslichen  Heerd 

und  die  letzte  Grabesreise  I 
Pfui  dieser  Erdenwelt, 

wie  sie  täuscht  und  besticht, 
Mit  Mitteln  der  List,  wie  im  Streite 

man  gern  sie  dazwischen  flicht! 
Drrnn  auch,  spreche  ich  Unwahres, 

so  lass  ich  die  Stimme  dröhnen, 
Doch  sag  ich  die  Wahrheit  zumal, 

80  Sprech*  ich  in  leisen  Tonen  I 


638 


Kremer. 


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Ibn  Chftldnn  and  seina  Cnltnrgescbiclito  der  Mlamiachen  Reiche. 


639 


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Einige  BemerkuDgen  sind  zum  richtigen  Verständnisse  des 
Gedichtes  erforderlich.  Bis  Vers  13  bleibt  es  vorwiegend  didac- 
tisch.  Plötzlich  aber  tritt  nun  die  subjective  Richtung  hervor. 
V.  16  schildert  der  Dichter  in  abschreckender  Art  sein  eigenes 

Ende.   Unter  dem  Ausdrucke  ^^t«  J|   i^S  ist  wol  die  Hyäne 

oder  der  Geier  zu  verstehen,  der  seinen  Leichnam  verzehrt. 
Hieran  schliesst  sich  der  nächste  Vers  mit  dem  Bilde  der  ver- 
modernden Gebeine.  V.  18  tadelt  die  Sitte  durch  Klageweiber 
den  Todten  beweinen  zu  lassen.  V.  19,  20  und  21  enthalten  ein 
kurzes  Selbstbekenntniss.  V.  22  und  23  aber  beschliessen  das 
Gedicht  mit  einem  schlecht  verhehlten  Hohn  auf  jene,  welche  an 
eine  Fortdauer  na.ch  dem  Tode  glauben,  oder  die,  nach  einer  bei 
den  Mohammedanern  ziemlich  allgemeinen  Ansicht,  meinten,  dass 
nach  dem  Tode  die  Seele  für  einige  Zeit  bei  dem  Körper  im 
Grabe  verweile.  Es  genügt  hier  auf  das  zu  verweisen,  was  ich 
hierüber    in    meiner   Geschichte    der   herrschenden   Ideen   des 


640        Kr  ein  er.  Ibn  Chaldun  aad  seine  Caltargeeckkhte  der  islamiiiclioii  Reiche. 

Islams  S.  273  und  274  bemerkt  habe.  Diesen  Aberglauben 
bespottet  der  Dichter,  indem  er  sagt:  Was  frommt  es  dem 
Todten,  dass  die  Wolken  ihren  erfrischenden  Regen  nieder- 
sendeO;  wenn  er  einmal  unter  der  Steinplatte  liegt:  wäre  die 
Nähe  des  Wassers  erwünscht,  so  würden  die  Menschen  sich 
um  Grabstätten  im  Sumpflande  (batai]^)  streiten. 

Mit  einer  solchen  Dissonanz  schliesst  Ma'arry  gerne.  Denn 
eine  solche  ist  auch  der  Schluss  des  unter  Nr.  II.  gegebenen 
Gedichtes;  wo  er  sich  rühmt  die  Wahrheit  nur  mit  leiser  Stimme 
zu  verkünden ;  er  will  hiemit  nur  sagen,  dass  er  die  Welt 
derselben  nicht  würdig  erachtet;  sie  verdiene  es  nicht,  dass  man 
ihr  Wahrheit  gewähre. 


Sickel.    Beiträge  xur  Diplomatik  Yll.  641 


Beiträge  zur  Diplomatik  VlI. 


Vou 


Dr.  Th.  Sickel, 

wirklichem  Mitgliede  der  kaiserlichen  Akademie  der  Wissenschafteo. 


Kanzler  und  Becognoscenten  bis  zum  Jahre  953. 

oeit  mehr  denn  zwei  Jahrhunderten  ist  die  Geschichte 
der  Kanzlei  in  Frankreich  und  Deutschland;  denen  in  den  An- 
fängen auch  diese  Institution  gemeinsam  war,  Gegenstand  zahl- 
reicher Untersuchungen  und  Darstellungen  gewesen.  Und  doch 
ist  es  seit  Delanoüe  und  Mallinckrot,  welche  da  den  Reigen 
eröffnet  haben,  kaum  versucht  worden,  geschweige  denn  ge- 
lungen, das  eine  Capitel  dieser  Geschichte  zu  schreiben,  nämlich 
das  Capitel  über  die  Geschäftsführung  durch  die  Kanzlei. 
Gewiss  eine  sehr  dunkle  und  schwer  aufzuklärende  Partie, 
zumal  was  die  ersten  Jahrhunderte  anbetrifft.  Doch  davon  ab- 
gesehen, ist  die  Vernachlässigung  derselben  vielleicht  noch 
mehr  darauf  zurückzuführen,  dass  die  ursprüngliche  und  eigent- 
liche Thätigkeit  der  Kanzler  sehr  bald  durch  eine  anderweitige 
in  den  Schatten  gedrängt  worden  ist.  Anfänglich  waren  diese 
lediglich  dazu  bestellt,  die  EntSchliessungen  der  Könige  in  die 
rechte  schriftliche  Form  zu  bringen.  Doch  das  schon  war  ein 
Vertrauensamt,  das  nicht  den  schlechtesten  Männern  übertragen 
wurde.  Dass  solche  in  der  nächsten  Umgebung  des  Königs 
weilten,  hob  sie  dann  höher  und  höher.  Zugleich  wurde  aber 
durch  bedeutende  Persönlichkeiten  auch  das  Amt  gehoben  und 
mit  der  Zeit  geradezu  umgebildet:  die  Kanzler  wurden  nach 
und  nach  die  Rathgeber  in  den  öffentlichen  wie  in  den  privaten 


642  Sickel. 

AngelegenheitcD,  ja  selbst  die  Leiter  derselben.  ^  Mögen  nun 
einzelne  Kanzler  sich  auch  später  noch  um  die  eigentliche 
Geschäftsführung  oder  wenigstens  um  die  Zusammensetzung 
des  zur  Arbeit  berufenen  Personals  gekümmert  haben,  oder 
mögen  bei  Hofe  neben  den  Kanzlern  neue  Beamte  zur  Be- 
sorgung des  Urkundenwesens  bestellt  worden  sein,  so  hat  sich 
zu  jeder  Zeit  letzteres  Qeschäft  fast  im  Verborgenen  abgespielt 
und  hat  sich  den  Augen  der  Zeitgenossen  entzogen.  Daher 
begegnen  uns  in  den  erzählenden  Quellen  nur  wenige  und  ver- 
einzelte diesbezügliche  Bemerkungen.  Selbst  Hincmar  in  seiner 
Schrift  über  die  Pfalzordnung  geht  auf  das  Wirken  der  Kanzlei 
nach  dieser  Seite  nicht  ein.  So  ist  denn  auch  von  den  späteren 
Geschichtschreibern  die  Geschäftsgebahrung  als  minder  glänzend 
und  als  minder  bekannt  so  gut  wie  gar  nicht  berücksichtigt 
worden  oder  doch  erst  von  der  Zeit  an,  wo  sie  sich  etwa  an 
der  Hand  noch  erhaltener  Kanzleiordnungen  darlegen  Hess. 

Indem  ich  in  diesen  Beiträgen  mich  auf  das  Zeitalter  der 
Karolinger  und  der  Ottonen  beschränken  werde,  will  ich  an 
zwei  neueren  denselben  Jahrhunderten  gewidmeten  Werken 
zeigen,  was  für  Geschichte  der  Kanzler  und  der  Kanzlei  bisher 
geleistet  worden  ist  und  was  noch  zu  leisten  ist.  In  den  Jahr- 
büchern des  ostfränkischen  Reiches  und  in  denen  Otto  I.  hat 
Dümmler  sehr  eingehend  von  den  damaligen  Brzkanzlem, 
Kanzlern  und  Notaren  gehandelt.  Alle  Notizen,  welche  das 
gesammte  Quellenmaterial  bietet,  sind  von  ihm,  man  kann 
sagen  zu  Biographien  zusammengestellt  worden.  Jedem  dieser 
Männer  ist  der  Platz  angewiesen,  den  er  in  der  Kanzlei,  bei 
Hofe,  in  Staat  und  Kirche,  in  der  Gelehrtenwelt  seiner  Zeit 
eingenommen  hat.  Aber  welchen  Einfluss  auf  oder  welchen 
Antheil  an  den  Geschäften  dieser  oder  jener  Kanzler,  dieser 
oder  jener  Notar  gehabt  hat,  das  wird  nicht  einmal  berührt. 

Das  gleiche  Interesse  für  den  Gegenstand  hat  Waitz  be- 
kundet.   Nachdem  er  schon  in   den  Ranke'schen  Jahrbüchern^ 

'  Das  hat  Lorenz  recht  anschaulich  gemacht  in  dem  allerdings  nicht  streng 
wissenschaftlichen  und  deshalb  mit  Vorsicht  zu  benutzenden  Aufsatze: 
Reichskanzler  und  Reichskanzlei  in  Deutschland  (Preussische  Jahrbücher, 
29.  Band,  wiederholt  in  Drei  Bücher  Geschichte  und  Politik  1,  52—86). 

2  Otto  I.  in  den  Jahren  951  973,  bearbeitet  von  Dönniges;  aber  Excurs  16, 
S.  228  ff.  von  Wait«. 


Beiträge  xnr  Diplomatik  YII.  643 

die  Ergebnisse  selbsteigener  Forschung  veröffentlicht  hatte^  hat 
er  in  der  Verfassungsgeschichte  mit  Benatzang  aller  ein- 
Bchlägigen  Arbeiten  die  Entwicklung  des  Amts  zu  schildern 
gesucht.  Die  allmähliche  Fortbildung  *  desselben  und  die 
Organisation  in  ihren  Phasen  stehen  da  natürlich  im  Vorder- 
gründe. Daneben  hat  allerdings  auch  die  formale  Behandlung 
der  Geschäfte  in  einigen  Bemerkungen  Berücksichtigung  ge- 
funden, doch  zu  einer  eigentlichen  zusammenhängenden  Dar- 
stellung derselben  hat  es  auch  Waitz  nicht  bringen  können, 
da  ihm  fast  noch  gar  nicht  vorgearbeitet  war.  Indem  ich  somit 
eine  diesen  Autoren  nicht  zur  Last  fallende  Lücke  in  den  be- 
treffenden Abschnitten  ihrer  Werke  constatire,  bemerke  ich 
zugleich,  dass  ihre  und  Anderer  Arbeiten  mir  es  wesentlich 
erleichtert  haben,  die  Lücke  auszufüllen. 

Die  Kanzlei  in  ihrer  eigentlichen  Berufsarbeit  zu  beob- 
achten, das  war  und  ist  noch  heute  Aufgabe  derer,  welche 
sich  speciell  mit  den  Diplomen  als  den  Denkmälern  der  Thätig- 
keit  der  Kanzler  und  ihrer  Untergebenen  befassen.  Und 
welchen  Weg  wir  dabei  einzuschlagen  haben^  das  hat  uns 
wiederum  der  Meister  Mabillon  gelehrt.  Denn  er  zuerst  ver- 
suchte eine  Geschichte  des  Amtes  und  der  Amtsthätigkeit  zu 
schreiben  und  verwerthete  zu  dem  Behufe  nicht  allein  die 
Namen  und  Titel  in  den  Urkunden,  sondern  auch  deren  directe 
Aussagen  über  die  Functionen  und  was  sich  aus  den  ver- 
schiedenen Formen  der  Vollziehung  der  Diplome  folgern  lässt. 
Jede  seiner  Wahrnehmungen  oder  Bemerkungen  über  die  iussio 
regis,  über  dictare,  scribere,  offerre,  recognoscere,  subscribere,  , 
sigillare  u.  s.  w.  bekundet  den  angebornen  und  in  langer 
Detailforschung  entwickelten  Scharfblick,  und  geljuag  es  Ma- 
billon trotzdem  nicht,  zu  vollem  Verständniss  der  Dinge  vor- 
zudringen, so  hatte  das  seinen  Grund  lediglich  darin,  dass  die 
wenigen  ihm  zu  Gebote  stehenden  Daten  noch  nicht  genügen 
konnten,  die  verschiedenen  Phasen  der  Entwicklung  und  den 
Gang  derselben  durch  viele  Jahrhunderte  hindurch  erkennen 
zu  lassen.  Dann  aber,  als  das  Material  reichlicher  floss,  wurde 
eine  geraume  Zeit  der  Vorgang  Mabillon's  kaum  beachtet  und 
noch  weniger  nachgeahmt. 

So  wollen  wir  Diplomatiker  in  Deutschland  in  seine  Fuss- 
tapfen  zu  treten  suchen.    Sind  wir  doch  mit  der  urkundlichen 

Sitznngsber.  d.  phil.-hist.  Cl.  XCIII.  Bd.  lY.  Hft.  42 


644  Sickel. 

Forschung  an  einem  Punkte  angelaugt,  an  dem  wir  uns  jede 
nach  dem  Umfang  und  der  BeschaiFenbeit  des  Materials  mög- 
liche Aufklärung  über  den  Gang  der  Arbeit  in  der  Kanzlei  zu 
verschaffen  streben  müssen.  Es  bezeichnet  einen  wesentlichen 
Fortschritt  in  unserer  Disciplin,  dass  wir  auch  das  Werden  der 
Urkunden  in  die  Untersuchung  einzubeziehen  begonnen  haben. 
Hat  sich  da  Ficker  die  besondere  Aufgabe  gestellt,  den  Spuren 
allmählicher  Entstehung  nachzugehen,  so  sind  Stumpf-Brentano 
und  ich,  als  wir  zu  gleicher  Zeit  uns  dem  Studium  der  Diplo- 
matik  zuwandten,  unabhängig  von  einander  auf  den  Qedanken 
gekommen,  dass,  um  die  Mannigfaltigkeit  und  die  Fortbildung 
des  Urkundenwesens  zu  begreifen,  auch  die  Einflussnahme 
einzelner  Persönlichkeiten  in  Anschlag  zu  bringen  sei.  ^  Aber 
in  den  Ergebnissen  unserer  Untersuchungen  zweiten  wir  von 
Anbeginn  an  und  zweien  wir  noch. 

Auf  Qrund  der  Bearbeitung  der  Diplome  Ludwig  des 
Deutschen  nach  streng  inductiver  Methode  hatte  ich  in  den 
Beiträgen  zur  Diplomatik  I.  die  Recognoscenten,  die  zumeist 
auch  Schreiber  der  Urkunden  gewesen  waren,  als  diejenigen 
bezeichnet,  welche  damals  innerhalb  des  durch  die  allgemeinen 
Verhältnisse  und  durch  die  Tradition  gezogenen  Rahmens  die 
Variationen  der  Urkundenformen  herbeigeführt  hatten,  also  fiir 
die  Besonderheiten  massgebend  gewesen  waren.  Dagegen  er- 
hob   mein    Fachgenosse   sofort    entschiedene   Einsprache.^    £r 


^  Auf  die  Fragen,  die  ich  hier  zu  berühren  habe,  sind  andere  Fachgenossen 
noch  wenig  eingcgangmi.  Deshalb  möge  es  mir  gestattet  sein,  nur  unserer 
beider  Arbeiten  hier  zu  erwähnen.  Bios  eine  Ausnahme  fühle  ich  mich 
gedrungen  zu  machen,  indem  ich  Huber's  Verdienst  betone.  So  weit  es  bei 
der  Beschränkung  auf  gedrucktes  Material  oder  auf  innere  Merkmale  der 
Diplome  möglich  wfr,  hat  Huber  in  der  Einleitung  zu  den  Begesten 
Karl  IV.  nicht  allein  alles,  was  sich  auf  die  Organisation  und  den  Por- 
sonalstatus  der  damaligen  Kanzlei  bezieht,  zusammengestellt,  sondern 
auch  alles  gesammelt,  was  die  Urkunden  über  die  Functionen  der  ein- 
zelnen Personen  besagen.  Er  hat  damit  den  Beweis  geliefert,  dass  auch 
ohne  das  nicht  jedem  mögliche  Zurückgreifen  auf  die  Originale  ein 
grosser  Theil  der  betreffenden  Arbeit  vollbracht  werden  kann  und  zwar 
der,  welcher  gethan  sein  soll,  ehe  man  an  die  Ausbeute  aus  den  Kanzlei- 
ausfertigungen geht. 

2  In  der  Wiener  Wochenschrift  für  Wissenschaft,  Kunst  und  öflentlichea 
Leben  n«»  8   vom   22.   Win  18G2.     Ich   gehe  hier  nicht  auf  die  Detalla 


Betrage  znr  Diplonlatik  VIT.  *   645 

bezeichnete  meine  Behauptungen  in  einem  Punkte  als  geradezu 
dem  objectiven  Sachverhalte  widerstreitend.  Er  erklärte,  indem 
er  sich  auf  umfassendere  Untersuchungen  berief,  erkannt  zu 
haben,  dass  ,alle  wesentlichen  Aenderungen  und  Abweichungen 
in  den  diplomatischen  Forinen  nicht  von  den  untergebenen 
Schreibern,  sondern  von  den  Erznotaren  abhängig  seien^,  dass 
somit  ,das  ganze  Urkunden wesen  richtiger  und  zweckmässiger 
nach  Erznotar-,  denn  nach  Schreiberperioden  zu  ordnen^  sei, 
weiter,  dass  sich  ,die  Feststellung  der  Kanzleiperioden  als  das 
hier  massgebende  Kriterium  für  die  Beurtheilung  wie  als  der 
richtigste  Schlüssel  zur  Lösung  aller  Zweifel^  vergebe.  Als  zwei 
Jahre  später  Stumpf  die  ersten  Bogen  der  Reichskanzler  L 
ausgeben  Hess,  constatirte  er  in  dem  Vorwort  nochmals,  dass 
wir  beide  ganz  verschiedenartige  Wege  eingeschlagen.  Von 
den  mehreren  Stellen  dieses  Buches,  in  denen  er  seine  Ansicht 
über  den  Sachverhalt  bis  in  das  zwölfte  Jahrhundert  hinein 
ausspricht,  wird  es  genügen,  die  eine  (S.  12)  anzuführen:  Jedes 
dieser  Privilegien  wurde  von  dem  Kanzler  durchgesehen  und 
durchgemustert  (recognovit)  .  .  .  Fast  über  jede  scheinbare 
Zufälligkeit  und  Unregelmässigkeit  in  den  Urkunden  können 
wir  den  zuverlässigsten  Aufschluss  zunächst  durch  die  Urheber 
derselben,  d.  i.  die  Kanzler  und  damit  zugleich  einen  höchst 
willkommenen  Beitrag  wieder  zur  Geschichte  dieser  erhalten.' 
Als  ich  zur  Prüfung  der  Urkunden  der  ersten  Karolinger 
überging,  fand  ich  sie  in  mancher  Beziehung  anders  beschaffen 
als  die  des  ersten,  ostfränkischen  Königs,  und  indem  ich 
wiederum  von  den  Erscheinungen  als  den  Wirkungen  auf  deren 
Ursachen  zurückschloss,  legte  ich  gewisse  Bestimmungen  über 
das  Urkundenwesen  jener  Periode  den  Kanzlern  und  andere  den 
Recognoscenten  bei.  Damit  und  insoweit  ich  später  auch  bezüg- 
lich des  zehnten  Jahrhunderts  zugab, '  dass  gewisse  Neuerungen 
als.  von  den  Kanzlern  ausgehend  betrachtet«  werden  könnten, 
nähei'te  ich  mich  wohl  den  Ansichten  meines  Fachgenossen, 
aber  ohne  denselben  die  für  sie  beanspruchte  allgemeine  Geltung 
zuzuerkennen.     Ja  es  drängte  sich  mir  ebenso  wie  Ficker  die 


dieser   ausführlichen    Anzeige    ein,    sondern    hognOgc    mivh,    di(;   ITanpt- 
differenz  darzulegen. 
•  Beitrüge  zuf  Diplomatik  6,  483. 

42* 


646  SiQkel. 

Anschauung  von  dem  Gang  der  Entwicklung  vom  achten  bis 
zehnten  Jahrhundert  auf,  dass  sich  die  Kanzler  mehr  und  mehr 
von  der  Arbeit  zurückgezogen  und  diese  den  Notaren  über- 
lassen haben. 

Andererseits  hält  Stumpf  an  seinen  Ansichten  fest  Noch 
in  seiner  letzten  Publication  erklärt  er:  allerdings  vindicire 
ich  den  jeweiligen  Kanzlern  (freilich  nicht  gleichmässig  allen) 
neben  anderweitiger  Thätigkeit  auch  einen  directen  £influs8 
auf  das  gesammte  Urkunden wesen/ vor  allem  in  unserer  Epoche', 
womit  das  zehnte  und  eilfte  Jahrhundert  gemeint  ist.  *  Indem 
ich  nun  wieder,  soweit  es  sich  um  die  Diplome  der  Ottonen 
handelt,  die  ich  in  den  letzten  Jahren  unter  den  allergünstig- 
sten  Umständen  und  in  eingehendster  Weise  geprüft  habe,  zu 
widersprechen  genöthigt  bin,  ist  die  Diffefenz  zwischen  uns 
heute  mindestens  eben  so  gross  als  vor  sechzehn  Jahren. 

Ist  das  Problem,  das  wir  uns  beide  gestellt  haben,  wirklich 
zu  lösen?  Wenn  das  der  Fall  ist,  haben  die  Kanzler  in  dem 
Grade,  den  Stumpf  annimmt,  oder  in  der  von  mir  vertretenen 
Beschränkung  das  Urkundenwesen  bestimmt?  Lassen  sich  zeit- 
liche Abschnitte  machen  in  dieser  innerhalb  der  Kanzlei  sich 
abspielenden  Geschichte?  Lassen  sich  die  Grenzen  erkenneo, 
bis  zu  denen  sich  in  den  einzelnen  Perioden  die  Einflussnahme 
der  Kanzler  erstreckt  hat  und  über  die  hinaus  andere  Personen 
den  Ausschlag  gegeben  haben?  Diese  und  andere  Fragen 
müssen  wir  einmal  zu  beantworten  suchen.  Sollte  es  uns  nicht 
gelingen,  wenigstens  annähernd  den  Geschäftsgang  und  die 
Arbeitstheilung  in  der  Kanzlei  festzustellen,  so  müssten  wir 
auf  manches  Kriterium  Verzicht  leisten,  von  dem  wir  mit  ziem- 
licher Zuversicht  Gebrauch  gemacht  haben,  ja  auf  den  An- 
spruch der  Vorzüglichkeit  unserer  Disciplin.  ^  Je  mehr  also  auf 
dem  Spiele  steht  und  je  schwieriger  unsere  Aufgabe  zu  lösen 
ist,  desto  mehr  halte  ich  an  meinem  bisherigen  Vorgange  fest: 


*  Wirzburger  Immunitäten  2,  63.  Derselbe  Gedanke  wird  sehr  oft  in  diesen 
beiden  Abhandlungen  wiederholt. 

'  Ich  tausche  mich  nicht  darüber,  dass  noch  mancher  Historiker  von  der 
Dij^Iomatik  eine  geringe  Meinung  hegt.  Selbst  Böhmer  scheint  nach 
seinem  Briefe  vom  4.  April  1863  (Leben  3,  403)  keine  grossen  Erwar- 
tungen an  Stumpfs  und  meine  Forschungen  geknüpft  zu  haben. 


Beiträge  siir  Diplnmatik  VIF.  647 

ohne  vorgefasste  Meinung^  auch  ohne  mich  durch  die  auf 
anderem  Gebiete  liegende  Thätigkeit  der  Kanzler  beeinflussen 
zu  lassen^  suche  ich  aus  den  Urkunden  zu  entwickeln,  worin 
ihre  eigentliche  Berufsarbeit  bestanden  hat  und  inwieweit  sie 
dieselbe  in  Person  oder  durch  Stellvertreter  verrichtet  haben, 
und  zwar  prüfe  ich  zu  dem  Behufe  Gruppe  für  Gruppe  der 
Urkunden. 

Obgleich  ich  noch  nicht  alle  Theile  des  Materials  gleich 
eingehend  zu  untersuchen  in  der  Lage  war,  so  hoffe  ich 
doch,  dass  man  die  von  mir  bereits  gewonnenen  positiven 
Daten  über  Erwarten  zahlreich  finden  wird.  Trotzdem  bin 
ich  weit  entfernt,  deren  Gesammtwerth  zu  überschätzen.  Der 
Bau  der  Institutionen  der  Vergangenheit  liegt  in  Trümmern. 
Nur  ein  Theil  der  Bausteine  ist  erhalten  und  ein  noch 
kleinerer  Bruchtheil  ist  es,  welcher  die  einstige  Verwendung 
zu  und  in  dem  ganzen  Gefüge  erkennen  lässt.  Hier  mass 
also  nach  erfolgter  Feststellung  vereinzelter  Thatsachen  die 
synthetische  Arbeit  des  Historikers  einsetzen,  hier  müssen 
wir,  wollen  wir  ein  anschauliches  Gesammtbild  erhalten,  wohl 
oder  übel  reconstruiren.  Ich  sage  gleich,  welche  Grund- 
anschauung von  dem  Wesen  der  Institutionen  der  betreffenden 
Zeiten  mich  dabei  geleitet  und  mir  als  Prüfstein  gedient 
hat:  die,  dass  man  dazumal  so  gut  wie  nichts  organi- 
satorisch, nach  durchdachtem  Plan  noch  in  der  Form  fester 
Satzungen  geschaffen  hat,  dass  ;nan  aber  allüberall  unter 
dem  Naturgesetz  der  historischen  Entwicklung  gestanden  hat, 
und  dass  alle  Fortbildung  herausgewachsen  ist  aus  gegebenen 
Vorstellungen  und  Vorbedingungen,  dass  sie  durch  die  je-^ 
weilige  Sachlage  und  durch  einzelne  massgebende  Persönlich- 
keiten bestimmt  worden  ist,  dass  sie  bestimmten  Bedürfnissen 
und  den  Geboten  der  Zweckmässigkeit  gedient  haben  muss. 

Nach  diesen  Erklärungen  kann  ich  dazu  übergehen,  das 
Thema,  das  ich  mir  jetzt  gestellt  habe,  zu  entwickeln,  die  Wahl 
desselben  durch  einige  weitere  Hinweise  auf  den  jetzigen  Stand 
der  Forschung  zu  begründen  und  über  die.  Behandlung  in  diesen 
und  weiteren  Beiträgen  zur  Diplomatik  einige  Vorbemerkungen 
zu  machen. 

Es  ist  aus  den  Kanzlerreihen,  welche  Stumpf  den  Ver- 
zeichnissen  der  Diplome   der  einzelnen  Könige  vorausschickt^ 


648  Sickel. 

ersichtlich  und  es  ist  zuletzt  von  Fickcr '  hervorg^ehoben  worden, 
dass  das  Jahr  1)53  einen  wesentlichen  Abschnitt  in  der  Ge- 
schichte der  Kecognition  bildet.  Seit  dieser  Zeit  werden  nämlich 
regelmässig  die  Kanzler  als  Kecognoscenten  genannt,  während 
früher,  und  zwar  gilt  das  auch  von  der  Periode  der  Karolinger, 
in  gewissen  Zeiträumen  abwechselnd  Kanzler  und  Notare,  in 
andern  ausschliesslich  die  Notare  als  Kecognoscenten  erscheinen. 
Doch  damit  sind  die  Modalitäten  noch  nicht  erschöpft.  An- 
fänglich sind  Kecognoscenten  und  Subscribenten  identisch  ge- 
wesen. Dann  aber  haben  für  die  Kecognoscenten,  mögen  es 
Kanzler  oder  Notare  gewesen  sein,  häufig  andere  Männer,  zu- 
meist die  gewöhnlichen  Urkundenschreiber,  unterfertigt.  Folg- 
lich werden  bis  953  eventuell  Kanzler,  Kecognoscenten  und 
Subscribenten  auseinanderzuhalten  sein  und  wir  werden  erst 
feststellen  müssen,  ob  wir  es  in  einem  Einzelfalle  mit  einem, 
mit  zwei  oder  gar  mit  drei  Individuen  zu  thun  haben,  ehe  wir 
die  Autorschaft  für  diese  oder  jene  Neuerung  oder  Eigenthüin- 
lichkeit  einer  bestimmten  Person  zuschreiben  dürfen.  Einen 
Anlauf  dazu  nimmt  wohl  auch  Stumpf,  wo  sich  ihm  gelegent- 
lich einer  Wahrnehmung  die  Nöthigung  aufdrängt:  so  z.  B.  in 
Wii*zburger  Immunitäten  1,  33  Anm.  58;  aber  er  weicht  einer 
scharfen  Scheidung  sofort  wieder  aus,  indem  er  sich  mit  dem 
in  diesem  Falle  sehr  bedenklichen  Ausdrucke  ,die  recognosci- 
ronde  Kanzlei'  behilft. 

Doch  auf  Stumpfs  Aussprüche  komme  ich  ohnedies  zurück 
und  so  will  ich  lieber  hier  an  meinen  eigenen  Arbeiten  zeigen, 
wie  wenig  wir  bisher  über  den  Arbeitsantheil  der  Mitg'lieder 
^der  Kanzlei  unterrichtet  göwesen  sind.  In  dem  von  mir  vor 
zwei  Jahren  vei-öflfentlichten  Programme  ^  habe  ich  noch  die 
Möglichkeit  in  Betracht  gezogen,  dass  ein  Kanzler  Heinnch  I. 
und  Otto  I.  selbst  Keinschriften  von  Urkunden  angefertigt 
habe;  ob  das  überhaupt  für  die  Zeit  nachweisbar  ist  oder  nicht, 
muss  einmal  entschieden  werden.  Ebenda  wusste  ich  noch 
nicht  zu  erklären,  weshalb  seit  Arnulf  bald  die  Kanzler,  bald 
die  Notare  als  Kecognoscenten  genannt  worden.  Ferner  wai* 
ich  damals  noch  der  Meinung,   dass  in  der  Kegel  der  Scriptor 

'  Beiträge  zur  Urkinidenlehre  *i,   17). 
2  Neues  Archiv  1,  460. 


RnitriifrA  znr  Diplonrntik  VII.  649 

auch  der  Concipient  der  Urkunden  gewesen ;  erst  die  Einwürfe 
von  Ficker*  haben  mich  zu  nochmaliger  Prüfung  der  Diplome 
auf  diese  Frage  hin  veranlasst,  der  ich  nun  in  etwas  neue  Er- 
gebnisse verdanke.  Kurz  es  ist  erst  eine  ganze  Reihe  von 
Punkten  aufzuklären,  ehe  wir  sagen  können,  auf  weissen  Rech- 
nung dieses  oder  jenes  Moment  zu  setzen  ist  und  wie  in  den 
einzelnen  P.erioden  die  Arbeit  in  der  Kanzlei  auf  die  Individuen 
vertheilt  und  deren  Zusammenwirken  geregelt  worden  ist.  In 
manchen  Fällen  habe  auch  ich  noch  keine  Entscheidung  treffen 
können  und  muss  dahingestellt  sein  lassen,  ob  Andere  nach 
mir  glücklicher  sein  werden.  Indem  ich  aber  in  der  Mehrzahl 
der  Fälle  zu  sicherem  •  Ergebniss  gelangt  bin  und  Kanzler, 
Recognoscenten,  Subscribenten,  Scriptoren  und  Dictatoren  zu 
unterscheiden  gelei*nt  habe,  kann  ich  jetzt  daran  gehen,  jenes 
Capitel,  das  ich  in  den  bisherigen  Geschichten  der  Kanzlei 
vermisse,  zunächst  bis  zum  Jahre  953  und  etwas  darüber  hinaus 
zu  schreiben. 

In  erster  Linie  ist  die  Lösung  dieser  Aufgabe  allerdings 
dadurch  bedingt,  dass  uns  Material  .in  grösserem  Umfange 
und  in  entsprechender  Beschaffenheit  zu  Gebote  steht.  Schon 
aus  den  abschriftlichen  oder  gedruckten  Urkunden  lässt  sich 
manches  herauslesen.  *  Aber  den  rechten  Schlüssel  bieten  doch 
nur  die  Originale.  In  Folge  dieses  Umstandes  hat  mein  Ver- 
such, den  Geschäftsgang  in  der  Kanzlei  von  dem  Jahre  751 
bis  zum  Jahre  9ö3  zu  ergründen,  verschieden  ausfallen  müssen. 
Ich  habe  nämlich  fast  sämmtliche  Archetypa  der  Perioden 
751 — 876  und  911 — 953  selbst  untersucht,  ^  dagegen  aus  dem 
dazwischen  liegenden  Zeitraum  nicht  so  viele,  dass  ich  da 
schon  da6  letzte  Wort  zu  sagen  mich  getrauen  möchte.  Immer- 
hin glaube  ich  die  Hauptmomente  der  Entwicklung  auch  in 
den  Jahren  876 — 911  richtig  erkannt  zu  haben.  Bei  diesem 
Stand  meiner  Vorarbeiten  werde  ich  mich  auch  nicht  scheuen, 
die    einzelnen   Zeitabschnitte   verschieden    zu   behandeln.     Bei 

^  Beitrage  zur  Urkuudeulehre  2,  27. 

2  Hier  begründet  es  noch  einen  Unterschied,  dass  ich  einen  Theil  dieser 
Diplome  vor  vielen  Jahren,  einen  andern  in  den  letzten  unter  den  Hfinden 
gehabt  habe,  denn  erst  mit  der  Zeit  habe  ich  auf  die  Merkmale  achten 
gelernt,  mit  denen  ich  jetzt  operire. 


650  Sickel. 

dem  ersten  (bis  876)  kann  ich  mich  kürzer  fassen,  d&  ich  2.  B. 
was.  wir  von  der  Organisation  und  dem  Personalstatns  der 
Kanzlei  wissen,  schon  an  anderen  Orten  geboten  habe.  Für 
den  zweiten  Abschnitt  (bis  911)  habe  ich  das  hier  erst  so  weit 
nachholen  müssen,  als  es  der  Zusammenhang  erforderte  9  da- 
gegen  habe  ich  hier  einige  Fragen  nur  formulirt  und  nicht  be> 
antwortet,  weil  ich  zu  letzterem  Behufe  umfassende  Prüfung 
der  Originale  hätte  vornehmen  müssen.  Am  eingehendsten  habe 
ich  die  Zeit  von  911 — 953  behandelt. 

Ich  kann  den  Stoff  in  dieser  einen  Abhandlung  nicht  er- 
schöpfen. Sie  soll  nur  handeln  von  den  Kanzlern*  und  Re- 
cognoscenten  bis  zum  Jahre  953.  Zunächst  werde  ich  einen 
Ueberblick  geben  über  die  Phasen  der  Organisation  der  Kanzlei 
und  über  deren  Personalstatus  bis  zum  Ausgang  des  neunten 
Jahrhunderts.  Dann  schalte  ich  eine  Untersuchung  über  die 
ursprüngliche  Bedeutung  der  Recognition  ein.  Endlich  führe 
ich  die  lange  Reihe  der  unter  und  neben  den  Kanzlern  fun- 
girenden  Recognoscenten  und  Subscribenten  bis  953  vor.  Vor- 
behalten bleibt  für  die  Fortsetzungen  das  Capitel  von  den  Dicta- 
toren  und  Scriptoren  sowie  das  von  den  Erzkapellanen,  wenn 
icli  auch  hier  schon  mehrfach  die  Ergebnisse  der  nachfolgenden 
Untersuchungen  herbeizuziehen  und  zu  -verwerthen  genöthigt 
war.  Im  Uebrigen  werde  ich  mich  in  dem  zuletzt  genannten 
Abschnitt  nicht  an  die  Zeitgrenze  von  953  binden.  Erst  wenn 
wir  alle  zur  Kanzlei  im  weitesten  Sinne  zählenden  Personen, 
ilire  Beziehungen  zu  einander  lind  ihre  Functionen  kennen  ge- 
lernt haben^  wird  sich  die  Summe  ziehen^  d.  h.  die  Geschäfts- 
führung in  ihren  mannigfaltigen  Phasen  darlegen  lassen.  Ich 
mache  den  Versuch  als  Diplomatiker  und  fiir  die  Zwecke  der 


'  Wie  in  alter  Zeit  demselben  Beamten  verschiedene  Titel  beigelegt  worden 
sind,  so  dann  auch  von  den  Historikern.  Bo  hat  man  die  Vorsteher  der 
Kanalei  der  ersten  Karolinger  wohl  Erznotare  genannt  und  hat  dann  für 
deren  Nachfolger  vielfach  die  Bezeichnung  Vicekanzler  gebraucht.  Um 
jedem  Miss  Verständnisse  vorzubeugen,  beperke  ich,  dass  ich  (und  so  jetzt 
auch  Stumpf)  unter  Kanzlern  bis  zum  Jahre  854  die  Vorsteher  der 
Kanzlei  verstehe  (s.  Acta  Karol.  1,  76),  von  da  an  aber  die  Leiter  der 
Kanzlei,  obwohl  sie  fortan  den  Brzkapellanen,  die  eventuell  auch  Erz- 
kanzler heissen,  untergeordnet  sind.  —  Vgl.  übrigens,  was  ich  6.  661 
über  wirkliche  Kanzler  und  Titularkanzler  sage. 


Beitr&ge  lar  Diplonatik  VII.  651 

Diplomatik.  Aber  indem  ich  ein  Stück  von  der  Geschichte  des 
Regiments  bieten  werde,  glaube  ich  auch  den  Historikern  einen 
Dienst  zu  erweisen. 

Von  einer  Geschichte  der  Kanzlei,  wie  ich  sie  zuvor  ge- 
fordert habe,  wird  allerdings  die  Zeit  der  Merovinger  auf- 
geschlossen bleiben  müssen.  Wir  können  da  nur,  wie  es  zuletzt 
Stumpf-Brentano  gethan  hat,^  Listen  der  Männer  aufstellen, 
welche  uns  in  den  Diplomen  oder  auch  von  den  Geschicht- 
schreibern als  mit  der  Besorgung  des  Urkundengeschäfts  betraut 
bezeichnet  wurden.  Wir  können  ferner  einige  Aussagen  der 
Diplome  über  den  Arbeitsantheil  der  einzelnen  Personen  in 
bestinmiten  Fällen  insoweit  verwerthen,  dass  wir  gewisse  Ge- 
bräuche der  späteren  Jahrhunderte  als  bis  in  graue  Vorzeit 
zurückreichend  nachweisen.  Aber  dabei  wird  es  sein  Bewenden 
haben  müssen,  da  auch  die  Gesammtheit  der  vorliegenden  No- 
tizen nicht  genügt,  aus  ihnen  ein  zusammenhängendes  Bild  von 
der  Einrichtung  und  von  der  etwaigen  Fortbildung  der  Kanzlei 
unter  den  Merovingem  zu  combiniren.  Ueberdies,  scheint  mir, 
bedürfen  wir  auch  einer  genauen  Kenntniss  der  damaligen  Insti- 
tution nicht,  um,  was  aus  ihr  in  der  Karolingerperiode  geworden 
ist,  in  das  rechte  Licht  zu  stellen.  Denn  um  dieselbe  Zeit, 
da  die  Herrschaft  im  Frankenreich  an  ein  neues  Geschlecht 
übergegangen  ist,  ist,  wie  ich  aus  dem  Unterschiede  der  Eschato- 
koUe  der  Diplome  vor  und  nach  dem  Jahre  751  folgere, 
auch  die  Stellung  der  Kanzlei  eine  andere  geworden. 

Gehen  wir  von  der  ältesten  noch  in  Original  erhaltenen 
Urkunde  Chlothar  H.  vom  Jahre  625^  aus,  welche  wir  als 
Typus  der  vorherrschenden  Kategorie  damaliger  Diplome  be- 
traüchten  dürfen.^  Das  Schlussprotokoll  entspricht  hier  genau 
den  Worten,  welche  die  Vollziehung  des  Diploms  ankündigen: 
manus  nostre  subscribsionebus  subter  eam  decrevemus  roborari. 


^  üeber  die  Merovinger-Diplome  in  der  Ausübe  der  Mon.  Germ.  hist.  25—27. 
3  DD.  Merov.  n^  10,  wie  ich  hier  die  Stücke  der  von  K.  Pertz  besorgten 

Ausgabe  citiren  will. 
3  Der  Typus  kehrt  noch  wieder  in  DD.  Merov.  n^  95  yom  Jahre  727.  —  Es 

ist  hier  nicht  der  Ort,  darzuthun,  dass  viele  nur  abschriftlich  erhaltene 

Urkunden  der  gleichen  Gattung  gerade  im  EschatokoU  eine  Modernisiruog 

erfiahren  haben. 


652  sitk-i. 

Zunächst  wird  in  der  Form  eines  Referats  gesagt  r8yggoleüus 
optolit,  d.  h.  da&s  ein  gewisser  Schreiber  das,  wie  es  später 
heisst,  auf  Weisung  (iussus)  geschriebene  Präcept  dem  Könige 
zur  Unterzeichni^ng  unterbreitet  hat.  ^  Dann  redet  der  König 
wieder  wie  im  Context  in  der  ersten  Person:  Chlothacharius 
(M.)  in  Christi  nomine  rex  hanc  preceptionem  subscripsi.  Dem- 
gemäss  wird  endlich  das  Jahr  der  Ausstellung  mit  anno  XLI 
regni  nostri  bezeichnet.  Mit  einem  Worte:  auch  im  Eschatokoll 
tritt  der  König  selbstredend  auf.^ 

Ändera  verhält  es  sich  mit  dem  EschatokoU  der  Karo- 
lingerurkunden. Freilich  kündigt  sich  der  Gegensatz  zunächst 
nur  in  dem  einen  wesentlichsten  Punkte  au  und  wird  aus  nabe- 
liegenden Gründen  erst  mit  der  Zeit  durchgeführt  Indem 
nänilich  die  Notare  Pippins  und  seiner  Söhne  nach  alten  Formeln 
arbeiten  und  diese  nur  so  weit^  als  absolut  nöthig  ist,  abwandeln^ 
begegnen  uns  noch  zahlreiche  Wendungen^  welche  ihre  ur- 
sprüngliche Bedeutung  bereits  eingebüsst  haben.  Das  gilt  unter 
anderem  von  den  letzten  Worten  der  Corroborationsformel,  die 
erst  allmählich  durch  neue,  den  neuen  Bräuchen  entsprechende 
verdrängt  werden j^  der,  M^ie  wir  gleich  sehen  werden,  von  den 
Karolingern  in  der  Regel  beobachtete  Vorgang  findet  seinen  adä- 
quaten Ausdruck  in  den  Worten :  manu  propriä  subter  firmavimu« 
(richtig,  80  lange  der  Vollziehungsstrich  im  Handmal-  von  den 
Königen  eigenhändig  gemacht  wurde)  et  anuli  nostri  impressione 
signare  iussimus.  Das  gilt  desgleichen  von  der  Datirungs- 
formel:  die  Änni  regni  nostri  weichen  noch  langsamer  den 
anni  regni  domni  regis  illius  oder  der  Participialconstruction: 
regnante  d.  nostro  rege  illo.^    Und  das  findet  seine  Erklärung 

1  Erflt  mit  der  Zeit  -werden  die  beiden  Unterfertigungen  in  die  umgekehrte 
Reihenfolge  gebracht. 

2  Nur  kurz  will  ich  darauf  hinweisen,  dass  auch  in  den  der  königlichen 
Unterschrift  entbehrenden  Placita  und  Mandata  die  gleiche  Vorstellung 
festgehalten  wird :  ß.  die  Placita  in  DD.  Merov.  n"*  34,  49  u.  s.  w.  oder  die 
Mandata  u«"  61,  82.  —  Natürlich  kann  die  Form  der  Urkunden  zur 
Charakteristik  des  Regiments  nur  der  Zeit  dienen,  in  welcher  die  Form 
aufgekommen  ist,  und  dass  noch  die  letzten  Sprösslinge  des  ersten 
Königsgeschlechtes  in  den  Urkunden  als  Selbstherrscher  auftreteo,  ist  für 
die  Feststellung  der  geschichtlichen  Wirklichkeit  ohne  allen  Werth. 

»  A.  Karol.  1,  193. 

*  A.  Karol.  1,  218,  tJ61,  281. 


Deitraf^e  zur  Diplomalik  VII.  653 

• 

darin,  das»  die  Antraben  über  Zeit  und  Ort,  gaoz  abgesehen 
von  der  speciellen  Beziehung  auf  diesen  oder  je«en  Act,  zu 
der  im  Context  gebotenen  Erzählung  gehören,  wie  denn  auch 
in  der  Uebergangszeit  häufig  Context  und  letzte  Zeile  von 
gleicher  Hand  stammen  und  vor  der  Unterfertigung  geschrieben 
sind,  die  Datirung  somit  als  Fortsetzung  der  vom  König  selbst 
in  erster  Person  gegebenen  Darstellung  erscheint.  Schliesslich 
dringen  doch  auch  hier  die  anni  regni  d.  regis  illius  durch, 
d.  h.  auch  die  Formel  XII  wird  gleich  den  andern  Theilen 
des  Schlussprotokolls  behandelt.  Den  Ausschlag  für  dessen 
Umbildung  gab,  dass  die  ersten  Herrscher  aus  dem  neuen 
Geschlecht  nicht  lesen  noch  schreiben  konnten.  Daher  wird 
gleich  in  der  ersten  Urkunde  Pippins  die  bisher  eigenhändige 
Unterfertigung  des  Königs  ersetzt  durch  deren  Ankündigung, 
durch  Signum  f  domno  nostro  Pippino  gloriosissimo  rege  (P.  8).' 
Obschon  der  Anlass  zu  dieser  Aenderung  nur  ein  vorüber- 
gehender war,  so  wurde  diese  nicht  allein  bei  der  einen  Foimel 
beibehalten,  sondern  erstreckte  sich  nach  und  nach  auf  das 
ganze  Schlussprotokoll.  Es  ist  fortan  ein  Mitglied  der  Kanzlei, 
welches  uns  verkündet:  das  ist  das  Handmal  unseres  Herrn 
und  Königs.  Zunächst  und  zumeist  *ist  es  derselbe  Beamte, 
welcher  uns  in  direeter  Rede  mit  recognovi,  relegi,  subscripsi 
die  Urkunde  ihrem  ganzen  Inhalte  nach  bezeugt.  Mit  der 
neuen  Datirungsformel  vollzieht  sich  endlich  die  Umbildung 
des  ganzen  Eschatokolls.  Ich  möchte  dieses  von  der  Zeit  an, 
um  mich  eines  technischt^n  Ausdruckes  der  späteren  päpstlichen 
Kanzlei  zu  bedienen,  ein  Certificat  nennen. 

Es  leuchtet'  ein,  dass  dem  Personal  der  Kanzlei  seit  751 
.  ganz  andere  Obliegenheiten  und  eine  weit  höhere  Verantwoi-tung 
auferlegt  werden  denn  früher.  Versieht  der  König  der  Vorzeit 
seine  Urkunde  mit  eigener  Unterschrift,  di'ückt  er  selbst  ihr 
den  Stempel  der  Unanfechtbarkeit,  auf,  so  hat  die  Wahl  des 
Schreibers  und  des  Offerenten,  möge  es  sich  da  um  dieselbe 
oder  um 'zwei  Personen  handeln,  wenig  zu  besagen.  Dagegen 
sind  es,  da  Pippin  und  seine  Söhne  nicht  persönlich  dafür  ein- 
stehen können,  dass  das  mit  ihrem  Handmal  und  ihrem  Siegel 
geschmückte  Präcept  in  allen  seinen  Theilen  der  von  ihnen 
mündlich  abgegebenen  Willensäusserung  entspricht,  fortan  die 
Uecognoscenten,  welche  dem  Könige  wie  dem  Empfänger  für  die 


654  Sickel. 

Wahrheit  des  Inhalts^  die  über  allem  Zweifel  erhaben  sein  soll^ 
zu  haften  haben.    Schon  dadurch  allein,   dass   die  Recognition 
an  Umfang  und  Bedeutung  gewann^   wurde  auch  die  Stellung 
der  Kanzlei^   welcher  sie   oblagt   eine  andere.   Es  würde  sich 
so,  meine  ich,   genügend  erklären,  wenn  der  Kanzlei  erst  von 
diesem  Wendepunkt  an   eine   bestimmtere  Gestalt  und  festere 
Normen  für  ihre  Functionen  verliehen  sein  sollten.  Dabei  mag 
die  Einsicht  in  die  neue  Lage  der  Dinge  und  in  deren  Nöthi- 
gung  erst  mit  der  Zeit  gekommen   und   daher  die  wesentliche 
Neuerung  nur  allmählich  durchgedrungen  sein.   Als  solche  ho- 
trachte  ich,   dass  die   Geschäfte  der  Kanzlei   in   6ine  leitende 
Hand  gelegt  worden   sind.    Bekanntlich   traten   zuvor  mehrere 
Referendare  zu  gleicher  Zeit  auf.  ^  Dasselbe  Verhältniss  scheint 
noch  in   den   ersten  Jahren  Pippins  fortbestanden  zu  haben.  ^ 
Aber  im  Laufe  seiner  Regierung  oder  spätestens  bei  dem  Re- 
gierungsantritt seiner  Söhne  hat  eine   Reformation  der  könig- 
lichen Kanzlei  stattgefunden. 

Seitdem  gab  es  nur  je  einen  Kanzler:  daran  ist  nicht 
allein  im  Gesammtreich  festgehalten  worden,  sondern  auch  im 
ostfränkischen  oder  deutschen  Reiche  bis  zu  der  Zeit,  da  fSr 
Nebenreiche  auch* besondere  Kanzler  bestellt  werden  mussten. 
Berufen*  auf  den  Posten  wurden  blos  Freigeborne,  angesehene 
Männer,  die  sich  der  Gunst  und  des  Vertrauens  des  Königs 
erfreuten,  die  überdies  die  nöthigen  Geschäftskenntnisse  be- 
sassen.  Die  eigentliche  Arbeitslast  jedoch  und  insbesondere 
die  Besorgung  der  Reinschriften  (litterae  grossae)  wälzten 
schon  die  ersten  Kanzler  Karl  des'  Grossen  auf  ihre  Unter- 
gebenen  ab,  die  von  Anfang  an  zahlreich  und  verschieden 
gestellt  gewesen  zu  sein  scheinen.  Unter  diesen  Schreibern 
oder  Notaren  der  Kanzlei  finden  wir  allerdings  hie  und  da 
Männer,  welche  mit  der  Zeit  es  zum  Kanzler  bringen  oder 
sonst  zu  hoher  Stellung  und  Einfluss  gelangen.  Aber  die  Mehr- 
zahl derselben   ist   unbekannt  geblieben.  ^   Auch  bei  der  Ver- 


1  Waitz  Verfassting^geschichte  2,  411. 

2  Acta  Karol.  1,  76. 

>  Es  gilt  von  ihnen,  was  Hirschfeld  Untersuchungen  1,  203  von  den  unter 
den  römischen  Kaisern  nach  Claudius  mit  der  cnra  epistolarum  betrauten 
Personen  sagt:  kein  einziger  Name,  der  im  höheren  Sinne  des  Wortes 
historisch  siu  nennen  wäre,  begegnet  später  in  diesen  Aemtem, 


B«itrt«re  xur  Diplomatik  YII.  655 

Wendung  in  der  Kanzlei  erscheinen  die  einen  den  andern  be- 
vorzugt. Vielen  ist  nur  das  gewöhnliche  Schreibgeschäft  über- 
tragen worden:  sie  sind  für  uns  namenlos.  Erfahren  wir  von 
anderen,  wie  sie  hiessen,  so  danken  wir  es  zumeist  eben  dem 
Umstände;  dass  ihnen  auch  die  Recognition  und  Subscription 
anvertraut  worden  ist. 

Indem  erst  durch  die  Hecognition  oder  durch  die  eigen- 
händige Subscription,  welche  damals  als  Erforderniss  der  Re- 
cognition galt,  eine  Urkunde  vollzogen  wurde,  gehörte  dieser 
Act  zu* den  wichtigsten  der  Beurkundung.  Ihn  vorzunehmen 
war  in  erster  Linie  der  Kanzler  bestellt.  Indem  aber  dieser 
als  der  Vertrauensmann  des  Königs  auch  zu  anderen  Geschäften 
bei  Hofe  oder  auch  in  der  Ferne  verwendet  wurde,  ^  musste 
im  Verhinderungsfalle  für  Stellvertreter  gesorgt  werden,  d.  h« 
auch  die  Notare  wurden  berufen,  als  Recognoscenten  zu  tun- 
giren.  Und  dass  diese  Uebertragung  solchen  Mandats  von  den 
Kanzlern  auf  deren  Untergebene  immer  häufiger  wurde,  be- 
kunden zwei  Umstände.  Fast  von  jedem  Kanzler  lässt  sich 
nachweisen,  dass  er  im  Beginne  seiner  Amtsführung  diese 
wesentlichste  Function  beinahe  ausnahmslos  selbst  versehen 
und  erst  im  weiteren  Verlauf  darin  nachgelassen  hat.  Des 
weitern  erscheint  in  der  Reihenfolge  der  Kanzler  so  ziemlich 
jeder  in  dieser  Hinsicht  fleissiger  denn  seine  Nachfolger.  Und 
doch  besteht  Jahrhunderte  hindurch  ein  wesentlicher  Unter- 
schied zwischen  der  Recognition  durch  den  Kanzler  und  der 
durch  einen  der  Notare.  Erklären  und  begründen  kann  ich 
denselben  erst  in  anderem  Zusammenhange;  aber  in  der  Haupt- 
sache muss  ich  ihn  bereits  hier  betonen.  Der  Kanzler  allein 
ist  berufen  und  ermächtigt,  mit  seinem  Namen  die  Bürgschaft 
für  Inhalt  und  Form  der  Königsurkunde  zu  übernehmen,  welche 
unter  anderem  mit  der  Recognition  bezweckt  wurde.  Dagegen 
verlieh  den  Notaren  ihr  Amt,  wenn  von  einem  solchen  überhaupt 
die  Rede  sein  kann,  noch  nicht  .die  fides  publica  im  vollen 
Umfange  des  Wortes  und  sie  mussten  in  jedem  einzelnen  Falle 
auch  den  Namen  des  Kanzlers,  von  dem  sie  delegirt  worden 
waren,  als  den  ihres  Gewährsmannes  anfuhren.   Also  entweder 


>  Vgl.  WM  ich  in  Acta  Karol.  1,  77  und  95  über  Hitherins  und  Theoto 
bemerkt  habe. 


656  Sickel. 

hiess  es:  ille  (d.  fa.  der  Kanzler)  recognovi^  oder  es  hiees:  ill« 
(notarius)  advicem  illius  (cancellarii)  recognovi.  ' 

Seit  im  Jahre  819  Fridugis  die  Leitung  der  Kanzlei  über- 
nommen hatte,  wurde  nur  noch  die  letztere  Form  der  Recognition 
beliebt.  Es  wurde  nämlich  damals  noch  als  Erforderniss  fest- 
gehalten, dass  die  Recognition  in  der  Reinschrift  als  eigen- 
händige erscheinen  müsse,  und  zugleich  an  dem  Brauch,  die 
betreffende  Zeile  in  verlängerten  Buchstaben  zu  schreiben. 
Mag  nun  dem  Fridugis  die  Fertigkeit  so  zu  schreiben  abge- 
gangen sein  oder  mag  er  die  Mühe  gescheut  haben,  kurz,  er 
und  nach  seinem  Vorgange  eine  lange  Reihe  von  Nachfolgern 
nahmen  gar  keinen  ftir  uns  erkennbaren  Antheil  mehr  an  der 
Herstellung  der  litterae  grossae.  In  Folge  davon  gab  es  fortan 
nur  die  eine  Form  der  Recognition  an  des  Kanzlers  Statt, 
indem  der  Notar  sich  nach  wie  vor  auf  den  Kanzler  als  auf 
seinen  Gewährsmann  zu  berufen  hatte.  ^  Kanzler  und  Recognos- 
cent  fallen  also  seit  der  Zeit  auseinander. 

Indem  für  Ludwig  den  Deutschen  als  König  in  Baiern 
eine  Kanzlei  nach  dem  Muster  der  kaiserlichen  eingerichtet 
wurde,  versah  auch  diese  die  Geschäfte  in  hergebrachter  Weise 
und  unterfertigte  gleichfalls  die  Diplome  nach  der  seit  819 
ausschliesslich  angewandten  Formel:  notarius  advicem  cancel- 
larii.** Erst  mit  dem  Jahre  854  trat,  indem  die  oberste  Leitung 
der  Kanzlei  mit  der  der  königlichen  Kapelle  verbunden  wurde,  ^ 

* 

^  In  Merovingerzeit  hat  nur  selten  und  zwar  nur  in  Gerichtsurkunden  der 
Könige,  ijämlich  in  Nr.  70,  78,  79,  04,  «olche  Stellvertretung  Platz 
gegriffen.  —  lieber  die  Stellvertretung  unter  den  ersten  Karolingern 
8.  Acta  Karol.  1,  72  ff. 

2  Was  ich  in  Acta  Karol.  1,  92  über  die  Stellung  der  Kanzler  seit  819 
bemerkt  habe,  hat  Lorenz  a.  a.  O.  missverstanden.  Dass  der  Kanzler 
schon  damals  die  politische  Leitung  übernommen,  sage  ich  mit  nichteii, 
ja  ich  erkläre  mich  ibid.  102  sehr  bestimmt  gegen  derartige  Auffassung. 

3  Um  jeder  Missdeutung  vorzubeugen,  bemerke  ich  auch  hier,  dass  dieao 
Titel  erst  später  gebräuclilich  geworden  sind.  Deshalb  wird  man  sich 
ihrer  doch  bedienen  dürfen,  wo  es  gilt,  liier  für  ein  bestimmtes  Verhältuisa 
einen  kurzen  Ausdruck  aufzustellen.  Ich  kürze  dann  obige  Worte  noch 
ab:  N.  adv.  C. 

*  Beiträge  zur  Diplomatik  2,  152..—  DOmmler  Ostfränkisches  Roich  1, 871.  - 
Waitz   Verf.    Gesch.   6,    284.    —   Mühlbachor   die    Urkunden  Karls  III. 


Hei  träge  zur  Diplomatie  TU.  657 

eine  AenderuDg  von  grosser  Tragweite  ein.  Sie  bekundet  sieh 
zunächst  darin^  dass  neben  der  bisherigen  Kecognitionsformel 
eine  zweite  auftaucht:  N(otariu8)  advicem  A(rchicapellan]).  Ja 
die  frühere  begegnet  seitdem  nur  noch  vereinzelt,  ^  so  dass  die 
Frage  aufgeworfen  ,worden  ist^  ob  es  nach  854  einen  zwischen 
den  Notaren  und  dem  Erzkapellan  stehenden  Kanzler  gegeben 
habe  oder  nicht. 

Habe  ich  diese  Frage  auch. schon  früher  bejaht,  so  glaube 
ich  doch  wieder  auf  sie  eingehen  zu  müssen,  um  einem  Ein- 
wände zu  begegnen  und  um  das  Verhältniss  in  Hinblick  auf 
spätere  Zeiten  klar  zu  stellen.  Dümmler  bezeichnete  nämlich 
meine  Annahme,  dass  Baldricus  und  Witgarius  als  Kanzler 
dem  Erzkapellan  untergeordnet  gewesen  seien,  als  die  ein- 
fachste, meinte  jedoch,  dass  erst  dann  jeder  Zweifel  behoben 
sein  würde,  wenn  sich  z.  B.  ein  von  Witgar  anstatt  Grimolds 
unterfertigtes  Präcept  nachweisen  Hesse.  Es  liegt  auf  der  Hand, 
dass  Dümmler  den  seit  819  aufgekommenen  Brauch  nicht  ge- 
kannt und  nicht  in  Anschlag  gebracht  hat.  Die  von  ihm  er- 
wartete Subscription  war,  so  lange  jener  Brauch  fortbestand, 
geradezu  ausgeschlossen.  Dass  statt  dessen  nur  vorkommt 
N.  advicem  Baldrici  oder  Witgarii  spricht,  sobald  wir  die  seit 
Karl  dem  Grossen  bestehende  Ordnung  in  Betracht  ziehen, 
gerade  dafür,  dass  beide  Männer  den  Kanzlei*posten  bekleidet 
haben.  Für  Witgar  ist  des  weitern  bezeichnend,  dass  an  seiner 


in  Wiener  S.  B.  92,  344  ff.  —  Diese  meine  Beiträge  VII  waren  znr 
Hälfte  geschrieben,  ehe  Dr.  Mühlbacher  seine  Arbeit  in  Angriff  nahm. 
Als  ich  nach  langer  Unterbrechung  an  die  Fortsetaung  gehen  konnte 
und  meine  Abhandlung  fast  beendet  hatte,  ging  mir  die  meines  CoUogon 
bereits  gedruckt  zu.  Da  habe  ich  allerdings  allerlei  Streichungen  vor- 
genommen, musste  aber  um  des  Zusammenhanges  willen  gewisse  Stellen 
stehen  lassen,  auch  wenn  wir  beide  zu  ganz  gleichen  Ergebnissen  gelangt 
waren.  Im  übrigen  hatte  Dr.  .Mühlbacher  (s.  S.  349  N.  3)  mir  in  vielen 
Fragen  nicht  vorgreifen  wollen,  so  dass  sich  unsere  beiden  Arbeiten 
gegenseitig  ergänzen. 
*  Ans  der  in  den  Beitr.  zur  Dipl.  2,  169  abgedruckten  Liste  hebe  ich  her- 
vor: Böhmer  BK.  768  vom  22.  Mai  854  (über  die  Datirung  spreche  ich 
S.  663  N.  1)  mit  Hadcbertus  subdiaconus  advicem  Baldrici  abb^tis; 
BHK.  772  vom  20.  März  855  mit  gleicher  Unterschrift;  BRK.  786  vom 
2.  Februar  858  mit  Liutbrandus  advicem  Witgarii  cancellarii;  dann  eine 
Reihe  von  13  Diplomen  vom  12.  April  858  bis  8.  Juli  860  von  ver- 
schiedenen Notaren  advicem  Witgarii  cancellarii  unterfertigt. 


658  Sickol. 

Statt  Liutbrandas,  Hadebertus,  Comeatus;  Waldo  und  Hebar- 
hardus  subscribiren,  denn  —  das  lehrt  gleichfalls  die  Gleschichte 
der  Kanzlei  bis  zu  der  Zeit  —  nur  einem  Kanzler  kann  eine 
Vielheit  von  Notaren  unterstehen.  Wodurch  dann  in  jener  Zeit 
.die  Wahl  der  einen  Recognitionsformel  N.  adv.  C.  oder  der 
anderen  N.  adv.  A.  bestimmt  worden  ist,  ^  wird  später  seine 
Erklärung  finden. 

Allerdings  beginnt  schon  mit  dem  Jahre  868  eine  lange 
Reihe  von  Urkunden  mit  der  unzweifelhaft  eigenhändigen  Re- 
cognition:  Hebarhardus  cancellarius  advicem  Grimoldi  archi- 
capellani,  oder  seit  870  adv.  Liutberti  archicapellani.  Wollten 
wir  uns  da  lediglich  auf  den  Titel  stützend  Hebarhard  als 
Nachfolger  von  Witgar  betrachten,  so  müssten  wir  annehmen, 
dass  von  dem  seit  819  beobachteten  Brauche  wieder  abge- 
wichen sei  und  dass  sich  der  Kanzler  Hebarhard  wieder  zur 
Subscription  herbeigelassen  habe.  Aber  es  liegt  eine  andere 
Erklärung  des  Sachverhaltes  näher.  Mit  den  Titulaturen  des 
neunten  und  zehnten  Jahrhunderts  hat  es  seine  eigene  Be- 
wandtniss.  Sie  sind  sicher  in  gewissen  Fällen  nicht  ohne  Ab- 
sicht gewählt  und  festgehalten,  und  doch  ist  andererseits  oft 
genug  von  dem  regelrechten  Gebrauch  abgewichen  worden: 
zuweilen  mag  Titelsucht  dazu  geführt  haben,  einem  Manne 
einen  höheren  als  den  ihm  zukommenden  Titel  beizulegen; 
hier  und  da  ist  aber  auch  ein  minderer  Titel  beliebt  worden. 
Während  wir  daher  im  Allgemeinen  berechtigt  sind,  aus  den 
Titeln  auf  die  Stellung  zu  schliessen,  dürfen  wir  uns  durch 
vereinzelte  Irregularitäten  nicht  irre  machen  lassen.  ^  Vollends 
wenn  man  cancellarius  in  seiner  mannigfachen  Anwendung 
verfolgt,   darf  man  dessen  Vorkommen  nicht  hoch  anschl|igen. 


1  Die  Reihenfolge  der  Diplome  BRK.  785—788  weist  folgende  Unter- 
schriften anf:  Hadebertns  subd.  adv.  Qrimoldi  archicapellani,  Lintbran- 
dus  adv.  Witgarii  C,  Comeatus  N.  adv.  Grimoldi  A.,  Hadeb.  'snbd.  adv. 
Witgarii  C. 

^  Auf  den  schwankenden  Gebranch  hat  anch  Waitz  Verf.  Gesch.  6,  277 
-hingewiesen.  Nnr  geht  er  meines  Erachtens  zn  weit,  wenn  er  aus  dem 
Umstände,  dass  dieselbe  Person  bald  Notar  bald  Kanzler  genannt  wird, 
folgert,  dass  eine  bestimmte  Scheidung  der  Functionen  jedenfalls  nicht 
stattgefunden  habe.  —  Was  Hebarhard  anbetrifft,  so  hat  Dümmler  1, 874 
richtig  bemerkt,  dass  er  Witgar  nicht  gleichgestellt  erscheint. 


ßeitr&ge  zur  Biplomatik  VII.  659 

Seit  alter  Zeit  ist  das  eine  Bezeichnung  für  alle  Arten  von 
Schreibern.  ^  Deshalb  bedienen  sich  die  Kanzler  Lothar  II.; 
als  sie  überhaupt  die  Titulatur  in  die  Kecognitionszeile  ein- 
fuhren, des  auszeichnenden  Titels:  regiae  dignitatis  cancella- 
rius.  -  Das  einfache  cancellarius  des  Hebarhard  besagt  also 
nicht  viel.  Und  wir  haben  nebenbei  auf  alles  andere  zu  achten, 
was  als  Kennzeichen  für  die  Stellung  gelten  kann.  Da  komme 
ich  zunächst  auf  Hebarhards  Ärbeitsantheil  zurück.  Dass  er 
wieder  die  Kecognitionszeile  selbst  geschrieben,  Hesse  sich  wohl 
als  mit  der  Kanzlerwürde  verträglich  hinnehmen,  aber  nicht  so, 
dass  er  in  fast  allen  Fällen  die  Reinschriften  besorgt  hat  und 
als  Ingrossist  selbst  noch  unter  Karl  III.  thätig  gewesen  ist.  ^ 
£s  ist  ferner  zu  beachten,  dass  es  nicht  ein  Mal  heisst  N. 
advicem  Hebarhardi.  Müssen  wir  schon  aus  diesen  Gründen 
ihn  ungeachtet  jener   Titulatur  dem   niederen  Kanzleipersonal 


*  Vgl.  z.  B.  Sohm  Reichsverfassnng  1,  529. 

^  Ich  brauche  hier  anf  das  erste  Vorkommen  des  KanzIertiteU  in  den 
Recognitionen  in  den  verschiedenen  Theilreichen  nicht  n&her  einzugehen, 
da  jetzt  Mühlbacher  a.  a.  O.  346  alle  diesbezüglichen  Thataachen  bereits 
gesammelt  hat.  Aof  Einzelheiten  bin  ich  erst  durch  ihn  aufmerksam 
gemacht  worden,  so  auf  das  S.  349  Anm.  2  hervorgehobene  und  mit 
Recht  auf  individuelles  Belieben  zurückgeführte  Vorgehen  Hebarhards.  — 
Dass  der  neue  Titel  gleichzeitig  in  den  Urkunden  Ludwig  des  Deutschen 
und  Lothar  IL  Eingang  fand,  mag  man  immerhin  mit  Mühlbacher  eigen- 
thümlicli  nennen.  Stumpf  in  der  S.  644  A.  2  erwähnten  Anzeige  ging 
weiter  und  wollte  es  nicht  als  Zufall  gelten  lassen,  dass  der  neue  Titel 
zu  gleicher  Zeit  in  den  verschiedenen  Reichen  aufkommt.  Dagegen  muss 
ich  mich  entschieden  aussprechen  und  insbesondere  kann  ich  eine  Nach- 
ahmung von  Seiten  Witgars  nicht  gelten  lassen,  da  dieser,  wenn  er  sich 
durch  den  Vorgang  in  der  Kanzlei  Lothar  II.  hätte  bestimmen  lassen, 
wohl  auch  den  bezeichnenden  Zusatz  regiae  dignitatis  adoptirt  hätte.  — 
Jene  Znsammenstellung  Mühlbachers  bedarf  nur  noch  der  einen  Cor- 
rectur,  welche  er  mir  ausdrücklich  (S.  349  Anm.  3)  vorbehalten  hat, 
d.  h.  wenn  man,  wie  ich  es  hier  bezüglich  der  aus  der  ostfränkischen 
Kanzlei  hervorgegangenen  Diplome  durchführe,  zwischen  denen,  die  an 
anderer  Statt  recognoscirt  haben  (wie  Hebarhard)  und  zwischen  denen, 
an  deren  Statt  recognoscirt  worden  ist  (wie  Witgar)  unterscheidet,  er- 
scheinen alle  diese  Dinge  doch  in  einem  anderen  Lichte. 

3  Beitr.  zur  Dipl.  2,  108.  114.  —  Seit  Veröffentlichung  dieser  Abhandlung 
habe  ich  eine  noch  grössere  Anzahl  Originale  von  Hebarhards  Hand 
kennen  gelernt.  —  Die  Bezeichnung  Ingrossist  entnehme  ich  den  deut- 
schen Kanzleiordnungen  des  späteren  Mittelalters. 

SitznngBber.  d.  phil.-hist.  Cl.  XCUI.  Bd.  IV.  Hft.  43 


t)6Ö  äiekel. 

zuzählen;  so  kommt  uns  dabei  noch  ein  weiteres,  schon  zuvor 
angedeutetes  Kriterium  zu  Hülfe. 

Für  die  Mitglieder  der  Kanzlei  von  Ludwig  dem  Deutschen 
an  bis  auf  Otto  I.  liegt,  wie  ich  schon  sagte,  das  biographische 
Material  so  vollständig  als  möglich  vor.  Ueberblicken  wir  das- 
selbe, so  zeigt  sich,  dass  wir  über  gewisse  Männer  gut  oder 
doch  leidlich  unterrichtet  sind,  über  andere  dagegen  gar  nichts 
in  Erfahrung  bringen  können.  Mag  nun  auch  das  eine  und 
das  andere  Mal  der  Zufall  walten,  wie  dass  der  eine  Mann 
gestorben  ist,  ehe  er  zu  gewissem  Rufe  gelangen  konnte,  oder 
dass  die  Aufzeichnungen  über  einen  anderen  verloren  gegangen 
sind,  so  wird  doch  die  Scheidung  der  Angehörigen  der  Kanzlei 
in  historisch  bekannte  und  in  historisch  unbekannte  Persönlich- 
keiten um  so  mehr  zu  beachten  sein,  da  jene  regelmässig  als 
durch  analoge  Lebensschicksale  bekannt  erscheinen.  Dem  geist- 
lichen Stande,  welcher  allein  die  erforderliche  Bildung  besass, 
gehörten  sie  alle  seit  Karl  dem  Qrossen  an,  und  so  haben  wir 
nur  zu  fragen,  ob  dieser  oder  jener  uns  in  den  Urkunden- 
unterfertigungen  begegnende  Mann  auch  zu  höheren  kirchlichen 
Würden  emporgestiegen  ist,  um  einen  Schlüssel  für  Definition 
seiner  Stellung  in  der  Kanzlei  zu  erhalten.  Alle  Männer,  die 
unzweifelhaft  Kanzler  gewesen  sind,  sehen  wir  früher  oder  später 
zu  Bischöfen  oder  zu  Inhabern  der  angesehensten  Klöster  be- 
fördert. Von  einem  Hebarhard  dagegen,  den  wir  als  durch 
22  Jahre  hindurch  in  der  Kanzlei  beschäftigt  und  als  einen 
guten  Arbeiter  kennen,  wird  uns  nicht  berichtet,  woher  er 
gekommen  noch  wohin  er  gegangen  ist.  Die  Erklärung  fiir 
diese  Erscheinungen  liegt  nahe  genug:  die  Kanzler  sollten 
zum  Theil  dieselben  Eigenschaften  besitzen  wie  die  Bischöfe 
und  Reichsäbte,  und  wie  für  diese  insbesondere  edle  Ab- 
kunft erfordert  wurde,  so  auch  für  die  Kanzler,  und  zwar 
vor  allem  deshalb,  weil,  worauf  ich  zurückkomme,  nur  voll* 
freie  Männer  die  mit  der  Recognition  bezweckte  Bürgschaft 
leisten  konnten.  Die  wenigen  Ausnahmen  von  solcher  für 
das  höhere  geistliche  und  für  das  Kanzleramt  geltenden  Regel 
vermögen  diese  um  so  weniger  umzustossen,  da  bei  den  be- 
treffenden Männern,  wie  bei  Liutward  unter  Karl  III.  und 
bei  Willigis  unter  Otto  I.  immer  ausdrücklich  erwähnt  wird^ 
dass    sie    trotz    geringer  Abkunft    zu    hohen  Würden   gelangt 


Beitr&ge  zur  Diplomatik  VII.  661 

sind.  *  Auch  die  folgenden  Jahrhunderte,  in  denen  der  Reichs- 
kanzler zu  den  Fürsten  gerechnet  wurde,  aber  nicht  so  der 
Protonotar  und  noch  weniger  die  Notare  des  Reiches,  ^  bestä- 
tigen, dass  ein  Standesunterschied  zwischen  dem  Kanzler  und 
zwischen  den  ihm  untergebenen  Notaren  und  Schreibern  be- 
standen hat.  Allerdings  haben  auch  Glieder  der  angesehensten 
Qeschlechter  in  der  Kapelle  oder  in  der  Kanzlei  von  unten 
auf  gedient.  Aber  wer  niederer-  Geburt  war,  vermochte  nur 
vermittelst  hervorragender  Eigenschaften  und  unter  besonders 
günstigen  Umständen  von  den  unteren  Stufen  des  Kanzlei- 
dienstes zu  den  höheren  emporzusteigen.  Nicht  so  streng  ist 
es  dabei  mit  der  Führung  von  Titeln  genommen,  wofür  ich 
noch  allerlei  Belege  beizubringen  haben  werde.  Wir  werden 
also  gut  thun,  da  es  für  unsere  Untersuchungen  auf  genaue 
Scheidung  ankommt,  und  sind  dazu  auch  berechtigt,  von  wirk- 
lichen und  von  Titular-Kanzlern  zu  reden. 

Um  nun  auf  die  Männer  zurückzukommen,  welche  von 
854  bis  876  in  der  Kanzlei  Ludwigs  gedient  haben,  so  treffen 
bei  Baldrich  und  Witgar  alle  die  Kennzeichen  ein,  die  wirk- 
lichen Kanzlern  eigen  sind,  aber  nicht  bei  Hebarhard.  Ich 
folgere  daraus,  dass  nach  dem  8.  Juli  860  ^  eine  Vacanz  des 
Kanzleramts  eingetreten  ist.  Will  man  dem  eine  Bedeutung 
beilegen,  dass  sich  Hebarhard  seit  868  regelmässig  cancellarius 
nennt,  so  wird  er  doch  nur  als  Titularkanzler  zu  betrachten 
sein.  Zumal  wenn  die  Kanzlei  zeitweise  keinen  eigentlichen 
Vorstand  hatte  und  ihre  Geschäfte  unter  der  Oberaufsicht  des 
Erzkapellans  von  einem  wohl  geschulten  Notar  besorgt  wurden, 
mag  diesem  eine  Auszeichnung  in  der  Benennung  gestattet 
gewesen  sein.  ^ 

Gleich  hier  will  ich  darauf  hinweisen,  dass  auch  unter 
Ludwig  III.,  dann  in  den  ersten  Jahren  Heinrich  I.  der  Kanzler- 
posten nicht  besetzt  war.  Wir  werden  später  sehen,  wie  man 
sich  damals  beholfen  hat.    Nach  Jahrhunderten  wird,    was    die 


>  Rettberg  2,  560.  —  Dümmler  Formelbnch  des  B.  Salomo  88.  —  Waitz 
VerfaaAnngfl-G^flch.  6,  269. 

>  Ficker  ReichsfUntenstand  71. 

3  Datum  der  letzten  Urkunde  mit  Witgars  Namen  in  der  Recognition. 
*  Vgl.  was  ich  in  Acta  Karol.  1,  96  Über  den  Magister  Hirminmaris  be- 
merkt habe. 

43* 


662  Sickel. 

Formel  cancellario  nulio  besagt,  immer  häufiger  und  herrscht 
geradezu  vor.  Während  der  Regierung  Lothar  III.  hat  es 
keinen  Kanzler  gegeben.  ^  Kürzere  Vacanzen  unter  Konrad  III. 
und  Friedrich  I.  lernen  wir  aus  Stumpfs  Regesten  kennen. 
Friedrich  II.  hat  durch  viele  Jahre  hindurch  das  Kanzleramt 
in  Deutschland  wie  in  Italien  unbesetzt  gelassen.  ^  Die  Ge- 
schäfte haben  deshalb  nie  stillgestanden.  Ist  nun  auch  jedes 
Mal  nach  der  speciellen  Sachlage  Vorsorge  getrpffen  worden, 
dass  die  Obliegenheiten  des  Kanzlers  von  einem  anderen  Be- 
amten versehen  worden  sind,  so  hatte  man  doch  zunächst  nar 
die  Wahl  zwischen  den  zwei  Modalitäten,  dass  entweder  der 
höher  stehende  Erzkapellan  oder  Erzkanzler  oder  dass  einer 
der  untergeordneten  Beamten  den  Kanzler  ersetzte.  So  finden 
wir  im  Jahre  1155  unmittelbar  nebeneinander  in  Stumpf  R.  3729, 
dass  der  Notar  Heinrich  anstatt  des  Erzkanzlers  unterfertigt 
und  so  für  den  Kanzler  eintritt^  und  in  Stumpf  R.  3730:  ego 
Amoldus  Moguntinae  sedis  archiepiscopus  et  archicancellarias 
recognovi.  Während  der  Vacanz  unter  Ludwig  dem  Deutschen 
ist  nach  Ausweis  der  auf  uns  gekommenen  Diplome  nur  jene 
erstere  Art  beliebt^  d.  h.  es  ist  ausschliesslich  die  Recognitions- 
formel  N.  advicem  A.  angewendet  worden. 

Die  Unterordnung  des  arbeitenden  Personals  unter  den 
Erzkapellan  im  Reiche  Ludwig  des  Deutschen  hat  zunächst 
den  üblen  Folgen  vorgebeugt,  welche  die  Nichtbesetzung  des 
Kanzleramtes  z.  B.  im  Reiche  des  Kaisers  Ludwig  nach  sich 
zog.  Mit  ihr  beginnt  überdies  für  Deutschland  eine  Einrichtung, 
welche,  abgesehen  von  einmaliger  Unterbrechung  unter  Karl  III. 
(S.  28)  Jahrhunderte  lang  fortbestanden  hat.  ^  Da  lohnt  es  sich 
also  soweit  als  möglich  zu  erforschen,  unter  welchen  Umständen 
und  aus  welchen  Gründen  die  Neuerung  zuerst  eingeführt  worden 
ist,  woran  sich  später  die  Untersuchung  anknüpfen  lässt,  ob  in 
der  Folge  die  gleichen  oder  andere  Verhältnisse  Anlass  geboten 
haben,  an  dieser  Organisation  festzuhalten.  Allerdings  werden 
wir   dabei   gern    oder   ungern    auch   zu   Vermuthungen   unsere 


«  Ficker  Beitr.  2,  318.    —  Vgl.  auch  Delisle  Acte«  de  Phil.  Aug.  Intro- 

duction  85. 
3  Huillard-Br^holles  Introdnction  118. 
3  Selbst  als  unter  Heinrich  IV.  der  Titel  eines  Erzkapellans  verschwindet, 

wird  an  der  Unterordnung  des  Kanzlers  unter  den  Erskanzler  festgehalten. 


Bttitrftge  zur  Diplomatik  VII.  663 

Zuflucht  nehmen  müssen,  denn  Berichte  über  die  Vorgänge  im 
Jahre  854  und  über  deren  Motive  liegen  uns  gar  nicht  vor 
und  auch  die  positiven  Daten,  von  denen  wir  ausgehen  können, 
beschränken  sich  auf  das  Vorkommen  gewisser  Namen  und  Titel 
in  wenigen  Urkunden.  ^ 

Vor  Allem  ist  hier  in  Anschlag  zu  bringen,  dass  der 
Kreis,  aus  dem  die  Kanzler  erwählt  werden  konnten,  ein  sehr 
beschränkter  war.  Denn  von  den  Geistlichen  mit  den  schon 
erwähnten  Eigenschaften  waren  Anfangs  auch  die  Bischöfe 
ausgeschlossen,  mit  deren  Residenzpflicht  sich  nicht  vereinbaren 
Hess,  dass  der  Kanzler  dauernd  am  Hofe  Aufenthalt  nehmen 
sollte.  Hatte  doch  einst  Karl  vom  Papst  und  von  einer  Synode 
erst  die  Einwilligung  eingeholt,  bevor  er  die  Erzbischöfe 
Angilram  und  Hildebold  zu  Erzkapellanen  bestellt  hatte,  von 
denen  wohl  selbst  damals  nicht  gefordert  wurde,  stets  bei  Hofe 
zu  verweilen.  Es  entspricht  dem  ganz,  dass  unter  Karl,  Ludwig 
dem  Frommen  und  Ludwig  dem  Deutschen  nurAebte  als  Kanzler 
erscheinen.  Erst  unter  Karl  lU.  und  mit  Liutward,  der  über- 
haupt eine  Ausnahmestellung  einnimmt,  beginnt  die  Reihe  der 
Kanzler-Bischöfe.  Denkbar  ist  also,  dass  nach  dem  Rücktritt 
des  Ratleic  Ludwig  Mühe  gehabt  haben  wird,  den  rechten 
Nachfolger  für  diesen  zu  finden.  Der  dazu  ausersehene  Abt 
Baldric  wird  keine  hervorragende  Persönlichkeit  gewesen  sein, 
denn  ausser  in  den  wenigen  an  seiner  Statt  unterfertigten 
Diplomen  ^  wird  er  gar  nicht  genannt.  Sollte  ihm  nun  etwa 
zur  vollen  Qualification  die  nöthige  Geschäftskenntniss  ge- 
mangelt haben,  so  war  unter  den  erprobten  Vertrauten  gewiss 
niemand  so  geeignet  eine  Oberaufsicht  über  die  Kanzlei  zu 
übernehmen,  als  der  Abt  Grimold,  welcher  bis  zum  Jahre  837 
selbst  Kanzler  gewesen  war,  inzwischen  zu  der  hohen  Würde 
eines  Erzkapellans  emporgestiegen  war  und  als  solcher  ohne- 
dies  allen   bei   Hofe   weilenden  Geistlichen,   also   auch  den  in 


1  Siebe  das  VerzeichniAS  in  Beitr.  zur  Dipl.  2,  168.  —  Das  erste  in  Be- 
tracht kommende  Diplom  Böhmer  RK.  768  will  allerdings  der  neueste 
Herausgeber,  Wilmans  in  Kaiserurkunden  von  Westfalen  1,  119  und  129, 
zum  22.  Mai  853  einreihen,  wohin  die  in  zwei  Copien  übereinstimmenden 
Jahresmerkmale  hinweisen.  Aber  um  der  Recognition  willen  wird  doch 
an  854  festzuhalten  sein. 

2  Ausser  Böhmer  RK.  768,  772  wird  auch  noch  774  herbeizuziehen  sein. 


664  SiokeL 

der  Kanzlei  dienenden  vorgesetzt  war.  Diesem  ersten  Schritte 
zu  einer  Neuerung  wird  bald  ein  zweiter  gefolgt  sein^  als,  wir 
wissen  nicht  warum,  ßaldric  schon  im  Jahre  855  vom  Schau- 
plätze abtrat  und  in  Folge  davon  die  Schwierigkeit  den  Kanzler- 
posten zu  besetzen  sich  wiederholte.  Ein  den  König  stets  be- 
gleitender Kanzler  wird  gerade  damals  leichter  zu  entbehren 
gewesen  sein,  da  die  Notare  nicht  allein  die  Dictamina  und 
das  Schreibgeschäft  besorgten,  sondern  auch  die  Vollziehung 
durch  Subscription,  und  da  andererseits  der  häufige  Aufenthalt 
des  Erzkapellans  Qrimold  am  königlichen  Hoflager  ihm  er- 
möglicht haben  wird,  die  nöthigen  Anordnungen  für  regel- 
mässige Geschäftsführung  zu  treffen  und  die  erforderliche 
Controle  auszuüben.  So  mag  das  zweite  Stadium  der  Neuerung 
eingetreten  sein,  dass  der  Posten  des  Kanzlers  unbesetzt  blieb 
und  alle  Leitung,  deren  die  Notare  bedurften,  dem  ErzkapeUan 
zufiel.  Allerdings  fand  sich  dann  in  den  Jahren  858 — 860  in 
Witgar  wieder  ein  geeigneter  Kanzler.  Bei  seinem  baldigen 
Rücktritt  ^  wird  die  schon  gemachte  Erfahrung  wesentlich  dazu 
beigetragen  haben,  sich  ohne  neuen  Kanzler  zu  behelfen.  Die 
Neuerung,  die  wir  vom  Jahre  854  zu  datiren  pflegen,  erscheint 
mir  somit  nicht  als  eine  förmlich  geplante  und  sofort  wie  sie 
gedacht  ausgeführte,  sondern  ich  meine,  sie  hat  sich  allmählich 
aus  der  Sachlage  entwickelt  und  hat  sich  unter  den  obwalten- 
den Umständen  bewährt  und  eingebürgert.  Besonders  wird  dabei 
die  Persönlichkeit  Grimolds  eingewirkt  haben.  Zunächst  konnte 
er  als  Erzkapellan  sowohl  vacante  cancellaria  als  auch,  wenn 
der  jeweilige  Kanzler  umgangen  war,  für  die  Recognition  ein- 
stehen, wofür  die  Namen  Hadebertus,  Hebarhardus  u.  s.  w. 
nicht  genügten.  Er  wird  es  auch  verstanden  haben,  für  die 
correcte  Erledigung  der  Geschäfte  durch  die  Notare  zu  sorgen, 
ohne  dass  er,  worauf  ich  zurückkomme,  dauernd  in  der  Um- 
gebung des  Königs  weilte.  Daher  hat  man,  als  870  das  Erz- 
kapellanat  an  Liutbert  von  Mainz  überging,  auch  diesem  die 
Kanzlei  ohne  Kanzler  untergeordnet.  Und  obschon  Liutbert 
sich  längere  Zeit  hindurch  fern  vom  Hofe  befunden  hat,  ^ 
haben  die  Geschäfte,  soweit  wir  nach  den  Diplomen  zu  nr- 
theilen  vermögen,  darunter  nicht  gelitten. 

*  Wir  wissen  leider  nicht,  ob  er  schon  860  Bischof  von  Angsburg  wurde. 
9  Beitr.  znr  Dipl.  2,  154. 


B«itr&g(t  zur  Diplomatik  ?II.  666 

Die  Theilung  des  Reiches  Ludwig  des  Deutschen  unter 
seine  drei  Söhne  ist  insofern  für  die  weitere  Qeschichte  der 
Kanzlei  bedeutsam  geworden^  als  in  jedem  der  drei  Reiche 
ein  Erzkapellan  auftauchte.  Der  Mainzer  £rzbischof  bekleidete 
diese  Würde  unter  Ludwig  in.  Im  Ostreiche  Earlomanns  kam 
sie  an  den  Erzbischof  von  Salzburg.  Sicher  in  den  Anfängen 
Karl  III.  diente  ihm  in  gleicher  Eigenschaft  der  Augsburger 
Bischof  Witgar,  welcher  unter  dem  Vater  Kanzler  gewesen 
war.  Es  entsprangen  daraus,  als  die  Theile  wieder  zu  einem 
Oanzen  verschmolzen^  widerstreitende  Ansprüche  und  Bestre- 
bungen, deren  Verlauf  ich  an  anderem  Orte  darstellen  werde. 
Im  übrigen  gestalteten  sich  die  Kanzleiverhältnisse  nach  876 
mannigfaltig.  Daraus  dass  im  Reiche  Ludwig  III.  Liutbert 
von  Mainz  an  der  Spitze  blieb,  erklärt  es  sich,  dass  die  Kanzlei 
nach  wie  vor  876  gegliedert  und  besetzt  war:  cancellario  nuUo 
versahen  Notare  oder  Titularkanzler  die  Geschäfte,  wie  es  bis- 
her Hebarhardus  gethan  hatte. '  Ein  anderes  Ergebniss  liefern 
die  Diplome  Karlomanns,  ein  so  abweichendes,  dass  ich  mir  die 
Darlegung  und  Erklärung  des  Thatbestandes  für  später  (siehe 
S.  671)  vorbehalten  muss.  Dagegen  habe  ich  gleich  hier  näher 
auf  die  Kanzlei  Karl  III.  einzugehen. 

In  den  ersten  Urkunden  dieses  Fürsten  stossen  wir  auf 
die  mannigfaltigsten  Recognitionen.  Es  wird  gut  sein,  einen 
vollständigen  Ueberblick  über  sie  zu  bieten,  wobei  ich  jedoch 
als  für  unsere  Untersuchung  irrelevant  die  Namen  der  Notare 
auslassen  kann.  Böhmer  RK.  897  und  900:  Liutwardus  can- 
cellarius  advicem  Witgarii  archicappellani.  Diplom  vom  22.  Mai 
877:  notarius  adv.  Liutwardi.  BRK.  899:  Liutuardus  can- 
cellarius  (ohne  advicem  etc.).  BRK.  898:  N.  adv.  Liutwardi 
archicancellarii.  Urkunde  vom  13.  Januar  878,  femer  BRK. 
901  und  904:  N.  adv.  Liutwardi  cancellarii.  Die  Formel  von 
BRK.  898  kehrt  schon  im  Jahre  878  zwei  Mal  wieder  und 
wird  seit  dem  Jahre  879  bis  zum  Sturze  Liutwards  im  Sommer 

^  Es  wird  regelmfissig  advicem  Liutberti  unterfertigt.  Recognoscent  war 
bis  in  den  Mfirz  880  Wolfherias  cancellarins  (nnr  in  einer  Copie  notarius ; 
dass  er  identisch  sei  mit  dem  späteren  Bischof  von  Minden,  llCsst  sich 
nicht  erweisen),  dann  der  ganz  unbekannte  Amolfns  cancellarius.  Indem 
Beide  nicht  allein  unterzeichnen,  sondern  die  ganzen  Urkunden  schreiben, 
stehen  sie  auf  durchaus  gleicher  Stufe  mit  Hebarhard- 


666  Siekel. 

887  zur  R^el.  ^  Selbst  das  anfaDgliche  Schwankea  wird  man 
wohl  dabin  deuten  dürfen,  dass  Liutward  bereits  im  Beginn 
der  Regierung  Karls  nach  dem  ausschliesslichen  Einfluss  ge- 
strebt hat,  welchen  er  dann  zehn  Jahre  lang  ausgeübt  hat.- 
Als  unumschränkter  Gebieter  über  den  König  und  dessen  Reich 
verdrängte  er  jede  andere  Persönlichkeit,  die  sonst  durch 
Geburt,  Verdienst  oder  Amt  zu  Ansehen  bei  Hofe  berufen 
schien.  Eine  Stellung  der  Art  lässt  sich  zumeist  nicht  genau 
definiren.  Dennoch  will  ich  dies  mit  Bezug  auf  die  Kanzlei 
versuchen. 

Indem  eine  ununterbrochene  Reihe  von  125  Diplomen 
advicem  Liutwardi  unterfertigt  ist,  müssen  wir  ihn  für  die 
betreffende  Zeit  als  alleinigen  Chef  der  Kanzlei  betrachten. 
Dagegen  scheint  es  mir  nicht  so  festzustehen,  wie  es  Dümmler 
und  Waitz  annehmen,  '*  dass  Liutward  auch  Erzkapellan  ge- 
worden sei.  Allerdings  wird  ihm  zuweilen  in  Königsurkunden 
und  sonst  dieser  Titel  beigelegt.  An  das  Originaldiplom  für 
Langres  vom  4.  November  882  mit  der  Subscription  advicem  L. 
archicapellani  ^  schliessen  sich  noch  die  Copien  von  Böhmer 
RK.  937  (J.  882)  und  952  (J.  883)  an.  Dazu  kommt  ein 
Präcept  vom  24.  Juni  883,  in  dessen  Context  Karl  Liutward 
nostri  palatii  archicappellanum  nennt,  und  die  Urkunde  des 
Bischofs  Chadolt  von  Novara  mit:  fratre  meo  .  .  .  L.  archi- 
capellano. "'  Ferner  redet  ihn  Notker  in  einer  Widmung  so  an.  ^ 
Endlich  berichtet  der  Fulder  Annalist  1.  c.  ad  a.  887:  rex .  .  . 
eum  deposuit,  ne  esset  archicappellanus.  Nun  stehen  aber  diesen 
Beispielen,  von  denen  die  in  Diplomen  einem  kurzen  Zeit- 
räume angehören,  122  Recognitionen  gegenüber,  in  denen  Liut- 
ward Erzkanzler  genannt  wird.  Auch  mehr  als  30  Male  wird 
er  80  in  den  Erzählungen  der  Diplome  betitelt.    Jenes  scheint 

*  Ueber  die  Steigerung  von  cancelUrius  zum  summuB  cancellarius,  archi- 
cancellarius,  archinotarius  8.  Acta  Karol.  1,  98  und  Mühlbacher  in  Wiener 

S.  B.  92,  348. 

2  Ann.  Fuld.  in  SS.  1,  404:  imperator  .  .  .  prisci«  temporibua,  id  est  ex  quo 
rex  in  Alamannia  constitutus  est,  quendam  de  suis  ex  infimo  genere  natum 
nomine  Lintwardum  supra  omnes  qui  erant  in  regno  suo  exaitavit. 

3  Desgleichen  jetzt  auch  Mühlbacher  a.  a.  O. 

*  Forschungen  z.  d.  O.  9,  414. 

&  Fickler  Quellen  und  Forschungen  5  n«  6. 

*  Dttmmler  in  Mitth.  der  antiqu.  Gesellschaft  in  Zürich  12,  224. 


Beitr&cr«  *^t  Diplomatik  YU.  667 

mir  um  so  schwerer  zu  wiegen,  wenn  wir  den  Brauch  in  anderen 
Perioden^  seitdem  der  Erzkapellan  in  den  Unterschriftsformeln 
angeführt  wird,  beachten.  Zwischen  854  und  876  werden 
Grimold  und  Liutbert  an  dieser  Stelle  nicht  ein  Mal  als  Erz- 
kanzler bezeichnet.  Und  in  den  Originaldiplomen  Arnulfs  und 
in  denen  Ludwig  IV.  für  deutsche  Gebiete  begegnet  dies  auch 
nur  zwei  Mal.  ^  Ist  nun  unter  Karl  irgend  ein  Unterschied 
zwischen  dem  einen  und  andern  Titel  gemacht  worden,  so  ist 
doch  kaum  glaublich,  dass  dem  allmächtigen  Günstling  des 
Herrschers  von  den  ihm  untergebenen  Notaren  der  ihm  zu- 
kommende höhere  Titel  so  oft  vorenthalten  worden  sei,  und  so 
ist  viel  wahrscheinlicher,  dass  ihm  hie  und  da  aus  Schmeichelei 
mehr  als  ihm  gebührte  beigelegt  worden  ist. 

Ich  zweifle  allerdings  nicht  daran,  dass  Liutward  nach 
der  Würde  des  Erzkapellans  gestrebt  habe,  sondern  zweifle 
nur  daran,  dass  er  sie  erlangt  habe  und  in  ihr  förmlich  an- 
erkannt worden  sei.  Als  Karl  III.  die  Regierung  antrat,  war 
laut  den  zuvor  angeführten  Urkunden  Witgar  von  Augsburg 
sein  Erzkapellan.  Tritt  dieser  dann  ganz  in  den  Hintergrund, 
so  dass  wir  ihn  bis  zu  seinem  887  erfolgten  Tode  kaum  nennen 
hören,  so  wird  auch  von  keinem  Conäicte  desselben  mit  dem 
Hofe,  noch  von  seiner  Absetzung  berichtet.  Man  kann  des 
weitern  als  Regel  betrachtei),  dass  es  in  einem  und  demselben 
Reiche  nicht  mehrere  Erzkapellane  neben  einander  gegeben 
habe.  ^  Dafür,  dass  auch  unter  Karl  III.  ein  entschiedenes  Ab- 
gehen von  solchem  Vorkommen  vermieden  worden  ist,  scheint 
mir  der  Fall  Liutberts  von  Mainz  zu  sprechen.  Erzkapellan 
unter  Ludwig  III.,  ist  er  unter  Karl  als  solcher  kaum  an- 
erkannt worden.  Nur  in  einer  Urkunde  Karls  für  Weissenburg 
(Bömer  RK.  947,  blo»  aus  Abschrift  bekannt)  aus  demselben 
Jahre,  in  dem  Ludwig  gestorben  war,  heisst  es :  archiepiscopus 
noster  Liutbertus  nee  non  archicapellanus ;  sonst  wie  in  £.  1000 


'  Diplom  Arnulfs  vom  21.  Januar  892  und  Diplom  Ludwigs  vom  3.  August 
904.  —  Die  Ausfertigungen  der  lothringischen  Kanzlei  Ludwigs  können 
deshalb  bei  dieser  Frage  nicht  in  Betracht  kommen,  da  deren  Vorsteher 
nur  der  Titel  archicancellarius  zustand. 

2  Die  Ausnahmen  unter  Otto  I.  werde  ich  in  einer  späteren  Abhandlung 
erklären. 


668  Siokel. 

vom  Jahre  887  tritt  er  lediglich  als  Erzbischof  anf.  ^  So  ist 
möglicher  Weise  von  einer  förmlichen  Ernennung  Liatwards 
zum  Erzkapellan  schon  deshalb  Abstand  genommen  worden, 
weil  der  Erzkapellan  Witgar  noch  am  Leben  war.  Dann 
erklärt  sich  auch,  dass  Liutbert,  als  er  Liutward  als  oberster 
Chef  der  Kanzlei  folgte,  ^  noch  eine  Zeit  lang  archicancellarius 
biess.  3  Er  hat  vermuthlich  diesen  Titel  mit  dem  eines  Erz- 
kapellans  erst  nach   dem  Tode    Witgars   vertauschen  können. 

Ist  aber,  wie  nach  alle  dem  anzunehmen  ist,  Liutward 
nicht  allgemein  anerkannter  archicapellanus  gewesen,  so  ist 
die  seit  854  bestandene  Verbindung  der  Kanzlei  mit  dem  Erz- 
kapellanat  unter  Karl  IIL  nochmals  gelöst  worden.  Und  das 
betrachte  ich  als  Liutwards  Werk.  Zuerst  hat  allerdings  die 
unter  Ludwig  dem  Deutschen  eingeführte  Ordnung  fortbe- 
standen und  auch  Liutward  hat  als  Kanzler  sich  dem  zum 
Erzkapellan  erhobenen  Bischof  Witgar  untergeordnet  (BRE. 
897  und  900).*  Aber  diese  Stellung,  mit  der  doch  eine  ge- 
wisse Abhängigkeit  verbunden  war,  wird  seinem  Ehrgeize  und 
seiner  Herrschbegierde  nicht  genügt  haben.  Er  versuchte  also 
(BRK.  899)  in  der  Weise  zu  recognosciren,  wie  es  einst 
unter  Karl  dem  Qrossen  Rado  und  zuletzt  unter  Ludwig  dem 
Frommen  Helisachar  gethan  hatte.  Und  wie  hier,  so  ignorirte 
er  auch  ferner  in  der  Recognitionsformel  der  Diplome  den  Erz- 
kapellan u^d  wählte  eine  Formel,  welche  die  bisherigen  Be- 
ziehungen der  Kanzlei  zum  Erzkapellanat  aufgehoben  erscheinen 
lässt.  Indem  er  seit  BRK.  901  regelmässig  an  seiner  Statt 
unterfertigen    liess,    vertauschte   er  zugleich    den   Titel    eines 


1  Voo  Theotmar  von  Salzburg,  welcher  ja  gleichfaUs  unter  Karlomann  £n- 
kapeUan  gewesen  war,  ist  mir  ebenso  wenig  bekannt,  dass  ihm  unter 
Karl  je  dieser  Titel  beigelegt  worden  sei. 

3  Dümmler  2,  284,  wo  jedoch  in  Anm.  66  fälschlich  Böhmer  RK.  102<) 
vom  24.  Juli  887  als  noch  advicem  Liutwardi  recognoscirt,  angeführt 
wird:  dies  ist  die  erste  anstatt  Liutberts  unterfertigte  Urkunde;  s.  auch 
Mühlbacher  a.  a.  O.  345. 

»  So  auch  im  Context  von  Böhmer  R.  K.  1020;  ferner  in  den  Unterschriften 
von  B.  1021,  1022  und  von  dem  hier  einzureihenden  B.  1015. 

*  Er  steht  zu  Witgar  in  demselben  VerhÄltniss,  wie  Witgar  in  den  Jahren 
858  —  860  zu  Grimold.  Nur  begründet  es,  worauf  ich  «urückkomme, 
einen  Unterschied,  dass  der  Kanzler  Liutward  hier  selbst  reoognosdrt. 


Bcitrige  sur  Diplomatik  YU.  6t>9 

Kanzlers  mit  dem  eines  Erzkanzlers.  '  So  war  ja  der  wirk- 
liche Vorsteher  der  Kanzlei  schon  unter  Ludwig  dem  Frommen 
und  unter  Ludwig  dem  Deutschen  vor  854  und  desgleichen 
in  den  anderen  karolingischen  Reichen  genannt  worden.  ^  Und 
neu  war  nur,  dass  sich  Liutward,  wohl  weil  sich  Grimold,  Liut- 
bert  und  Theotmar  in  den  Unterschiiften  den  ihnen  gebühren- 
den Titel  archicapellanus  hatten  beilegen  lassen,  auch  seinerseits 
in  den  Recognitionen  regelmässig  archicancellarius  betiteln  Hess. 
Unter  dem  Erzkanzler  Liutward  kommen  zahlreiche  Re- 
cognoscenten  vor,  ^  von  denen  es  hier  genügen  wird,  die  zu 
erwähnen,  welche  am  häufigsten  beschäftigt  worden  sind,  so 
wie  diejenigen,  welche  uns  noch  in  der  Folge  begegnen.  In- 
quirinus,  stets  notarius,  findet  sich  in  der  ersten  advicem 
Liutwardi  unterzeichneten  Urkunde  und  hat  wohl,  da  er  bis 
30.  Mai  887  nachweisbar  ist,  so  lange  als  Liutward  am  Ruder 
blieb,  gedient.  Fast  ebenso  früh  als  ihn,  aber  nicht  gerade 
häufig,  treffen  wir  &nustus  an;  erst  unter  Arnulf  und  dessen 
Sohne  entfaltete  er  grössere  Thätigkeit  in  der  Kanzlei.  Unter 
Karl  pflegt  er  Notar  genannt  zu  werden;  cancellarius  heisst 
er  nur  in  Böhmer  RK.  918  vom  Jahre  880  ^  und  in  der  letzten 
von  ihm  unterfertigten  Urkunde  Karls  vom  11.  Januar  885. 
Weitere  Diplome  Karls  sind  recognoscirt  von  Waldo  oder 
Walto,  ^  bald  notarius,  bald  cancellarius  betitelt,  welcher  nach 
dem  Sturze  Liutwards  nicht  mehr  als  Recognoscent  vorkommt. 
Dagegen  hat  Amalbertus,  Anfangs  häufiger  notarius,  dann 
zumeist  cancellarius,  der  Kanzlei  auch  noch  unter  Liutbert 
angehört.    Ich  will  endlich  noch,   weil  er  zu  höherer  Stellung 


*  Auf  Böhmer  RK.  905  folgen  nur  noch  vier  Diplome  in  denen  Liutward 
blos  Kanzler  heisst,  alle  vier  nur  aus  incorrecten  Abschriften  bekannt 
und  daher  minder  zu  beachten. 

2  Ich  denke  an  die  Bezeichnungen  in  den  Contezten  (Acta  Karol.  1,  98) 
und  in  den  tironischen  Noten,  welche  letztere  besonders  in  den  Diplomen 
Lothars  und  Karl  des  Kahlen  in  Betracht  kommen.  —  Unter  Liutward 
wird  dann  selbst  die  Steigerung  summus  archicancellarius  beliebt:  siehe 
Müblbacher  in  Wiener  S.  B.  92,  354. 

>  Mtthlbacher  a.  a.  O.  359  ff. 

*  lieber  diese  von  Dflmroler  2,  111  Anm.  75  beanstandete  Urkunde  (in 
der  Tabelle  Mühlbachers  n«  26)  spreche  ich   mich  8.  694,  Anm.  1  aus. 

^  Den  Bemerkungen  von  Mühlbacher  a.  a.  O.  360  Anm.  gegen  meine  früher 
ausgesprochenen  Vermuthungen  stimme  ich  selbst  bei. 


670  dickel. 

berufen  war^  Waldos  Bruder  Salomon  anführen,  welcher  zuerst 
in  Böhmer  R.  K.  982  vom  15.  April  882  als  Notar,  bereits  am 
16.  Juni  desselben  Jahres  als  Kanzler,  >  dann  bis  8.  September 
885  abwechselnd  als  Notar  und  Kanzler  recognoscirt.  Es  ist 
also  fast  allen  Recognoscenten  dieser  Zeit  gemeinsam,  dass  sie 
den  einen  wie  den  andern  Titel  fUhren. 

Auch  hier,  meine  ich,  wird  sich  trotzdem  Einblick  in 
die  Gliederung  der  Kanzlei  gewinnen  und  die  Stellung  der 
einzelnen  Personen  genau  bestimmen  lassen,  wenn  die  Ergeb- 
nisse umfassender  Prüfung  der  Originale  vorliegen.  Was  mir 
bisher  bekannt  geworden  ist,  reicht  dazu  nicht  aus.  Dagegen 
habe  ich  durch  Einsichtnahme  von  Originalen  etwas  anderes 
feststellen  können,  eine  Thatsache,  welche  für  die  Geschichte 
der  Kanzlei  wichtig  ist. 

Nach  altem  Brauch  ist  der  Recognoscent  zugleich  der 
Subscribent.  Ihn  hat  man  sicher  seit  Karl  III.  mehr  und  mehr 
fallen    lassen.  ^     Es   wird    hier   also   noch   ein   Schritt    weiter 

^  Urkunde  in  Plancher  Hist  de  Bourgogne  1,  preuves  13,  welche  Dömmler 
2,  294  und  Meyer  von  Knonau  Ekkeh.  casua  7,  N.  25  übersehen  haben 
(=  Mühlbacber  n?  123).  —  Zu  Salomons  Jugendgescbichte  vgl.  Heide- 
mann in  Forschungen  7,  425. 

-  Darauf  machte  ich  schon  in  Beiträge  zur  Diplomatik  2,  113  aufmerksam. 
Wenn  ich  aber  dort  Böhmer  RK.  784  die  Originalität  abgesprochen 
habe,  so  bin  ich  wohl  zu  weit  gegangen.  Wiederholte  Prüfung  dieses 
Schriftstäcks  hat  mich  darin  bestärkt,  dass  es  zeit'  und  kanzleigemSss 
ist  bis  auf  den  einen  Punkt,  dass  der  Recognoscent  Hadebertus  die  Be- 
cognitionszeile  nicht  selbst  geschrieben  hat.  Wurde  aber  seit  876  von 
der  autographen  Subscription  abgesehen,  so  mag  das  auch  schon  zwanzig 
Jahre  früher  vereinzelt  und  unter  besonderen  Umständen  geschehen  sein. 
Entbehrten  doch  auch  schon  früher  gewisse  Urkundenarten  der  eigenhän- 
digen Unterschrift  der  Recognoscenten,  so  die  Exemplaria  (s.  Acta  Karol. 
1,  405)  und  das  Placitum  K.  46  (ibid.  364),  in  welchem  die  eigentliche 
Unterschriftazeile  von  der  Hand  des  Textschreibers  stammt  und  höchstens 
die  tironischen  Zusätze:  recognovi  et  sigillavi  dem  Recognoscenten  bei- 
zulegen sind.  —  Auch  was  ich  in  dem  Programm  vom  Jahre  1876  (Neues 
Archiv  1,  455)  über  die  betreffende  Neuerung  gesagt  habe,  sehe  ich  mich 
jetzt  veranlasst  in  etwas  zu  berichtigen.  Es  gilt  hier  drei  Phasen  zu 
unterscheiden:  1.  N.  ist  zugleich  Recognoscent  und  Unterfertiger  der 
Urkunde;  2.  N.  ist  thataächlich  Recognoscent,  lässt  aber  die  betreffende 
Beglaubigung^formel  von  einem  Andern  schreiben;  3.  N.  wird  in  dieser 
Zeile  als  Recognoscent  genannt,  hat  aber  (s.  später  S.  704)  in  Wirklich- 
keit die  Recognition  nicht  selbst  vorgenommen. 


Beitr&g«  cur  Diploinatik  YII.  671 

gegangen  in  der  Uebertragung  der  Schreibgeschäfte,  zunächst 
insoweit  es  sich  um  die  littera  grossa  handelt^  *  auf  die  unteren 
Beamten  der  Kanzlei:  hatte  seit  819  der  Kanzler  nicht  mehr 
eigenhändig  subscribirt,  so  Hessen  nun  auch  die  mit  der  Re- 
cognition  beauftragten  Notare  die  Zeile,  welche  den  Recognos* 
centen  namhaft  machte,  durch  Andere  schreiben.  Allerdings 
hat  der  alte  Hebarhardus  Böhmer  RK.  929  ^  nach  seiner 
Gewohnheit  noch  ganz  geschrieben.  Und  dass  auch  andere 
recognoscirende  Notare  unter  Karl  sich  noch  an  der  Herstellung 
der  Reinschrift  in  grösserem  oder  geringerem  Umfange  be- 
theiligt haben,  bezweifle  ich  um  so  weniger,  da,  wie  wir  sehen 
werden,  noch  im  Laufe  des  zehnten  Jahrhunderts  viele  Kanzlei- 
angehörige zugleich  Recognoscenten  und  Subscri beuten,  ja  even- 
tuell Schreiber  der  ganzen  Urkunden  gewesen  sind.  Das  ändert 
nichts  an  der  Hauptsache,  dass  was  bis  876  Regel  war,  all- 
mählich zur  Ausnahme  wurde.  Es  wird  genügen,  hier  noch 
einige  Belege  dafür  nachzutragen.  Böhmer  R.  K.  951  und  1001 
z.  B:  sind  in  allen  Theilcn  von  derselben  Hand  geschrieben, 
obgleich  jenes  Diplom  Waldo  und  dieses  Amalbertus  als  Re- 
cognoscenten nennt;  für  letzteren  Notar  unterfertigen  dann 
mindestens  noch  zwei  andere  Schreiber. 

Mit  diesem  neuen  Brauche  hängt  ein  anderer  zusammen. 
Seit  die  eigene  Unterschrift  des  Recognoscenten  nicht  mehr  als 
Erforderniss  gilt,  nehmen  auch  die  wirklichen  Kanzler  wieder 
Antheil  an  der  Recognition.  Ob  letzteres  unter  Karl  HI.  der 
Fall  war,  muss  ich  dahingestellt  sein  lassen,  da  ich  noch  nicht 
weiss,  wer  etwa  von  den  Untergebenen  des  Erzkanzlers  Liut- 
ward  als  wirklicher  Kanzler  fungirt  hat  und  da  ich  auch  die 
Handschriften  der  einzelnen  Personen  noch  nicht  feststellen 
konnte.  ^  Dagegen  bekunden  die  Formeln  der  Urkunden  Karl- 
manns solche.  Betheiligung  der  Kanzler.  Auf  zwei  Stücke  mit 
der  Recognition:  Madalwinus  notarius  advicem  Baldonis  can- 
cellarii  folgt  nämlich  eine  Reihe,  in  der  es  bald  heisst:  Baldo 
cancellarius  advicem  Diotmari  archicapellani,  bald:  Madalwinus 
notarius  advicem  D.  archicapellani.    Sicher  tritt  hier  zum  ersten 

^   Ich  drücke  mich  so  ans  mit  Rücksicht  auf  die  von  Ficker  Beitr.  2,  168 

aufgestellte  Erklfining. 
3  Vgl.  Mühlbacher  a.  a.  O.  S59. 
'  Ueber  Liutward  selbst  als  Recognoscenten  s.  S.  668. 


672  dicket. 

Male  seit  819  der  Kanzler  wieder  als  Recognoscent  ein.  Sollte 
nun  der  Schriftbefund  ergeben,  dass  die  Recognitionszeilen  von 
gleicher  Hand,  ob  nun  Baldo  oder  Madalwin  als  Recognoscent 
erscheinen,  so  wäre  auch  hier  die  von  mir  gegebene  Erklärung 
als  richtig  erwiesen.  Auch  das  Hesse  sich  dafür  geltend  machen, 
dass  beide  correspondirende  Neuerungen  schon  in  der  Kanzlei 
Karlmanns  aufgekommen  sind,  dass  derselbe  Theotmar  von 
Salzburg  als  Erzkapellan  der  Kanzlei  Karlmanns  und  der  Arnulfs 
vorstand,  in  welcher  wir  nun  ganz  durchgeführt  finden,  was 
theils  im  Jahre  854,  theils  während  Karlmanns  Regierung  an- 
gebahnt worden  war. 

Indem  die  Unterordnung  der  Kanzlei  unter  den  Erz- 
kapellan schon  887  wieder  hergestellt  war  (S.  28),  trat  nach 
der  Erhebung  Arnulfs  nur  insofern  ein  Wechsel  ein,  dass  statt 
Liutberts  der  Erzbischof  Theotmar  von  Salzburg  als  Erzkapellan 
fungirte.  Es  war  offenbar  die  politische  Situation,  welche  diesem 
wiederum  zu  der  schon  unter  Karlmann  bekleideten  Würde 
verhalf  und  ihm  und  seinem  Nachfolger  die  Behauptung  in 
derselben  ermöglichte.  Vom  Anbeginn  Arnulfs  an  ist  nun  die 
Recognition  advicem  Th.  archicapellani  so  die  Regel,  dass  nur 
fünf  Ausnahmen  vorkommen.  An  diese  fünf  Fälle  will  ich  gleich 
anknüpfen,  um  die  damalige  Organisation  der  Kanzlei  darzu- 
legen. Sie  bieten  uns  nämlich  die  Recognition sformel  N.  ad- 
vicem C.  und  lehren  somit  (S.  657),  dass  die  beiden  Männer, 
an  deren  Statt  hier  recognoscirt  wird,  Aspertus  und  Wichingus, 
wirkliche  Kanzler  waren.  Dies  wird  durch  noch  andere  Um- 
stände bezeugt.  Aspertus,  um  mit  diesem  zu  beginnen,  war 
zuerst  Diaconus  in  Regensburg  und  wurde  891  Bischof  da- 
selbst; noch  in  dieser  Eigenschaft  (das  von  Liutward  gegebene 
Beispiel  fand  also  bald  Nachahmung)  diente  er  bis  Ausgang 
des  Jahres  892  in  der  Kanzlei  fort.  In  den  Diplomen  wird 
er  regelmässig  cancellarius  genannt,  in  drei  Diplomen  sogar 
archicancellarius.  ^  Zu  beachten  ist  es  endlich,  in  welchem 
Verhältniss    die    Recognition    durch    Aspertus    selbst    zu    der 

^  Zu  den  von  Dümmler  2,  480,  Anm.  62  schon  angeführten  Böhmer  RK. 
1068  (Text)  nnd  1095  (Recognition)  kommen  noch  zwei  Urkunden  rom 
25.  April  892  in  Tabouillot  4,  48.  49  mit:  Engilpero  notarius  advicem 
Asperti  archicancellarii.  —  Auf  das  vereinzelte  A.  notarius  in  dem  nur 
aus  Abschrift  bekannten  Böhmer  1041  lege  ich  keinen  Werth. 


Beitr&ge  lar  Oiplomatik  TH.  673 

Recognition  durch  andere  Personen  nach  der  Formel  N.  adv.  A. 
steht.  Von  den  etwa  hundert  Diplomen  der  Kanzleiperiode 
Äsperts  sind  nämlich  ungeföhr  zwei  Drittel  von  Aspert  selbst 
recognoscirt,  die  übrigen  von  Ernustus  oder  Engilpero;  dabei 
herrscht  bis  890  die  Recognition  durch  Aspert  vor,  wird  aber 
seit  891  immer  seltener.  Ich  ziehe  daraus  folgende  Schlüsse. 
Aspei*tus  nahm  in  den  Anfängen  persönlich  einen  lebhaften 
Antheil  an  den  Geschäften,  d.  h.  er  besorgte  unter  anderm  die 
Recognition,  Hess  dagegen  nach  dem  neuen  Brauch  von  An- 
deren subscribiren ;  später  jedoch,  wobei  wohl  seine  Beförde- 
rung zum  Bischof  mitgewirkt  hat,  ist  auch  die  Recognition 
häufiger  den  ihm  untergebenen  Ernustus  und  Engilpero  über- 
lassen worden. 

Als  Nachfolger  Asperts  in  dem  Kanzleramt  ist  der  ihm 
durchaus  gleich  gestellte  Wiching  zu  betrachten.  In  Böhmer 
RK.  1109,  1148,  1149  lautet  die  Subscription :  Engilpero 
notarius  advicem  Wichingi  archicancellarii ;  ja  selbst  als  Re- 
cognoscent  wird  er  in  Böhmer  1110  und  1111  und  in  einem 
Diplom  vom  27.  Februar  896  Erzkanzler  betitelt.  Sonst  heisst 
er  regelmässig  Kanzler.  Schon  vor  dem  Eintritt  in  die  Kanzlei 
war  er  Bischof.  Auch  er  fungivt  in  den  ersten  Jahren  häufiger 
denn  später  als  Recognoscent. 

Es  ist  mir  noch  kein  verbürgter  Fall  aus  diesen  Jahr- 
hunderten bekannt,  dass  in  einer  ungetheilten  Kanzlei  zwei 
Kanzler  zugleich  bestellt  worden  wären.  Da  nun  Aspert  und 
Wiching  wirkliche  Kanzler  gewesen  sind,  so  wäre  ßlr  einen 
dritten  Kanzler  höchstens  zwischen  dem  7.  December  892 
(letztes  Vorkommen  von  Aspert)  und  zwischen  dem  2.  Septem- 
ber 893  (erstes  Auftreten  von  Wiching)  Platz.  In  diesen  Mo- 
naten recognosciren  Ernustus  und  Engilpero.  Aber  keiner  von 
beiden  kann  dazumal  Kanzler  gewesen  sein,  denn  sie  sind 
durch  alle  Jahre  hindurch  erst  mit  Aspert,  dann  mit  Wiching 
in  der  Kanzlei  angestellt  gewesen,  sie  haben  unter  Arnulf 
neben  einander  in  wesentlich  gleicher  Stellung  gedient,  was 
nur  bei  Notaren,  nicht  bei  Kanzlern  der  Fall  sein  kann.  Sie 
sind  also  nur  Notare  oder  im  günstigsten  Falle  Titularkanzler 
und  als  solche  Aspert  und  Wiching  untergeordnet  gewesen. 
Dem  entspricht  es,  dass  Engilpero,  der  sich  von  887  bis  907 
als  Recognoscent  nachweisen  lässt,  regelmässig  notarius  genannt 


674  Sick«»!. 

wird.  ^  Dagegen  sind  die  Daten,  welche  uns  über  Ernustus  zur 
Verfügung  stehen,  nicht  so  leicht  mit  obigem  Ergebnis^  iji 
Einklang  zu  bringen.  Wie  er  unter  Karl  III.  betitelt  wurde, 
sagte  ich  schon  (S.  669).  Unter  Arnolf  wird  er  bis  zum  Mai 
895  fast  immer  notarius,  von  da  ab  fast  immer  cancellarius 
genannt.  ^  Da  nun  dazumal  meines  Wissens  im  Personalstand 
der  Kanzlei  oder  in  den  Beziehungen  der  Personen  unter 
einander  kein  Wechsel  stattgefunden  hat,  so  dreht  es  sich 
offenbar  wiederum  nur  um  eine  Titelfrage,  d.  h.  Ernustus  wird 
895  Titularkanzler  geworden  sein,  was  nicht  ausschliesat,  d&ss 
er  unter  Ludwig  IV.  zum  wirklichen  Kanzler  avancirt  zu  sein 
scheint.  ^ 

Somit  ist  die  Kanzlei  Arnolfs  genau  so  gegliedert  ge- 
wesen^ wie  die  seines  Grossvaters  seit  dem  Jahre  854.  ObenaD 
steht  der  Erzkapellan,  und  ein  ihm  untergeordneter  Kanzler, 
eventuell  auch  Erzkanzler  genannt,  besorgt  die  Geschäfte  mit 
Hilfe  einiger  Notare,  denen  etwa  auch  der  Titel  Kanzler  za 
führen  gestattet  ist.  Nur  von  ungefähr  und  vorübergehend 
besteht  ein  Unterschied:  unter  Ludwig  dem  Deutschen  blieb 
der  Posten  des  wirklichen  Kanzlers  durch  viele  Jahre  unbesetzt 
während  unter  Ärnolf  auf  den  Kanzler  Aspert  sofort  oder  doch 
sehr  bald  der  Kanzler  Wiching  folgte.  Trotz  gleicher  Beamten- 
hierarchie ist  aber  zu  den  zwei  seit  854  und  bis  zum  Eintritt 
der  Vacanz  im  Jahre  868  angewandten  Recognitionsformeo 
(N.  adv.  C.  und  N.  adv.  A.)  unter  Arnolf  oder  genauer  gesagt 
seitdem  der  Recognoscent  nicht  mehr  eigenhändig  zu  unter- 
fertigen braucht,  die  dritte  Form  (C.  adv.  A.)  getreten.  *  Indeai 


1  Auflgenommen  sind  nur,  um  gleich  die  Diplome  Lndwig  IT.  asu  berück- 
nichtigen,  Böhmer  RK.  1180  und  die  Urkunde  vom  12.  August  903, 
beide  ans  dem  nicht  sehr  zuverlässigen  Passauer  Chartnlar. 

'  Einzige  Ausnahme  vor  dem  Zeitpunkt  bildet  ein  Diplom  vom  28.  'Tuni 
888  mit  cancellarius  und  einzige  Ausnahme  nach  demselben  das  Diplom 
vom  13.  August  896  mit  notarius.  Zu  beachten  ist  noch,  dass  Ennvtas 
im  Contezt  der  ihm  am  17.  Februar  895  gemachten  Schenkung  Ränder, 
in  der  Recognition  jedoch  Notar  heisst. 

3   Siehe  S.  698  und  was  ich  S.  694  über  Böhmer  RK.  918  bemerke. 

*  Eventuell  gilt  dies  auch  schon  von  der  Kanzlei  Karlomanns:  sie  hat 
sicher  bereits  die  drei  Formen  angewandt  und  nur  das  bleibt  offene 
Frage,  ob  damals  Recognoscenten  und  Subscribenten  von  einander  ver- 
schieden sind. 


Beitr&ge  zur  Diplomatik  VII.  675 

es  nun  einen  Erzkapellan,  einen  Kanzler  und  fiir  die  Einzei- 
urkunde  nur  einen  Notar  gibt;  und  indem  andererseits  das 
Herkommen  die  Namhaftmachung  von  je  zwei  Personen  in 
der  Subseription  fordert,  sind  in  jenen  drei  Formen  alle  mög- 
lichen Combinationen  erschöpft. 

Mit  diesem  Herkommen  hat  es  folgende  Bewandtniss. 
Wir  sahen  weshalb  dem  Namen  des  recognoscirenden  Notars 
von  Alters  her  der  des  vorgesetzten  Kanzlers  oder  unter  Ludwig 
dem  Deutschen  in  Ermangelung  eines  Kanzlers  der  des  Erz- 
kapellans beigefügt  werden  musste.  Indem  nun  in  den  Jahren 
819  — 876  regelmässig  Notare  recognoscirten,  also  bis  854  stets 
die  Formel  N.  adv.  C.  und  dann  bald  diese,  bald  die  andere 
N.  adv.  A.  Platz  grififen,  bürgerte  sich  die  Erwähnung  zweier 
Namen  in  der  Unterfertigung  so  ein,  dass  sie  nach  876,  auch 
wenn  der  ursprüngliche  Grund  entfiel,  doch  beibehalten  wurde, 
d.  h.  die  fortan  in  gewissen  Fällen  wieder  recognoscirenden 
Kanzler  machten  gleichfalls  an  dieser  Stelle  den  ihnen  vor- 
gesetzten Erzkapellan  namhaft.  Dass  es  sich  dabei  um  eine 
blosse  Form  handele,  *  ist  jedenfalls  für  die  folgenden  Jahr- 
hunderte richtig.  Aber  zu  Ausgang  des  neunten  Jahrhunderts 
ist  die  Sachlage  doch  wohl  eine  andere.  Der  erste  wirkliche 
Kanzler,  welcher  advicem  archicapellani  recognoscirt,  ist  Liut- 
ward,  nämlich  in  Böhmer  RK.  897  und  900  vom  15.  April 
und  vom  18.  August  877.  Doch  sein  Vorgehen,  durch  beson- 
dere Umstände  oder  Absichten  veranlasst  und  überdies  ver- 
einzelt, hat  wohl  kaum  Nachahmung  gefunden.  Und  indem  fast 
zu  gleicher  Zeit  Karlomanns  Kanzler  Baldo  in  dem  Diplom 
für  lo^emsmünster  vom  28.  Juni  877  und  dann  wiederholt  in 
solcher  Weise  recognoscirt,  wird  vielmehr  das  von  ihm  ge- 
gebene Beispiel  von  der  Kanzlei  Arnolfs  befolgt  worden  sein. 

Bot  diese  in  ihrer  Organisation  nichts  neues,  so  war  doch 
die  Besetzung  der  Stellen  eine  besondere.  Dass  Baiern  das 
Land  war,  von  dem  die  Herrschaft  Arnolfs  ausging  und  auf 
das  sie  sich  vornehmlich  stützte,  verhalf  auch  dem  Metropoliten 
von  Baiern  zu  einem  Ansehen  im  Reich,  das  kein  anderer 
Geistliche  erreichen  und  bestreiten  konnte,  das  ihm  das  Erz- 
kapellanat  einbrachte  und  durch  dasselbe  noch  gesteigert  wurde. 


1   Waita  Verf.  Gesch.  6,  287. 
SitraiigtW.  d.  phU.-hi8t.  OL  XCUI.  Bd.  lY.  Hft.  44 


676  8iek«i. 

Nehmen  wir  nun  dazu,  dass  der  erste  damals  bestellte  Kanzler 
Aspert  der  Salzburger  Erzdiöcese  angehörte,  so  wird  es  sehr 
wahrscheinlich,  dass  gerade  Theotmar  grösseren  Einfluss  auf 
Einrichtung  und  Leitung  der  Kanzlei  nehmen  konnte.  '  Dem 
würde  entsprechen  dass,  obwohl  der  freigeborne  Kanzler  dessen 
nicht  bedurfte,  Aspert,  respective  Baldo  als  Recognoscenten 
sich  zuerst  dazu  bequemt,  gleich  dem  sonst  recognoscirenden 
Notare  advicem  Theotmari  archicapellani  zu  unterfertigen  oder 
unterfertigen  zu  lassen.  Und  dadurch  bürgerte  sich  im  ost- 
fränkischen,  später  deutschen  Reiche  die  Nennung  von  je  zwei 
Personen  in  der  Recognition  so  ein,  dass  an  ihr,  auch  als  die 
Erzkapellane  an  Ansehen  und  an  Einfluss  auf  die  Kanzlei  ein- 
büssten,  durch  Jahrhunderte  hindurch  festgehalten  und  von 
ihr  nur  im  Nothfall,  d.  h.  wenn  das  eine  oder  das  andere  Amt 
vacant  war,  abgewichen  wurde. 

Mit  der  Zweitheilung  der  Kanzlei,  welche  zu  Beginn  des 
zehnten  Jahrhunderts  mit  Rücksicht  auf  Lothringen  vorüber- 
gehend und  in  beschränkter  Weise  nothwendig  befunden,  dann 
in  der  zweiten  Hälfte  desselben  dauernd  und  im  vollsten  Hasse 
durchgeführt  wurde,  kommt  ein  neues  Moment  für  die  Einrichtang 
der  Kanzlei  in  Betracht.  Aber  auch  für  die  erweiterte  und  getheilte 
Kanzlei  der  Folgezeit  wird  die  Gliederung  der  Kanzlei,  wie  sie 
unter  Arnolf  beliebt  worden  ist,  massgebend.  Desgleichen  sind 
die  Modalitäten  und  Bräuche  der  RecognitioU;  wie  sie  sich  der 
Beamtenhierarchie  entsprechend  unter  Arnolf  entwickelt  und  ein- 
gebürgert haben,  in  der  Hauptsache  bis  in  die  ersten  Jahre  Otto  I. 
festgehalten  worden,  wenn  auch  eine  Neuerung  bereits  unter 
Ludwig  IV.  beginnt,  um  sich  unter  Otto  in  der  Kanzleiperiode 
Bruns  festzusetzen  und  damit  hinüberzuleiten  zu  den  vom  Jahre  953 
datirenden  Einrichtungen.  Es  ist  meine  Absicht,  auch  das  im 
einzelnen  darzulegen  und  zu  begründen.  Aber  zunächst  mache 
ich  in  der  bisherigen  Darstellung  Halt.  Mehr  denn  zuvor  wirken 
nämlich  seit  900  mannigfaltige  politische  Verhältnisse  and 
nicht  minder  persönliche  Einflüsse  auf  die  jeweilige  Gestaltung, 

*  Anch  von  der  Zeit,  da  Theotmar  unter  Karlomann  Erskapellan  war,  wird 
das  gleiche  gelten.  —  Zwischen  Theotmar  und  dem  Aspert  nachfolgenden 
Kanzler  Wiching  bestand  (s.  Dümmler  2,  463)  kein  gntes  EinTemehmen. 
Das  könnte  gerade  darin  seine  Erklärung  finden,  dass  letzterer  sich  und 
die  Kanzlei  vom  Erzkapellan  za  emancipiren  gestrebt  haben  mag. 


Beitrige  sar  Diplomatik  TU.  677 

■s, 

Besetzung  und  Uebungen  der  Kanzlei  ein,  was  die  Erkenntniss 
des  Sachverhalts  erschwert.  Allerdings  kommt  mir  dabei  zu 
statten,  dass  ich  wenigstens  vom  Jahre  911  an  den  ganzen 
Vorrath  von  Originaldiplomen  prüfen  konnte  >und  in  der  Con- 
statirung  der  Handschriften  aller  an  der  Anfertigung  der  Prä- 
cepte  betheiligten  Personen  ein  sicheres  Mittel  gefunden  habe, 
in  einer  Reihe  sonst  fraglicher  Punkte  eine  Entscheidung  zu 
treffen.  Ich  werde  also  fortan  auch  andere  Wege  einzuschlagen 
haben,  um  den  Sachverhalt  darzulegen.  Da  empfiehlt  es  sich, 
bevor  der  üeberblick  durch  Herbeiziehung  weiterer  wenn  auch 
analoger  Daten  erschwert  wird,  einige  bisher  nur  aufgeworfene 
Fragen  zu  beantworten.  Nur  insoweit  es  für  die  Feststellung 
des  Personalstatus  der  Kanzlei  und  für  die  allmählich  gebotene 
Unterscheidung  von  Kanzlern^  Recognoscenten  und  Subscri- 
beuten  nothwendig  war,  berücksichtigte  ich .  auch  schon  die 
wechselnden  Arten  der  Recognition.  Es  bedarf  aber  noch  der 
Erklärung,  weshalb  in  den  einzelnen  Perioden,  selbst  abge- 
sehen von  verschiedenartiger  Besetzung  der  Kanzlei,  die  eine 
oder  die  andere  Recognitionsformel  angewandt  worden  ist  und 
weshalb  unter  den  gleichzeitig  zur  Recognition  berufenen  Kanz- 
lern und  Notaren  bald  dieser  bald  jener  ausgewählt  worden  ist. 
Wir  haben  zu  diesem  Behufe  zu  untersuchen,  welches  die  ur- 
sprüngliche Bedeutung  der  Recognition  gewesen  ist  und  inwie- 
fern dieselbe  festgehalten  oder  modificirt  worden  ist. 


So  früh  und  häufig  in  römischen  Schriftstellern  von  Re- 
cognition literarischer  Werke  die  Rede  ist,  ^  so  spät  und  selten 
wird  Recognition  von  Urkunden  erwähnt.  Indem  nämlich  die 
Römer  die  moderne  Beglaubigung  der  Urkunden  durch  Namens- 
unterschrift in  älterer  Zeit  gar  nicht  gekannt  und  auch  in  der 
Folge  nur  vereinzelt  angewandt  haben,  konnte  in  den  Origi- 
nalen der  früheren  Zeit  so  wenig  wie  eine  Subscription  des 
Ausstellers  eine  Unterfertigung  durch  Kanzleibeamten  Platz 
greifen;  erst  die  im  sechsten  Jahrhundert  auftauchende  anno- 
tatio  quaestoris  kann  als  solche  betrachtet  werden.  ^    Dagegen 

1  Ueber  recog^ovi  in  Handflchriften  des  Mittelalters  s.  Wattenbach  Schrift- 
wesen (zweite  Auflage)  272. 

'  Bruns,  die  Unterschriften  in  den  römischen  Rechtsarkunden  (Philol.-hist. 
Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  1876  8.  41—188).  Als  Kltestes  und 


678  Sicket. 

wird  in  Copien  oft  gesagt,   dass  sie  recognoscirt  worden  sind. 
Das    Edictum   de  tollendo   coUegio  funeratico   vom   Jahre  167 


ganz    yereinzeltes  Beispiel    einer  kaiserlichen   Verfügung   mit  rescripsi. 
recognovi  wird  dort  Corpus  I.  L.  3,   78  n»    411  aus   dem  Jahre  139  an- 
geführt.   Ueber  die  Quästorenunterschrift  ibid.  84.   —   Da  wo  Bmns  die 
Bräuche  des  Mittelalters  berührt,  kann  ich  ihm  nicht  beistimmen.    Nach 
ihm   soll  selbst  in  der  Uebergangszeit  von  altrömischer  Urkunde  zu  der 
späteren  unter  anderem  durch  die  Subscription  gekennzeichneten  Urkunde 
noch  der   formale    Unterschied   bestehen,   dass  röminch  stets  unterfertigt 
wurde:  ego  N.  N.  leg^  coiisensi  subscripsi,  jetzt  dagegen:  gelesen  geneh- 
migt unterschrieben  N.  N.  (S.  138).  Einfache  Namensunterschrift  der  Kaiser 
finde    sich    zuerst   in   einem    Gesetze   des  Kaisers   Romanus  senior  Tom 
Jahre  924.    Wie   diese   Form   entstanden,    lasse    sich    nicht   mehr  nach- 
weisen.   Wahrscheinlich   sei  sie   vom  Occident  herübergekommen,    denn 
bei  den  fränkischen  Königen  finde  sich  die  Namensunterschrift  schon  sehr 
früh,  jedenfalls   bei  den  Merovingern  des  sechsten  und  siebenten  Jahr- 
hunderts.   Zur  Erklärung   wird  dann  noch   S.  129  auf  die  germanische 
Sitte  der  manufirmatio  im  Gegensatz   zu   der  römischen  stipulatio  ver- 
wiesen. ~  Gegen  diese  Sätze  habe  icli  mehrfachen  Einwand  zu  erheben. 
Was  Bruns  als  modernes  Princip  bezeichnet  und  in  Byzanz  bereits  924 
nachweist,    ist    keineswegfs    identisch    mit   dem    Brauch    der    fränkischen 
Könige  noch  mit  der  manufirmatio,  so   dass   die   Grenze  zwischen  römi- 
schem und  jetzigem  Princip  ganz  anders  zu   ziehen  ist  als  Bruns  will. 
Ich  begnüge  mich,  das  an  Königsurkunden  auszuführen.    Die   Form  der 
Unterfertigung  derselben  (s.  zuvor  S.  652  und  hier  im  Texte)    steht  ge- 
radezu auf  gleicher  Linie   mit  der  in  spätrömischer  Zeit  nachweisbaren, 
so  dass  auch  in  diesem  Punkte  die  fränkische  Königsurkunde  nach  dem 
Muster  der  römischen  Urkunde  gestaltet   erscheint.    Und  wird  auch  in 
der   Folge  die   Subscriptionsformel   angekündigt,   so  schrumpft  sie  doch 
nicht  zu  blosser  Namensunterschrift  zusammen.    Gerade  die  Einleitung 
der  Zeile,    in   welche    das  Handmal   der  Karolinger  eingeschaltet  wird, 
durch  das  Wort  signum  ist  ein  Beleg  dafür,   dass  der  Name  allein  nicht 
gebräuchlich  gewesen  ist.    Es   kommen  hier  auch  noch   andere  verein- 
zelte Erscheinungen  in  Betracht.    Die  Grussformel   der  kaiserlichen  Ge- 
setze und  Rescripta  (Bruns  S.  81)   hat  sich  ja  bis   in  die  Anfange  Karl 
des    Grossen   (Acta  Karol.  1,  256)   erhalten.    Noch   mehr  schliessen  sich 
die  Briefe  der  Karolinger  (ibid.  402)  an  alte  Form  an  und  sie  entbehren 
regelmässig  der  Namensunterschrift.    Und    dass   an   solcher  Form  noch 
die  literae  clausae  Friedrich  II.   festhalten  und  dass  überhaupt  für  die 
grosse   Mehrzahl  der  schriftlichen  Verfügungen   der  Könige    das   Siegel 
das   einzige  Beglaubigungsmittel   gewesen  ist,   widerspricht  vollends  der 
Annahme  Bruns,   dass  das  moderne  Princip  frühzeitig  im  Occident  auf- 
gekommen  sei.    Ich    will    noch    hinzufügen,    dass   auch    die    Papstbriefe 
genau  so   wie  die  Urkunden  der  spätrömischen  Zeit  subscribirt  worden 
sind.    Soweit  ich  das  Material  überblicke,  wird  die  moderne  Unterschrift 


Beitrtg»  lur  Diplomatik  YII.  679 

beginnt:  descriptum  et  recognitum  factum  ex  libello  ...  in 
quo  scriptum  erat  id  quod  infra  scriptum  est.  *  Es  besagt  hier 
ganz  wie  in  literarischen  Werken^  dass  die  Uebereinstimmung 
des  exemplar  mit  dem  archetypus  nach  vorgenommener  Ver- 
gleichung  beglaubigt  wird.^ 

Eine  analoge  Bedeutung  hat  das  Wort^  wo  es  in  den  regel- 
mässig mit  gewissen  Subscriptionen  versehenen  Merovinger- 
diplomen  gebraucht  wird.  Man  könnte  hier  etwa  daran  denken 
wollen^  dass  durch  die  Recognition  der  Originalausfertigung 
bezeugt  werden  solle,  dass  diese  einem  zuvor  aufgesetzten 
Concepte  gleichlautend  sei.  Aber  dem  steht  der  sich  gegen- 
seitig ausschliessende  Gebrauch  von  offerre  und  recognoscere 
in  den  ältesten  Diplomen  im  Wege.  ^  Hatte  der  des  Lesens 
kundige  König  sich  überzeugt,  dass  die  ihm  vorgelegte  Rein- 
schrift seine  Willensäusserung  enthielt  und  hatte  er  dies  durch 
eigenhändige  Unterschrift  bezeugt,  *  so  bedurfte  es  anderer 
Beglaubigung  nicht  mehr,  ja  diese  wäre  als  Missachtung  der 
königlichen  Autorität  erschienen,  ''  und  nur  wo  des  Königs 
Autorität  nicht  direct  eingetreten  war,  fand  die  Beglaubigung 
durch  einen  Recognoscenten  statt.  Damals  also  nur  subsidiär 
angewandt,  musste  dieselbe,  wie  wir  S.  653  sahen,  unter  den 
Karolingern  zur  Regel  werden. 

Schon  dieser  Sachverhalt,  meine  ich,  lässt  für  die  Re- 
cognition nur  die  eine  Deutung  zu,  dass  sie  in  erster  Linie 
die  Uebereinstimmung  des  schriftlichen  Präcepts  mit  dem  vom 
König  mündlich  ertheilten  und  auch  die  Beurkundung  in  sich 


zuerst  in   italischen   Notariatsacten   und   da   ^radezu   in  Anschluss  an 
spätrömische  Form  angewandt  worden  sein.    Erst  Ton  da  gebt  sie  z.  B. 
in  Venedig  in  den  Kanzleigebrauch  über. 
<  Cprpus  I.  L.  3,  925  o?  1,   —   Weitere  Beispiele  in  Bruns  S.  75  und  in 
Dirksen  Manuale  s.  v.  recognoscere. 

2  Daher  wird  die  Recog^itionsformel  in  Codices  wohl  auch  ganz  so  ge- 
schrieben wie  in  Urkunden  und  selbst  mit  einem  Recognitionszeichen 
versehen.  Ein  Beispiel  der  Art  führt  Bordier  an  in  Etndes  pal.  et  bist, 
snr  des  papyrns  du  6*  si&cle  pag.  126. 

3  Acta  Karol.  1,  216  und  363. 

*  Ein  einziges  Mal,  in  DD.  Merov.  n°  30  (alte  Copie)  geschieht  dies  mit 
den  Worten:    Gbildericus  rex  recog^ovit. 

^  Vgl.  was  Ficker  Beitr.  1,  227  über  die  Anfuhrung  von  Zeugen  in  Di- 
plomen bemerkt. 


680  Biekel. 

begreifenden  Befehls  verbürgen  sollte.  ^  Und  fiir  diesen  Zu- 
sammenhang der  Recognition  mit  der  iussio  regis  stehen  uns 
zahlreiche  directe  Beweisstellen  aus  älterer  Zeit  zu  Grebote, 
denen  nur  erst  vorausgeschickt  werden  muss,  welche  Bewandt- 
niss  es  bis  in  das  neunte  Jahrhundert  hinein  mit  dem  Beurkim- 
dungsbefehl  in  den  Urkunden  hat. 

Es  ist  zweifelsohne  ein  fruchtbarer  Gedanke^  welchen 
Ficker  angeregt  und  an  gewissen  Partien  des  Urkunden- 
vorrathes  durchgeführt  hat,  mehrere  Stufen  der  Beurkundung 
auseinanderzuhalten.  Doch  hat  Ficker  selbst  ^  die  Anwendbar- 
keit desselben  davon  abhängig  gemacht,  dass  alle  Theile  des 
Materials  erst  genau  darauf  hin  geprüft  werden,  ob  überhaupt 
und  in  welchem  Grade  eine  derartige  Scheidung  des  Urkunden- 
geschäfts  thatsächlich  stattgefunden  habe.  So  will  ich  hier  ein- 
gehender untersuchen,  inwieweit  die  Diplome  der  ersten  Jahr- 
hunderte einen  oder  eventuell  mehrere  solche  Befehle  enthalten.' 

Habe  ich  früher  dargethan,  dass  sich  die  Diplome  der 
Merovinger  von  denen  der  Karolinger  durch  das  EscbatokoU 
unterscheiden  und  dass  in  jenen  die  Könige  möglichst  selbst- 
handelnd und  selbstredend  auftreten,  so  habe  ich  in  diesem 
Zusammenhange  noch  nachzutragen,  dass  sich  auch  aus  den 
Contexten  der  einen  und  der  anderen  Gruppe  die  gleichen 
Ergebnisse  gewinnen  lassen.  Allerdings  wird  auch  in  den 
späteren,  erst  unter  den  Karolingern  aufgekommenen  Fassun- 
gen dem  König  noch  regelmässig  in  den  Hund  gelegt:  volumus, 

'  Die  Recognition  in  Gerichtsurkunden  der  MeroYinger,  wie  e.  B.  in 
DD.  n**  49,  kann  eine  doppelte  Bedeutung  haben:  einerseits  bezeugt  der 
Recognoscent  das  von  ihm  in  die  Kanzleiausfertignng  aufgenommene, 
also  von  ihm  copirte  Referat  des  Pfalzgrafen  (s.  Bmnner,  Gerichts- 
zeugniss  170),  andererseits  aber  auch  das  die  Urkunde  abschliessende 
praeceptum  regis:  propteria  iobimns  etc.  —  Mit  der  ursprünglichen  und 
durch  Jahrhunderte  festgehaltenen  Bedeutung  des  Wortes  recognoscere 
vertrfigt  sich  auch  die  von  Ficker  BeitrSge  1,  241  angeführte  Verstär- 
kung der  Recognition  in  Stumpf  Reg.  2934.  —  Ich  verweise  endlich 
noch  auf  recognitio  als  Bezeichnung  gewisser  septimanischer  Urkunden 
(s.  Sohm  Reichs-  und  Gerichtsverfassung  1,  528),  die  sich  in  gleicher 
Weise  erklfiren  iSsst 

>  Insbesondere  in  seinen  Beitr.  2,  20  und  60. 

3  Ich  werde  mich  dabei  von  vorhinein  auf  den  Nachweis  von  Beurkundung«- 
und  Vollziehungsbefehl  beschränken,  da  der  nach  Ficker  dazwischen 
liegende  Fertigungsbefehl  hier  gar  nicht  in  Betracht  kommt. 


Beiträge  tut  Diplomatik  TU.  681 

praecipimus,  iubemus.  Aber  entschieden  stärker  betonen  die 
älteren  Dictate,  entsprechend  der  Gestaltung  des  Schlussproto- 
kolls, den  persönlichen  und  unmittelbaren  Befehl  des  Königs, 
der  insbesondere  auch  durch  die  directe  Anrede  des  Königs 
an  seine  Getreuen  anschaulich  gemacht  wird.  Es  heisst  z.  B. 
in  DD.  Mer.  n^  69  vom  Jahre  699 :  quod  nos  .  .  .  concessisse 
vel  pristetisse  seo  confirmasse  cognuscite;  adeo  per  presente 
preceptum  ex  hoc  decemimus  ordenandum  quod  in  perpetuo 
volemus  mansurum  .  .  .  et  ut  haec  preceptio  firmier  sit,  manus 
nostri  subscripcionibus  supter  eam  decrevimus  roborare.  Und 
so  mannigfaltige  Dictamina  auch  damals  angewandt  werden 
mögen,  so  haben  sie  doch  alle  gemein,  dass  der  König  un- 
mittelbar befiehlt  und  das  geschriebene  Präcept  selbst  voll- 
ziehen zu  wollen  erklärt.  Natürlich  versieht  die  Kanzlei  auch 
damals  das  ihr  obliegende  Geschäft  des  Concipirens  und  Mun- 
direns  und  besorgt  schliesslich  die  zur  Vollziehung  gehörige 
Besieglung.  Aber  sie  bleibt  so  sehr  im  Hintei^runde,  dass  der 
ihr  geltende  Befehl  zu  Urkunden  und  zu  vollziehen  nicht  im 
Context  zum  Ausdruck  kommt,  sondern  nur  in  der  einen 
Formel  des  EschatokoUs  oder  in  den  etwa  beigefügten  tironi- 
schen  Noten  erwähnt  wird.  ' 

Ehe  ich  an  den  'Formeln  und  Diplomen  der  Karolinger- 
periode die  allmähliche  Umbildung  der  betrefifenden  Sätze  ver- 
folge, glaube  ich  auf  die  allgemeine  Entwicklung  der  Verhält- 
nisse verweisen  zu  müssen.  Ganz  unabhängig  davon,  dass  der 
Kanzlei  seit  Pippin  eine  andere  Stellung  bereitet  worden  war, 
war  das  Anwachsen  der  Agenden  der  Kanzlei  im  Laufe  der 
Jahrhunderte  und  die  gleichen  Schritt  haltende  Vermehrung 
des  Personals.  Schon  in  Folge  davon  wurde  der  Geschäfts- 
gang complicirter  und  erforderte  mehr  Zeit.  Des  weitem  wirkte 
später  ein,  dass  man  sich  auch  am  königlichen  Hofe  nach  dem 
Vorbilde  der  päpstlichen  Curie  einer  besseren  Behandlung  der 


1  Wir  erhalten  anf  diese  Weise  ein  vorzügliches  Kriterium.  Fälschungen 
wie  DD.  Mer.  o?  19,  -20,  48  u.  s.  w.  verrathen  sich  unter  anderem  durch 
die  Worte :  hoc  nostrae  auctoritatis  praeceptum  fieri  decrevimus  .  .  .  illud 
anulorum  nostrorum  impressionibus  signari  iussimus.  Ein  Theil  der  Ur- 
kunden für  Le  Bfans  enthält  den  Beurkundungsbefehl,  ein  anderer  da- 
gegen (ibid.  n<*  81,  84)  nicht,  was  bei  der  Scheidung  der  Diplome  dieser 
Herkunftsgruppe  iu  echte  und  unechte  wohl  zu  beachten  ist. 


682  Sickel. 

Geschäfte  befleissigte.  Das  allmähliche  Eintreten  dieser  und 
anderer  Ursachen  prägt  sich  auch  in  den  Elaboraten  der  Kanzlei 
aus.  Sind  nun  demzufolge  die  Urkunden  etwa  des  dreizehnten 
Jahrhunderts  mit  zahlreichen  Merkmalen  stufenweiser  Ent- 
stehung behaftet,  so  sind  wir  zur  Annahme  eines  auch  nur 
annähernd  gleichen  Vorgangs  in  früherer  Zeit  doch  nur  in- 
soweit berechtigt,  als  deren  urkundliche  Denkmale  sich  von 
gleicher  Beschaffenheit  erweisen.  Indem  dies,  abgesehen  von 
vereinzelten  Beispielen,  blos  in  beschränktem  Sinne  der  Fall 
ist,  wird  für  die  Periode,  von  der  ich  hier  handle,  als  Regel 
zu  betrachten  sein,  dass  das  ganze  Urkundengeschäft  einen 
einfacheren  und  kürzeren  Verlauf  genommen  und  sich  so  zu 
sagen  nach  dem  Princip  der  Einheit  von  Ort  und  Zeit  abge- 
wickelt hat  Diese  Auffassung  hat  auch  Ficker  zugelassen. 
Aber  in  welchem  Grade  und  Umfange  oder  bis  zu  welcher 
Zeit  die  Richtigkeit  solcher  Annahme  durch  die  Urkunden 
bezeugt  wird,  das  bedarf  noch  der  näheren  Darlegung. 

Indem  sofort  beim  Eintreten  des  neuen  Königsgeschlechts 
das  Eschatokoll  umgestaltet  wurde  (S.  011),  erklärt  es  sieb, 
dass  die  Corroborationsformel  am  frühesten  anders  stilisirt 
wurde,  nämlich  so,  dass  der  Vollziehungsbefehl  zum  Ausdruck 
kam.  ^  Nun  tritt  allerdings  gleich  hier  die  Erscheinung  zu  Tage, 
dass  die  Fortbildung  der  Fassungen  in  den  Diplomen  und  in 
den  Formeln  hinter  den  thatsächlichen  Wandlungen  des  Vor- 
gangs meist  um  etwas  zurückgeblieben  ist.  ^  Aber  aus  dem 
allmählichen  Durchdringen  der  neuen  Stilisirung  lässt  sich 
folgern,  dass  die  Erwähnung  eines  Befehls  an  die  Kanzlei  an 
dieser  Stelle  beabsichtigt  worden  ist. 

Betreffs  des  Beurkundungsbefehls  gilt  von  der  grossen 
Mehrzahl  der  einst  von  Marculf  gesammelten  Dictamina,  dass 
sie  ihn  so  wenig  kennen  als  die  Merovingerdiplome.  Im  Grunde 
macht  nur  Marculf  1,  30  =  Rozi^re  n^  298  eine  Ausnahme  ^ 
mit  dem  Satze:  quapropter  hunc  praeceptum  .  .  .  fieri  decre- 
vimus.    Dagegen  liegt  eine   in  mehr  als  einer  Beziehung  neue 


1  Wie  in  P.  11 :  finnavimus  et  de  annlo  nostro  inpressione  signare  iussimus. 

2  Acta  Karol.  1,  193. 

3  Allenfalla  liesse  sich  nämlich  noch  Roziire  n°  575  als  Uebergangaform 
anführen;  es  heisst  da  und  so  aach  in  dem  gleich  stilisirten  DD.  Mer. 
n?  15:  praeceptionem  vigoris  nostri  placuit  propolare. 


Beitrftge  tat  Diplomatik  VII.  683 

FaBBUDg  in  dem  ersten  uns  von  Karl  erhaltenen  Diplome  vor.  * 
Auf  die  Worte:  propterea  hanc  praeceptionem  nostram  ...  con- 
Bcribere  iussimus  folgt  die  karolingische  Corroborationsformel: 
manu  propria  subter  decrevimus  roborare  et  de  anulo  nostro 
sigillare  iussimus,  also  Beurkundungs-  und  dann  VoUzie- 
bungsbefehl.  Noch  eine  andere  Abweichung  von  der  herkömm- 
lichen Stilisirung  weist  zuerst  K.  1  auf.  Das  zuvor  citirte 
DD.  Mer.  n^  69  zeigt  uns  die  Hauptbestandtheile  des  Contexts 
in  folgender  Qliederung.  Der  König  thut  zuerst  seine  Ent- 
schliesBung  in  kurzen  Worten  (quod  nos  —  cognuscite)  kund ;  es 
folgen  dann^  eingeleitet  durch  adeo  —  decernimus,  die  ausführ- 
lichen Bestimmungen.^  Dagegen  reiht  sich  in  K.  1  die  eigent- 
liche Disposition  (Schenkung  mit  detaillirten  Bestimmungen) 
gleich  an  die  Publicationsformel  an;  dann  folgt  als  Conclusion 
(propterea)  der  königlichen  Entschliessung  der  Beurkundungs- 
befehl, in  welchem  die  Verfügung  nur  recapitulirt  wird,  um 
deren  Beständigkeit  und  Kechtswirkungen  zu  betonen,  woran 
sich  die  Corroborationsformel  mit  dem  Vollziehungsbefehl  an- 
Bchliesst.  Dieses  neue  Schema  hat  dazumal  offenbar  wenig 
Anklang  gefunden.  ^  Und  auch  die  Erwähnung  des  Beurkun- 
dungsbefehls ist  sehr  langsam  durchgedrungen.  Sie  ist  selbst 
in  neu  stilisirten  Diplomen  Karls  noch  selten.  Höchstens  in 
die  Hälfte  der  im  Martinskloster  zu  Tours  gesammelten  For- 
meln hat  dann  dieser  Befehl  Eingang  gefunden.  *  Und  da  die 
älteren  Schemata   ohne  Beurkundungsbefehl   bei-  der   häufigen 

'  Dass  es  sich  um  K.  1  bandelt,  betrachte  ich  als  Zufall;  aber  wir  sind 
durch  JS.  1  zur  Annahme  berechtigt,  dass  im  Beginn  der  Regienmg 
KarU  der  Versuch  zu  einer  sachgemässen  Umarbeitung  der  Formeln 
gemacht  worden  ist. 
^  Die  gleiche  Disposition  z.  B.  noch  in  Urkunde  Ludwig  des  Deutschen 
Böhmer  Reg.  Kar.  766  vom  Jahre  853,  wenn  auch  der  Erklfirung  des 
Königs :  ita  nos  Uli  concessisse  .  .  .  omnium  fidelinm  nostrorum  cognoscat 
magnitudo  eine  lange  Erzählung  vorausgeschickt,  und  wenn  auch  andrer- 
seits die  eigentliche  Verfügung  durch  den  Benrkundungsbefehl :  propterea 
hos  apices  .  .  .  fieri  decrevirnus  per  quos  praecipimus  etc.  eingeleitet  wird. 

3  In  der  Geschichte  der  Formeln  für  Diplome  spielt  die  Qliederung  des 
Gontextes  und  die  zum  Theil  parallel  laufende  Behandlung  von  Be- 
urkundungs- und  Vollziehungsbefehl  eine  grosse  Rolle.  Ich  werde  darauf 
in  einer  der  nächsten  Abhandlungen  bei  Besprechung  der  Dictamina  des 
zehnten  Jahrhunderts  zurückkommen. 

*  Und  zwar  wird  in  ihnen  regelmässig  fieri,  noch  nicht  conscribere  gebraucht. 


684  Sickel. 

einfachen  Wiederholung  früherer  Verleihungen  sich  dem  6e- 
dächtniss  der  Dictatoren  einprägten,  hat  sich  das  neuere  etwa 
erst  unter  Arnulf  eingebürgert,  unter  dem  das  Formelwesen 
überhaupt  einer  ziemlich  durchgreifenden  Umarbeitung  unter- 
zogen worden  ist.  ^ 

So  lange  aber  der  Beurkundungsbefehl  nicht  regelmässig 
zu  bestimmtem  Ausdruck  gekommen  ist,  kann  auch  nicht  von 
scharfer  Scheidung  zwischen  ihm  und  dem  in  der  Corrobora- 
tionsformel  enthaltenen  Befehl  die  Rede  sein.  Kurz  die  Männer 
des  neunten  Jahrhunderts,  deren  Auffassung  und  Behandlung 
der  Dinge  ich  hier  zu  ergründen  suche,  haben  schwerlich  so 
strict  wie  es  später  geschehen  ist  die  eine  iussio  regis  von  der 
anderen  gesondert.  Damit  verträgt  sich  wohl,  dass  dann  und 
wann  auch  damals  schon  eine  Kanzleiausfertigung,  wie  noch 
wir  aus  allerlei  Merkmalen  entnehmen  können,  allmählich  ent- 
standen ist,  mag  dabei  lediglich  unberechenbarer  Zufall  ge- 
waltet haben  oder  mag  unter  Umständen  nach  Ueberlegang 
und  mit  Absicht  Schritt  für  Schritt  vorgegangen  worden  sein. 
Als  Ausnahmsfall  der  letzteren  Art  betrachte  ich  noch  immer 
den  oft  besprochenen  Fall  vom  Jahre  854:  die  Entstehung  der 
Urkunde,  durch  welche  Ludwig  der  Deutsche  den  alten  Streit 
zwischen  Konstanz  und  S.  Gallen  zu  schlichten  suchte.  ^ 

Kehren  wir  nun  zu  den  ältesten  fränkischen  Königs- 
urkunden zurück,  so  finden  wir  den  einen  die  ganze  Beurkun- 
dung umfassenden  Befehl  wenigstens  in  einem  Theile  der  Di- 
plome erwähnt,  jedoch  nicht,  wie  ich  schon  sagte,  im  Context, 
sondern  in  der  einen  Formel  des  Schlussprotokolls.  Die  Refe- 
rendare sagen  nämlich  entweder:  N.  iussus  obtulit,  oder: 
N.  iussus  recognovit  ^  und  ihrem  Beispiele  folgen  auch  noch 
mehrere  Notare  Pippins.  *    Dies   iussus   bezieht  sich  nicht  auf 


1  Hier   begnüge   ich   mich    einige   spStere  Beiapiele  von  Fassungen  ohne 

Beorknndungsbefehl  anzufahren :  Ludwig  der  Deutsche  Böhmer  Reg.  Kar. 

72ö,   727,   732,   792,   801,   848,  858;    Karl  III.    B.    950,   955,   992,  999; 

Arnulf  B.  1051,  1052. 
>  Böhmer  Reg.  Kar.  771  und  dazu  Ficker  2,  23. 
3  Jenes  in   DD.    Merov.  n»  38,  47,  67,  67,  71   u.  s.  w.,   dieses  in  n«»   61, 

70,  77.   —   Es  wird  also  erst  um  das  Jahr  700  häufiger  des  Befehls  zu 

gedenken. 
«  Acta  Karol.  1,  93.    Vgl.  P.  3,  8,  9,  11,  15,  16. 


Beitrt««  SV  Diplomaük  YII.  685 

die  Recognition  allein,  mit  der  das  Präcept  perfect  wird,  son* 
dern  auf  das  ganze  von  der  Kanzlei  auf  Geheiss  des  Königs 
besorgte  Geschäft.  Das  wird  ersichtlich  aus  den  mit  der  Zeit 
häufiger  werdenden  tironischen  Noten.  In  Merovingerdiplomen 
nur  spärlich  gebraucht;  besagen  sie  allerdings  meist  nicht  mehr 
als  was  zuvor  schon  in  der  gewöhnlichen  Buchstabenschrift 
bemerkt  ist.  Aber  in  der  zweiten  Hälfte  des  achten  Jahrhunderts 
werden  die  Zusätze  in  Noten  nicht  allein  häufiger,  sondern 
auch  ausführlicher,  gehen  in  allerlei  Details  der  geschäftlichen 
Behandlung  ein  und  bieten  uns  insbesondere  Aufschlüsse  über 
die  Befehle  und  über  die  Recognition.  Ich  stelle  deshalb  die 
betreffenden  Angaben  hier  so  vollständig  als  mir  möglich  ist 
zusammen.  ^ 

Wo  ausdrücklich  der  Befehle  Erwähnung  geschieht,  werden 
unterschiedslos  die  Worte  iubere,  praecipere,  ordinäre  gebraucht. 
Befohlen  wird  :,fieri  (preceptum)  in  K.  182,  L.  319,  322,  348,  372, 
380;  scribere  in  L.  83,  150,  196,  245,  253,  304;  recognoscere 
in  K.  39,  48,  60,  68,  108,  L.  165,  178;  firmare  in  L.  179,  267; 
sigillare  in  K.  70,  L.  165;  fieri  et  firmare  in  L.  348;  scribere 
et  firmare  in  L.  172,  312,  315,  366;  scribere  et  sigillare  in 
K.  63.  Ich  bemerke  dazu,  dass  es  nicht  allein  nur  gewisse 
Urkundenschreiber  sind,  welche  dergleichen  erwähnen,  sondern 
dass  auch  so  ziemlich  ein  jeder  sich  in  seiner  Weise  ausdrückt. 
Spricht  dieser  Umstand  bereits  dafür,  dass  eine  genauere  Unter- 
scheidung etwa  zwischen  fieri  und  firmare  damals  nicht  beab- 
sichtigt worden  ist,  so  noch  mehr  die  Erwägung,  dass  die 
weitaus  vorherrschenden  Worte  fieri,'  scribere,  recognoscere 
in  diesem  Zusammenhange  als  synonym  erscheinen,  oder  dass 
sie  sich,  indem  sie  stets  von  dem  zuletzt  thätigen  Schreiber 
gebraucht  werden,  auf  das  gesammte  Schreibgeschäft  mit  Ein- 
schluss    der   Unterfertigung    beziehen.     Andererseits    will    ich 


^  Seit  Veröffentlichung  der  Acta  Karolinorum  habe  ich  noch  mehrere  mir 
früher  unbekannt  oder  unzugKnglich  gebliebene  Originale  einsehen  können, 
wodurch  sich  mein  Vorrath  an  Bemerkungen  in  tironischen  Noten  ver- 
mehrt hat.  Die  Untersuchungen  Ficker*s  haben  mich  dann  veranlasst, 
diese  Notizen  wiederholt  und  nach  neuen  Gesichtspunkten  zu  prüfen. 
Soweit  sie  sich  auf  die  oben  erörterten  Fragen  beziehen,  theile  ich  hier 
die  Ergebnisse  mit.  Ergebnisse  anderer  Art  wie  bezüglich  der  Ambascia- 
toren,  Dictatoren  und  dergleichen  werde  ich  an  anderm  Orte  verwerthen. 


686  Sickel. 

■ 

nicht  in  Abrede  stellen,  dass  in^den  tironischen  Bemerkung^en 
ebenso  wie  in  den  Dictaten  für  die  Contexte  unter  Umständea 
die-  zwei  Hauptphasen  der  Beurkundung^  nämlich  Anfertigung 
und  Vollziehung  der  Präcepte,  auseinander  gehalten  werden; 
einen  Beleg  dafür  werde  ich  noch  beizubringen  haben. 

Für  meine  Zwecke  ist  es  wichtiger,  diese  Vermerke  noch 
von  anderen  Gesichtspunkten  aus  zu  betrachten.  Von  wem 
und  wem  sind  die  betreffenden  Befehle  ertheilt  worden?  Das 
letzte  wird  nicht  ausdrücklich  gesagt.  Aber  überwiegend  finden 
sich  diese  Angaben  im  Becognitionszeichen  und  in  Verbindung 
mit  der  in  Noten  wiederholten  Erklärung  des  Recognoscenten : 
sie  stammen  also  von  ihm  und  was  sie  melden  bezieht,  sich 
auf  ihn.  Erst  seit  Ludwig  dem  Frommen  kommt  der  Brauch 
auf,  etwa  auch  an  die  Buchstabenschrift  der  Corroborations- 
forme!  tironische  Noten  anzureihen.  Da  nun  damals  zumeist 
Grossator  und  Recognoscent  identisch  sind,  werden  wir  dem 
letztern  auch  diese  Zusätze  beilegen  dürfen,  zumal  wenn  die 
Noten  an  der  einen  und  an  der  andern  Stelle  den  gleichen 
Schriftcharakter  zeigen.  Kurz  in  allen  von  mir  bisher  geprüften 
Karolingerdiplomen  betrachte  ich  den  Recognoscenten  auch  den 
Noten  nach  als  iussus,  wie  in  Merovingerdiplomen  vielfach 
in  Buchstaben  ausgeschrieben  steht  und  wie  uns  gleiches 
in  Diplomen  der  späteren  italienischen  oder  westfränkischen 
Herrscher  (s.  S.  692)  begegnet. 

Es  fragt  sich  zweitens,  von  wem  die  Befehle  ausgingen 
und  ob  sie  den  Recognoscenten  unmittelbar  oder  mittelbar  zu- 
gingen. Unter  Karl  herrscht  vor,  dass  nur  seine  directe  Weisung 
erwähnt  wird.  Doch  wird  vereinzelt  auch  eine  Mittelsperson 
genannt:  es  heisst  z.  B.  in  der  alten  Copie  von  K.  108:  ordi- 
nante  domno  rege  per  .  .  .  '   Und  dem  recognoscirenden  Notar 


1  Von  diesem  Namen  lassen  sich  nur  die  Endsilben  virtum  mit  Sicherheit 
entziffern  (Kopp  Palaeogr.  crit.  1,  384).  Ebenso  vermag  ich  aus  K.  63 
nur 'die  letzten  Noten  aufzulösen:  ordinante  (oder  ordinavit)  scribere  et 
sigUIare,  nicht  die  erste  die  den  Namen. birgt;  doch  passt  diese  Note 
weder  zu  rex  noch  zu  Karolus  und  der  Kanzler  Rado  kann  deshalb 
nicht  gemeint  sein,  da  er  sich  in  gewöhnlicher  und  in  tironischer  Schrift 
als  Recognoscent  und  als  iussus  bezeichnet.  —  Obigem  Vermerk  will  ich 
gleich  hier  einen  analogen  aus  dem  Registrum  B'riderici  11  zur  Seite 
stellen:  mandante  d.  imperatore  per  Petrum  de  Yinea. 


Beiträge  sur  Diplomaiik  YII.  687 

wurde  des  Königs  Befehl  wohl  am  häufigsten  durch  den  Kanzler 
überbracht:  das  wird  z.  B.  in  K.  68  ausgedrückt  mit  Optatus 
invicem  Radoni  ordinantis  recognovi^  oder  in  dem  von  Wigbald 
unterfertigten  K.  70  mit  Rado  praecepit  sigillare.  In  Hinblick 
auf  die  verschiedenen  Recognitionsarten  um  900  constatire  ich 
noch  ausdrücklich,  dass  schon  unter  Karl  die  Notare  bald  auf 
unmittelbares  Geheiss  des  Königs,  bald  auf  dessen  durch  den 
Kanzler  oder  auch  durch  andere  Personen  überbrachte  Weisung 
fungiren,  und  dass  desgleichen  die  Kanzler  auf  directen  oder 
indirecten  Befehl  des  Königs  Urkunden.  Ferner  tritt  der  Notar 
an  des  Kanzlers  Statt  auch  in  dessen  Anwesenheit:  so  wenn 
der  Kanzler  den  Befehl  überbringt  oder  wenn  er  an  einem 
der  Acte  der  Beurkundung  in  Person  betheiligt  erscheint,  wie 
in  dem  schon  citirten  K.  70  oder  wie  in  K.  84,  87,  88,  welche 
von  Widolaicus  advicem  Radoni  unterfertigt  sind  mit  dem  tiro- 
nischen  Vermerk:  Rado  obtulit  regi. 

An  Rado  praecepit  sigillare  in  K.  70  knüpfe  ich  noch- 
mals an.  Möglicher  Weise  hat  an  anderer  Stelle  dieses  etwas 
beschädigten  Diploms,  nur  uns  nicht  mehr  sichtbar,  gestanden : 
ordinante  domno  rege.  Aber  auch  wenn  dem  nicht  so  war, 
wird  Niemand  annehmen  wollen,  dass  Rado  in  diesem  Falle 
ohne  Wissen  seines  Königs  gehandelt  habe:  es  wird  eben  nur 
die  Erwähnung  des  Königs  unterblieben  sein.  Das  werden  wir 
dann  gleichfalls  gelten  lassen  müssen  für  die  Beurtheilung  des 
Sachverhalts,  wie  ich  ihn  für  die  Zeit  Ludwigs  bereits  er- 
schöpfend dargelegt  habe ;  ^  indem  dieser  Fürst  mehr  und  mehr 
unselbständig  und  lässig  wurde,  hat  er  auch  nur  noch  selten 
den  Ausführungsorganen  directe  Befehle  ertheilt,  wird  aber 
trotzdem  Kenntniss  von  den  in  seinem  Namen  erlassenen 
Praecepten  gehabt  haben.  Bezeichnend  für  Ludwig  bleibt 
trotzdem,  dass  in  seinen  Urkunden  so  oft  Ambasciatoren  und 
überdies  diese  und  jene  Weisungen  ertheilende  Personen  ge- 
nannt werden.  So  erfahren  wir  auch  aus  seinen  Diplomen 
häufiger  als  aus  denen  Karls  dass,  wie  die  Befehle  zweitheilig 
sein  und  sich  etwa  auf  scribere  und  auf  firmare  beziehen 
konnten,  sie  auch  von  verschiedenen  Personen  ausgegangen 
sind.    So  heisst  es  in  L.  165:    Gund^lfus  .  .  .  iubente  domno 


1   Acta  Karol.  1,  94;  dazn  Simson  Ludwig  der  Fromme  1,  44. 


688  Sickel. 

nostro  subscripsi,  dann  nach  Aufführung  der  Ambasciatoren  : 
magister  (d.  i.  Fridugisus)  sigillari  iussit.  Oder  es  handelt  sich 
auch  um  Wiederholung  der  Befehle  durch  verschiedene  Männer, 
wie  in  Ij.  348  von  Daniel  unterfeiligt :  Adalaardus  siniscalcus 
ambasciavit  et  fieri  iussit,  Hirminmaris  iieri  et  firmare  iusait, 
oder  in  dem  von  Bartholomeus  recognoscirten  L.  366:  magister 
Hugo  scribere  et  firmare  praecepit,  Hirminmaris  dictavit  et 
scribere  iussit  et  firmare  rogavit.  Damit  habe  ich  zugleich  die 
Beispiele  angeführt^  welche  am  meisten  für  complicirtere  and 
insofern  auch  mehr  Zeit  erfordernde  Geschäftsführung  zeugen. 
Da  sie  jedoch  ziemlich  vereinzelt  dastehen  und  sich  auch  aus 
den  Zuständen  am  Hofe  Ludwigs  genügend  erklären^  berech- 
tigen sie  noch  nicht  zur  Annahme,  dass  die  Beurkundung 
regelmässig  gleich  abgetheilte  Stadien  durchlaufen  habe. 

Als  besondere  Gruppe  trage  ich  die  gleichartigen  Notizen 
aus  den  Diplomen  Ludwig  des  Deutschen  erst  hier  nach.  ^  In 
ihnen  ist  nämlich  nur  noch  von  fieri  oder  scribere  die  Rede, 
so  dass  sicher  das  ganze  Geschäft  der  Beurkundung  als  ein- 
heitlich aufgefasst  worden  ist.  In  der  ersten  Periode  heisst  es 
bald:  ipse  domnus  rex  fieri  (scribere)  iussit,  bald:  magister 
(eventuell  Radleicus)  fieri  (scribere)  iussit;  in  der  zweiten  ge- 
wöhnlich: domnus  rex  sapientissimus  fieri  iussit  et  magister 
Radleicus  (später  Grimaldus  abbas)  scribere  praecepit.  Die 
Verschiedenheit  des  Ausdrucks  begründet  jedoch  kaum  einen 
sachlichen  Unterschied.  Die  beiden  ersten  Formeln  wendet 
nämlich  der  erste  Notar  Ludwigs  Adalleodus  an,  während  sein 
Nachfolger  Comeatus  sich  die  dritte  angewöhnt  hatte.  Beiden 
ist  die  Berufung  auf  einen  Befehl  gemein,  gleichgültig  ob  dieser 
direct  vom  Könige  ertheilt  worden  war  oder  indirect  durch 
den  Magister.  Dass  diese  Erwähnungen  in  demselben  Jahre 
aufhören,  in  dem  die  Kanzlei  dem  Erzkapellan  unterstellt 
wird,  ist  lediglich  Zufall.  Noch  in  dem  ersten  Diplom,  das 
den  letzteren  in  der  Recognition  erwähnt  (Böhmer  RK.  771), 
wird  von  Comeatus  in  Noten  hinzugefügt:  d.  Ludowicus  rex 
fieri  iussit  et  Grimaldus  abbas  scribere  praecepit  ^  Von  diesem 


1  Von  33   Originalen    bis  zum   Jahre  854,    die   ich  bisher  geproft  babe^ 
tragen  17  solche  Bemerkungen. 

2  Es  ist  dieselbe  Urkunde,  über  deren  Entstehung  Ratpert  in  M.  G.  SS.  2,  69 
so  ausführlich  berichtet    Sagt  er  dabei:   tunc  demnm    (rex)   caneelULrio 


Beifcrig«  tut  Diplomatie  VII.  689 

Notar  liegt  dann  nur  nocli  ein  Original  aus  dem  Jahre  858 
vor,  ^  und  seine  Amtsgenossen  und  Nachfolger  verstanden  sich 
zu  wenig  auf  die  Notenschrift^  um  noch  derartige  Bemerkungen 
in  ihr  zu  bieten.^ 

Ist  damit  der  Zusammenhang  der  iussio  regis  mit  der 
recognitio  erwiesen,  so  erklärt  sich  dieser  auch  durch  die 
Rolle,  welche  dem  königlichen  Präcept  zufiel,  falls  es  etwa 
als  Beweismittel  dienen  sollte.  Wir  gehen  dabei  am  fiiglichsten 
von  den  Bestimmungen  der  Lex  Rib.  LVIII  (de  tabulariis) 
auB,  welche  betreffs  gewisser  bischöflicher  Urkunden  verfugt: 
episcopus  archidiaconum  iubeat,  ut  ei  (tabulario)  tabulas  .  .  . 
scribat  ....  quod  si  quis  tabuias  episcoporum  manibus  seu 
clericorum  roboratas  inrumpere  voluerit,  tunc  archidiaconus 
com  testibus  qui  tabulas  roboraverunt  ante  episcopum  vel  regem 
accedat,  ut  testes  quod  sciunt  dicant.  ^  Bei  Schelte  der  Frei- 
lassungsurkunde hat  der  Archidiaconus,  welcher  damals  Kanzler 
des  Bischofs  ist  und  als  solcher  auf  Specialbefehl  die  Urkunde 
geschrieben  hat,  in  erster  Linie  als  wissender  Zeuge  Ge währ- 
schaft für  die  Handlung  und  für  die  Beurkundung  zu  leisten. 
Von  solchem  Verfahren  kann  allerdings  bei  der  unanfechtbaren 
Königsurkunde  nicht  die  Rede  sein.  Aber  eben  um  dieser 
Eigenschaft  willen  muss  sie  als  wirklich  vom  König  herrührend 


praecepit  in  leg^itimis  cartis  conscfibere  praefati  pacti  confirmationem, 
so  dringt  sich  die  Frage  auf,  ob  er  mit  cancellarias  den  damaligen  Kanzler 
Baldricns  oder  dessen  Vorgesetzten  Grimoldus  bezeichnen  will.  Da  die  Noten 
anch  von  Grimold  aussagen  dass  er  zu  schreiben  befohlen  habe,  sollte  man 
wohl  an  B.  denken.    Aber  Verlass  darauf  ist  doch  nicht. 

1  Nr.  71  der  Liste  in  den  Beiträgen  der  Diplomatik  2,  170.  Ich  habe 
mich  seitdem  überzeugt,  dass  das  Stück  von  Comeatus  selbst  unterfertigt 
ist,  aber  er  fügte  nur  wenige  tironische  Noten  bei. 

^  Obgleich  der  Noten  noch  kundig,  haben  die  ersten  Notare  Lothars  der 
Befehle  nicht  Erwähnung  gethan.  Es  geschieht  das  erst  und  auch  nur 
vereinzelt  von  Seiten  des  Ercamboldus  und  des  Hrodmundus,  welche 
Lothar  in  seinen  letzten  Jahren  und  dann  auch  Lothar  II.  dienten.  Beide 
berufen  sich  bald  auf  des  Herrschers,  bald  auf  des  Meisters  Weisung; 
dazu  kommt  in  B.  697 :  ipse  sigillator  iussit  Es  wird  befohlen  fieri  oder 
firmare  oder  beides.  Ganz  das  gleiche  Ergebniss  bieten  die  mir  be- 
kannten Originale  des  westfriinkischen  Karl.   * 

'  Erläutert  von  Brunner  Schwurgerichte  64  und  von  Sohms  Frank.  R.  Verf. 
1,  62.  Auf  die  Differenz  zwischen  Brunner  und  LÖning  Ursprung  der 
Strafklauseln  47  kommt  es  hier  nicht  an. 


690  Sickel. 

durch  Handmal,  Siegel  und  Kecognition  befestigt  sein.  Und 
die  Recognition  fallt  dabei  besonders  ins  Gewicht,  denn  die 
Unanfechtbarkeit  bezog  sich  nur  auf  die  Wahrheit  des  Inhalts 
und  neben  ihr  bestand  die  Anfechtbarkeit  der  Echtheit  des 
Diploms,  welche  vorkommenden  Falls  eben  vom  Recognoscenten 
zu  erweisen  war.  *  So  führt  uns  auch  diese  Betrachtung  darauf 
zurück,  dass  der  Kanzler  mit  seiner  Unterschrift  für  die  Aus- 
führung des  königlichen  Befehls  überhaupt  und  in  entsprechen- 
der Form  bürgen  sollte.^ 

Der  Kanzler  war  dazu  auch  Manns  genug :  als  Vollfreier 
vermochte  er  die  Sache  gegen  jedermann  zu  verfechten.  Zn 
seinen  persönlichen  Eigenschaften  wird  aber  noch  die  ihm  vom 
König  übertragene  Amtsbefugniss  hinzugekommen  sein.  Aller- 
dings liegt  ein  Bestallungsbrief  der  Art  aus  alter  Zeit  nicht 
vor.  3  Aber  in  erzählenden  Quellen  wird  unzählige  Mal  die 
Ernennung  von  Kanzlern  durch  die  Könige  berichtet.  ^  Anders 
steht  es  mit  den  Männern,  die  bis  854,  um  zunächst  bei  diesem 
einfachen  Verhältnisse  zu  verweilen,  advicem  cancellarii  unter- 
fertigen. Wir  sahen,  dass  viele  derselben  minderen  Standes 
waren.  Ueberdies  erscheinen  sie  nicht  so  sehr  als  Notare 
des  Königs  oder  als  Beamte  der  Kanzlei,  denn  als  Schreiber 
im  Dienste  des  jeweiligen  Kanzlers:  mochte  der  ihnen  ein 
sehr  weit  gehendes  Vertrauen  schenken,  so  hatten  sie  deshalb 
noch  kein  Anrecht  auf  aller  Welt  Vertrauen.  Darum  müssen 
die  Notare,  mögen  sie  im  einzelnen  Falle  vom  Kanzler  selbst 
Auftrag  erhalten  haben  oder  nicht,  regelmässig  advicem  can- 
cellarii recognosciren  und  so  muss  der  Kanzler  für  alle  an 
seiner  Statt  unterschriebenen  Urkunden  haften.  Zu  der  dem 
Kanzler  übertragenen,  eventuell-  aber  von  seinem  Stellvertreter 
ausgeübten  Amtsbefugniss  kommt  nun  in  jedem  Einzelfalle  der 


1  Bninner  Zeugenbeweis  in  Wiener  S.  6.  51,  384;  daza  AcU  Karol.  1,  322. 

2^  So  auch  Ficker  Beitr.  2,  161.  Inwiefern  dabei  auch  die  Prüfung  der 
Urkunde  ala  Erforderniss  galt,  werde  ich  bei  anderer  Qelegenheit  erörtern. 

3  Dergleichen  Docnmente  haben  sich  überhaupt  nicht  erhalten.  Dafür 
jedoch,  dass  Ernennungen  zu  Aemtern  und  Ehrenstellen  durch  den  Konig 
schriftlich  erfolgt  sind,  zeugen  die  Formeln  Marculfs  bei  Bozi^  n*  7 
(carta  de  ducato  etc.)  und  n'^  8  (de  regibus  antrastionem). 

*  Einige  Belegstellen  in  Acta  Karol.  1,  92,  weitere  in  Waitz  Verf.  Ge- 
schichte 2,  409-411;  6,  279—290.  —  Auch  an  die  S.  659  erwähnte 
Titulatur  regiae  dignitatis  cancellarins  ist  dabei  zn  erinnern. 


Bttitrige  inr  DiploniAtik  TU.  691 

besondere  Beurkundungsbefehl  hinzu^  so  dass  der  Recognoscent 
kraft  seines  Amtes  oder  seiner  Stellung  und  Kraft  Bpeciellen 
Mandats  sein  Geschäft  versieht.  Er  übernahm  damit  sowohl 
dem  Könige  aU  dem  Empfänger  gegenüber  die  Verantwortung 
dafür,  dass  er  dem  ihm  ertheilten  Befehle  in  rechter  Weise 
nachgekommen  war.  Wenn  er,  was  in  seinem  Belieben  stand, 
ausdrücklich  anführte,  dass  ihm  die  Weisung  des  Königs  so 
oder  so  zugegangen  war,  so  mochte  ihm  das  vorkommenden 
Falles  zur  Deckung  dienen. 

Ich  betone  nochmals,  dass  solche  Vermerke  in  tironischen 
Noten  auch  bis  854  durchaus  nicht  in  allen  Diplomen  begegnen, 
sondern  dass  da  stets  nur  die  Gewohnheit  des  Recognoscenten 
den  Ausschlag  gegeben  hat.  Uelisachar  z.  B.  beruft  sich  nicht 
ein  Mal  auf  den  Befehl  seines  Herrn.  Danach  haben  wir  es 
auch  zu  beurtheilen,  dass  seit  854  diese  Zusätze  für  immer 
aus  den  Präcepten  der  deutschen  Könige  verschwinden.  Der 
Brauch  hörte  auf,  ohne  dass  die  Verhältnisse  andere  geworden 
waren.  Allerdings  traten,  da  der  Erzkapellan  oberster  Chef 
der  Kanzlei  wurde,  zunächst  aber  das  Kanzleramt  noch  besetzt 
blieb,  eventuell  zwei  Mittelpersonen  zwischen  den  König  und 
den  recognoscirenden  Notar.  Das  fanden  wir  jedoch  ebenso 
bereits  unter  den  Vorgängern,  besonders  in  L.  348  und  366. 
Und  weder  an  der  Haftbarkeit  des  Notars  noch  an  seinem 
Interesse  sich  auf  seinen  Gewährsmann  zu  berufen,  war  damit 
etwas  geändert.  Dasselbe  gilt  aber  auch  von  der  Zeit,  in  der 
weitere  Neuerungen  Platz  griffen,  wie  die,  dass  nicht  mehr  die 
autographe  Unterschrift  des  Recognoscenten  erfordert  wurde 
und  dass  in  Folge  davon  im  weitern  Verlaufe  drei  Recognitions- 
arten  neben  einander  aufkamen.  Beurkundungsbefehl  und  Re- 
Cognition  und  auch  der  Zusammenhang  zwischen  beiden  haben 
nach  wie  vor  bestanden. 

Auffallen  muss  es  freilich,  dass  es  in  Deutschland  ganz 
von  der  Erwähnung  des  Befehls  durch  die  Recognoscenteu  in 
den  Diplomen  abgekommen  ist,  zumal  wenn  man  erwägt,  dass 
man  bei  mangelnder  Kenntniss  der  Notenschrift  zu  gewöhn- 
licher Schrift  seine  Zuflucht  nehmen  konnte.  War  doch  dieser, 
wie  wir  S.  684  sahen,  alte  Brauch  mit  gewissen  Modificationen 
in  der  zweiten  Hälfte  des  neunten  Jahrhunderts  in  den  andern 
Karolingerreichen  wieder  aufgenommen  worden. 

SittoDgBber.  d.  pbil.-hUt.  Cl.  XCIII.  Bd.  lY.  Hft  46 


692  8ick«l. 

Unter  Kaiser  Ludwig  II.  hatte  sich  die  Kanzlei  allmähtich 
aufgelöst.  Die  Recognition  in  Stellvertretung  hörte  fast  ganz 
auf,  da  es  keine  Kanzler  gab.  Es  unterfertigten  Hofkapellane 
oder  beliebige  Notare.  Da  wurde  schliesslich  das  advicem  illius 
ziemlich  regelmässig  durch  die  wenigstens  auf  das  Special- 
mandat hinweisenden  Worte :  iussu  imperatoris  ersetzt.  *  Ans 
den  Urkunden  der  späteren  Beherrscher  Italiens  hebe  ich  noch 
hervor,  dass  unter  Wido  bei  verhältnissmässig  geregelter  Kanzlei 
wieder  häufig  des  Befehls  gedacht  wird^,  und  dass  unter  Be- 
rengar  und  seinen  Nachfolgern  von  gewissen  Recognoscenten 
oft  statt  auf  die  Stellvertretung  auf  die  iussio  regis  hingewiesen 
wird.  Dazu  fäge  ich  noch  ein  lehrreiches  Beispiel  aus  den 
Diplomen  Karlomanns  von  Westfrancien.  Auf  eine  Reihe  von 
Präcepten  mit  der  Recognition:  Norbertus  notarius  advicem 
Vulfardi  rec.  et  subscr.  folgt  ein  Präcept,  ^  das  unterfertigt  ist: 
Norbertus  notarius  post  obitum  magistri  sui  Vulfardi  iussione 
regis  Karlomanni  rec.  et  subscripsi.  Hier  scheint  die  Regel 
gewesen  zu  sein,  dass  der  Kanzler  dem  Notar  den  Befehl  des 
Königs  übermittelte,  was  aber  als  regulär  nicht  bemerkt  worden 
ist,  während  nach  dem  Tode  des  Kanzlers  die  Berufung  auf 
den  directen  Befehl  des  Königs  fUr  nothwendig  erachtet  wurde. 

Mag  man  nun  im  ostfränkischen  Reiche  auf  diese  Ge- 
pflogenheiten bei  den  Nachbarn  gar  nicht  geachtet  oder  mag 
man  Anstand  genommen  haben,  an  der  herkömmlichen  eigent- 
lichen Subscriptionsformel  Aenderungen  vorzunehmen :  der  Hin- 
weis auf  die  iussio  regis  ist  hier  entfallen.^  Sicher  bekundet 
das  ebenso  wie  das  Aufgeben  der  Unterschrift  manu  propria 
ein  Nachlassen  in  der  strengen  Auffassung  und  Handhabung 
der  Recognition.  Aber  damit  ist  noch  keineswegs  ausgeschlossen, 
dass  der  schlechtweg  genannte  Recognoscent  doch,  abgesehen 
von    einzelnen   Fällen,   thatsächlich   die  Weisung   des   Königs 

1   Siehe  Böhmer  RK.  668  seqq. 

3  Böhmer  RK.  1277:  Rimpertus  advicem  Helbanchi  archicaneellarii  inbente 
domno  imperatore  Widone  recognoyi  et  subecripai;  B.  1278:  Helbuncus 
archicancellarins  iubente  d.  Widone  imperatore  recognovi  et  sabscripai. 

'  Forschungen  9,  431. 

*  Ich  habe  mir  nur  eine  Ausnahme  vermerkt:  das  Diplom  Karlomanns 
Böhmer  RK.  873  für  einen  Geistlichen  aus  Parma  ist  unterfertigt  von 
Baldo  cancellarius  iussu  regis,  statt  des  sonst  damals  gebritachtichen  B. 
c.  advicem  Theotmari  archicapellani. 


Beitrige  ziur  Diplomatik  VII.  693 

erhalten  hat  und  für  deren  Ausführung  hat  haften  sollen,  ^  noch 
dass  die  einfache  Namhaftmachung  des  Recognoscenten  zumal 
mit  Zuhilfenahme  anderer  Mittel  hinreichende  Bürgschaft  darbot. 
Und  so  liefert  uns  der  durch  die  einstigen  tironischen  Zusätze 
belegte  Zusammenhang  zwischen  dem  Beurkundungsbefehl  und 
der  Recognition  auch  den  Schlüssel  zu  dem  später  vorkommen- 
den Wechsel  zwischen  den  Arten  der  Recognition,  die  ich 
zuvor  mit  N.  advicem  A.,  C.  adv.  A.,  N.  adv.  C.  bezeichnet 
habe.  Den  Erzkapellan,  welcher  seit  854  in  Betracht  kommt, 
haben  wir  uns  nicht  als  ständigen  Begleiter  des  Königs  zu 
denken,  also  auch  nicht  als  regelmässig  bei  der  Erledigung 
der  Geschäfte  betheiligt.  In  den  meisten  Fällen  wird  der  König 
seine  Befehle  dem  in  seinem  Gefolge  weilenden  Kanzler  oder 
dessen  Notaren  ertheilt  haben.  Geschah  das  letztere,  so  wurde 
unterfertigt  N.  advicem  A.,  da  einerseits  der  Kanzler  umgangen 
war  und  andererseits  der  speciell  beauftragte  Notar  nach  altem 
Herkommen  nur  als  Stellvertreter  und  zwar  hier  als  der  des 
Erzkapellans  fungiren  konnte.  Wurde  dagegen  der  Kanzler  mit 
der  Beurkundung  betraut,  so  konnte,  so  lange  eigenhändige 
Unterschrift  verlangt,  vom  Kanzler  aber  nicht  beliebt  wurde, 
nur  der  von  ihm  delegirte  Notar  nach  der  Formel  N.  adv.  C. 
unterzeichnen.  Dagegen  ergaben  sich,  seitdem  die  Kanzler  sich 
wieder  an  der  Recognition  betheiligten,  ohne  subscribiren  zu 
müssen,  zwei  Möglichkeiten :  der  Kanzler  besorgte  das  Geschäft 
in  eigener  Person  oder  er  Hess  es  durch  einen  seiner  Notare 
verrichten.  In  jenem  Falle  hiess  es  zwar  nicht  mehr  wie  einst: 
cancellarius  recognovi,  sondern  da  sich  die  Stellvertretung  ganz 
eingebürgert  hatte:  C.  adv.  A.;  in  diesem  Falle  berief  sich 
der  Notar  mit  N.  adv.  C.  auf  seinen  Auftraggeber.^ 


»   Ficker  2,  168. 

^  Vom  ErzkapeUan  mttsflen  wir  natürlich  znr  Zeit  Karl  des  Grossen  absehen. 
Im  fibrigen  entspricht  N.  adv.  A.  der  Recognition  von  K.  60:  in  Bach- 
staben Wigbaldus  advicem  Radonis  (der  hier  statt  des  erst  später  ein- 
tretenden Erzkapellans . genannt  wird)  und  in  Noten  domno  rege  ordi- 
nante  Wigbaldns  recognovi.  N.  adv.  C.  =  Optatas  invioem  Radoni' 
ordinantis  recognovi  in  K.  68.  Endlich  C.  adv.  A.  =  K.  63  von  Rado 
recogpioscirt,  der  als  Kanzler  damals  keinen  Vorgesetzten  Über  sich  hat, 
den  Befehl  des  Königs  aber,  wie  S.  686,  Anm.  1  bemerkt,  durch  N.  erhält. 
—  Als  Beispiel  der  Uebertragnng  der  Recognition  vom  Kanzler  auf  den 
Notar  auch  in  älterer  Zeit  führe  ich   noch   K.  75   (Wigbaldus  advicem 

4Ö* 


694  Bickel. 

War  aber  in  der  Weise  bei  vollständiger  Beeetzang  der 
Kanzleistellen,  wie  sie  unter  Arnulf  sicher  beglaubigt  ist,  die 
Vollziebung  auf  Specialbefehl  geregelt,  so  ergaben  sich  auch 
vacante  cancellaria  oder  als  unter  Karl  in.  der  Erzkapellan 
ausser  Beziehung  zur  Kanzlei  stand,  die  einzelnen  Modalitäten 
des  Vorgangs  und  die  entsprechenden  Formeln.  In  den  Jahren 
860 — 876  konnte  (s.  S.  661)  nur  N.  advicem  A.  unterfertigt  wer- 
den, mochte  der  Notar  vom  König  oder  vom  Erzkapellan  Ordre 
erhalten  haben.  Dass  unter  Karl  III.  durch  viele  Jahre  hin- 
durch ausschliesslich  N.  adv.  C.  oder  genauer  N.  adv.  Lint- 
wardi  archicancellarii  vorkommt,  besagt,  dass  die  Notare  nur 
dem  Könige  oder  Liutward  zu  gehorchen  hatten.  * 


Badoni)  an,  von  g^leichem  Ta^  wie  das  yon  Rado  selbst  nnteifMti^ 
E.  76.  Ebenso  verbalten  sich  zu  einander  Diplom  Otto  I.  yom  7.  April 
940  (Notker  not.  advicem  Popponia  archicancellarii)  und  D.  vom  8.  April 
(Poppo  canc.  adv.  Friderici  archicancellarii). 
^  Hier  will  ich  nachtragen,  dass  aus  der  Zeit,  da  Liutward  Erzkanzler 
War,  eine  einsige  Urkunde  mit  anderer  Recognition  bekannt  ist.  Es  ist 
Böhmer  RK.  918  unterfertigt:  Qaidulfns  diaconus  advieem  Eransti 
cancellarii.  Ehe  ich  eine  Erkl&rnng  zu  geben  versuche,  muss  ich  die 
von  dem  neuesten  Herausgeber  der  Urkunde,  Porro  im  Cod.  dipL 
Longob.  1,  501  n^  295  der  Urkunde  gegebene  Deutung  zurückweisen, 
die  man  etwa  auch  für  die  absonderliche  Recognition  geltend  machen 
könnte.  Porro  meint  nftmlich,  dass  in  B.  918  vom  30.  M&rz  880  nur 
bezüglich  einer  der  Besitzungen,  welche  am  21.  MSrz  in  B.  915  be> 
stfitigt  waren,  ein  Specialmandat  ertheilt  worden  sei.  Dem  ist  aber 
nicht  80.  B.  915  spricht  nur  von  casales  II,  unum  in  Meliniaco,  altemm 
in  villa  que  dicitur  Clepiate,  wfihrend  in  B.  918  alles  geschenkt  wird  in 
Meliniaco  et  in  villa  Clepiate  quae  pertinent  de  comitatu  Mediolanensi. 
B.  918  ist  somit  durchaus  neues  PrKcept.  Die  Form  der  Recognition  ist 
auch  nur  für  diese  Zeit  auffallend.  Unter  den  früheren  Herrschern  war  sie 
geradezu  die  gewöhnliche,  und  auch  in  den  Anfängen  Karls  begegnet  sie 
ein  Mal  (S.  665).  Was  Emustus  anbetrifft,  so  wird  er,  der  spKter  zum 
Kanzler  emporstieg  (s.  8.  669),  die  für  dies  A(nt  geforderten  persönlichen 
Eigenschaften  besessen  haben.  Mag  nun  gerade  Liutward  nicht  leicht 
eine  Function,  die  er  aus  guten  Gründen  sich  vorbehalten  hatte,  durch 
einen  Untergebenen  haben  ausüben  lassen,  so  wird  doch  auch  er  besonderen 
Umstünden,  wie  sie  gerade  auf  einem  Römersuge  eintreten  mochten,  ein 
Mal  Rechnung  getragen  haben.  Kurz  ich  glaube,  dass  diese  Recognition 
nicht  zu  beanstanden  ist  (wahrscheinlich  ihretwegen  hat  Dümmler  2,  111, 
Anm.  75  die  Urkunde  bemängelt)  und  dass  die  eine  Ausnahme  aach 
nicht  umstösst,  was  ich  früher  von  Liutwards  Regiment  gesagt  habe. 


Baitrige  mr  Diplonatik  YII.  695 

Indem  ich  die  Geschichte  der  Kanzlei  wieder  aufnehme, 
beschränke  ich  mich  nicht  wie  im  ersten  Abschnitt  auf 
Feststellung  des  Personal  Status  und  der  Gliederung,  sondern 
suche  zugleich  darzulegen,  wie  je  nach  der  Besetzung  der 
Stellen  und  je  nach  dem  Charakter  des  Kegiments  und  der 
massgebenden  Persönlichkeiten  die  Recognition  gehandhabt 
worden  ist. 

Unter  Ludwig  IV.  tritt  zum  ersten  Male  bei  einem  deut- 
schen Könige  ein,  dass  eine  zweitheilige  Kanzlei  nothwendig 
wurde.  Die  Kegenten  des  unmündigen  Königs  fanden  nämlich 
in  Lothringen  Verhältnisse  vor,  denen  Rechnung  getragen 
werden  musste.  Bei  der  Einsetzung  Zwentibolds  zum  König 
von  Lothringen  im  Jahre  895  wurde  auch  dort  die  Kanzlei 
nach  ostfränkischem  Muster  gestaltet,  aber  mit  Landesange- 
hörigen besetzt.  Der  Erzkapellan  Hermann  von  Köln  erscheint, 
indem  zum  Theil  an  seiner  Statt  recognoscirt  wird,  als  oberster 
Chef  der  Kanzlei.  Unter  ihm  stand  der  Trierer  Erzbischof 
Ratbod  mit  dem  Titel  archicancellarius.  Abgesehen  von  Böhmer 
RK.  1161,  welches  Egilbertus  als  cancellarius  unterfertigt, 
f&hren  die  Recognoscenten  nur  den  Notartitel.  Diese  lothrin- 
gische  Kanzlei  blieb  nun  bestehen,  als  die  Grossen  von  Zwen- 
tibold  abfielen  und  Ludwig  huldigten.  Nur  das  verdient  Be- 
achtung, dass  unter  Ludwig  nicht  ein  Diplom  mehr  advicem 
Herimanni  archicapellani  unterzeichnet  wird  und  dass  ihm  auch 
in  dem  einzigen  ihn  erwähnenden  Diplom  (Böhmer  RK.  1218) 
dieser  Titel  nicht  mehr  beigelegt  wird.  Es  spricht  auch  das 
wieder  dafür,  dass  das  Erzkapellanat  damals  als  untheilbar 
gedacht  wurde  (s.  S.  667).  Dennoch  wurden  drei  Abstufungen 
für  das  Personal  beibehalten.  Obenan  steht  Ratpod  von  Trier 
als  Erzkanzler,  an  dessen  Statt  regelmässig  recognoscirt  wurde. 
Ihm  zunächst  untergeordnet  sind  Suitgarius  und  Ernuldus  als 
Kanzler,    dann   Albricus   und    Theodulphus    als   Notare.  >    Die 


*  Suitgarias  nar  in  Böhmer  RK.  1186;  Ernuldus  (und  nicht,  wie  Dümmler 
2,  557  Anm.  38  angibt,  Emustus)  am  26.  October  907  und  in  B.  1218; 
Albricus  am  22.  Mfirz  900  und  in  B.  1178;  Theodnlphus  vom  9.  October 
902  bis  15.  October  910  (B.  1188—1231).  Obgleich  die  Recognition 
N.  ady.  C.  nicht  vorkommt  (wovon  später),  erscheinen  die  erstgenannten 
als  Kansler,  Albricus  und  Theodulphus  dagegen  als  ihnen  suborclinirte 
Notare.  ~  Vgl.  Beitr.  zur  Dipl.  6,  378. 


696  Bickel. 

ZweitheiluDg  der  Kanzlei  ist  hier  bis  zu  den  Notaren  und  bis 
zu  den  namenlosen  Schreibern  durchgeführt,  was  nicht  zu  allen 
Zeiten  der  Fall  gewesen  ist. 

Die  deutsche  Kanzlei  Ludwigs  blieb  so  wie  unter  seinem 
Vater  organisirt  Nach  dem  Tode  Theotmars  iron  Salzburg  trat 
sein  Nachfolger  dort  Piligrim  auch  das  Amt  des  Erzkapellans 
an.  Die  sämmtlichen  Diplome  bieten:  advicem  Theotmari  (dann 
Piligrimi)  archicappellani.  Dass  ersterer  im  Originalpräcept 
vom  3.  August  904  Erzkanzler  heisst,  bezeichnete  ich  schon 
zuvor  (S.  667)  als  vereinzelte  und  irrelevante  Ausnahme.  Unter 
dem  recognoscirenden  Personal  finden  wir  die  schon  unter 
Arnulf  dienenden  Engilpero  (bis  zum  17.  Juni  907)  und  Er- 
nustus  (bis  zum  5.  October  908),  ferner  Salomon,  der  schon 
unter  Karl  III.  in  der  Kanzlei  diente,  seit  20.  Januar  909 
(Böhmer  RK.  1225),  endlich  als  neues  Mitglied  der  Kanzlei 
Odalfridus  seit  Böhmer  RK.  1217.  Es  ist  mit  Hinblick  auf 
die  Gestaltung  der  Verhältnisse  unter  Konrad  nothwendig, 
die  Rangordnung  unter  diesen  vier  Männern  möglichst  genau 
festzustellen. 

Von  Engilpero  berichtete  ich  schon  (S.  673),  daas  er  nur 
in  zwei  in  gleichem  Chartular  überlieferten  und  daher  wohl 
kaum  massgebenden  Stücken  Kanzler  heisst,  also  nach  der 
regelmässigen  Titulatur  und  nach  der  Stellung  in  den  Recog- 
nitionen  der  Arnulfinischen  Diplome  als  Notar  betrachtet  wer- 
den muss.  Nun  lässt  sich  allerdings  seit  900  die  Subscriptions- 
form:  Engilpero  advicem  cancellarii  nicht  mehr  nachweisen. 
Aber  das  nöthigt  noch  nicht  zu  der  Folgerung,  dass  Engilpero 
selbst  zum  wirklichen  Kanzler  aufgestiegen  sei,  sondern  lässt 
noch  andere  Erklärungen  zu.  Cancellario  nullo  entfiel  die  For- 
mel N.  advicem  C.  Und  andererseits  wenn  der  Kanzlerposten 
besetzt  war,  so  trat  diese  Formel  in  demselben  Grade  in  den 
Hintergrund,  als  der  Kanzler  sich  persönlich  an  den  Geschäften 
betheiligte  oder  doch  betheiligt  erscheinen  wollte.  Das  eine 
oder  das  andere  ist  nun  in  den  ersten  Jahren  Ludwig  IV.  der 
Fall  gewesen  und  es  liegt  somit  kein  zwingender  Grund  vor, 
für  Engilpero  ein  Avancement  anzunehmen. 

Nicht  so  sicher  lässt  sich  die  Stellung  des  Ernustus  unter 
Ludwig  definiren.    Die  Urkunden  dieses  Königs,    eine   einzige 


B«itrftge  sur  Diplomatik  YII.  697 

auBgenommen,  >  bezeichnen  ihn  als  Kanzler^  so  dass  er  mög- 
licher Weise  wirklicher  Kanzler  geworden  und  als  solcher  dem 
Engilpero  vorgesetzt  war.  Das  könnte  dann  auch  über  die 
Stellung  von  Odalfridus  und  Salomon  Aufschi  uss  geben.  Für 
jenen  ist  unter  Ludwig  das  eine  Mal  cancellarius  und  das 
andere  Mal  notarius  gebraucht.  Von  den  später  in  seinem 
Namen  unterfertigten  Diplomen  Eonrads  bezeichnen  ihn  drei 
als  notarius  und  zwei  als  cancellarius.  Indem  er  zum  Bischof 
von  Eichstädt  erhoben  worden  ist,  ist  nicht  zu  bezweifeln, 
dass  er  die  Eigenschaften  besessen  haben  wird,  die  von  einem 
wirklichen  Kanzler  gefordert  wurden.  Salomon  endlich  recog- 
noscirt  unter  Ludwig  IV.  acht  Stücke  regelmässig  als  Kanzler 
und  weiter  unter  Konrad  eine  Reihe  von  Präcepten,  in  denen 
er  wiederum,  nur  einen  Fall  ausgenommen,^  so  heisst.  Dass 
er,  der  schon  Bischof  von  Konstanz  und  bei  Hofe  angesehen 
war,  wirklicher  Kanzler  gewesen  ist,  steht  fest.  Somit  liegt 
die  Sache  fUr  die  Regierungszeit  Ludwigs  und  noch  mehr  fiir 
die  Konrads,  in  welcher  die  Urkunden  mit  der  Unterfeitigung 
Salomons  und  die  mit  der  Udalfrids  miteinander  abwechseln, 
80  dass  wir  entweder,  was  unerhört  ist,  zwei  wirkliche  Kanzler 
zu  gleicher  Zeit  erhalten  oder  dass  wir  dem  Kanzler  Salomon 
Odalfridus  als  Notar  oder  Titularkanzler  unterordnen  müssen. 
Allenfalls  lässt  sich  eine  Entscheidung  aus  den  Urkunden 
Ludwig  IV.  gewinnen.  Halten  wir  uns  nämlich  an  die  von 
Böhmer    gebotene    Reihenfolge,  ^    so    würde     Odalfridus    als 

*  Original  B.  1179  bat  Hernustns  notarius.  Der  Name  ist  somit  anders 
als  sonst  geschrieben,  so  dass  wohl  auch  die  abweichende  Titulatar  auf 
Unkenntniss  des  betreffenden  Schreibers  hinaaslfiuft. 

3  D.  Konrads  17,  von  Dümmler  %  616  übersehen.  Waitz  6,  277  Anm.  5 
Hess  sich  nur  durch  diese  Urkunde  abhalten,  sich  für  die  Unterordnung 
Udalfrids  unter  Salomon  auszusprechen.  —  Ich  bemerke  noch  ausdrück- 
lich, dass  nach  Ausweis  der  Originaldiplome  Konrads  ein  und  derselbe 
Dictator  und  Scriptor  bei  Odalfridus  bald  diesen  bald  jenen  Titel  an- 
wendet Desgleichen  hat  derselbe  Schreiber  in  der  Recognition  von 
DK.  14  Salomon  cancellarius  und  in  der  yon  DK.  17  Salon  notarius 
gesetzt  Dabei  kann  er  im  letzten  Falle  auch  nicht  durch  eine  Vor- 
urknnde  beeinflusst  worden  sein,  da  DK.  17  frei  stilisirt  erscheint. 

3  Erg&nzt  würde  sie  lauten:  B.  1215«  (Mon.  Boica  31,  176)  vom  17.  Juni 
907  mit  Engilpero  notarius,  B.  1216  vom  22.  October  907  mit  Ernustus 
cancellarius  (folgen  Urkunden  für  Lothringen,  die  hier  nicht  in  Betracht 
kommen),   B.  1217  vom   17.  December  907  .mit  Odalfridus  cancellarius, 


698  Sickel. 

Nachfolger  des  Engilpero  und  Salomon  als  der  des  Emustus  er- 
scheinen, womach  wir  fiiglich  Odalfridus  wie  Engilpero  als  Notare 
und  andererseits  Salomon  wie  Ernustus  als  wirkliche  Kanzler 
bezeichnen  dürfen.  Doch  ich  darf  nicht  verschweigen^  dass  es 
fraglich  ist,  ob  Böhmer  1217  mit  den  chronologischen  Merkmalen: 
908,  ind.  11,  anno  regni  8 '  zu  907  und  nicht  vielleicht  zu  Aus- 
gang des  Jahres  908  einzureihen  ist.  Zwar  lässt  sich  auch  in 
letzterem  Falle  noch  der  Wechsel  im  Kanzleipersonal,  so  wie 
ich  es  vorschlage,  auffassen  und  es  ist  nur  der  in  den  Zeit- 
verhältnissen liegende  und  fast  zwingende  Orund  entfallen;  so 
halte  ich,  bis  etwa  weitere  den  Sachverhalt  modificirende  Momente 
bekannt  werden,  an  obiger  Lösung  der  Schwierigkeiten  fest.  ^ 

Unter  König  Konrad  ist  die  Kanzlei  folgendermassen  be- 
setzt. Sein  erstes  Diplom  ist  advicem  Hathonis  archiepiscopi 
summique  cappellani  unterzeichnet.  Wie  das  kam  und  wie  es 
sofort  davon  wieder  abkam  und  dann  doch  dem  Salzburger 
Erzbischof  die  seit  887  von  seinem  Vorgänger  bekleidete 
Stelle  eines  Erzkapellans  bis  918  belassen  wurde:  darüber 
lassen  sich  nur  Vermuthungen  äussern.  Es  ist  denkbar,  dass 
Piligrim  zur  Wahl  in  Forchheim  nicht  erschienen  war,  dass 
unbekannt  war,  wie  er  sich  zu  dem  neuen  König  stellen  würde, 
dass  Hatto  von  Mainz,  der  alte  Freund  Konrads,  der  ihn  wahr- 
scheinlich auch  gesalbt  hat,  ^  eingedenk  der  von  seinem  Vor- 
gänger Liutbert  zuletzt  im  Jahre  887  (S.  668)  eingenommenen 
Stellung  für  sich  selbst  diese  begehrte,  dann  aber  sofort  auf 
die  Erzkapellanswürde  verzichtete,  als  es  galt,  den  in  Baiem 
80  einflussreichen  Salzburger  Erzbischof  an  die  Sache  des  neuen 
Königs  au  fesseln.  War  doch  überdies  durch  Salomon  als  Kanz- 
ler die  Führung  der  Oeschäfte  im  Sinne  Hattos  gesichert. 

B.  1218*  (Mon.  Boica  31,  178)  vom  5.  Februar  908  mit  Emiuitns  cao- 
celliiriiu,  B.  1220  yom  8.  Jnoi,  B.  1221  ▼om  9.  Juli  and  B.  1223  Tom 
5.  October  mit  derselben  Sabscription,  B.  1224  vom  7.  Januar  909  mit 
Odalfridos  notariiiBi  B.  1225  vom  20.  Janoar  909  mit  Salomon  cancellariiu. 

*  So  nlimlich  in  Bnat  Orig.  Boic,  welcher  ex  antographo  su  schöpfen 
behanptet 

'  Für  die  hervorragende  Stellung,  die  Salomon  einnahm,  ISsst  sich  noch 
geltend  machen,  dass  er  seit  Beginn  der  Regierung  wiederholt  als  Inter- 
venient  erscheint  (zuerst  in  Böhmer  RK.  1183),  wXhrend  Ernustus,  En- 
gilpero und  Udalfrid  nie  interveniren. 

>  Dflmmler  2,  573,  Anm.  6. 


Beitr&ge  snr  Diplomatik  ?II.  699 

Dass  ich  Salomön  als  Kanzler  betrachte,  sagte  ich  schon; 
dass  er  gleich  vom  Anbeginn  der  neuen  Regierung  dies  Amt 
bekleidet;  wird  durch  die  Subscription  des  ersten,  unmittelbar 
nach  der  Thronbesteigung  Konrads  ertheilten  Diploms  im  Namen 
des  Notars  Udalfrid  nicht  ausgeschlossen.  Ich  sage  mit  Ab- 
sicht: im  Namen  des  Notars  subscribirt;  denn  seit  die  Re- 
cognoscenten  nicht  mehr  verpflichtet  waren,  eigenhändig  zu 
unterfertigen,  entschlugen  sie  sich,  sowohl  Kanzler  als  Notare, 
mehr  und  mehr  dieser  Mühe.  Vermochte  ich  nun  noch  nicht 
festzustellen,  wie  es  die  einzelnen  Recognoscenten  bis  zum 
Jahre  911  damit  gehalten  haben,  so  bin  ich  fortan  Dank  der 
Prüfung  sämmtlicher  uns  erhaltener  Originalausfertigungen  in 
der  Lage,  den  Thatbestand  genau  anzugeben  und  für  weitere 
Fragen  zu  verwerthen.  * 

Von  Udalfrid  recognoscirt  sind  K.  1,  6,  7,  9,  10.  In 
K.  1,  10  wird  er  cancellarius,  sonst  notarius  betitelt.  Seinen 
Austritt  aus  der  Kanzlei  und  seine  Erhebung  zum  Bischof  von 
Eichstädt  werden  wir  füglich  nach  dem  23.  August  912  (Datum 
von  K.  10)  ansetzen.^  Qleichzeitig  mit  ihm  (K.  2)  und  dann 
bis  Ende  Konrads  wird  Salomon  als  Recognoscent  genannt. 
Dass  nun  weder  der  eine  noch  der  andere  eigenhändig  unter- 
fertigt hat,  folgere  ich  daraus,  dass  sämmtliche  Originalprä- 
cepte  in  den  Subscriptionen  die  Handschrift  anderer  Männer 
aufweisen. 

Ehe  ich  dies  ausführe,  muss  ich  von  einem  Brauche 
reden,  der  wenigstens  bis  in  die  Zeit  Ludwig  J V.  zurückreicht.  ^ 
Ziemlich  die  Hälfte  der  Diplome  lässt  erkennen,  dass  die  Voll- 
ziehung in  mehreren  Absätzen  erfolgt  ist.  Zunächst  ist  nämlich 
die  notarielle  Unterschrift  nur  so  weit  sie  in  Buchstaben  ge- 
schrieben wurde,    d.  h.  bis  recognovi  oder  recognovit,   gesetzt 

*  leb  citire  die  Diplome  Konrad  I.  and  Heinrich  I.  nach  der  neuen  Aus- 
gabe in  den  Monumenta  Germaniae.  Was  ich  dort  theils  in  den  Ein- 
leitungen, theila  in  den  Vorbemerkungen  zu  einzelnen  Urkunden  als  die 
Hauptergebnisse  meiner  Untersuchungen  mitgetheilt  habe,  will  ich  hier 
ausführlicher  darlegen  und  begründen,  wie  denn  überhaupt  diese  und 
die  folgenden  Beiträge  einen  Commentar  zu  jener  Edition,  d.  h.  sowohl 
für  den  schon  erschieneneu  Theil  wie  für  die  Fortsetzung,  bilden  sollen. 
Wiederholungen  sind  dabei  allerdings  unvermeidlich. 

2  Dnmmler  2,  615. 

3  Kopp  Palaeogr.  critica  1,  414. 


700  Siekel. 

worden.  In  einem  zweiten  Stadium  wurde  et  und  das  Re- 
cognitionszeichen,  beide  graphisch  verbunden,  hinzugefügt; 
wahrscheinlich  geschah  dies  im  Augenblicke  der  Besiegelung. 
Qanz  unverkennbar  wird  dieser  allmähliche  Vorgang,  wenn  wie 
in  K.  28  das  Zeichen  nicht  auf  gleiche  Linie  mit  der  in 
Buchstaben  geschriebenen  Formel  gesetzt  worden  ist,  oder 
wenn  verschiedene  Tinte  angewandt  worden  ist  Damit  hängt 
des  weitern  zusammen,  dass  in  K.  9,  28,  29  das  signum  re- 
cognitionis  von  anderer  Hand  stammt  als  die  zuvor  geschrie- 
benen Worte.  Natürlich  kann  das  ganze  Geschäft  auch  in 
einem  Tage  versehen  worden  sein  und  wird  dann  regelmässig 
von  derselben  Person,  d.  h.  dem  Subscribenten,  besorgt  worden 
sein.  Aber  in  andern  Fällen  ist,  wie  gesagt,  die  Unterfertigung 
erst  etwas  später,  wohl  gelegentlich  der  Besiegelung,  vervoll- 
ständigt worden  und  da  mag,  wenn  der  Subscribent  nicht  zur 
Stelle  war,  ein  anderer  Beamter,  vielleicht  der  sigillator,  das 
Recognitionszeichen  nachgetragen  haben. 

Im  allgemeinen  sind  damals  Subscribenten  und  Ingrossisten 
identisch.   E.  2  und  12  für  St.  Qallen  sind  ^  wahrscheinlich  von 
zwei  dortigen  Mönchen  geschrieben   und   unterschrieben.    Die 
siebzehn  übrigen  Archetypa  vertheilen  sich  auf  drei  Schreiber, 
die  ich,   da  sie  unter  dem  Kanzler  Salomon  dienen,  SA.,  SB., 
SC.  bezeichne ;  den  Kamen  des  ersten,  Simon,  erfahi*en  wir  aus 
den  Diplomen  des  folgenden  Königs.    Nur  von  SC.  liegt  keine 
Subscription   vor.    Dagegen   sind   von   SA.   vollständig  unter- 
fertigt K.  1,  6—8,  11,  30  und  von  SB.  K.  14—17,  20,  22,  34-36, 
Für  K.  9  lieferte   SB.  die   Unterschriftszeile,   der  ältere  and 
geübtere  SA.  das   ergänzende  Zeichen.   In  K.  28,  29  endlicb 
schrieb  SB.  die  Formel,   eine  andere  Hand   fügte  das  signum 
hinzu.    Bei    diesem   Schriftbefund    bleibt   kein    Stück,    dessen 
Unterzeichnung  dem  Notar  und  Recognoscenten  Udalfrid  bei- 
gelegt werden  könnte.   Desgleichen  könnte  von  Salomon  höch- 
stens  das  in  K.  28  und  29  nachgetragene   Zeichen   stammen, 
was   mir  jedoch   unwahrscheinlich  ist,   da  ich  im  übrigen  gar 
keine  Spur  von  Betheiligung  des  Kanzlers  am  Schreibgeschäft 
entdecken  konnte.  Folglich  sind  in  dieser  Zeit  die  als  Recognos- 
centen genannten  und  die  Subscribenten  auseinander  zu  halten. 

^   Sickel  Kaiserurkunden  in  der  Schweiz  10 — 14. 


Beiträge  inr  Diplonatik  TU.  701 

Im  ersten  Jahre  Konrads  sind  nun  wie  unter  Ludwig  IV. 
nur  die  zwei  Arten  der  Recognition  nachzuweisen:  N.  (Udal- 
frid)  ady.  A.  und  C.  (Salomon)  adv.  A.  Dass  die  dritte  damals 
ausser  Brauch  kam  und  auch  später  nur  noch  vorübergehend 
auftauchte,  wird  nicht  Zufall  gewesen  sein.  Im  Hinblick  auf 
die  völlige  Ausschliessung  der  Notare  von  der  Recognition  seit 
953  muss  man  geradezu  erwarten;  dass  schon  früher  die  Ten- 
denz dahin  gegangen  ist;  Einfluss  und  Verantworttmg;  Ehre  und 
Nutzen  und  was  sonst  noch  mit  der  Recognition  verbunden 
gewesen  sein  mag;  möglichst  den  Kanzlern  vorzubehalten.  Und 
wie  überhaupt  die  Erhöhung  des  Kanzleramtes  in  umgekehrtem 
Verhältniss  zu  der  Bethoiligung  an  der  Arbeit  stand;  so  mochte; 
seitdem  die  Kanzler  als  iussi  nach  und  nach  so  ziemlich  alle 
Obliegenheiten  des  Recognoscenten  auf  die  Schultern  der  Unter- 
gebenen abgewälzt  hatten;  das  Verhältniss  der  Delegation;  das 
sich  in  N.  adv.  C.  ausspricht;  nicht  mehr  der  Erwähnung  werth 
erscheinen.  Aber  zum  vollen  Ausschluss  der  Notare  kam  es 
bis  9ö3  noch  nicht.  Noch  mögen  die  alten  Vorstellungen  und 
das  Postulat;  dass  der  iussus  auch  Recognoscent  sei  oder  minde- 
stens als  solcher  genannt  werdC;  zu  mächtig  gewesen  sein,  als 
dass  der  Name  des  NotarS;  auch  falls  dieser  in  Abwesenheit 
des  Kanzlers  den  Befehl  erhalten;  hätte  verschwiegen  bleiben 
dürfen.  Ja  auf  die  Nennung  des  jeweiligen  Recognoscenten 
wurde  gerade  unter  Konrad  und  zum  Theil  auch  unter  seinen 
Nachfolgern  noch  besonderer  Werth  gelegt.  DafUr  zeugt  ein 
weiterer  Brauch;  den  ich  zuerst  bei  Salomon  A.  oder  bei  SimoU; 
dann  aber  auch  noch  bei  vielen  der  nachfolgenden  Subscri- 
benten  constatirte.  So  oft  nämlich  Simon  unterfertigte  oder 
wenigstens  zur  Subscription  eines  seiner  Qenossen  das  Re- 
cognitionszeichen  hinzufügte;  wiederholte  er  in  typischen  und 
daher  noch  entzififerbaren  Noten  den  zuvor  in  Buchstaben  aus- 
geschriebenen Namen  des  Recognoscenten;  eine  Wiederholung; 
die  noch  dadurch  an  Bedeutung  gewinnt;  dass  siO;  wie  ich 
zuvor  bemerkte;  wohl  mit  der  Besi^elung  zusamiftenfiel. 

Unter  diesen  Umständen  verdient  auch  bei  Konrads  ersten 
Diplomen  der  Wechsel  zwischen  N.  (damals  Odalfridus)  adv.  A. 
und  zwischen  C.  (damals  Salomon)  adv.  A.  noch  Beachtung. 
Es  fragt  sich;  ob  wir  wenigstens  in  einzelnen  Fällen  eine  Ab- 
wesenheit des  Kanzlers  vom  Hofe  als  Qrund  dafiir  nachweisen 


702  Sickel. 

köDoen,  dass  nicht  er,  sondern  Udalfrid  als  iussus  und  als 
recognoscens  erscheint  Gerade  bei  dem  dominirenden  EinflosSy 
den  allen  Berichten  zufolge  Salomon  ausgeübt  haben  soll  — 
in  mehr  als  einer  Beziehung  lässt  sich  seine  Stellung  mit  der 
Liutwards  unter  Karl  III.  vergleichen,  so  verschieden  auch 
die  Charaktere  der  betreffenden  Regenten  und  ihrer  Rathgeber 
waren  und  so  verschieden  des  einen  und  andern  Günstlings 
Einfluss  wirkte  und  von  den  Zeitgenossen  beurtheilt  wurde  ^  — 
und  um  den  rechten  Massstab  zur  Beurtheilung  der  auch 
durch  die  späteren  Urkunden  bezeugten  Ausnahmsstellung  Salo- 
mons  zu  gewinnen,  ist  es  nicht  unwichtig  darin  klar  zu  sehen. 

Der  reiche  Schatz  von  S.  Galler  Urkunden  kommt  uns 
dabei  zu  statten,  den  einen  oder  andern  Punkt  im  Itinerar 
Salomons  festzustellen  und  mit  dem  des  Königs  zu  vergleichen. 
Für  solchen  Zweck  ist  die  Urkunde  bei  Wartmann  n^  768 
verwendbar,  laut  der  sich  Salomon  am  5.  April  912  in  seinem 
Kloster  befand.  Damit  verträgt  sich  recht  wohl,  dass  nach 
K.  5  (Bestätigung  der  Immunität  für  S.  Gallen)  Salomon  am 
14.  März  mit  Konrad  in  Strassburg  gewesen  sein  und  dieses 
Präcept  erbeten  und  dann  selbst  recognoscirt  haben  soll.  Als 
aber  vom  König  am  12.  April  in  Fulda  (K.  6  und  7)  geur- 
kündet  wurde,  kann  fiiglich  Udalfrid  deshalb  als  Recognoscent 
eingetreten  sein,  weil  der  Abt  von  S.  Gallen  durch  das  Oster- 
fest in  seinem  Stifte  aufgehalten  schwerlich  schon  an  den  Hof 
zurückgekehrt  sein  wird.  ^ 

Nachdem  Udalfrid  aus  der  Kanzlei  ausgeschieden  war, 
ist  nach  Ausweis  unserer  Diplome  kein  anderer  Notar  ermächtigt 
worden,  als  Recognoscent  an  des  Kanzlers  Statt  zu  fungiren, 
so  dass  sämmtliche  mit  Eschatokoll  versehene  Urkunden  die  Re- 
cognitionsformel  C.  adv.  A.  aufweisen.   Haben  wir  uns  deshalb 


1   V^l.  Dümmler  2,  283  und  616. 

3  Ansftihrlich  berichtet  Ekkehart  über  einen  Aufenthalt  Salomons  in 
S.  Gallen' zur  Osterzeit.  Durch  die  Worte  in  Casus  cap.  26:  vir  domini 
▼idens  se  aetate  iam  gravescere  etc.  Hess  sieh  Meyer  von  Knoniu  in 
seiner  Ausgabe  des  £kkehart  102  zu  der  Annahme  bestimmen,  dass  der 
Chronist  an  Vorgänge  vom  Jahre  919  gedacht  habe.  Ekkehart  könnte 
aber  auch  Kunde  von  Salomons  Anwesenheit  im  Kloster  zu  Ostern  912 
gehabt  haben,  und  es  würden  dann  wenigstens  einige  Widersprüche,  an 
denen  seine  ErzShlung  so  reich  ist,  entfallen. 


B«itiige  znr  Diplornttik  VII.  703 

den  als  Recognoscenten  genannten  Kanzler  als  in  jedem  Einzel- 
falle am  Hofe  weilend  zu  denken  oder  nicht? 

Schon  vor  Jahren  hatte  ich  bei  der  Bearbeitung  der  Di- 
plome Ludwig  des  Deutschen  eine  ähnliche  Frage  aufgeworfen, 
nämlich  ob  wir  den  Erzkapellan  Orimold  als  bei  der  Ausfer- 
tigung der  an  seiner  Statt  unterfertigten  Präcepte  gegenwärtig 
zu  betrachten  haben  oder  nicht  und  ob  wir  für  diesen  Erz- 
kapellan etwa  aus  den  zahlreichen  Urkunden  seines  Klosters 
ein  Itinerar  anzufertigen  in  der  Lage  sind.  *  Für  die  Zeit  Ori- 
molds  und  insbesondere  für  die  Jahre,  in  denen  vacante  can- 
cellaria  stets  N.  advicem  A.  unterfertigt  wurde,  behalten  diese 
Untersuchungen  auch  gewissen  Werth.  Der  Nachweis  des 
Alibi  filr  den  Erzkapellan  bestätigt  nämlich,  dass  die  Beru- 
fung des  Recognoscenten  auf  seinen  Vorgesetzten  unabhängig 
von  dessen  Wissen  und  Genehmigung  im  Einzelfalle  war  und 
in  allgemeinen  Vorstellungen  und  Bräuchen,  wie  wir  sie  früher 
kennen  gelernt  haben,  seine  Begründung  findet.  Doch  auch 
ohne  solchen  speciellen  Nachweis  wird  man  behaupten  dürfen, 
dass,  wenn  je  und  insbesondere  cancellario  nullo  eine  active 
Betheiligung  des  Erzkapellans  an  dem  Geschäft  der  Beurkun- 
dung stattgefunden  hat,  dieselbe  sicher  bald  ganz  aufgehört 
haben  wird.  ^  Und  so  bin  ich  jetzt  zu  der  Ansicht  gelangt, 
dass,  um  Einblick  in  die  Bedeutung  der  Kecognition  und  in 
die  allmähliche  Abschwächung  derselben  zu  gewinnen,  es  mehr 
auf  den  jeweiligen  Aufenthalt  des  Kanzlers  als  auf  den  des 
Erzkapellans  ankommt;  denn  der  Kanzler,  das  kann  als  Regel 
betrachtet  werden,  sollte  in  der  Umgebung  des  Königs  weilen 
und  das  Geschäft  in  Person  besorgen.  ^ 

Aus  Wartmann  U.  B.  n^  775  erfahren  wir  nun,  dass 
Salomon  am  23.  Mai  914  zu  Elgg  im  Kanton  Zürich  in  Person 
einen  Tausch  vollzogen  hat:  folglich  kann  er  nicht  am  24.  und 
25.  Mai   zu  Forchheim  gewesen  sein   und   kann  nicht  factisch 

1  Beitrfig«  zur  Diplomatik  2,  120.  —  Nach  Erscheinen  des  Wartmann- 
schen  Urknndenbnchs  bat  Meyer  von  Knonan  (Batpert  37  Note  95)  alle 
bezüglichen  Daten  zusammengestellt.  Danach  fKllt  der  längste  und  am 
besten  bezeugfte  Aufenthalt  Grimolds  in  St  Gallen  genau  in  den  Anfang 
der  Zeit,  da  advicem  Witgarii  cancellarii  recognoscirt  worden  ist. 

'  Vgl.  was  ich  in  Beitr.  zur  Dipl.  2,  154  über  Lintbert  bemerke, 

3  Waitz  Verf.  Gesch.  6,  282. 


704  Sickel. 

die  Diplome  K.  20  und  22  recogno8cii*t  haben,  in  denen  der 
Subscribent  Salomon  B.  ihn  als  Recognoscenten  anfUhrt.  *  Es 
ist  dies  der  erste  Fall  von  Nennung  eines  am  Ausstellungstage  ab- 
wesenden Becognoscenten,  der  bisher  nachgewiesen  worden  iat.^ 
Wahrscheinlich  hat  er  gerade  unter  Konrad  nicht  vereinzelt 
dagestanden.  Ich  erinnere  an  die  Gefangennehmung  Salomons 
durch  Erchanger,  die  ihn  eine  Zeit  lang  vom  Hofe  fem  gehalten 
haben  muss  3,  und  an  des  Kanzlers  vom  König  gutgeheissene, 
dann  aber  vereitelte  Absicht  nach  Rom  zu  pilgern.  ^ 

Es  liegt  nahe  die  Frage  aufzuwerfen,  ob  etwa  die  Er- 
wähnung des  Kanzlers  in  den  Urkunden  ausser  in  der  Unter- 
schriftzeile, z«  B.  als  Fürbitter,  weitere  Aufschlüsse  zu  bieten 
vermag.  Und  obgleich  derartige  Notizen  fiir  Aufenthalts- 
bestimmungen nur  mit  aller  Vorsicht  verwerthet  werden  kön- 
nen,'"^  will  ich  hier  die  auf  Salomon  bezüglichen  zusammen- 
tragen. Verglich  ich  zuvor  seine  Stellung  mit  der  Liutwards, 
so  muss  ich  jetzt  bemerken,  dass  er  von  diesem  darin  vor- 
theilhaft  absticht,  dass  er  sich  in  den  Urkunden  seines  Königs 
nur  selten  als  Rathgeber  oder  Intervenient  nennen  liess,  nämlich 


1  Und  zwar  hat  SB.  sowohl  die  betreffende  Zeile  geschrieben  ala  aach 
das  Recog^nitionszeichen  geliefert.  —  Ich  übergehe  hier  K.  21,  weil  es 
nur  in  Al>8chrift  und  ohne  Unterfertigiing  vorliegt;  aber  sicher  verhielt 
es  sich  mit  der  Becognttion  dieses  Diploms  ebenso. 

2  In  Acta  Karol.  1,  93  wies  ich  für  den  Kanzler  Theoto  ein  Alibi  nach; 
aber  damals  ist  der  Kanzler  nicht  Recognoscent  (s.  S.  656),  sondern 
steht  den  späteren  Erzkapellanen  Grimold  n.  s.  w.  gleich.  ~  Auf  das 
Alibi  Salomons  hat  zuerst  Meyer  von  Knonan  im  Ekkehard  75  A.  262 
aufmerksam  gemacht  Das  ist  Ficker  entgangen,  welcher  in  den  Bei- 
trägen 2,  175  ff.  die  anderen  bisher  constatirten  Fälle  Reicher  Art  ge- 
sammelt und  besprochen  hat.  Fioker  kam  dort  zu  dem  Ergebniss,  dass 
Lintolf  der  erste  Kanzler  sei,  unter  dem  Nennung  des  abwesenden  Re- 
cognoscenten stattgefunden  habe,  und  brachte  das  gewiss  mit  Recht  in 
Zusammenhang  mit  der  Neuerung  vom  Jahre  953. 

'  Dttmmler  2,  591  und  Meyer  von  Knonau  im  Ekkehart  69  ff.  Doch  scheint 
mir  noch  nicht  erwiesen,  was  Dümmler  annimmt,  dass  Konrads  Zug  nach 
Schwaben  zu  Anfang  des  Jahres  914  stattgefunden  habe,  noch  was  Meyer 
von  Knonau  im  genauesten  Anschluss  an  die  Anna! es  Alamann.  annimmt, 
dass  der  Angriff  auf  Salomon  nach  Eintreffen  des  Königpi  in  Schwaben 
erfolg^  sei. 

*  Wartmann  ü.  B.  n»  778. 

*  Ficker  Beiträge  1,  160. 


Beifar&ge  sar  Oiplomatik  Yll.  705 

nnr  in  E.  2,  3,  11,  17  und  da  regelmässig  mit  einer  beträcht- 
lichen Anzahl  anderer  einflussreicher  Personen,  '  während 
doch  sonst  unter  Konrad  fast  regelmässig  Fürbitter  angeführt 
werden.  -  Wollten  wir  nun  in  den  letzteren  so  s^ahlreichen 
Fällen  aus  der  Nichterwähnung  von  Salomon  auf  dessen  Ab- 
wesenheit Bchliessen,  so  würde  er  geradezu  als  seltener  Gast 
des  Hofes  erscheinen,  was  sich  nicht  mit  anderen  Nachrichten 
und  am  wenigsten  mit  dem  reimen  würde,  was  ihm  in  K.  5 
nachgerühmt  wird:  frequens  famulatus  et  palatina  servitus.  ^ 

Mit  kluger  Zurückhaltung,  die  wir  darin  erblicken  dürfen, 
vertrug  es  sich  wohl,  dass  der  Kanzler  Salomon  in  Anbetracht 
der  politischen  Verhältnisse  nicht  einen  Augenblick  das  Heft 
aus  den  Händen  geben  und  selbst  wo  er  momentan  nicht  mit- 
wirken konnte,  doch  als  an  der  Vollziehung  der  Präcepte  be- 
theiligt erscheinen  wollte.  Ich  werde  später  zeigen,  dass  durch 
dieses  Ausschliessen  der  Notare  von  der  Recognition  auch  das 
VerhältnisB  des  Erzkapellans  zur  Kanzlei  berührt  wurde.  Es 
ist  offenbar  der  Ausnahmszustand,  in  dem  sich  die  königliche 
Autorität  befand,  ^  welcher  auch  zu  einer  Ausnahmsmassregel 
fährte,  als  welche  wir  die  Nennung  des  abwesenden  Kanzlers 
als  Recognoscenten  betrachten  müssen.  Denn  von  einer  schon 
damals  beginnenden  Neuerung  in  der  Art  die  Geschäfte  zu 
besorgen  kann  nicht  die  Rede  sein,  wenn  man  erwägt,  dass 
auch  in  den  folgenden  Jahrzehnten  die  Recognition  in  der 
Hauptsache  so  geregelt  blieb  und  so  gehandhabt  wurde,  wie  es 
seit  Arnolf  herkömmlich  geworden  war.  Es  war  also  auch 
unter  Konrad,  was  die  Subscriptionszeile  besagt,  noch  nicht 
zur  bedeutungslosen  Phrase  herabgesunken.  ^ 


1  In  K.  2  handelt  es  sich  obendrein  am  eine  Schenkung  für  S.  Gallen  and 
in  K.  11  am  eine  Rechtsfrage,  in  der  gerade  Salomon  competent  war 
mitzareden. 

3  Sie  fehlen  natürlich  in  den  Urkunden  über  nnbedeutende  Handlangeuf 
wie  in  den  Tanschbestätigangen  K.  20,  21,  ferner  in  Diplomen  kürzerer 
Fassung  wie  K.  14,  15.  Dagegen  finden  sie  sich  ausser  in  den  schon 
angeführten  Stücken  noch  in  K.  5,  8,  9,  10,  16,  28,  24,  27—31,  35,  36. 

3  Desgleichen  heisst  es  in  K.  12  (Schenkung  an  den  Kanzler):  per  multi- 
modae  servitutis  sedulitatem  simulque  magnae  caritatis  suae  cordetenus 
accensum  ardorem. 

4  DUmmler  2,  616. 

»  Aehnlich  Ficker  Beiträge  2,  169. 


706  Sickel. 

Ich  komme  nochmals  auf  die  Unterfertigung  von  K.  20,  22 
durch  SB.  zurück.  ^  Dieser  SB.  hat  damals,  wie  seine  sonstige 
Betheiligung  an  der  Arbeit  zeigt,  in  der  Kanzlei  eine  unter- 
geordnete Stellung  bekleidet  und  hat  namentlich  seinem  altem 
Genossen  Simon  nachgestanden.  Wenn  er  trotzdem  berufen 
gewesen  ist,  den  abwesenden  Kanzler  zu  vertreten,  so  wird  er 
dazu  wohl  einer  besonderen  Vollmacht  bedurft  haben.  An  eine 
solche  denke  ich  dann  auch  bei  K.  28  und  29  vom  Mai  und 
Juni  916,  indem  in  diesen  Diplomen  das  Recognitionszeichen 
von  einer  mir  sonst  nicht  begegneten  Hand  beigefugt  worden 
ist.  Im  übrigen  ist  es  denkbar,  dass  wenn  der  Kanzler  Salomon 
als  abwesend  keine  Art  von  Controle  hat  ausüben  können,  der 
König  in  eigener  Person  sich  in  der  damals  noch  üblichen 
Weise  an  der  Vollziehung  der  Präcepte  betheiligt  hat.  Zur 
Ergänzung  dessen,  was  Ficker^  über  die  Eigenhändigkeit  des 
betreffenden  Striches  in  den  Urkunden  Konrads  bemerkt  hat, 
trage    ich    hier    nach,    was    wir    schliesslich   gefunden    haben: 


1  In  K.  20  ist  die  Zeile  der  köoiglichen  Unterschrift  und  wahrscheinlich 
auch  die  der  Kanzlemnterschrift  früher  geschrieben  als  der  Context;  von 
der  letzteren  getrennt  ist  das  Recognitionszeichen.    Das  alles  kann  aber 
nicht   mit    der    damaligen    Abwesenheit   des   Kanzlers   zusammenhangen, 
denn  in  dem  unter  gleichen  Umständen  ausgefertigten  K.  22   ist,  soweit 
sich  erkennen  lässt,  alles  in  der  gewöhnlichen  Reihenfolge   geschrieben 
und  ist  auch  das  Recognitionszeichen  an  die  betreffenden  Worte  ange- 
hüngt.    So  folgere  ich  aus  der  Beschaffenheit  von  K.  20  nur,   dass  auch 
damals  die   Schreiber  zuweilen  Pergament  mit  Unterschriften   in  Bereit- 
schaft gehalten  haben   und   dass  die  Unterschriften  für  sich  alleio,  d.  h. 
ohne  das  signnm  und  ohne  das  Siegel  noch  nicht  als  Vollziehung  galten.  — 
Dass   im    Originaldiplome    K.  20    vor    zwei    Namen    die    Sigle    N.   vor- 
kommt,   veranlasst  mich    eine    diesbezügliche    Bemerkung   von   Stumpf- 
Brentano    in    Wirzb.   Immunitäten   2,  48  Anm.    zurückzuweisen,   um   so 
mehr,   da  dieselbe  auch  Ficker  Beitr.  1,  268   irre  geführt  hat.    Ich  habe 
diese  Sigle  nie  für  etwas  anderes  gehalten  oder  erklärt  als  für  nomine: 
sie  ist  in  Formeln  durchaus  synonym  dem  Pronomen  ille  and  will  be- 
sagen, dass  hier  der  betreffende  Eigenname  einzusetzen  ist,  vertritt  somit 
da   denselben.     Wenn    ein   Schreiber  dies  N.  aus   einer  Formel  in  ein 
Diplom    in  der  Weise  her  übernimmt,    dass  er  sie  vor  dem  Namen  be- 
stehen lässt,  so  ist  das  also  zum  Ueberfluss;  aber  das  Versehen  lag  am 
so  näher,  da  auch  in  den  Urkunden  Personen  sehr  häufig  mit  nomioe  A, 
nuncupatus  A  und  dergleichen   in  allen  Buchstaben  ausgeschrieben  ein- 
geführt wurden. 

2  Beiträge  2,  70 


Beiir&ge  zur  INplomfttik  YU.  707 

unter  zwanzig  Originaldiplomen  weisen  nämlich  achtzehn  Mo- 
nogramme auf,  in  denen  der  Vollziehungsstrich  deutlich  wahr- 
zunehmen ist.  1  Und  dafür,  dass  noch  in  dieser  Zeit  die  Haupt- 
figur zuerst  ohne  den  dem  König  vorbehaltenen  Schriftzug 
gezeichnet  wurde,  zeugt  K,  36 :  hier  ist  nämlich  unterhalb  der 
jetzigen  Zeile  der  königlichen  Subscription  ein  derartiges  un- 
vollendetes Handmal  sichtbar,  welches  wegen  nicht  passender 
Stellung  ausradirt  worden  ist.  ^  Persönliches  Eingreifen  des 
Königs  konnte  aber  um  so  mehr  als  Ersatz  für  Betheiligung 
des  als  Recognoscenten  genannten  Kanzlers  gelten,  da  dieser 
sonst  die  iussio  regis  auszuführen  und  zu  verbürgen  berufen  war. 
Ich  gehe  zur  Kanzlei  Heinrich  I.  über.  Wiederum  gab 
die  politische  Situation  ^  den  Ausschlag  dafür,  dass  damals  die 
Erzkapellanwürde  von  Salzburg  an  Mainz  überging.  Vielleicht 
ist  das  nicht  ohne  Bedenken  und  Anstände  geschehen.  In  H.  1 
ist  nämlich,  obgleich  dasselbe  erst  vom  3.  April  920  datirt, 
von  dem  Subscribenten  Herigeri  archiepiscopi  erst  eingeschoben 
worden  zwischen  die  früher  geschriebenen  Worte  Symon  nota- 
riuB  advicem  und  recognovi,  so  dass  bei  der  Ausstellung  noch 
fraglich  gewesen  sein  muss,  wer  hier  genannt  werden  sollte. 
Femer  fällt  mir  auf,  dass  Simon,  der  unter  Konrad  an  dieser 
Stelle  regelmässig  vom  Erzkapellan  spricht,  bei  Nennung  He- 
rigers  anfangs  schwankt.  In  H.  1,>  2,  4,  11  bezeichnet  er  ihn 
nur  als  archiepiscopus  und  als  archicapellanus  erst  in  H.  3, 
6,  9  u.  s.  w.  *  Dagegen  wird  für  seinen  Nachfolger  Hiltibertus  * 
gleich  in  dem  ersten  Diplom  die  Titulatur  archicappellanus 
angewandt^  die  nur  in  H.  18  durch  archiepiscopus  princepsque 
cappellanus  ersetzt  wird.  Dass  in  H.  31  und  41  der  Name 
ohne  Titel  gesetzt  wird,  hängt  mit  der  Gewohnheit  des  be- 
treffenden   Subscribenten    zusammen.    Für    die   lothringischen 


*  Nicht  80  in  E.  2,  16,  was  aber  noch  nicht  ausschliesst,  dass  auch  hier 
der  Strich  vom  König  eigenhändig  zugefügt  worden  ist. 

'  Der  Fall  steht  also  dem  in  Acta  Earol.  1,  318  besprochenen  durchaus 
gleich. 

3  Waitz  Jahrbücher  H.  I  S.  40. 

^  Dazwischen   schreibt  er  in  H.  6  und  7  archiepiscopus  snmmusqae  cap- 
pellanus. 

5  Heriger  zuletzt  in   H.   14  vom  18.  October  927.    Er    starb    am    1.  De- 
cember  927  (Waitz  H.  I.  120).   Hiltibertus  zuerst  in  H.  16  vom  27.  De- 
cember  927. 
SitzQDgsber.  d.  phiL-hist.  Cl.  XCIII.  Bd.  IV.  Hü.  46 


708  Bickel. 

Gebiete  behaupteten  jedoch  die  Erzbischöfe  von  Trier  einen 
gewissen  Antheil  an  der  Ausfertigung  der  Urkunden.  Der 
ihnen  da  gebührende  Titel  wird  der  eines  £rzkanzlerB  gewesen 
sein  (H.  16  und  21),  obwohl  Erzbischof  Rodbert  im  Original- 
präcept  H.  40  sogar  Erzkapellan  genannt  wird.  Dessen  Vor- 
gänger Rotger  war,  wie  ich  annehme,  am  27.  Januar  930 
gestorben.  ^  Dass  die  Wiederbesetzung  des  erzbischöflichen 
Stuhles  sich  einige  Zeit  verzögert  habe,  folgere  ich  daraus, 
dass  H.  23  und  24  vom  5.  und  vom  30.  Juni  930  advicem 
Hiltiberti  recognoscirt  worden  sind.  Rotbert  begegnet  dann^ 
wenn  man  nicht  für  die  Fälschung  Stumpf  36  (H.  43)  eine  echte 
Vorlage  annehmen  will,  erst  in  der  Unterschrift  von  H.  40  vom 
Jahre  935.  Auf  das  diesbezügliche  Verhältniss  von  Mainz  zu 
Trier  will  ich  erst  an  anderem  Orte  näher  eingehen.  Hier  sei 
nur  noch  bemerkt,  dass  die  Scheidung  in  eine  deutsche  und 
in  eine  lothringische  Kanzlei  sich  lediglich  in  der  Erwähnung 
des  Mainzer  oder  des  Trierer  Erzbischofs  äussert  und  dass 
die  geschäftsführende  Kanzlei,  anders  als  unter  Ludwig  IV., 
einheitlich  blieb. 

Bis  in  das  Jahr  931  hinein  hat  Heinrich  das  Kanzleramt 
unbesetzt  gelassen.  Die  Besorgung  der  Geschäfte  wurde  einem 
Manne  anvertraut,  welcher,  nachdem  er  bereits  unter  Ludwig  IV. 
in  der  Kanzlei  gedient  hatte,  durch  die  ganze  Regierungszeit 
Konrads  am  meisten  beschäftigt  gewesen  war :  ^  dort  nannte 
ich  ihn  Salomon  A,  hier  gibt  er  sich  gleich  in  H.  1  als  Simon 
zu  erkennen.  Wenden  wir  auf  ihn  all  die  Kennzeichen  an,  die 
ich  früher  als  die  Kanzler  und  die  Notare  unterscheidend  be- 
zeichnet habe,  so  können  wir  über  seine  Stellung  nicht  in 
Zweifel  sein;  sie  lässt  sich  am  ehesten  mit  der  Hebarhards 
(S.  661)  vergleichen.  Nur  hinweisen  will  ich  auf  den  r^en 
persönlichen  Äntheil,  den  Simon  auch  unter  Heinrich  als  Dic- 
tator  und  Ingrossist  an  dem  Urkundengeschäft  nimmt,  um 
näher  auf  ihn  als  Recognoscenten  einzugehen.    Genannt  wird 


1  Waitz  H.  I.  143  setet  den  Tod  zum  gleichen  Tage  931  mit  Berafang 
aaf  die  Ann.  8.  Maximini.  Aber  da  diese  damals  das  Incarnationsjahr 
um  1  anticipiren,  haben  wir  ihr  931  in  unser  930  zu  fibertragen,  wonof 
auch  die  von  Brower  mitgetheilte  Inschrift  hinweist. 

>  Danach  ist  zu  berichtigen,  was  Waitz  Verf.  Gesch.  ü,  280  über  den 
Wechsel  beim  Regierungsantritt  Heinrichs  sagt. 


Beiträge  zur  Diplornttik  YII.  709 

er  als  solcher  in  H.  1—20,  22—24,  26,  27,  so  dass  nur  H.  21 
and  25  Ausnahmen  bilden,  von  denen  gleich  insbesondere  die 
Rede  sein  soll.  Er  ist  aber  in  den  meisten  Fällen  zugleich 
Subscribent.  Von  fünfzehn  Originalpräeepten  hat  er  die  ganze 
Unterfertigung  besorgt.  In  H.  14  hat  er  wenigstens  das  signum 
recognitionis  geliefert.  Nur  H.  19  hat  er  einem  seiner  Ge- 
nossen und  H.  12  hat  er  einem  Mönche  von  St.  Gallen  über- 
lassen, in  seinem  Namen  zu  subscribiren.  Er  legt  sich  dabei 
in  der  Regel  den  Notartitel  bei  und  wenn  er  abweichend  davon 
sich  in  H.  6,  7  cancellarius  nennt,  so  ist  er  dazu  möglicher 
Weise  durch  die  betreffenden  Vorurkunden  veranlasst  worden. 
Ich  bemerke  noch,  dass  auch  in  dieser  Zeit  Simon,  so  oft  er 
selbst  unterfertigt  oder  doch  wenigstens  das  Recognitionszeichen 
hinzufügt,  in  diese  Noten  einträgt,  mit  deren  erster  er  seinen, 
des  Recognoscenten  Namen  wiederholt. 

Unter  den  zwei  nicht  von  Simon  recognoscirten  Stücken 
dieser  Periode  begegnet  zuerst  H.  21  für  das  Bisthum  Toul 
mit  ego  Valchingus  etc.  Bei  der  schlechten  Ueberlieferung 
dieser  Urkunde  kann  ich  auf  diesen  Namen  keinen  Werth  legen. 
Da  aber  seine  Entstehung  aus  ursprünglichem  Simon  sehr  un- 
wahrscheinlich ist,  so  muss  ich  annehmen,  dass  in  dem  ver- 
lornen Archetyp  ein  anderer  Name  als  der  Simons  gestanden 
habe.  Daran  ist  auch  kein  Anstoss  zu  nehmen.  Mag  das 
Kanzleramt  besetzt  sein  oder  nicht,  so  finden  wir  fast  regel- 
mässig mehrere  Notare  nebeneinander  beschäftigt,  und  wenn 
auch  Simon  damals  eine  hervorragende  Stellung  eingenommen 
hat,  so  schliesst  das  nicht  aus,  dass  ihm  Genossen  zur  Seite 
gestanden  und  je  nach  Umständen  gleich  ihm  nach  der  Formel 
N.  adv.  A.  recognoscirt  haben.  Arbeiten  neben  Simon  doch 
noch  andere  Ingrossisten  und  solchen  konnte,  im  Fall  der  Ver- 
hinderung Simons,  sehr  wohl  auch  die  Unterfertigung  im  eigenen 
Namen  aufgetragen  werden.  So  fragt  sich  nur,  ob  die  ab- 
weichende Recognition  in  H.  21  nicht  meiner  Auffassung,  dass 
die  Kanzlei  Heinrichs  eine  ungetheilte  gewesen  sei,  im  Wege 
steht.  Den  Ausschlag  geben  da  H.  16  für  dasselbe  Toul  und 
H.  24  für  8.  Maximin,  beide  von  Simon  unterfertigt,  dann  aus 
den  folgenden  Jahren  H.  40  für  Stablo  von  Poppo  recognoscirt. 

Die  zweite  Ausnahme,  nämlich  dass  H.  25  vom  December 

930  von  Folcmar  recognoscirt  worden  ist,  stösst  noch  weniger 

46* 


710  Sickel. 

den  Satz  um,   dass  gerade  während  der  Vacanz  des  Kanzler- 
amtes   die  Recognition    möglichst    einem    einzigen ;    besonders 
geschäftskundigen  und  erprobten  Notar  anvertraut  worden  sein 
wird.  Denn  Simon,  den  ich  als  Ingrossisten  bereits  im  Jahre  906 
nachweise,  wird  930  schon  ziemlich  bejahrt  gewesen  sein,  und 
wie  er  ersichtlicher  Weise  seit  929  die  Arbeit  mehr  und  mehr 
andern  Männern  überlässt,  könnte  er  wohl,  kurz  bevor  er  ganz 
vom   Schauplatz   verschwindet,    auch   behindert  gewesen    sein, 
die   ihm   sonst    obliegende   Recognition   zu  besorgen,    so   dass 
Folcmar  nur  zeitweise  ihn  vertreten  habe.   Jedoch  ehe  ich  diese 
Frage  erledige,  muss  ich  von  einer  andern  handeln.  —  Stumpf 
hält  diesen  Folcmar  für  dieselbe  Person,  welche  von  H.  23  an 
sämmtliche  Diplome  recognoscirt,  oder  er  setzt  Folcmar  gleich 
dem  spätem  Kanzler  Poppe.  ^    Er  knüpft  da  offenbar  an  eine 
Aeusserung  von  Waitz  in  Mon.  Germ.  SS.  4,  350  an,  welcher 
.  nachweist,  dass  mehrere  Männer  des  zehnten  Jahrhunderts  bei 
den  Zeitgenossen  die  beiden  Namen  Folcmar  und  Poppo  fuhren  - 
und  darauf  hin   beide  Namen  für  so  gleichbedeutend  erklärt, 
als  es  Liudolf  und  Dudo  seien.    Ich   bin   von   der  Richtigkeit 
dieser  Annahme  noch  nicht  überzeugt.    Was  zunächst  die  Pa- 
rallelisirung   mit  Liudolf- Dudo   und   anderen  solchen   Doppel- 
namen betrifft,  so  ist  ja  Dudo  Kosename  zu  Liudolf  und  ist  mit 
diesem  auch  lautlich  verwandt,  Beziehungen  die  meines  Wissens 
zwischen  Folcmar  und  Poppe  nicht  bestehen.  ^    Dann  scheint 
mir  aus  dem  Umstände,  dass  gewisse  Personen  mit  dem  zwie- 
fachen Namen  bezeichnet  werden,  doch  noch  nicht  solche  Iden- 
tität von  Folcmar  und  Poppo  gefolgert  werden  zu  dürfen,  dass 
wir  jeden  Folcmar  =  Poppo  setzen  müssen  und  umgekehrt^ 
Um   nun  insbesondere  von  dem  Kanzler  Heinrichs   und  Ottos 
Poppo,  dem  späteren  Bischof  von  Wirzburg,  zu  reden,  so  wird 
dieser  so   oft  in  den   Quellen    angefLihrt,    aber    nie    Folcmar 


'  So  auch  Waitz  Verfassung^s-Gesch.  6,  277. 

3  Bestätigt  von  Dümmler  Otto  I.  466,  Anm.  4. 

3  Stark  in  Wiener  Sitznngs-Berichten  52,  282  und  286  handelt  von  Poppo 

und  von  Folcmar,  jedoch  ohne  irgend  ein  VerhSltniss   zwischen  ihnen 

zu  berühren. 
*  Offenbar  zwei  verschiedene  Personen  sind  auch  in  der  Kölner  Urknnde 

vom    Jahre  964  in  Lacomblet    1,   n*"    106   gemeint  mit:    domno  qaoqae 

Poppone,  Folcmaro  etc. 


B6itri«re  snr  Diplomatik  YII.  711 

benannt.  ^  Ferner  weise  ich  darauf  hin,  dass  unter  den  Grafen 
von  Henneberg,  zu  deren  Geschlecht  auch  der  Wirzburger 
Poppe  gehört  haben  soll,  ^  der  Name  Poppe  sehr  häufig  ist, 
aber  nicht  ein  Mal  der  Name  Folcmar  vorkommt.  Es  kann 
demnach  meines  Erachtens  nur  als  Vermuthung  hingestellt 
werden,  dass  der  Folcmar  in  H.  25  identisch  sei  mit  dem 
spätem  Kanzler  Poppe.  Doch  auch  das  zugegeben,  kann  ich 
der  Meinung  von  Stumpf  nicht  beipflichten,  dass  wiederholt 
der  nachfolgende  Kanzler  seine  Functionen  bereits  unter  dem 
Vorgänger  begonnen  und  durch  diesen  gleichsam  in  die  Ge- 
schäftsleitung eingeführt  worden  sei,  eine  Meinung,  welche 
Stumpf  unter  anderen  auf  das  zwischen  Folcmar  und  Poppe 
bestehende  Verhältniss  stützt;  ferner  darauf,  dass  sich  des 
weitern  zwischen  Poppe  und  Brun  keine  feste  Grenze  ziehen 
lasse.  Letzteres  erörtere  ich  an  seinem  Orte  (S.  718).  Der 
Vorgang  unter  Heinrich  lässt  auch  unter  Annahme  der  Identität 
noch  eine  andere  Deutung  zu:  der  Mann,  welcher  den  Notar 
Simon  ein  oder  mehrere  Male  zu  vertreten  berufen  wurde, 
d.  h.  des  Königs  Befehl  erhielt  und  ausführte,  mag  dann  nach 
Simons  Rücktritt  oder  Tod  zum  Kanzler  ernannt  worden  sein ; 
aber  dass  er  bereits  einige  Monate  früher  recognoscirt  hat, 
besagt  nicht,  dass  er  schon  damals  Kanzler  gewesen. 


1  Erwähnen  muss  ich  doch  noch  die  Recognition:  Folcmaraa  cancellarius 
vice  Hildeberti  archicapellani  in  einer  angeblich  von  Otto  I.  für  MeiBsen 
ausgestellten  Urkunde  (Stumpf  154),  im  zwölften  Jahrhundert  ge- 
schrieben, jetzt  im  Dresdener  Archiv.  Für  diese  Fälschung  ist  sicherlich 
ein  Diplom  Heinrichs  mit  gleicher  oder  fast  gleicher  Unterschrift  benutzt 
worden.  Aber  wohin  sollen  wir  letztere  setzen,  vor  oder  nach  H.  28? 
Für  den  zweiten  Ansatz  könnte  man  den  Kanzlertitel  geltend  machen 
und  dann  folgern,  dass  auch  der  Kanzler  gewordene  Poppo  in  Sub- 
scriptionen  noch  Folcmar  genannt  worden  wäre.  Aber  das  hiesse  doch 
nur  Möglichkeit  auf  Möglichkeit  aufbauen.  Und  mit  gleichem  Rechte 
Hesse  sich  dann  die  häufige  Verwechslung  von  notarius  und  cancellarius 
geltend  machen  und  die  andere  Möglichkeit  betonen,  dass  es  einen  von 
Poppo  verschiedenen  Mann  Folcmar  gegeben,  welcher  vor  H.  28  eine 
Urkunde  als  Notar  und  eine  andere  als  Kanzler  recognoscirt  hätte.  Kurz 
aus  St.  164  glaube  ich  nicht  mehr  folgern  zu  dürfen,  als  dass  H.  25  als 
von  Folcmar  recognoscirt  nicht  allein  gestanden  hat,  womit  sich  noch 
immer  die  obige  Erklärung  durch  zeitweise  Verhinderung  Simons  ver- 
tragen würde. 

^   Oegg  Korographie  von  Würzburg  1,  273. 


712  Sickel. 

Den  Uebergang  von  Simon  zu  Poppo  begleiten  noch  andere 
Umstände.  Das  letzte  von  Simon  recognoscirte  Stück  ist  H.  26 
vom  23.  Februar  931.  ^  Als  erstes  Diplom  aus  der  Kanzlei- 
periode Poppos  gilt  mir  sonach  H.  28  vom  14.  April  931. 
Dass  ich  für  die  Echtheit,  ja  Originalität  dieser  Urkunde  ein- 
trete,  obgleich  ich  anerkenne,  dass  die  Fassung  eine  ganz 
ungewöhnliche^  und  die  Schrift  sehr  unbeholfen  ist,  glaube 
ich  hier  weiter  ausführen  zu  müssen.  Bei  jedem  Wechsel  im 
Kanzleramt  wird  wohl  zu  beachten  sein,  ob  der  neue  Kanzler 
das  bislang  amtii^ende  Personal  ganz  oder  doch  zum  Theil 
beibehalten  oder  ob  er  etwa  dasselbe  vollständig  erneuert  hat, 
denn  auf  die  Stetigkeit  in  der  Behandlung  der  Urkunden  muss 
der  eine  oder  andere  Fall  verschieden  eingewirkt  haben.  Nun 
steht  fest,  dass  Poppo  nicht  einen  der  bis  931  nachweisbaren 
Ingrossisten  mehr  verwendet  hat.  Und  gleiches  gilt  wahr- 
scheinlich von  den  Dictatoren.  ^  Trat  also  damals  ein  Wechsel 
des  gesammten  Personals  ein,  so  wird  der  im  März  oder  im 
April  zum  Vorstand  der  Kanzlei  bestellte  Poppo  sein  Bureau 
erst  haben  bilden  müssen  und  am  14.  April  wird  er  sich,  als 
es  galt  H.  28  auszustellen,  mit  dem  ersten  besten  Dictator 
und  Scriptor  haben  behelfen  müssen.  In  die  Nothlage  wäre 
aber  Poppo  schwerlich  gekommen,  wenn  er  schon  einige  Zeit 
als  designirter  Kanzler  an  den  Geschäften  theilgehabt  hätte. 
Des  weitern  scheint  mir  unter  solchen  Umständen  auch  die 
Identität  von  Poppo  und  Folcmar  auf  schwachen  Füssen  zu 
stehen. 

Mit  Fug  und  Recht  kann  man  bei  Poppo  von  einer  durch 
ihn  bestimmten  Kanzleiperiode  reden,  d.  h.  Poppo  hat  zwei 
Regenten  in  gleicher  Weise  als  Kanzler  gedient  und  hat  unter 
beiden  seine  Obliegenheiten  in  wesentlich  gleicher  Weise  ver- 
sehen. Wieweit  sich  diese  Periode  nach  vorwärts  erstreckt  hat, 
lässt  sich  wiederum  nicht  mit  einem  Worte  sagen.  *    Der  nächste 


1   ö.  die  Vorbemerkung  zn  dieser  Urkunde  in  den  Kaiserurkuuden. 

^  Das  gilt  auch  von  der  Datirungsformel,  deren  Unregelmässigkeit  unier 
den  oben  dargelegten  Umständen  nicht  weiter  auffallen  kann  und  daher 
der  von  Ficker  Beiträge  2,  292  vorgeschlagenen  Erklärung  nicht  bedarf. 

3   S.  Kaiflerurkunden  38. 

*  Ich  habe  von  hier  an  auch  Diplome  Otto  I.  anzuführen  und  sehe  mich 
da  veranlasst,   sie  nach   den  Nummern  des  Stumpfschen  Verzeichnisses 


Beitriffe  zur  Diplomfttik  YII.  713 

Kanzler  Brun  tritt  zum  ersten  Male  am  25.  September  940  auf 
(Stumpf  92).  Nachdem  einige  Urkunden  in  seinem  Namen 
recognoscirt  worden  waren,  lautet  dann  nochmals  in  Stumpf  95 
vom  23.  April  941  die  Unterfertigung:  Poppo  etc.  Ich  werde 
später  auf  die  Beschaffenheit  letzterer  Urkunde  näher  eingehen 
und  zeigen,  dass  es  sich  um  eine  seit  langem  vom  Könige 
dem  damaligen  Kanzler  Poppo  befohlene,  dann  aber  verzögerte 
Beurkundung  handelte:  daher  hat  ein  Untergebener  Poppo's« 
das  Präcept  geschrieben  und  mit  einer  Poppo  als  Recognos- 
centen  nennenden  Unterschrift  vollzogen.  Nur  in  diesem  Sinne, 
dass  ein  Kanzler,  auch  nachdem  ihm  bereits  ein  Nachfolger 
gegeben  war,  doch  noch  die  ihm  übertragenen  Geschäfte  ab-  ' 
zuwickeln  hatte,  kann  ich  nach  Ergebniss  der  von  mir  bisher 
angestellten  Untersuchungen  der  Annahme  von  Stumpf  bei- 
pflichten, dass  zuweilen  zwei  Kanzler  nebeneinander  fungirt 
haben  sollen. 

Fassen  wir  zunächst  wieder  ins  Auge,  wer  in  dieser  Reihe 
von  Urkunden  als  Recognoscent  genannt  wird.  In  der  Haupt- 
sache wiederholt  sich  auch  hier,  dass  der  Kanzler  in  seinen 
Anfängen  lebhaft  und  dann  minder  lebhaft  an  der  Recognition 
betheiligt  erscheint.  Genauer  gesagt,  war  Poppo  unter  Heinrich  I. 
regelmässig  Recognoscent,  wechselte  dann  aber  unter  Otto  I. 
mit  mehreren  Notaren  ab  .und  zwar  so,  dass  vorübergehend 
wieder  die  drei  Tormen  der  Recognition  in  Anwendung  kamen. 
Das  darzuthun  und  überhaupt  Einrichtung  der  Kanzlei  und 
Besetzung  der  Stellen  zu  jener  Zeit  in  das  rechte  Licht  zu 
stellen,  muss  ich  auf  die  Subscribenten  zurückgreifen. 

Als  solche  kommen  bis  936  in  Betracht  Poppo  A.,  PB.,  PC.  ^ 
Zu  ihnen  gesellen  sich  unter  Otto  I.  als  weitere  Subscribenten 


zu  citiren,  obschon  ich  mehrfach  in  der  chronologischen  Einreihnng  von 
Stumpf  abweiche.  Ich  habe  nSmlich  noch  nicht  die  sämmtlichen  Ur- 
ktinden  Otto  I.  nach  allen  Gesichte pnnkten  hin  prüfen  können  und 
nehme  deshalb  Anstand,  eine  neue  Zählung  anzuwenden)  welche  eventuell 
noch  durch  eine  dritte  ersetzt  werden  müsste.  Insoweit  ich  einige  Stücke 
anders  als  Stumpf  datire,  werde  ich  dies  durch  Hinzufügung  des  von 
mir  gewonnenen  Datums  zu  der  Regestennummer  bemerklich  machen, 
und  insoweit  eine  nähere  Begründung  meiner  Datirung  schon  hier  er- 
forderlich sein  sollte,  werde  ich  sie  an  geeignetem  Orte  einschalten« 
1  Diese  Bezeichnung  der  drei  Subscribenten  weicht  von  der  im  N.  Archiv 
1,   459   ff.   gewählten   ab.    Indem    ich  im  Jahre  1876  noch  nicht  alle 


714  Sickel. 

und  eventuell  Recognoscenten  Adaltag,  Notker  und  wohl  ein 
Cleriker  des  Adaltag.  Und  zwar  vertheilen  sich  die  Subscrip- 
tionen  der  Diplome  folgendermassen  auf  sie.  ^ 

PA.  unterfertigte  H.  29,  31,  41,  St.  59,  67,  68,  70,  71,  73, 
74,  82,  95;  PB.  H.  32,  St.  80,  87,  90  R.  (wo  wir  seinen  Namen 
Adalman  kennen  lernen);  PC.  H.  37,  40,  St  77,  78,  81,  86, 
88,  89.  ^  Adaltag  subscribirte  wahrscheinlich  St.  56  R.  selbst, 
während  ich  die  Unterschrift  der  gleichfalls  von  ihm  recognos- 
cirten  St.  57,  58  einem  in  seinem  Dienste  stehenden  Cleriker 
beilege.  Endlich  ist  Notker  Subscribent  von  St.  83,  84,  und 
zugleich  Recognoscent  von  St.  83. 

Auch  in  dieser  Zeit  noch  verdienen  die  eventuell  in  die 
Recognitionszeichen  gesetzten  Noten  Beachtung.  '^  In  der  Regel 
deckt  sich  noch,  wie  in  den  von  Simon  subscribirten  Diplomen, 
der  in  Buchstaben  ausgeschriebene  Name  des  Recognoscenten 
mit  dem  im  Zeichen  durch  die  erste  Note  angedeuteten.  Wie 
zumeist  Poppe  als  Recognoscent  genannt  wird,  so  wird  auch 
die  Note  für  diesen  Namen  von  den  drei  Schreibern  PA,  PB, 
PC.  fast  jedesmal  wiederholt.  Aber  auch  wo  PB.  oder  Adalman 
sich  selbst  als  Recognoscenten  anführt,  bedient  er  sich  der  Note 

Originale  dieser  Zeit  kannte,  konnte  ich  noch  nicht  definitiv  angeben, 
in  welcher  zeitlichen  Reihenfolge  diese  drei  M&iner  als  Unterfertiger 
der  Originalprficeptc  auftauchen.  Indem  ich  jetzt*  diese  BeihenfoIgCf 
nach  der  am  füglichsten  die  Siglen  gewfiblt  werden,  definitiv  festgestellt 
habe,  nenne  ich  fortan  Poppo  A  den  früher  mit  PB.  bezeichneten 
ISchreiber  und  PC.  den  früher  PA.  bezeichneten;  zwischen  beiden  reihe 
ich  jetzt  Adalman  als  PB.  ein. 

I  Durch  Beifügung  eines  R.  zu  den  Nummern  hebe  ich  die  Stücke  henror, 
welche  von  den  betreffenden  Unterfertigem  zugleich  recognoscirt  sind. 
Die  nicht  mit  R.  versehenen  Diplome  sind  also  die,  in  welchen  der 
Kanzler  selbst  als  Recognoscent  genannt  wird.  —  Den  nicht  wieder 
vorkomnfenden  Schreiber  von  H.  28  übergehe  ich  in  dieser  Aufzählang. 

^  Nachzeichnungen  der  Hand  von  PC.  liegen  überdies  vor  in  St.  64  und  69. 
Es  ist  nicht  unmöglich,  dass  PC.  einen  Gehülfen  gehabt  hat,  welcher 
seine  Schrift  nachzuahmen  versucht  hat;  in  diesem  Falle  könnten  beide 
Stücke  Kanzleiausfertigungen  sein.  Aber  es  ist  auch  Entstehung  dieser 
Schriftstücke  ausserhalb  der  Kanzlei  und  ohne  deren  Wissen  denkbar 
und  ich  ziehe  daher  vor,  dieselben  als  Diplome  fraglicher  Originalität 
zu  bezeichnen. 

3  Ausführlich  handle  ich  von  denselben  in  den  nächsten  Beiträgen,  ver- 
werthe  aber  die  Ergebnisse  schon  hier. 


Reiir&ff»  xnr  Diplomatik  VII.  715 

für  Poppo.  Umgekehrt  macht  es  Notker,  indem  er  sowohl  in 
St.  83,  das  er  selbst  recognoscirt,  als  in  St.  84^  dessen  Re- 
cognition  auf  Poppo's  Namen  lautet,  die  gleiche  Note  bildet, 
welche  nur  Sigle  für  Notker  sein  kann.  Wieder  anders  steht 
es  mit  den  von  Adaltag  recognoscirten  Diplomen,  denn  St  57 
und  58  weisen  an  den  betreffenden  Stellen  eine  Schlangenlinie 
auf,  mit  der  möglicher  Weise  Adaltag  bezeichnet  werden  soll, 
während  auf  Adaltag  als  Recognoscent  von  St  56  im  Zeichen 
die  für  Poppo  gebräuchliche  Note  folgt.  Vielleicht  haben  die  be- 
treffenden Subscribenten  oder  Zeichner  des  signum  recognitionis 
die  von  Simon  befolgte  Regel  nicht  gekannt  oder  nicht  anerkannt. 
Aber  da  in  St.  56  und  84  das  Zeichen  von  der  Schriftzeile  ab- 
getrennt und  wohl  nachträglich  gemacht  worden  ist,  könnte  der 
Hinweis  dort  auf  Poppo  und  hier  auf  Notker  auch  besagen,  dass 
diese  im  Augenblick  der  Besieglung  anwesend  gewesen  sind. 

Lässt  sich^  da  nicht  klar  sehen,  so  scheint  mir  die  Er- 
wähnung von  Poppo  neben  Adaltag  in  St.  56  geeignet,  in 
einer  Fri^e  den  Ausschlag  zu  geben,  die  ich  bisher  nicht  be- 
rührt habe.  Ich  habe  nämlich  Poppo  als  Kanzler  von  931 — 940 
bezeichnet  und  habe,  wie  ich  überhaupt  je  nur  einen  Kanzler 
annehme,  Adaltag  als  einen  der  Poppo  untergeordneten  Notare 
hingestellt  Anders  fasst  Stumpfe  das  Verhältniss  auf:  er  reiht 
Adaltag  unter  die  Kanzler  ein  und  lässt  ihn  zu  gleicher  Zeit 
mit  Poppo  fungiren.  ^ 

Verfolgen  wir  zunächst  Poppo  allein  durch  alle  Urkunden 
dieser  Jahre  hindurch.  Unter  Heinrich  wird  ihm  in  der  Recogni- 
tion  nur  vier  Mal  der  Titel  cancellarius  beigelegt,  dagegen  sieben 
Mal  der  Titel  notarius :  jenes  geschieht  in  H.  28,  dann  in  H.  36 
von  P  A.  und  in  H.  37,  40  von  P  C.  unterfertigt ;  Notar  dagegen 
nennt  ihn  PA.  in  H.  29,  31,  41  und  regelmässig  PB.» 

>  Reichsk&nzler  2,  8. 

3  Vorsichtig  drücken  sich  sowohl  Dümmler  Otto  67  and  544 »  als  Waitz 
Verf.  Gesch.  6,  278  aus.  Doch  neigt  auch  letzterer  der  Ansicht  zu,  dass 
die  Kanzlei  erst  mit  der  Zeit  eine  festere  Gestalt  angenommen  habe  und 
dass  erst  seit  Otto  III.  es  im  deutschen  Reiche  regelmässig  nur  ^inen 
Kanzler  gegeben  habe. 

3  Die  Titulaturen  in  den  Noten  kommen  deshalb  nicht  in  Betracht,  weil 
vor  wie  nach  Poppo  eine  Note  für  cancellarius  nicht  bekannt  gewesen 
ist,  sondern  von  allen  Schreibern  ohne  Ausnahme  nur  das  Zeichen  für 
notarius  gesetzt  wird. 


716  Sickel. 

Folglich,  wollte  man  sich  lediglich  an  die  Titulaturen 
halten,  so  könnte  man  Poppe  bis  zum  Jahre  936  als  Simon 
gleich  gestellt  betrachten  und  die  Vacanz  des  Eanzlerpostens 
noch  fortdauern  lassen.  Aber  dies  hiesse  das  eine  Moment 
weit  überschätzen.  Dass  auch  ein  wirklicher  Kanzler  ver- 
einzelt Notar  genannt  wurde,  sahen  wir  schon  bei  Salomon. 
Dass  es  in  den  Jahren  931 — 936  häufiger  geschah^  könnte 
allenfalls  damit  zusammenhängen,  dass  man  sich  unter  Simon 
mehr  an  den  Notartitel  gewöhnt  hatte.  Den  Ausschlag  gibt 
doch,  was  wir  sonst  von  Poppe  und  seiner  Stellung  in  der 
Kanzlei  wissen.  Gleich  nach  seinem  Eintritt  ist  er  ganz  im 
Gegensatz  zu  Simon  vorgegangen.  Die  vielen  auf  H.  28  fol- 
genden Diplome,  die  noch  als  Archetype  vorliegen,  weise  ich 
sämmtlich,  wie  schon  gesagt,  bestimmten  Personen  zu,  mit 
deren  keiner  der  Kanzler  identisch  sein  kann.  Also  muss  ich 
jetzt  noch  entschiedener  als  früher  ^  die  Annahme,  dass  Poppe 
sich  am  Schreibgeschäft  betheiligt  habe,  zurückweisen.  Höch- 
stens könnte  das  erste  von  ihm  recognoscirte  Diplom  H.  28 
ihm  als  Schreiber  beigelegt  werden,  was  bei  dessen  Beschaffen- 
heit (S.  712)  erst  recht  beweisen  würde,  dass  gerade  dem  Chef 
der  Kanzlei  nicht  allein  die  Fertigkeit  zu  schreiben  abgegangen, 
sondern  auch  die  Vertrautheit  mit  den  herkömmlichen  Formeln. 
Nicht  so  bestimmt  kann  ich  in  Abrede  stellen,  dass  Poppe  an 
der  Conceptarbeit  theilgenommen,  weil  sich  in  dieser  Hinsicht 
überh^^upt  ein  stricter  Beweis  nicht  fähren  lässt.  Aber  auch 
hier  kann  sein  Antheil  ein  nur  geringer  gewesen  sein.  Er- 
scheint er  somit  fast  nur  als  Leiter  der  Geschäfte,  so  folgere 
ich  daraus,  dass  er  schon  unter  Heinrich  dieselbe  Stellung 
eingenommen  hat  wie  unter  Otto.  Unter  diesem  wird  Poppo 
nie  mehr  Notar  genannt.  PA.  der  überhaupt  mit  Absicht  die 
Titel  vermeidet,  2  legt  in  den  letzten  Jahren  auch  dem  Re- 
cognoscenten  Poppo  keinen  Titel  bei.  Früher  aber  nennt  er 
ihn  cancellarius,  wie  das  PB.  und  PC.  seit  936  regelmässig 
thun.  Ja  in  den  an  seiner  Statt  recognoscirten  St.  83  und  90 
wird  er  zum  archicancellarius  gemacht.  Und  dass  überhaupt 
zwei  verschiedene  Notare  advicem  Popponis  recognosciren,  gibt 


I  Nettes  Archiv  1,  469. 

3  Auch  die  Erzkapellane  führt  er  zumeist  nur  mit  den  Namen  ein. 


Beitrage  zar  Diplomatik  VII.  717 

vollends    den    Ausschlag    und   behebt   jeden    Zweifel    an    der 
Kanzlerschaft  des  späteren  Bischofs  von  Wirzburg. 

Mit  Adaltag  dagegen  steht  es  so.  Seinem  Qeburtsstande 
nach  konnte  er  unzweifelhaft  zum  Kanzler  emporsteigen.  Aber 
dass  ihm  das  gelungen  sei,  lässt  sich  nicht  erweisen.  Er  heisst 
allerdings  in  St  56  und  63  cancellarius,  dagegen  in  St.  57, 
58;  62  (und  damit  sind  die  Erwähnungen  desselben  in  den 
Recognitionen  erschöpft)  notarius.  Dass  nicht  ein  Mal  an  seiner 
Statt  recognoscirt  worden  ist,  will  ich  nicht  betonen^  da  er  nur 
so  kurze  Zeit  der  Kanzlei  angehört  hat.  Dagegen  ist  zu  be- 
achteU;  dass  zwischen  den  angeführten  Präcepten  wiederum 
zwei  (St.  59  und  60)  mit  Poppe  als  Recognoscenten  stehen. 
Fanden  wir  nun  bisher  eigentliche  Coordination  nur  bei  No- 
taren,  ist  die  aber  dadurch  ausgeschlossen^  dass  Poppe  un- 
zweifelhaft Kanzler  war,  so  können  wir  Adaltag  nur  als  Titular- 
kanzler  oder  Notar,  d.  h.  als  dem  Kanzler  Poppe  subordinirt 
betrachten.  Und  das  scheint  mir  durch  die  wenn  auch  nur  auf 
einem  Versehen  beruhende  Nennung  von  Poppe  in  den  Noten 
von  St.  56  vollends  erwiesen:  Adaltag  recognoscirt  und,  wie 
ich  glaube,  unterfertigt  auch  selbst;  aber  als  es  zur  letzten 
Vollziehung  des  Diploms  kommt,  ist  Poppe  entweder  anwesend 
oder  es  wird  seiner  doch  gedacht.  Ein  Günstling  des  Hofes  ^ 
mag  Adaltag  in  den  ersten  Monaten  am  häufigsten  direct  den 
Befehl  zur  Beurkundung  erhalten  haben  und  nach  früherem, 
hier  zum  letzten  Male  wiederkehrenden  Brauche  liess  er  dann 
die  Präcepte  unterfertigen  mit  Adeltag  advicem  Hildiperti  (oder 
Rotperti);  der  Kanzler  Poppe  blieb  dabei,  den  einen  Fall  aus- 
genommen, aus  dem  Spiele,  wurde  aber  auch  nicht  in  seinen 
Rechten  gekränkt.  So  erklärt  fügen  sich  auch  diese  Sub- 
scriptionen  in  die  Normen,  welche,  wie  ich  gezeigt  zu  haben 
meine,  sich  aus  den  Verhältnissen  entwickelt  und  lange  Be- 
stand hatten,  während  wir,  sobald  wir  Adaltag  zum  Kanzler 
neben  Poppe  machen,  ohne  zwingenden  Grund  eine  Abweichung 
von  einer  sicher  erkennbaren  und  überdies  sehr  verständigen 
Ordnung  der  Dinge  annehmen  würden. 

Es  erübrigt  mir  die  Grenze  zwischen  Poppe  und  seinem 
'Nachfolger    Bruno    genau    und    mit    Rücksicht    auf    einzelne 


1  Dümmler  Otto  67. 


7\ri  Sickel. 

Urkunden  festzustellen.  Während  des  Zuges  Ottos  nach  dem 
Westen  des  Reiches  *  wird  Brun  von  Utrecht  aus,  wo  er  er- 
zogen worden  war,  zu  den-  Seinen  zurückgekehrt  sein.  Dazu 
passt,  dass  er  als  Recognoscent  zuerst  in  dem  am  25.  Sep- 
tember 940  in  Corvei  ausgestellten  Diplom  St.  92  genannt 
wird.  Meiner  Berechnung  nach  schliessen  sich  die  nächsten 
Präcepte  in  folgender  Reihe  an :  St.  102  ist  am  7.  Januar  941 
zu  Dalheim  ertheilt,  St.  95  am  23.  April  941  (Magdebui^), 
St.  96  am  30.  Mai  941  zu  Ingelheim,  und  damit  beginnt  die 
ununterbrochene  Reihe  der  in  Bruns  Namen  unterfertigten 
Urkunden.  ^  Hat  also  Brun  nach  St.  92  das  Kanzleramt  bereits 
im  Herbst  940  angetreten,  ^  so  ist  doch  noch  die  eine  Urkunde 
St.  95,  deren  sämmtliche  Zeitmerkmale  den  23.  April  941  er- 
geben, von  dem  Vorgänger  Poppo  recognoscirt  worden.  So 
auffallend  das  erscheint,  so  wird  uns  doch  durch  die  äusseren 
Merkmale  des  Originaldiploms  St.  95  eine  genügende  Erklärung 
geboten.  Die  Urkunde  erweist  sich  nämlich  als  in  mindestens 
drei  Absätzen  entstanden.  Zuerst  war  das  Pergament  mit  der 
Unterschrift  des  Königs  und  mit  dem  Namen  des  Recognos- 
centen  Poppo  versehen  worden.  In  zweiter  Linie  wurde  der 
Context  geschrieben.  Weiter  wurde  zu  Poppo  hinzugefügt  ad- 
vicem  Friderici  recognovi  nebst  dem  Recognitionszeichen  und 
zugleich  gesiegelt.  Nicht  so  sicher  lässt  sich  erkennen,  wann 
die  Datirungszeile  geschrieben  ist  und  ob  das  in  einem  Tage 
geschehen  ist  oder  nicht.  Untere  Ausläufer  des  Recognitions- 
Zeichens  liegen  auf  Buchstaben  der  letzten  Zeile  auf,  sind  also 
später  gezeichnet.  Das  entscheidet  aber  noch  nicht  über  den 
Moment  der  Eintragung  der  Zahlzeichen.  Von  diesen  sind 
augenscheinlich  XIII  (nämlich  fiir  die  Indiction)  und  V  (für 
die  anni  regni)  gleichzeitig  mit  den  Worten  der  ganzen  For- 
mel geschrieben,  und  so  wird  man  das  gleiche  wohl  auch  für 


1  Dümmler  105. 

3  St.  93  kommt  als  Fälschung  Dicht  in  Betracht.  St.  94  versetze  ich  zum 
10.  Januar  942.    Im  übrigen  ordne  ich  die  Diplome  ebenso  wie  Stumpf. 

3  An  sich  wäre  allerdings  durch  den  Zusatz  cancellarius  in  St.  92  und  94 
noch  nicht  ausgeschlossen,  dass  Brun  in  beiden  FfiUen  nach  der  zuletzt 
von  Adaltag  gebrauchten  Formel  N.  adv.  A.  recognoscirt  hätte;  aber 
eine  Unterordnung  des  königlichen  Prinzen  als  Notar  unter  den  Kanzler 
Poppo  scheint  mir  undenkbar. 


Beiträge  tut  Diplonaük  YII.  719 

DCCCCXLI  annehmen  dürfen,  obgleich  liier .  eine  Correctur 
stattgefunden  hat,  indem  der  Schreiber  ursprunglich  nach  den 
Hunderten  XXX  gesetzt  hat  und  erst  durch  Correctur  das 
richtige  XLI  erzielt  hat.  Ich  glaube  diesem  Schriftbefunde  fol- 
gende Deutung  geben  zu  müssen.  lussus  war  in  diesem  Falle 
Poppo  und  dem  entsprechend  nahm  sein  Amanuensis  Poppo  A 
ein  Pergamentblatt,  auf  dem  unter  andern  der  Name  des  Recognos- 
centen  schon  vorgeschrieben  war.  Der  Name  des  Erzkapellans 
war  dabei  noch  nicht  genannt,  so  dass  je  nach  den  Umständen 
auch  Rodbertus  statt  Fridericus  gesetzt  werden  konnte.  Ober- 
halb der  unteren  zuerst  entstandenen  Schriftzeilen  wurde  der 
Context  mundirt  und  zwar  offenbar  zu  einer  Zeit,  da,  wovon 
ich  gleich  noch  reden  werde,  bereits  ein  neuer  Dictator  in  die 
Kanzlei  eingetreten  war.  ^  Dann  mag  aus  irgend  welchen  Gründen 
die  Unterfertigung  sich  noch  hinausgezogen  haben,  kurz  diese 
erfolgte  erst  im  April  941,  aber  nothwendiger  Weise  im  Namen 
und  nach  der  Art  des  schon  vorher  genannten  Recognoscenten, 
daher  auch  durch  dessen  Schreiber.  Denn  auch  nachdem  Brun 
an  die  Stelle  von  Poppo  getreten  war,  lag  diesem  die  Voll- 
ziehung der  Stücke  ob,  welche  er  anzufertigen  den  Befehl 
erhalten  und  auch  bereits  begonnen  hatte.  Natürlich  drängt 
sich  nun  die  Frage  auf,  wie  sich  unter  solchen  Umständen 
actum  und  datum  zu  einander  verhalten.  Die  Handlung  wird 
in  Magdeburg,  wir  erfahren  nicht  wann?  stattgefunden  haben. 
Die  Zeitangaben  werden  nur  auf  die  Ausfertigung  bezogen 
werden  dürfen.  Damit  wird  auch  das  Bedenken  behoben,  das 
sich  Dümmler  (S.  118)  aufgedrängt  hatte.  Was  Widukin$l  2,  31 
von  der  Bestrafung  der  in  Quedlinburg  entlarvten  Verschwörer 
erzählt,  braucht  nicht  nach  Magdeburg  verlegt  zu  werden, 
sondern  kann  sich  noch  in  Quedlinburg  abgespielt  haben.  Zur 
Qeschichte  Poppos  erhalten  wir  somit  folgende  Aufschlüsse. 
Er  hat  das  Kanzleramt  an  den  Bruder  des  Königs  abtreten 
müssen,  ehe  ihm  ein  Bischofsstuhl  angewiesen  wurde;  aber 
dass  er  bereits  die  bischöflichen  Weihen  empfangen,  nachdem 
ihm   das   erledigte  Bisthum  Würzburg  verliehen  worden  war,  ^ 


^  PA.  hat  also  das  Stück  nach  einem  Concept  geschrieben,  aber  wie  das 
damals  häufig  war,  nach  einem  unvollständigen  Conceptc,  das  er  erst 
durch  die  ihm  eigenth  um  liehe  Corroborationsformel  ergänzte. 

^  Ich  halte  mich  an  die  Daten  in  Dümmler  119,  Anm.  6. 


720  Sickel. 

hat  nicht  der  AbwickluDg  der  Eanzleigeschäfte  durch  ihn  im 
Wege  gestanden. 

Uebrigens  war  das  niedere  Personal  der  Kanzlei,  noch 
ehe  diese  Brun  übertragen  wurde,  zum  Theil  erneuert  worden. 
Schon  in  St.  70  und  71  vom  21.  September  937  taucht  ein 
neuer  Dictator  auf.  Von  letzterer  Urkunde  sind  zwei  Original- 
ausfertigungen auf  uns  gekommen:  die  eine  jetzt  in  Berlin 
von  Poppo  A  geschrieben,  die  andere  dagegen  jetzt  in  Magde- 
burg von  der  Hand  eines  gewissen  Hoholt,  eines  Notars  welcher 
unter  Brun  sehr  häufig  begegnet.  Dieses  Hoholt  Handschrift 
lässt  sich  allerdings  heutzutage,  abgesehen  von  St.  71,  erst  in 
einem  Originaldiplom  vom  Jahre  943  (St.  110)  nachweisen. 
Aber  wer  mit  seinen  stilistischen  Besonderheiten  vertraut  ist, 
wird  mehr  als  ein  jetzt  nur  in  Copie  vorliegendes  Präcept  der 
unmittelbar  vorausgehenden  Jahre  ihm  als  Schreiber  heilten 
müssen,  so  schon  das  erste  von  Brun  recognoscirte  St.  92. 
Somit  könnte  er  auch  bereits  937  in  der  Kanzlei  an  St.  71 
mitgearbeitet  haben;  nur  lässt  sich  nicht  erweisen,  dass  das 
zweite  £xemplar  von  St.  71  zu  gleicher  Zeit  mit  dem  ersten 
angefertigt  worden  ist.  Lassen  sich  nun  über  lloholts  Herkunft 
höchstens  Vermuthungen  aufstellen,  so  hat  unzweifelhaft  der 
Dictator  von  St.  70  und  71  nähere  Beziehungen  zu  Magdeburg 
und  zu  St.  Maximin  in  Trier  gehabt.  Damit  hängt  zusammen, 
dass  auch  St.  88  für  letztgenanntes  Kloster  und  zwar  noch  von 
Poppo  unterfertigt  sehr  verwandter  Fassung  ist,  so  dass  also 
schon  unter  diesem  Kanzler  neue  Dictatoren  aus  Lothringen 
und  in.  Hoholt  vielleicht  auch  ein  neuer  Ingrossist  in  das  Amt 
eingetreten  sind,  und  zwar  Männer,  welche  dann  unter  Brun 
fortdienen,  während  das  Personal,  welches  einst  durch  Poppo 
herangezogen  worden  war,  mit  ihm  von  der  Bühne  verschwindet. 

Drängt  sich  hier  die  Frage  auf,  ob  wir  die  weiteren  Per- 
sonalveränderungen in  der  Kanzlei  dem  neuen  Vorsteher  zu- 
schreiben sollen  oder  nicht,  so  tnüssen  wir  uns  darüber  klai' 
zu  werden  suchen,  weshalb  er  gelbst  zum  Kanzler  eingesetzt 
worden  sein  mag.  Vor  allem  wird  der  Umstand  beachtet  werden 
müssen,  dass  Bruno  damals  höchstens  sechzehn  Jahre  alt  war 
und  überdies  fern  vom  Hofe  gelebt  hatte.  Wie  hoch  man  also 
seine  Begabung  und  die  Bildung,  welche  er  sich  bis  dahin 
angeeignet  hatte,  anschlagen  möge,  soll  ein  so  junger  HeiT  wolil 


Beitrftge  znr  DipTomatik  Yll.  721 

berufen  erachtet  und  berufen  gewesen  sein,  einen  besonderen 
und,  wie  man  gemeint  hat,  reformirenden  Einfiuss  auf  die. 
Besetzung  der  Stellen  und  auf  die  Führung  der  Geschäfte  der 
Kanzlei  auszuüben?  Die  Ernennung  Bruns  zum  Kanzler  lässt 
sich  besser  erklären.  Dem  Prinzen  geistlichen  Standes  liess 
sich  kaum  eine  passendere  Stellung  als  diese  bei  Hofe  be- 
reiten. Um  dem  Amte  in  der  Weise  vorzustehen,  wie  es 
Salomon  und  Poppo  gethan  hatten ,  bedurfte  es  keiner  be- 
sondern Vorkenntnisse  und  Fertigkeiten.  Es  kam  vielmehr 
darauf  an,  dem  Könige  volle  Bürgschaft  zu  bieten  und  sein 
Vertrauen  zu  geniessen.  Endlich  mochte  dem  König  durch  die 
damalige  Haltung  der  Erzkapellane,  auf  die  ich  noch  zu  sprechen 
komme,  nahe  gelegt  sein,  das  Kanzleramt  den  Händen  einer 
besonders  hochgeborenen  und  angesehenen  Person  anzuver- 
trauen. In  all  diesen  Beziehungen  war  des  Königs  Bruder  wie 
kein  anderer  zu  dem  Posten  geeignet.  Wenn  aber  Brun  selbst 
um  seiner  Jugend  und  seines  Vorlebens  wegen  erst  in  die 
Geschäfte  eingeführt  werden  musste,  so  wird  nicht  er  das  neue 
Bureau  zusammengesetzt  haben,  sondern  wohl  die,  welche  be- 
reits im  Laufe  des  Jahres  940  neue  Arbeitskräfte  herangezogen 
hatten,  d.  h.  momentan  bei  Hofe  massgebende  Persönlich- 
keiten, die  möglicher  Weise  auch  auf  die  Ernennung  Bruns 
eingewirkt  hatten. 

Die  Kanzleiperiode  Bruns  zer&Ilt  gleich  der  des  Vor- 
gängers Poppo  in  zwei  Abschnitte.  Bis  zum  Aufbruch  Ottos 
nach  Italien  im  Jahre  951  wird  nämlidi  Brun  in  allen  Di- 
plomen als  Recognoscent  genannt  und  zwar  mit  dem  Titel 
cancellarius.  ^  Einzelne  Subscribenten  flihren  ihn  nach  altem 
Brauch  durch  die  Sigle  B  auch  im  Unterschriftszeichen  noch- 
mals als  Kecognoscenten  an.  Indem  er  so  ganz  ausschliesslich 
für  die  Vollziehung  der  Befehle  des  Königs  einsteht,  müssen 
wir  fragen^  ob  er  durch  eilf  Jahre  hindurch  ununterbrochen 
in  der  Umgebung  des  Königs  geweilt  oder  ob  er  gleich  Salomon 
auch  in  Fällen  der  Abwesenheit  seinen  Namen  zur  Recognition 

^  DaBS  die  Recognition  von  St.  94  nicht  so  lantet^  wie  in  den  bisherigen 
Drucken  angegeben  war,  auf  die  sich  noch  Waitz  Verf.  Gesch.  6,  285 
stützen  musste,  hat  bereits  Stumpf  Wirzb.  Immunitäten  1,  11  bemerkt. 
Dass  die  obiger  Annahme  im  Wege  stehenden  St.  163,  178,  191  in 
spätere  Jahre  zu  versetzen  sind,  wird  sich  ans  dem  Folgenden  ergeben. 


722  Siekel. 

hergegeben  liat.  Letzteres  wäre  ziemlich  erwiesen,  w^enn  wir  mit 
.Stumpf  eine  zu  Frankfurt  ausgestellte  Urkunde  for  Reichemc 
(St.  152)  zum  28.  November  947  setzen  müssten,  denn  Br& 
wird  uns  ausdrücklich  als  Theilnehmer  einer  am  17.  NovemW 
947  zu  Verdun  eröffneten  Synode  genannt.  *  Aber  in  der  Da- 
tirung  ist  das  Incarnationsjahr  mit  947  offenbar,  wie  auch 
damals  schon  in  einigen  andern  Diplomen,  falsch  angesetzt 
und  nach  dem  eilften  Regierungsjahre  ist  das  Stück  in  deo 
November  946  einzureihen.  ^  Und  da  andere  hier  verwerthbare 
Daten  nicht  zu  Gebote  stehen,  muss  jene  Frage  unbeantwortet 
bleiben. 

Was  den  zweiten  Abschnitt  der  Eanzleiperiode  charakte- 
risirt,  will  ich  hier  nur  vorläufig  angeben.  Seit  dem  Aufenthalt 
in  Italien  wechselt  die  Art  der  Recognition  C.  adv.  A.  noch- 
mals mit  der  andern  N.  adv.  C.  ab,  so  dass  wir  wiedenun 
von  dem  einen  und  andern  mit  der  Recognition  betrauten  Notar 
den  Namen  kennen  lernen.  Sich  selbst  bezeichnen  diese  Be- 
cognoscenten  nach  951  bald  mit  notarius,  bald  mit  cancelk- 
rius.  Letzterem  entsprechend  legen  sie  Bran  in  den  FäUes 
der  Anwendung  von  N.  adv.  C.  den  Titel  archicancellarios 
oder  selbst  archicapellanus  bei. 

Um  dieser  Unterschiede  willen  thun  wir  gut,  uns  auch 
bei  der  näheren  Betrachtung  der  Subscriptionen  zanächat  auf 
die  Zeit  bis  951  zu  beschränken.  In  ganz  auffallender  Weise 
mehrt  sich  hier  die  Zahl  der  mit  der  Unterfertigung  betrauten 
Männer.  Dass  sich  Brun  selbst  dazu  herabgelassen  habe,  glaube 
ich  von  vorhinein  als  durchaus  unwahrscheinlich  ausachliesseD 
zu  dürfen,  nachdem  wir  gesehen  haben,  dass  seine  beiden 
Vorgänger  im  Kanzleramt,  ja  selbst  Notare  wie  Udalfrid,  es 
regelmässig  den  Ingrossisten  überliessen,  Recognitionsformel 
und  Zeichen  zu  liefern.  Ich  lege  also  sämmtliche  Subscriptionen 
den  Untergebenen  des  Kanzlers  bei,  und  da  vermag  ich  als  za 
diesem  Geschäft  häufiger  verwendet  von  941  bis  951  sieben 
Personen  zu  unterscheiden.   Das  erste  Vorkommen  von  Brun  A 

1  Dttmmler  158. 

^  St  162  liegt  noch  in  zwei  von  Hoholt  geschriebenen  Ansferti^ngen  vor, 

(leren  eine  mit  Siegel  versehen  ist,  die  andere  aber  nie  gesiegelt  war. 

In  beiden   lautet  die  Datirnng  durchaus  gleich  und  zwar  unvoUstandis^. 

indem  die  Indietion  nicht  angegeheu  ist. 


B«itr&ge  inr  Diplomatik  VII.  723 

oder  Hoholt  erwähnte  ich  schon;  er  hat  noch  an  St.  232  vom 
30.  December  952  mitgearbeitet.  Neben  ihm  am  thätigsten  war 
Brun  B.  Er  schrieb  bereits  am  10.  Januar  941  St.  102  und 
unterfertigte  noch  am  26.  December  948  St.  170.  In  Vergleich 
mit  diesen  Männern  kommen  die  andern  Subscribenten  dieses 

« 

Zeitabschnitts  so  selten  vor^  dass  ich  gleich  alle  die  Diplome 
anführen  kann^  an  deren  Ausfertigung  sie  betheiligt  waren. 
Brun  C  tritt  zuerst  in  St.  412  und  413  vom  October  942  ^  auf, 
schrieb  dann  das  zweite  Exemplar  von  St.  158,  ferner  St.  190 
und  endlich  mit  Hoholt  St.  232.  Brun  D  als  Scriptor  oder 
Subscribent,  denn  in  seiner  Eigenschaft  als  Dictator  kann  ich 
ihn  erst  in  anderem  Zusammenhange  vorführen,  kenne  ich  aus 
dem  einen  Exemplar  von  St.  130  aus  dem  Jahre  946,  aus 
St.  131;  148  und  aus  St.  192  vom  Januar  951.  Brun  E  be- 
gegnet in  den  Jahren  948—952  in  St.  169,  185,  226  und  Brun  F 
seit  949  in  St.  168,  180,  192.  Endlich  habe  ich  Otbert  zu 
nennen,  welcher  seit  949  für  Bruno  in  St.  165,  179,  218  unter- 
fertigt, dann  St.  217,  219  im  eigenen  Namen  recognoscirt. 
Wahrscheinlich  hatte  der  Rücktritt  von  Brun  B  zur  Folge, 
dass  in  den  nächsten  Jahren  so  verschiedene  Subscribenten  Ver- 
wendung fanden. 

Mit  den  fünf  zuletzt  genannten  Männern  und  mit  einigen, 
welche  ich  als  Subscribenten  im  Jahre  952  noch  anzuführen 
haben  werde,  hat  es  eine  eigene  Bewandtniss.  Obgleich  meh- 
rere, wie  schon  die  citirten  Regestennummern  oder  die  Daten 
lehren,  noch  nach  951  unter  Bruno,  ja  einige  selbst  nach  953 
unter  dessen  Nachfolger  Liudolf  in  der  Kanzlei  arbeiten,  so 
treten  sie  doch  nur  vereinzelt  auf.  Sie  erscheinen  insofern  und 
noch  mehr,  wenn  man  die  Orte,  an  denen  sie  fungiren,  in  Be- 
tracht zieht,  als  vorübergehende  Hofgenossen,  nicht  als  ständige 
Mitglieder  der  Kanzlei,  nicht  als  ständige  Begleiter  des  Kanzlers. 
Sie  nennen  sich  jedoch  Notare,  ja  nach  951  wohl  auch  Kanzler 
und  sie  sind  betreffs  des  Ärbeitsantheils  den  durch  viele  Jahre 
hindurch  nachweisbaren  Hoholt  und  Brun  B  ganz  gleichgestellt 
gewesen.  Ich  erinnere  hier  an  jenen  Notker,  der  unter  Poppe 
gleichfalls  vorübergehend,  d.  h.  in  St.  83  als  Recognoscent  und 
Subscribent  und  in  St.  84  als  Subscribent  auftritt.    Aber  schon 


^  Ueber  die  Datirung  s.  Beitr.  zar  Diplomatik  6,  437. 
Sitzongsber.  d.  phil.-hist.  Ol.  XCIII.  Bd.  IV.  Hft.  47 


724 


Biekel. 


das  begründet  einen  Unterschied,  dass  der  Fall  unter  Poppo 
vereinzelt  dasteht;  während  unter  Bruno  durch  einige  Jahre 
hindurch  fast  das  ganze  Geschäft  solchen  nichtständigen  No- 
taren überlassen  wurde.  Ferner,  während  Notker  sich  auf  die 
ihm  anvertraute  Arbeit  so  gut  wie  die  anderen  damals  in  der 
Kanzlei  thätigen  Notare  verstand,  lassen  die  Leistungen  jener 
unter  Bruno  auftretenden  Männer  sehr  viel  zu  wünschen  übrig. 
Man  mag  die  Schrift  der  betreffenden  Originaldiplome  ins 
Auge  fassen  oder  die  Dictamina  oder  die  Protokollformeln 
oder  die  Zählungsweise  der  Jahresmerkmale,  so  muss  man 
zweifeln,  ob  diese  Männer  gelernte  und  geschulte  Notare  sind, 
ob  sie  mit  der  Tradition  vertraut  sind  und  sich  an  das  Her- 
kommen binden  wollen.  Durch  sie  ist  das  Urkundenwesen 
geradezu  in  Unordnung  gebracht  worden.  Indem  einige  von 
ihnen  unter  Liudolf  wieder  auftreten,  indem  dann  Männer 
gleichen  Schlages  zur  Kanzleiarbeit  zugezogen  werden,  reisst 
immer  grössere  Willkür  und  Nachlässigkeit  ein,  wie  ich  das 
schon  an  anderem  Orte  gezeigt  habe.  ^  So  verhält  es  sich  in 
Wirklichkeit  mit  den  angeblichen  Verdiensten  Bruns  um  die 
Kanzlei.  Unter  all  den  seit  948  von  Brun  bestellten  Notaren 
macht  nur  Otbert  eine  vortheilhafte  Ausnahme.  Von  seinem 
ersten  Auftreten  an  legte  er  Proben  seiner  Kenntnisse  und 
Fertigkeiten  ab,  und  das  mag  man  wenigstens  noch  zu  schätzen 
gewusst  haben,  indem  man  ihn  später  zum  ständigen  Mitglied 
der  Kanzlei  machte. 

Ich  habe  schon  früher  ^  Otbert  und  seine  Genossen  unter 
Liudolf  als  Lothringer  bezeichnet.  Hier  trage  ich  nach,  dass  ich 
auch  Brun  C,  D,  E,  F  demselben  Kreise  zurechne.  Dass  sie  unter 
einander  in  Verbindung  stehen,  geht  schon  daraus  hervor,  dass 
mehrfach  je  zwei  derselben,  wie  obige  Zusammenstellung  lehrt,  an 
demselben  Präcept  gearbeitet  haben.  Es  werden  Mönche  gewesen 
sein,  die  entweder  aus  Lothringen  nach  Magdeburg  gekommen 
waren  oder  doch  in  das  S.  Morizkloster  eingetreten,  dort  ge- 
lernt hatten,  Mönche  die  dem  Könige  aufwarteten,  wenn  er 
in  die  Nähe  von  Magdebui^  kam,  und  ihm  dann  etwa  auch 
einmal  bis  nach  Franken  oder  Westfalen  folgten,  aber  immer 


'  In  den  Beitr.  zur  Dipl.  6. 
2  Beitr.  zur  Dipl.  G,  367  ff. 


Beitrüge  xar  Diplomftük  VII.  725 

nur  nach  Gelegenheit  zu  den  Kanzleigeschäften  herbeigezogen 
wurden. 

Hier  sei  des  weiteren  bemerkt,  dass  auch  für  die  Zeit  bis 
951  mit  den  sieben  zuvor  aufgezählten  Männern  die  Zahl  der 
Subscribenten  nicht  einmal  erschöpft  ist.  Denn  neben  den  wenn 
auch  kleinen  Urkundengruppen,  welche  je  einem  bestimmten 
Schreiber  zuzuweisen  sind,  gibt  es  noch  mehrere  Urkunden, 
welche  alle  Merkmale  der  Originalität  an  sich  tragen,  aber 
von  Händen  geschrieben  sind,  die  sich  in  dem  Vorrath  der  auf 
uns  gekommenen  Schriftstücke  nicht  ein  zweites  Mal  finden. 
Steht  nun  fest,  dass  man  sich  unter  Brun  und  seinen  nächsten 
Nachfolgern,  ohne  die  Befähigung  zu  prüfen,  der  ersten  besten 
Schreiber  bedient  und  ihnen  auch  die  Unterfertigung  überlassen 
hat^  so  entfallt  jeder  Grund,  Urkunden  von  unzweifelhaft  zeit- 
gemässer  Schrift  nur  deshalb  die  Genuinität  abzusprechen,  weil 
sich  die  specielle  Handschrift  nicht  durch  zweite  Exemplare 
belegen  lässt.  In  dieser  Hinsicht  will  ich  besonders  auf  das 
in  Wallhausen  am  28.  Juli  951,  also  unmittelbar  vor  dem 
Aufbruch  des  Königs  ausgestellte  St.  194  verweisen,  das  den 
graphischen  Kennzeichen  nach  vereinzelt  dasteht  und  doch 
unanfechtbar  ist:  auch  hier  wird  ein  gerade  anwesender  Mann 
mit  dem  Schreiben  und  Unterfertigen  betraut  worden  sein.  ^ 

Mit  dem  Aufbruch  des  Königs  nach  Italien  beginnt  der 
zweite  Abschnitt  der  Kanzleiperiode  Bruns.  Bezeichnend  fär 
ihn  ist  eine  Thatsache,  die  sich  aus  der  näheren  Betrachtung 
der  aus  zwölf  Monaten  vorliegenden  Urkunden  ergibt.    Weder 


*  Unmittelbar  an  St.  194  ist  die  echte  Vorlage  einzureihen,  welche  dem 
allerding^s  interpolirten  St.  214  ssn  Grunde  liegt.  Es  ist  bezeichnend  für 
die  bisherige  Art  Diplome  zu  beurtheilen,  dass  man  um  des  Namens 
Walpert  Löwenberger  willen  und  ohne  sich  der  Mühe  weiterer  Unter- 
suchung zu  unterziehen,  diese  Urkunde  verworfen  hat.  Sie  wird  einer- 
seits durch  ihre  Uebereiftstimmung  mit  St.  194  und  andererseits  durch 
die  Abweichungen  von  St.  194  gestützt.  BestSnde  nur  die  erstere,  so 
könnte  man  eine  Benutzung  von  St  194  für  die  Fälschung  St.  214  an- 
nehmen. Aber  dass  St.  214  daneben  Kennseichen  besonderer  Art  trägt, 
welche  St.  194  abgehen,  dagegen  in  anderen  Diplomen  dieser  Zeit  vor- 
kommen, lässt  sich,  wenn  man  nicht  den  Fälschern  die  Ehre  anthun 
will,  sie  als  perfecte  Diplomatiker  zu  betrachten,  uicht  anders  erklären 
als  dasfl  das  jetzt  veranstaltete  St.  214  auf  eine  echte  Kanzleiausferti- 
guug  zurückzufilbren  ist. 

47* 


726  Siekal. 

Hoholt  noch  Otbert,  welche  wir  als  die  einzigen  geschalten 
und  ständigen  Mitglieder  der  Kanzlei  im  Jahre  951  kennen 
lernten,  können  sich  im  Gefolge  des  Königs  und  Kanzlers 
befunden  haben;  wenigstens  verräth  nicht  eine  der  zwischen 
dem  August  951  und  dem  August  952  ausgestellten  Urkunden 
den  geringsten  Arbeitsantheil  dieser  beiden  Männer.  Dagegen 
muss  der  eine  und  andere  der  übrigen  zuvor  angeführten 
Männer  mit  über  die  Alpen  gezogen  und  für  die  Kanzleiarbeit 
verwendet  worden  sein.  Allerdings  vermag  ich  keinen  derselben 
als  Ingrossisten  oder  Subscribenten  in  den  noch  erhaltenen  Ori- 
ginaldiplomen nachzuweisen.  Aber  möglicher  Weise  haben  sie 
vereinzelt  als  Recognoscenten  fuogirt.  Und  sicher  haben  sie 
auf  die  Abfassung  einiger  Stücke  Einäuss  genommen.  Es  ist, 
das  darzuthun  und  überhaupt  eine  rechte  Vorstellung  von 
der  damaligen  Geschäftsführung  und  dem  häufigen  Wechsel 
in  derselben  zu  geben,  unumgänglich,  sämmtliche  Diplome 
dieser  Zeit  aufzuzählen  und  im  einzelnen  zu  kennzeichnen. 
Die  Thatsache  selbst  legt  uns  aber  ihre  Deutung  nahe.  Indem 
der  König  auf  Widerstand  gefasst  war  und  sich  zum  Kriege 
gerüstet  hatte,  ^  mag  man  der  Kanzlei  entbehren  zu  können  ge- 
meint haben;  desungeachtet  konnten  sich  Magdeburger  Mönche 
im  Gefolge  Bruns  befinden.  Da  es  dann  doch  Arbeit  für  die 
Kanzlei  gab,  wurden  in  erster  Linie  sie  verwendet,  wurden 
aber  zugleich,  wie  wir  sehen  werden,  an  Ort  und  Stelle  neue 
Kräfte  gewonnen. 

In  Pavia  wurde  am  23.  September  951  einem  Vasallen 
des  Herzogs  Heinrich  St.  195  ertheilt.  In  der  auf  uns  ge- 
kommenen Copie  ist  die  Subscription  unterdrückt  worden.  Für 
den  Context  ist  eine  damals  sehr  verbreitete  Formel  verwerthet 
worden.-  Anomal  lautet  dagegen  die  Datirung.  Aber  gerade 
diese  Besonderheit  wiederholt  sich  in  mehreren  Diplomen  des- 
selben Jahres,  und  wenn  wir  nun  beachten,  dass  mehrere  der 
neben  Hoholt,  Brun  B  und  Otbert  begegnenden  Subscribenten 
das  Protokoll  ziemlich  frei  behandeln  und  dass  unter  anderen 
Brun   C    die    Datirungsformel    fast    in   jedem    Präcept    anders 

>  Dümmler  194. 

2  Charakteristisch  ist  nur  der  Schlasssatz :  iussimus  quuque  hoc  preceptam 

inde   scribi    subtasque    manu  propria  roboratam   buUa  nostra  sifrtllari. 

HöchstenB  buUa  lässt  da  auf  italischen  Einfluss  schliessen. 


Beitrag«  mr  Diplomatik  YII.  727 

gestaltet,  so  würde  eben  die  Anwesenheit  des  einen  und  andern 
dieser  Notare  die  wiederholten  Abweichungen  von  den  strengen 
Kanzleinormen  genügend  erklären. 

Ich  schalte  hier  eiu;  dass  von  einer  Zweitheilung  der 
Kanzlei;  je  nachdem  für  das  Reich  im  bisherigen  Umfange 
oder  fär  das  eben  eroberte  italienische  Oebiet  zu  Urkunden 
war,  damals  noch  nicht  ernstlich  die  Rede  gewesen  sein  kann.  ^ 
Doch  lag  es  nahe^  besonders  wenn  der  Kanzler  seine  ständigen 
Notare  nicht  zur  Hand  hatte^  auch  Wälsche  zur  Arbeit  heran- 
zuziehen, und  zumal  da^  wo  für  Angehörige  Italiens  Präcepte 
auszustellen  und  dortige  Verhältnisse  und  Bräuche  etwa  zu 
berücksichtigen  waren.  So  ist  man  offenbar  bei  Anfertigung 
von  St.  196  für  einen  Geistlichen  in  Vercelli  vorgegangen.  Es 
wurde  nicht  allein,  advicem  Bruningi^  recognoscirt,  welcher  in 
den  letzten  fünf  Jahren  das  Erzkanzleramt  in  Italien  bekleidet 
hatte,  ^  sondern  es  wurde  auch  als  Schreiber  und  Subscribent 
ein  Mann  verwendet,  der  gleichfalls  der  Kanzlei  der  einheimi- 
schen Könige  angehört  hatte.  ^  Ja  Brun  hat  gleich  darauf  einen 
Italiener  zum  ständigen  Mitglied  der  Kanzlei  gemacht,  nämlich 
Wigföd,  von  dem  die  Originalurkunden  St.  199,  200,  203, 
208 — 210  geschrieben  sind,  dessen  Einwirkung  auf  die  uns 
abschriftlich  überlieferten  St.  198,  202,  204—207  unverkennbar 
ist,  dem  die  Recognition  von  St.  200,  202—206,  208—210  über- 
lassen wurde. '^  Schrift,  Sprache  und  Orthographie  verrathen  den 
Wälschen.  *'  Auch  an  Uebung  hat  es  ihm  nicht  gefehlt,  so 
dass  wir  ihn  als  im  Kanzleidienst  aufgewachsen  betrachten 
müssen.  Brun  ist  also,  da  man  sich  beim  Aufbruch  nach  Italien 
nicht  genügend  vorgesehen  hatte,  darauf  bedacht  gewesen,  für 

1  Vgl,  Stumpf  Wirzb.  Imraunitiiten  1,  33,  Anm.  56.  —  Ich  werde  später 
den  im  Jahre  951  beobachteten  Vorgang  mit  dem  de»  Jahres  962  ver- 
gleichen. 

2  Vollständig  lautet  die  Unterschrift:  Brun  cancellarius  advicem  Bmnigigi 
episcopi  et  archicancellarii. 

3  Dümmler  140. 

*  Unter  andern  ist  das  Diplom  vom  13.  November  943  für  das  Kloster  des 
h.  Eusebius  (Original  in  Vercelli,  gedruckt  in  Hist.  patriae  Mon.,  DD.  1, 
152  no  91)  von  gleicher  Hand  wie  St.  196. 

5  In  St.  198,  199,  207  ist  Brun  als  Recognoscent  genannt. 

^  Die  Ausführung  behalte  ich  mir  für  die  nächste  Abhandlung  vor,  in  der 
Ich  dann  auch  näher  auf  die  Herkunft  dieses  Notars  eingehen  werde. 


728  Sickel. 

mehr  normale  Besorgung  der  Geschäfte  einen  geschäftskundigen 
Mann  zu  gewinnen.  Demselben  wurde  aber  erst  mit  der  Zeit 
freie  Hand  gelassen.  Auf  das  Protokoll  und  die  Fassung  von 
St.  198  nämlich;  das  ebenfalls  der  Sprachformen  wegen  Wigfrid 
beigelegt  werden  muss,  haben  ersichtlicher  Weise  die  deutschen 
Begleiter  des  Eanzlei-s  noch  Einäuss  genommen,  insbesondere 
wohl  Brun  F^  dessen  Elaborat  St.  180  manches  Kennzeichen 
mit  St.  198  gemein  hat.  Desgleichen  ist  Wigfrid  für  St.  202 
das  Concept  geliefert,  wahrscheinlich  ganz  vollständig,  da  die 
Datirung  wiederum  an  St.  195  erinnert.  Die  übrigen  Diplome 
dagegen  sind,  wenn  auch  das  eine  und  andere  sich  an  Vor- 
urkunden anschliesst,  von  Anfang  bis  Ende  Wigfrids  Werk. 
Indem  Wigfrid  den  König  zwar  nach  Deutschland  be- 
gleitete, aber  bald  in  seine  Heimath  zurückkehrte,  wo  wir  ihn 
nach  vielen  Jahren  nochmals  als  Subscribenten  von  St.  346 
antreffen,  fehlte  es  der  Kanzlei  wieder  an  den  rechten  Arbeits- 
kräften. Das  wird  ganz  klar,  wenn  man  die  nächstfolgenden 
Präcepte  überblickt  und  so  weit  als  möglich  die  Dictatoren, 
Subscribenten  und  Recognoscenten  derselben  feststellt,  nämlich, 
wie  ich  sie  anordne,  St.  224,  212,  225,  226,  213,  178,  216. 
In  einer  einzigen  Urkunde  dieser  Reihe,  in  St.  213,  *  wird  der 
Kanzler  selbst  als  Recognoscent  genannt.  Dagegen  hat  an 
seiner  Statt  jener  Liudolf,  der  dem  königlichen  Hause  verwandt 
war,  einige  Male  als  Hofkapellan  genannt  wird,  später  Bruno 
als  Kanzler  nachfolgte,  St.  224,  225,  226  recognoscirt.  Oleich- 
falls an  Bruns  Statt  beglaubigte  Abraham  notarius  St.  212, 
Enno   notarius   St.    178,   endlich   Haolt  cancellarius   St.  216.^ 

^  Inhaltlich  allerdings  eine  Fälschung,  für  welche  aber  eine  entschieden 
echte  Urkunde  benutzt  worden  ist:  dieser  ist  nicht  allein  das  Protokoll 
entnommen,  sondern  auch  der  Satz:  qnocirca  —  snccedentinm,  welcher 
mit  8t.  178  übereinstimmt. 

3  Dass  ich  St.  224,  225,  226  abweichend  von  Stumpf  zum  Jahre  952  ein- 
reihe, vermag  ich  hier  nicht  zu  begründen,  da  ich  sonst  auf  alle  Fragen 
der  Datirung  eingehen  müsste.  Dagegen  kann  ich  über  die  Datirung 
von  St.  178  (nSmlich  zu  952  Juli  4)  gleich  Rechenschaft  geben.  Um 
der  Art  der  Recognition  willen  setze  ich  dies  Stück  nach  dem  Jahre  951 
und,  da  gerade  annus  rogni  XVI  am  besten  bezeugt  ist,  zu  952.  —  Ficker 
Beiträge  2,  170  hält  Haolt  in  St  216  für  identisch  mit  Hoholt  und  nimmt 
an,  dass  der  Notar  Hoholt  das  Concept  unterfertigt  habe  und  demzufolge 
auch  in  der  Reinschrift,  wenn  auch  in  anderer  Namensform  angeführt 


Beitrftge  zur  Diplomatik  VII.  729 

Also  ein  fast  ununterbrochener  Wechsel.  ^  Ebenso  wechseln  in 
diesen  Monaten^  soweit  wir  nach  den  Originalen  urtheilen 
können,  ^  die  Schreiber,  deren  ich  mindestens  drei  zu  unter- 
scheiden vermag.  Des  weitern  sind  die  Contexte  dieser  sieben 
Urkunden  sehr  mannigfaltig  ausgefallen  und  auch  die  Proto- 
kolle weisen  allerlei  Abweichungen  von  den  Normen  auf.  Dabei 
erinnert  die  Ungebundenheit  in  Bezug  auf  die  Titulatur  des 
Königs  und  betreffs  der  Datirung  wiederum  an  die  Männer, 
welche  vor  951  neben  Hoholt  und  Brun  B  dann  und  wann 
an  der  Kanzleiarbeit  theilnahmen,  und  insbesondere  wiederholt 
sich  in  St.  212  und  178  die  gleiche  Umstellung  der  Zeitmerk- 
male wie  in  St.  195,  202  oder  wie  in  den  von  Brun  F 
subscribirten  Urkunden.  Kurz,  bis  in  den  August  952  hinein 
vermisse  ich  (von  Wigfrid  abgesehen)  das  ordentliche  und  ge- 
schulte Personal  der  Kanzlei,  die  Stetigkeit  in  der  Anfertigung 
der  Diplome  und  in  der  Vollziehung  derselben  durch  Recogni- 
tion,  die  Kenntniss  oder  doch  die  Beobachtung  der  herkömm- 
lichen Normen.  Und  daraus  folgere  ich,  dass  das  ständige 
Personal  der  Kanzlei,  wie  es  im  Herbst  951  daheim  geblieben 
ist,  sich  auch  nicht  sofort  nach  der  Rückkehr  des  Königs  auf 
deutschen  Boden  wieder  bei  Hofe  eingefunden  hat. 

Erst  indem  Otbert  und  Hoholt  von  neuem  zur  Arbeit 
herangezogen  wurden,  kam  wieder  Ordnung  in  die  Geschäfts- 
führung. Jener  schrieb  St.  217 — 219  und  recognoscirte  im 
eigenen  Namen  St.  217  und  219,  während  er  das  dritte  Diplom 
für  Brun  als  Recognoscenten  unterfertigte.  Es  folgen  darauf 
St.    232,    153,    191,    an    deren    Entstehung    Hoholt    mehrfach 


worden  sei.  Aber  ao  sich  ist,  worauf  ich  bei  anderer  Gelegenheit  zurück- 
kommen werde,  Fickers  Hypothese  von  der  Uuterfertigung  der  Concepte 
durch  die  Recognoscenten  nicht  haltbar.  Andererseits  erklärt  gerade  der 
oben  dargelegte  Sachverhalt  zur  Gentige,  dass  in  dieser  Zeit  gewisse 
Recognoscenten  nur  ein  Mal  vorkommen. 

*  Nur  etwas  besser  würde  es  mit  der  Besetzung  der  Kauzlei  stehen,  wenn 
etwa,  worüber  bei  der  Beschaffenheit  des  Materials  keine  Gewissheit  zu 
erzielen  ist,  in  Abl*aham,  Enno,  Haolt  die  Namen  der  Männer  stecken 
sollten,  die  ich  zuvor  mit  Brun  C  u.  s.  w.  bezeichnen  musste. 

^  Indem  der  modernen  Copie  von  St.  213  ein  Facsimile  des  angeblichen 
Originals  beigefügt  ist,  kann  ich  auch  von  letzterm  sagen,  dass  bei  An- 
fertigung desselben  ein  Präcept  von  der  Hand  des  Ingrossisten  von  St.  224 
als  Scbreibyorlage  gedient  ik&ben  muss. 


730  Sickel. 

betheiligt  ist,  denn  St.  153  und  191  hat  er  selbst  recognoscirt 
und  St.  232;  von  Brun  recognoscirt,  hat  er  in  Gemeinschaft 
mit  Brun  C  gesehrieben.  ^  Endlich  schliessen  sich  St.  221 — ^223 
an,  in  denen  wiederum  der  Kanzler  selbst  als  Recognoscent 
auftritt.  Indem  die  Schrift  von  St.  221  an  die  von  St.  226 
und  die  Schrift  von  St.  223  an  die  von  224  erinnert,  ersehen 
wir,  dasB  neben  oder  unter  Otbert  und  Hoheit  auch  Schreiber, 
die  sich  im  Jahre  952  nachweisen  lassen,  in  Thätigkeit  ge- 
blieben sind. 

Ich  habe  bisher  St.  222  vom  21.  April  953  (denn  St.  223 
ist  ohne  Tages-  und  Monatsbezeichnung,  wird  aber  um  des  ge- 
meinsamen Ausstellungsortes  Quedlinburg  willen  an  St.  222 
anzureihen  sein)  als  das  letzte  Diplom  aus  der  Eanzleiperiode 
Bruns  aufgeführt,  der  es  als  von  Brun  cancellarius  advicem 
Rothberti  archicapellani  recognoscirt  sicher  noch  angehört.  Ob 
wir  diese  Periode  noch  weiter  zu  erstrecken  haben  oder  nicht, 
lässt  sich  erst  entscheiden,  wenn  wir  den  relativen  Werth  der 
damals  üblichen  Titulaturen  festgestellt  haben. 

Wir  sahen  schon,  dass  Brun  in  den  Jahren  941 — 951 
alle  Diplome  in  seinem  Namen  unterfertigen  liess.  Es  geschah 
aber  regelmässig  advicem  illius,  d.  h.  anstatt  eines  der  Erz- 
bischöfe von  Mainz,  Trier,  Köln  oder  Salzburg,  als  der  Nach- 
folger der  Männer,  welche  in  vergangenen  Zeiten  oberste  Leiter 
der  Kanzlei  gewesen  waren.  Gleiche  Ehre  wurde,  als  für 
Italien  geurkundet  wurde,  erst  dem  Bischof  Bruning  von  Asti 
in  St.  l96  (archicancellarius)  zu  Theil,  dann  dem  Erzbischof 
Mannasse  von  Mailand  (in  St.  199  archicapellanus,  in  St.  207 
archicancellarius);  daneben  steht  aber  auch  das  Diplom  für 
die  Veroneser  Geistlichkeit  St.  198  mit  advicem  Frithurici 
archicapellani.  Zwischen  Erzkanzler  und  Erzkapellan  ist  offen- 
bar mit   der  Zeit   nicht    mehr  geschieden  worden  oder  besser 


1  Das  Original  von  8t.  153  ist  datirt:  kal.  iau.  anno  domini  DCCCCLVIII, 
Ind.  VI,  regnante  pio  rege  Ottone  anno  XVII;  actnm  Franconefnrt  etc. 
Hier  ist  DCCCCLVIII  verschrieben  statt  DCCCCLIII.  Die  unrichtige 
Indiction  kehrt  in  mehreren  Diplomen  dieser  Zeit  wieder.  Richtig  ist 
nur  das  Regierungsjahr.  —  Für  St.  191  bieten  die  mehrfachen  Uebcr- 
lieferungeu  sehr  verschiedene  Zeitmerkmale,  so  dass  ich  es  nur  ans 
WahrscheinlichkeitsgTÜnden  zum  13.  Jannar  953  einreihe.  —  Zu  St.  232 
vgl.  meine  Beitr.  zur    Diplomatik   6,  408  und  Ficker  Beitrüge  2,   507. 


Beitrüge  zur  Diplomatik  VII.  731 

gesagt:  der  erstere  Titel  ist  von  dem  zweiten  fast  verdrängt 
worden.  Wie  wir  sahen,  begann  dies  schon  unter  Heinrich  I. 
(H.  40).  Unter  Otto  I.  wurde  der  Trierer  Erzbischof  nur  noch 
in  St.  88  und  der  Kölner  nur  noch  in  St.  99  als  archicancel- 
larius  aufgeführt.  Dagegen  wird  auffallender  Weise  Friedrich 
von  MainZ;  welcher  früher  fast  ausnahmslos  archicapellanus 
heisst,  in  sieben  Diplomen  Erzkanzler  genannt.  ^  Trotzdem 
werden  wir  den  Erzkapellan-Titel  als  damals  vorherrschend 
bezeichnen  dürfen. 

Danach  werden  wir  auch  die  dem  Kanzler  Brun  seit  dem 
Jahre  951  beigelegten  Bezeichnungen  zu  beurtheilen  haben. 
Von  29  Diplomen  zwischen  dem  September  951  und  dem  April 
953  weisen  nämlich  19  die  Recognitionsformel  auf,  welche  ich 
N.  advicem  C.  nenne.  In  jedem  dieser  19  Fälle  wird  nun,  wie 
wir  das  schon  zu  Zeiten  des  Aspert  und  des  Poppe  fanden, 
Brun  ein  höherer  als  der  Kanzlertitel  gegeben:  fünf  Mal  der 
eines  Erzkanzlers  und  dreizehn  Mal  der  eines  Erzkapellans.  ^ 
Dass  kein  besonderer  Werth  auf  die  eine  oder  die  andere 
Benennung  gelegt  wurde,  lehren  die  von  demselben  Wigfrid 
subscribirten  Stücke.  Dennoch  würde,  da  von  Liutward  ab- 
gesehen noch  gar  kein  Präcedenzfall  vorlag,  Brun  wohl  kaum 
so  häufig  Erzkapellan  genannt  worden  sein,  wenn  sich  dieser 
Titel  nicht  schon  bei  Erwähnung  der  Erzbischöfe  so  ein- 
gebürgert hätte. 

Wurde  aber  der  Kanzler  bei  Unterfertigung  nach  der 
Formel  N.  adv.  C.  regelmässig  Erzkanzler  oder  Erzkapellan 
genannt,  so  konnten  die  wieder  häufiger  recognoscirenden  No- 
tare, denen  zu  jeder  Zeit  gelegentlich  auch  der  Titel  cancel- 
lariuB  zugestanden  war,  sich  desselben  gleichfalls  wieder  be- 
dienen. Dies  thaten  jedesmal  Wigfrid,  Liudolf,  Hoheit,  Otbert 
und  Haolt,  so  dass  sich  dazumal  nur  Abraham  und  Enno  mit 
dem  Titel    notarius   bescliieden.    Lautet   demnach    in    St.  224, 

1  Wahrscheinlich  hing  auch  das  ganz  vom  Belieben  des  jeweiligen 
Schreibers  ab.  Unter  den  betreffenden  Präcepten  sind  eines  vom 
17.  November  942  (ineditum),  sowie  St.  116  und  150  von  Brun  B  unter- 
schrieben und  St.  130f  131  von  Brun  D.  Dazu  kommen  St.  92  (viel- 
leicht von  Hoholt  geschrieben)  und  St.  141  (Eingang  von  Brun  B,  da- 
gegen das  EschatokoU  ausserhalb  der  Kanzlei  entstanden). 

2  Ohne  Titel  in  St.  219. 


732  Siek«l. 

22b,  226  vom  Jahre  952  die  Recognition  Liutulfus  cancellarius 
advicem  Brunonis  archicappellani^  so  unterscheidet  sich  die- 
selbe in  keiner  Weise  von  der  in  St.  228,  229  u.  s.  w.,  d.  K 
in  Urkunden  aus  der  Zeit  da  Liudolf  zum  wirklichen  Kanzler 
und  Bruno  zum  wirklichen  Erzkapellan  emporgestiegen  waren. 
Darin  liegt  die  Schwierigkeit,  die  rechte  Grenze  zwischen  der 
Eanzleiperiode  Bruns  und  der  Liudolfs  zu  ziehen.  Dennoch 
haben  bereits  Stampf  und  Dümmler  >  das  richtige  getroffen. 
Indem  Brun  im  Context  von  St.  227  vom  11.  August  953  nur 
als  dilectus  frater  noster  bezeichnet  wird,  dagegen  im  Eingang 
von  St.  228  vom  20.  August  als  venerabilis  archiepiscopus, 
haben  wir  seine  Erhebung  auf  den  Kölner  Stuhl  zwischen 
diese  zwei  Zeitpunkte  zu  setzen.  Aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
fallt  aber  mit  dieser  auch  seine  Erhebung  zum  Erzkapellan 
und  die  Bestallung  Liudolfs  als  wirklichen  Kanzlers  zusammen, 
so  dass  St.  227  noch  zur  Kanzleiperiode  Bruns  zu  rechnen 
und  die  des  Nachfolgers  Liudolf  mit  St.  228  zu  b^innen  ist. 
Unmittelbar  vor  seinem  Austritt  aus  der  Kanzlei  hat 
Brun  für  dieselbe  noch  eine  neue  Kraft  gewonnen.  Bekannt- 
lich wurde  Brun  in  Köln  gewählt,  während  sein  Bruder  Mainz 
belagerte.  Von  dort  aus  stattete  er  den  Kölnern  einen  kurzen 
Besuch  ab,  um  nochmals  in  das  Lager  von  Mainz  zurückzu- 
kehren. ^  Damals  wird  ihm  in  Köln  ein  gewisser  Adalbertus 
bekannt  geworden  sein,  welcher  im  Jahre  950  eine  Urkunde 
des  Erzbischofs  Wicfrid  von  Köln  vollzog,  d.  h.  die  Zeugen- 
reihe schrieb  und  dann  in  verlängerten  Buchstaben  hinzu- 
fügte: ego  Adalbertus  advicem  Meinheri  cancellarii  recognovit.  ^ 
Derselbe  muss  sich  sofort  Brun  angeschlossen  haben.  Von  dem- 
selben Notar  sind  nämlich  St.  228  für  Oeren  und  ein  Theil 
von  St.  229  für  S.  Maximin  in  Trier,  beide  vom  20.  August 
953,  geschrieben,  d.  h.  die  ersten  von  dem  neuen  Kanzler 
Liudolf  recognoscirten  Urkunden.  *  Aber  auch  das  nur  ab- 
schriftlich erhaltene  St.  227  hat  mehrere  Merkmale  mit  St.  228 


»  Jahrbücher  Otto  1.  220. 

2  Dümmler  220. 

3  OrigiDal  im   Köhier  Stadtarchiv,   gedruckt   in   Ennen   Quellen  der  Stadt 
Köln  1,  464  n«  2. 

*  Deshalb   habe   ich   ihn   in   Beitr.   zur  Dipl.   6,   362-  370    mit   Liatolf  A 
bezeichnet 


Beiträge  zur  Diplomatik  VIT.  733 

imd  229  gemein^  so  dass  Adalbert  auch  an  dessen  Ausfertigung 
betheiligt  erscheint.  Ist  das  richtige  so  trat  er  schon  unter  Brun 
in  die  Kanzlei  ein. 

Blicken  wir  hier  nochmals  auf  den  Wechsel  in  den  Arten 
der  Recognition  seit  919  zurück.  Vacante  cancellaria  konnte 
in  den  Jahren  919  bis  930  nur  nach  der  Formel  N.  adv.  A. 
unterfertigt  werden.  Für  930  bis  936  wird  man  aus  der  ste- 
henden Art  C.  adv.  A.  schliessen  dürfen,  dass  Poppe  stets 
bei  dem  König  geweilt  und  dessen  Befehle  in  Empfang  ge- 
nommen hat,  dass  er  sie  dann  zwar  durch  die  Kotare  aus- 
führen Hess,  aber  diese  gleich  seinen  Vorgängern  nicht  mehr 
als  Recognoscenten  fungiren  lassen  wollte.  Wo  möglich  hat 
auch  dieser  Kanzler  alle  Verantwortung  auf  sich  nehmen  wollen. 
Aber  unter  Otto  vermochte  er  das  nicht  durchzuführen.  Zu 
Gunsten  Adaltags  wird  noch  einmal  die  Recognition  N.  adv.  A. 
aufgenommen,  um  dann  auf  immer  zu  verschwinden.  Doch  auch 
N.  adv.  C.  taucht  vereinzelt,  nämlich  in  St.  83  und  90,  wieder 
auf.  Da  Poppe  nach  St.  84  vom  8.  April  940  als  bei  Hofe  an- 
wesend erscheint,  kann  die  Recognition  der  Tags  zuvor  aus- 
gestellten Urkunde  für  S.  Gallen  durch  Notker  als  blosse 
Ausnahme,  als  ein  Notker  oder  seinem  Kloster  gemachtes  Zu- 
geständniss  betrachtet  werden.  Ob  ähnliche  besondere  Um- 
stände die  Unterfertigung  von  St.  90  durch  Adalman  bestimmt 
haben,  lässt  sich  nicht  ergründen.  Immerhin  stossen  diese  zwei 
Fälle  die  Annahme  nicht  um,  dass  Poppe  nach  wie  vor  936 
die  Notare  von  der  Recognition  auszuschliessen  gestrebt  habe. 
Die  gleiche  Absicht  wird  man  dem  Kanzler  Brun  zuschreiben 
dürfen.  Wenn  nun  doch  zu  Ausgang  des  Jahres  951  Wigfrid 
und  im  weiteren  Verlauf  mehrere  Notare  advicem  Brunonis 
recognosciren,  so  ist  das  gewiss  eine  eigen thümliche  Erschei- 
nung, und  es  muss  ganz  besondere  Gründe  gehabt  haben,  von 
einem  Verfahren  abzuweichen,  das  man  schon  in  den  Jahren 
900  —  918,  930—936,  941  —  951  consequent,  ferner  auch  in 
den  Jahren  936 — 940  nach  Thunlichkeit  befolgt  hatte  und  das 
man  im  Jahre  953  zur  alleinigen  Regel  erhob.  Wenn  Ficker  * 
zu  der  Annahme  hinneigt,  dass  An-  oder  Abwesenheit  des 
Kanzlers   dabei  den   Ausschlag  gegeben  haben,   so  wird  diese 


1  Beiträge  2,  169. 


734  Sickel. 

Erklärung  gerade  für  das  Jahr  952  kaum  am  Platze  sein. 
Dass  Brun  in  fremdem  und  zum  Theil  feindlichem  Lande  sich 
anderswo  als  in  der  Nähe  seines  Bruders  aufgehalten  habe,  ist 
doch  an  sich  unwahrscheinlich.  Ferner  wird  Brun  wenigstens 
in  drei  von  den  Notaren  recognoscirten  Diplomen  (St.  206, 
210,  191)  als  Intervenient  genannt,  so  dass  es  geradezu  Wun- 
der nehmen  muss,  dass  der  von  ihm  erwirkte  Beurkundungs- 
befehl nicht  ihm  ertheilt  sein  soll.  Wichtiger  ist  der  andere 
Umstand :  wenn  ein  ganzes  Jahr  hindurch  fast  regelmässig  die 
Notare  iussi  und  als  solche  Recognoscenten  waren,  warum 
haben  sie  nicht  nach  altem  und  noch  936  937  nachweis- 
barem Brauche  advicem  A.  subscribirt? 

Den  besten  Aufschluss  darüber,  glaube  ich,  bietet  uns 
die  Geschichte  des  Erzkapellanats.  Ich  habe  früher  (S.  675) 
bemerkt,  dass  die  politische  Situation  unter  Arnolf  dessen 
Erzkapellan  Theotmar  von  Salzburg  zu  statten  kommen  musste. 
Die  Sachlage  wurde  aber  sehr  bald  eine  andere.  Bereits  unter 
Ludwig  IV.  lag  der  Schwerpunkt  nicht  mehr  im  Osten  des  Reiches, 
und  unter  Konrad  begann  Baiern  eine  Ronderstelhmg  einzu- 
nehmen. Schon  dadurch  musste  Pilgrim  von  Salzburg,  obwohl 
er  sich  noch  im  Erzkapellanate  behauptete,  an  Autorität  ein- 
büssen.  Dazu  kam,  dass  der  vou  ihm  ganz  unabhängige  Salomon 
der  eigentliche  Leiter  der  Kanzlei  wurde.  So  wurde  schon  damals 
die  Kanzlei  der  Beeinflussung  durch  den  Erzkapellan  entrückt. 
Und  wenn  auch  Heriger  und  Hiltibert  von  Mainz  als  Erz- 
kapellane Heinrichs  und  in  Ermanglung  eines  Kanzlers  viel- 
leicht wieder  mehr  auf  die  Besetzung  der  Kanzlei  und  die 
Führung  der  Geschäfte  einzuwirken  in  die  Lage  gekommen 
sein  mögen,  so  ist  das  Erzkapellanat  offenbar  seit  den  An- 
fängen Ottos  im  Niedergang  begriffen  gewesen. 

Als  zum  ersten  Male  im  ostfränkischen  Reich  im  Jahre 
870  das  Erzkapellanat  einem  Erzbischof,  nämlich  Liutbert  von 
Mainz,  übertragen  wurde,  ist  wohl  noch  nicht  daran  gedacht 
worden,  jene  Würde  an  ein  bestimmtes  Erzbisthum  zu  knüpfen. ' 
Und  wie  wir  sahen,  blieb  Liutbert  Erzkapellan  nur  bis  zum 
Jahre  882  und  wui-de  dann  nur  noch  vorübergehend  zu  Ende 
Karl    III.    als   solcher   anerkannt.     Glücklicher    waren   in   der 

i  Vgl.  Mühlbacher  in  Wiener  S.  R  92,  Ö4Ü. 


Beitr&ge  snr  Diplomaftik  YII.  735 

Beziehung    die    Erzbischöfe    von    Salzburg.     Denn    nachdem 
Theotmar  schon  unter  Karlmann  diese  Würde  bekleidet  hatte^ 
war  sie  ihm  unbestritten  unter  Arnolf  und  Ludwig  IV.  bis  zu 
seinem  Tode  im  Jahre  907.    Und  indem  sich  auch  sein  Nach- 
folger  Pilgrim    bis    zum   Ende   Konrads    als   Erzkapellan   be- 
hauptet hatte^    konnte  in  Salzburg  am  ehesten  die  Vorstellung 
entstehen,    dass   der  dortige   Metropolit   ein   Anrecht   auf  das 
Erzkapellanat   habe.     Aber    erst   unter    Otto    fand    der    dritte 
Nachfolger  Pilgrims,  d.  h.  Erzbischof  Herold  Gelegenheit;  sein 
Recht  geltend  zu  machen.  Indessen  hatten  die  Erzbischöfe  von 
Mainz    ein    wo   möglich    besseres   Anrecht   erworben,   das   nur 
wieder    eingeschränkt   wurde    durch   ähnliche   Ansprüche    von 
Trier  und  Köln.   Ja  die  Mainzer  strebten  nach  der  ausschliess- 
lichen Würde   für   das  ganze  Reich,   während  Salzburg,  Trier 
und  Köln  nur  auf  kleineren  Gebieten   anerkannt  sein  wollten. 
Sollte  es  sich  nun  auch  blos  um  Ehrenrechte  gehandelt  haben, 
was  kaum  anzunehmen  ist,   so  musste  schon  diese  Concurrenz 
dem  Erzkapellanate  abträglich  werden.  Noch  mehr  aber  scha- 
dete   dem   Ansehen  der  vier  Erzkapellane,    dass   sie   sich   den 
Plänen   des   Königs   Otto   widersetzten    und    doch    schliesslich 
unterlagen.   Die  Opposition  der  vier  Erzbischöfe  läuft  ziemlich 
parallel  mit  der  der  Herzoge    und   berührt  sich  mit  derselben 
in  mehr  als  einem  Punkte.   Offenbar  hat  auch  ihnen  gegenüber 
Otto   begründete  Ansprüche   anerkennen,    aber   zugleich  seine 
königliche  Autorität  geltend  machen  wollen.    Wie  schwer  ihm 
das   gemacht   wurde,    zeigen    die    Vorgänge    des    Jahres  939. 
Friedrich  von  Mainz    hatte    sich    offen    der   Empörung    ange- 
schlossen   und    musste    endlich    in    Haft    genommen    werden. 
Aber  als  Erzkapellan   wie  als  Erzbischof  unabsetzbar   musste 
er  nach  wie  vor,    so    mächtig   war   doch   das   Herkommen,   in 
den  Präcepten  des  Königs  genannt  werden,   genoss   also  auch 
als    Rebell    die   mit   der   Würde    verbundenen   Vortheile.     Ich 
deutete  schon  an,   dass  bei  der  Erhebung  Bruns  zum  Kanzler 
wohl  die  Absicht  mitgewirkt  haben  wird,  die  Kanzlei  von  allen 
anderen  Einflüssen  frei   und  zum  unbedingten  Werkzeuge  des 
Königthums  zu  machen.    Nun   aber  schloss  sich  auch  in   den 
folgenden  Jahren    bald  dieser   bald  jener  der  vier  Erzbischöfe 
wiederholt   der  Opposition  an   und   gerade   der   Mainzer   ging 
in  ihr  am  weitesten.   Noch  als  Otto  seinen  Zug  über  die  Alpen 


736  Siclcel. 

anti'at,  hatte  or  Friedrich  volles  Vertrauen  geschenkt  und  be- 
auftragt, mit .  dem  Bischof  Hartbert  von  Chur  in  Rom  über  die 
Aufnahme  dort  und  über  die  Kaiserkrönung  ku  unterhandeh. 
Als  die  Gesandten  heimkehrten,  blieb  nur  Hartbert  bei  dem 
König  in  der  Lombardei,  während  der  Mainzer  mit  Liudolf 
nach  Deutschland  eilte  und  bereits  zu  Weihnachten  951  in 
Saalfeld  mit  anderen  Miss  vergnügten  zusammentraf.  Was  den 
König  und  den  Erzbischof  damals  entzweite,  wissen  wir  nicht. 
Aber  wann  der  Bruch  erfolgt  sein  mag,  lässt  sich  annähernd 
aus  den  Urkunden  berechnen.  Dass  Friedrich  in  der  Recogni- 
tion  von  St.  198  am  9.  October  genannt  wird,  besagt  nicht, 
dass  er  damals  anwesend  gewesen  sei.  '  Dagegen  glaube  ich 
aus  St.  200  vom  15.  October  entnehmen  zu  können,  dass  Hart- 
bert in  Pavia  beim  König  weilte  und  mit  Zustimmung  von 
Liudolf  die  fiscalischen  Einkünfte  der  Churer  Grafschaft  ge- 
schenkt erhielt;  wenn  damit  die  dem  Könige  eben  geleisteten 
Dienste  haben  belohnt  werden  sollen,  würde  Hartbert  bereits 
von  Rom  zurückgekehrt  sein.  Somit  könnte  die  Missstim  mang 
gegen  Friedrich  auch  bis  in  diese  Tage  zurückreichen  und 
könnte  sich  erklären,  dass  mit  St.  200  eine  Neuerung  betreffs 
der  Recognition  beginnt.  Dass  zehn  Jahre  früher  Anstand  ge- 
nommen war,  den  abtrünnigen  Erzkapellan  des  Rechtes  zu 
entkleiden,  das  er  auf  Nennung  in  den  Königsurkunden  hatte, 
schliesst  nicht  aus,  dass  man  bei  wiederholter  Auflehnung 
einen  Schritt  weiter  gegangen  ist.  So  nehme  ich  an,  dass  die 
Nennung  von  Friedrich  mit  Absicht  unterblieben  ist.  Unseres 
Wissens  ist  Friedrich  zuerst  im  August  952  auf  dem  Reichs- 
tag zu  Augsburg  wieder  vor  dem  Könige  erschienen.  Doch 
selbst  da  (St.  216)  und  im  nächsten  Monat  (St.  217)  nahm 
die  Kanzlei  von  ihm  nicht  Notiz,  sondern  erst  am  15.  October 
(St.  218)  wurde  von  neuem  an  seiner  Statt  recognoscirt.  Dies 
alles  bestätigt  meine  obige  Annahme.  Nun  mag  es  damit  auch 
zusammenhängen,  dass  Bruno  gerade  zuerst  in  St.  200  der 
Titel  eines  Ei^kapellans  beigelegt  wurde.  Von  einer  eigent- 
lichen Erhebung  zu  der  Würde  war  jedoch  noch  nicht  die 
Rede,    wenigstens   erscheint  es  mir   mit  solcher  unverträglich, 

*  Wie  auch   Diinimler  199   richtig   bemerkt,    Von   ihm    weiche   ich   our  in 
der  Deutung  von  St.  200  ab. 


fi«ilrig«  sar  Diploihfttik  YTI.  '  737 

dass  Bruno  doch  auch  in  der  Zwischenzeit  (St.  207)  als  Kanzler 
fnngirt  und  als  solcher  im  October  952  sich  auch  dem  wieder 
zu  Gnaden  aufgenommenen  Friedrich  und  desgleichen  Rotbert 
von  Trier  (St.  222)  unterordnet.  Aber  die  Absicht  den  Re- 
bellen Friedrich  nicht  in  den  Urkunden  zu  nennen,  erklärt 
endlich  auch,  dass  man  unter  so  ausserordentlichen  Verhält- 
nissen noch  einmal  zu  der  seit  lange  möglichst  vermiedenen 
Art  der  Recognition  N.  adv.  C.  zurückgriff,  nämlich  um  nicht, 
wenn  der  Notar  iussus  und  deshalb  Recognoscent  war,  den  Erz- 
kapellan als  seinen  Gewähren  anfuhren  zu  müssen.  ^  Anders 
stand  es,  sobald  Brun  Erzkapellan  geworden  war:  nun  konnte 
die  lange  angebahnte  Neuerung  für  alle  Folgezeit  durchgeführt 
werden,  in  allen  Fällen  mit  Ausschluss  der  Notare  die  jeweili- 
gen Kanzler  als  Recognoscenten  anzuführen,  auch  wenn  sie 
weder  den  königlichen  Befehl  erhalten  noch  zu  seiner  Aus- 
führung persönlich  mitgewirkt  hatten,  ja  selbst  wenn  sie  mo- 
mentan fern  vom  Hofe  weilten.  Wahrscheinlich  ist  mir,  wenn 
ich  auch  aus  dieser  Zeit  keinen  Nachweis  beibringen  kann, 
dass  auch  mit  der  Recognition  in  althergebrachter  Weise  Miss- 
bräuche verbunden  gewesen  sind,  dass  die  Absicht  ihnen  vor- 
zubeugen mit  dazu  beigetragen  hat,  neue  Bestimmungen  zu 
treflFen.  Die  Art  aber,  wie  im  Jahre  953  die  Recognition  ge- 
regelt wurde,  beweist,  dass  die  alten  Vorstellungen  mit  der  Zeit 
dahin  geschwunden  waren.  Wie  man  in  der  zweiten  Hälfte  des 
neunten  Jahrhunderts  aufgehört  hatte,  die  eigenhändige  Unter- 
schrift des  Recognoscenten  als  Erforderniss  zu  betrachten,  so 
legte  man  im  zehnten  Jahrhundert  auch  keinen  Werth  mehr 
darauf,  dass  der  recognoscirende  Kanzler  im  strengen  Sinne 
des  Wortes  wissender  Zeuge  sei.  Die  Bezeugung  von  Amts 
wegen  im  Namen  des  Kanzlers  in  Verbindung  mit  dem  Voll- 
ziehungsstrich und  der  Besiegelung  galt  geraume  Zeit  hindurch 
als  genügende  Bürgschaft,  wenn  auch  vorübergehend  wie  unter 
Heinrich  HI.  durch  Einführung  des  Beizeichens  ^  der  Versuch 


1  Mit  Absicht  habe  ich  hier  von  deu  erzählenden  Quellen  fRaotgeri  Vita 
Brun.,  Vita  Math.  n.  s.  yv.)  keinen  Gebrauch  gemacht,  weil  ihre  dies- 
bezüglichen Angaben  alle  zn  allgemein  gehalten  sind,  um  für  die  Ge- 
schichte der  Kanzlei  verwerthet  werden  zu  können. 

^   Kicker  Beiträge  2,  65  ff. 


738  Siokel.   BeitrtK«  inr  Diplomatlk  VII. 

gemacht    wurde  ^    die   königlichen    Präcepte    als    solche    äircli 
weitere  sichtbare  Kennzeichen  zu  beglaubigen. 

Wie   Otto    den    Widerstand   der  Herzoge   durch    Uebcj. 
tragung  der  erledigten  Ducate  an  die  nächsten  Anverwandte& 
zu  beseitigen  strebte^    so   suchte    er   in   ganz  ähnlicher   Weise 
das  Erzkapellanat  unschädlich  zu  machen.    Der  Tod  Wigfrids 
von  Köln  gab  Gelegenheit^  Brun  als  Nachfolger  in  Köln  zum 
wirklichen   Erzkapellan    zu  machen.    Neben   diesem   war  vcm 
Kodbert  von  Trier  als  Erzkapellan  oder  Erzkanzler  nicht  mehr 
die  Rede.   Nur  noch  in  zwei  Diplomen  aus  dem  November  und 
December  953   (St.  230,  231)    wird  der  Salzburger  Herold  in 
der   Recognition   genannt,    aber    nicht    einmal   mehr   als    Erz- 
kapellan   bezeichnet.     Sein    Nachfolger    Friedrich    musste    auf 
diese  Würde  verzichten.    Als   aber   Ottos   Sohn  Wilhelm    950 
Erzbischof  von  Mainz  wurde,    trat  dieser   seinem  Oheim  Brun 
nochmals  mit  Ansprüchen  entgegen,  so  dass  erst  der  Tod  Bruns 
den  Streit  und  zwar  zu  Gunsten  von  Mainz  beendete.  So  bildet 
erst  das  Jahr  965  einen  Abschnitt  in  der  Geschichte  des  £rz- 
kapellanats,    in   welche   überdies   die   definitive   Theilung    der 
Kanzlei  in  eine  deutsche  und  in  eine  italienische  hineinspielt 
Dies    darzulegen    und,    als    nothwendige   Ergänzung    der    Ge- 
schichte jener  Würde,  die  Rechte  der  Erzkapellane  und  dereo 
Begrenzung,  soweit  es  möglich  ist,  festzustellen,  behalte  ich  mir 
vor,  da  ich  hier  nur  die  Entwicklung  des  Kanzleramtes  bis  za 
dem  insbesondere  für  die  Recognition  wichtigen  WendepunAte 
des  Jahres  953  zu  schildern  die  Absicht  hatte. 


X.  SITZUNG  VOM  16.  APRIL  1879. 


Der  Vicepräsident  Herr  Hofrath  Dr.  Alfred  Ritter  von 
Arneth  übermittelt  den  zehnten  und  letzten  Band  seiner 
^Geschichte  Maria  Theresia's^ 


Von  dem  c.  M.  Herrn  Professor  Dr.  Heinrich  Ritter  von 
Zeissberg  wird  ein  Promemoria,  betreffend  die  Fortsetzung 
des  Vivenot'schen  Werkes,  vorgelegt. 


Herr  Dr.  Jakob  Minor,  d.  Z.  in  Wien,  ersucht  um 
Bewilligung  einer  Subvention  zur  Drucklegung  seines  im 
Manuscripte  vorgelegten  Werkes:  ,Chri8tian  Weisse  und  seine 
Beziehungen  zur  deutschen  Literatur'. 


Das  w.  M.  Herr  Professor  Dr.  Hartel  legt  eine  Ab- 
handlung des  Herrn  Professor  J.  Müller  in  Innsbruck  vor, 
welche  betitelt  ist:  ,Emendationen  zur  Naturalis  Historia  des 
Plinius  ni^  und  um  deren  Aufnahme  in  die  Sitzungsberichte 
der  Verfasser  ersucht. 


An  Drucksohriften  wurden  vorgelegt: 

Accademia  reale  delle  Scienze  diTorino:  Atti  vol.  XIV.  Disp.  2*   (Qennaio 

1879).    Torino;  S«. 
Akademie,  koninklijke,   van  Wetenschappen  te  Amsterdam:  Jaarboek  voor 

1877.  Amsterdam;  8^.  —  Verslagen  en  Mededeelingen.  Afdeeling  Letter- 
SitztingBb«r.  d.  phil.-hiot.  Cl.  XCIII.  Bd.  IV.  Hfl.  48 


740 

künde.  Tweede  Reeks  VII.  Decl.  Amsterdam,  1878;  8^.  —  Idjllia 
aliaque  poemata  Francisci  Pavesi.    Amstelodami,  1878;  8*^. 

Akademija,  jugoslavenska  znanoati  i  omjetnosti:  Monnmenta  spectan^ 
historiam  Slavorum  meridionalium.  Volamen  IX.  U  Zagrebu.  1878;  8°.  — 
Rad.  Knjiga  XLVI.    U  Zagrebu,  1879;  80. 

Biblioth^que  de  TEcole  des  Chartes:  Revue  d'^radition.  XL"  Ann^,  1879, 
1*«  Livraison.  Paris;  8®. 

Gesellschaft,  königliche,  der  Wissenschaften  zu  Qöttingen.  Abhandinngen . 
XXIII.  Band  vom  Jahre  1878.  Qöttingen;  4^^.  —  Nachrichten  von  der 
k.  Gesellschaft  der  Wissenschaften  und  der  Qeorg  Augusts-Univeraitfit 
ans  dem  Jahre  1878.  Göttingen,  1878;  12«.  —  Göttingische  gelehrte 
Anzeigen.   1878.  I.  und  II.  Band.  Göttingen,  1878;  12^. 

—  k.  k.   geographische,  in  Wien:   Mittheilnngen.    Band  XXIJ.  (N.  F.  XII.) 
Nr.  3.    Wien,  1879;  8«. 

Krones,  F.  Dr.:  Zur  Geschichte  der  filtesten,  insbesondere  deutschen  An- 
Siedlung  des  steiermfirkischen  Oberlandes  mit  nebenlSufiger  Rück- 
sicht auf  ganz  Steiermark.    Graz,  1879;  8^. 

Museum,  germanisches:  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit.  N.  F. 
XXV.  Band.    Nr.  1—12  nebst  XXIV.  Jahresbericht   Nürnberg,  1878;  4». 

Prantl,  Carolus:  Aristotelis  Phjrsica.    Lipsiae,  1879;  12^. 

,Revue  politique  et  litt^raire*  et  ,Revue  scientifique  de  la  France  et  de 
riltranger*.    VIII«  Ann^e,  2«  S4rie.    Nros.  40  et  41.    Paris,  1879;  4^. 

Society,  the  rojal  geographical:  Proceedings  and  monthly  Record  of  Geo- 
graphy.    Vol.  I.    Nr.  4.    April  1879.    London;  8^. 

Strassburg,  Universitfit:  Akademische  Gelegenheitsschriften  pro  1877/8. 
62  Stücke  80  und  4«. 

Verein  für  meklenburgische  Geschichte  und  Alterthumskunde :  Jahrbücher 
und  Jahresbericht.  XXIIl.  Jahrgang.  Schwerin,  1878;  S^.  —  Mekien- 
burgisches  Urkundenbuch.  XI.  Band.  Orts-  und  Personen-Register  zu 
Band  V— X.  Schwerin,  1878;  4«. 

—  historischer,  für  Niedersachsen:  Zeitschrift.    Jahrgang  1878  und  40.  Nach- 
richt über  den  historischen  Verein  in  Niedersachsen.  Hannover,  1878;  8^. 


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Die  Sitzungsberichte  dieser  Ciasse  der  kais.  Akademie 
der  Wissenschaften  bilden  jährlich  10  Hefte,  von  wel- 
chen nach  Maassgabe  ihrer  Stärke  zwei  oder  mehrere 
einen  Band  bilden,  so  dass  jährlich  nach  Bedüi*fniss 
2  oder  3  Bände  Sitzungsberichte  mit  besonderen  Titeln 
erscheinen. 

Von  allen  grösseren,  sowohl  in  den  Sitzungsberich- 
ten als  in  den  Denkschriften  enthaltenen  Aufsätzen 
befinden  sich  Separatabdrücke  im  Buchhandel. 


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WIEN,  1879. 


DRUCK    VON    ADOLF    HOLZHAUSEN 

K.   K.   UNIVRRSITÄTBRIJCHDRUGKKRBI. 


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Ausgegeben  am  26,  Juni  1879.